Weil ich dich kenne - Emma S. Rose - E-Book

Weil ich dich kenne E-Book

Emma S. Rose

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Beschreibung

Die Welt ist nicht so düster, wie sie scheint. Maik ist der Badboy von JumpSquad. Ständig wechselnde Liebschaften, ein bisschen zu viel Alkohol, keinen richtigen Plan vom Leben: Obwohl er ganz den Anschein macht, als würde er nur in den Tag hinein leben, brodelt weitaus mehr unter seiner Oberfläche. Seine Freunde wissen nur das Nötigste, seine Familie hält er auf Abstand. Da ist nur ein Mensch, den er hinter die Fassade blicken lässt, und selbst der kennt nur einen Bruchteil seiner Geschichte. Helena ist eine Frohnatur. Kein Mensch der Welt kann sie ausbremsen, und sie sagt, was sie denkt. Außerdem ist sie loyal. Seit einer verhängnisvollen Nacht mit Maik hält sie zu ihm. Sie kann seine Eskapaden verstehen, auch wenn sie ihr weh tun, denn sie empfindet mehr für ihn, als gut für sie wäre. Zwischen ihnen wird es immer intensiver – doch als Helena sich seiner Wahrheit nähert, kommt es zum großen Knall.

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WEIL ICH DICH KENNE

EMMA S. ROSE

Weil ich dich kenne

Emma S. Rose

 

1. Auflage

September 2018

© Emma S. Rose

Rogue Books, Inh. Carolin Veiland, Franz - Mehring - Str. 70, 08058 Zwickau

[email protected]

Buchcoverdesign: Sarah Buhr / www.covermanufaktur.de unter Verwendung von Bildmaterial von Tuzemka; Eky Studio / Shutterstock sowie Letlice

Alle Rechte sind der Autorin vorbehalten.

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung und Vervielfältigung - auch auszugsweise - ist nur mit der ausdrücklichen schriftlichen Genehmigung der Autorin gestattet.

Alle Rechte, auch die der Übersetzung des Werkes in andere Sprachen, liegen alleine bei der Autorin. Zuwiderhandlungen sind strafbar und verpflichten zu entsprechendem Schadensersatz.

Sämtliche Figuren und Orte in der Geschichte sind fiktiv. Ähnlichkeiten mit bestehenden Personen und Orten entspringen dem Zufall und sind nicht von der Autorin beabsichtigt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Für all jene, die in ihrem Leben schreckliche Dinge erleben mussten und deshalb nicht vorwärts schauen können.

Tut es. Es lohnt sich.

Immer.

Jeder Mensch hat seine guten Seiten. Man muss nur die schlechten umblättern.

ERNST JÜNGER

INHALT

1. Maik

2. Helena

3. Maik

4. Helena

5. Maik

6. Helena

7. Maik

8. Helena

9. Maik

10. Helena

11. Maik

12. Helena

13. Maik

14. Helena

15. Maik

16. Helena

17. Maik

18. Helena

19. Maik

20. Helena

21. Maik

22. Helena

23. Maik

24. Helena

Epilog

Danksagung

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Über den Autor

1

MAIK

»Hey, Maik, da bist du ja!«

Ich recke beide Arme in die Höhe und nicke grinsend in Richtung der Stimme, die einmal quer durch den Raum brüllt, während ich zielsicher durch die Menge pflüge. Mein Blick schweift hin und her, ich versuche, die Lage abzuchecken und einen Eindruck davon zu bekommen, was ich bisher verpasst habe. Überall bekannte Gesichter. Ein verdammter Haufen glücklicher, besoffener oder bekiffter Studenten, die es sich auf der großen Mewi-Party gutgehen lassen.

Ja, Mann, und ich habe vor, mich der Menge anzuschließen.

Das Sommersemester neigt sich dem Ende. Grund genug für sämtliche Fakultäten, es so richtig knallen zu lassen. In der letzten Zeit hat es fast jeden Tag irgendwo eine Party gegeben, doch die heutige wird mit Sicherheit die beste. Nicht nur, weil die Medienwissenschaftler trotz ihres leicht verpeilten Rufes dafür bekannt sind, in solchen Belangen besonders effektiv die Sau rauszulassen, sondern auch, weil Timo, Fee und Helena zu den Mewis gehören und deshalb Gastgeber sind.

Ganz anderes Gefühl. Irgendwie wie eine Art Heimspiel.

»Hey«, rufe ich grinsend aus, als ich die Jungs erreiche. Die Bezeichnung »Jungs« ist in diesem Zusammenhang ausnahmsweise sogar mal zutreffend. Suchend blicke ich mich um. »Wo ist der Rest?«

Daniel zuckt mit den Schultern. »Helena hat Fee und Nathalie plötzlich mit sich gezogen. Sie werden schon wieder auftauchen.« Sein Blick schweift über die Menge, und ich kenne diesen Ausdruck in seinen Augen. Er ist absolut und hoffnungslos verknallt in seine Kleine und deshalb zu einem dieser liebeskranken Zombies mutiert, über die wir früher allesamt noch gelacht haben. Ich fixiere Jo und sehe, dass er wie eine Kopie seines Kumpels da steht und ebenfalls immer wieder die Menge absucht. Puh. Die zwei hat es sowas von erwischt, und das nun schon eine ganze Weile. Manchmal freue ich mich für sie. Manchmal ärgert es mich, weil dadurch die komplette Dynamik unserer Gruppe aus den Fugen geraten ist. Meistens nehme ich es mit Humor.

Nur mühsam kann ich mir einen Kommentar verkneifen und ramme Timo, den letzten im Bunde, mit meiner Schulter. »Coole Party, Mann. Wie immer.«

Er zieht seinen Mundwinkel etwas in die Höhe. Von uns allen ist er wohl der ruhigste Typ, auch wenn ich manchmal die Vermutung habe, dass wesentlich mehr hinter seiner stillen Fassade steckt, als wir alle glauben. »Klar«, erwidert er einsilbig und setzt dann seine Flasche Bier an, um einen großen Schluck zu nehmen. Neuerdings lässt er seinen Bart stehen, und der dunkle Schatten lässt ihn noch erwachsener wirken.

Manchmal frage ich mich, ob ich der Einzige bin, der von uns allen noch hauptsächlich am Spaß interessiert ist.

Lässig schüttle ich meinen Rucksack von der Schulter und angle nach einer eigenen Flasche Bier, um mich meinem Umfeld anzupassen. Es handelt sich um eine typische »bring-what-you-drink«-Party, und jeder ist für sein eigenes Glück verantwortlich. Aus Erfahrung weiß ich zwar, dass es später sicherlich einige Flaschen Schnaps geben wird, die von der Fakultät gesponsert werden, doch das reicht längst nicht aus, um einen Pegel zu erreichen. Grinsend schiebe ich meine Hand auf meine Hosentasche. Der Flachmann mit Whiskey schlummert dort, kommt aber erst später zum Einsatz.

»Hallo Maik.« Eine rauchige Stimme ertönt in meinem Nacken und sorgt sofort dafür, dass sich meine Härchen aufstellen. Ich öffne zunächst in Seelenruhe meine Flasche und setze sie für einen großen Schluck an, ehe ich mich mit einem Augenzwinkern Richtung Timo umdrehe.

Vor mir steht ein hübsches Mädchen, keine Frage. Vielleicht könnte man sie auch als Tussi bezeichnen. Dunkel geschminkte Augen, lange, gebogene Wimpern, rote Lippen, die auffordernd und leicht geöffnet glänzen. Mein Blick wandert hinab und landet bei einem verdammt tiefen Ausschnitt, der durch ein knappes Oberteil betont wird. Gott, diese Frau hat Titten, und sie weiß, wie sie sie in Szene setzen muss. Ich verweile eine Sekunde länger bei diesem Anblick, genieße ihn. Immerhin bin ich nur ein Kerl, und sie drängt sich mir ja praktisch auf.

Als ich meinen Blick wieder hebe und ihr in die Augen sehe, erkenne ich an dem Funkeln, dass sie genau weiß, was mir durch den Kopf gegangen ist. Und als sie dann auch noch etwas näher rückt - ich schwöre, mit der Brust zuerst - steht absolut nicht mehr in Frage, was sie von mir will.

Ihr Gesicht kommt mir maximal vage bekannt vor. Nicht ausreichend, um davon auszugehen, dass wir bereits miteinander das Vergnügen hatten, eher wie jemand, der schonmal in der Uni an mir vorbeigelaufen ist und vielleicht für den Bruchteil einer Sekunde meine Aufmerksamkeit geweckt hat. Andererseits, wer behält schon den Überblick?

Ich schlucke fest. »Hallo ...?«

»Deborah«, haucht sie mir praktisch entgegen. Es gab Zeiten, da hätte ich spätestens jetzt die Gelegenheit beim Schopfe ergriffen und sie mir geschnappt. Diese Frau macht mehr als deutlich, was sie von mir will - und über weite Teile meines bisherigen Studentendaseins hat sich das stets mit dem gedeckt, wonach mir war.

Aber heute ist irgendwie der Wurm drin. Anstatt mich auf diese ganzen eindeutigen Oberflächlichkeiten zu konzentrieren, fällt mir auf, dass ihre Wimpern irgendwie aufgesetzt wirken. Der Lippenstift ist grell und macht mir Angst - wer weiß, ob man den jemals irgendwie von der Haut an meinem Schwanz kriegt, wenn er sich einmal eingebrannt hat?

Und außerdem hat sie blaue Augen und dunkelblondes Haar ...

»Deborah.« Ich nicke ihr mit einem, wie ich finde, freundlichen, aber unbestimmten Lächeln zu und setze erneut meine Flasche an. In meiner Magengrube bildet sich ein kompliziertes Gefühl. Eine Mischung aus Frustration und Überraschung trifft es wohl am ehesten. Was ist nur los mit mir? Hier bietet sich mir eine Gelegenheit für einen Einmalfick wie auf dem Servierteller, aber ich habe Skrupel. Als wäre eine zuverlässige Sicherung in mir durchgebrannt oder so.

Sie rückt noch ein Stück näher, nicht beeindruckt von meiner Zurückhaltung, und lächelt mich verschwörerisch an. »Findest du nicht auch, dass die Party recht lahm ist?«

Ich möchte die Augen verdrehen, weil dieser Spruch so vor Klischee strotzt, aber im Grunde ist mir diese Mühe schon zu viel. Außerdem müsste ich mir dann eingestehen, dass für sehr lange Zeit genau diese Art von Sprüchen mein Ding gewesen ist. Vermutlich habe ich auch den einen oder anderen davon verteilt. Traurigerweise hat es meistens sogar geklappt.

Was ist also geschehen?

Ich nehme eine Bewegung aus dem Augenwinkel wahr. Sehe einen Hauch von dunkelbraunem Haar, noch ehe ich ihre Stimme höre. Die Mädels sind zurück, und mit ihnen auch der Grund, weshalb mich die Deborahs dieser Welt nur noch bedingt interessieren. »Mir gefällt es eigentlich ganz gut«, murmle ich ihr so freundlich wie möglich zu, dann wende ich mich mit einem »Viel Spaß noch« ab und konzentriere mich auf meine Truppe, die nun vollständig ist. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Mädchen mit offenem Mund und maximal verwirrt hinter mir steht und nicht weiß, was gerade geschehen ist. Früher galt ich als sichere Nummer. Ich habe mir ein bisschen unverbindlichen Spaß nicht entgehen lassen, und dieser Ruf eilt mir nach wie vor voraus.

Tja, manche Dinge ändern sich - ob man es will oder nicht.

Sofort begegne ich Helenas Blick, der sich förmlich in meinen bohrt. »Na, auf Brautschau?« Ihre Mundwinkel zucken minimal nach unten, aber ich sehe es mehr als deutlich.

Dieses Mal verdrehe ich wirklich die Augen. Ich könnte mich darüber aufregen, dass sie meint, mich so ironisch behandeln zu müssen, ich könnte ihre Eifersucht aber auch einfach nur niedlich finden. Spontan tendiere ich zu Variante Nummer zwei - was in letzter Zeit immer häufiger vorkommt. »Klaro, Babe. Und jetzt habe ich gerade die Richtige gefunden.«

Sie kneift die Augen zusammen und wirkt dabei so richtig süß und zerknautscht. Diese Frau braucht keinen dunkelroten Lippenstift oder unmöglich getuschte Wimpern, um meine Aufmerksamkeit zu erregen. Ein einziger Blick aus ihren klaren Augen reicht mir schon. »Ist klar«, brummt sie gereizt und schiebt sich eine Strähne ihres dunkelbraunen Haares hinters Ohr. Dann wendet sie sich Fee zu, die neben ihr steht und unseren kleinen Schlagabtausch mit einem leichten Stirnrunzeln beobachtet hat. Ich zucke nur mit den Schultern und wende mich erneut den Jungs zu, die gerade in eine ziemlich intensive Diskussion vertieft sind.

Es geht um irgendein neues, ominöses Nahrungsergänzungsmittel. Der Hersteller hat uns - ungefragt - einige Proben zugeschickt, mit der Bitte, sie doch auszuprobieren und bei Gefallen in unseren Videos zu erwähnen.

Es ist das erste Mal, dass uns etwas Derartiges geschehen ist. Aber obwohl es irgendwie eine coole Sache ist - Hey, da sind andere auf uns aufmerksam geworden und der Meinung, dass wir groß genug sind, um als Werbeträger zu gelten! - ist die Vorstellung irgendwie ein bisschen komisch.

Und das lässt sich gerade auch mehr als deutlich aus der Diskussion heraushören.

»Ich meine ja nur. Bisher haben wir das alles just for fun gemacht. Damit erreichen wir eine neue Ebene. Es wird ernster. Und ich weiß nicht, ob ich das will.« Jo klingt nachdenklich, beinahe besorgt. Er war von Anfang an gegen diese Nummer, mehr noch als Daniel. Dabei ist sonst er derjenige, der als erstes den Spielverderber mimt.

»Inwiefern wird es denn ernster?«, werfe ich spöttisch ein. »Nur weil wir mal irgendeinen Namen fallen lassen, in den Credits zum Beispiel? Hast du darüber nachgedacht, was das bedeuten könnte? Vielleicht werden andere Sponsoren auf uns aufmerksam. Das könnte einen ganzen Haufen kostenloses Zeugs bedeuten -«

»Zeug, das wir uns jederzeit selber leisten könnten«, gibt Daniel zu bedenken. »Die Frage ist, was wollen wir darstellen? Im aktuellen Fall zum Beispiel muss ich ehrlich zugeben, dass ich normalerweise keine Nahrungsergänzungsmittel zu mir nehme. Will ich dann Werbung dafür machen? Es ist ja nicht so, als wenn man uns einen Katalog zuschicken würde, und dann könnten wir uns aussuchen, für welches Produkt wir Werbung machen oder nicht.«

»Schleichwerbung«, wirft Timo brummelnd ein. »Ich finde das nicht so gut.«

Eigentlich bin ich auch nicht hundertprozentig davon überzeugt, da ich die langfristigen Folgen nicht einschätzen kann, aber alleine schon, weil die anderen so skeptisch sind, fühle ich mich dazu berufen, die Gegenstimme zu übernehmen. »Mein Gott, was haben wir denn zu verlieren?«, rufe ich gedehnt aus. »Nicht viel, oder?«

»Glaubwürdigkeit«, murmelt Daniel. Ein einziges Wort, nicht gerade laut, aber es peitscht durch den Raum wie ein Lederlasso.

Ich schließe kurz die Augen, um mich zu sammeln. Einen Streit zu provozieren wegen eines dummen Nahrungsergänzungsmittels ist jetzt nicht unbedingt mein Tagesziel, und ich muss mich zusammenreißen, damit ich mich nicht mal wieder vollkommen sinnlos zu etwas hinreißen lasse. Wäre nicht das erste Mal.

Trotzdem kann ich es mir nicht verkneifen, noch einmal die Klappe aufzureißen. »Aber -«

»Hey.«

Eine kleine, warme Hand schiebt sich in meinen Rücken und ich nehme den Hauch eines süßen Parfüms wahr. Helena hat sich neben mich gestellt, und mit nur einem einzigen Wort schafft sie es, mich von der Diskussion abzulenken - oder genauer gesagt von dem, was ich jetzt eigentlich hatte sagen wollen. Es ist einfach weg, mein Kopf ist leer, und dafür setzt ein warmes Prickeln genau dort ein, wo sie mich berührt. Diese Frau weiß ganz genau, wie sie mich aus dem Konzept bringen kann, und das nutzt sie immer wieder schamlos aus.

»Hey«, erwidere ich mit rauer Stimme. Ein Teil von mir stimmt plötzlich Deborah zu. Hier ist es irgendwie lahm und ich will verschwinden - allerdings nicht mit dieser zu stark geschminkten Person, sondern vielmehr mit der kleinen, frechen Frau neben mir. Ob ich sie davon überzeugen kann ...?

»Wo warst du so lange? Ich dachte, du kommst mit den anderen?«

Okay, so schnell kann es gehen. Plötzlich wünsche ich mir doch keine Zweisamkeit mit Helena, sondern vielmehr etwas Abstand von ihren großen, forschenden Augen, die bereits viel zu viel von mir gesehen haben. Ehe ich es jedoch schaffe, von ihr abzurücken, presst sie ihre Hand noch fester auf meinen Rücken, so als wollte sie mir sagen, dass sie genau weiß, was mir durch den Kopf geht. Traurigerweise stimmt das vermutlich sogar. Also tue ich etwas, das mir sehr, sehr lange niemals in den Sinn gekommen wäre: Ich kapituliere seufzend. »Ich hatte noch etwas zu erledigen.«

»Und was?«

Gnadenlos wie immer. Leise, damit es niemand anderes hört, aber forschend. Ich starre in ihre Augen und versuche, sie abzulenken. »Du siehst heute Abend wieder besonders zum Anbeißen aus«, raune ich ihr entgegen - und ich sage nichts als die Wahrheit. Helenas Vorliebe für eng sitzende, figurbetonende Kleider hat mir schon manches Mal den Atem geraubt. Das heutige Exemplar ist smaragdgrün. Obwohl der Ausschnitt ähnlich tief ist wie der von Deborah, wirkt sie damit längst nicht so billig, eher sexy, und ihre Brüste sind deutlich kleiner, passen dafür aber wunderbar in meine Hand und sind irre weich. Als ich dieses Mal meinen Blick senke, weiß ich, dass es genau richtig ankommen wird.

»Maik«, faucht sie mir entgegen. »Hör auf, abzulenken!«

Aber ihre Stimme klingt anders, und ich weiß, dass ich zumindest einen Teilerfolg erzielt habe. Bei mir sogar mehr als das, denn meine Hose wird eng, und ich spüre stärker denn je den Drang, mit ihr von hier zu verschwinden.

Später, hoffe ich. Heute ist wieder einer jener Abende.

»Könnt ihr mal aufhören, vor uns allen Augensex zu haben?«, murrt Fee in diesem Moment los und sorgt für genau die Form von Ablenkung, die wir dringend nötig haben, auch wenn mir eigentlich nach etwas anderem ist. Als würde ich brennen, löst Helena sich von mir und tritt einen Schritt beiseite, und auch ich stürze mich in eine Verlegenheitshandlung und setze die Bierflasche an, bis sie zu einem Drittel geleert ist. Um wieder klarzukommen, schließe ich dabei die Augen und konzentriere mich ganz auf das bittere Zeug, das meine Kehle hinabrinnt.

Ich höre, wie Nathalie leise auf Jo einredet. Scheinbar geht es ihr nicht gut, und das weckt ehrliches Mitleid in mir. Vorsichtig öffne ich meine Augen und sehe, wie blass sie ist. Jos Miene wirkt besorgt, er legt einen Arm um sie und zieht sie näher an sich heran.

Mittlerweile habe ich dieses Verhalten oft genug gesehen. Ich weiß, dass Nathalie sich in großen Menschenmengen nicht allzu wohl fühlt. Plötzlich frage ich mich, ob sie vorhin mit Fee und Helena deshalb verschwunden war, ob die Mädels versucht haben zu verhindern, dass Schlimmeres geschieht. So oder so, ich vermute, dass sie und Jo bald von hier abhauen werden. Seit wir wissen, dass Nathalie unter einer schweren Form von Essstörung leidet, sind wir alle wesentlich aufmerksamer geworden, achten auf jedes Anzeichen und versuchen, es ihr so leicht wie möglich zu machen. Sie ist neben Fee die Zweite im Bunde, die den typischen Beschützerinstinkt triggert, selbst bei mir, auch wenn ich das niemals laut zugeben würde. Meine Hand tastet suchend nach Helenas, und als ich sie kurz darauf erfasse, drückt sie einmal fest zu.

Als wüsste sie genau, was in mir vorgeht. Als würde sie mir zustimmen.

So ist es häufiger.

Meine Laune beginnt zu kippen. So sollte das nicht sein, so habe ich mir das nicht vorgestellt. Ich will nicht über Nathalie nachdenken, auch nicht darüber, was genau das mit Helena und mir ist oder warum ich nicht mehr auf die Anmachen heißer Bräute reagiere. Ich will mich ablenken, der Tag war beschissen genug, und dafür brauche ich diese Leichtigkeit, die nur ein Schwips in mir auslösen kann. Energisch schiebe ich meine Hand in die Hosentasche und hole den kleinen, silbernen Flachmann heraus, den die Jungs mir zu meinem letzten Geburtstag geschenkt haben. Es ist nicht so leicht, ihn mit einer Hand zu öffnen, aber ich kann und will Helena nicht schon wieder loslassen, und mit ein bisschen Fummelei gelingt es mir schließlich.

»Prost«, murmle ich in die Runde und hebe die Flasche, ehe ich sie an meinen Mund führe.

»Prost«, ertönt es zur Antwort.

Na Gott sei Dank, die anderen steigen mit ein. Irgendwie muss ja endlich Fahrt in den Abend kommen, verdammt.

* * *

Es klappt.

Sogar sehr gut.

Nicht einmal Jo und Nathalie verschwinden, obwohl sie im Gegensatz zu den anderen nahezu nüchtern bleiben. Noch eine Sache, die ich nicht verstehe - Jo war vorher nie ein Kind von Traurigkeit, wusste einen gepflegten Drink durchaus zu schätzen. Aber offenbar scheint er durch Nathalie zu einer neuen Reinheit zu gelangen oder so. Gut, wie sie wollen. Man kann trotzdem Spaß mit ihnen haben, der Rest sollte mir egal sein. Dennoch kann ich mir den einen oder anderen Spruch zwischendurch nicht verkneifen.

Wir vernichten unsere Vorräte, und kurz darauf schaffen Fee und Helena zwinkernd zwei Flaschen Likör heran, die wir auch gemeinsam leeren. Endlich setzt sie ein, die Leichtigkeit in meiner Brust, und ich denke nicht mehr daran, was vor der Party passiert ist oder was morgen vielleicht passieren könnte. Ich genieße es, in einer fröhlichen Runde mit meinen Freunden zu stehen, genieße die laute Musik, die aus verschiedenen Lautsprechern dröhnt, die Nähe eines warmen Frauenkörpers direkt neben mir, immer näher neben mir, je später der Abend wird.

Zuverlässig wie fast immer, schaffe ich es, die dunklen Gedanken hinter mir zu lassen und mich ganz auf die Leichtigkeit des Abends und die Gegenwart zu konzentrieren.

Mitten im Raum leert sich eine Fläche und ein Spiel wird aufgebaut: Bierpong. Auf einem längeren Tisch werden an den jeweiligen Enden Becher aufgestellt, die mit Alkohol nach Wahl gefüllt werden. Zwei Mannschaften stehen sich gegenüber und müssen mit einem kleinen Ball, in diesem Fall ein Tischtennisball, die Becher des anderen Teams treffen. Tun sie dies, muss das gegnerische Team die jeweiligen Becher austrinken - und das natürlich möglichst schnell. Wer hier treffsicher ist, kann seinem Gegner also ganz schön eins auswischen. Mittlerweile ist das Spiel eigentlich schon ein alter Hut, aber es kommt immer wieder gut an. Wir gesellen uns dazu, beobachten, wie sich eine erste Gruppe damit zielsicher zum Affen macht und beschließen, danach auch eine Runde zu spielen.

Nicht, dass wir glauben, es unbedingt so viel besser zu können, aber es macht Spaß - wieso also nicht?

Timo organisiert von irgendwo her Bier, und als wir an der Reihe sind, beweisen wir, dass wir nicht nur im Parkour eine gute Figur abgeben, zumindest bilden wir uns das ein.

Fee, Helena und Nathalie spielen nicht mit. Sie feuern uns an, außerdem lachen sie uns aus.

Und die Leute um uns herum haben ihren Spaß.

Die Diskussion über mögliche Produktplatzierungen rückt in den Hintergrund. Ebenfalls rückt in den Hintergrund, was mich den halben Tag beschäftigt und beinahe verhindert hat, dass ich überhaupt hier aufkreuze. Ich lache mit meinen Freunden, habe ein Mädchen in der Nähe, das ich sehr mag, und für den Moment glaube ich, dass es mir nicht viel besser gehen könnte.

Es sind genau diese Augenblicke, für die ich lebe.

2

HELENA

»Ist nicht dein Ernst.«

Ich starre Fee mit offenem Mund an und frage mich, ob sie wirklich noch die Freundin ist, mit der ich seit nun beinahe zwei Jahren eine Wohnung und sämtliche Geheimnisse teile. Die Fee, die es sich für gewöhnlich lieber mit einem Buch im Bett gemütlich macht, die ihr rotes Haar die meiste Zeit offen und locker über die Schultern fallen lässt und die im Zweifel kein Risiko eingeht. Miss lieber-auf-Nummer-sicher-in-Cardigan-und-Jeans-mit-Liebesroman Fee. Das soll nicht so gemein klingen, wie es das gerade vielleicht tut, aber auf die Weise kann man sie einfach am besten beschreiben.

Ja, ohne Zweifel. Genau dieses Mädchen sitzt vor mir, umklammert ihren großen Kaffeebecher und spielt mit einer Strähne ihres roten Haares, das, wie schon bemerkt, offen über ihre Schultern fällt. Dennoch gibt sie Dinge von sich, die ich nicht mit ihr in Einklang bringen kann.

»Fee?«

»Doch, eigentlich schon«, antwortet sie zögerlich. »Also, ich behaupte nicht, dass es meine Idee war, aber ich glaube, es könnte ganz nett werden.« Nun beginnt sie, ihren Kaffeebecher hin und her zu drehen, und ich stelle endgültig fest, dass meine Freundin und Mitbewohnerin vor mir sitzt, kein gruseliger Klon, der seine Grundsätze verraten hat.

Ich lache auf. »Na, das kann ja lustig werden. Und nur ihr zwei? Oder soll das etwa so ein Gruppending werden?«

Ihre Augen werden groß. »Nein, also ... ähm, es klang nicht nach einem Gruppending. Daniel hat versucht, es mir so romantisch und gemütlich wie möglich zu verklickern. Von euch war da keine Rede.« Ein Hauch von Röte erscheint auf ihrem Gesicht. »Nicht, dass das eine das andere ausschließen würde. Ich meine ja nur ...«

Ich schnaube laut los. »Ist klar. Also für mich stehen Romantik und Zelten auf komplett gegensätzlichen Enden einer Skala, aber gut. Wer weiß, wie er es sich vorgestellt hat. Vielleicht habe ich ja auch eine komplett falsche Sicht auf die Dinge.« Ich bereue meine impulsiven Worte, kaum dass sie ausgesprochen sind, und vergrabe mein Gesicht hinter meiner riesigen Vanilla-Latte, damit ich die Unsicherheit nicht sehen muss, die nun vollkommen Besitz von Fee ergriffen hat. Warum kann ich nicht einfach mal die Klappe halten, wenn es angebracht wäre? Typisch für mich, einfach drauflos zu plappern, ohne Rücksicht darauf, ob ich damit vielleicht den falschen Nerv treffe. Das letzte, was ich will, ist Fee zu verunsichern. Ich finde es toll, wie sie sich macht. Was Daniel mit ihr macht. Das sollte ich fördern und nicht durch dumme Sprüche in Frage stellen.

Aber Zelten? Das wäre ja sogar für mich nichts. Und ich bin wesentlich offener und interessiert an Abenteuern aller Art. Ein gelungener, romantischer Urlaub zu zweit sollte in meinen Augen eher ein Hotel beinhalten. Wellness. Vielleicht auch ein kleines gemütliches Häuschen in den Bergen oder am Meer.

Mit festen, bequemen Matratzen, zum Schlafen und mehr.

Keine Luftmatratzen auf unebenem Grund und dünne Stoffbahnen, die alleine dafür sorgen sollen, das nichts, was im Zelt geschieht, nach draußen dringt ...

Dennoch, am Status quo kann ich jetzt nichts ändern, also lächle ich sie breit an. »Hey, lass dich nicht von mir stressen. Nur weil es nicht mein Ding ist, heißt es ja nicht, dass es total doof werden muss. Gerade, wenn ihr zwei alleine zeltet. Das wird bestimmt mega intensiv.«

Nun wird Fees Miene eher misstrauisch, als dass sie sich wieder entspannt. Klar. Sie kennt und durchschaut mich sofort.

»Wir werden sehen«, sagt sie unbestimmt und starrt in ihren Kaffee, den sie bisher erstaunlich wenig angerührt hat.

»Hör mal«, beginne ich in versöhnlichem Ton. »Du weißt doch, wie ich bin. Ich rede viel, wenn der Tag lang ist. Achte einfach nicht darauf. Mittlerweile solltest du das doch wissen.«

Endlich, endlich kehrt ein kleines Funkeln in ihre Augen zurück, wenn auch anderer Art als gedacht. Sie grinst mich frech an. »Ach, also wenn du mich das nächste Mal auf eine Party schleppen willst, soll ich dich einfach ignorieren? Funktioniert das denn auch wirklich?«

Ich ziehe eine Schnute, muss mir jedoch ein Grinsen verkneifen. Es war so klar, dass sie das zu ihrem Gunsten auslegen würde. »So war das nicht gemeint«, erwidere ich betont langsam und mit hochgezogenen Augenbrauen. »In manchen Punkten weiß ich einfach besser als du, was zu tun ist. Da brauchst du gar nicht drumherum reden.«

»Und woran soll ich nun festmachen, was ich ignorieren soll und was nicht?« Fee blickt mich mit übertrieben fragender Miene an, und ich weiß, dass sie mich nun auf den Arm nimmt. Bereitwillig lasse ich mich darauf ein und tippe mit dem Zeigefinger gegen meine Nasenspitze, so als müsste ich ganz genau nachdenken.

»Nun«, antworte ich nach einer Weile gedehnt. »So viel steht fest. Wenn es um deine abendliche Freizeitgestaltung geht, um Klamotten oder Musikgeschmack, kannst du dich ganz ohne Zweifel nach wie vor nach meinem Wort richten.«

»Aha«, gibt sie belustigt von sich. Mehr nicht.

Ich zucke mit den Achseln. »Alles, was so zwischendurch mal geschieht - ein Plausch beim Kaffee so wie heute - da musst du differenzieren zwischen wahrer Aussage und typischem Helena-Quatsch. Das solltest du mittlerweile eigentlich können, wir kennen uns lange genug.«

Ich sehe zu spät, wie sich das Funkeln in ihren Augen verändert, spüre erst, dass ich mich in eine Sackgasse manövriert habe, als ich es nicht mehr abwenden kann.

»Wenn das so ist, brauche ich einen Beweis. Ich will ein wenig echte und ehrliche Helena, und ich weiß auch schon, wie du sie mir zeigen kannst.«

Noch ehe ich den Mund öffnen und etwas Schlagfertiges erwidern kann, redet sie bereits weiter.

»Also, du und Maik. Was war das gestern schon wieder?«

Mein Mund klappt zu, so lautstark, dass ein feuchtes Geräusch ertönt. Am liebsten würde ich kein Wort über dieses Thema verlieren. Es steht so oft im Raum, nimmt so viel Aufmerksamkeit ein. Gerade heute wird mir das zu viel. Vielleicht, weil es gestern wieder sehr intensiv war. Maik wurde von seinen Eltern gebeten, nach Hause zu kommen, irgendeine Art von Familientreffen. Ich habe ihm spontan angeboten, ihn zu begleiten, wenn es ihm dadurch besser geht, und seine Reaktion ist mir noch immer ins Hirn gebrannt. Eine krasse Mischung aus Ablehnung und Sehnsucht. Natürlich hat Ersteres gesiegt. »Wirst du das nicht langsam leid?« Ich seufze theatralisch auf. Dann lasse ich meinen Blick durch das kleine Café schweifen. Der Betrieb hier ist enorm, und das ist auch kein Wunder. Es hat erst vor wenigen Wochen seine Pforten geöffnet. Von der Machart her erinnert es stark an einen dieser Läden der großen Kaffee-Wonne-Kette, mit etwas weniger Auswahl, günstiger, und mitten auf dem Campus. Ich war sofort hellauf begeistert davon, und gemeinsam mit Fee verbringe ich viel Zeit hier, wenn wir zusammen Freistunden haben. Da sich einige der Gäste ihren Kaffee to go holen, hatten wir bisher immer Glück und konnten einen Platz ergattern, mussten maximal fünf bis zehn Minuten darauf warten. Der Laden ist nicht gerade groß, zumindest, wenn man es mit der Cafeteria oder der Mensa vergleicht, aber bietet trotzdem genug Platz. Mit seinen vielen Nischen und den kleinen, runden Tischen wirkt er gemütlich, beinahe familiär. Die gesamte Einrichtung ist in Erdtönen gehalten - oder Kaffeetönen, je nachdem, wie man es betrachten will. Eine warme, moderne Atmosphäre, die zum Plausch einlädt, und dieser Einladung folgen wir gerne und oft.

Manchmal schließt sich uns Nathalie an, aber sie hat nach wie vor ein Problem mit Nahrungsmitteln in der Öffentlichkeit, auch wenn es sich nur um einen verdammten Kaffee handelt. Vielleicht ist ihr aber auch die Nähe zu uns zu viel. Sie hat, soweit ich es mitbekommen habe, weite Teile ihres bisherigen Studentenlebens alleine verbracht. Ich kann gut verstehen, dass es mit uns - genauer gesagt, vor allem mit mir - dann manchmal ein bisschen anstrengend werden kann. Nathalie gewöhnt sich nur langsam daran, plötzlich nicht mehr alleine dazustehen, und wir geben alle auf unsere Art unser Bestes, um ihr dabei zu helfen. Manchmal trifft sie sich alleine mit Fee. Die beiden hatten von Anfang an einen recht guten Draht zueinander, was mich aber auch nicht sonderlich verwundert. Sie sind beide eher von der ruhigen Sorte. Solange es ihr gut tut und Fee trotzdem noch ausreichend Zeit für mich hat, ist das vollkommen okay für mich. Ich meine, ich habe sie ja nicht alleine für mich gepachtet oder so. Aber seitdem sie Daniel hat, ist unsere gemeinsame Zeit begrenzt, und ich brauche meine tägliche Fee-Dosis, weil sie mich irgendwie erdet.

Schnaubend schiebe ich eine Strähne meines dunkelbraunen Haars zurück und ernte dafür einen fragenden Blick.

Ich schüttle sacht den Kopf. »Nichts.«

»Wie, nichts?« Fees Blick wird forschender. »Danach sah es aber nicht aus. Ihr habt Händchen gehalten -«

Mir wird bewusst, dass sie meine Antwort auf ihre Frage bezogen hat, nicht auf mein Schnauben, und ich lache los. Eilig kläre ich das Missverständnis auf, aber Fee wirkt nach wie vor misstrauisch, und ich beschließe, sie endlich zu erlösen, auch wenn die Aussicht ein merkwürdiges Kribbeln in meiner Magengrube auslöst. Genauer gesagt kribbelt es allgemein in mir, sobald ich über Maik rede. Und ich bin nicht unbedingt zu einhundert Prozent glücklich darüber. »Ich habe bemerkt, dass es ihm wieder nicht allzu gut ging, also war ich für ihn da. Du weißt schon, so machen das Freunde doch.«

Fee zieht beide Augenbrauen in die Höhe, bis sie beinahe unter ihrem schrägen Pony verschwinden. »Begleiten einen Freunde tatsächlich auch bis nach Hause und ins Zimmer?«

Obwohl es eigentlich keinen Grund dafür gibt, spüre ich, wie mir die Hitze ins Gesicht steigt. »Kommt drauf an«, gebe ich verschnupft zurück. »Wenn du total hinüber wärst, würde ich dich auch ins Bett bringen, das ist doch klar.«

Wir starren einander für einen kleinen Moment in die Augen, dann prusten wir los. Wir wissen beide ganz genau, dass es nicht nur ums »ins-Bett-bringen« geht. Ich muss Fee nicht auf die Nase binden, dass ich besagtes Bett mit Maik die Nacht über geteilt habe - zum wiederholten Male. Genauso wenig brauche ich es auch zu leugnen, denn Fee hat die Nacht bei Daniel verbracht, also wusste sie sehr genau, dass ich nicht wieder abgehauen bin - schließlich haben wir uns morgens in der Küche getroffen. Merkwürdigerweise bin ich immer noch ein bisschen verlegen, wenn es zu solchen morgendlichen Zusammenstößen kommt, dabei tue ich absolut nichts Verbotenes. Maik ist Single, ich bin es auch, und wir sind beide erwachsen. Wenn ich der Meinung bin, ab und an meinen Spaß mit ihm haben zu wollen, ist das mein gutes Recht. Auch, wenn es längst nicht so oft zu besagtem Spaß kommt, wie man manchmal meinen könnte.

So wie vergangenen Nacht.

Dummerweise geht es nicht um die moralische Verwerflichkeit dieser ... was-auch-immer-das-zwischen-uns-ist Geschichte. Fee macht sich Sorgen um mich.

Und ich kann sie verstehen, denn den Großteil der Zeit geht es mir ähnlich.

Die Sache mit Maik ist explosiv und gefährlich. Ich fühle mich wie ein Adrenalinjunkie, immer auf der Suche nach dem nächsten Kick, wohlwissend, dass die ganze Geschichte echt total katastrophal in die Hose gehen kann. Es vermutlich wird. Schon lustig eigentlich, wenn man bedenkt, dass ich ausgerechnet mit einem Kerl spiele, der Parkour betreibt und daher genau diese Art von Kick bestens kennt. Mehr noch als seine Kollegen. Ich kenne niemanden, der derart gerne und oft mit dem Feuer spielt wie er.

Was niemand ahnt: Im Vergleich zu den anderen weiß ich, wieso. Vielleicht kenne ich nicht die gesamte Wahrheit, aber weitaus mehr als die anderen. Maik hat mich hinter seine Fassade blicken lassen. Ich denke oft zurück an jenen Abend, als es dazu kam. Eine von den typischen Hauspartys in der WG der Jungs und die erste Nacht, die ich bei und mit Maik verbrachte. Entgegen aller Vermutungen kam es damals nicht zum Sex, so wie in der vergangenen Nacht. Manchmal gibt es Dinge, die wichtiger sind. Dinge, die ich niemals aussprechen dürfte, da Maik es nicht ertrüge, wenn die anderen erführen, wie es wirklich um ihn bestellt ist. Ich trage sein Geheimnis in mir und bin gleichermaßen stolz und überfordert von der Last. Nicht zum ersten Mal denke ich darüber nach, doch mit Fee darüber zu sprechen. Doch dann verkneife ich mir das wieder. Ich kann mir nicht sicher sein, dass sie Daniel gegenüber dichthält oder sich Maik gegenüber nicht auffällig gibt. Nicht, weil ich sie für eine Tratschtante halte, sondern weil sie so verflucht empathisch ist und mit manchen Dingen einfach nicht umgehen kann. Es bleibt also ganz alleine bei mir.

Daher habe ich wesentlich mehr Verständnis und Geduld für seine Eskapaden. Es ist nicht meine Aufgabe, den anderen zu erklären, wieso er so ist. Er muss selbst wissen, was er wem wie genau erzählt. Also beschränke ich mich auch jetzt darauf, es so dastehen zu lassen, als wäre Maik mal wieder irre betrunken gewesen, einfach weil er ist, wie er ist, und erkläre Fee nicht, dass er zuvor mit seinen Eltern gesprochen hat. Ich führe nicht aus, dass er eine wahnsinnig komplizierte Vorgeschichte hat, die ich nur erfahren habe, weil ich vor Monaten zur rechten Zeit am rechten Ort war, erkläre nicht, wieso mir beim Gedanken an seine leeren, manchmal schmerzerfüllten Augen so eng ums Herz wird. Leise seufzend schließe ich meine und denke darüber nach, wie verflucht anstrengend dieser Drahtseilakt doch ist.

»Ja, nun«, bringt Fee schließlich hervor. Dann hebt sie die große Tasse an ihre Lippen und nimmt einen riesigen Schluck. Aufgrund der Fältchen, die sich auf ihrer Stirn bilden, vermute ich, dass der Kaffee längst nicht mehr so gut schmeckt, weil er mittlerweile sicherlich kalt ist. Kalter Kaffee geht allerdings nur, wenn er ganz bewusst als Eiskaffee angerichtet wird. Tja, wer so lange damit wartet, braucht sich nicht darüber zu ärgern ...

Ich seufze auf. »Momentan ist es okay«, erkläre ich ihr leise. Dann beginne auch ich, mit meiner Tasse herumzuspielen.

Das Thema »Maik« ist so eine Sache. Seit mittlerweile einigen Monaten schon führen wir so eine Art ... Ding. Wir benennen es nicht, ordnen es in keine Kategorie ein, aber eigentlich schwebt die Definition seit einer Weile schon über unseren Köpfen. Dummerweise fühlt es sich eher wie ein Damoklesschwert an als wie eine fröhliche Aussicht. Ich weiß, dass Maik nicht bereit dazu ist, irgendetwas festzumachen. Man könnte sagen, dass er allergisch ist gegen alles, was ihn einschränken oder einengen könnte. Nicht ohne Grund ist er sich immer noch nicht sicher, ob er mit seinem Studium glücklich ist. Er steckt mittlerweile im dritten Fachwechsel und beginnt schon wieder zu zweifeln.

Verpflichtungen wie regelmäßige Besuche oder auch nur Telefonate mit seinen Eltern geht er penibel aus dem Weg.

Eine Beziehung? Das ist nichts für jemanden wie Maik.

Ich denke darüber nach, wie es die letzten Monate zwischen uns war. Maik hatte »vor mir« ein sehr ausschweifendes Sexleben. Um ehrlich zu sein, gehe ich davon aus, dass er nach wie vor nichts gegen One-Night-Stands hat, weshalb ich jedes Mal auf Kondome bestehe, und das trotz der Pille.

Zu Beginn war es mir herzlich egal, was er treibt, wenn ich nicht dabei bin. Mittlerweile kann ich nicht abstreiten, dass mir der Gedanke, er könnte die Dinge, die er mit mir anstellt, auch mit anderen tun, sehr missfällt ... um nicht zu sagen, dass er mir weh tut. Normalerweise ist das kein Thema. Wenn wir gemeinsam etwas unternehmen, hat Maik keine Augen für andere. Als wäre es ein ungeschriebenes Gesetz, dass er bei »Bedarf« dann nur mich wählt. Aber ich weiß, dass es auch andere Abende gibt. Abende, an denen ich nicht dabei bin und an denen er nicht aus seiner Haut kann. Über die kann und will ich immer weniger nachdenken. Dummerweise gibt es regelmäßig Situationen, die meine Aufmerksamkeit dennoch darauf lenken. Kommentare auf seiner Pinnwand bei Facebook, unter aktuellen Videos der Jungs oder unter Bildern bei Instagram zum Beispiel, manchmal sogar live, wenn irgendeines von seinen Abenteuern auf derselben Party ist oder unseren Weg in der Uni kreuzt und zweideutige Kommentare fallen lässt. Das, was mich zu Beginn kalt ließ - weil ich überall herum tönte, dass es nichts Ernstes wäre, nur ein bisschen Spaß, vor allem wohl, um mich selbst davon zu überzeugen - tut nun mehr und mehr weh.

Das ist nicht gut.

Es ist gar nicht gut.

Und ich weiß noch nicht, wie ich damit umgehen soll.

»Hey, bist du noch anwesend?«

Fee wedelt auf einmal in meinem Sichtfeld herum und sorgt dafür, dass ich mich blinzelnd auf sie fokussiere. Meine Freundin blickt mich mit gerunzelter Stirn an und wirkt eindeutig besorgt. Eilig versuche ich mich in einem Lächeln, spüre jedoch, dass es viel zu wackelig wirkt. Da habe ich mich aber ganz schön treiben lassen von meinen Gedanken, die wieder einmal nur um Maik kreisen. Seufzend drücke ich meinen Rücken durch und richte mich auf. Langsam wird es wohl Zeit, mir einzugestehen, dass ich wesentlich mehr von ihm will. Mehr als das, was er zu geben bereit ist. Mehr als das, was er geben kann.

Das Traurige an der Sache ist, dass es letztlich nur an der Benennung von Tatsachen scheitert ... und an diversen, ab und an vorkommenden Aktivitäten von Maik. Eigentlich kein großer Schritt, zumindest in meinen Augen.

In seinen handelt es sich praktisch um einen Marathon.

Ich schüttle meinen Kopf. Da beginne ich schon wieder, mich treiben zu lassen, und das, obwohl Fee mich nun genauestens beobachtet. Kleine Furchen ziehen sich durch ihre Stirn - ich kann es ihr nicht verdenken.

»Sorry«, murmle ich reumütig. Dann begegne ich ihrem Blick so offen wie möglich. »Wie gesagt, momentan geht es. Aber ich bin mir noch nicht so sicher, wie lange das anhält.«

Ihre Miene wird weich. Ich will das nicht, denn wenn sie so mitleidig schaut, wird meine Kehle eng und meine Brust brennt und ich muss mir eingestehen, welchen Hirngespinsten ich hinterherjage, aber ich kann ihr nun schlecht sagen, dass sie aufhören soll, also atme ich tief durch und setze dann mein strahlendstes Lächeln auf. »Hey, du kennst mich, sowas kriegt mich nicht klein. Wenn er nervt, muss ich mich etwas auskotzen und ihm eine Weile aus dem Weg gehen, und dann passt es auch wieder.«

Fees Blick spricht Bände. Sie durchschaut mich, wie so oft. Und sie ist anderer Meinung. Wenn es nach ihr ginge, müsste ich Maik die Pistole auf die Brust setzen. Nicht, weil sie keine Lust mehr hat, ab und an Krisengespräche mit mir zu führen, sondern eher, weil sie weitaus weniger tolerant ist, was sein Verhalten angeht. Man muss ihr zugutehalten, dass sie mir nicht auszureden versucht, dass ich weiterhin mit Maik mein Ding durchziehe ... oder dass sie allgemein nicht total gegen ihn wettert. Aber sie macht auch keinen Hehl daraus, dass sie ihn und sein Verhalten nicht gutheißen kann.

Was in meinen Augen absolut verständlich ist.

Nun ergreift sie meine Hand und drückt sie einmal fest, ehe sie erneut ihre Finger um den Kaffeebecher schließt. Ich starre eine Weile hinab auf meine Finger, spüre der kribbelnden Wärme nach und schlucke.

Dann beschließe ich, dass ich keine Lust mehr habe, meine Laune von diesem Thema verderben zu lassen. Ich werfe mein Haar in einer betont arroganten Geste über die Schulter und deute dann mit dem Kinn Richtung Theke. »Ist dir eigentlich aufgefallen, wie süß die neue Aushilfe ist?«

Fee verdreht die Augen, lässt sich aber auf das Spiel ein. Wenig verstohlen starrt sie zu dem jungen Mann, erntet dafür einen beherzten Tritt vors Schienbein und lächelt dann. »Ist klar, dass er dir gefällt.«

Ich hebe die Augenbrauen. »Ach ja, wieso?«

»Na ja.« Fee tut so, als müsste sie nachdenken. »Da wären die schwarzen Haare und die Tattoos an seinen Armen. Und natürlich das Piercing in der Augenbraue ...«

Mist. So viel zum Themenwechsel. Ich habe es geschafft, auf einen Kerl hinzuweisen, der aufgrund diverser Merkmale an Maik erinnern könnte. Seufzend hebe ich meine Latte und nehme einen großen Schluck - nur um erneut aufzustöhnen, weil nun ich diejenige bin, die es geschafft hat, ihr Getränk kalt werden zu lassen.

»Die Pause ist bald vorbei«, stellt Fee bedauernd fest, nachdem sie einen Blick auf ihr Handy geworfen hat.

Ich bin merkwürdigerweise erleichtert, leere meinen Becher und greife dann nach meiner Tasche. Wir haben nun einen gemeinsamen Kurs, und auf dem Weg dorthin diskutieren wir über die anstehende Abgabe, die zur Benotung beitragen wird. Natürlich hat Fee schon angefangen, während ich noch herumtrödele. Sie sagt mir ihre Hilfe zu, wie so oft, und ich gelobe Besserung.

Auch wie so oft.

Eine Freundschaft mit all ihren Ritualen ist schon etwas Feines. Für die nächsten Stunden meide ich das Thema Maik, und Gott sei Dank schneidet Fee es auch nicht mehr an. So kriegen wir den restlichen Uni-Tag ganz gut über die Bühne.

3

MAIK

Der Schweiß läuft in Strömen über meinen Rücken, während ich mich an der Beinpresse verausgabe. Schon seit einer Stunde arbeite ich mich von Gerät zu Gerät, beanspruche jede einzelne Muskelgruppe in meinem Körper und sorge dafür, dass ich vor Anstrengung grunze.

Das kleine Fitnessstudio auf dem Campus, das zur Uni gehört und in Kooperation mit der Fakultät für Sportwissenschaften angelegt wurde, ist für alle Studenten zugänglich, die sich gegen eine kleine Gebühr dort anmelden. Wir haben es schon früh für uns entdeckt und trainieren hier mittlerweile seit einigen Jahren mehrmals wöchentlich, um für unsere Videos fit zu bleiben. Auch wenn das kleine Studio in Sachen Komfort und Auswahl nicht mit den großen Ketten mithalten kann - es gibt alles, was man braucht, um ein vernünftiges Workout durchzuziehen, und sogar eine kleine Sauna.

Was will man mehr?

Sport war schon immer die perfekte Lösung für mich. Es gibt nichts, was ein hartes, schweißtreibendes Training nicht relativieren kann. Kein Gedanke bleibt in meinem Kopf hängen, wenn ich mich bis zur Schmerzgrenze und darüber hinaus treibe, wenn ich mein Programm eisern durchziehe und dafür sorge, dass meine Muskeln vor Anstrengung zittern.

So wie heute.

Die anderen denken vermutlich, dass ich noch in meinem Bett liege und ausnüchtere. Vielleicht würde ich das sogar wirklich tun, wenn mich Helenas Aufbruch nicht geweckt und die Stimmen in meinem Kopf erneut angeheizt hätte. In den Augen der meisten bin ich ein fauler Sack, das weiß ich. Ein mürrischer junger Kerl mit der Tendenz zu rebellieren, mit nichts anderem im Kopf als dem nächsten Tattoo oder Piercing und der nächsten Gelegenheit nach bedeutungslosem Sex. Sie sehen nichts als all die verpassten Seminare und die Studiengangwechsel, die vielen Tage, an denen ich bis mittags im Bett liege und die Welt sein lasse, sowie meine rebellische Art bei den Aufnahmen. Klar, das ist okay. Ich habe es ja auch nicht anders beabsichtigt. Ich müsste stolz darauf sein, wie verdammt narrensicher meine Außenwirkung ist, wie gut ich alle davon überzeugen kann. Maik, der Rebell. Der Bad Boy, der keinen Bock auf tiefschürfende Gespräche hat und viel lieber einfach so in den Tag lebt. Die Story meines Lebens.

Aber manchmal ...

Reicht mir das nicht. Nicht mehr.

Dann sehe ich Daniel und Jo, die sich seit Kindheitstagen kennen und keine Geheimnisse voreinander haben. Himmel, Jo hat ja bereits darunter gelitten, als er Nathalies Krankheit vor uns verbergen musste, so als würde er uns alle hintergehen, und dabei war es nicht einmal sein eigenes Problem. Für die beiden ist es normal, über alle Befindlichkeiten zu sprechen. Sie teilen alles ... und es geht ihnen gut dabei.

Über Fee und Helena brauche ich nicht nachzudenken. Sie sind ein Arsch, ein Eimer, aber sie sind auch Frauen, da sieht alles ein bisschen anders aus. Manchmal wundere ich mich, wie die beiden wortlos mit nur wenigen Blicken kommunizieren können. Diese Form der Nähe ist mir fremd, wird es wohl immer bleiben.

Rein logisch betrachtet müsste ich mich mit Timo zusammentun. Wir kennen uns zwar erst seit dem Studium, weshalb uns Daniel und Jo eine ganze Menge Jahre voraus sind, aber wir zwei sind eben übrig. Gruppendynamisch betrachtet ist die Konsequenz, dass wir uns zusammentun.

Dummerweise sehe ich mich dazu nicht in der Lage. Mich Timo öffnen, ihm davon erzählen, was mich beschäftigt, mit ihm einen auf Best Buddy machen ... Nein. Ich könnte nicht einmal mit Daniel darüber reden, was los ist, und ihm traue ich am meisten, ihn respektiere ich wie niemanden sonst. Abgesehen davon, dass ich nicht glaube, jemanden so an mich heranlassen zu können, habe ich den Eindruck, dass Timo einen Groll gegen mich hegt, seitdem ich mich mit Helena besser verstehe. Ich gebe mein Bestes, diesen Konflikt nicht ausbrechen zu lassen, da es für die Gruppe schwierig werden könnte, aber manchmal fällt mir das schwerer als an anderen Tagen. Ich meine - was kann ich dafür, dass er auf sie steht, sie in ihm aber offensichtlich nicht mehr als einen Kumpel sieht? Nicht mein Problem, dass sie mit mir in die Kiste springt anstatt mit ihm. Er tut so, als wäre das mein persönlicher Fehler, eine Art Angriff gegen ihn, was natürlich absoluter Quatsch ist, sondern vielmehr der Lauf der Dinge. Wenn ein Mädchen dich nicht will und dich tief in die Friendzone steckt, hast du eben Pech gehabt. Dummerweise kann ich ihm das nicht sagen, auch wenn mir die Worte oft genug auf der Zunge liegen. Das würde nicht gut gehen, ganz sicher nicht.

Also behalte ich sie für mich und ignoriere seine stechenden Blicke.

Energisch erhöhe ich die Gewichte, ehe ich mich erneut abstoße und mich dagegen stemme. Ich grunze laut auf, als die Muskeln in meinen Beinen vor Protest zittern, diesen Gewichtsanstieg erst einmal verarbeiten müssen.

Meine Konsequenz? Ich erhöhe die Gewichte um ein weiteres.

Irgendwie will es heute nicht so recht funktionieren. Obwohl ich mittlerweile vor Schweiß triefe und die Wärme des Workouts sich durch meinen ganzen Körper bahnt, wollen meine Gedanken nicht verstummen. Das ist eine neue Erfahrung für mich, die mich einerseits schockt, gleichzeitig aber auch eine neue Welle der Leere in mir auslöst.

Es müsste mich umhauen, dass meine altbewährten Methoden nicht mehr ausreichen, aber stattdessen fühle ich mich deshalb lediglich ... bestätigt. Bestätigt in der Annahme, dass ich meinen Seelenfrieden nicht verdient habe. Nicht mehr - und noch nicht wieder. Ich habe es nicht verdient, meine innere Balance zu finden, weshalb es auch kein Wunder ist, dass mich der Frieden einer verausgabenden Sporteinheit auch nicht mehr erreicht.

Alles nur eine Frage der Zeit.

Ich wische mir energisch durchs Gesicht und springe in die Höhe, um mich dem nächsten Gerät zuzuwenden.

Butterfly. Eine Qual für Oberarme und Schulter, also jetzt genau das Richtige.

Während ich mit zusammengebissenen Zähnen die Griffe umfasse und meine Arme nach hinten schwinge, wandern meine Gedanken zu Helena.

Grauzone. Sie hat nicht direkt mit dem Thema zu tun, vor dem ich fliehe, aber sie erinnert mich daran, weil sie so viel weiß. Sie braucht mich nur einmal anzuschauen, dann taucht dieser blöde, wissende Blick in ihren Augen auf und sie weiß ganz genau, was mich beschäftigt. Es ist genauso nervig, wie es mich auch immer wieder mit diesem komischen warmen Gefühl erfüllt. So als würde ich wenigstens kurz zur Ruhe kommen. Als wäre es genau richtig so.

Lange habe ich bereut, dass ich ihr in jener Nacht erzählt habe, was mich so beschäftigt, mittlerweile bin ich die meiste Zeit froh darüber. Mag sein, dass ich die Jungs nicht mit ins Boot geholt habe, obwohl ich mit ihnen als erstes darüber hätte reden müssen, aber so habe ich wenigstens eine Person, die zumindest in gewissen Zügen Verständnis zeigt und versteht. Der ich nicht ausweichend antworten muss - und die auch hinter die Fassade schaut.

Immerhin etwas.

Seufzend gebe ich auf. Egal, was ich heute tue, ich werde meine Gedanken nicht los. Sie kleben an mir wie eine verfluchte Plage.

»Fuck!«

Meine Stimme hallt von den Wänden des Trainingsraums wider. Ich sehe, wie ein paar Kerle ihre Köpfe heben und mich mit einer Mischung aus mildem Interesse und Verwunderung mustern. Ich erwidere ihre Blicke starr, bis sie sich abwenden, und eile dann mit großen Schritten Richtung Umkleidekabine, weil ich es keinen Moment länger in dieser stickigen Halle aushalte. Als würde mir plötzlich die Decke auf den Kopf fallen, die Wände auf mich einrücken.

Ein Gefühl, das mir nicht gerade unbekannt ist.

Der große, gehetzte Maik. Meine Mundwinkel verziehen sich höhnisch, während ich über mich selbst urteile.

Die Männerdusche ist klein und in keinem guten Zustand, aber ich lasse mich nicht davon abschrecken und verbringe eine gefühlte Ewigkeit unter dem kalten, harten Strahl. Ich hätte in die Sauna gehen können, doch die Stille dort hätte das Chaos in meinem Kopf nur noch verschlimmert.

Das Wasser klärt zumindest so weit meine Gedanken, dass ich nicht mehr in diesem ekeligen Selbstmitleid versinke.

Als ich eine Weile später zügig über den menschenleeren Campus Richtung Parkplatz eile, die Haare feucht und die Glieder schwer, nehme ich den feinen Nieselregen billigend in Kauf. Die kleinen Tropfen prickeln auf meiner Haut und jagen einen Schauder über meinen Rücken. Es passt perfekt zu meiner Stimmung. Verdrossen schiebe ich meine Hände in die Hosentaschen, ziehe die Schultern in die Höhe und senke etwas meinen Kopf, damit mir das Wasser nicht in die Augen läuft; abgesehen davon heiße ich die kühle Nässe willkommen.

Die anderen Jungs sind alle da, als ich unser Haus betrete. Offenbar liefern sie sich ein Spielgefecht im Wohnzimmer; niemand scheint bemerkt zu haben, dass ich wiedergekommen bin. Für eine Weile verharre ich im Flur, überlege, ob ich mich den anderen anschließe oder mich in mein Zimmer zurückziehe. Beides hat seinen Reiz, und wie so oft fällt es mir schwer, mich zu entscheiden. Ich pule mit der Zunge am Ring in meiner Unterlippe, sauge ihn ein, bis es leicht zieht, betrachte die Tür zum Wohnzimmer, und zucke dann mit den Schultern. Was soll’s. So wie ich die Jungs kenne, werden sie auch in einer Stunde noch dort sein. Oder in zweien. Ich kann mich genauso gut auch noch kurz aufs Bett hauen und hoffen, dass mich wenigstens ein kurzes Nickerchen ablenkt.

Als ich den ersten Stock erreicht habe und gerade um die Ecke biege, höre ich, wie jemand in den Flur tritt. Eilig öffne ich meine Zimmertür, und noch ehe diese hinter mir wieder ins Schloss fällt, höre ich, wie Jo nach mir ruft.

Ich beschließe, ihn nicht gehört zu haben. Beschließe, dass ich noch eine Weile Zeit für mich brauche, ehe ich mich zu den anderen gesellen und mir dumme Kommentare oder Fragen anhören darf.

* * *

Manchmal blicke ich mich in meinem Zimmer um und empfinde es als ein Bühnenbild voller Requisiten. Passend zu meinem Äußeren habe ich mich damals für schwere, schwarze Möbel entschieden. Das riesige Bett dominiert den Raum, ein klobiges, massives Gestell, das locker Platz für drei oder vier Personen bietet - zumindest, wenn man auf Körperkontakt steht. Ich spreche hier aus Erfahrung. Dazu ein bequemer Ledersessel, den ich jedoch in erster Linie nutze, um dort meine Klamotten zu sammeln, die zu getragen sind für den Kleiderschrank, aber noch nicht dreckig genug für die Wäsche, ein Schreibtisch aus Mahagoni unter dem einzigen großen Fenster und ein kleiner Kleiderschrank. Ein Nietengürtel, der einst viele Jahre seinen Dienst getan hat, bis das Leder zu rissig wurde, hängt wie eine Trophäe an der Wand, eine Stereoanlage wartet nur darauf, Rock abzuspielen, und die Arbeitsfläche meines Schreibtisches versinkt in einem Chaos aus Papier und Büchern, in die ich sowieso kaum schaue.

Man muss mir zugutehalten, dass der Schreibtisch und der Sessel als einzige einen chaotischen Eindruck machen. Ich achte möglichst auf Ordnung, selbst mein Bett habe ich gemacht, ehe ich abgehauen bin, auch wenn das nicht wirklich zu dem Bild passt, das sich die meisten von mir bilden.

Manchmal denke ich an mein Zimmer von früher, an die hellen Farben und den Ausblick auf das Gewächshaus im Garten. In meinem Elternhaus, in das ich seit Beginn meines Studiums - oder besser gesagt: meiner Studienversuche - nur ein paar Mal einen Fuß gesetzt habe. Jeweils zu Weihnachten, ein Feiertag, der unausweichlich ist, an dem ich schlecht alleine in unserer großen WG hocken kann, ohne zu viele Fragen aufzuwerfen oder dazustehen wie ein absoluter Eisklotz.

Auch wenn mir das fast schon lieber wäre.

Jedes einzelne Mal habe ich gehasst. Zutiefst und aus vollem Herzen. Und jedes Mal habe ich eine ganze Weile gebraucht, um wieder in die Spur zu kommen.

Im Sommer, wenn ich möglichst weit von dieser Zeit entfernt bin, sowohl was das vergangene Fest angeht als auch das anstehende, denke ich selten daran. Es ist leichter, die Dinge von sich zu schieben. Leichter, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren. Auf die Requisiten, die mein neues Leben darstellen, auf meine Freunde, die gerade unten wild durcheinanderschreien. Auf flüchtiges Vergnügen, das für den Moment alles so viel leichter macht. All so etwas halt. Ein Leben in der Gegenwart, ohne Fokus auf Vergangenes oder darauf, was zur Hölle ich langfristig bloß mit meinem verkorksten Leben anfangen soll.

Seufzend fahre ich mir durchs Gesicht und versuche, die Schwermut aus meinen Zügen zu reiben. Fuck. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten, dass ich auf dem besten Wege bin, wieder einen Seelenklempner zu brauchen, denn diese Phasen dehnen sich immer weiter aus. Keine Chance, es irgendwie unter Kontrolle zu kriegen.

Ich gebe zu, das bereitet mir eine Scheißangst.

Mit einer einzigen Bewegung springe ich aus dem Bett. Ich spüre meine Muskeln, die ich heute schon so beansprucht habe, mehr als deutlich, ignoriere das Ziehen jedoch geflissentlich. Nur eine einzige Sekunde schwindelt es mir aufgrund der plötzlichen Lageänderung, dann schüttle ich meinen Kopf, kämme mit den Fingern durch mein Haar und beschließe, nach unten zu gehen - dieses Mal, ohne vorher mein Bett zu machen. Es lohnt nicht, werde ich doch in absehbarer Zeit wieder hier landen. Alleine.

Nur flüchtig streift mein Blick mein Handy. Ich sehe, dass das Display aufleuchtet, eine neue Nachricht ankündigt. Helena? Die Aussicht löst zumindest ein leichtes Kribbeln in meiner Brust aus, ein willkommen positives Gefühl nach der ganzen, verfluchten Schwermut. Kurzentschlossen schnappe ich das Handy, schiebe es aber in meine Hosentasche, ohne nachzusehen, und verlasse mein Reich.

Wie bereits vermutet, befinden sich die Jungs noch immer im Wohnzimmer. Gerade höre ich, wie Jo entnervt die Luft ausstößt, während Daniel einen zufriedenen Laut von sich gibt. Ich schätze, ich lehne mich nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass er seinen Kumpel gerade in irgendetwas geschlagen hat. Als ich durch die Tür trete, die in unseren großen, gemütlichen Wohnraum führt, bietet sich mir ein altbekanntes Bild. Daniel und Jo sitzen nebeneinander, beinahe Schulter an Schulter, und sie fuchteln mit den Kontrollern der Playstation herum, als müssten sie irgendwelche Mücken verjagen. Timo sitzt auf der Couch rechts von ihnen - genauer gesagt, er liegt dort, alle Viere von sich gestreckt und die Augen auf Halbmast. Ich nehme an, dass er einen ordentlichen Kater hat. Im Gegensatz zu uns ist er nicht gegen drei abgehauen, sondern hat die Party wahrscheinlich bis zum Ende ausgestanden. So wie ich die Mewis einschätze, ist sie mindestens bis fünf oder sechs gegangen, und dementsprechend im Arsch dürfte mein Kumpel sein. Automatisch wandern meine Gedanken zur letzten Nacht, oder genauer gesagt zur Gesellschaft meiner letzten Nacht. Ich hatte damit gerechnet, an diesem Abend mal wieder die Hosen runter zu lassen, doch dazu war es nicht gekommen. Gedankenverloren reibe ich meinen Nacken und betrete unser Wohnzimmer schließlich.

»Hey, Mann, da bist du ja«, ruft Daniel abwesend, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen.

Ich brumme zur Antwort und schlendere zum dritten, vorhandenen Sofa. Mit einem theatralischen Seufzen lasse ich mich ins Polster fallen und frage mich, ob die anderen wirklich nicht bemerkt haben, dass ich zwischendurch weg war. Gleichzeitig ist es mir jedoch nicht wichtig genug, um deshalb nachzuhaken. Mit dem Kinn deute ich zum Fernseher. »Wird das nicht langsam langweilig?«, frage ich niemanden Bestimmtes und erwarte auch keine Antwort.

---ENDE DER LESEPROBE---