Weil ich euch liebte - Linwood Barclay - E-Book

Weil ich euch liebte E-Book

Linwood Barclay

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Beschreibung

Glens Familie stürzt jäh ins Unglück, als seine Frau Sheila bei einem Unfall ums Leben kommt. Sie soll volltrunken gefahren sein und zwei Unschuldige mit in den Tod gerissen haben! Die Polizei ist sich ihrer Sache sicher – doch Glen kann es einfach nicht fassen. Kurze Zeit später ertrinkt eine gute Freundin von Sheila auf mysteriöse Weise. Und als Glen bald darauf erfährt, dass Sheila 62.000 Dollar veruntreut haben soll, bringt ihn das vollends aus dem Gleichgewicht. Beweise für ein Verbrechen hat er allerdings keine ...

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Linwood Barclay

Weil ich euch liebte

Knaur e-books

Über dieses Buch

Durch einen tödlichen Unfall wird Glens Familie zerrissen. Sheila, die pflichtbewusste Mutter der achtjährigen Kelly, soll nachts volltrunken gefahren sein und den Tod von zwei Unschuldigen verursacht haben? Der Befund der Gerichtsmediziner lässt keinen Zweifel daran, doch Glen kann es einfach nicht fassen.

Inhaltsübersicht

Für Neetha [...]PrologEinsZweiDreiVierFünfSechsSiebenAchtNeunZehnElfZwölfDreizehnVierzehnFünfzehnSechzehnSiebzehnAchtzehnNeunzehnZwanzigEinundzwanzigZweiundzwanzigDreiundzwanzigVierundzwanzigFünfundzwanzigSechsundzwanzigSiebenundzwanzigAchtundzwanzigNeunundzwanzigDreissigEinunddreissigZweiunddreissigDreiunddreissigVierunddreissigFünfunddreissigSechsunddreissigSiebenunddreissigAchtunddreissigNeununddreissigVierzigEinundvierzigZweiundvierzigDreiundvierzigVierundvierzigFünfundvierzigSechsundvierzigSiebenundvierzigAchtundvierzigNeunundvierzigFünfzigEinundfünfzigZweiundfünfzigDreiundfünfzigVierundfünfzigFünfundfünfzigSechsundfünfzigSiebenundfünfzigAchtundfünfzigNeunundfünfzigSechzigEinundsechzigZweiundsechzigDreiundsechzigEpilogDanksagung
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Für Neetha

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Prolog

Sie hießen Edna Bauder und Pam Steigerwald und waren Grundschullehrerinnen aus Butler, Pennsylvania. In New York waren sie noch nie gewesen. Obwohl New York natürlich nicht aus der Welt war. Aber wenn man in Butler lebte, konnte man durchaus diesen Eindruck gewinnen. Als Pams vierzigster Geburtstag vor der Tür stand, versprach ihr ihre Freundin Edna ein Geburtstagswochenende, das sie niemals vergessen würde. Und mit dieser Vorhersage sollte sie zu hundert Prozent recht behalten.

Entzückt nahmen die beiden Ehemänner zur Kenntnis, dass ein reines Damenwochenende geplant war. Als sich auch noch herausstellte, dass zwei Tage Shoppen, eine Broadway-Aufführung und die Sex-and-the-City-Tour auf dem Programm standen, waren sie sich einig: dann lieber zu Hause bleiben und sich die Kugel geben! Also setzten sie ihre Frauen in den Bus, sagten, amüsiert euch schön, aber trinkt nicht zu viel, denn in New York wimmelt es von Straßenräubern, das weiß jeder, und da müsst ihr eure fünf Sinne beisammenhalten.

Edna und Pam fanden ein Hotel in der Nähe der Kreuzung 50. Straße und 3. Avenue zu einem, zumindest für New Yorker Verhältnisse, annehmbaren Preis. Dafür, dass sie dort nur schlafen wollten, war er allerdings immer noch ganz schön gesalzen. Sie hatten sich geschworen, zu sparen und nicht mit dem Taxi zu fahren. Doch die U-Bahn-Netzpläne sahen aus wie das Schaltschema für das Space Shuttle, und da dachten sie: Was soll’s? Sie gingen zu Bloomingdale’s und Macy’s und in einen riesigen Schuhladen am Union Square, in den sämtliche Geschäfte von Butler hineingepasst und noch immer genügend Platz fürs Postamt gelassen hätten.

»In diesem Laden sollt ihr meine Asche verstreuen, wenn ich mal tot bin«, sagte Edna beim Anprobieren von einem Paar Sandalen.

Eigentlich wollten sie auf die Aussichtsplattform des Empire State Building, doch die Warteschlange war endlos, und wenn man nur achtundvierzig Stunden für den Big Apple hat, stellt man sich nicht drei davon in eine Schlange, und so ließen sie’s sein.

Pam wollte in dem Lokal zu Mittag essen, wo Meg Ryan in diesem Film einen Orgasmus vorspielt. Sie bekamen einen Platz genau neben dem Filmtisch – der sogar extra mit einem Schild gekennzeichnet war. In Butler würden sie aber allen erzählen, dass sie am echten Tisch gesessen hätten. Edna bestellte sich ein Pastrami-Sandwich mit einem Knish, obwohl sie nicht die leiseste Ahnung hatte, was ein Knish war. Pam sagte: »Ich will genau das, was sie hat!«, und die beiden kriegten sich vor Lachen nicht mehr ein. Die Kellnerin verdrehte nur die Augen.

Nachher beim Kaffee sagte Edna beinahe übergangslos: »Ich glaube, Phil trifft sich mit dieser Kellnerin aus Denny’s Café.« Dann brach sie in Tränen aus, und Pam fragte sie, wie sie denn auf diese Idee käme, und dass sie Ednas Phil für einen anständigen Mann halte, der sie nie betrügen würde, und Edna sagte, sie glaube auch nicht, dass er es tatsächlich mit der Kellnerin trieb oder so was, aber er ginge jeden Tag auf einen Kaffee da hin, also hatte das etwas zu bedeuten. Und sie, Edna, rühre er schon lange nicht mehr an.

Ach, komm, sagte Pam. Wir haben doch alle so viel um die Ohren, wir haben Kinder, Phil hat zwei Jobs, wer hat denn da noch genug Energie?

»Vielleicht hast du recht«, meinte Edna.

»Schluss mit diesen düsteren Gedanken«, sagte Pam. »Du hast mich hierhergebracht, damit ich mich amüsiere.« Sie schlug ihren New-York-Führer an der Stelle auf, die sie mit einem Klebezettel markiert hatte. »Dagegen hilft nur Konsumtherapie. Auf in die Canal Street.«

Edna hatte keine Ahnung, was das sein sollte. Pam erklärte ihr, dort könne man Handtaschen – Designerhandtaschen oder zumindest Taschen, die wie Designertaschen aussahen – zu einem Spottpreis erstehen. Man müsse sich halt durchfragen. Sie habe in einer Zeitschrift gelesen, die besten Stücke finde man in keinem Schaufenster. Um ein echtes Schnäppchen zu machen, müsse man in die Hinterzimmer oder so ähnlich.

»Keiner versteht mich so wie du, Süße«, sagte Edna.

Also schwangen sie sich ins nächste Taxi und sagten, sie wollten zur Canal Street, Ecke Broadway. Doch an der Kreuzung Lafayette und Grand Street kam das Taxi abrupt zum Stehen.

»Was ist los?«, fragte Edna den Fahrer.

»Unfall«, antwortete er mit einem Akzent, den Pam nicht zuordnen konnte. Von Salvadorianisch bis Schweizerisch war alles drin. »Kann nicht abbiegen. Aber ist nicht mehr weit. Nur paar Straßen da lang.«

Pam zahlte, und sie marschierten los, Richtung Canal Street. An der nächsten Ecke hatte sich eine Menschentraube gebildet. »O Gott«, sagte Edna

Sie schaute weg, doch Pam blieb wie gelähmt stehen. Ein Mann lag mit gespreizten Beinen auf der Motorhaube eines Taxis, das in eine Ampel gerast war. Sein Kopf hatte die Windschutzscheibe durchstoßen, und sein Oberkörper hing über das Armaturenbrett. Ein völlig verbeultes Fahrrad klemmte zwischen den Vorderrädern des Taxis. Der Platz am Steuer war leer. Vielleicht hatte man den Fahrer schon ins Krankenhaus gebracht. Feuerwehrleute und Polizisten untersuchten den Wagen und forderten die Umstehenden auf zurückzutreten.

»Scheiß Fahrradkuriere«, sagte jemand. »Ein Wunder, dass da nicht öfter was passiert.«

Edna ergriff Pams Ellbogen. »Ich kann da nicht hinsehen.«

Als sie endlich die Ecke Canal Street und Broadway erreichten, hatten sie den schrecklichen Anblick zwar noch nicht ganz verarbeitet, doch »So was passiert halt« wie ein Mantra oft genug vor sich hin gebetet, um doch noch das Beste aus diesem Wochenende zu machen.

Mit der Kamera ihres Handys knipste erst Pam ein Foto von Edna unter einem Straßenschild mit der Aufschrift »Broadway«, dann machte Edna eines von Pam. Ein Passant bot an, Fotos von ihnen beiden zu schießen, doch Edna sagte, nein danke, und später zu Pam, das sei sicher nur ein Trick gewesen, um ihnen die Handys zu stehlen. »Ganz blöd bin ich schließlich auch nicht«, meinte Edna.

Sie schlenderten die Canal Street in östlicher Richtung entlang und kamen sich plötzlich wie im Ausland vor. Sahen so nicht die Märkte in Hongkong oder Marokko oder Thailand aus? Eng aneinandergequetschte Läden, deren Waren sich auf die Straße ergossen?

»Nicht gerade Sears«, sagte Pam.

»So viele Chinesen«, sagte Edna.

»Ich glaube, das kommt daher, dass wir in Chinatown sind«, meinte Pam.

Ein Obdachloser in einem Trikot der Toronto Maple Leafs bat um ein paar Münzen. Ein anderer Mann wollte ihnen ein Flugblatt aufdrängen, doch Pam hob abwehrend die Hand. Schwärme halbwüchsiger Mädchen kicherten und gafften, und manche schafften es sogar, sich zu unterhalten, während sie sich über Ohrstöpsel mit Musik beschallen ließen.

Die Schaufenster der Läden waren vollgestopft mit Halsketten, Uhren und Sonnenbrillen. Ein Schild vor einem der Läden verkündete: »WIRKAUFENGOLD«. Von einer Feuerleiter hing ein langes vertikales Schild mit der Aufschrift: »Tattoos – Body Piercing – Zubehör für Henna-Körperbemalung – Körperschmuck en gros – Bücher Magazine Kunstobjekte 2. Stock«. Weitere Schilder warben für »Leder« und »Pashmina«. Es gab unzählige Werbebanner mit chinesischen Schriftzeichen. Und sogar einen Burger King.

Die beiden Frauen betraten einen Laden und stellten fest, dass es in Wirklichkeit ein paar Dutzend waren. Wie in einem Mini-Einkaufszentrum oder auf einem Flohmarkt hatte jedes Geschäft seine eigene kleine Glaszelle. Und seine eigenen Spezialprodukte. Schmuck, DVDs, Uhren, Handtaschen.

»Guck mal hier«, sagte Edna. »Eine Rolex.«

»Die ist nicht echt«, sagte Pam. »Sieht aber toll aus. Glaubst du, irgendwer in Butler merkt den Unterschied?«

»Glaubst du, irgendwer in Butler weiß überhaupt, was eine Rolex ist?« Edna lachte. »Oh! Schau dir mal diese Taschen an!«

Fendi, Coach, Kate Spade, Louis Vuitton, Prada. »Und die Preise. Unglaublich«, sagte Pam. »Was würdest du normalerweise für so eine Tasche hinblättern?«

»Viel, viel mehr.«

Der chinesische Ladeninhaber fragte, ob er helfen könne. Pam, die den Eindruck erwecken wollte, sie kenne sich hier bestens aus, was nicht so leicht war, wenn einem ein Reiseführer New York aus der Tasche lugte, fragte: »Wo haben Sie denn die richtigen Schnäppchen?«

»Was?«, fragte er zurück.

»Die sind ja ganz hübsch«, meinte sie. »Aber wo haben Sie die wirklich erstklassigen Stücke?«

Edna schüttelte nervös den Kopf. »Aber die sind doch nicht schlecht. Wir können uns hier was aussuchen.«

Doch Pam ließ nicht locker. »Eine Freundin hat mir gesagt – ich weiß nicht, ob jetzt speziell bei Ihnen –, es soll noch andere Taschen geben, die nicht ausgestellt sind.«

Der Mann schüttelte den Kopf. »Fragen Sie sie«, sagte er und zeigte auf einen Stand noch tiefer in diesem Ladenlabyrinth.

Pam ging hin, warf einen flüchtigen Blick auf die Taschen und fragte die alte Chinesin in der glänzenden roten Seidenjacke, wo sie die guten Stücke versteckt halte.

»Hah?«, sagte die Frau.

»Die besten Taschen«, erklärte Pam. »Die besten Imitationen.«

Die Frau sah Pam und Edna lange an. Wenn das verdeckte Ermittlerinnen waren, dann waren es die besten, die ihr je untergekommen waren. Schließlich sagte sie: »Gehen Sie hinten raus, dann links, suchen Sie die Tür mit der Nummer acht drauf. Da gehen Sie rein. Andy wird Ihnen weiterhelfen.«

Pam warf Edna einen begehrlichen Blick zu. »Danke!«, sagte sie, packte Edna am Arm und führte sie zu einer Tür am Ende des schmalen Korridors.

»Das gefällt mir nicht«, sagte Edna.

»Keine Panik, ist doch nichts dabei.«

Doch selbst Pam stutzte, als sie zur Tür hinausgingen und sich plötzlich in einer engen Hintergasse wiederfanden. Müllcontainer, überall verstreuter Abfall, ausrangierte Haushaltsgeräte. Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss, und als Edna den Griff packte, stellte sie fest, dass sich die Tür nicht öffnen ließ.

»Na, toll«, sagte sie. »Als ob mich der Unfall vorhin nicht schon genug geschockt hätte.«

»Sie hat gesagt, links, also halten wir uns links«, sagte Pam.

Schon wenige Schritte weiter stießen sie auf die Metalltür, auf die eine Acht gemalt war. »Sollen wir klopfen oder gehen wir einfach rein?«, fragte Pam.

»Du hattest die grandiose Idee, nicht ich«, erwiderte Edna.

Pam klopfte leise, und als nach zehn Sekunden niemand geöffnet hatte, zog sie am Griff. Die Tür war nicht verschlossen. Vor ihnen lagen ein paar Stufen, die in ein dunkles Treppenhaus führten. Doch unten war ein schwacher Lichtschimmer zu sehen.

»Hallo? Andy?«, rief Pam.

Keine Antwort.

»Gehen wir«, sagte Edna. »Ich habe in dem anderen Laden ein paar Taschen gesehen, die waren perfekt.«

»Jetzt sind wir schon einmal da«, meinte Pam, »dann können wir uns auch umsehen.« Sie stieg die Treppe hinunter und spürte, wie die Temperatur bei jedem Schritt weiter sank. Unten spähte sie in einen Raum, dann blickte sie wieder zu Edna hoch. Sie grinste von einem Ohr zum anderen. »Das ist so abgefahren.«

Edna folgte ihr in den engen Raum. Er war von oben bis unten vollgestopft mit Handtaschen. Sie lagen auf Tischen, hingen von Haken an den Wänden und an der Decke. Vielleicht war es die Kälte hier unten, aber das Ganze erinnerte Edna an einen Fleischkühlraum, nur dass statt Rindfleisch überall Lederwaren baumelten.

»Ich muss tot sein«, sagte Pam. »Wir sind im Handtaschenhimmel.«

Im flackernden Licht der Neonröhren über ihren Köpfen begannen sie, sich durch die Taschen auf den Schautischen zu wühlen.

»Wenn das eine Fendi-Imitation ist, fresse ich einen Besen«, sagte Edna, während sie eine der Taschen genauer unter die Lupe nahm. »Das Leder fühlt sich so echt an. Ich meine, das Leder ist doch auf jeden Fall echt, oder? Nur die Logos sind gefälscht. Ich würde zu gern wissen, wie viel die hier kostet.«

Pam erblickte an einem Ende des Raums eine Tür mit einem Vorhang davor. »Vielleicht ist dieser Andy ja da drin?« Sie ging auf die Tür zu.

»Warte«, sagte Edna. »Wir sollten von hier verschwinden. Schau uns doch an. Wir sind in einem Keller in New York City, irgendwo weit ab vom Schuss, und kein Mensch weiß, dass wir da sind.«

Pam verdrehte die Augen. »Meine Güte, das ist Pennsylvania, wie es leibt und lebt!« Jetzt stand sie vor dem Durchgang und rief: »Mr. Andy? Die chinesische Dame sagte, wir sollen uns an Sie wenden.« Sie hätte sich ohrfeigen können für ihre Dummheit. Chinesische Dame! Eine wahrhaft hilfreiche Personenbeschreibung in Chinatown.

Edna unterzog das Futter der gefälschten Fendi-Tasche einer eingehenden Prüfung.

Pam zog den Vorhang zur Seite.

Edna hörte ein komisches Geräusch, eine Art »Pfft«, und sah in die Richtung, aus der es gekommen war. Da lag ihre Freundin schon auf dem Boden und regte sich nicht.

»Pam?« Sie ließ die Tasche fallen und rannte zu ihr. »Pam, alles in Ordnung mit dir?«

Beim Näherkommen sah sie, dass Pam, die auf dem Rücken lag, einen roten Punkt mitten auf der Stirn hatte und dass daraus etwas hervorsickerte. Als sei Pam leckgeschlagen.

»O Gott, Pam?«

Der Vorhang wurde zur Seite geschoben, und ein großer, dünner Mann mit dunklem Haar und einer Narbe über einem Auge trat hervor. Er hatte eine Pistole, und die war genau auf Ednas Kopf gerichtet.

Das Letzte, was Edna sah, direkt hinter dem Vorhang in dem anderen Raum, war ein alter Chinese, der an einem Schreibtisch saß. Er lag mit der Stirn auf der Tischplatte, und ein Blutrinnsal floss ihm aus der Schläfe.

Das Letzte, was Edna hörte, war eine Frau – nicht Pam, denn Pam hatte ein für alle Mal ausgeredet –, die sagte: »Wir müssen hier weg.«

Das Letzte, was Edna dachte, war: Nach Hause. Ich will nach Hause.

[home]

Zwei Monate Später

Eins

Wenn ich gewusst hätte, dass das unser letzter gemeinsamer Morgen war, hätte ich mich im Bett zu ihr gedreht und sie in den Arm genommen. Und natürlich hätte ich sie nicht mehr losgelassen, wenn es möglich gewesen wäre, so etwas zu wissen – wenn ich irgendwie in die Zukunft hätte sehen können. Und dann wäre alles anders gekommen.

 

Ich hatte schon eine Weile an die Decke gestarrt, als ich schließlich das Laken zurückschlug und die Füße auf das Parkett setzte.

»Wie hast du geschlafen?«, fragte Sheila, während ich mir noch die Augen rieb. Sie legte mir die Hand auf den Rücken.

»Nicht besonders. Und du?«

»Bin immer wieder aufgewacht.«

»Ich hab gespürt, dass du wach warst, aber ich wollte dich nicht nerven, falls du doch schläfst«, sagte ich mit einem Blick über die Schulter. Die ersten Sonnenstrahlen des Tages drangen durch die Vorhänge und spielten mit Sheilas Zügen. Sie lag da und sah mich an. Der frühe Morgen ist zwar nicht unbedingt die ideale Tageszeit, um die Menschen von ihrer Schokoladenseite zu zeigen, aber bei Sheila war das anders. Sie war immer schön. Sogar wenn sie, wie jetzt, ein sorgenvolles Gesicht machte.

Ich wendete den Kopf wieder ab und sah hinunter auf meine Füße. »Ich konnte ewig nicht einschlafen. Irgendwann um zwei muss ich dann doch weggedöst sein, und als ich wieder auf die Uhr sah, war’s fünf. Seither lieg ich wach.«

»Glen, alles wird gut«, sagte Sheila. Sie strich mir beruhigend mit der Hand über den Rücken.

»Hm, ja. Ich bin froh, dass du daran glaubst.«

»Es geht auch wieder aufwärts. Alles verläuft zyklisch. Auch eine Rezession dauert nicht ewig.«

Ich seufzte. »Diese anscheinend schon. Wenn ich unsere aktuellen Aufträge abgearbeitet habe, sieht’s mau aus. Hier ein bisschen was, dort ein bisschen was, letzte Woche habe ich ein paar Angebote rausgeschickt – eins für eine Küche, eins für einen Kellerausbau –, aber die Leute haben nicht zurückgerufen.«

Ich stand auf, drehte mich um und sagte: »Und was hast du zu deiner Entschuldigung vorzubringen? Warum starrst du die ganze Nacht an die Decke?«

»Ich mach mir Sorgen um dich. Und … mir geht auch so einiges durch den Kopf.«

»Was denn?«

»Nichts«, sagte sie schnell. »Ich meine, das Übliche. Dieser Kurs, den ich gerade mache, Kelly, deine Arbeit.«

»Ist was mit Kelly?«

»Aber nein. Ich bin eine Mutter, und sie ist acht. Den Rest kannst du dir ja denken. Aber wenn ich den Kurs hinter mir habe, kann ich dir mehr helfen. Dann wird alles leichter.«

»Als du beschlossen hast, diesen Kurs zu belegen, brummte der Laden, und es gab einen guten Grund, ihn zu machen. Aber jetzt weiß ich nicht, ob wir überhaupt genug Arbeit für dich haben werden«, sagte ich. »Ich hoffe nur, es reicht für Sally.«

Sheila hatte ihren Buchhaltungskurs Mitte August begonnen, und jetzt, zwei Monate später, machte er ihr mehr Spaß, als sie je gedacht hätte. Sie sollte eines Tages die laufende Buchhaltung für den Betrieb übernehmen, Garber-Bau, die Firma, die einmal meinem Vater gehört hatte und die jetzt ich leitete. Sie konnte das sogar von zu Hause aus tun und dadurch Sally Diehl, unsere »Bürodame«, entlasten, die sich dann mehr auf allgemeine Verwaltungsaufgaben und den Telefondienst konzentrieren, Lieferanten Dampf machen und Kundenanfragen bearbeiten konnte. Für die Buchhaltung blieb ihr normalerweise keine Zeit, und so saß ich abends bis Mitternacht zu Hause am Schreibtisch, um sie abzuarbeiten. Doch jetzt, wo die Aufträge ausblieben, hatte ich keine Ahnung, wie sich alles weiterentwickeln würde.

»Und jetzt diese Brandgeschichte –«

»Es reicht«, sagte Sheila.

»Sheila, eins meiner Häuser ist abgebrannt, verdammt noch mal. Jetzt sag du mir bloß nicht, alles wird gut.«

Sie setzte sich im Bett auf und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich werde nicht zulassen, dass du dir und mir alles vermiest. Das tust du nämlich.«

»Ich sage nur, wie’s ist.«

»Und ich sage dir, wie’s sein wird«, antwortete sie. »Alles wird gut. Weil wir nämlich dafür sorgen werden. Du und ich. Wir beißen uns durch. Wir finden immer einen Ausweg.« Einen Moment sah sie weg, als wolle sie noch etwas sagen, sei sich dessen aber nicht ganz sicher. Schließlich sagte sie: »Ich hab da ein paar Ideen.«

»Was für Ideen?«

»Ideen, die uns weiterhelfen. Über diese Durststrecke zu kommen.«

Ich stand mit geöffneten Armen da und wartete.

»Du bist so im Stress, so mit deinen eigenen Problemen beschäftigt – damit will ich nicht sagen, dass es nicht Riesenprobleme sind –, dass es dir gar nicht aufgefallen ist.«

»Was hätte mir auffallen sollen?«, fragte ich.

Sie schüttelte den Kopf und lächelte. »Ich habe Kelly neue Kleider für die Schule gekauft.«

»Ja, gut.«

»Und zwar wirklich schöne.«

Ich kniff die Augen zusammen. »Soll heißen?«

»Ich hab ein bisschen Geld verdient.«

Ich hätte gedacht, das wüsste ich bereits. Sheila hatte einen Teilzeitjob an der Kasse eines Baustoffgroßmarkts – ungefähr zwanzig Stunden die Woche. Dort hatten sie zwar erst kürzlich diese Selbstbedienungskassen installiert, doch solange die Leute damit nicht umgehen konnten, würde Sheila ihren Job behalten. Und seit letztem Sommer half sie unserer Nachbarin, Joan Mueller, die von zu Hause aus arbeitete, bei deren Buchhaltung. Ihr Mann Ely war vor einem Jahr bei der Explosion einer Bohrinsel vor Neufundland ums Leben gekommen. Sie musste sich noch immer mit der Ölgesellschaft um die Abfindung herumstreiten und hatte deshalb begonnen, als Tagesmutter zu arbeiten. Jeden Morgen wurden vier, fünf Vorschulkinder bei ihr abgeliefert. Und an den Schultagen, an denen Sheila arbeitete, blieb Kelly bei Joan, bis einer von uns beiden nach Hause kam. Sheila hatte mit Joan ein Buchhaltungssystem entwickelt, mit dem sie immer verfolgen konnte, wie viel die Eltern ihr schuldeten und wer was bezahlt hatte. Joan liebte Kinder, konnte aber kaum bis zehn zählen.

»Ich weiß, dass du dazuverdienst«, sagte ich. »Joan und der Baumarkt. Alles hilft.«

Sie nickte nicht, schüttelte aber auch nicht den Kopf. »Damit kann ich kaum unsere Fertiggerichte finanzieren. Ich rede von richtigem Geld.«

Meine Augenbrauen schossen in die Höhe. Dann ging mir ein unangenehm grelles Licht auf. »Sag mir, dass du dir kein Geld von Fiona geben lässt.« Ihrer Mutter. »Du weißt genau, was ich davon halte.«

Sie sah mich gekränkt an. »Herrgott, Glen, du weißt doch, ich würde nie –«

»Ich mein ja nur. Da wär’s mir ja noch lieber, du würdest Drogen verkaufen, statt Geld von deiner Mutter zu nehmen.«

Da blinzelte sie, schlug jäh die Decke zurück, stand auf und ging ins Bad.

»Ach, komm«, sagte ich.

Ich glaube, später in der Küche war Sheila nicht mehr sauer auf mich. Ich hatte mich zwei Mal entschuldigt, und jetzt versuchte ich, aus ihr herauszukitzeln, was das für Ideen waren, mit denen sie mehr Geld ins Haus bringen wollte.

»Wir können heute Abend darüber reden«, sagte sie.

Wir hatten am Abend zuvor das Geschirr nicht abgewaschen. In der Spüle standen zwei Kaffeetassen, mein Whiskyglas und Sheilas Weinkelch mit einem dunkelroten Bodensatz. Ich stellte ihn auf die Küchenarbeitsplatte, weil ich Angst hatte, der Stiel könne abbrechen, wenn noch mehr Geschirr im Becken landete.

Beim Anblick des Weinglases musste ich an Sheilas Freundinnen denken.

»Triffst du dich zum Mittagessen mit Ann oder so?«, fragte ich.

»Nein.«

»Ich dachte, ihr hättet was ausgemacht.«

»Vielleicht treffe ich mich Ende der Woche mit Belinda und Ann, obwohl ich mir dann jedes Mal ein Taxi nach Hause nehmen muss und mir eine Woche lang der Schädel brummt. Egal, ich glaube, Ann hat heute einen Arzttermin oder so, irgendwas wegen einer Versicherung.«

»Alles in Ordnung mit ihr?«

»Ihr geht’s gut.« Pause. »Mehr oder weniger.«

»Soll heißen?«

»Ich weiß nicht. Ich glaube, es läuft gerade nicht so gut zwischen ihr und Darren. Bei Belinda und George übrigens auch nicht.«

»Was ist denn los?«

»Keine Ahnung.«

»Also, was hast du dann vor? Du hast heute ja keinen Dienst, oder? Wenn ich wegkomme, wollen wir mittags zusammen essen? Ich dachte da an was ganz Schickes, wie zum Beispiel den Hot-Dog-Stand am Park.«

»Der Kurs ist heute Abend«, sagte sie. »Muss auch noch ein paar Sachen erledigen, und dann wollte ich noch bei Mom vorbeischauen.« Sie warf mir einen Blick zu. »Nicht, um sie anzuschnorren.«

»Alles klar.« Ich beschloss, keine Fragen mehr zu stellen.

Kelly kam in die Küche und hörte das Ende unseres Gesprächs. »Was gibt’s zum Frühstück?«

»Möchtest du Cheerios, Cheerios oder Cheerios?«, fragte Sheila.

Kelly tat, als müsse sie überlegen. »Ich glaub, ich nehm Müsli«, sagte sie und setzte sich an den Tisch.

Frühstück war bei uns nichts, wofür sich die Familie am Tisch versammelte, anders als beim Abendessen. Obwohl: Auch beim Abendessen klappte das nicht immer, insbesondere wenn ich wieder einmal von einer Baustelle nicht wegkam oder Sheila arbeitete oder auf dem Sprung zu ihrem Kurs war. Aber abends versuchten wir es wenigstens. Morgens war es aussichtslos. Ich nahm meinen Toast und meinen Kaffee im Stehen zu mir und überflog dabei üblicherweise die Schlagzeilen der Morgenzeitung auf der Arbeitsplatte. Sheila löffelte Joghurt und Obst, und Kelly schaufelte ihre Frühstücksflocken möglichst schnell in sich hinein, damit sie nicht matschig wurden.

Während sie den nächsten Löffel zum Mund führte, fragte sie: »Wieso geht man freiwillig abends zur Schule, wenn man erwachsen ist und da gar nicht mehr hin muss?«

»Wenn ich mit diesem Kurs fertig bin«, sagte Sheila, »dann kann ich deinem Vater mehr helfen, das hilft der ganzen Familie und damit auch dir.«

»Wie soll mir das helfen?«, fragte Kelly.

Da schaltete ich mich ein. »Weil die Firma, wenn sie gut geführt wird, mehr Geld abwirft, und das hilft dir.«

»Weil du mir dann mehr kaufen kannst?«

»Nicht unbedingt.«

Kelly trank von ihrem Orangensaft. »Ich würde nie abends zur Schule gehen. Oder im Sommer. Da lass ich mich eher umbringen.«

»Wenn du wirklich gute Noten schreibst, wird das auch nicht nötig sein«, sagte ich mit einem warnenden Unterton. Ihre Lehrerin hatte schon angerufen, weil Kelly ihre Hausaufgaben nur unvollständig erledigte.

Darauf wusste Kelly nichts zu sagen und konzentrierte sich auf ihre Cheerios. Auf dem Weg zur Tür umarmte sie ihre Mutter, ich musste mich mit einem Winken begnügen. Sheila merkte, dass mir die abweisende Geste nicht entgangen war, und sagte: »Das kommt davon, wenn man so gemein ist.«

 

Gegen zehn rief ich zu Hause an.

»Hi«, sagte Sheila.

»Ah, du bist zu Hause. Ich war mir nicht sicher, ob ich dich erwischen würde.«

»Bin noch da. Was gibt’s?«

»Sallys Vater.«

»Was ist mit ihm?«

»Sie hat ihn vom Büro angerufen, und als er sich nicht meldete, ist sie heimgefahren. Ich hab sie gerade angerufen, um mich zu erkundigen, wie’s ihm geht. Es ist vorbei.«

»Er ist tot?«

»Ja.«

»O Gott. Wie alt war er denn?«

»Neunundsiebzig, glaub ich. Er war ja schon fast sechzig, als Sally auf die Welt kam.« Sheila kannte die Geschichte. Der Mann hatte eine zwanzig Jahre jüngere Frau geheiratet und es trotzdem geschafft, sie zu überleben. Sie war schon vor zehn Jahren an einem Aneurysma gestorben.

»Was ist passiert?«

»Keine Ahnung. Ich meine, er hatte Diabetes, und mit dem Herz hatte er’s auch. Könnte ein Herzinfarkt gewesen sein.«

»Wir müssen was für sie tun.«

»Ich habe ihr gesagt, ich komme vorbei, aber sie sagte, sie hätte jetzt alle Hände voll zu tun. Die Beerdigung ist wahrscheinlich in ein paar Tagen. Wir können alles besprechen, wenn du aus Bridgeport zurück bist.« Wo Sheilas Kurs stattfand.

»Wir helfen ihr. Wir waren immer für sie da.« Ich sah Sheila direkt vor mir, wie sie den Kopf schüttelte. »Hör mal«, sagte sie. »Ich mach mich jetzt auf die Socken. Ich habe Lasagne für dich und Kelly gemacht. Nach der Schule geht sie zu Joan und –«

»Alles klar. Danke.«

»Wofür?«

»Dafür, dass du nie aufgibst. Dich nicht unterkriegen lässt.«

»Ich tu halt, was ich kann.«

»Ich liebe dich. Ich weiß, ich kann ein richtiger Kotzbrocken sein, aber ich liebe dich.«

»Dito.«

 

Jetzt war es schon nach zehn. Sheila hätte längst zu Hause sein müssen.

Zum zweiten Mal innerhalb von zehn Minuten probierte ich es auf ihrem Handy. »Hallo, hier ist Sheila. Ich bin entweder gerade am Telefon, habe es nicht bei mir oder Angst ranzugehen, weil ich gerade mit dem Auto unterwegs bin. Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht.« Dann der Piepton.

»Hallo, ich noch mal«, sagte ich. »Ich steh tausend Ängste um dich aus. Ruf zurück.«

Ich legte das Schnurlostelefon zurück in die Ladeschale und lehnte mich mit verschränkten Armen an die Arbeitsplatte. Sheila hatte, wie versprochen, für Kelly und mich zwei Portionen Lasagne in den Kühlschrank gestellt, beide mit einer Frischhaltefolie luftdicht verschlossen. Als wir nach Hause gekommen waren, hatte ich Kellys Portion in der Mikrowelle aufgewärmt. Sie hätte gerne noch mehr gehabt, doch ich fand die Auflaufform nicht, aus der ich ihr einen Nachschlag hätte geben können. Ich hätte ihr allerdings meine Portion abtreten können, denn die stand ein paar Stunden später immer noch unberührt herum. Ich hatte keinen Hunger.

Mir schwirrte der Kopf. Keine neuen Aufträge in Sicht. Der Brand. Sallys Vater.

Und selbst wenn ich so spät abends noch Appetit bekommen hätte, der Umstand, dass Sheila immer noch nicht zu Hause war, machte mich langsam kirre.

Ihr Kurs am Bridgeport Business College war schon vor über anderthalb Stunden zu Ende gegangen, und die Heimfahrt dauerte gerade mal eine halbe Stunde. Sie war also schon eine Stunde überfällig. Gar so lang war das eigentlich nicht, und es gab genügend Erklärungen dafür.

Vielleicht war sie noch mit jemandem etwas trinken gegangen. Das war schon ein paarmal vorgekommen. Vielleicht gab es einen Stau auf der Autobahn. Es reichte, dass jemand eine Reifenpanne hatte, um den ganzen Verkehr ins Stocken zu bringen. Und ein Unfall würde sowieso alles lahmlegen.

Nichts davon war jedoch eine Erklärung dafür, dass sie nicht ans Handy ging. Es war nicht ungewöhnlich, dass sie nach dem Kurs vergaß, es wieder anzumachen, aber dann schaltete sich die Mailbox sofort ein. Doch das Handy klingelte. Vielleicht hatte sie es so tief in ihrer Tasche vergraben, dass sie es nicht hörte.

Ich fragte mich, ob sie vielleicht nach Darien gefahren war, um ihre Mutter zu besuchen, sich verplaudert und schließlich den Kurs hatte sausenlassen. Widerwillig rief ich an.

»Hallo?«

»Fiona, ich bin’s, Glen.«

Im Hintergrund hörte ich jemanden flüstern. »Wer ist denn das, Schatz?« Fionas Mann Marcus. Formal gesehen Sheilas Stiefvater, doch als Fiona ihn geheiratet hatte, war Sheila schon längst zu Hause aus- und mit mir zusammengezogen.

»Ja?«, sagte Fiona.

Ich erzählte ihr, dass Sheila noch nicht aus Bridgeport zurück sei, und fragte, ob sie vielleicht bei ihr sei.

»Sheila war heute gar nicht bei mir«, sagte sie. »Ich habe jedenfalls nicht mit ihr gerechnet. Sie hat nichts davon gesagt, dass sie herkommen wollte.«

Das kam mir merkwürdig vor. Als Sheila meinte, sie würde vielleicht bei Fiona vorbeischauen, dachte ich, sie habe das mit ihrer Mutter schon abgesprochen.

»Ist irgendwas, Glen?«, fragte Fiona in frostigem Ton, der weniger Besorgnis als Argwohn ausdrückte. Als könne ich was dafür, dass Sheila so lange wegblieb.

»Nein, alles bestens«, sagte ich. »Geh wieder ins Bett.«

Ich hörte leise Schritte die Treppe herunterkommen. Kelly kam in die Küche spaziert. Sie warf einen Blick auf die noch unberührte zweite Portion Lasagne und sagte: »Isst du die nicht?«

»Hände weg!«, sagte ich in der Hoffnung, dass mein Appetit sich vielleicht doch noch melden würde, wenn Sheila wieder da war. Ich sah auf die Küchenuhr. Viertel nach zehn. »Warum bist du nicht im Bett?«

»Weil du noch nicht gesagt hast, ich soll ins Bett gehen.«

»Was hast du denn die ganze Zeit gemacht?«

»Ich war am Computer.«

»Geh ins Bett«, sagte ich.

»Das war für die Schule«, sagte sie.

»Schau mich an.«

»Am Anfang schon«, sagte sie wie zu ihrer Verteidigung. »Und als ich fertig war, habe ich mit meinen Freundinnen gechattet.« Sie schob die Unterlippe vor, um sich ein paar blonde Locken wegzupusten, die ihr in die Augen gefallen waren. »Warum ist Mom noch nicht da?«

»Ihr Dingsda, ihr Kurs, hat wahrscheinlich länger gedauert«, sagte ich. »Ich schick sie dir für einen Gutenachtkuss hinauf, wenn sie heimkommt.«

»Aber woher soll ich wissen, ob ich ihn bekommen habe, wenn ich schlafe?«

»Sie wird’s dir morgen früh sagen.«

Kelly sah mich misstrauisch an. »Dann bekomm ich vielleicht gar keinen, aber ihr zwei würdet sagen, ich hab einen gekriegt.«

»Jetzt bist du uns auf die Schliche gekommen«, sagte ich. »Das Ganze ist ein Schwindel, den wir uns ausgedacht haben.«

»Wie du meinst.« Sie wandte sich um, schlurfte aus der Küche und tapste wieder nach oben.

Ich nahm den Hörer und versuchte es nochmals auf Sheilas Handy. Als ich ihre Ansage hörte, murmelte ich »Scheiße« und legte auf, bevor die Mailbox ansprang.

Ich ging hinunter in mein Kellerbüro. Durch die holzgetäfelten Wände wirkte der Raum dunkel und bedrückend. Und der Papierwust auf dem Schreibtisch trug auch nicht zur Aufheiterung der Atmosphäre bei. Seit Jahren schon wollte ich dieses Zimmer renovieren – vor allem die Täfelung durch Gipskartonplatten ersetzen und diese weiß streichen, damit es nicht mehr so klein wirkte – oder hinten am Haus anbauen, etwas Luftiges mit vielen Fenstern, auch im Dach. Doch wie das nun mal so ist mit Leuten, die Häuser bauen und renovieren: Für das eigene nimmt man sich nie Zeit.

Ich ließ mich auf den Stuhl hinter dem Schreibtisch fallen und schob ein paar Papiere von hier nach da. Etliche Rechnungen von Lieferanten, die Pläne für eine neue Küche, die wir gerade oben in Derby bauten, ein paar Notizen zu einer freistehenden Doppelgarage in Devon, deren zukünftiger Besitzer dort seine zwei Corvette-Oldtimer unterbringen wollte.

Auch ein vorläufiger Bericht der Feuerwehr Milford war darunter. Es ging um die Ursache für den Hausbrand letzte Woche, das Haus, das wir für Arnett und Leanne Wilson in der Shelter Cove Road bauten. Ich überflog das Schreiben und las vielleicht zum hundertsten Mal das Ende: »Mögliche Brandursache: technischer Defekt im Schaltkasten.«

Es handelte sich um ein einstöckiges Wohnhaus mit drei Schlafzimmern. Wir hatten es an der Stelle eines Vorkriegsbungalows erbaut, den bestimmt bald ein starker Ostwind umgeblasen hätte, wenn wir nicht vorher mit der Abrissbirne angerückt wären. Das Feuer war kurz vor eins ausgebrochen. Der Rohbau war fertig. Holzrahmen und Mauern hochgezogen, Dach an Ort und Stelle, Elektroinstallationen fix und fertig. Wir verlegten gerade Rohre, und Doug Pinder, meine rechte Hand, und ich holten uns den Strom für unsere Tischkreissäge aus den frisch eingebauten Steckdosen. Ken Wang, unser Chinese mit dem Südstaatenakzent – seine Eltern waren von Peking nach Kentucky ausgewandert, als er noch in den Windeln lag, und wir lachten uns jedes Mal schlapp, wenn er »Herrschaften« sagte –, und Stewart Minden, unser Neuzugang aus Ottawa, der ein paar Monate bei Verwandten in Stratford wohnte, waren im Obergeschoss und versuchten zu verstehen, wo die Armaturen im großen Bad hin sollten.

Doug roch den Rauch zuerst. Dann sahen wir ihn auch schon aus dem Keller hochsteigen.

Ich brüllte zu Ken und Stewart hinauf, sie sollten zusehen, dass sie so schnell wie möglich aus dem Haus kamen. Sie stürzten die teppichlose Treppe herunter und zusammen mit Doug zur Tür hinaus.

Dann tat ich etwas sehr, sehr Dummes.

Ich rannte hinaus zu meinem Pick-up, schnappte mir den Feuerlöscher und hetzte zurück ins Haus. Auf halbem Weg hinunter in den Keller wurde der Rauch so dick, dass ich nichts mehr sah. Ich hielt mich an dem provisorischen Holzhandlauf fest und gelangte so bis zur untersten Stufe. Wenn ich aufs Geratewohl mit dem Feuerlöscher herumspritzte, dachte ich, würde ich bestimmt auch den Brandherd treffen und das Haus retten.

Wirklich saublöd von mir.

Ich musste sofort loshusten, und meine Augen brannten wie verrückt. Ich machte kehrt und wollte wieder hinaufrennen, fand jedoch die Treppe nicht mehr. Ich streckte meine freie Hand aus und schwenkte sie auf der Suche nach dem Handlauf hin und her.

Ich stieß auf etwas, das weicher war als Holz. Ein Arm.

»Komm her, du Blödarsch«, sagte Doug und packte mich. Er stand auf der untersten Stufe und zog mich zu sich.

Als wir röchelnd und hustend zur Haustür hinausstürzten, bog der erste Feuerwehrwagen um die Ecke. Nur wenige Minuten darauf war das ganze Haus umstellt.

»Sag Sheila nicht, dass ich noch mal da reingegangen bin«, bat ich Doug. »Sie würde mich umbringen.«

»Und es würde dir recht geschehen, Glenny«, sagte Doug.

Viel mehr als das Fundament war von dem Haus nicht übrig, als der Brand gelöscht war. Jetzt lag alles in den Händen der Versicherung, und wenn die auf stur schaltete, würde ich die Tausende, die der Wiederaufbau des Hauses kostete, aus eigener Tasche berappen müssen. Da war es wahrlich kein Wunder, dass ich nächtelang an die Decke starrte.

Etwas Derartiges war mir noch nie passiert. Ein Objekt durch einen Brand einzubüßen hatte mir nicht nur einen fürchterlichen Schrecken eingejagt, sondern mich auch völlig verunsichert. Wenn ich mich auf etwas verlassen konnte, dann auf die Qualität meiner Arbeit, darauf, dass ich das, was ich anpackte, auch richtig machte.

»Jeder fällt mal auf die Schnauze«, hatte Doug gesagt. »Dann stehen wir auf und machen weiter.«

Doug hatte gut reden. Es war schließlich nicht sein Name, der auf der Autotür stand.

Ich dachte, ich sollte vielleicht doch etwas essen, und stellte meine Lasagne in die Mikrowelle. Ich setzte mich an den Küchentisch und stocherte in meinem Teller herum. Das Zeug war innen noch kalt, aber ich hatte einfach keine Lust, die Prozedur zu wiederholen. Hätte ich den Kopf nicht so voll gehabt, hätte ich sie bestimmt auch kalt verschlungen. Lasagne war eine von Sheilas Spezialitäten, und wenn sie welche machte, in der bräunlichorangen Auflaufform – Sheila würde sagen, sie habe die Farbe einer Kakipflaume –, war immer genug für zwei, drei Mahlzeiten da. Also würde es in ein, zwei Tagen wieder Lasagne geben, vielleicht sogar Samstagmittag. Mir war’s recht.

Ich aß nicht mal die Hälfte, dann spannte ich die Folie wieder über den Teller und stellte ihn in den Kühlschrank.

Kelly war schon im Bett und hatte die Nachttischlampe an, als ich nach ihr sah. Sie las noch. Gregs Tagebuch.

»Licht aus, Mäuschen.«

»Ist Mom schon da?«, fragte sie.

»Nein.«

»Ich muss mit ihr reden.«

»Worüber denn?«

»Nichts.«

Ich nickte. Wenn Kelly etwas auf dem Herzen hatte, dann besprach sie das normalerweise mit ihrer Mutter. Sie war zwar erst acht, hatte aber trotzdem schon jede Menge Fragen über Jungs, die Liebe und die vielen neuen Dinge, die, wie sie wusste, in den nächsten Jahren auf sie zukommen würden. Das war, ich musste es zugeben, nicht gerade mein Spezialgebiet.

»Sei nicht böse«, sagte sie.

»Ich bin nicht böse.«

»Über manche Sachen redet sich’s mit Mom eben leichter. Aber ich habe euch beide gleich lieb.«

»Gut zu wissen.«

»Ich kann nicht einschlafen, solange sie nicht da ist.«

Da waren wir schon zwei.

»Leg deinen Kopf aufs Kissen. Dann döst du vielleicht trotzdem ein.«

»Bestimmt nicht.«

»Mach das Licht aus und probier’s mal.«

Kelly schaltete ihre Lampe aus. Ich küsste sie auf die Stirn, schlüpfte aus dem Zimmer und schloss leise die Tür hinter mir.

Noch eine Stunde verging. Ich versuchte es noch einige Male auf Sheilas Handy. Wanderte zwischen meinem Büro im Keller und der Küche hin und her, weil ich dabei an der Haustür vorbeikam und auf die Einfahrt hinausschauen konnte.

Kurz vor elf, ich stand wieder in der Küche, rief ich ihre Freundin Ann Slocum an. Jemand hob ab und legte wieder auf. Nur damit das Klingeln aufhörte. Wahrscheinlich Anns Mann. Darren. Würde ihm jedenfalls ähnlich sehen. Aber es war natürlich auch schon spät.

Also rief ich Belinda an, Sheilas andere Freundin. Die beiden hatten vor Jahren zusammen in der Bücherei gearbeitet. Ihre beruflichen Wege hatten sich getrennt, doch sie waren in engem Kontakt geblieben. Belinda war jetzt Immobilienmaklerin. Nicht unbedingt der ideale Job in Zeiten wie diesen, da die Leute lieber verkauften als kauften. Trotz Belindas unkalkulierbaren Arbeitszeiten gelang es ihr und Sheila, sich ein paarmal im Monat zum Mittagessen zu treffen, manchmal mit, manchmal ohne Ann.

Belindas Mann George meldete sich mit verschlafener Stimme. »Hallo?«

»George, Glen Garber hier. Tut mir leid, dass ich um diese Zeit noch störe.«

»Mensch, Glen, wie spät ist es denn?«

»Spät, ich weiß. Kann ich mit Belinda sprechen?«

Ich hörte gedämpfte Stimmen, ein Geschiebe und Geraschel, dann war Belinda am Apparat. »Glen! Alles in Ordnung?«

»Sheila hatte heute Abend ihren Kurs, und jetzt ist es schon so spät, und sie geht nicht ans Handy. Sie haben nicht zufällig was von ihr gehört, oder?«

»Was? Was reden Sie da? Sagen Sie das noch mal.« Jetzt klang Belindas Stimme richtiggehend verstört.

»Hat Sheila sich bei Ihnen gemeldet? Normalerweise ist sie um diese Zeit längst von ihrem Kurs zurück.«

»Nein. Wann haben Sie zuletzt mit ihr gesprochen?«

»Heute Morgen«, sagte ich. »Sie kennen doch Sally aus dem Büro?«

»Ja.«

»Ihr Vater ist gestorben, und ich habe Sheila angerufen, um es ihr zu sagen.«

»Dann haben Sie also fast den ganzen Tag nichts mehr von ihr gehört?« In Belindas Stimme lag eine gewisse Schärfe. Nicht direkt ein Vorwurf, aber irgendwas in der Art.

»Hören Sie, ich ruf nicht an, um Panik zu verbreiten. Ich wollte nur wissen, ob Sie vielleicht was gehört haben.«

»Nein. Nichts«, sagte Belinda. »Glen, wenn sie heimkommt, sagen Sie ihr bitte, sie soll mich sofort anrufen, ja? Ich meine, jetzt, wo Sie mir auch einen Schrecken eingejagt haben, will ich wissen, ob sie gut nach Hause gekommen ist.«

»Ich werd’s ihr sagen. Sagen Sie George, es tut mir leid, dass ich Sie beide geweckt habe.«

»Sie soll mich auf jeden Fall anrufen, hören Sie?«

»Versprochen«, sagte ich.

Ich legte auf und ging nach oben. Ich öffnete die Tür zu Kellys Zimmer einen Spalt und fragte: »Schläfst du?«

Aus der Dunkelheit kam ein hellwaches: »Nee.«

»Zieh dir schnell was an. Ich geh Mom suchen und will dich nicht allein im Haus lassen.«

Sie machte die Nachttischlampe an. Ich dachte schon, sie würde mit mir zu diskutieren anfangen, mir vorhalten, sie sei schon alt genug, um allein zu Hause zu bleiben, doch sie sagte: »Was ist passiert?«

»Keine Ahnung. Wahrscheinlich nichts. Bestimmt ist sie mit jemandem einen Kaffee trinken gegangen und hört ihr Handy nicht. Aber vielleicht hat sie auch eine Reifenpanne oder so was. Ich will die Strecke abfahren, die sie normalerweise nimmt.«

»Ich komme«, sagte Kelly und schwang die Beine aus dem Bett. Sie war nicht besorgt. Für sie war das ein Abenteuer. Sie zog sich ihre Jeans über den Schlafanzug. »Bin in zwei Sekunden fertig.«

Ich ging wieder nach unten, zog meine Jacke an, vergewisserte mich, dass ich mein Handy dabeihatte. Sollte Sheila doch noch anrufen, wenn wir schon aus dem Haus waren, würde sie es als Nächstes am Handy probieren. Kelly hüpfte in meinen Pick-up, schnallte sich an und sagte: »Kriegt Mom jetzt Ärger?«

Ich startete und warf Kelly einen Blick zu. »Ja, und zwar Hausarrest.«

Kelly kicherte. »Ich glaub’s auch.«

Als wir aus der Einfahrt waren und die Straße entlangfuhren, fragte ich Kelly: »Hat Mom irgendwas gesagt, was sie heute vorhat? Wollte sie zu ihren Eltern und hat sich’s dann anders überlegt? Hatte sie überhaupt Pläne?«

Kelly überlegte. »Ich glaube nicht. Kann sein, dass sie in der Apotheke war.«

Die war gleich bei uns um die Ecke. »Warum glaubst du, dass sie dort war?«

»Ich habe neulich gehört, wie sie am Telefon zu jemandem gesagt hat, sie muss noch irgendwelche Medikamente bezahlen.«

Darauf konnte ich mir keinen Reim machen, also ließ ich es sein.

Wir waren noch keine fünf Minuten unterwegs, da war Kelly schon eingenickt, den Kopf auf der Schulter. Wenn ich meinen Kopf länger als eine Minute so halten müsste, hätte ich einen Monat lang ein steifes Genick.

Ich fuhr über die Schoolhouse Road zur Auffahrt auf die Interstate 95 West. Das war die schnellste Verbindung zwischen Milford und Bridgeport, insbesondere zu dieser Stunde, und auch die Strecke, die Sheila am wahrscheinlichsten nehmen würde. Die ganze Zeit hielt ich Ausschau nach einem Subaru Kombi auf dem Seitenstreifen der Gegenfahrbahn.

Das war natürlich reine Spekulation. Aber irgendwas zu tun, egal was, war immer noch besser, als zu Hause rumzusitzen und sich Sorgen zu machen.

Ich ließ die andere Seite der Autobahn nicht aus den Augen, konnte aber weder Sheilas noch sonst einen Wagen auf dem Seitenstreifen entdecken.

Ich hatte Stratford schon beinahe hinter mir und fuhr gerade auf den Ortseingang von Bridgeport zu, da sah ich blinkende Lichter auf der anderen Seite. Nicht direkt auf der Straße, sondern eher auf einer Autobahnausfahrt. Ich stieg aufs Gas, um so schnell wie möglich die nächste Ausfahrt erreichen und wenden zu können.

Kelly schlief.

Ich fuhr von der I 95 ab, unterquerte sie und fuhr in der Gegenrichtung wieder rauf. Als ich mich der Abfahrt näherte, bei der ich die Lichter gesehen hatte, blinkte tatsächlich das Blaulicht eines Streifenwagens, der die Fahrbahn blockierte. Ich fuhr langsamer, aber der Polizist winkte mich weiter. Ich konnte die Abfahrt nicht weit genug einsehen, um erkennen zu können, was da los war, und mit Kelly im Wagen auf den Seitenstreifen einer vielbefahrenen Autobahn zu halten schien mir nicht sehr klug.

Also fuhr ich bei der nächsten Ausfahrt ab. Bestimmt konnte ich mich über Ortsstraßen zurück- und dann vom unteren Ende der Ausfahrt hocharbeiten. Zehn Minuten später war ich wieder da. Die Polizei hatte keine Straßensperre errichtet, weil hier ohnehin niemand auffahren würde. Ich fuhr am Beginn der Ausfahrt auf den Standstreifen und konnte zum ersten Mal sehen, was da eigentlich los war.

Ein Unfall. Und zwar ein richtig schwerer. Zwei Fahrzeuge. So übel zugerichtet, dass man die Wagentypen kaum erkennen konnte. Auch nicht, wie es zu dem Unfall gekommen sein mochte. Der mir nähere Wagen schien ein Kombi zu sein. Seitlich davon stand der andere, irgendeine Limousine. Es sah aus, als habe die Limousine den Kombi seitlich gerammt.

Sheila fuhr einen Kombi.

Kelly schlief noch immer tief und fest, und ich wollte sie nicht wecken. Ich stieg aus, drückte die Tür vorsichtig zu und ging die Ausfahrt hoch. An der Unfallstelle befanden sich drei Streifen- und zwei Abschleppwagen sowie ein Feuerwehrfahrzeug.

Beim Näherkommen konnte ich die Unfallfahrzeuge deutlicher erkennen. Die Knie begannen mir zu zittern. Ich warf einen Blick zu meinem Pick-up zurück, vergewisserte mich, dass ich Kelly am Beifahrerfenster sehen konnte.

Ein Polizist hinderte mich am Weitergehen.

»Tut mir leid, Sir«, sagte er, »Sie können hier nicht weiter.«

»Was ist das für ein Wagen?«, fragte ich.

»Bitte, Sir –«

»Der Kombi da. Was ist das für eine Marke?«

»Ein Subaru«, antwortete der Polizist.

»Nummer?«, fragte ich.

»Wie bitte?«

»Ich muss das Nummernschild sehen.«

»Glauben Sie, Sie wissen, wessen Wagen das ist?«, fragte er.

»Lassen Sie mich das Schild sehen.«

Er ließ mich näher kommen, führte mich zu einer Stelle, von der aus ich das Heck des Kombis sehen konnte. Das Kennzeichen war deutlich zu lesen.

Ich erkannte die Kombination aus Ziffern und Buchstaben.

»Oh, Gott«, sagte ich, und alle Kraft schien mich zu verlassen.

»Sir?«

»Das ist das Auto meiner Frau.«

»Wie heißen Sie, Sir?«

»Glen Garber«, sagte ich. »Dieser Wagen, er gehört meiner Frau. Das ist ihr Kennzeichen. Oh, Gott.«

Der Polizist trat einen Schritt auf mich zu.

»Ist ihr was passiert?«, fragte ich, und mein ganzer Körper fühlte sich an, als hielte ich mich an einem stromführenden Kabel fest. »Wissen Sie, wo sie sie hingebracht haben? In welches Krankenhaus? Können Sie’s rausfinden? Ich muss da hin. Ich muss sofort da hin.«

»Mr. Garber«, sagte der Polizist.

»Nach Milford?«, fragte ich. »Nein, warten Sie, Bridgeport ist näher.« Ich wollte mich schon umdrehen und zum Wagen zurücklaufen.

»Mr. Garber, Ihre Frau wurde nicht ins Krankenhaus gebracht.«

Ich hielt in der Bewegung inne. »Was?«

»Sie ist noch im Wagen. Es tut mir leid, aber –«

»Was reden Sie denn da?«

Ich sah mir die verbeulten Überreste des Subaru genauer an. Der Polizist musste sich irren. Hier waren nirgendwo Sanitäter, niemand von den herumstehenden Feuerwehrleuten hantierte mit einem Rettungsspreizer, um sich zum Fahrer durchzuarbeiten.

Ich rannte zum Wagen, vor zur eingedrückten Fahrerseite, sah durch das, was von der Tür übrig geblieben war, in den Fahrgastraum hinein.

»Sheila«, sagte ich. »Sheila, mein Schatz.«

Das Fensterglas war in Millionen rosinengroße Scherben zerborsten. Ich fing an, sie ihr von der Schulter zu bürsten, sie ihr einzeln aus dem blutverklebten Haar zu picken. Wieder und immer wieder sagte ich ihren Namen.

»Sheila? Lieber Gott, bitte, Sheila …«

»Mr. Garber«, sagte der Polizist hinter mir. Ich spürte eine Hand auf meiner Schulter. »Bitte kommen Sie mit.«

»Sie müssen sie da rausholen«, sagte ich. Benzingeruch stieg mir in die Nase, und ich hörte etwas tropfen.

»Das werden wir, ich versprech’s Ihnen. Bitte, kommen Sie mit.«

»Sie ist nicht tot. Sie müssen –«

»Bitte, Sir. Es tut mir leid. Aber es gab keine Vitalzeichen mehr.«

»Nein, Sie irren sich.« Ich streckte meinen Arm in den Wagen und legte ihn um ihren Kopf. Der kippte zur Seite.

Da wusste ich es.

Der Polizist fasste mich fest am Arm und sagte: »Sie müssen weg vom Auto. Es ist gefährlich, hier stehen zu bleiben.« Er zog mich mit Gewalt weg, und ich wehrte mich nicht. Nach zehn, zwölf Metern musste ich stehen bleiben. Ich beugte mich vor und stützte die Hände auf die Knie.

»Alles in Ordnung mit Ihnen?«

Den Blick zu Boden gerichtet, sagte ich: »Meine Tochter ist bei mir im Wagen. Können Sie sie sehen? Schläft sie?«

»Ja, ich seh das Obere ihres Kopfes. Sieht aus, als ob sie noch schläft.«

Ich atmete mehrmals tief ein, dann richtete ich mich wieder auf. Sagte wahrscheinlich zehn Mal hintereinander »Oh, Gott«. Der Polizist stand da und wartete geduldig, bis ich mich so weit erholt hatte, dass er mir ein paar Fragen stellen konnte.

»Ihre Frau heißt Sheila? Sheila Garber?«

»Genau.«

»Wissen Sie, was sie heute Abend getan hat? Wo sie hinwollte?«

»Sie hatte heute Abend einen Kurs. Am Bridgeport Business College. Sie lernt Buchhaltung und so was, um mir in der Firma zu helfen. Was ist passiert? Was ist hier passiert? Wie konnte das passieren? Wer, zum Teufel, hat diesen anderen Wagen gelenkt? Was hat er gemacht?«

Der Polizist senkte den Kopf. »Mr. Garber, im Moment sieht es so aus, als sei bei diesem Unfall Alkohol im Spiel gewesen.«

»Was? Trunkenheit am Steuer?«

»So sieht es aus, ja.«

Jetzt mischte sich Wut zu meinem Schock und meiner Trauer. »Wer hat diesen Wagen gefahren? Was für ein hirnverbrannter Idiot –«

»Im anderen Wagen saßen drei Menschen. Einer hat überlebt. Ein Junge auf dem Rücksitz. Die beiden Toten sind sein Vater und sein Bruder.«

»Mein Gott, wer setzt sich denn besoffen hinters Steuer, wenn er seine Jungen dabeihat und –«

»Danach sieht es leider nicht aus, Sir«, sagte der Polizist.

Ich sah ihn an. Worauf wollte er denn hinaus? Dann fiel der Groschen. Nicht der Vater hatte am Steuer gesessen, sondern einer der Söhne.

»Einer der Jungen ist besoffen gefahren?«

»Mr. Garber, bitte. Sie müssen sich beruhigen. Sie müssen mir zuhören. Wie’s aussieht, hat Ihre Frau den Unfall verursacht.«

»Was?«

»Sie hat die falsche Auffahrt genommen, ist dann auf halber Strecke stehen geblieben, mitten auf der Fahrbahn, ohne Licht. Wir gehen davon aus, dass sie eingeschlafen ist.«

»Was reden Sie denn da, zum Teufel noch mal?«

»Und dann«, fuhr er fort, »kam der andere Wagen mit hundert von der Autobahn herunter. Der Fahrer muss den Wagen Ihrer Frau erst im letzten Moment gesehen haben und ist dann voll auf die Bremse gestiegen.«

»Aber er war besoffen, oder?«

»Das wollte ich nicht damit sagen, Mr. Garber. Bitte verzeihen Sie mir, wenn ich Sie das frage, aber setzte sich Ihre Frau öfter ans Steuer, wenn sie getrunken hatte? Normalerweise geht das schon eine ganze Weile so, bis jemand tatsächlich einen Unfall baut –«

Sheilas Wagen ging in Flammen auf.

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Zwei

Ich hatte jedes Zeitgefühl verloren. Wie lange stand ich schon vor Sheilas Kleiderschrank? Zwei Minuten? Fünf? Zehn?

In den vergangenen zwei Wochen hatte ich nicht oft hineingeschaut. Ich hatte es sogar tunlichst vermieden. Direkt nach ihrem Tod musste ich natürlich ein wenig darin herumsuchen. Der Sarg würde zwar geschlossen bleiben, trotzdem brauchte der Bestattungsunternehmer was zum Anziehen für sie. Er hatte sein Bestes getan. Die Glasscherben hatten Sheila wie Schrotkugeln durchsiebt. Und die Wirkung der nachfolgenden Explosion, durch die auch das Wageninnere in Mitleidenschaft gezogen worden war, hatte dem Bestatter die Arbeit auch nicht gerade leichter gemacht, obwohl die Feuerwehrleute den Brand schnell gelöscht hatten. Das Ergebnis war etwas, das eine entfernte Ähnlichkeit mit Sheila hatte, als sie noch lebte.

Aber ich musste die ganze Zeit daran denken, wie es Kelly gehen würde, wenn sie Sheila bei der Gedenkzeremonie so sah, dieses Etwas, das ihrer Mutter nur vage ähnelte. Und wie alle anderen Gäste sich genötigt sehen würden zu sagen, dass der Bestatter wahre Wunder vollbracht hatte, was uns beide nur daran erinnern würde, in welchem Zustand das Objekt seiner Bemühungen gewesen war.

Wir nehmen einen geschlossenen Sarg, hatte ich entschieden.

Der Bestatter sagte, genau so würden sie es machen, dennoch brauche er etwas zum Anziehen für Sheila.

Also suchte ich ein dunkelblaues Kostüm heraus, Unterwäsche, Schuhe. Davon hatte Sheila jede Menge, und ich wählte ein Paar halbhohe Pumps. Davor hatte ich schon ein Paar mit höheren Absätzen in der Hand gehabt, doch dann fiel mir ein, dass Sheila die immer unbequem gefunden hatte, und ich stellte sie zurück.

Damals, als ich ihr diesen begehbaren Kleiderschrank gebaut hatte, indem ich ein paar Meter von unserem großen Schlafzimmer abknapste, hatte Sheila zu mir gesagt: »Nur damit das klar ist: Dieser Schrank gehört mir ganz allein. Für dich reicht diese erbärmliche kleine Telefonzelle da drüben, mehr wirst du dein Lebtag lang nicht brauchen, und ich verbitte mir jeden Übergriff auf mein Territorium.«

»Was mir Sorgen macht«, hatte ich erwidert, »ist, dass du auch einen Flugzeughangar füllen könntest, wenn ich dir einen bauen würde. Dein Zeug dehnt sich immer auf den Raum aus, den man ihm zugesteht. Jetzt mal ehrlich, wie viele Taschen braucht ein einziger Mensch?«

»Und wie viele Elektrowerkzeuge braucht ein einziger Mensch für eine einzige Arbeit?«

»Sag mir nur, hier und jetzt, dass du dich auf dein Territorium beschränken wirst. Dass du nie, nie, nie irgendwas von deinen Sachen in meinen Schrank stopfen wirst, der eh schon nicht größer ist als eine Minibar.«

Statt einer direkten Antwort legte sie die Arme um mich, drängte mich an die Wand und sagte: »Weißt du, was ich glaube, wofür dieser Schrank noch groß genug ist?«

»Keine Ahnung. Aber wenn du’s mir sagst, könnte ich mein Maßband rausholen und nachmessen.«

»Oh, es gibt auf jeden Fall etwas, das ich gern nachmessen würde.«

Das war einmal.

Jetzt stand ich vor dem Kleiderschrank und fragte mich, was ich mit dem ganzen Kram tun sollte. Aber vielleicht war es noch zu früh, mich damit zu beschäftigen. Mit all diesen Blusen und Pullovern und Kleidern und Röcken und Schuhen und Taschen und Schuhkartons vollgestopft mit Briefen und Andenken, und alle verströmten ihren Duft, das, was ihr Wesen ausgemacht und was sie zurückgelassen hatte.

All das zu sehen machte mich traurig. Und es machte mich wahnsinnig.

»Zum Teufel mit dir«, sagte ich leise.

Mir fiel wieder ein, dass ich damals auf dem College etwas über die verschiedenen Phasen der Trauer gelernt hatte: Verhandeln, Nicht-wahrhaben-Wollen, Akzeptanz, Zorn, Depression, wenn auch nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Woran ich mich nicht erinnerte, war, ob man diese Phasen vor seinem eigenen Sterben oder nach dem Tod eines nahestehenden Menschen durchlief. Damals jedenfalls klang es mir nach ausgemachtem Schwachsinn, und heute eigentlich auch noch. Was ich jedoch nicht verleugnen konnte, war dieses überwältigende Gefühl, das seit Sheilas Beerdigung vor ein paar Tagen in mir rumorte.

Zorn.

Natürlich war ich am Boden zerstört. Ich konnte es nicht fassen, dass Sheila nicht mehr da war. Wusste nicht, wie es ohne sie weitergehen sollte. Sie war die große Liebe meines Lebens, und jetzt hatte ich sie verloren. Natürlich trauerte ich. Wenn ich einen Augenblick für mich allein hatte, sicher sein konnte, dass Kelly mich nicht dabei ertappen würde, leistete ich mir den Luxus, mich völlig gehenzulassen. Ich stand unter Schock, fühlte mich leer, deprimiert.

Aber eigentlich war ich nur eines: rasend. Ich kochte vor Wut. Ein Gefühl, das mir völlig fremd war. Reiner, unverdünnter Zorn. Und es gab kein Ventil dafür.

Ich musste mit Sheila reden. Es gab ein paar Fragen, die ich loswerden musste.

»Verdammt noch mal, was hast du dir dabei gedacht? Wie konntest du mir das antun? Wie konntest du Kelly das antun? So was Hirnverbranntes! Scheiße, was in aller Welt ist in dich gefahren? Wer oder was bist du eigentlich? Was ist aus der klugen, vernünftigen Frau geworden, die ich geheiratet habe? Die wäre nämlich ganz bestimmt nicht in diesen Wagen gestiegen.«

Tausend Fragen gingen mir durch den Kopf. Und nicht nur manchmal. Ständig. In jeder wachen Minute.

Wie kam meine Frau dazu, sich sternhagelvoll ans Steuer zu setzen? Warum sollte sie so etwas für sie völlig Untypisches tun? Was hatte sich in ihrem Kopf abgespielt? Welche Dämonen hatte sie die ganze Zeit vor mir verborgen? Als sie den Zündschlüssel umdrehte, anscheinend mit mehr Alkohol als Blut in den Adern, hatte sie da ihren Verstand noch so weit beisammen, dass sie wusste, was sie tat? War ihr klar, dass sie mit ihrem Leben spielte, und nicht nur mit ihrem?

Hatte sie das alles vielleicht mit Absicht getan? Wollte sie sterben? Hatte sie eine geheime Todessehnsucht mit sich herumgetragen?

Ich musste es wissen. Der Wunsch, das zu wissen, war wie ein Schmerz. Und nichts und niemand konnte diesen Schmerz lindern.

Vielleicht hätte ich Sheila bedauern müssen. Mitleid für sie empfinden müssen, dass sie, aus mir unverständlichen Gründen, etwas so Wahnsinniges getan und letztendlich den Preis für so viel Unverstand gezahlt hatte.

Aber davon spürte ich nichts. Wut und Enttäuschung darüber, was sie ihren Hinterbliebenen angetan hatte, war alles, was ich fühlen konnte.

»Es ist unverzeihlich«, flüsterte ich. »Absolut un-«

»Dad?«

Ich fuhr herum.

Kelly stand neben dem Bett. Sie trug Jeans und eine leichte Jacke, einen Rucksack über eine Schulter gehängt. Das Haar hatte sie sich mit einem roten Gummi zu einem Pferdeschwanz hochgebunden.

»Ich bin fertig«, sagte sie.

»Gut«, antwortete ich.

»Hast du mich nicht gehört? Ich hab dich gerufen. Mindestens hundert Mal.«

»Tut mir leid.«

Sie schaute an mir vorbei in den Kleiderschrank ihrer Mutter und machte ein vorwurfsvolles Gesicht. »Was machst du da?«

»Nichts. Rumstehen.«

»Du denkst doch nicht daran, Moms Sachen wegzuschmeißen?«

»Eigentlich hab ich an überhaupt nichts gedacht. Aber, ja, irgendwann muss ich auch entscheiden, was mit ihren Kleidern geschehen soll. Ich meine, bis du sie tragen kannst, sind sie längst aus der Mode.«

»Ich will sie nicht tragen. Ich will sie behalten.«

»Na gut«, sagte ich besänftigend.

Damit war sie anscheinend zufrieden. Sie blieb noch einen Augenblick stehen, dann sagte sie: »Kannst du mich jetzt bringen?«

»Bist du sicher, dass du da hin willst?«, fragte ich. »Bist du schon so weit?«

Kelly nickte. »Ich will nicht die ganze Zeit mit dir zu Hause rumsitzen.« Sie biss sich auf die Unterlippe. »Ist nicht bös gemeint.«

»Ich hol nur meine Jacke.«

Ich ging hinunter und holte sie aus der Garderobe. »Hast du alles?«

»Ja.«

»Schlafanzug?«

»Ja.«

»Zahnbürste?«

»Ja.«

»Hausschuhe?«

»Ja.«

»Hoppy?« Den Stoffhasen, den sie noch immer mit ins Bett nahm.

»Daaad. Ich hab alles, was ich brauche. Wenn du mit Mom weggefahren bist, musste sie dir immer sagen, was du mitnehmen sollst. Und das ist doch nicht das erste Mal, dass ich woanders übernachte.«

Da hatte sie recht. Es war nur das erste Mal, dass sie über Nacht weg war, seit ihre Mutter nicht mehr bei uns war.

Es würde ihr guttun, aus dem Haus zu kommen, bei Freunden zu sein. Meine Gesellschaft konnte niemandem zuträglich sein.

Ich rang mir ein Lächeln ab. »Deine Mutter sagte immer, hast du dies eingesteckt, hast du das eingesteckt, und ich sagte, ja klar, ich bin doch nicht ganz vertrottelt. Und die Hälfte von den Sachen, die sie aufzählte, hatte ich natürlich vergessen, und dann musste ich mich ins Schlafzimmer schleichen und sie holen. Einmal hatte ich sogar vergessen, Unterwäsche zum Wechseln einzupacken. Ganz schön blöd, was?«

Ich dachte, sie würde vielleicht zurücklächeln, aber keine Chance. Ihre Mundwinkel waren in den vergangenen sechzehn Tagen nicht oft nach oben gegangen. Manchmal, wenn wir aneinandergekuschelt auf der Couch saßen, lachte sie über etwas Lustiges im Fernsehen. Doch wenn sie sich dabei ertappte, hörte sie gleich wieder auf, so als hätte sie kein Recht mehr zu lachen, als gäbe es für sie nichts Lustiges mehr. Es war, als schämte sie sich, dass es überhaupt noch etwas gab, das sie fröhlich stimmen konnte.

»Hast du dein Telefon?«, fragte ich, als wir schon im Wagen saßen. Ich hatte ihr nach dem Tod ihrer Mutter ein Handy gekauft, damit sie mich jederzeit erreichen konnte. Und ich sie natürlich auch. Was für ein Luxus für ein Kind ihres Alters, dachte ich, als ich es kaufte, stellte jedoch bald fest, dass sie keineswegs das einzige war. Immerhin lebten wir in Connecticut, wo manche Kinder mit acht schon ihren eigenen Psychiater hatten, von einem Telefon ganz zu schweigen. Und ein Mobiltelefon war heutzutage ja längst nicht mehr nur ein Telefon. Kelly lud Lieder darauf, fotografierte damit und filmte sogar kurze Videos. Einiges davon konnte mein Handy bestimmt auch, doch ich benutzte es hauptsächlich zum Telefonieren und dazu, auf Baustellen zu fotografieren.

»Hab ich«, sagte sie, ohne mich anzusehen.

»Ich will ja nur sichergehen«, sagte ich. »Wenn etwas ist, wenn du heimkommen willst, dann ruf mich an. Egal, wie spät es ist. Ich komm auch um drei Uhr morgens, wenn irgendwas –«

»Ich will auf eine andere Schule«, sagte Kelly und sah mich erwartungsvoll an.

»Was?«

»Ich hasse meine Schule. Ich will woandershin.«

»Warum?«

»Da nerven alle.«

»Geht’s auch ein bisschen genauer, Kleines?«

»Die sind alle gemein.«

»Was meinst du mit ›alle‹? Emily Slocum mag dich. Sonst hätte sie dich nicht eingeladen, bei ihr zu übernachten.«

»Alle anderen hassen mich.«

»Jetzt erzähl mir ganz genau, was passiert ist.«

Sie schluckte, sah zu Boden. »Sie nennen mich –«

»Wie, mein Schatz. Wie nennen sie dich?«

»Säuferkind.«

Ich spürte, wie mein Kiefer sich anspannte.

»Wegen Mom und dem Unfall, du weißt schon.«