Weiße Nächte - Jim Butcher - E-Book
Beschreibung

Jemand hat es auf die Magiekundigen Chicagos abgesehen, und zwar auf die Mitglieder der übernatürlichen Unterschicht, die nicht mächtig genug sind, um zu echten Magiern zu werden. Manche sind verschwunden, andere scheinen sich umgebracht zu haben. Doch dann hinterlässt der Schuldige seine Visitenkarte an einem der Tatorte - als Gruß an Harry Dresden. Harry macht sich auf, den Mörder zu finden, aber seine Nachforschungen fördern Beweise gegen einen Verdächtigen zutage, an dessen Schuld er nicht glauben mag: seinen Halbbruder Thomas. Um dessen Namen reinzuwaschen, lässt sich Harry auf einen übernatürlichen Machtkampf ein, bei dem er nicht nur zahlenmäßig unterlegen und gefährlich anfällig für Verführung ist. Harry weiß: Wenn er diesmal Mist baut, werden Menschen sterben - und einer davon wird sein Bruder sein ... Butchers neuester Fantasy-Noir-Roman um Harry Dresden besticht durch eine komplexe Handlung, einem Wettlauf gegen die Zeit, Feuergefechten, Explosionen und jeder Menge Magie.

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Seitenzahl:692

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Autor: Jim Butcher

Deutsch von: Dominik Heinrici

Lektorat: Oliver Hoffmann

Korrektorat: Jana Gengnagel und Daniela Tilg

Art Director: Oliver Graute

Umschlagillustration: Chris McGrath

© Jim Butcher 2007

© der deutschen Übersetzung Feder&Schwert 2012

E-Book-Ausgabe

ISBN 978-3-86762-129-8

Originaltitel: White Night

Weiße Nächte ist ein Produkt von Feder&Schwert unter Lizenz von Jim Butcher 2011. Alle Copyrights mit Ausnahme dessen an der deutschen Übersetzung liegen bei Jim Butcher.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck außer zu Rezensionszwecken nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Die in diesem Buch beschriebenen Charaktere und Ereignisse sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit zwischen den Charakteren und lebenden oder toten Personen ist rein zufällig.

Die Erwähnung von oder Bezugnahme auf Firmen oder Produkte auf den folgenden Seiten stellt keine Verletzung des Copyrights dar.

www.feder-und-schwert.com

Für die jüngsten Mitglieder meiner Familie, Jesse und Dara

Danksagung

Für dieses Buch, wie auch für den Rest der Reihe, schulde ich den üblichen Verdächtigen Dank: den Insassen des Beta Foo Asylums, semper criticas. Dank auch an meine Agentin Jenn und meine Lektorin Anne, und ich danke dir, Shannon, mein Engel. Ihr alle habt mir weit mehr geholfen, als euch bewusst ist – ja, klar, gut, Shannon wahrscheinlich mehr als alle anderen. Aber trotzdem Dank an alle!

1. Kapitel

Viele Dinge sind nicht, wie sie scheinen: Die schlimmsten Dinge im Leben sind das niemals.

Ich lenkte meinen schlachtenerprobten, bunten, alten Käfer in Richtung eines heruntergekommenen Wohngebäudes in Chicago, der keine fünf Blocks von meiner eigenen Kellermietwohnung entfernt war. Normalerweise geht es ganz schön hektisch zu, wenn mich die Cops erst einmal hinzugezogen haben; es gibt mindestens eine Leiche, mehrere Autos, eine ganze Menge blinkender blauer Einsatzlichter, gelb-schwarzes Absperrband und Presseheinis – oder zumindest die Vorahnung, dass diese in naher Zukunft auf der Bildfläche erscheinen würden.

Dieser Tatort war völlig ruhig. Ich konnte keine Streifen- und nur einen einzigen Krankenwagen ausmachen, der mit abgeblendeten Lichtern abgestellt war. Eine junge Mutter schlenderte an mir vorbei, einen Sprössling im Kinderwagen, während der andere unsicher an der Hand seiner Mutter an mir vorbeizuckelte. Ein älterer Herr führte seinen Labrador an meinem Auto vorbei Gassi. Niemand gammelte einfach nur herum, um neugierig zu glotzen oder sonst irgendetwas Ungewöhnliches zu tun.

Verrückt.

Doch auch wenn es mitten an einem sonnigen Nachmittag im Mai war, kroch mir ein Schauer den Nacken empor. Normalerweise begann ich ja erst, die Nerven zu verlieren, wenn ich irgendeinem Ding, das einem Alptraum entsprungen sein mochte, dabei zusehen musste, wie es sich auf viel zu anschauliche Weise anschickte, etwas Mörderisches zu unternehmen.

Ich schob das Ganze auf die Paranoia, die mein fortgeschrittenes Alter mit sich brachte. Zugegeben, ich war wirklich nicht besonders alt, vor allem nicht für einen Magier, aber das Alter schritt nun einmal unaufhaltsam voran, und ich hegte den Verdacht, es führte nichts Gutes im Schilde.

Ich parkte den Käfer und betrat den Wohnblock. Ich erstieg mehrere Treppen. Die Fliesen an den Wänden hätten dringend einer Renovierung bedurft oder zumindest einmal ordentlich gewienert werden müssen. Ich ließ das Treppenhaus hinter mir und fand mich in einem Gang wieder, dessen graublauer Teppich dermaßen abgetreten war, dass sich eine speckig glänzende, platt gewalzte Fläche in der Mitte gebildet hatte. Die Türen zu den einzelnen Wohnungen waren schon ordentlich mitgenommen und alt, doch sie bestanden dennoch aus massivem Eichenholz. Murphy wartete schon auf mich.

Murphy war knapp über eins fünfzig, brachte kaum fünfzig Kilo auf die Waage und wirkte nicht gerade wie ein zäher Bulle aus Chicago, der Monster und Durchgeknallte mit Nerven aus Stahl in Grund und Boden starren konnte. Knallharte Bräute wie sie sollten einfach keine Blondinen mit süßem Näschen sein. Manchmal beschlich mich der Verdacht, Murphy sei nur ein knallharter Cop geworden, um die Inkonsequenz des Universums zu beweisen – egal, wie himmelblau ihre Augen blitzten oder wie harmlos sie auf den ersten Blick erschien, nichts konnte den Stahl in ihrem Wesen verbergen. Sie bedachte mich mit einem Wir-arbeiten-hier-Nicken und einem knappen Gruß. „Dresden.“

„Lieutenant Murphy“, murmelte ich gedehnt und verbeugte mich mit einem manieriert ausgestreckten Arm, völlig im Gegensatz zu ihrem schroffen Empfang. Ich tat das nicht im Mindesten, um die Inkonsequenz des Universums zu beweisen. So war ich nicht. „Ein weiteres Mal bin ich von Eurer Anwesenheit nahezu geblendet.“

Eigentlich hatte ich ein verächtliches Schnauben erwartet. Stattdessen warf sie mir schwach ein gezwungenes, höfliches Lächeln zu und verbesserte mich sanft: „Sergeant Murphy.“

Fettnäpfchen auf, Fuß rein. Großartig, Harry! Die Anfangsmelodie dieses Falles war noch nicht einmal verklungen, und schon hatte ich Murphy daran erinnert, was es bedeutete, meine Freundin und Verbündete zu sein.

Murphy war einst ein Detective Lieutenant der Sondereinheit der Polizei von Chicago gewesen. Diese war die Antwort der Polizei auf alle Probleme, die man nicht mit ruhigem Gewissen in die Kategorie „normal“ einreihen konnte. Falls ein Vampir einen Durchreisenden abschlachtete, ein Ghul einen Nachtwächter auf dem Friedhof abmurkste oder eine Fee jemanden verfluchte, worauf sein Haar nach innen statt außen zu wachsen begann, musste irgendjemand diesen Umtrieben auf den Grund gehen. Jemand musste sich der Sache annehmen und der Regierung und all den braven Bürgern da draußen versichern, die Welt gehe ihren geordneten, normalen Gang. Es war ein undankbarer Job, aber die Sondereinheit verrichtete ihn durch puren Mut, Hartnäckigkeit, Gerissenheit und indem sie hie und da bei einem Magier namens Harry Dresden anklingelte, der ihr aus der Patsche helfen sollte.

Ihre Chefs waren ganz schön aus der Haut gefahren, als sie in einer Krisensituation ihre Pflicht vernachlässigt hatte, um mir bei einem Fall zu helfen. Man hatte sie schon mit der Versetzung zur Sondereinheit ins berufliche Sibirien abgeschoben. Als sie ihr in der Folge auch noch Rang und Status genommen hatten, für die sie sich den Arsch abgearbeitet hatte, hatten sie sie erniedrigt und ihrem Selbstbewusstsein und Stolz einen brutalen Tritt in die Magengrube verpasst.

„Sergeant“, seufzte ich. „Tut mir leid, Murph. Ich hab’s vergessen.“

Sie zuckte die Achseln. „Keine Sorge. Ich vergesse es auch manchmal. Meist, wenn ich einen Anruf beantworte.“

„Dennoch. Ich sollte nicht so dumm sein.“

„Das finden wir alle, Harry“, sagte Murphy und boxte mich spielerisch mit einer Faust in den Bizeps. „Niemand gibt dir die Schuld.“

„Das ist ein Zeichen wahrer Größe, Minnie Maus“, erwiderte ich.

Sie schnaubte und drückte den Knopf, um den Aufzug zu rufen. Auf dem Weg nach oben fragte ich: „Hier ist es um einiges ruhiger als an den meisten anderen Tatorten, oder irre ich mich?“

Sie schnitt eine Grimasse. „Das ist keiner.“

„Nicht?“

„Nicht wirklich“, sagte sie. Sie sah zu mir auf. „Nicht offiziell.“

„Aha“, antwortete ich. „Dann tippe ich mal darauf, dass ich genau genommen auch nicht in beratender Funktion hier bin?“

„Nicht offiziell“, sagte sie. „Sie haben Stallings Etat ganz schön fies gekürzt. Er schafft es gerade, unsere Ausrüstung einsatzbereit zu halten und uns pünktlich unsere Gehaltsschecks zu schicken, na ja, gerade mal so, aber …“

Ich hob eine Braue.

„Ich brauche deine Meinung“, sagte sie.

„Worüber?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich will dich nicht beeinflussen. Sieh es dir an und dann erzähl mir, was du siehst.“

„Das bringe ich gerade noch fertig“, versicherte ich.

„Ich werde dich privat bezahlen.“

„Murph, du musst mich nicht …“

Sie warf mir einen sehr ernsten Blick zu.

Murphys angeschlagener Stolz würde es nicht zulassen, Almosen anzunehmen. Ich gab nach und hob die Arme, um ihr zu zeigen, dass ich mich geschlagen gab. „Was immer Sie sagen, Boss.“

„So gehört sich das, verdammt noch mal.“

Sie führte mich zu einer Wohnung im siebten Stock. Einige der Türen auf diesem Flur standen leicht offen, und aus den Augenwinkeln sah ich, wie die Bewohner uns verstohlene Blicke nachwarfen, als wir an ihnen vorbeigingen. Am Ende des Ganges standen zwei Typen, die wie Sanis aussahen – teilnahmslose, miesepetrige Sanis. Einer der beiden rauchte, der andere lehnte mit verschränkten Armen an der Wand und hatte den Schirm seiner Kappe tief in die Augen gezogen. Murphy und die beiden ignorierten einander, als Murph die Wohnungstür öffnete.

Sie bedeutete mir, einzutreten und nahm dann eine lässige Position ein, die mir klar machte, dass sie zu warten gedachte.

Ich betrat die Wohnung. Sie war klein, abgewohnt und ein wenig schäbig, aber sie war sauber. Ein Miniaturdschungel aus extrem gesunden Topfpflanzen nahm einen Großteil der gegenüberliegenden Wand ein und umrahmte die beiden Fenster. Von der Tür aus konnte ich einen winzigen Fernseher auf einem kleinen Tischchen, eine alte Stereoanlage und ein Sofa erkennen.

Die tote Frau lag auf dem Futon.

Sie hatte die Hände über dem Bauch gefaltet. Mir fehlte die Erfahrung, einzuschätzen, wie lange sie sich dort wohl schon befand, doch die Leiche war schon völlig fahl und der Bauch leicht gebläht. Ich tippte darauf, dass sie spätestens am Vortag gestorben war. Es war schwer, ihr Alter zu erraten, doch sie konnte nicht viel älter als dreißig gewesen sein. Sie trug einen pinken Frotteebademantel, eine Brille, und ihr Haar war zu einem Dutt zusammengefasst.

Auf dem Couchtischchen vor dem Futon lag eine Flasche mit einem verschreibungspflichtigen Arzneimittel, deren Verschluss aufgeschraubt war. Die Flasche war leer. Eine Karaffe mit einer goldbraunen Flüssigkeit, die man auf Fingerabdrücke untersucht hatte und die nun mit einer Plastikfolie verschlossen war, stand daneben, wie auch ein Wasserglas, das bis auf einen letzten Rest Wasser in der Höhe von vielleicht einem halben Zentimeter leer war. Genug für ein oder zwei geschmolzene Eiswürfel.

Neben dem Wasserglas lag eine handgeschriebene Nachricht, die man zusammen mit einem Kugelschreiber ebenfalls bereits eingetütet hatte.

Ich sah zu der Frau hinüber. Dann ging ich zum Futon und las die Nachricht:

Ich habe es satt, mich zu fürchten. Mir bleibt nichts mehr. Verzeiht mir. Janine.

Ich schauderte.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich hatte schon früher die eine oder andere Leiche gesehen. Wenn man es genau nahm, hatte ich Tatorte zu Gesicht bekommen, die genauso gut Fotos aus dem Schlachthof der Hölle hätten sein können. Ich hatte auch schon wahrlich Schlimmeres gerochen – ein ausgeweideter Körper gab einen Gestank ab, der so ekelerregend war, dass er fast greifbar wurde. Glauben Sie mir. Wenn ich diesen Tatort mit einigen meiner früheren Fälle verglich, war er sogar verhältnismäßig friedlich. Gut organisiert. Ich wäre soweit gegangen, ihn säuberlich aufgeräumt zu nennen.

Das hier sah ganz und gar nicht wie das Zuhause einer toten Frau aus. Vielleicht war es gerade das, was es so unheimlich machte. Mit Ausnahme von Janines Leiche machte die Wohnung den Eindruck, als wäre ihre Eigentümerin nur schnell irgendwo hin geflitzt, um sich etwas zu essen zu besorgen.

Ich ging umher und gab mir alle Mühe, nur ja nichts zu berühren. Das Bad und das Gästezimmer bestätigten den ersten Eindruck des Wohnzimmers: sauber und ordentlich, ein wenig spärlich eingerichtet, nicht luxuriös, aber eindeutig bestens gepflegt. Als nächstes knöpfte ich mir die Küche vor. Geschirr war in dem jetzt kalten Wasser in der Spüle eingeweicht. Im Kühlschrank stand Hühnchen in einer Marinade, und die Glasschüssel war fein säuberlich mit Frischhaltefolie versiegelt.

Ich hörte leise Schritte hinter mir und sagte: „Eine Selbstmörderin legt gewöhnlich keine Mahlzeit in Marinade ein, und das Geschirr, das hier zum Spülen eingeweicht ist ... die behalten doch auch für gewöhnlich ihre Brillen nicht auf.“

Murphy gab ein unverbindliches Geräusch von sich.

„Nirgendwo Bilder“, sinnierte ich. „Keine Familienfotos, Schnappschüsse von einem Schulabschluss oder Bilder von der ganzen Bande in Disneyland.“ Ich fügte noch weitere Steinchen zu dem Mosaik hinzu, als ich mich in Richtung des zweiten Schlafzimmers umwandte. „Keine Haare im Abfluss oder im Abfalleimer im Bad. Kein Rechner.“

Ich öffnete die Tür zum Schlafzimmer und schloss die Augen, um mit meinen Sinnen ein Gefühl für den Raum zu entwickeln. Ich fand, was ich erwartet hatte.

„Sie war magisch begabt“, flüsterte ich.

Janine hatte ihren Altar auf einem niedrigen Holztisch an der östlichen Wand errichtet. Als ich mich näher herantastete, spürte ich eine subtile Energie, wie die Hitze, die von einem Feuer aufstieg, das fast vollständig zu Asche heruntergebrannt war. Die Energie, die den Tisch umgab, war nie stark gewesen, und seit dem Tod der Frau verflüchtigte sie sich unablässig. Beim nächsten Sonnenaufgang würde sie komplett verschwunden sein.

Einige Gegenstände waren sorgsam auf dem Tischchen angeordnet: eine Glocke, ein dickes, ledergebundenes Buch, wahrscheinlich eine Art Tagebuch. Ich fand auch einen alten Zinnkelch vor, einfach, aber ohne die geringste Spur einer Patina, und einen schlanken Mahagonistab, an dessen Spitze ein Kristall mit Kupferdraht befestigt war.

Eines jedoch schien nicht an seinem angestammten Platz zu liegen.

Ein uralter Dolch, wahrscheinlich aus der Frührenaissance, der als Misericordia oder Gnadgott bekannt war, lag direkt vor dem Tischchen auf dem Teppich, wobei seine Spitze in einem Winkel auf die gegenüberliegende Schlafzimmerwand wies.

Ich grunzte und schritt durch den Raum auf das Messer zu. Grübelnd kauerte ich mich nieder und ließ meinen Blick die Klinge hinab bis zum Heft des Dolches gleiten. Ich ging zur Schlafzimmertür zurück und spähte zum Wohnzimmer hinüber.

Das Heft des Dolches wies eindeutig in Janines Richtung.

Ich betrat erneut das Schlafzimmer und linste in Richtung Messerspitze auf die Waffe herab.

Sie wies auf die gegenüberliegende Wand.

Ich warf Murphy, die nun in der Tür stand, einen kurzen Blick über die Schulter zu.

Sie legte den Kopf zur Seite. „Was hast du entdeckt?“

„Bin noch nicht sicher. Warte eine Sekunde.“ Ich schlenderte zur Wand hinüber und verharrte mit meiner Handfläche einen guten Zentimeter davor. Ich schloss die Augen und konzentrierte mich auf den kaum mehr wahrnehmbaren Nachhall von Energie, den ich dort vermutete. Nach einigen Augenblicken höchster Konzentration ließ ich die Hand sinken. „Irgendetwas ist da“, sagte ich. „Aber es ist schon zu schwach, als dass ich es ohne meinen Magierblick ausmachen könnte, und der hängt mir langsam wirklich zum Hals raus.“

„Was heißt das denn jetzt wieder?“, fragte mich Murphy.

„Das heißt, ich brauche ein paar Sachen. Bin gleich wieder da.“ Ich ging zu meinem Auto, wo ich meinen Angelkasten verstaut hatte. Den schnappte ich mir nun, um mich erneut auf den Weg hinauf ins Schlafzimmer der toten Frau zu machen.

„Das ist mal was Neues“, sagte Murphy.

Ich stellte den Kasten auf den Boden und öffnete ihn. „Ich habe meinem Lehrling Thaumaturgie beigebracht. Um der Sicherheit willen verziehen wir uns immer irgendwohin aufs Land.“ Ich kramte im Kasten, bis ich schließlich eine Plastikröhre voller feinster Metallspäne hervorzog. „In den ersten paar Wochen habe ich den ganzen Kram einfach in ein paar Einkaufstüten geworfen, aber schließlich musste ich feststellen, dass es im Endeffekt einfacher war, ein etwas dauerhafteres mobiles Magieset zusammenzustellen.“

„Was ist das denn?“, fragte Murphy.

„Kupferspäne“, sagte ich. „Die leiten Energie. Wenn wir hier irgendein Muster haben, kann ich es vielleicht ausmachen.“

„Ah. Du nimmst sozusagen Fingerabdrücke“, sagte sie.

„Das könnte man sagen“, bestätigte ich. Ich zog ein Kreidestück aus der Tasche meines Staubmantels und zeichnete einen schwachen Kreidekreis auf den Teppich. Als ich den Kreis vollendete, schloss ich ihn mit einer Willensanstrengung. Ich konnte fühlen, wie er zum Leben erwachte, eine unsichtbare Wand aus purer Macht, die zufällige Energien, die in der Luft herum waberten, von mir abhalten und mir dabei helfen sollte, meine Magie zu bündeln. Dies war ein Zauberspruch, der einiges an Fingerspitzengefühl erforderte, zumindest in meinem Fall, und wenn ich ihn ohne einen Kreis versucht hätte, hätte ich genauso gut probieren können, ein Streichholz in einem Wirbelsturm zu entfachen.

Ich schloss die Augen, konzentrierte mich und ließ ein oder zwei Unzen Kupferspäne auf meine rechte Handfläche rieseln. Mit meinem Willen zwang ich einen Hauch von Energie in die Späne. Gerade genug, um sie magisch aufzuladen, so dass die matten Energieströme an der Wand sie magnetisch anzogen. Als ich fertig war, murmelte ich: „Illumina Magnus.“ Dann brach ich den Kreis, indem ich ihn mit dem Fuß verwischte. Das setzte den Zauber frei, und ich schleuderte die Metallspäne in die Luft vor mir.

Sie glitzerten in einem kleinen, blau-weißen Funkenregen auf und knisterten hörbar, als sie auf die Wand prallten und dort kleben blieben. Der Geruch von Ozon erfüllte die Luft.

Ich beugte mich vor und blies sanft auf die Wand, um widerspenstige Späne zu beseitigen, die von selbst haften geblieben waren. Dann trat ich zurück.

Die Kupferspäne hatten deutlich Umrisse angenommen – um genau zu sein, handelte es sich um Buchstaben:

EXODUS 22:17

Murphy runzelte die Stirn und starrte sie an. „Ein Bibelvers?“

„Ja.“

„Den kenne ich nicht“, gab sie zu. „Du?“

Ich nickte. „Das ist einer der wenigen, die in meinem Kopf haften geblieben sind: ‚Eine Hexe sollst du nicht am Leben lassen.’“

2. Kapitel

Also Mord“, sagte Murphy.

Ich grunzte. „Sieht so aus.“

„Der Mörder wollte, dass du das herausfindest.“ Sie kam zu mir herüber und blieb an meiner Seite stehen, um die Wand nachdenklich anzustarren. „Ein Cop hätte das nie und nimmer bemerkt.“

„Ja“, sagte ich. Die leere Wohnung knarrte, als das Gebäude in seinen Fundamenten arbeitete, heimelige Geräusche, die dem Opfer vertraut gewesen wären.

Murphys Tonfall wurde leichter. „Also, womit haben wir es hier zu tun? Irgendeiner Art von durchgeknalltem religiösen Fanatiker? Einem Fan der Hexenverbrennungen von Salem? Der wiederauferstandenen Inquisition?“

„Würden die Magie benutzen, um eine Botschaft zu hinterlassen?“, gab ich zu bedenken.

„Spinner können auch Heuchler sein.“ Sie runzelte die Stirn. „Aber wie ist die Nachricht überhaupt dahin gekommen? War dafür ein Magieanwender vonnöten?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nachdem sie Janine umgelegt hatten, mussten sie eigentlich nur den Finger in ihren Kelch tauchen und mit dem Wasser auf die Wand schreiben. Das Wasser ist zwar getrocknet, aber Spuren sind zurückgeblieben.“

„Von Wasser?“

„Gesegnetes Wasser aus dem Kelch auf ihrem Schrein“, erklärte ich. „Stell es dir einfach wie Weihwasser vor. Es ist auf dieselbe Weise mit positiver Energie durchdrungen.“

Murphy betrachtete mit zusammengekniffenen Augen zuerst mich und dann die Wand. „Weihwasser? Ich dachte, bei Magie ginge es immer um Energie, Mathematik, Gleichungen und so Zeug. Wie bei Elektrizität oder Thermodynamik.“

„Nicht jeder denkt so“, sagte ich. Ich nickte zum Altar hinüber. „Das Opfer war eine Wicca.“

Murphy runzelte die Stirn. „Eine Hexe?“

„Sie war auch eine Hexe“, sagte ich. „Nicht jede Wicca hat auch die angeborene Kraft, Magie zu wirken. Bei einem Großteil ihrer Riten und Zeremonien ist kaum etwas von wahrer Macht im Spiel.“

„Warum machen sie das Zeug dann überhaupt?“

„Liebe Gemeinde, wir sind heute zusammengekommen, um diesen Mann und diese Frau durch den heiligen Bund der Ehe zu einen.“ Ich zuckte die Achseln. „In jeder Glaubensrichtung gibt es Zeremonien.“

„Dann ging es hier um eine religiöse Auseinandersetzung?“, schlussfolgerte Murphy.

Ich antwortete mit einem Achselzucken. „Ernsthafte Wicca haben es schwer, mit anderen Religionen aneinanderzugeraten. Wicca an sich sind wirklich flexibel. Es gibt Glaubensgrundsätze, denen neunundneunzig Prozent der Wicca folgen, aber der Kern dieses Glaubens ist die individuelle Freiheit. Wicca sind der Meinung, man müsse das Recht besitzen, zu tun und zu lassen, was man will und seinen Glauben auszuleben, wie man es für richtig hält, solange man niemand anderem dabei Schaden zufügt. Also unterscheiden sich ihre jeweiligen religiösen Überzeugungen häufig leicht voneinander. Sie sind individueller.“

Murphy, die mehr oder weniger katholisch war, runzelte die Stirn. „Wie mir scheint, hat auch das Christentum so einiges über Vergebung und Toleranz zu sagen. Oder darüber, andere so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden will.“

„Mhm“, nuschelte ich, „und dann hatten wir da die Kreuzzüge, die Inquisition …“

„Genau darauf will ich hinaus“, sagte Murphy. „Egal, wie wir Wicca oder dem Islam gegenüberstehen, Tatsache bleibt, dass wir es immer noch mit einer Gruppe von Menschen zu tun haben. Jede Religion hat ihre Zeremonien, und da sie im Endeffekt aus Menschen bestehen, haben auch alle Religionen ihre Arschlöcher.“

„Man braucht nur eine Seite, um einen Streit vom Zaun zu brechen“, stimmte ich zu. „Der Ku Klux Klan zitiert gern die Bibel. Das tun auch viele andere reaktionäre religiöse Organisationen. Auch wenn sie sie meist aus dem Kontext reißen.“ Ich wies auf die Wand. „Wie hier.“

„Also, ich weiß nicht ... ‚Eine Hexe sollst du nicht am Leben lassen.‘ Für mich ist das verdammt eindeutig.“

„Aus dem Kontext, aber eindeutig“, entgegnete ich. „Allerdings solltest du bedenken, dass diese Stelle in demselben Buch der Bibel auftaucht, das die Todesstrafe für Kinder, die ihre Eltern verflucht haben, für die Besitzer von Ochsen, die durch Fahrlässigkeit jemanden verletzt haben, für alle, die an einem Sonntag ein Feuer schüren und für jeden, der Sex mit einem Tier hat, gutheißt.“

Murphy schnaubte.

„Du darfst auch nicht vergessen, dass der Originaltext vor Jahrtausenden entstand. Auf Hebräisch. Das Wort, das sie im ursprünglichen Vers benutzten, beschreibt jemanden, der zaubert, um jemandem zu schaden. In der damaligen Kultur gab es einen eindeutigen Unterschied zwischen schädlicher und nutzbringender Magie.

Als wir schließlich im Mittelalter angekommen waren, hatte sich die Grundeinstellung in dieser Religion grundsätzlich dahingehend geändert, dass jeder, der Magie ausübte, von Grund auf böse war. Es gab keinen Unterschied mehr zwischen weißer und schwarzer Magie, und als der Vers ins Englische übertragen wurde, hatte König James gerade einen ganz schönen Hexenfetisch, also wurde in der Übersetzung aus einem ‚Wirker schädlicher Zauber’ die ‚Hexe’.“

„Wenn man das so sieht, hört es sich ganz danach an, als habe jemand den Vers aus dem Kontext gerissen“, stimmte Murphy zu. „Aber das würde dir verdammt viel Streit mit allen möglichen Leuten einbringen, die darauf bestehen, die Bibel könne nicht irren und müsse wortwörtlich verstanden werden, weil Gott nicht zugelassen hätte, dass sich solche Fehler in die Heilige Schrift einschleichen.“

„Ich dachte, Gott hätte allen einen freien Willen geschenkt“, sagte ich. „Was letztlich – und erwiesenermaßen – die Freiheit mit einschließt, bei der Übersetzung von einer in eine andere Sprache Fehler zu begehen.“

„Jetzt hör endlich auf, mich zum Denken anzuregen“, sagte Murphy. „Ich tue hier gerade mein Bestes zu glauben.“

Ich grinste. „Siehst du? Genau deshalb bin ich nicht religiös. Ich könnte nie lange genug die Klappe halten, um mit all meinen Brüdern und Schwestern gut auszukommen.“

„Ich war immer der Meinung, es läge daran, dass du niemals eine Religion für voll nehmen könntest, die dich freiwillig aufnehmen würde.“

„Das auch“, gab ich zu.

Während dieses Gesprächs sah keiner von uns beiden zu der Leiche im Wohnzimmer zurück. Eine peinliche Stille senkte sich über uns. Die Dielen knarzten.

„Mord“, sagte Murphy schließlich und starrte die Wand an. „Vielleicht jemand auf einem Kreuzzug.“

„Mord“, sagte ich. „Aber es ist zu früh, um Schlussfolgerungen anzustellen. Warum hast du mich gerufen?“

„Dieser Altar“, sagte sie. „Die Unstimmigkeiten das Opfer betreffend.“

„Niemand wird einen magischen Schriftzug an der Wand als Beweisstück akzeptieren.“

„Das ist mir bewusst“, antwortete sie. „Offiziell wird sie als Selbstmörderin in die Akten eingehen.“

„Was bedeutet, dass sich der Ball in meiner Hälfte befindet“, schlussfolgerte ich.

„Ich habe mit Stallings gesprochen“, meinte Murphy. „Ich nehme ab morgen ein paar Tage Urlaub. Ich bin dabei.“

„Cool.“ Ich runzelte die Stirn, als sich mein Magen plötzlich ein klein wenig verkrampfte. „Das ist nicht der einzige Selbstmord, habe ich recht?“

„Im Augenblick bin ich noch im Dienst“, erklärte Murphy. „Darüber darf ich nicht mit dir reden. Ich bin ja nicht Butters.“

„Verstanden“, antwortete ich.

Ohne Vorwarnung regte sich Murphy plötzlich und fuhr so schnell herum, dass ihr mein Blick kaum folgen konnte. Sie vollführte mit ihrem Bein in Knöchelhöhe einen Bogen hinter sich, wie einen Sense, die durch Gras schnitt.

Ich hörte einen dumpfen Aufprall, danach das Geräusch von etwas Schwerem, das zu Boden donnerte. Murphy hechtete mit geschlossenen Augen auf etwas, das ich nicht sehen konnte, ihre Hände bewegten sich in einigen hektischen, kleinen Kreisen, dann schnappten sie zu. Murphy grunzte, versteifte ihre Arme und verdrehte leicht ihre Schultern.

Eine junge Frauenstimme keuchte schmerzerfüllt auf, und von einem Augenblick auf den nächsten erschien unter Murphy ein Mädchen. Murphy hatte sie bäuchlings auf den Boden genagelt, wobei sie einen ihrer Arme hinter ihrem Rücken in einem schmerzhaften Hebel hielt.

Das Mädchen stand an der Schwelle zur Frau. Es trug Kampfstiefel, schwarze Hosen im Army-Look und ein enges T-Shirt mit abgeschnittenen Ärmeln. Sie war groß, gut einen Kopf größer als Murphy, und gebaut wie eine Amazone. Ihr wasserstoffblondes Haar war zu einer kurzen Stachelfrisur gestutzt. Eine Tätowierung an ihrem Hals verschwand unter ihrem Shirt und setzte sich auf dem sichtbaren Teil ihres nun entblößten Bauches fort, nur um dann erneut unter ihrer Kampfhose zu verschwinden. Sie trug mehrere Ohrringe, einen Nasenring, einen Ring durch die Augenbraue und einen Silberstecker durch diesen Fleck unter der Unterlippe. An der Hand, die Murphy hinter ihrem Rücken verdreht hielt, baumelte ein Armband mit schwarzen Glasperlen.

„Harry?“, stieß Murphy in einem Tonfall hervor, der keine Zweifel offen ließ, dass ich um eine Erklärung nicht herumkommen würde, auch wenn sie sich noch so gesittet und geduldig gab.

Ich seufzte. „Murph. Du erinnerst dich an meinen Lehrling, Molly Carpenter?“

Murphy beugte sich leicht zur Seite, um das Profil des Mädchens genauer unter die Lupe zu nehmen. „Klar“, bestätigte sie. „Ich habe sie bloß ohne ihr rosa-blaues Haar nicht sofort erkannt. Außerdem war sie das letzte Mal nicht unsichtbar.“ Sie warf mir einen fragenden Blick zu, um zu erfahren, ob sie Molly gestatten sollte, aufzustehen.

Ich zwinkerte Murphy zu und hockte mich neben dem Mädchen auf den Teppich. Ich schenkte Molly meinen exquisitesten finsteren Gesichtsausdruck. „Ich habe dir eigentlich aufgetragen, in der Wohnung zu warten und ein wenig deine Konzentration zu üben.“

„Ah, komm schon“, sagte Molly. „Das ist völlig unmöglich und tierisch langweilig.“

„Übung macht den Meister, Kleine.“

„Ich habe mir doch schon den Arsch abgeübt!“, protestierte Molly. „Ich kann mindestens fünfzig Mal so viel wie letztes Jahr.“

„Wenn du die nächsten fünf bis sechs Jahre so weitermachst“, knurrte ich, „bist du vielleicht – vielleicht – so weit, dass du versuchen kannst, dich alleine durchzuschlagen. Bis es soweit ist, bist du der Lehrling, ich bin der Lehrer, und du tust gefälligst, was ich dir sage.“

„Aber ich kann dir helfen!“

„Aus einer Gefängniszelle nicht“, gab ich zu bedenken.

„Sie haben widerrechtlich einen Tatort betreten“, klärte Murphy sie auf.

„Oh bitte“, sagte Molly voller Aufmüpfigkeit und Verachtung. (Falls es noch nicht aufgefallen ist: Molly hatte ein Problem mit Autorität.)

Das war höchstwahrscheinlich das Schlimmste, was sie in dieser Situation hatte sagen können.

„Gut“, sagte Murphy. Sie zog ein Paar Handschellen aus ihrer Jackentasche und ließ sie um Mollys Handgelenk schnappen. „Sie haben das Recht zu schweigen.“

Mollys Augen weiteten sich, und sie starrte zu mir empor. „Was? Harry …“

„Sollten Sie auf dieses Recht verzichten“, fuhr Murphy fort, die das wie ein lange eingeübtes Ritual herunterbetete, „wird alles, was Sie jetzt sagen, später vor Gericht gegen Sie verwendet werden.“

Ich zuckte die Achseln. „Tut mir leid, Kleine. Das ist das wirkliche Leben. Aber sieh es positiv, deine Jugendstrafakte ist geschlossen, also wirst du wie eine Erwachsene behandelt werden. Erstvergehen, ich bezweifle, dass du länger sitzen wirst, als … Murph?“

Murphy hielt in ihrem Miranda-Mantra inne. „Vielleicht dreißig bis sechzig Tage.“ Dann fing sie wieder an.

„Na bitte, siehst du? Ist doch keine große Sache. Wir sehen uns in ein bis zwei Monaten.“

Molly erbleichte. „Aber … aber …“

„Oh“, fügte ich noch hinzu, „achte darauf, dass du an deinem ersten Tag jemanden verprügelst. Angeblich erspart dir das jede Menge Scherereien.“

Murphy zog Molly hoch. „Haben Sie Ihre Rechte verstanden, die ich Ihnen gerade erklärt habe?“

Mollys Mund klappte auf. Ihr Blick schweifte zwischen Murphy und mir hin und her, und ihre Züge waren in Entsetzen eingefroren.

„Oder“, schlug ich vor, „du könntest dich entschuldigen.“

„Tut ... tut mir leid, Harry“, sagte sie.

Ich seufzte. „Nicht bei mir, Kleine. Das ist nicht mein Tatort.“

„Aber …“ Molly schluckte und sah Murphy an. „Ich habe doch nur da g... gestanden.“

„Tragen Sie Handschuhe?“, bohrte Murphy weiter.

„Nein.“

„Schuhe?“

„Ja.“

„Was angefasst?“

„Ähm.“ Molly schluckte nochmals. „Die Tür. Hab sie einfach ein wenig aufgedrückt. Diese chinesische Vase, in der sie ihre Minze gepflanzt hat. Die mit dem Sprung.“

„Was wiederum bedeutet“, meinte Murphy ungerührt, „dass bei einer gründlichen forensischen Untersuchung Ihre Fingerabdrücke, Abdrücke Ihrer Schuhe und, wenn ich mir ansehe, wie spröde Ihr Haargel ist, wahrscheinlich auch abgebrochene Haare auftauchen werden, wenn ich beweisen kann, dass wir es hier mit einem Mord zu tun haben. Da Sie weder eine mit der Untersuchung betraute Polizeibeamtin noch eine offizielle Beraterin sind, werden diese Beweismittel so ausgelegt, dass Sie sich an einem Tatort befunden haben, und das wiederum könnte Sie mitten in eine Mordermittlung hineinziehen.“

Molly schüttelte verzagt den Kopf. „Aber Sie haben doch gerade gesagt, dass es sich hier offiziell um einen Selbstmord handelt …“

„Selbst wenn das so ist, sind Sie nicht so mit dem Polizeiprotokoll vertraut wie etwa Harry. Allein Ihre Anwesenheit kann den Tatort verunreinigen und wertvolle Beweismittel verschleiern, die uns den wahren Mörder offenbaren könnten. Wodurch es schwerer wird, diesen aufzustöbern, ehe er erneut zuschlägt.“

Molly starrte sie einfach nur bestürzt an.

„Aus genau diesem Grund gibt es Gesetzte, was Zivilisten und Tatorte betrifft. Das hier ist kein Spiel, Miss Carpenter“, sagte Murphy kühl, auch wenn sie nicht wirklich wütend war. „Fehler hier können Menschenleben kosten. Verstehen Sie?“

Molly blickte erneut panisch zwischen Murphy und mir hin und her, und ihre Schultern sanken. „Ich wollte nicht … Es tut mir leid.“

Ich sagte sanft: „Entschuldigungen bringen die Toten auch nicht wieder ins Leben zurück. Du hast immer noch nicht gelernt, die Konsequenzen deiner Taten abzuschätzen, und das kannst du dir nicht leisten. Nicht mehr.“

Molly zuckte unmerklich zusammen und nickte.

„Ich vertraue darauf, dass dies hier nie wieder passieren wird“, sagte Murphy.

„Nein, Ma’am.“

Murphy warf Molly einen ungläubigen Blick zu und linste dann zu mir herüber.

„Sie meint es gut“, versicherte ich ihr. „Sie wollte nur helfen.“

Molly warf mir einen dankbaren Blick zu.

Murphys Tonfall wurde gutmütiger, als sie ihr die Handschellen abnahm. „Tun wir das nicht alle?“

Molly rieb sich ihre Handgelenke und verzog das Gesicht. „Ähm. Sergeant? Woher haben Sie gewusst, dass ich da war?“

„Knarrende Dielen, ohne dass jemand darauf steht“, sagte ich.

„Ihr Deo“, ergänzte Murphy.

„Du hast dein Zungenpiercing einmal gegen deine Zähne geschlagen“, sagte ich.

„Ich spürte eine leichte Luftbewegung, die sich nicht wie ein Luftzug anfühlte“, vervollständigte Murphy unsere Liste.

Molly schluckte und errötete. „Oh.“

„Aber wir haben dich nicht gesehen, oder, Murph?“

Murphy schüttelte den Kopf. „Nicht mal ein bisschen.“

Ein wenig die Luft aus dem Ego zu lassen und eine Prise Erniedrigung sind gut für Lehrlinge. Meiner seufzte erbärmlich.

„Nun“, sagte ich. „Wo du schon einmal da bist, kannst du auch genauso gut mitkommen.“ Ich nickte Murphy zu und wandte mich zum Gehen.

„Wohin?“, erkundigte sich Molly. Die beiden gelangweilten Sanis blinzelten und sahen verdutzt aus der Wäsche, als Molly mir aus der Wohnung folgte. Murphy trat hinter uns auf den Flur und wies die beiden an, den Leichnam fortzuschaffen.

„Wir statten einem Freund einen Besuch ab“, sagte ich. „Stehst du auf Polka?“

3. Kapitel

Ich war seit diesem Nekromantenkindergeburtstag zwei Jahre zuvor nicht mehr in dem forensischen Institut an der West Harrison gewesen. Wenn man bedachte, dass die Reste ehemaliger menschlicher Wesen hier darauf warteten, in diversen Untersuchungen zerpflückt zu werden, hatten wir es mit keiner allzu gruselig aussehenden Anlage zu tun. Es handelte sich um einen kleinen Industriepark, alles sehr schön, mit grünen Rasenflächen, ordentlich gestutzten Büschen und frisch gezogenen weißen Linien zwischen den einzelnen Parkplätzen. Die Häuser selbst waren unaufdringlich und zweckmäßig, ja fast schon schmuck.

Dennoch war es einer der Orte, die wiederholt in meinen Alpträumen an die Oberfläche brodelten.

Ich war nie ein großer Fan davon gewesen war, Leichen zu beäugen, doch ein Mann, den ich gekannt hatte, war hier in ein magisches Kreuzfeuer geraten. Er war als eine Art Superzombie wiederauferstanden, der mein Auto mit bloßen Händen fast in Einzelteile zerlegt hätte.

Seit damals war ich nicht mehr dort gewesen. Ich hatte Besseres zu tun, als Gedenkausflüge an Stätten wie diese zu machen. Aber als ich eintraf, den Wagen abstellte und auf die Eingangstür zuhielt, war es nicht so schlimm, wie ich es mir ausgemalt hatte. Ich betrat das Gebäude ohne Zögern.

Es war Mollys erster Besuch. Auf meine Bitte hatte sie sich all ihres Gesichtsschmuckes entledigt und eine alte Baseballkappe der Cubs über die wasserstoffblonden Locken gestülpt. Auch so machte sie nicht gerade den Eindruck einer respektablen Geschäftsfrau, dennoch war ich mit der Schadenskontrolle ganz zufrieden. Ich musste allerdings zugeben, dass mein eigenes Outfit auch nicht gerade vor Seriosität strotzte. Der schwere Ledermantel bei dem viel zu warmen Wetter ließ mich wahrscheinlich ganz schön bizarr wirken. Oder hätte es, wenn ich mehr Kohle verdient hätte.

Der Wachmann, der an dem Schreibtisch saß, an dem Phil damals gestorben war, erwartete mich, Molly aber nicht. Er informierte mich, sie werde ein wenig warten müssen. Ich erklärte ihm, dass auch ich so lange warten würde, bis Butters ihre Zugangsberechtigung bestätigte. Der Wachmann warf mir einen giftigen Blick zu, da ich ihn zu der monumentalen Anstrengung gezwungen hatte, eine Nummer in sein Telefon zu tippen. Er knurrte in den Hörer, grunzte einige Male, dann betätigte er einen Schalter, und die Sicherheitstüre öffnete sich surrend. Molly und ich gingen hindurch.

In diesem Leichenschauhaus befanden sich mehrere Untersuchungssäle, doch es war nie besonders schwer herauszufinden, in welchem sich Butters gerade befand. Man sperrte einfach die Ohren auf und lauschte nach Polka.

Ich hielt zielsicher auf ein beständiges Hum-Pa, Hum-Pa einer Tuba zu, bis ich auch eine verzerrte Klarinette gewürzt mit dem Gequietsche eines Akkordeons ausmachen konnte. Untersuchungssaal drei. Ich klopfte an, öffnete die Tür, trat jedoch nicht ein.

Waldo Butters war tief über seinen Schreibtisch gebeugt und linste zu seinem Computermonitor hinüber, während sein Hintern und seine Beine im Takt der Polkamusik hüpften. Er murmelte etwas in seinen Bart, nickte und betätigte die Leertaste seines Computers mit seinem Ellenbogen im Rhythmus zu seinem stampfenden Absatz, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen. „He, Harry.“

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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