Weit wie der Horizont: Die große Australien-Saga - Band 1 - Peter Watt - E-Book
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Weit wie der Horizont: Die große Australien-Saga - Band 1 E-Book

Peter Watt

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Beschreibung

Leidenschaft, Intrigen und Hoffnung: »Weit wie der Horizont« ist der Auftakt der großen Australien-Saga von Peter Watt – jetzt als eBook bei dotbooks. Werden sie gemeinsam ihr Glück finden oder wird eine alte Feindschaft sie für immer voneinander trennen? Australien im 19. Jahrhundert: Zwischen zwei Einwandererfamilien entbrennt in Sydney eine erbitterte Fehde. Machtkampf, Intrigen und offene Feindseligkeiten bestimmen das Leben der bodenständigen irischen Duffys und der wohlhabenden schottischen Macintoshs. Doch dann knüpft die jüngere Generation gegen alle Konventionen zarte Bande: Fiona Macintosh und Michael Duffy fühlen sich sofort zueinander hingezogen. Fiona aber muss einen anderen heiraten, um den Wohlstand ihrer Familie zu sichern … Ist Michaels und Fionas Liebe stärker als das Schicksal? Und kann sie den alten Hass ihrer Familien eines Tages doch noch überwinden? Ein großes Epos über das abenteuerliche Leben im Australien des 19. Jahrhunderts, eine unerbittliche Familienfehde – und ein junges Paar, dessen Liebe stärker ist als alles, was sich ihr entgegenstellt. »Ein wunderbares Buch … Watt verbindet auf phantastische Weise Fakten mit Fiktion.« Daily News Jetzt als eBook kaufen und genießen: »Weit wie der Horizont« ist der Auftakt der großen Australien-Saga von Peter Watt. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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MOBI

Seitenzahl: 881




Über dieses Buch:

Werden sie gemeinsam ihr Glück finden oder wird eine alte Feindschaft sie für immer voneinander trennen? Australien im 19. Jahrhundert: Zwischen zwei Einwandererfamilien entbrennt in Sydney eine erbitterte Fehde. Machtkampf, Intrigen und offene Feindseligkeiten bestimmen das Leben der bodenständigen irischen Duffys und der wohlhabenden schottischen Macintoshs. Doch dann knüpft die jüngere Generation gegen alle Konventionen zarte Bande: Fiona Macintosh und Michael Duffy fühlen sich sofort zueinander hingezogen. Fiona aber muss einen anderen heiraten, um den Wohlstand ihrer Familie zu sichern … Ist Michaels und Fionas Liebe stärker als das Schicksal? Und kann sie den alten Hass ihrer Familien eines Tages doch noch überwinden?

Ein großes Epos über das abenteuerliche Leben im Australien des 19. Jahrhunderts, eine unerbittliche Familienfehde – und ein junges Paar, dessen Liebe stärker ist als alles, was sich ihr entgegenstellt.

»Ein wunderbares Buch … Watt verbindet auf phantastische Weise Fakten mit Fiktion.« Daily News

Über den Autor:

Peter Watt hat in seinem Leben schon in vielen verschiedenen Ländern gelebt, darunter Vietnam, Island, Tasmanien und Papua-Neuguinea. Heute wohnt er im australischen Maclean, im Norden von New South Wales. Er schätzt gutes Essen, das Angeln und die Weite des Outbacks von Queensland, wo auch seine Romane spielen.

Peter Watt veröffentlicht bei dotbooks ebenfalls:

Wer dem Wind folgt. Die große Australien-Saga – Band 2

Wenn der Sturm naht. Die große Australien-Saga – Band 3

Die Website des Autors: www.peterwatt.com

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eBook-Neuausgabe Mai 2019

Copyright © der englischen Originalausgabe 1999 by Peter Watt

Die englische Originalausgabe erschien 1999 unter dem Titel Cry of the Curley bei Pan Macmillan Australia, Sidney.

Copyright © der deutschen Ausgabe 2001 by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München

Copyright © der Neuausgabe 2019 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/imajrma, kwest, antpkr

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (aks)

ISBN 978-3-96148-787-5

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Peter Watt

Weit wie der Horizont

Die große Australien-Saga: Band 1

Aus dem Englischen von K. Schatzhauser

dotbooks.

Handlung sowie Personen dieses Buches sind frei erfunden. Abgesehen von der gelegentlichen Nennung historischer Gestalten enthält es keinerlei Hinweise auf lebende oder tote Personen. Es ist vorstellbar, dass manche Leser an gewissen Szenen Anstoß nehmen und ihnen Ausdrucksweise und Einstellung gewisser Charaktere rassistisch erscheint. All das muss im historischen Zusammenhang des Romans gesehen werden und spiegelt in keiner Weise persönliche Ansichten des Verfassers wider.

Für Duckie und ihre Töchter

Hockend vergräbt er sein Gesicht auf den Knien,Verbirgt es in der Finsternis seines Haares;Denn er kann den Blick nicht zu den vom Sturm zerzausten Bäumen heben Oder an die Einsamkeit dort denken – an den Verlustund die Einsamkeit, die dort herrscht.

»Der Letzte seines Stammes«, HENRY KENDALL

Prolog

Das hier ist mein Ort in der Traumzeit.

Ich bin Wallarie aus dem Stamm der Nerambura, der zum Volk der Darambal gehört.

Nach der Zeitrechnung von euch Weißen bin ich fast hundert Jahre alt, und wenn ich auch blind bin, weiß ich doch, dass ich im roten Staub unter dem Bumbil-Baumsitze, wo die Ältesten immer gesessen und Geschichten über die Traumzeit erzählt haben.

Trotz meiner Blindheit reicht mein Blick in die Welt der Traumzeit, und ich weiß, dass die Geister der Ahnen im Himmel an vielen Orten zu mir gesprochen haben. In euren Augen bin ich ein sehr alter Mann, dessen Körper die Narben der Aufnahmefeier in den Stamm bedecken ... aber auch solche von den Kugeln der weißen Männer.

Ihr wollt wissen, ob ich den Buschräuber Tom Duffy gekannt habe.

Und ob ich ihn gekannt habe! Wir waren wie Brüder, und er hat mich gelehrt, zu töten wie der weiße Mann.

Wie viele weiße Männer ich getötet habe? (Langes Schweigen.)

Ob ich glaube, dass die Geister der Ahnen Macht über die Welt der Lebenden haben? Und dann fragt ihr mich auch noch nach dem Fluch, obwohl ihr nicht an die Traumzeit glaubt.

Ich will euch die Geschichte der Macintoshs und der Duffys erzählen, zwei weiße Familien, die an die Geister der Ahnen geglaubt haben und jung waren, als auch ich jung war. Das Ganze geht auf die Zeit zurück, in der die schwarzen Krähen hierher kamen, um den Angehörigen meines Stammes die Augen auszuhacken.

Es ist eine lange Geschichte, und sie nimmt ihren Anfang an dem Tag, an dem die anderen schwarzen Krähen auf Polizeipferden kamen, lange bevor sich die Sonne über dem Brigalow-Buschland erhob. (Langes Schweigen.)

An diesen Tag erinnere ich mich, und ich will euch die Geschichte erzählen.

DIE VERTREIBUNG

1862

Kapitel 1

Der erste helle Schimmer der Morgendämmerung zeigte sich im Rücken des Trupps von acht Reitern, die schweigend aus dem Zwielicht kamen. Pferde schnaubten, und ein kühler Schauer überlief die Männer, als die Vorboten der aufgehenden Sonne die kalte Nachtluft ein wenig erwärmten.

Nicht mehr lange, und man würde im Licht des Tages über dem endlosen Meer des Brigalow-Buschlandes die dunkelblauen Uniformen der mit Karabiner und Säbel bewaffneten Reiter zwischen den langen Schatten des frühen Morgens sehen können. Die sanfte Liebkosung der aufgehenden Sonne auf den Gesichtern der beiden Weißen, die da neben den ihnen unterstellten eingeborenen Angehörigen der Buschpolizei ritten, würde sich bis zur Mitte des Vormittags in einen heißen Feueratem verwandeln, der ihre helle Haut mit Blasen versehen würde. Der breitschultrige, bärtige Sergeant Henry James bildete die Nachhut. Durch die Kälte der langen Nacht schmerzte seine alte Kriegsverletzung wieder, und er rieb sich mit der freien Hand das Knie. Er wusste aus Erfahrung, dass die Sonnenwärme das beharrliche dumpfe Pochen bald lindern würde. Bis dahin aber würde es noch eine gute Stunde dauern, und bis dahin hatten sie vermutlich das Ziel ihres Ritts erreicht, das Lager der Ureinwohner.

Er nahm den Fuß aus dem Steigbügel und streckte langsam das schmerzende Knie. Corporal Gideon, einer der eingeborenen Polizisten, drehte sich im Sattel um, während der Trupp still weiterritt.

»Bein baal?«, fragte er kaum vernehmbar. Der Sergeant zuckte zusammen, als er das Knie anwinkelte, um den Fuß wieder in den Steigbügel zu setzen.

»Ja ... Bein baal. Hier draußen tut es immer verdammt weh«, knurrte er.

Gideon gab einen schnaufenden Laut des Mitgefühls von sich und heftete erneut den Blick auf den Rücken seines Vordermanns. Zwar war Sergeant Henry streng, aber er blieb doch gerecht, und regelmäßig verteidigte er die eingeborenen Buschpolizisten gegen die Angriffe von Lieutenant Mort, den alle den weißen Teufel nannten.

Unter den Eingeborenen war durchaus bekannt, dass die beiden Weißen nicht gut miteinander auskamen, konnten sie doch oft genug deren lautstarke Auseinandersetzungen mit anhören. Meist ging es dabei um das Wohl der Männer und ihrer Familien, die am Rande des Städtchens Rockhampton in kasernenähnlichen Gemeinschaftsunterkünften lebten. Wenn die beiden einander anbrüllten, drangen ihre Worte durch die dünnen Wände der Dienstbaracke, und so hörten die Männer, wie der Mahmy – das war die Anrede der Ureinwohner für einen weißen Offizier – dem Sergeant drohte, ihn der übergeordneten Behörde zu melden. Allerdings war er klug genug, es bei der Drohung bewenden zu lassen, wusste er doch nur allzu gut, dass der bei den Buschpolizisten beliebte Sergeant der Garant für die Schlagkraft seiner Abteilung war.

Prüfend belastete Henry seinen Fuß im Steigbügel und seufzte erleichtert. Ein wenig schien das Strecken des Beins geholfen zu haben. Seit acht Jahren vergällten ihm diese Schmerzen das Leben, und letztlich war die Verwundung auch der Grund dafür, dass er sich jetzt, nach einem Ritt von zwei Wochen, rund fünfhundert Kilometer von Rockhampton entfernt in der Ödnis und Einsamkeit des australischen Grenzgebiets befand.

Mit neunzehn Jahren hatte er als einfacher Soldat in Königin Viktorias Heer auf der Krim gekämpft, und dort war an einem bitterkalten dunstigen Vormittag an den Ufern der Tschernaja nahe dem Flecken Inkerman sein schlimmster Albtraum Wirklichkeit geworden. Bei einem Ausfall der russischen Kavallerie aus der nahe gelegenen Hafenstadt Sewastopol war das Dröhnen der englischen Artillerie im Donnern der Hufe untergegangen. Von pfeifenden Geschützgranaten gedeckt, hatte die Überzahl russischer Infanteristen das Heer des Feindes einfach überrannt.

Mit einem lauten Aufschrei war Henry zu Boden gestürzt, als ihm ein Schrapnell den Oberschenkel bis zum Knie aufriss. Der scharfe Schmerz von damals war längst vergangen, geblieben aber war ihm die Dauerqual.

Nachdem man ihn wegen seiner Verwundung aus dem Heeresdienst entlassen hatte, erwartete ihn in England eine trübselige Zukunft. Doch da er vor seiner Rekrutierung auf dem kleinen bäuerlichen Anwesen seiner Eltern in der englischen Grafschaft Yorkshire mitgearbeitet hatte, waren ihm die dort anfallenden Tätigkeiten ebenso vertraut wie das Kriegshandwerk. Und als die Krone in den fernen Kolonien Australiens denjenigen Land anbot, die schwere Arbeit nicht scheuten, hatte sich Henry im Jahre 1856 mit dem Wenigen, das er von seinem Sold erspart hatte, und einem kleinen Darlehen seines älteren Bruders nach dem fernen Kontinent eingeschifft.

In Brisbane, dem Hafen an der Einmündung des gleichnamigen Flusses in die Moretonbucht, war ihm im Unterschied zu vielen seiner Mitpassagiere gleich nach Verlassen des Auswandererschiffs klar geworden, dass er nie wieder in die englische Heimat zurückkehren würde: so sehr schlug ihn das pulsierende Leben dieser Stadt vom ersten Augenblick an in seinen Bann. Nicht nur Brisbanes Holzhäuser standen in krassem Gegensatz zu den kalten steinernen Bauten, die er aus England kannte, alles dort strömte den Geruch nach Neuem aus, und die mit Wellblech gedeckten Blockhäuser im erst kurz zuvor besiedelten Umland nahe der Grenze der Kolonie wiesen auf fortwährende Veränderung hin. Der ehemalige Soldat sah in all dem das Versprechen auf ein besseres Leben.

Während er durch Brisbanes staubige Straßen zog, auf denen schwerfällige Ochsenkarren tiefe Wagenspuren hinterlassen hatten, betrachtete er staunend die Einwanderer, die bereits hier geboren waren. Sie waren größer, kräftiger und schienen gesünder als die blassen und schlecht ernährten einstigen Bewohner der vom Rauch der Fabrikschlote geschwärzten Industriestädte Englands. Es beeindruckte ihn zutiefst, mit welch stolzer Haltung bärtige junge Männer ihre Pferde in halsbrecherischem Galopp an den Ochsengespannen vorüberlenkten. Diese kolonialen Kentauren trugen sonderbare, aus den Blättern der Kohlpalme geflochtene, breitkrempige Hüte. Ihre Hemden waren so bunt wie das Federkleid der Sittiche, die in Schwärmen, so dicht wie Wolken, vorüberflogen, ihre Beine steckten in kniehohen Schaftstiefeln, und auf der Hüfte oder im breiten Leibgurt trugen sie großkalibrige Revolver.

Als die Kolonie Queensland drei Jahre nach Henrys Ankunft ihre Unabhängigkeit von Neusüdwales erlangte, wurde Brisbane zur Hauptstadt erklärt. Das noch unerkundete Gebiet der Kolonie, weit über eine Million Quadratkilometer, reichte im Westen über eine von tropischem Regenwald bedeckte schroffe Gebirgskette und eine Ebene voll Gras und Gestrüpp bis zu einer allem Anschein nach endlosen Sand- und Gesteinswüste. Dieses Land, dessen Horizont sich unendlich dehnte, erstreckte sich im Norden bis zu den tropischen Inseln mit ihrer üppigen Vegetation. Dort lebten noch Kannibalen und befuhren Kopfjäger mit ihren langen Kriegskanus die Meerenge der Torres-Straße, wie schon Jahrhunderte bevor der weiße Mann mit Schiffen gekommen war, von deren Mastspitzen die Flagge Portugals, Hollands, Frankreichs oder Englands wehte.

Als Henry erfuhr, dass bei der kasernierten berittenen Eingeborenenpolizei die Stellung eines Sergeant frei war, gelang es ihm, den kommandierenden Offizier davon zu überzeugen, dass er den Anforderungen trotz seiner Verwundung ohne weiteres gewachsen sein würde. Da Henry als Heranwachsender auf dem elterlichen Bauernhof den Umgang mit Pferden gelernt hatte, war er schließlich der Einheit unter Lieutenant Morrison Mort zugeteilt worden.

Vom ersten Augenblick an waren Mort und sein neuer Sergeant einander nicht grün gewesen. Wäre der gut aussehende, stets schneidig auftretende Mort frisch aus England ins Land gekommen, hätte Henry durchaus ein gewisses Verständnis für die Kleinlichkeit aufgebracht, mit der er auf der buchstabengetreuen Einhaltung von Vorschriften beharrte – aber er stammte aus der Kolonie. Henry ging ihm aus dem Weg, wo immer das möglich war, denn er fühlte sich in seiner Gegenwart ausgesprochen unwohl. Das hatte teils damit zu tun, dass in Morts blassblauen Augen ein erschreckender, irrer Ausdruck lag, ging aber vor allem auf die gelegentlichen Ausbrüche des Mannes zurück, die geradewegs aus dem Feuerschlund der Hölle zu kommen schienen und bei denen der Offizier einen Eindruck erweckte, den man nicht einmal mehr als tierisch bezeichnen konnte.

Henry erschauerte, als er jetzt an Morts Irrsinn dachte. Er hatte es am Vorabend in den kalten blauen Augen aufblitzen sehen, als Mort seinen Leuten und den Hirten, die den Schafzüchter Donald Macintosh und dessen Sohn Angus begleiteten, die Lage erklärt und seine Befehle erteilt hatte. Offensichtlich war dieser Wahnsinn auch den eingeborenen Polizisten nicht entgangen, denn sie hatten sich argwöhnisch in sicherer Entfernung gehalten, während der weiße Teufel mit der Spitze eines Infanteriedegens die groben Umrisse einer Karte in die rote Erde geritzt hatte, die einen Wasserlauf und eine Kette niedriger, gezackter Berge westlich einer unregelmäßigen Anordnung von Wasserstellen zeigte.

»Wir sind jetzt hier«, hatte er den Männern erklärt, die im Halbkreis um diese Skizze standen oder hockten. »Und da ist das Nigger-Lager.« Mit der Degenspitze hatte er auf eine Stelle zwischen dem Wasserlauf und den Bergen gewiesen und sich dann an den breitschultrigen schottischen Schafzüchter gewandt.

»Das war doch der letzte Aufenthaltsort, von dem man Ihnen berichtet hat, nicht wahr, Mister Macintosh?«

Dieser nickte. Er war ein beeindruckender Mann, und sein Sohn Angus, der neben ihm stand, war ihm wie aus dem Gesicht geschnitten, zumal er den gleichen, von rötlichen Strähnen durchzogenen langen dunklen Vollbart trug wie sein Vater. Obwohl die lange unter der Sonne Australiens verbrachte Zeit seine Gesichtshaut gegerbt hatte, sah der fünfundfünfzigjährige Macintosh aus, als wäre er nicht einmal dreißig. Gekleidet war er, wie seine Schafhirten, in ein leuchtend rotes Flanellhemd und eine robuste Moleskin-Hose, die er in seine Langschäfter gesteckt hatte. Während seine Hirten mit Karabinern ausgerüstet waren, steckte in seinem breiten Ledergürtel ein Paar Tranter-Pistolen. Keinesfalls wäre ein zufälliger Beobachter auf den Gedanken gekommen, dieser bäurisch wirkende untersetzte Mann in Arbeitskleidung könne Oberhaupt einer verzweigten Familie sein, deren Reichtum den Vergleich mit dem der wohlhabendsten Männer in keiner Kolonie Englands auf der ganzen Welt zu scheuen brauchte. Die Grundpfeiler ihrer weit gespannten Wirtschaftstätigkeit waren Landbesitz, Reederei und Handel. Mit dem Erwerb der Weiderechte von Glen View wollte er Schafzucht und die Erzeugung von Wolle als weitere Einkommensquellen erschließen, um auf diese Weise das ohnehin schon beträchtliche Vermögen der Familie zu vermehren.

»Angus sagt, er hat letzte Woche gesehen, wie sie da zusammengekommen sind«, brummte Macintosh. »Man muss sie da vermuten, weil sie um diese Jahreszeit ihr Lager immer an der Stelle aufschlagen.«

Mort zog mit der Degenspitze östlich jener Stelle eine Linie durch die Geländeskizze am Boden und fuhr fort: »Hier lasse ich meine Leute Aufstellung nehmen ... Von da sind es knapp zwei Kilometer bis zum Niggerlager. Ich schlage vor, dass Sie es heute Nacht mit Ihren Männern umstellen und dann dort Posto fassen.« Die Degenspitze verharrte zwischen dem Wasserlauf und der Bergkette. »Ich nehme an, dass die Nigger versuchen werden auszubrechen und in die Berge zu fliehen, wenn wir kommen. Wenn alles abläuft wie geplant, laufen die Ihnen und Ihren Männern genau in die Arme«, schloss er. Er war mit seinem tödlich einfachen Plan sichtlich zufrieden. »Gibt es Fragen wegen morgen?« Er sah von einem zum anderen.

»Was ist mit den Frauen und Kindern?«, wollte Henry wissen, als sich die Augen seines Vorgesetzten auf ihn richteten. »Mister Jackson hat immer angeordnet, dass sie bei einer Vertreibung verschont werden.«

Morts Augen zogen sich zu schmalen Schlitzen zusammen. Mit kaum unterdrückter Verachtung sagte er: »Wenn Sie Rücksicht auf die Weiber nehmen, setzen die in kürzester Zeit wieder neue Nigger in die Welt, und der Ärger geht von vorne los. Mister Macintosh hat uns nicht gerufen, damit wir mit der Vertreibung ständig von neuem beginnen müssen. Nein wir sorgen dafür, dass ein für alle Mal Ruhe ist ... Von mir aus können sich die Leute mit den Niggerweibern amüsieren, die ihnen lebend in die Hände fallen ... aber Sie stehen mir dafür gerade, dass die unschädlich gemacht sind, bevor wir abziehen. Ist damit Ihre Frage beantwortet, Sergeant James?«

Mit einem Nicken senkte Henry den Blick auf die Striche und Kreise am Boden, auf welche die sinkende Sonne tiefe Schatten warf.

Noch vor Anbruch der Dunkelheit machten sich Donald Macintosh und seine sieben Schafhirten auf den Weg zur ihnen angewiesenen Stelle westlich des Lagers der nichts ahnenden Ureinwohner. Weder sie noch die Europäer konnten sich ausmalen, welch furchtbare und weit über die Gegenwart hinausreichende Folgen der kommende Tag für sie alle haben würde. Diese Folgen sollten bis weit in die Zukunft hinein das Leben der Angehörigen beider Kulturen verdunkeln – sogar das der noch Ungeborenen.

Da Mort strenge Anweisung gegeben hatte, kein Lagerfeuer zu entzünden, biss die Kälte, die sich am Ende der langen Nacht bemerkbar machte, schmerzend in Henrys Knie. Doch nicht nur das hielt ihn wach, sondern auch der klagende Ruf der Brachvögel tief im undurchdringlichen Brigalow-Gestrüpp. Obwohl er wusste, dass diese traurig klagenden Laute von einem am Erdboden lebenden kleinen Vogel stammten, empfand er sie als unheimlich. Es war, als schrien die Toten – und genauso verhielt es sich auch, laut Corporal Gideon. Fast hätte Henry dessen Geschichte glauben mögen, während er vor Kälte zitternd unter seiner groben Decke lag. Erst rief ein Brachvogel, dann fielen viele andere ein. Der Jammerchor klang wie die Mitleid erregenden Schreie zu ewiger Verdammnis verurteilter Seelen in der Hölle.

»Corporal Gideon!«

Morts geflüsterter Befehl wurde durch die Reihe der Berittenen weitergegeben, bis er den hoch gewachsenen drahtigen Eingeborenen erreichte, der daraufhin sein Pferd an den Kollegen vorübertrieb und neben dem Vorgesetzten anhielt.

»Mahmy?«

»Du rekognoszierst, damit wir wissen, ob sich der Feind tatsächlich am Wasserlauf aufhält.«

Gideon runzelte die Brauen. Der weiße Teufel verwendete Wörter, die er nicht verstand. Was meinte er mit diesem rekognoszieren? Mort sah seinen verwirrten Ausdruck. Kampflustig näherte er sein Gesicht dem des Mannes und knurrte: »Verdammter schwarzer Hohlkopf! Du sollst vorausreiten und nachsehen, ob sich deine Niggerbrüder im Lager am Wasserlauf aufhalten. Dann kommst du zurück und sagst, was du gesehen hast. Ist das klar?«

»Ja«, sagte Gideon, seinen aufsteigenden Zorn beherrschend, und wendete sein Tier. Im nächsten Augenblick hatte ihn das Buschland verschluckt.

Obwohl er sein Pferd nahezu geräuschlos durch das trockene Gestrüpp lenkte, war er doppelt auf der Hut, während er sich dem Wasserlauf näherte. Er hatte einen gesunden Respekt vor den Bewohnern dieses Teils von Queensland, die ihre Leiber zum Kampf bemalten. Sie verstanden es, sich die Geländebeschaffenheit zu Nutze zu machen, und stellten sich dem Angreifer, statt vor ihm davonzulaufen. Der weiße Mann wagte nicht, diesen Kriegern ins Buschland zu folgen, da sie ihm dort an Wendigkeit überlegen waren und den Europäern ihre Feuerkraft dort nichts nützte. Die tödliche Sicherheit, mit der die Eingeborenen ihre langen Hartholzspeere aus kurzer Distanz schleuderten. hatte schon manchen Siedler das Leben gekostet, der so töricht gewesen war, diese Krieger zu unterschätzen.

Rasch hatten die Ureinwohner von Queensland gelernt, die taktischen Schwächen der weißen Eindringlinge auszunutzen. Lediglich die so genannte Buschpolizei war ihnen gewachsen und vermochte, ihnen im dichten Buschland und den felsigen Bergen im Nahkampf Paroli zu bieten.

Gegründet hatte man diese berittene Buschpolizei im Jahre 1848 auf Anregung des dem Alkohol alles andere als abgeneigten großmannssüchtigen Abenteurers Frederick Walker, der den Spitznamen ›Freibeuter‹ trug. Er hatte sich dabei auf die Bewohner des Riverina-Distrikts von Neusüdwales gestützt und Männer wie Gideon von den Ufern des Murrumbidgee weg verpflichtet – einerseits wegen ihrer erstklassigen körperlichen Verfassung, aber auch, weil sie sich anstellig zeigten, als es darum ging, so töten zu lernen wie der weiße Mann.

Weder Gideon noch seine Kollegen hatten Bedenken, Ureinwohner aus Queensland zu töten, waren ihnen diese doch ebenso fremd und standen ihnen ebenso fern wie der weiße Mann. Gideons Welt lag fast zweitausend Kilometer weiter südlich. Dort hatte er einen anderen Namen getragen, den ihm sein Stamm bei der traditionellen Aufnahme in die Gemeinschaft der Männer verliehen hatte. Da man aber diesen geheimen Namen den Weißen nicht nennen durfte, wollte man nicht von seinem Stamm bestraft werden, hatten die Weißen ihm einen bei ihnen üblichen Namen gegeben und dazu erklärt, es sei der heilige Name eines Kriegers aus alten Zeiten. Gideon war eine geborene Führerpersönlichkeit, und das hatte ihm bei den weißen Offizieren rasch ein gewisses Ansehen eingebracht. Bald war er zum Corporal aufgestiegen.

Ein leises Husten lieferte Gideon, der sein Tier vorsichtig durch das Buschland lenkte, den ersten Hinweis auf die Nähe des Lagers. Vermutlich kam es von den alten Männern, die, der Rauch der frisch entzündeten Kochfeuer gereizt hatte. Dann hörte er Säuglinge in Erwartung des frühmorgendlichen Stillens schreien und einen Hund jaulen, dem möglicherweise jemand einen Tritt versetzt hatte, als er in der Nähe eines glimmenden Feuer einen Knochen mit Fleischresten stibitzen wollte.

Gideon glitt aus dem Sattel und schob sich wie ein pirschender Jäger voran. Während er in der Morgendämmerung Hinweise auf die Anwesenheit des Feindes suchte, spannte er mit dem Daumen die Hähne seines doppelläufigen Karabiners. Er war wieder in die Rolle des Kriegers geschlüpft und achtete auf jedes noch so unbedeutend erscheinende Geräusch um ihn herum. Immerhin handelte es sich bei den Nerambura um einen Feind, den er noch nicht kannte.

Durch dunkle Augen beobachtete er, wie das friedlich daliegende Lager zum Leben erwachte. Die Menschen darin ahnten nicht, dass hinter den Wasserstellen jemand auf der Lauer lag.

Kapitel 2

Das Erste, was Tom Duffy hörte, als ihn sein Vater gegen die nackten Fußsohlen trat, war das Keckern einer Elster im Brigalow-Buschland. Schlaftrunken zog er sich stöhnend die Decke über den Kopf, um seinen unterbrochenen lustvollen Traum möglichst zu retten.

»Du musst Billy helfen«, knurrte ihn Patrick Duffy an, »sonst schaffen wir es diese Woche nich mehr bis Tambo.«

»Ich steh ja schon auf«, gab Tom brummig zur Antwort.

Der verlockende Geruch von starkem gezuckerten Tee und frischem Fladenbrot, das in der Holzasche garte, stieg ihm aus nächster Nähe in die Nase. Gähnend kroch er unter dem schwer beladenen Ochsenfuhrwerk hervor, während sein Vater dem eingeborenen Gespannführer, der am Feuer hockte, einen Gruß hinüberknurrte.

Der kräftige bärtige Ire hatte sein Leben in zwei Welten verbracht. In Irland, wo er zur Welt gekommen war, hatte er der Besetzung des Landes durch die Briten getrotzt, bisweilen auch mit Waffengewalt. Diesen Kampf gegen die Krone hatte er in Englands australischen Kolonien fortgeführt, als er bei den Palisaden von Eureka auf der Seite der unzufriedenen Goldgräber mitgekämpft hatte. Jetzt lebte er fern von den Erinnerungen an jene Auseinandersetzungen, um zum Gedenken an seine geliebte Elizabeth, die auf der Überfahrt in die Kolonie einem Fieber erlegen und auf See bestattet worden war, seinen Kindern eine Zukunft aufzubauen.

Billy war der Letzte seines Stammes. Die wenigen Starken, die nicht den vom weißen Mann eingeschleppten Krankheiten erlegen waren, hatten die Siedler dadurch umgebracht, dass sie an den Wasserstellen mit Arsen versetztes Mehl »vergaßen«. Nachdem Billy vor vielen Jahren hilflos hatte mit ansehen müssen, wie seine Frau und Kinder qualvoll nach dessen Verzehr umgekommen waren, hatte er ein zielloses Wanderleben geführt. Irgendwann hatte ihn Patrick am Rand einer Weißensiedlung namens Corowa gefunden, wo er herumgelungert und um etwas zu essen und einen Schluck Rum gebettelt hatte. Da er die Kenntnisse und Fertigkeiten eines im Busch aufgewachsenen Ureinwohners gut brauchen konnte, zog er doch als Fuhrmann durch das ganze Land, um herbeizuschaffen, was die Bewohner der weit verstreuten abgelegenen Viehzuchtstationen und kleinen Ansiedlungen benötigten, hatte Patrick ihn als Gespannführer eingestellt und ihm damit seine Selbstachtung wiedergegeben. Seither lebte Billy in dem Rhythmus, mit dem sich die Räder des Ochsenfuhrwerks drehten. Patrick Duffy war anders als alle Weißen, die Billy je kennen gelernt hatte. Im Laufe der Jahre hatten die beiden Gefahren aller Art getrotzt und sich so manches Mal am Lagerfeuer über den Sinn ihrer jeweiligen Welt unterhalten. Der gemeinsame Feind und die gegenseitige Achtung hatten die Freundschaft zwischen ihnen immer tiefer werden lassen.

Patrick Duffy ahnte nicht, dass sich ein merkwürdiges und entsetzliches Vorzeichen für eine Wendung in ihrer beider Leben gezeigt hatte. Billy hingegen hatte es nur zu deutlich erkannt.

Tom kratzte sich den Bart, denn seine Haut juckte vom Staub des Karrenwegs. Sehnsüchtig dachte er an den Wasserlauf, der Billys Worten nach nur wenige Kilometer westwärts lag. Am Vorabend hatte er gesehen, wie winzige Finken einer wirbelnden Wolke gleich über ihnen geflogen waren, und sich genau gemerkt, welche Richtung sie eingeschlagen hatten, denn ihm war klar, dass sie zum Wasser wollten. Wo es reichlich Wasser gab, konnte man auch den mit Schweiß vermischten Staub abwaschen, der unterwegs in jede noch so winzige Hautfalte kroch.

Er hielt mit Kratzen inne. Am Feuer schaukelte Billy auf den Fußsohlen hockend vor und zurück und gab in einem leisen Singsang sonderbare Laute von sich. Als Tom begriff, was das bedeutete, lief ihm ein eiskalter Schauer über den Rücken.

»Komm doch mal her!«, rief er seinem Vater zu, der die Fußfesseln der Ochsen löste, was diese mit stoischer Geduld über sich ergehen ließen.

»Was gibt's denn?«, fragte Patrick, während er sich aufrichtete und dem Leitochsen Mars freundlich die breite Stirn tätschelte.

»Mit Billy scheint was nicht zu stimmen«, gab Tom zur Antwort, wobei ein besorgter Ton in seiner Stimme mitschwang. Noch nie in seinem fünfundzwanzigjährigen Leben hatte er so große Angst empfunden wie jetzt. Die Laute, die Billy von sich gab, waren so fremdartig und unheimlich, als gehörten sie in die Schattenwelt zwischen Nacht und Tag. Der junge Mann hatte den dringenden Wunsch, dass er damit aufhörte.

»Billy, du alter Heide, du jagst uns entsetzliche Angst ein«, sagte Patrick tadelnd und trat auf den Mann zu, der, den Kopf zwischen den Händen, am Boden hockte und sacht vor und zurück schaukelte. »Was im Namen des heiligen Patrick geht hier vor sich?«

Statt einer Antwort fuhr Billy mit seinem Sprechgesang fort und hielt über Patricks Schulter hinweg den Blick unverwandt dorthin gerichtet, wo er den Boten sah, der ihn hochmütig betrachtete. Denn er wusste, was geschehen würde. Diesen Boten, eine Krähe mit glänzendem schwarzen Gefieder, hatte das Traumgesicht vorausgesagt, das er in den stillen Stunden der Nacht erblickt hatte. Wie konnte er das seinem Freund erklären?

Als Patrick merkte, dass der Alte den Blick auf eine Stelle hinter ihm gerichtet hielt, wandte er sich um und sah in einem der hohen Eukalyptusbäume unweit der Ochsen den Rabenvogel. Er musterte die Menschen mit wachem Blick. Seine Augen starrten so zornig, dass man ihn für die verkörperte Boshaftigkeit halten konnte. Ein Schauer wie von bevorstehendem Unheil überlief Patrick.

»Lass dich doch bloß nich von 'ner verdammten Krähe verrückt machen«, knurrte er. Trotz des ärgerlichen Klangs in seiner Stimme war er insgeheim von den befremdlichen Fähigkeiten des alten Ureinwohners überzeugt. Auch seine Frau Elizabeth hatte diese unerklärliche Gabe besessen und sie seiner Tochter Kate vererbt.

Er sah sich nach einem Stein um. Da er keinen fand, riss er ein Büschel dürres Gras aus, an dem ein Erdklumpen hing, und schleuderte es nach dem Vogel. Kraftlos fiel es weit vor seinem Ziel zu Boden. Nicht im Geringsten beeindruckt, blieb die Krähe seelenruhig sitzen. Sie würde davonfliegen, wenn es ihr passte.

Nach einer Weile breitete sie die Schwingen aus. Die ersten Sonnenstrahlen brachen sich in ihrem Gefieder, sodass es in herrlich glänzendem Grün aufschimmerte. Dann stieß sie einen lang gezogenen trägen Ruf aus, der Billy zu gelten schien. Auch wenn der weiße Mann nicht verstand, was die Geisterkrähe Billy zugerufen hatte, war ihre unheilvolle Botschaft ganz einfach: Sie befanden sich an einem Ort des Todes!

Lautlos, wie er zu seiner Erkundung aufgebrochen war, kehrte Corporal Gideon wieder zurück.

Sergeant James trat zu Lieutenant Mort, der voll Ungeduld zusah, wie sich die Sonne quälend langsam über dem Buschland erhob. Allmählich wurde die Zeit knapp, in der sie die Ureinwohner überraschen konnten, bevor die Männer zur Jagd aufbrachen und auch die Frauen das Lager verließen, um Yams-Wurzeln auszugraben.

»Wie viele sind es?«, fragte Mort seinen Kundschafter.

»Großes Lager, Mahmy, viele Schwarze ... von hier bis da«, sagte er und beschrieb mit dem Arm einen großen Bogen. Mit fragendem Blick wandte sich Mort an seinen Stellvertreter, der ihm die Aussage erläutern sollte.

»Rund fünfzig Menschen«, sagte dieser nachdenklich und beugte sich im Sattel vor. »Dürfte eher eine Sippe als ein ganzer Stamm sein. Wo schlafen die jungen Männer?«

Mit einer Handbewegung sagte der Eingeborene: »Nicht am Wasser. Sar'nt Henry beim Busch.«

Also bildeten die unverheirateten Männer, die Hauptstreitmacht der Gruppe, eine Art äußeren Verteidigungsring, in dessen Mitte sich an verschiedenen Stellen die unverheirateten jungen Frauen, die alten Leute und die Frauen mit ihren Kindern befanden.

»Können Pferde den Wasserlauf überqueren?«, fragte Mort besorgt. Gideons Gesicht verzog sich zu einem breiten Lächeln.

»Wasser ... so tief, Mahmy«, gab er zur Antwort. Der Kundschafter beugte sich von seinem Pferd herab, um zu zeigen, dass diesem das Wasser lediglich bis unter den Bauch reichen würde. Mort stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Das Glück schien ihnen hold zu sein.

»Corporal Gideon«, sagte er und zog den Infanteriedegen aus der Lederscheide an seinem Gürtel. »Du übernimmst die Mitte und leitest den Angriff. Ich halte mich dicht dahinter.« Dann wandte er sich an seinen Stellvertreter. »Sergeant James, lassen Sie die Leute in Schützenlinie ausschwärmen. Sobald wir das Niggerlager erreicht haben, bleiben Sie bei den Tieren, während unsere Leute zu Fuß vorrücken.«

Henry wendete sein Pferd und ritt zu den wartenden Buschpolizisten hinüber. Es war ihm recht, dass er sich nicht an der so genannten Säuberungsoperation nach dem Überfall beteiligen musste. Mehr als einmal war er Zeuge der brutalen Grausamkeit gewesen, mit welcher die eingeborenen Buschpolizisten die nahezu wehrlosen überlebenden Ureinwohner niedergemetzelt hatten.

Er gab den Befehl weiter, und die Männer bildeten mit häufig geübter Gewandtheit die Schützenlinie. Es waren erstklassige Reiter, und er konnte einen gewissen Stolz nicht unterdrücken, als er sah, wie reibungslos der Befehl ausgeführt wurde. Die vielen Stunden des öden Exerzierdienstes waren nicht vergeblich gewesen.

»Karabiner bereitmachen!«

Die Männer setzten den Kolben ihres Karabiners auf den Oberschenkel, spannten den Hahn und warteten auf den nächsten Befehl. Ihren dunklen Gesichtern war anzusehen, dass sie nicht nur für den Einsatz bereit waren, sondern ihm geradezu entgegenfieberten. Ihre Anspannung schien sich auf ihre Tiere übertragen zu haben, die schnaubend die Köpfe zurückwarfen.

»Im Schritt!«

Die Abteilung setzte sich in geordneter Linie in Bewegung. Mit ihren breiten Leibern schoben die Pferde niedriges Buschwerk beiseite und zertraten es unter den Hufen. Verängstigt flohen winzige Vögel, als sich der merkwürdige Trupp wie ein vielköpfiges Ungeheuer voranarbeitete. Nach wenigen Minuten wandte sich Gideon dem Lieutenant zu und sagte flüsternd: »Hier, Mahmy!« In Schussweite vor ihnen lag das Lager der Nerambura. Mort gab seinem Tier die Sporen, hielt vor der Schützenlinie an und riss den Degen hoch, in dessen Klinge sich ein Strahl der Morgensonne fing und wie weißes Feuer über deren ganze Länge lief.

»Zum Angriff!«

Als er die blank gezogene Waffe herabfahren ließ, galoppierten die über den Hals ihrer Tiere gebeugten Männer unter lautem Kriegsgeschrei dem Lager entgegen. Die Pferde streckten den Kopf vor und blähten die Nüstern, als wollte jedes von ihnen als Erstes den Wasserlauf überqueren und das Lager erreichen. Gleich einer Flutwelle drohte die kurze Schützenlinie die ahnungslosen und friedlichen Nerambura aus dem Volk der Darambal zu überschwemmen und alles mit in den Tod zu reißen, was ihr in den Weg kam.

Anfangs konnte man den sonderbaren Donner mit den Vorboten von Sommergewittern verwechseln, die in der Zeit vor den schweren Regenfällen auftreten. Als ihnen der ungewohnte Geruch in die Nase stieg, schritten die Hunde misstrauisch schnuppernd mit steifen Hinterläufen und aufgereckter Rute an den Rand des Lagers, wo sie wild zu kläffen begannen. Säuglinge schrien, als sie die zunehmende Angst ihrer Mütter spürten. Niemand kam auf den Gedanken davonzulaufen, so sehr hatte die Angst vor dem Unbekannten alle gelähmt. Dann wurde die Ursache des Geräuschs sichtbar. Sie war noch fürchterlicher, als es sich die Ureinwohner in ihren grausigsten Schreckensvisionen hätten ausmalen können.

Hoch spritzte das Wasser auf, als die Reiter hindurchgaloppierten und die Windschirme der Nerambura niederritten. Glut und Funken von den Kochfeuern flogen in alle Richtungen. Wie ein einziger Donnerhall ertönte die Salve aus den Karabinern. Die schweren Bleigeschosse zerfetzten Männer, Frauen und Kinder, schleuderten sie blutend zu Boden, wo die Pferde wie rasend über sie hinwegstürmten.

Erschreckt jagten die Hunde davon und bellten aus dem umliegenden Buschland ihren Zorn zu den sonderbaren vierbeinigen Untieren hinüber. Mütter rissen ihre Säuglinge an sich, Krieger griffen nach Speeren und hölzernen Keulen. Viele der Entsetzensschreie verstummten, nachdem eine zweite Salve in weichem Fleisch ihr Ziel gefunden hatte. Als die Läufe leer geschossen waren, drehten die Buschpolizisten ihre Karabiner um und ließen die Kolben ziellos wie Keulen in die Menge fahren. Hälse brachen und Schädeldecken splitterten. Zu plötzlich und überraschend war der Angriff gekommen, als dass die Nerambura-Krieger zu den Waffen hätten greifen und Widerstand leisten können, und so taten sie es den Hunden und den klügeren der Frauen gleich – sie flohen von diesem schrecklichen Ort des Mordens.

Im dichtesten Gewühl fiel Morts von Wahnsinn gezeichneter Blick auf einen pummeligen kleinen Jungen. Wie gelähmt stand er starr und voll Angst vor den unbekannten Geschöpfen, die in seine Welt eingedrungen waren, hielt die kleinen Fäuste vor die Augen, um nicht sehen zu müssen, was da herangedonnert kam. Die Spitze von Morts Degen fuhr ihm in die Brust, wobei ihn der Schwung, mit dem das Pferd weitergaloppierte, von den Füßen riss.

Mit einem geübten Schlenker des Handgelenks ließ Mort das Kind von der Degenspitze gleiten und sah flüchtig über die Schulter zu dem winzigen Leichnam hinab, der wie eine Lumpenpuppe im Staub lag. Leuchtend rot quoll das Blut in kurzen Stößen aus einer durchtrennten Schlagader.

Mit einem Triumphschrei bejubelte Mort sein erstes Opfer des Tages und suchte mit fiebrig glänzenden Augen weitere Ziele für seine Mordlust, eine junge Frau oder einen unbewaffneten Krieger. Doch wer die Kraft gefunden hatte, die versteinernde Angst zu überwinden, war ins umliegende Buschland geflohen, allen voran Mütter, die ihre Säuglinge trugen oder ihre Kleinkinder an der Hand fortzerrten. So waren nur noch Alte und Schwache im Lager, die nicht flink genug waren, sich dem Gemetzel zu entziehen, und sie wurden, die Hände in vergeblicher Abwehr über den Kopf gehoben, mit Stiefeltritten und Kolbenhieben hingemordet. Zwar unternahmen die Krieger einen verzweifelten Versuch, sich zu sammeln, um den ihnen nachsetzenden Angreifern Widerstand zu leisten, doch zerstreuten die Salven aus den inzwischen wieder geladenen Karabinern sie mühelos.

Sergeant Henry James zügelte sein Pferd, während die Buschpolizisten von ihren Tieren sprangen und in fliegender Eile die Uniform abwarfen, die ihnen im dichten Gestrüpp nur hinderlich war. Nackt bis auf die Feldmütze machten sie sich mit über der Brust gekreuzten Patronengurten an die Verfolgung ihrer hilflosen Beute, wobei sie im Laufen ihre Karabiner nachluden: das Ende der Patronenhülse aus Pappe abbeißen, Pulver in den Lauf, die Hülse als Pfropf hinterher, dann die Bleikugel, mit dem Ladestock stopfen, Zündhütchen auf den Zündkegel, und schon war die Waffe wieder einsatzbereit.

Um Henry herum entstand eine unheimliche und unnatürliche Stille, die ausschließlich durch das Knistern und Zischen der Feuerstellen unterbrochen wurde, von denen grauweißer Rauch in dichten Wolken zum Morgenhimmel stieg. Vom Buschland her zerrissen vereinzelte Entsetzensschreie die Stille, der Hall eines Schusses oder erregte Rufe der Buschpolizisten, die ihren Opfern nachsetzten.

Später würden Krähenschwärme sich über das Festmahl hermachen, das ihnen der Tod bringende Angriff des Trupps auf der Walstatt bereitet hatte. In der Nacht würden die wilden Hunde Nachlese halten und einander streitig machen, was übrig geblieben war. Ganz zum Schluss würden die Goannas mit ihren scharfen Zähnen und dolchähnlichen Krallen das allmählich in Verwesung übergehende Fleisch von den Knochen reißen. Einstweilen aber ließen sich als Vorhut der Aasfresser Myriaden Fliegen auf den Toten und Sterbenden nieder.

Wachsam ging Henry mit dem Revolver in der Hand durch das verwüstete Lager. Er wedelte die Fliegen fort, die in einer dichten Wolke von der Leiche eines alten Mannes aufgestiegen waren. Der Tritt eines schweren Reiterstiefels hatte ihm den Schädel zerschmettert, ausdruckslos starrten seine leblosen Augen zum wolkenlosen Himmel empor.

Während sich Henry vorsichtig den Weg zwischen den Leichen bahnte, nahm er das Ausmaß der Zerstörung in sich auf. Zwischen fortgeworfenen Speeren, Schilden und Wurfhölzern lagen verstreut die Reste zerborstener Mahlsteine, an einem Kochfeuer sah er noch den haarlosen schwärzlichen Kadaver eines Wallabys. Dem brennenden Holz eines unter dem Anprall von Pferd und Reiter zusammengebrochenen und in ein Feuer gestürzten Windschirms entströmte der süßlich beißende Geruch ätherischer Öle. Obwohl Henry schon seit langem gegen solche Szenen abgehärtet war, denn so sah das Leben an der Grenze nun einmal aus, wusste er, dass er an diesem Tag eine schwere Schuld auf sich geladen hatte.

Er tat einen Schritt über den Leichnam des Alten und ging unter großer Vorsicht auf den schlammigen Wasserlauf zu, von wo ein lang gezogenes klägliches Wimmern an sein Ohr drang. Inständig hoffte er, dass es eine andere Ursache hatte, als er vermutete.

Suchend sah er sich um. Wie blasse blaue Würste trieben die Eingeweide einer jungen Frau, die im seichten Wasser saß. In ihrer Qual merkte sie kaum, dass sich der weiße Mann näherte, und erst im letzten Augenblick ihres Lebens hob sie gepeinigt den Blick und sah ihrem Henker ins Gesicht.

Der Rückstoß des Revolvers riss Henrys Hand nach oben. Der Schuss hatte die Frau in die Stirn getroffen. Nicht zum ersten Mal hatte er einen schwer verwundeten Menschen auf diese Weise von seinen Leiden erlöst, und es würde wohl nicht das letzte Mal sein.

Als die Kugel in ihrem Gehirn detonierte, schien die Frau buchstäblich zu schrumpfen. Während sie zur Seite sank, färbte sich das Wasser um ihren Kopf herum karmesinrot. Die leichte Strömung trug ihr Blut davon, nahm die in roter Schrift geschriebenen Worte der Anklage mit sich, die als Flecken auf der Erde zurückbleiben würden, wenn das Wasser verdunstet war.

Es würgte Henry, als er sich umwandte und davonging. »Verdammt noch mal, sie war doch noch so jung!«, stieß er hervor.

Wallarie konnte sein Zittern nicht beherrschen, als sich der weiße Mann von der Toten entfernte. Die Buschpolizisten hatten den jungen Eingeborenenkrieger nicht bemerkt, der sich angstvoll ins Gestrüpp geduckt hatte, und so war er voll hilflosem Entsetzen Zeuge geworden, wie man seine Leute abschlachtete. Warum hatte er nicht versucht, mit seinen Speeren dem Gemetzel Einhalt zu gebieten? Die traurige Antwort gab er sich selbst: Wie hätte er einem solchen Ansturm von Männern und Tieren mit Aussicht auf Erfolg Widerstand leisten können? Der bloße Versuch wäre zum Scheitern verurteilt gewesen.

Der junge Krieger bemühte sich, seine Angst zu beherrschen, während er voll Verzweiflung wartete. Krampfhaft kämpfte er gegen das Entsetzen an, das ihn erfasst hatte. Schon bald wurde aus dem unbeherrschbaren Angstzittern das Wutbeben eines Kriegers, der entschlossen war, eines Tages Rechenschaft von den Mördern seines Stammes zu fordern. Mit allen ihm zu Gebote stehenden Fähigkeiten als Krieger und Jäger würde er seinen Stamm rächen.

Argwöhnisch sah er zu, wie der breitschultrige Weiße unter den Toten umherstapfte. Den Revolver schussbereit in der Hand, drehte er mit der Stiefelspitze jeden Einzelnen um. Ruhig und gefasst hielt Wallarie seine Speere. Zwar befand sich der Weiße in ihrer Reichweite, aber das dichte Buschwerk konnte einen Speer von seiner Flugbahn ablenken. Es war Wallarie klar, dass er bei einem Kampf Mann gegen Mann keine Aussichten hatte. Nicht nur, weil dieser weiße Mörder auf der Hut zu sein schien, sondern weil die Eindringlinge eine Waffe besaßen, die es ihnen erlaubte, mit dem Lärm des Donners zu töten. Statt seiner würde er lieber die tückischen schwarzen Krähen beschatten. Sie rechneten wohl kaum mit einem Angriff, denn sie waren viel zu sehr damit beschäftigt, seine Leute zu verfolgen, die der relativen Sicherheit der nahe gelegenen Berge entgegenflohen.

Er verschwand im Buschland. Nie wieder würde er das einstige Lager seines Stammes betreten. Es war jetzt ein Ort der Geister, an dem sich ausschließlich die Toten aufhalten durften. Nur sie konnten das Flüstern hören, das aus den Gräbern der alten Darambal-Krieger auf dem heiligen Berg zu ihnen herabdrang.

Es war Wallarie nicht bewusst, dass auch er die Stimmen vor langer Zeit dahingeschiedener Krieger vernahm, die ihn durch die Zeiten riefen. Erst, wenn er so weit war, dass er den Tag nicht mehr überleben wollte, würde er ihre Worte verstehen.

Henry, der nichts von der Beobachtung durch den jungen Krieger bemerkt hatte, fuhr mit seiner grausigen Beschäftigung fort: er gab schwer verwundeten Nerambura den Gnadenschuss. Es erfüllte ihn mit einer gewissen Erleichterung, dass er, abgesehen von der jungen Frau im Wasser, nur drei weitere Lebende fand.

Als er sicher war, dass sich als einzige Lebewesen nur noch Fliegen im Lager der Nerambura aufhielten, ließ er sich zu Boden sinken. An den Stamm eines Coolabah-Baumesgelehnt, wischte er sich mit dem von Schmauchspuren geschwärzten Handrücken die Tränen aus den Augen. Das Schießpulver biss in seine Haut, aber die Tränen erleichterten ihn. Es war eine Sache, Krieger zu töten ... Frauen und Kinder zu töten aber war etwas völlig anderes.

Während die Reste der Windschirme knisternd zu Ende brannten, stieg der Rauch in der Brise des frühen Morgens wie ein Gespenst zum azurblauen Himmel empor. Noch viele Jahre später würde der Geruch brennenden Eukalyptusholzes die bitteren Erinnerungen an diese Vertreibungen in ihm wachrufen. Eukalyptus war der erste Geruch, den er mit seiner neuen Heimat in Verbindung gebracht hatte, inzwischen aber ging von brennendem Eukalyptus der Geruch des Todes aus.

Eine einzelne Krähe schrie in der Ferne, während er allein auf die Rückkehr der Männer wartete. Lautlos weinte er um die junge Tote im Wasser und beklagte den Verlust seiner Seele. Doch niemand würde je Tränen in seinen Augen sehen. Kummer war eine persönliche Angelegenheit. Er teilte ihn mit den toten Nerambura, die ihn mit anklagendem Schweigen umgaben.

Kapitel 3

Schon vor Morgengrauen hatten Donald Macintosh und seine Hirten schweigend ihre Pferde gesattelt, ihr aus Fladenbrot vom Vortag bestehendes Frühstück mit Wasser aus ihren Feldflaschen hinuntergespült und sich unter den Rufen der Brachvögel und dem Knirschen des Lederzeugs auf den Weg zum heiligen Berg der Nerambura gemacht.

Dort warteten sie träge im Sattel sitzend und wedelten die Fliegenschwärme fort, die Mensch und Tier belästigten, während die Sonne am klaren Himmel emporstieg.

Macintosh dachte nicht an den Hinterhalt, den sie den Ureinwohnern legten, sondern an die lange Dürreperiode, die nicht enden wollte. Immer häufiger kam es vor, dass der Wind den Erdboden in der Ebene fortriss und mit sich hoch in den wolkenlosen Himmel trug. So dicht waren diese Staubwirbel, dass man beinahe daran erstickte, und so stark, dass sie die Rindendächer von den Nebengebäuden der Viehzuchtstationen rissen. Im Vorjahr waren die sommerlichen Regenfälle so spärlich ausgefallen, dass sie die ausgedörrten Weideflächen nicht hinreichend getränkt hatten, und auch die letzten Wasserstellen trockneten rasch aus.

Zwar verliehen weder seine Macht noch sein Reichtum Macintosh Gewalt über die Natur, doch konnte er in einer Hinsicht etwas für den künftigen finanziellen Erfolg seiner Schafzucht tun: mit der Vertreibung von Harns' Söhnen sicherte er die letzten kostbaren Wasserreserven für seine Herden. Er sah an der Reihe der Reiter entlang zu seinem Sohn am äußersten Flügel hinüber. Als sich ihre Blicke trafen, lächelte ihm Angus zu. Er war voller Bewunderung für den Vater, der so gelassen wirkte, als gehe es um die Eröffnung der Moorhuhnjagd und nicht um ein Gemetzel an den Ureinwohnern auf dem Besitz Glen View. Er beneidete ihn um seine augenscheinliche Ruhe, denn er selbst empfand nichts dergleichen. Er fühlte sich von einer gestaltlosen Macht beobachtet, die zugleich so wirklich war wie der Staub und die Flitze über dem uralten Land. Schwindel und eine kaum erträgliche Übelkeit erfassten ihn.

Als Macintosh sah, dass Angus bleich und zusammengesunken im Sattel saß, rief er ihm voll väterlicher Besorgnis zu: »Was is mir dir, mein Junge?« Die Stimme erreichte Angus wie durch einen Tunnel, und er fuhr kurzzeitig aus seiner Benommenheit hoch. »Mir fehlt nichts«, beruhigte er den Vater. »Es ist nichts weiter, vermutlich die Sonne.« Aber er wusste, dass ihm nicht die Sonne dieses Entsetzen einjagte, das so wirklich war wie die Übelkeit, die ihn fast aus dem Sattel geworfen hätte.

Die Höhle ... ein kalkweißer Krieger auf der Jagd nach Beute ...

Das immer wiederkehrende Bild tanzte ihm in seiner fiebrigen Vorstellung ebenso vor den Augen wie die von der heißen Mittagssonne ausgedörrten Bodenflächen. So verzweifelt er sich bemühte, die beunruhigende Vorstellung abzuschütteln, sie verließ ihn nicht, sondern lag vor seinen Augen wie ein Schleier.

Der weiße Strichmännchen-Krieger, der sich an ihn heranpirschte und den Speer zum tödlichen Stoß hob ...

Eine Woche zuvor hatte Angus den weißen Krieger an einer heiligen Stätte der Nerambura gesehen. Er war mit zwei Schafhirten im Bergland auf der Suche nach verirrten Schafen in eine Höhle geraten, deren Eingang ein massiver Felsüberhang verbarg.

»Großer Gott! Was für 'n verdammtes Zeug ist das hier?«, hatte einer der Männer gerufen, als sie das sich breit hinziehende Panorama sonderbar lebendig wirkender Zeichnungen an den Wänden der Höhle bemerkten. Es war eine Darstellung von Leben und Tod, die über den Tod hinauszureichen schien! So, wie es aussah, ging es um die Jagd, man sah längst ausgestorbene Tiere und Strichmännchen-Krieger mit Speeren in den Händen. Die Schafhirten hatten miteinander Blicke voll abergläubischer Furcht gewechselt. Die vermutlich uralte Kultstätte jagte ihnen Angst ein.

Angus waren die besorgten Blicke der Männer nicht entgangen, denen deutlich anzusehen war, dass sie hier keinesfalls länger bleiben wollten. Sie hielten es für eine heilige Stätte der Ureinwohner, doch Angus hatte über den Aberglauben dieser ungebildeten Menschen gespottet. Auf ihn wirkte die Höhle wie eine primitive Kathedrale – ein heidnischer Ort der Anbetung.

Zwar hatte auch ihn die bedrückende Stille an jenem Ort voll unheimlicher Erhabenheit daran gemahnt, dass er auf verbotenem Boden stand, doch glaubte er, als Erbe eines weit gespannten anglo-schottischen Wirtschaftsimperiums primitiven Götzenbildern mit Anmaßung begegnen zu müssen.

So hatte er ein Messer mit breiter Klinge aus dem Stiefelschaft gezogen, war zu den Wandzeichnungen getreten, die ein namenloser Künstler vor unendlich langer Zeit geschaffen haben mochte, und hatte an der Abbildung eines Kriegers herumgekratzt, der den Speer hoch über den Kopf erhoben hielt. Die Schafhirten hatten sein lästerliches Treiben voll Unruhe beobachtet.

»Sie sollten das lieber lassen, Mister Macintosh«, hatte Jack gebrummelt. »Das könnte Unglück bringen.«

»Das kannst du laut sagen. Es wird Unglück bringen ... aber den Schwarzen, und nicht uns«, hatte er gehöhnt, das Messer wieder in den Stiefelschaft gesteckt und war einen Schritt zurückgetreten, um die Gesamtheit der Bilder in sich aufzunehmen. »Bei nächster Gelegenheit kommen wir zurück ... und sprengen den Überhang weg.«

Zufrieden, seinen Standpunkt klargemacht zu haben, hatte er dann seine Männer aus der vorzeitlichen Höhle wieder in eine Welt geführt, wo man den Wind spüren und die beruhigenden Geräusche des Buschlandes hören konnte. Von all dem schien in der ungeheuren Weite hinter dem Überhang nichts existiert zu haben. Dort hatte man lediglich eine lastende und alles überwältigende Kraft gespürt, deren unerklärliche Gegenwart Angst erzeugte.

Mit einem Mal prasselten hinter den Reitern größere und kleine Gesteinsbrocken zu Boden. Angespannt vom langen Warten zuckten die Schafhirten erschrocken zusammen und wandten sich um, Karabiner und Revolver schussbereit in der Hand, um der Bedrohung die Stirn zu bieten.

»Was für Memmen seid ihr eigentlich, dass ihr vor einem kleinen Pelztierchen Angst habt?«, spottete Macintosh. Verlegen sahen sie zu ihrem durch nichts zu erschütternden Anführer hin, während das kleine Felsenkänguru hinter ihnen den Hang emporhüpfte.

Macintosh schüttelte den Kopf und sah besorgt zu Angus hinüber, um festzustellen, wie dieser den falschen Alarm aufgenommen hatte. Die scharf geschnittenen Züge seines Sohnes hatten etwas Falkenartiges. Voll väterlichem Stolz dachte Macintosh daran, dass Angus eines Tages im Wirtschaftsimperium der Familie seine Nachfolge antreten würde, doch dann riss ihn der Lärm der brutalen Vertreibung, der aus der Ferne herüberdrang, aus seinen Gedanken.

Die Pferde spitzten die Ohren, und die Männer erwachten aus der trägen Benommenheit, die nach der kurzen Anspannung erneut von ihnen Besitz ergriffen hatte. Unruhig hantierten sie mit ihren Schusswaffen. »Haltet euch bereit«, knurrte Macintosh leise. »Die Schwarzen können jeden Augenblick hier sein.«

Aber es dauerte noch volle zwanzig Minuten, bis der erste fliehende Angehörige der Nerambura ahnungslos in den Hinterhalt taumelte und Angus Macintosh zum ersten Mal einen Menschen tötete.

Schild und Speere hinter sich her schleppend, brach der nackte junge Krieger aus dem Buschwerk. Sein Bestreben, den Verfolgern zu entkommen, und die Hoffnung, bald die Berge erreicht zu haben, wo er sich einigermaßen sicher fühlen durfte, hatten ihn seine Umgebung nicht mit der sonstigen Aufmerksamkeit beobachten lassen. Keuchend kam er nur zehn Schritt von Angus entfernt zum Stehen.

»Vorsicht, Mister Macintosh ... der hat 'nen Speer«, rief einer der Schafhirten überflüssigerweise, denn Angus hatte den eingeborenen Krieger ebenso bemerkt wie dieser ihn. Als er begriff, in welche Falle er da gelaufen war, trat die Angst eines in die Enge getriebenen Tieres in seine Augen. Verzweifelt riss er den Speer mit den Widerhaken an der Spitze nach hinten, um ihn den Reitern entgegenzuschleudern, die ihm den Fluchtweg versperrten. Aber er stand ungünstig, und diesen Umstand nutzte Angus. Er hob den Revolver und feuerte vier Mal rasch hintereinander. Die beiden ersten Schüsse verfehlten ihr Ziel, aber die dritte und vierte Kugel trafen den Mann in die Brust und schleuderten ihn rücklings zu Boden. Der Speer entfiel seiner kraftlosen Hand.

»Gut gemacht, Mister Macintosh!«, beglückwünschte ihn einer der Schafhirten, während Angus auf den Toten zu seinen Füßen blickte, verstört über die Leichtigkeit, mit der man einem Menschen das Leben nehmen konnte. Dennoch spürte er kein Bedauern. Immerhin war allgemein bekannt, dass Schwarze keine Seele hatten, und so konnte keine Rede davon sein, dass er seinesgleichen getötet hätte, einen Mitmenschen. Letztlich war es nicht anders als bei der Jagd auf Kängurus, nur dass ihm diese Beute hätte weit gefährlicher werden können als eines jener Tiere.

Mit zufriedenem Lächeln nahm er das Lob entgegen und drehte sich im Sattel um. Er wollte sehen, was sein Vater zu seinem ersten Toten zu sagen hatte. Als dieser bestätigend nickte, erfasste ihn ein Hochgefühl. Jetzt war auch er ein richtiger Mann!

»Da kommen noch mehr!«

Der Warnruf riss ihn aus seiner Hochstimmung. Weitere überlebende Nerambura flüchteten schweißbedeckt und keuchend vor den Buschpolizisten dorthin, wo sie der Tod erwartete.

Ein kleiner Junge, der den Reitern entgegentorkelte, blieb mit weit aufgerissenen Augen stehen. Bleikugeln zerfetzten seinen winzigen Körper, und Blut lief aus seinen vielen Wunden, während er zu Boden sank.

»Feuert nicht alle auf dasselbe Ziel, verdammte Dummköpfe!«, rief Macintosh mit grollender Stimme. »Geht sparsam mit Pulver und Kugeln um! Das Zeug kostet mich 'nen Haufen Geld! Ihr hättet den auch ohne weiteres niederreiten können.«

Normalerweise hörten die Schafhirten auf ihren Herrn, aber der Blutrausch hatte sie erfasst, und so folgten sie erst dann seinen Worten, als eine erschöpfte Gruppe Nerambura zwischen den Bäumen hervorkam. Nur vereinzelte Schüsse empfingen die Fliehenden, die sich aufschreiend duckten und zwischen den Pferden hindurch die rettenden Berge zu erreichen versuchten.

»Lasst sie – da kommen noch mehr«, rief Macintosh, während er den Revolver auf eine Frau richtete, die einen Säugling an der Brust trug. Der Rückstoß riss seine Hand nach oben, und er knurrte befriedigt, als er sah, dass die Kugel nicht nur den schreienden Säugling, sondern auch die Mutter getroffen hatte. Als sie zu Boden stürzte, flog ihr Kind in weitem Bogen davon. Na bitte, zwei für den Preis von einem, dachte er voll wilder Genugtuung.

Inzwischen suchten sich die Schafhirten ihre Ziele sorgfältiger, und allmählich türmten sich unter ihrem mörderischen Feuer Tote und Sterbende Männer, Frauen und Kinder – zu wirren blutigen Haufen. Hübschere junge Frauen blieben verschont und wurden von den Schafhirten mit Tritten und Kolbenstößen beiseite gedrängt.

Das Gemetzel nahm seinen entsetzlichen Fortgang, bis keine Flüchtenden mehr aus dem Buschland kamen.

Angus wusste nicht, wie oft er die Trommel seines Revolvers leer gefeuert und nachgeladen hatte. Gerade, als er dabei war, neue Patronen in die Kammern zu schieben, versuchte eine junge Frau, sich an ihm vorüberzuschleichen. Er wollte sie mit einer Seitwendung des Pferdes, das sich hoch aufbäumte, zu Boden werfen, doch sie rannte Haken schlagend davon. Als er sie eingeholt hatte, warf er sie mit einem Tritt seines Stiefels zu Boden, sodass sie benommen auf Händen und Füßen vor ihm kniete. Er wollte sein Pferd über sie hinwegtreiben, aber das Tier gehorchte ihm nicht. Menschen zu töten entsprach nicht seiner Natur.

Dann ging ihm auf, wie verlockend der am Boden kauernde Körper war. Seine Wut verflog bei der Vorstellung, welches Vergnügen ihm diese junge Eingeborene bereiten würde, wenn die Arbeit getan war, und so ließ er sie vorerst, wo sie war, trieb sein Pferd an und trabte zurück zu den anderen.

Überall lagen nackte schwarze Leiber im feinen roten Staub. Rauch stieg von der Mündung der heißgeschossenen Revolverläufe auf. Die plötzliche Stille, die in den Ohren der Schafhirten dröhnte, wurde lediglich vom Wehklagen der Verwundeten unterbrochen, die sich davonzuschleppen versuchten.

Für Angus war es ein glorreicher Tag, und was ihn erwartete, steigerte sein Hochgefühl. Ein alles andere übertönendes Gefühl von Überlegenheit hatte sich seiner bemächtigt. Es gab auf der Welt nichts Schöneres, als Schwarze abzuknallen! Vor diesem australischen Zeitvertreib verblasste sogar die Fuchsjagd der Engländer.

Steif glitt Donald Macintosh aus dem Sattel, froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Er streckte den schmerzenden Rücken und wischte sich mit dem Hemdsärmel den Schweiß von der Stirn. »Gib mal her, Jack«, sagte er und griff nach der langläufigen Büchse des Schafhirten.

»Is aber nich geladen, Chef«, gab dieser zur Antwort, während er sich vorbeugte, um ihm das Gewehr hinabzureichen.

»Mach schon«, knurrte Macintosh ärgerlich, nahm die Waffe und trat beiläufig zu einer alten Frau, die sich in Qualen wand und mit letzter Kraft vor dem Angst einflößenden Schreckensbild des Weißen zurückzuweichen versuchte, der da schweren Schritts auf sie zukam.

Der Schotte hob den Kolben über den Kopf. Die Frau schrie auf, und als der Messingbeschlag ihren Schädel spaltete, erstarb der Schrei. Knurrend hob er den Kolben erneut und stieß noch einmal nach dem zerschmetterten Gesicht der Frau. Es war überflüssig – sie war bereits tot.

Mit den Worten: »Macht es mit den übrigen Verwundeten ebenso. Kein Grund, Munition zu verschwenden«, gab er dem Schafhirten die blutbespritzte Waffe zurück. »Außerdem sorgt dafür, dass keines von den Weibern am Leben bleibt, wenn ihr mit ihnen fertig seid.«

Die Männer nickten. Es beeindruckte sie, wie ihr Anführer mit der Alten kurzen Prozess gemacht hatte. Das war ein Mann, den man fürchten und achten musste.

Sie saßen ab und widmeten sich mit Eifer der Aufgabe, alle Überlebenden abzuschlachten, bis auf die Frauen und jungen Mädchen, die sie noch eine Weile zur Befriedigung ihrer Lust aufsparen wollten. Kreischend und mit vor Entsetzen aufgerissenen Augen wurden sie Zeugen, wie die Weißen mit den Gewehrkolben unter den verwundeten Nerambura wüteten. Das grässliche Krachen berstender Schädelknochen mischte sich mit dem Keuchen der Schafhirten, die den hilflosen Verwundeten den Tod brachten.

Angus kehrte dorthin zurück, wo er die junge Frau zurückgelassen hatte. Sie schien versucht zu haben, sich kriechend dem Berg zu nähern, und lag jetzt vor Verzweiflung jammernd auf dem Bauch. Als er sie mit der Stiefelspitze umdrehte, sah er, dass ihre langen Haare von Blut verklebt waren.

Mit einem Anflug von schlechtem Gewissen sah er sich um, ob der Vater in der Nähe war. Schwarze umbringen war eine Sache, aber mit ihnen kopulieren war etwas völlig anderes. Erleichtert sah er, dass sein Vater mit einem der schwarzen Polizisten, die nackt und schweißglänzend aus dem Busch gekommen waren, dorthin zurückkehrte.

Die am Boden liegende junge Frau jammerte und zitterte in panischer Angst. Als sie den Blick zu dem weißen Mann hob, der über ihr stand, entleerte sich ihre Blase. Der Ammoniakgeruch ihres Urins steigerte Angus' Erregung noch, und er packte sie mit anzüglichem Grinsen bei den Haaren. Ihr Verzweiflungsschrei ging unter in denen der anderen Frauen, über welche die Schafhirten herfielen.

Kapitel 4

Patrick Duffy lehnte sich an einen vom Feuer geschwärzten Baumstamm.

Der ferne Lärm der Vertreibung hatte aufgehört.

»Aus und vorbei, Chef«, sagte Billy schwermütig aufseufzend. »Jetzt sind alle umgebracht.«

Der Fuhrmann schüttelte den Kopf. »Arme Teufel«, murmelte er betrübt. »Wahrscheinlich werden wir noch vor Sonnenuntergang auf das stoßen, was von ihnen übrig ist.« Er wandte sich ab, um zum Fuhrwerk zurückzukehren.

Tom warf seinem Vater einen fragenden Blick zu.

»Die armen Menschen haben es hinter sich«, teilte ihm Patrick mit und nahm einen Schluck aus seiner Feldflasche. Es kam ihm vor, als hätte das Wasser in seinem Mund einen Beigeschmack von Blut. »Wir sollten die Tiere ans Wasser führen«, setzte er hinzu. Er legte die Hand über die Augen und spähte zur Sonne hin, die hoch über dem Buschland stand. »Das wird bestimmt wieder ein verdammt heißer Tag.«

Patrick sah zu Billy, der immer noch wie ein zum Tode Verurteilter aussah, und legte dem alten Ureinwohner beruhigend die große Hand auf die Schulter. »Alles vorbei, Billy«, sagte er freundlich. »Was dir deine Traumbilder gezeigt haben, ist geschehen. Die Leute, ob Siedler oder Polizisten, haben ihr blutiges Werk getan. Wir haben nichts zu befürchten.«

Aber Billy war nicht überzeugt. In seinem Traumbild war ein eingeborener Krieger mit blutverschmiertem Gesicht aufgetreten; ihn aber hatte er noch nicht gesehen.

»Nein«, erwiderte er eigensinnig. »Das hier baal ... Besser nich ans Wasser gehn ... lieber 'n Stück weiter.«

Der Ire seufzte. Er achtete Billys Überzeugungen, aber ihr Wasservorrat ging zur Neige, und die Zugochsen ließen die Köpfe hängen, ein Zeichen dafür, dass sie Durst hatten. »Wir brauchen unbedingt Wasser, bevor es Abend wird, Billy«, sagte er mit Nachdruck. In seiner Stimme lag ein Anflug von Ärger über die Verstocktheit seines alten Freundes. »Du siehst doch selber, dass die Ochsen unbedingt saufen müssen. Wenn die nicht bald was kriegen, gehn sie uns alle sechs ein. Ich zieh den verdammten Karren nicht.«

»Nich hier«, wiederholte Billy dickköpfig und hielt den Blick zu Boden gerichtet. »Wenn wir hier Wasser holen, packt uns der Teufel.« Obwohl er sich ungern gegen den breitschultrigen Iren auflehnte, blieb ihm diesmal keine andere Wahl, wenn sie mit dem Leben davonkommen wollten.

Patrick stieß hörbar erzürnt die Luft aus. Er musste einen Kompromiss finden, um die Ängste des Eingeborenen zu besänftigen. »Was hältst du davon, wenn du und ich uns da vorne mal umsehn? Wir können Tom mit dem Gespann hier lassen und 'n Stückchen weiter mal nachsehen, ob sich die Dinge beruhigt haben«, regte er hoffnungsvoll an. »Wenn du dann immer noch findest, dass wir umkehren sollten, tun wir das, das versprech ich dir. Einverstanden?«

Tief in Gedanken rief sich Billy die Vision ins Gedächtnis zurück. Hatte er nicht den Leitochsen Mars in einer Blutlache stehen sehen? Das konnte nur bedeuten, dass der Tod auf jeden Fall dorthin kommen würde, wo sich das Gespann befand. Vielleicht fand sich eine Möglichkeit, jetzt die Stelle des Unheils hinter sich zu bringen und später zurückzukehren, um das Gespann sicher fortzubringen. Wo sie sich jetzt befanden, war die Schreckensvorstellung nicht so ausgeprägt. Gewiss, das war die Lösung! Falls es ihnen gelang, den Ort der Vertreibung zu erkunden, konnten sie ihn und damit auch die Stelle umfahren, an der die bösen Geister ihr Unwesen trieben.

Er hob den Blick und sah dem hoch gewachsenen Mann, dessen Hand auf seiner Schulter lag, in die grauen Augen. »In Ordnung«, sagte er. »Wir sehn uns um ... und kommen dann wieder.«

Billys Entscheidung erleichterte Patrick sichtlich. »Gut. Wirst sehen, dass alles in Ordnung ist.«

Doch auch Patricks zur Schau getragene Gewissheit vermochte Billys unbestimmtes Gefühl nicht zu übertönen, dass keineswegs alles in Ordnung sein würde. Er brachte es nicht fertig, sein Traumgesicht eher für eine allgemeine Warnung als für die genaue Voraussage bevorstehender Ereignisse zu halten.