Weite Wege - Udo Kollatz - E-Book

Weite Wege E-Book

Udo Kollatz

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Beschreibung

Zum Inhalt: 'Nicht so sehr um die eigene Person' geht es dem Verfasser auf seinen Wegen. Vielmehr dient ihm sein außergewöhnlich vielseitiges berufliches Leben als Hintergrund für ein plastisches Bild der durchlebten Epoche. Was davon werden wir wohl unseren Kindern und Enkeln vermitteln? Dem Autor eröffnete das Ausscheiden aus dem öffentlichen Dienst neue Perspektiven. Nun stellten sich Aufgaben anderer Art in der großen weiten Welt, in Lima (Peru) und in Cabora Bassa (Mosambik), in Kaliningrad (Rußland) und in Riga (Lettland). Auch der Untergang der Neuen Heimat, das deutsche Verbandswesen, die Beraterbranche und die Lobbyistentätigkeit in Bonn boten interessante Aspekte. Nur wenige Menschen konnten die grundverschiedenen Wege zur Überwindung der Folgen des Sowjetsystems in drei Ländern zugleich so direkt und intensiv beobachten wie der Verfasser in der ehemaligen DDR, in Rußland und Lettland. In diesen Kontrasten liegt ein besonderer Reiz des Buches. Bei aller wohlwollenden Objektivität und bei allem Respekt vor der Vielfalt des Lebens zeigt der Verfasser stets deutlich, wo er Demokratie, Freiheit und Recht für gefährdet hält. Der bunte Reigen der Ereignisse wird begleitet von augenzwinkernder Ironie. Sie schimmert selbst in Rußland des öfteren durch, am stärksten aber in Reflexionen zur eigenen Familie. Japan erlebte der Verfasser zum Beispiel als 'der Mann an ihrer Seite', als begleitender Ehemann bei einer Damenreise seiner Frau. Die jahrzehntelange Betreuung der 'Oper in der Stiftsruine' in Bad Hersfeld hatte bei allem Ernst der Aufgabe durchaus skurrile Seiten. Das Land Hessen hat dieses ehrenamtliche Engagement des Autors mit der Verleihung seines Verdienstordens gewürdigt. 2007 erschien im Karin Fischer Verlag Udo Kollatz' Erinnerungsband Kreuzwege – Wegkreuzungen. Jugenderinnerungen eines alten Mannes.

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Weite Wege Aus dem zweiten Leben eines alten Mannes

Udo Kollatz

Weite Wege

Aus dem zweiten Leben eines alten Mannes

karin fischer

Meiner lieben Frau

Sie ist überzeugt, daß man Erwachsene nicht mehr ändern kann. Sie wird nicht müde, mich zu mahnen. Warum? Weil, so sagt sie, sie das Interesse an mir nicht verloren hat.

Inhalt

Warum ich auch dieses aufschreibe

I. Der Start in ein neues Leben

II. Saat geht auf

III. Die Neue Heimat. Ein Lehrstück

IV. Cabora Bassa. Noch ein Lehrstück

V. Man lernt nicht aus. Die Wende

VI. Ein anderes Land

VII. Ein dickes Lehrbuch. Experte in Rußland

VIII. Sinn und Unsinn von Beratung

IX. Auf der Nasenspitze des Bären

X. Begleitmusik

XI. In Verbänden

XII. Ausklang

Personenregister

Abkürzungen

Zeittafel

Warum ich auch dieses aufschreibe

Es gibt Begegnungen, die ein Leben bereichern. Sie verlangen – anders als der Kreuzweg im Märchen – keine schicksalhaften Entscheidungen. In der biographischen Chronik, die ich über meine Jugend, die Jahre des Überlebens und den beruflichen Aufstieg veröffentlicht habe (KREUZWEGE – WEGKREUZUNGEN, JUGENDERINNERUNGENEINESALTENMANNES, Karin Fischer Verlag, Aachen 2007), standen die existenziellen Fragen im Vordergrund. Oft ging es um Sein oder Nichtsein. So hart um Knopf und Kragen ging es später nicht mehr.

Doch diese weiteren Erlebnisse und Erfahrungen, auch Fragen von Lesern, veranlassen mich, den Bericht fortzusetzen. Zwar steigt niemand zweimal durch denselben Fluß. Aber wie ein Thema in der Musik reizvoll variiert, ja mehrfach umgekehrt werden kann, erlebte ich vieles erneut, nun, nach meinem Ausscheiden aus dem Staatsdienst in einem zweiten beruflichen Leben aus einer veränderten, zuweilen entgegengesetzten Perspektive. Nicht mehr als Richter, sondern als Anwalt vor Gericht. Nicht mehr als Leiter einer Behörde, sondern in der Auseinandersetzung mit Behörden. Nicht als Auftraggeber für Gutachten, sondern als Verfasser von Analysen. Auch als Lobbyist. Oft nicht als Akteur, sondern als Beobachter, mehr begleitend als gestaltend.

Sogar als Berater der russischen Regierung in meiner eigenen Geburtsstadt Königsberg (Pr), dem heutigen Kaliningrad. Der nördliche Teil Ostpreußens ist als Kaliningrader Gebiet (Oblast) Bestandteil der rußländischen Föderation. Dort konnte ich erste Versuche zum Aufbau demokratischer Strukturen auf der Ebene eines »Subjekts« der Föderation beobachten. Aber auch Vorboten des neuen Zentralismus. Sprachlich des Russischen kaum mächtig, dafür mit den Usancen internationaler Organisationen vertraut, besuchte ich – als Mitglied einer russischen (!) Delegation – einmal auch die UNIDO in Wien.

In Rußland war das Leben nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion auf besondere Weise prall und bunt. Meine spätere Tätigkeit an der lettischen Staatsuniversität in Riga bot dazu deutliche Kontraste.

Insgesamt blieb das berufliche Wirken spannend. Im freien Beruf konnte ich Freiheiten ausschöpfen. Für das Alter war ich versorgt, mithin so unabhängig, wie ein Berater es sich nur wünschen kann. Versuchungen, an denen es auch auf diesem Feld nicht fehlt, lockten mich nicht. Manch routinierter Fallensteller war überrascht, daß seine Leimruten oder Köder bei mir nicht verfingen. Umfassende Erfahrung, das war der Schatz, auf den ich zurückgreifen, das Pfund, mit dem ich wuchern konnte. Für mich ging es nicht mehr ums Ganze, um Überleben oder Untergang, sondern nur noch um ein Mehr oder Weniger: an Arbeit und Erfolg, an Mühe und Geld. Nicht immer gelang, was ich wollte. Am meisten habe ich selbst bei alldem gelernt, besonders aus Fehlern.

Davon will ich erzählen. Soweit es interessant erscheint, soweit ich es noch weiß, und soweit ich darüber sprechen darf. Wiederum nicht in straffer Zeitfolge oder Chronologie, sondern in der Darstellung von Erlebtem, in der Schilderung von Zusammenhängen und Entwicklungen, Beobachtungen und charakteristischen Episoden. Deshalb der Buchtitel WEITE WEGE – AUSDEMZWEITEN LEBENEINESALTENMANNES. Dabei geht es mir nicht so sehr um die eigene Person. Vielmehr versuche ich, ein möglichst plastisches Bild des Geschehens zu zeichnen, so, wie ich es gesehen habe. Denn die Farbigkeit des Lebens in dieser Epoche wird in absehbarer Zeit durch die Begriffe und Schlagwörter der Historiker glattgehobelt, vernebelt und egalisiert sein.

I. Der Start in ein neues Leben

Mit der Entlassungsurkunde beginnt für den Staatssekretär ein neues Leben. Doch wie fängt man das an? Dafür gibt es – anders als beim Antritt der Position – keine Ratgeber.

Elisabeth und ich, wir sind am ersten Abend ins Kino gegangen. In ein leicht vergammeltes Vorstadtkino. Einfach so. Völlig entspannt. Endlich eine Veranstaltung, bei der wir uns hinsetzen konnten, wo und wie wir wollten, bei der wir weder besonders begrüßt wurden, noch andere zu begrüßen hatten. Ich war nicht mehr auf eine bestimmte Funktion oder Aufgabe in einem Rollenspiel festgelegt, bei dem andere über Drehbuch, Stichwort und Einsatz mitzubestimmen hatten.

Zwischenstop in Israel

Nun konnten wir auch nach Israel fliegen, um eine gute Freundin aus der Studentenzeit zu besuchen. Sie stammte aus der Eifel, war als Kind mit ihren Eltern 1934 ausgewandert, jetzt wohlbestallte Professorin. Verheiratet mit einen Professor, der aus einem jüdisch-religiösen Elternhaus kam. Beide hatten, bevor sie sich kennenlernten, 1948 im Unabhängigkeitskrieg aktiv mitgekämpft. Nun lebten sie mit ihren zwei Kindern in einem Vorort von Tel Aviv.

Ihre eigene Wohnung war klein. Deshalb brachten sie uns in der Nachbarschaft unter. Wir waren in jenem Haus die einzigen Bewohner. Die Besitzer der acht Wohnungen lebten und arbeiteten nämlich in den USA. Sie hatten es zunächst wohl in Israel versucht, konnten da aber nicht genug verdienen. Sie blieben Bürger von Israel, sie behielten dort eine Heimstatt. Es war für sie eine Ehrensache, sich durch Auslandsaufenthalte weder dem Wehrdienst noch anderen Pflichten zu entziehen, obwohl sie im eigenen Staat ein wirtschaftliches Auskommen nicht gefunden hatten. – Einmal aufmerksam geworden, bemerkten wir solche Leerstände auch in anderen Häusern.

Die orthodoxen Juden mit ihren schwarzen Hüten und Schläfenlöckchen fielen uns besonders auf. Sie standen auf der Straße und diskutierten. Ihre Frauen mochten irgendwo berufstätig sein. Sie selbst gingen einer Erwerbsarbeit offensichtlich nicht nach. Die Familien lebten – wie man uns sagte – zwar bescheiden, aber auskömmlich von mildtätigen Zuwendungen und Stiftungen aus den USA. Es war verdienstvoll und gereichte den Gönnern zur Ehre, Gelehrte finanziell zu unterstützen, die ihr Leben dem Studium der heiligen Schriften an den heiligen Stätten in Israel weihten.

Auch sonst entsprach vieles nicht den Vorstellungen, mit denen wir nach Israel gekommen waren. Für junge Israelis schien zum Beispiel das Leben im Kibbuz kaum noch attraktiv zu sein, schon gar nicht so romantisch verklärt, wie bei uns oft berichtet wurde. An ihrer Stelle werkelten des öfteren Jugendgruppen aus Europa, die den Kibbuzim in ihrer hoch technisierten und rationalisierten Landwirtschaft vor allem während der Erntezeiten halfen.

Jerusalem muß man als Realität erleben. Erst dann beginnt man zu verstehen, warum der sogenannte Nah-Ost-Konflikt mit rationalen Mitteln nicht zu lösen ist. Fotos, Bilder und Beschreibungen können das nicht vermitteln. Die Aqsa Moschee und der Felsendom, der mit seiner goldenen Kuppel das Stadtbild beherrscht, thronen über den Ruinen des jüdischen Tempels. Von der Tempelruine wiederum ist tief unten eine Wand als Klagemauer freigelegt. Kann es bei sich überlagernden Schichten jemals ein friedliches Nebeneinander geben? Vom Ölberg her hat man einen wunderbaren Blick über die Gräberfelder bis zur alten Stadtmauer. Aber man erkennt zugleich, daß der Weg zur Stadt von interessierter Seite so verbaut wurde, daß der Messias die Verheißung nicht erfüllen und die Stadt von dort her nicht betreten kann.

Die Grabeskirche war für uns eine wahre Schreckenskammer. Wir kamen als Einzelbesucher, außerhalb der Pilgersaison. Ich wurde ständig am Ärmel gezupft, ja regelrecht gezerrt: Ich möge bitte hierher kommen, nur dies sei die richtige Stelle, nicht etwa dort, wo Angehörige einer anderen Kongregation aus einer anderen Nische einladend winkten. Mein Respekt vor der Regierungskunst der Kalifen wuchs. Sie hatten über Jahrhunderte verhindert, daß Verfechter des jeweils wahren Glaubens sich gegenseitig die Schädel einschlugen oder die Hälse abschnitten. Im übrigen aber pflegten die Sultane sich aus innerchristlichen Händeln wohlweislich herauszuhalten.

Aber Zeiten und Sitten hatten sich geändert, wieder einmal war Vernunft durch Fanatismus ersetzt, auf beiden Seiten. Ich hatte 1952 einen Film gesehen, der sich als Dokumentation gerierte. Er begann mit Aufnahmen von einer großen Straße: Auf dieser Straße seien damals Tausende von Palästinensern vor den Israelis geflüchtet, sagte der Kommentator mit melodramatischer Stimme. Sie säßen immer noch in Lagern hinter der Waffenstillstandslinie. Sie müßten von den Vereinten Nationen ernährt werden und hofften verzweifelt auf Rückkehr. Nun ja. Israelis wiederum erzählten, daß die Araber ihren Brüdern gedroht hätten, sie würden sämtlich als Verräter behandelt, wenn sie nicht jetzt sofort, also vor dem schon 1947 anstehenden Endsieg über Israel und der unausweichlichen Eroberung des Landes, noch schnell zur arabischen Seite überliefen.

Vordergründig lag es für die arabischen Staaten zunächst nahe, diesen Flüchtlingen eine Integration zu verweigern. So konnte man sie der Welt als ständige Mahnung vorhalten, die Kosten ihres Unterhalts auf die Vereinten Nationen abwälzen und ein Element der Veränderung aus den eigenen recht feudalistischen Regierungssystemen heraushalten. Aber im Lauf der Jahrzehnte wuchs das Unruhepotential in den Lagern.

Waffen für den unentwegt propagierten Befreiungskampf konnte man den Lagerinsassen nicht gut vorenthalten. Was die dann aber damit machten, wurde zunehmend zum Problem, gerade auch für die »Gastgeber«. Kein Wunder: Wird in einem geschlossenen Gefäß Druck hochgefahren, wirkt der nach allen Seiten, nicht nur in einer erwünschten Richtung. In Israel wiederum sorgten Siedler, die das von Gott verheißene Land nach Jahrtausenden endlich wieder in Besitz nahmen, aus der Ferne vom Ausland finanziell unterstützt, an Ort und Stelle von der israelischen Armee beschützt durch die ihnen zwangsläufig zu gewährende Deckung, zugleich auf ihre Weise unverdrossen dafür, daß alle Schritte zu pragmatischen Lösungen immer noch rechtzeitig sabotiert wurden. – Ich selbst, ein Flüchtling aus Ostpreußen, fragte mich da schon: Was wäre wohl in Mitteleuropa geschehen, wenn man hier die – keineswegs nur deutschen! – Flüchtlinge und Vertriebenen in vergleichbarer Käfighaltung unmittelbar neben den willkürlich oktroyierten neuen Grenzen jahrzehntelang eingesperrt, verwahrt, ideologisch aufgerüstet und im Gebrauch von Waffen trainiert hätte? Statt sie unter Schmerzen und Opfern der auf allen Seiten Betroffenen allmählich irgendwie zu integrieren?

Die alte Festung Massada, in der Israels junge Soldaten in feierlichen Zeremonien vereidigt werden, hat uns in ihrer historischen Dramatik außerordentlich beeindruckt. Der Kontrast zu der so überaus idyllischen Stelle am Ufer des Sees Genezareth, wo nach der Überlieferung die Speisung der 5.000 erfolgte, konnte größer nicht sein.

Jassir Arafat, Führer einer Gruppe von Palästinensern, hatte später einmal Gelegenheit, vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen zu sprechen. Ein Pressefoto zeigte ihn auf dem Weg zum Rednerpult. Aus seiner rechten Gesäßtasche ragte unübersehbar der Kolben eines Revolvers. Im UN-Gebäude gab es Sicherheitskontrollen. In jedem Parlament dieser Welt wäre ein Revolver dem Besucher allerspätestens beim Betreten des Plenarsaals abgenommen und sichergestellt worden. Notfalls hätte der amtierende Präsident des Parlaments die Sitzung unterbrochen. Im Plenarsaal der Vereinten Nationen geschah nichts dergleichen. Oft sind es kleine Anzeichen, die große Katastrophen signalisieren.

Einleben in Bonn

Wieder zurück in Bonn, war nicht alles für uns einfach. Aber wir fühlten uns nicht isoliert. Wir waren ja nicht nur in einem einzigen jener Zirkel zu Hause, die damals in Bonn mehr nebeneinander als miteinander lebten. Wie auf manchen Schaubildern durch Weglassen von Wänden im Querschnitt gezeigt wird, was sich da im Inneren von Gebäuden, Bergwerken oder auf den Decks von Schiffen abspielt, so ähnlich erlebten wir die Schichtungen in Bonn.

Diplomaten verkehrten fast nur untereinander. Innenpolitiker hatten zu Diplomaten kaum Kontakte. Die Innenpolitiker im Bundestag wurden von den Landesvertretungen hofiert, von Verbandsvertretern und Lobbyisten umschwärmt. Aber zum Wochenende und in den Parlamentsferien fuhren die Abgeordneten nach Hause, in ihre Wahlkreise. Die Universität blieb ein Kosmos für sich. Allgemeine Organisationen des Wissenschaftsbetriebes, die KMK etwa, der DAAD oder die Rektorenkonferenz bildeten wieder andere, in sich nicht weniger geschlossene Welten.

Die eigentlichen Bonner (»Bönnsche«) hielten sich ohnehin zurück. Waren nicht schon die Römer einst hier am Rhein gewesen und wieder abgezogen? Nicht anders als später die Franken, die Franzosen, die Preußen? Warum sich also für eine Bundesregierung und deren Anhang echauffieren? Da blieb man doch lieber für sich und wartete erst einmal ab.

Wir jedoch hatten gute Bekannte quer durch alle diese Schichten und Zirkel. Uns fiel auf, daß wir bei interessanten Veranstaltungen der Universität fast nie Parlamentarier oder hohe Beamte des Bundes sahen, daß Opernpremieren in Bonn oder Köln diese offensichtlich ebensowenig interessierten. Daß Wissenschaftler und Künstler kaum zu allfälligen Empfängen erschienen, wahrscheinlich nirgendwo eingeladen waren. Diplomaten mochte man gelegentlich noch im Konzert antreffen. Vertreter südlicher Länder manchmal auf dem mit Früchten aus aller Welt gut assortierten Gemüsemarkt. Aber Mitglieder des Bundeskabinetts, selbst wenn sie in Bonn wohnten, sah man dort nie. Natürlich konnte nicht jeder jede Einladung annehmen, nicht überall hingehen. Aber die Abschottung blieb deutlich.

Ich erinnere mich nur an zwei Gastgeber, die bei Einladungen nach Art eines klassischen »Salons« nicht nur die angeblich wichtigen, sondern gezielt die unterschiedlichsten Leute zusammenbrachten, damit es zu allseits lebhaften und anregenden Gesprächen kam: Das waren der israelische Botschafter Yohanan Meroz und Prof. Dr. Heinz Maier-Leibnitz, Kanzler des Ordens Pour le Mérite. Maier-Leibnitz führte ein originelles Gästebuch: Er vermerkte dort seine mit eigener Hand zubereiteten Gerichte sowie die dazu servierten Getränke. Das ließ er jeden Gast mit Unterschrift quittieren. Das Gästebuch hielt fest, wer dort mit wem wann was gegessen und getrunken hatte.

Mit Yohanan Merosz war ich sachlich kontrovers gewesen: Er konnte mich nicht überzeugen, daß der Staat Israel trotz mancher Sonderlasten noch als Entwicklungsland anzusehen war, also Haushaltsmittel aus dem von mir verwalteten Etat bekommen konnte. Das hinderte ihn freilich nicht, seinen Dienstwagen zum Entsetzen seiner Leibwächter später einfach halten zu lassen, sobald er mich auf der Straße sah, um mich kurzerhand ein Stückchen mitzunehmen, damit wir plaudern konnten.

Zuweilen hatte der Abstand der politisch wichtigen Kreise vom Kulturbetrieb absonderliche Konsequenzen. Ein berühmter Sänger aus Neuseeland beendete seine Europa-Tournee mit einem Besuch in der Botschaft seines Landes in Bonn. Vor allem in Bayreuth hatte er Erfolge gefeiert. Dienstlich hatte ich mit Neuseeland nichts zu tun. Aber da man wußte, daß ich mich allgemein für Oper interessierte, wurde ich geradezu bekniet, der Einladung des Botschafters zum Frühstück in kleinem Kreis doch bitte zu folgen. Nach Bayreuth wäre ich niemals gegangen. Ein Frühstück in Bonn, das war etwas anderes.

Zudem reizte es mich, Mr. Donald McIntyre kennenzulernen. Immerhin war er von der Kritik als besonders souveräner Göttervater Wotan gewürdigt. Außerdem hatte ich schon als junger Student bei Prof. Ernst Wilhelm Meyer in Frankfurt gelernt, wie wichtig es für die Botschaft eines kleineren Landes ist, gelegentlich mit hochrangigen Vertretern des größeren Gastlandes aufzuwarten:

E. W. Meyer, dessen Vorlesungen an der Frankfurter Universität ich zwar nicht regelmäßig besuchte, aber hin und wieder gerne hörte, stand auf dem Podium des 1951 vom Krieg noch leicht ramponierten Hörsaals »S«. Immer im korrekten Anzug mit Weste und seidenem Kavaliertüchlein, das kühn aus dem Jackett hervorstach. Er erwähnte beiläufig, wie er einmal als Angehöriger der Botschaft des Deutschen Reiches in Washington mit einem amerikanischen Senator Kaffee getrunken hatte. Kaffee getrunken? Was hatte das wohl mit dem Thema seiner Vorlesung, mit politischer Wissenschaft zu tun? Wir Studenten konnten ihn in der Kunstpause, die er machte, nur blöde anglotzen. Damit hatte er gerechnet. Er holte tief Luft und donnerte los, daß wir doch bitte endlich begreifen müßten, wie unbedeutend, klein und unwichtig Deutschland für einen leibhaftigen amerikanischen Senator sei, und was es bedeutete, wenn der mit einem Attaché dieser deutschen Botschaft einmal einen Kaffee trank.

E. W. Meyer wurde bald danach der erste deutsche Botschafter im unabhängigen Indien. Und ich – als Staatssekretär – zählte nach meiner Begegnung mit dem großen Wotansänger McIntyre selbstverständlich zu den guten Freunden der neuseeländischen Botschaft in Bonn.

Aber Diplomaten wechseln alle drei oder vier Jahre. Die Nachfolger knüpfen neue Verbindungen und bauen sich ihre eigenen Netze auf. Damit entfielen meine Kontakte. Erst nach längerer Zeit kam ich wieder in Berührung mit ausländischen Vertretungen. Das war, als ich die eine oder andere Botschaft in Zusammenhang mit ihrem Umzug von Bonn nach Berlin anwaltlich beriet und vertrat.

Alle Verbindungen, Beziehungen und politische Kontakte aus amtlicher Funktion unterliegen naturgemäß einem schnellen Verschleiß. Wahlperioden setzen Zäsuren. Die »Halbwertzeit« umsetzbarer Kenntnisse ist kurz. Aber was man gelernt hat, behält seinen Wert. Weil ich einige Jahre lang die Berichte unserer deutschen Botschaften und andere vertrauliche Informationen hatte mitlesen können, betrachtete ich die Kurzmeldungen in den normalen Tageszeitungen jetzt mit anderen Augen. Sie waren für mich kein Füllsel mehr, über das man schnell hinwegschaut. Nun besagten sie etwas, nun konnte ich Hintergründe einschätzen. Das ist so geblieben.

Statt als jemand einsortiert zu werden, der einmal etwas gewesen war – auf Englisch nennt man solche Leute have beens –, ging es mir darum, eine neue Position aufzubauen und meine eigenen Verbindungen zu knüpfen. Nicht zu eng an früheren Tätigkeiten. Dort wollte ich auf keinen Fall antichambrieren. Außerdem suchte ich etwas auf Dauer. Sich ständig von einem Projekt zum nächsten zu hangeln, war meine Sache nicht.

Rechtsanwalt

Also betrieb ich, wenn auch ohne Eile, meine Zulassung als Rechtsanwalt. Damit hatte es vor einiger Zeit noch Probleme gegeben. Die standesrechtlichen Vorbehalte, daß ein soeben verabschiedeter Polizeipräsident sich am Tage danach nicht gleich als Strafverteidiger direkt neben dem Polizeipräsidium niederlassen, ein ehemaliger Richter sich nicht im eigenen Gerichtssprengel als Anwalt etablieren sollte, waren verständlich. Aber konnte das Prinzip auch für Spitzenbeamte der Bundesregierung gelten? Deren Zuständigkeit hatte sich ja nicht nur auf die Stadt Bonn oder das Land Nordrhein-Westfalen, sondern über das Bundesgebiet erstreckt, in Bonn und Umgebung vielleicht sogar am allerwenigsten ausgewirkt. Durften sie deshalb nirgendwo mehr arbeiten? Wer konnte, wer wollte das prüfen und entscheiden?

Staatssekretär Grund aus dem Bundesfinanzministerium hatte diese Frage bei seiner Zulassung als Fachanwalt für Steuerrecht bereits gerichtlich ausgepaukt: Bonn durfte kein Sperrgebiet für ehemalige Bundesbeamte sein. Die Rechtsanwaltskammer Köln sah ein, daß frühere Beamte keine Anwaltsschwemme verursachten. Wer nach seinem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst überhaupt noch als Rechtsanwalt arbeiten wollte, kehrte meistens in seine Heimat zurück. Die wenigen, die an eine Niederlassung in der Region Bonn dachten, nahmen den hiesigen Anwaltskanzleien nicht das tägliche Brot. Sie engagierten sich kaum im anwaltlichen Alltagsgeschäft, in Ehescheidungen, Unterhaltssachen oder Verkehrsunfällen. Vielmehr befaßten sie sich mit Spezialfragen oder sie übernahmen Beratungsaufgaben, die reguläre Kanzleien kaum leisten konnten.

Aus praktischen Gründen sondierte ich Möglichkeiten zur Anlehnung an ein etabliertes Büro. Letztlich zog ich es aber vor, allein zu bleiben. Das war zuweilen recht mühsam. Aber es bot auch Vorteile. Wer zu mir kam, wußte, daß hier der Chef selbst kocht. Gerade deshalb kam er ja zu mir. Zudem wollte ich außerhalb der Juristerei zumindest zeitweise auch im Ausland tätig sein. Das hätte bei den internen Zeitbudgets und Abrechnungsverfahren einer größeren Anwaltskanzlei Schwierigkeiten verursacht. So aber konnte ich zunächst einige Zeit in Lima/Peru arbeiten, für Stiftungen und Verbände tätig sein und kleinere Aufträge in den USA, in Kanada und Kolumbien ausführen, später auch längere Abwesenheiten einkalkulieren.

Den Ausschlag gaben weitere Gründe: Wir mußten uns – die eigenen Sprößlinge waren kaum aus dem Hause – um die drei noch kleineren Kinder meines jüngeren Bruders kümmern. Der war kurz nach seiner Frau ebenfalls aus dem Leben geschieden. Ich wurde Vormund. Das Ordnen der Hinterlassenschaft war schwierig. Unsere Schützlinge haben uns das auf ihre Weise gedankt: Alle haben den Schock überwunden. Sie haben die Schule ohne Zeitverlust gut abgeschlossen. Sie haben nach ihren Neigungen studiert, Examen gemacht, im Beruf und in ihren selbst gegründeten Familien Befriedigung gefunden. Ihre je zwei Kinder, insgesamt also sechs Großneffen und Großnichten, die wir in gewissem Sinn auch als eigene Enkel betrachten, haben – wenn man so will – die Zahl unserer Kindeskinder erhöht.

Besonders lukrative Mandate konnte ich als Einzelkämpfer freilich nicht übernehmen, dem großen Geld nicht nachjagen. Aber Einnahmen sind nur die eine Seite der Medaille. Denn Ertrag ist – so der Fachjargon! – eine Residualgröße, also das, was von den Einnahmen nach Abzug aller Kosten übrigbleibt. Ohne großen Apparat konnte ich den eigenen Aufwand auf ein Minimum beschränken und gut kontrollieren.

Als »junger« Anwalt bekam ich zwei Jahre später vom Statistischen Bundesamt einen Fragebogen zur Kostenstruktur meiner Praxis. Anonymität war zugesichert. Wie bei der Briefwahl gab es einen doppelten Umschlag. Ich trug alle mit meiner Anwaltstätigkeit verbundenen Ausgaben gewissenhaft ein. Nach einiger Zeit erreichte mich ein weiterer Brief: Ich möge bitte bestimmte Kostenstellen nochmals überprüfen, sie seien extrem niedrig und lägen weit unter dem üblichen Rahmen. Ich konnte nur antworten, daß ich mich ja nicht als repräsentativ angeboten hätte, sondern ohne mein Zutun in die Erhebung zur Kostenstruktur einbezogen war. Daß die mit der Auswertung betrauten Mitarbeiter die Plausibilität der Angaben vor weiteren Hochrechnungen überprüften, könne ich verstehen. Aber bei der zugesicherten Anonymität und den doppelten Briefumschlägen bleibe mir ein Rätsel, wie meine Anschrift für die Rückfrage ausfindig gemacht wurde.

Als wir Anfang des Jahres 2000 nach Lettland gingen, habe ich meine Anwaltstätigkeit weiter reduziert und allmählich auslaufen lassen. Auf die Zulassung habe ich – nun 75 Jahre alt – zum 31.12.2006 verzichtet. Vielleicht war das Feuerwerk um 24.00 Uhr damals gerade deshalb besonders brillant!

Wenn man selbst einmal Richter war, später viele Kandidaten im Assessorexamen geprüft und es in der Verwaltung mit Personalpolitik und Problemen der Aufsicht zu tun hatte, sieht man die Praxis aus mehreren Perspektiven. Als Anwalt bin ich nur selten vor Gericht aufgetreten. Natürlich kann man da nicht immer einer Meinung sein, sonst gäbe es ja keinen Prozeß. Aber bei Kontroversen bleibt das Gefühl entscheidend, daß der Richter alle Fakten und Argumente objektiv und sorgfältig analysiert hat und sich um ein faires Verfahren bemüht. Das war nach meiner Erinnerung ein einziges Mal nicht der Fall.

Ein früherer Kollege, als Ministerialdirigent in einer exponierten Position, hatte nach einem Empfang des indischen Botschafters bei der Ausfahrt aus dessen Residenz – dort herrschte Linksverkehr, und es standen sogar Kühe auf dem Rasen! – in strömendem Regen beim Zurücksetzen im groben Kies ein anderes Fahrzeug ganz leicht touchiert. Den Polizeibeamten, die direkt daneben standen, um die Autos durch das Tor zu winken, war die Situation nicht geheuer. Sie ließen ihn unbehelligt abfahren, sorgten jedoch dafür, daß er zwei Kilometer entfernt routinemäßig von einer Streife angehalten und kontrolliert wurde. Aber Alkohol hatte er nicht getrunken und an seinem Auto war kein Kratzer festzustellen.

Mit dem Geschehen konfrontiert, hat er sich sofort entschuldigt und den an dem anderen Fahrzeug entstanden Schaden bezahlen wollen. Dessen Fahrer, der ihn gut kannte, wollte das nicht annehmen. Vielmehr entschuldigte er sich seinerseits für die Unannehmlichkeiten.

Eine Geldbuße hätte mein Kollege akzeptiert. Aber sich hier wegen Unfallflucht bestrafen zu lassen?

Er geriet jedoch an einen Richter, der sich gerne in der Zeitung sah. Bei Bewerbungen um höhere Positionen vermutlich nicht gerade erfolgreich, wollte der seine Tüchtigkeit vielleicht auf diese Weise aller Welt vor Augen führen. Bei der Verhandlung konnte ich nicht sehen, daß Reporter im Saal waren und Notizen machten. Aber in der Zeitung war zu lesen, wie souverän der Richter die Verhandlung führte und sich von Ausflüchten eines hohen Beamten überhaupt nicht beeindrucken ließ.

Immerhin konnte ich einen weiteren Verhandlungstermin durchsetzen. Damit aber werde das Verfahren für meinen Mandanten jetzt wirklich teuer, meinte der Richter. Er war zur Verurteilung wegen Unfallflucht offensichtlich so fest entschlossen, daß er die unerwartete Widerspenstigkeit des Angeklagten und seines Verteidigers auch noch mit zusätzlichen Kosten bestrafen wollte. Zum neuen Termin hatte er dann viele Zeugen und einen Sachverständigen geladen. Die erzählten allerlei, aber ich stellte dazu kaum Fragen.

Von Rechts wegen spielte es keine Rolle, was die Beteiligten »im taktilen Bereich« – so der Sachverständige unter beifälligem Nicken des Richters – hätten merken und wie sie sich trotz der schwierigen örtlichen Verhältnisse hätten verhalten müssen. Das Rangieren auf dem knirschenden Kies hinter dem Tor zur Residenz des Botschafters war kein Straßenverkehr, der die deutsche Justiz etwas anging. Die Polizeibeamten hatten das instinktiv erfaßt. Nur der Richter wollte es nicht wahrhaben.

Nach meiner Sprungrevision hob das Oberlandesgericht die Verurteilung meines Mandanten auf und stellte das Verfahren ein. Davon stand dann nichts in der Zeitung. Die absichtlich aufgebauschten Kosten hatte die Staatskasse zu tragen. Als Anwalt konnte ich mich freuen, als Steuerzahler hatte ich eher gemischte Gefühle.

II. Saat geht auf

Im beruflichen Leben kam es also zu einem neuen Start. Aber wie stand es mit der Familie? Als ich Staatssekretär in Bonn wurde, hatten die beiden älteren Söhne nur noch ein Jahr bis zum Abitur. Ein Wechsel der Schule kam für sie nicht mehr in Frage. An ihrer Stelle mußte ich selbst den »Fahrschüler« und Wochenendpendler spielen. Die Familie folgte nach Bonn, sobald die beiden Großen den Abschluß in der Tasche hatten.

Sie beendeten die Schule zur gleichen Zeit. Matthias war ein Jahr jünger, hatte jedoch im Gymnasium ein Jahr übersprungen. Seinem Bruder war das Springen ebenfalls angeboten worden. Der zog es aber vor, mit Hilfe von Verwandten für ein halbes Jahr eine Highschool bei Boston in den USA zu besuchen, um danach mit dieser Erfahrung ohne Zeitverlust in Wiesbaden mit seiner alten Klasse die Oberstufe zu absolvieren.

Gesunde Kinder sind lebhaft und munter. Sie bringen viel Freude. Sie brauchen viel Liebe, Aufmerksamkeit, Zuwendung und – je nach Temperament – mehr oder weniger oft auch einen Schutzengel. Wo sie spüren, daß es wirklich darauf ankommt, sind sie schon im frühesten Alter sehr solidarisch mit ihren Eltern und erstaunlich leistungsstark. Aber Kinder können auch ganz schön strapazieren. Es vollzieht sich jedesmal ein Wunder, wenn sie beginnen, die Welt für sich zu entdecken, das bunte Geschehen einzuordnen und aus ihrer Sicht zu verstehen.

Mir geht es hier nicht um schöne Geschichten, wie man sie mit Kindern allemal erlebt. Ich beschränke mich auf einige Punkte, wo Unterschiede zwischen früher und heute deutlich hervortreten oder wo das damalige politische Umfeld eine wesentliche Rolle spielte.

Auffällig ist für mich der Verlust an Freiheit, Spontaneität und Selbständigkeit, den viele Kinder heute erfahren. Wir selbst gingen aus der Wohnung einfach »runter«, in den Hof, zuweilen auf die Straße. Dort konnten wir andere Kinder treffen, mit ihnen spielen, manchmal auch unerlaubt herumstromern. Es stand nie im voraus fest, wer kommen, mitmachen, ob und was gespielt wurde. Aber daß man dort andere traf, war sicher. Das konnten gute oder weniger gute Freunde sein. Man mußte miteinander zurechtkommen und sich arrangieren. Hilfe oder Einmischung von Seiten der Eltern war verpönt. Wer danach rief, fiel allgemeiner Verachtung anheim. Selbständigkeit auf dem Schulweg war selbstverständlich, auch wenn man fahren mußte. Im Sommer liefen wir allein zum Schwimmen in die Badeanstalt. Im Winter zum Schlittschuhlaufen auf dem zugefrorenen Teich. Ähnlich war es später auch bei unseren eigenen Kindern, jedenfalls solange wir noch in einem Wohnblock zur Miete wohnten. Es gab Regeln und feste Grenzen. Im Winter sollten Kinder zum Beispiel bei Einbruch der Dunkelheit zu Hause sein. Aber sonst waren sie frei. Der Aktionsradius der Größeren wuchs durch die eigenen Fahrräder. Alle lernten, sich zu behaupten, sich zu orientieren und rechtzeitig wieder nach Hause zu finden.

Jetzt scheint das anders zu sein. Ohne Verabredung kommt nichts mehr zustande. Wozu denn hat man Mobiltelefone? Selbst der Besuch eines Spielplatzes wird heutzutage zur sorgfältig geplanten Expedition, erfolgt fast nur noch unter Begleitschutz. Wer aber immer zum Ziel, zum Sport und zu seinen Freunden hingebracht und dort wieder abgeholt wird, hat es später viel schwerer, sich auch allein zurechtzufinden.

Unsere Buben besuchten das klassische Gymnasium. Ihre erste Fremdsprache war Latein. Dann folgte Englisch, später Griechisch. Jeder machte ein ausgezeichnetes Abitur. Alle Studiengänge standen ihnen offen. Keiner hatte Lust, Medizin zu studieren. Sie entschieden sich für Mathematik, Physik-Ingenieur mit Vertiefung Kernphysik, Maschinenbau und in Verbindung damit auch Wirtschaftswissenschaften. Einer wurde später Softwareentwickler, der andere Vizepräsident einer internationalen Bank, der Dritte übernahm als CEO die Leitung eines wichtigen Bereichs eines weltweit operierenden Konzerns.

Damals war wieder einmal das nahe Ende des altsprachlichen Gymnasiums angesagt. Also würden, meinten wir Eltern, die Lehrer sich gerade dort besondere Mühe geben, diese Schmach abzuwenden, um den Nutzen der Schulform nachzuweisen. Vom Engagement der Lehrer aber konnten die Schüler nur profitieren. Hinzu kam, daß an der Dilthey-Schule in Wiesbaden der Leiter, Oberstudiendirektor Bruckmann, selbst wieder eine Sexta in Latein unterrichten und einige Jahre betreuen wollte. »Ich muß von Zeit zu Zeit sehen, was bei den Kleinen los ist«, meinte er. Leider ist er früh verstorben, nach einer Operation, der er sich in den Ferien unterzog. Wir gingen mit unserem Ältesten, der sehr an ihm hing, zu seiner Beerdigung.

Die unbedarfte Frage, was Latein denn nützt, was der Schüler später davon hat, stellte sich uns nicht. Latein vermittelt schließlich das beste Verständnis für sprachliche Strukturen und sprachliche Logik im europäischen Sprachraum. Außerdem kann man dabei das Lernen lernen. Wer auf Latein vorab verzichtet, obwohl er später studieren will, hat sich den Weg zu vielen Gebieten damit zwar noch nicht völlig verbaut. Er muß dann aber erhebliche Arbeit und kostbare Studienzeit aufwenden, um sich die sprachliche Basis für viele Fächer, etwa für klassische Archäologie, für Altertumswissenschaften, Geschichte, Medizin, Philosophie, Rechtsgeschichte, Rhetorik, Staatslehre bis hin zur Theologie nachträglich zu erschließen. Latein hilft zudem am besten, eine verfrühte Einengung (!) zu vermeiden. Defizite in modernen Sprachen lassen sich nämlich auch später noch über Ferienkurse und Auslandsaufenthalte verhältnismäßig leicht beheben. Wo aber der Sinn für sprachliche Grundstrukturen fehlt, der am ehesten durch Latein vermittelt wird, ist das Nachholen schwieriger. Im Grunde eine praktische Überlegung, keine Ideologie.

Trotzdem »nützten« Latein und Griechisch unserem Michael alsbald unmittelbar: Im Englischunterricht auf der Highschool in USA plagten sich nämlich seine Mitschüler auf dieser Altersstufe mit dem Erlernen der hard words. Das sind Ausdrücke lateinischen oder griechischen Ursprungs.Englische Muttersprachler mögen sie kaum als Fremdwörter empfinden, müssen sie aber trotzdem regelrecht lernen. Zuweilen bestimmt erst die richtige Aussprache den Sinn: Eine orthographisch verstümmelte readmission ist ja keine »Lesereise«, sondern eine »Wiederzulassung«. Da blieb ein weites Feld zu beackern. Michael schüttelte Schreibweise und Sinngehalt solcher Wörter und ihrer Ableitungen aus dem Ärmel. Seine Mitschüler dagegen mußten sich als Hausaufgabe zu jeder Englischstunde jeweils 10 dieser hard words mühsam einprägen. Ihnen waren die Komponenten nicht geläufig.

In den USA hält man die eigenen Institutionen gern für die besten der Welt, für das Nonplusultra überhaupt. So erregte es Verwunderung, daß Michael beim Vergleich von Verfassungen das deutsche Grundgesetz höher einstufte als die Verfassung der Vereinigten Staaten. Wie konnte das sein? »Ganz einfach«, erläuterte Michael den Mitschülern, »im deutschen Grundgesetz sind die schrecklichen Erfahrungen mit der Hitler-Diktatur bereits verarbeitet und die Konsequenzen aus Entartungen gezogen.«

Zurück in Wiesbaden wurde Michael von seinen Lehrern gefragt, wo denn die Lehrer besser wären. Er schätzte die deutschen Lehrer sehr. Er wußte, daß er ihnen viel verdankte. Aber hier fühlte er sich wohl provoziert. Jedenfalls soll er geantwortet haben: »In Amerika natürlich. Dort werden sie gleich gefeuert, wenn sie nicht spuren.« Eine ebenso realistische wie brutale Antwort eines Sechzehnjährigen, mit der unsere lieben Studienräte kaum gerechnet hatten.

Griechisch hielt ich selbst gerade damals politisch für wichtig. Die alten Griechen hatten ja nicht nur die Demokratie erfunden. Sie hatten damit das Gegenstück zur orientalischen Despotie entwickelt, weise Gesetzgeber, kluge Organisatoren ihrer Gemeinwesen und bedeutende Staatsdenker hervorgebracht. Sie hatten in der Polis aber auch alle nur denkbaren Abwege und Verirrungen gründlichst durchexerziert. Demagogie ist gleichermaßen ein griechisches Wort. Gar zu oft ließen sich schon im antiken Griechenland die Bürger von eitlen Blendern verführen und vom ungezügelten Mob in Katastrophen drängen. Unsere Buben sollten beizeiten durchschauen, welch uralten Mustern jene sich damals mit ihren angeblich neuen Ideen bei uns breitmachenden Wirrköpfe in Wirklichkeit folgten.

Auch Kinder müssen mit ihren Eltern Geduld haben. Lästige Fragen zur Unzeit mochten unfreundliche Reaktionen auslösen. Erkundigte man sich erst am Abend, was denn heute so in der Schule los war, wurde man regelmäßig mit einem mürrischen »Nichts« abgefertigt. Mittags, unmittelbar nach der Schule war das anders. Unter dem frischen Eindruck des soeben Erlebten bestand Mitteilungsdrang. Es wurde gern berichtet und ausführlich diskutiert. Unsere Wohnungen haben wir so gewählt, daß ich trotz beruflicher Anspannung möglichst oft am gemeinsamen Mittagstisch teilnehmen konnte. Dadurch bekamen wiederum die Kinder mit, was uns Eltern bewegte.

Hatten wir am Abend Besuch, durften sie meistens mit dabeisein. Sie mußten sich ordentlich betragen und haben sich – wenn es sie nicht weiter interessierte – bald verabschiedet. Aber sie lernten dadurch schon sehr früh Menschen kennen, die anders lebten, die andere Probleme hatten und andere Ansichten vertraten als die eigenen Eltern.

Ein Fernsehgerät besaßen wir nicht. Aus Selbsterhaltung definierten wir Eltern uns grundsätzlich als Einheit. Wer versuchte, uns gegeneinander auszuspielen oder mit der angeblich bereits errungenen Zusage des einen jetzt auch den zweiten zur Zustimmung zu bewegen, hatte wenig Erfolg. »Du brauchst das gar nicht erst zu probieren, die ›Einheit‹ hat schon nein gesagt«, lautete der sarkastisch zwischen hängenden Mundwinkeln herausgequetschte Rat, wenn ein Bruder es beim anderen Elternteil mit leicht abgewandelten Argumenten erneut versuchen wollte.

Meine Frau erreichte mit liebevoller Beharrlichkeit, was mir nie gelungen wäre: Auch in der schwierigen Zeit der Pubertät übte jeder Sohn regelmäßig auf seinem Musikinstrument. Das mußte durchgestanden werden, zahlte sich aber aus. Die beiden Älteren erreichten ein Niveau, auf dem jeder als Solist ein Klavierkonzert mit dem Schulorchester spielte. Bei den Abschlußfestivitäten zum Abitur boten sie den Karneval der Tiere