Verlag: Karl Blessing Verlag Kategorie: Geisteswissenschaft Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Welt ohne Geist - Franklin Foer

Im digitalen Zeitalter erlebt die Welt eine beispiellose Renaissance der Monopole. Ihre Macht erlaubt es einigen wenigen Big-Tech-Unternehmen, nicht nur Konkurrenz um ihre Produkte auszustechen. Sie ist inzwischen so groß, dass Internetkonzerne wie Google, Apple, Amazon und Facebook drauf und dran sind, die Ideologie ihrer Gründer und Führer, die Vision des Silicon Valley von der Alles-Maschine, zu vollenden. Franklin Foers Welt ohne Geist beschreibt mit bestechender Klarheit die Geschichte der Digitalisierung, von Alan Turing und Stewart Brand bis Jeff Bezos und Larry Page, und ihre Folgen: Im Schaufenster des Silicon Valley mögen Pluralismus und Individualität liegen, doch was wir uns erkaufen, sind Konformität, Desinformation, Privatisierung von Wissen und die Abschaffung der Privatsphäre. Selbstbestimmung, mahnt Foer, ist ohne einen freien Geist unmöglich. Wenn wir das Schaffen von Kultur, von Gedanken- und Diskussionsräumen dem Silicon Valley überantworten, befördern wir nicht unsere Existenz und das Gemeinwohl - wir befördern die Bilanzen der Konzerne und die Macht der Maschine.

Meinungen über das E-Book Welt ohne Geist - Franklin Foer

E-Book-Leseprobe Welt ohne Geist - Franklin Foer

ZUM BUCH

Im digitalen Zeitalter erlebt die Welt eine beispiellose Renaissance der Monopole. Ihre Macht erlaubt es einigen wenigen Big-Tech-Unternehmen, nicht nur Konkurrenz um ihre Produkte auszustechen. Sie ist inzwischen so groß, dass Internetkonzerne wie Google, Apple, Amazon und Facebook drauf und dran sind, die Ideologie ihrer Gründer und Führer, die Vision des Silicon Valley von der Alles-Maschine, zu vollenden.

Franklin Foers Welt ohne Geist beschreibt mit bestechender Klarheit die Geschichte der Digitalisierung, von Alan Turing und Stewart Brand bis Jeff Bezos und Larry Page, und ihre Folgen: Im Schaufenster des Silicon Valley mögen Pluralismus und Individualität liegen, doch was wir uns erkaufen, sind Konformität, Desinformation, Privatisierung von Wissen und die Abschaffung der Privatsphäre.

ZUM AUTOR

Franklin Foer, Jahrgang 1974, ist als Journalist für den Atlantic tätig und war Herausgeber der New Republic; er veröffentlichte u.a. in Slate, der New York Times und dem Wall Street Journal. Foer, älterer Bruder der Autoren Jonathan Safran und Joshua Foer, lebt in Washington, D.C.

FRANKLIN FOER

Welt

ohne

Geist

Wie das Silicon Valley

freies Denken und

Selbstbestimmung bedroht

Aus dem amerikanischen Englisch

von Jürgen Neubauer

Blessing

Originaltitel: World Without Mind – The Existential Threat of Big Tech

Originalverlag: Penguin Press, Penguin RandomHouse LLC, New York

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Copyright © 2017 by Franklin Foer

Copyright © 2018 by Karl Blessing Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Bauer+Möhring, Berlin

Satz: Leingärtner, Nabburg

e-ISBN: 978-3-641-19768-1V001

www.blessing-verlag.de

Für Bert Foer

Leidenschaftlicher Kartellgegner, liebevoller Vater

Die Glut eines einzigen warmen Gedankens ist nicht mit Geld zu bezahlen.

Thomas Jefferson, 1773

Inhalt

Vorrede

Teil 1   Die Monopolisten des Geistes

1   Das Heilsversprechen des Silicon Valley

2   Wie Google die Zukunft des Menschen sieht

3   Mark Zuckerbergs Krieg gegen den freien Willen

4   Jeff Bezos monopolisiert das Wissen

5   Die Wächter der großen Himmelstür

6   In den Hinterzimmern von Big Tech

Teil 2   Welt ohne Geist

7   Die Virus-Krankheit

8   Der Tod des Autors

Teil 3   Holen wir unseren Geist zurück!

9   Der Engel der Daten

10   Ökologisches Denken

11   Die Papierrebellion

Dank

Anmerkungen

Vorrede

Noch vor Kurzem ließen sich Großkonzerne einfach definieren. Jeder Pennäler konnte sie beschreiben: Exxon bohrt nach Öl, McDonald’s brät Hamburger, bei Walmart kauft man ein. Doch das hat sich inzwischen geändert. Die aufstrebenden Monopole von heute wollen das gesamte Leben erfassen. Einige tragen diesen grenzenlosen Anspruch sogar im Namen. Amazon, benannt nach dem größten Fluss der Welt, hat ein Logo, das von A nach Z weist. Google geht auf das englische Zahlwort Googol zurück, eine 1 mit 100 Nullen, womit Mathematiker umgangssprachlich unvorstellbar große Mengen bezeichnen.

Wo fangen diese Unternehmen an, wo enden sie? Larry Page und Sergey Brin gründeten Google mit der Vision, alles menschliche Wissen zu ordnen, doch selbst das war noch zu wenig. Heute will Google selbstfahrende Autos etablieren, Handys herstellen und den Tod besiegen. Amazon beschied sich einst damit, »der Allesverkäufer« zu sein, doch heute produziert es Fernsehserien, entwickelt Drohnen und betreibt die Datenwolke. Die ehrgeizigsten Technologiekonzerne – neben den genannten auch Facebook, Microsoft und Apple – wetteifern darum, unser »persönlicher Assistent« zu werden. Sie wollen uns morgens wecken, mit ihrer intelligenten Software durch den Tag begleiten und keine Sekunde lang von unserer Seite weichen. Sie wollen das Archiv unserer wertvollen und privaten Daten sein, unserer Kalender und Kontakte, unserer Fotos und Dokumente. Ganz selbstverständlich sollen wir uns an sie wenden, wenn wir Information und Unterhaltung suchen, während sie gleichzeitig einen umfassenden Katalog unserer Vorlieben und Abneigungen zusammentragen. Google Glass und Apple Watch verweisen bereits auf den Tag, an dem diese Konzerne ihre künstliche Intelligenz in unsere Körper implantieren.

Mehr als jede vorangegangene Konzernclique haben diese Technologiemonopole das Ziel, die Menschheit nach ihrem Bilde zu formen. Sie sehen die Chance, die Fusion von Mensch und Maschine zu Ende zu führen und die menschliche Evolution in eine neue Richtung zu lenken. Woher ich das weiß? Weil man im Silicon Valley keinen Hehl daraus macht, auch wenn die Presse keine Notiz davon nimmt, weil sie zu sehr damit beschäftigt ist, über die Präsentation des neuesten Produkts zu berichten. In ihren alljährlichen Auftritten verkünden die Gründer dieser Konzerne ihre weitreichenden und kühnen Visionen für die Menschheit – eine Sicht, die sie dem Rest der Welt aufzwingen wollen.

Die Ideologie dieser Technokraten wird meist verkürzt dargestellt. Man hört immer wieder, das Silicon Valley werde von der Philosophie des Libertarismus beherrscht. Das ist sicher nicht ganz falsch, denn Ayn Rand hat dort viele prominente Anhänger. Doch wenn man genauer hinhört, stellt man fest, dass das Weltbild des Silicon Valley ein ganz anderes ist – und zwar ziemlich genau das Gegenteil des libertären Mythos vom heldenhaften Einzelkämpfer. Die großen Technologiekonzerne gehen davon aus, dass der Mensch im Grunde ein soziales Wesen ist, das zu einem Leben im Kollektiv geboren ist. Sie predigen das Netzwerk, die Schwarmintelligenz und die Zusammenarbeit. Sie behaupten von sich, sie könnten die zerrissene Welt heilen und damit alle Menschheitsprobleme lösen. In den Verlautbarungen dieser Konzerne ist viel vom Individuum und seinen Bedürfnissen und Wünschen die Rede, doch ihr Weltbild erdrückt dieses Individuum. Schon die fortwährende Beschwörung des Nutzers sagt alles, denn dahinter verbirgt sich nicht mehr als das Bild eines passiven und verbürokratisierten Menschen.

Die großen Technologiekonzerne, gelegentlich unter dem Akronym GAFA (Google, Apple, Facebook, Amazon) zusammengefasst, zersetzen die Prinzipien, die unsere Individualität schützen. Ihre Geräte und Websites räumen mit der Privatsphäre auf, sie missachten Urheberrechte und geistiges Eigentum. Auf wirtschaftlichem Gebiet rechtfertigen sie die Monopolbildung und erklären freimütig, dass Wettbewerb unserem Streben nach Gemeinwohl und anderen ehrgeizigen Zielen zuwiderläuft. Den zentralen Grundsatz des Individualismus, die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen, stellen sie auf den Kopf. Sie haben den Anspruch, unsere kleinen und großen Alltagsentscheidungen zu automatisieren. Ihre Algorithmen sollen vorgeben, welche Nachrichten wir lesen, welche Waren wir kaufen, welche Route wir wählen und welche Freunde wir in unseren Kreis aufnehmen.

Wir staunen über die Erfindungen, mit denen diese Unternehmen uns häufig den Alltag erleichtern. Aber wir haben schon zu lange gestaunt. Wir müssen uns endlich klarmachen, was diese Monopole bedeuten, und die Gestaltung der menschlichen Zukunft wieder selbst in die Hand nehmen. Sobald wir einen bestimmten Punkt überschritten haben – sobald wir unsere Institutionen umgebaut und die Privatsphäre aufgegeben haben –, gibt es kein Zurück mehr und keine Möglichkeit, unsere verlorene Individualität wiederherzustellen.

In der Vergangenheit haben wir immer wieder vergleichbare Revolutionen erlebt. Vor vielen Jahren staunten wir zum Beispiel über Fertiggerichte und andere Neuerungen, die plötzlich über unsere Küchen hereinbrachen: Käsescheiben in Plastikhüllen, triefende Tiefkühlpizzas, knusprige Gefrierpommes. Diese Erfindungen erschienen uns als bahnbrechender Fortschritt. Zeitraubende Tätigkeiten – der Einkauf von Zutaten, die langwierige Zubereitung nach Rezept, nicht zu vergessen der Abwasch der schmutzigen Töpfe und Teller – gehörten mit einem Mal der Vergangenheit an.

Diese Revolution unserer Ernährung war nicht nur faszinierend, sie bedeutete eine reale Veränderung. Die neuen Produkte wurden ein derart fester Bestandteil unseres Alltags, dass wir erst Jahrzehnte später begriffen, welchen Preis wir für die Bequemlichkeit, Effizienz und Fülle bezahlen. Bei diesen Gerichten handelt es sich in der Tat um erstaunliche technische Leistungen, doch bedauerlicherweise machen sie uns dick. Um überhaupt nach irgendetwas zu schmecken, werden sie mit Unmengen von Salz und Fett zubereitet, die ganz nebenbei unseren Gaumen umprogrammiert haben und unseren Hunger vergrößern, statt ihn zu befriedigen. Zu ihrer Herstellung werden gewaltige Mengen von Fleisch und Mais benötigt; der explosionsartige Anstieg der Nachfrage nach diesen Produkten hat die Landwirtschaft hervorgebracht, wie wir sie heute kennen, und verlangt der Umwelt einen furchtbaren Preis ab. Ein ganz neues System der industriellen Landwirtschaft ist entstanden, das Hühner in dreckstrarrende Käfige pfercht und mit Antibiotika vollstopft. Doch ehe uns klar wurde, was diese neue Ernährung mit uns anstellt, waren unsere Hüften, unsere Lebenserwartung, unsere Seele und unser Planet bereits in Mitleidenschaft gezogen.

Die Ernährungsrevolution, die Mitte des vergangenen Jahrhunderts begann, hat durchaus ihre Parallelen zu der heutigen Neuordnung der Wissensproduktion und des Wissenskonsums. Die Technologiekonzerne verändern unsere Denkmuster. So wie Nestlé und Kraft einst unsere Essgewohnheiten ins Visier nahmen, streben Amazon, Facebook und Google heute danach, unsere Informations- und Lesegewohnheiten zu verändern. Diese Konzerne sind die mächtigsten Wissensfilter aller Zeiten. Google durchsucht das Internet, indem es die Informationen hierarchisiert; Facebook filtert mit seinen Algorithmen und seinem umfassenden Wissen über unsere sozialen Beziehungen die Nachrichten, die es uns präsentiert; und Amazon dominiert mit seiner beherrschenden Stellung den Buchmarkt.

Diese Machtstellung gibt diesen Konzernen die Möglichkeit, die Märkte nicht nur zu beherrschen, sondern sie vollkommen umzukrempeln. Wie die Lebensmittelkonzerne haben die Technologieriesen eine neue Wissenschaft hervorgebracht, die nach dem Geschmack der Verbraucher gezielt neue Produkte schaffen soll. Die gesamte kulturelle Produktion soll überholt werden, um ihnen mehr Profite zu verschaffen. Intellektuelle, freie Journalisten und weniger bekannte Autoren erleiden dabei ein ähnliches Schicksal wie Kleinbauern, die schon immer am Rand des Existenzminimums lebten und in dieser neuen Ökonomie überhaupt nicht mehr konkurrenzfähig sind.

Auf dem Gebiet des Wissens gehen die Gefahren der Monopolbildung und des Konformismus Hand in Hand. Ein Monopol bedeutet, dass ein mächtiges Unternehmen seine Machtstellung nutzt, um die Vielfalt der Konkurrenz zu beseitigen. Und Konformismus bedeutet, dass eines dieser Monopolunternehmen seine Machtstellung nutzt, um die Vielfalt der Meinungen und Geschmäcker zu beseitigen. Auf Konzentration folgt Gleichförmigkeit. Beim Essen haben wir diesen Zusammenhang zu spät erkannt.

Ich war nicht immer so skeptisch. Bei meiner ersten Anstellung durfte ich mit Blick auf die Berliner Mauer zu Mittag essen. Einst war dieses Bauwerk die unüberwindliche Grenze eines Weltreichs gewesen, doch inzwischen schmückte sie ein neues Machtzentrum. Dieses Stück der Berliner Mauer gehörte Bill Gates und stand in der Cafeteria von Microsoft.

Meine journalistische Laufbahn begann im Softwarekonzern von Bill Gates. Microsoft hatte gerade in einem Vorort von Seattle ein neues Firmenzentrum für seine neuen Medien eingerichtet. Unter anderem hatte der Softwareriese ein Frauenmagazin mit dem merkwürdigen Namen Underwire (warum das wohl ein Flop wurde?), eine Autozeitschrift und verschiedene Lifestyle-Websites ins Leben gerufen. Nachdem ich mein Studium abgeschlossen hatte, flog ich in den Westen, um bei einer neuen Zeitschrift namens Slate anzufangen, die sich an gebildete Leserschichten richtete.

Diese frühen Experimente des Internet-Journalismus waren berauschend. Unsere Leser saßen jetzt am Bildschirm, weshalb wir einen ganz neuen Stil erfinden mussten. Aber wie sollte der aussehen? Wie oft sollte unser Magazin erscheinen, jetzt, da wir nicht mehr den Zwängen von Druckerpresse und Zustellern unterlagen? Täglich? Stündlich? Sämtliche Gepflogenheiten der Presse standen plötzlich zur Disposition.

Wie so oft, wenn es um das Internet ging, hatte man in Seattle das Ausmaß der Revolution unterschätzt. Microsoft wollte sich als moderner Medienkonzern neu aufstellen, doch seine Bemühungen waren plump und teuer. Man beging den Fehler, tatsächlich eigene Inhalte zu produzieren. Seine Nachfolger – Facebook, Google und Apple – machten diesen Fehler nicht mehr. Sie überflügelten Microsoft mit einem revolutionären Ansatz: Sie übernahmen die Herrschaft über die Medienwelt ganz ohne Autoren, ohne Redakteure und fast ohne eigenen inhaltlichen Beitrag.

Im Laufe der Jahrzehnte veränderte das Internet die Lesegewohnheiten. Immer mehr Leser suchten Artikel nicht auf der Homepage von Slate oder der New York Times, sondern begegneten ihnen via Google, Facebook, Twitter und Apple. In den Vereinigten Staaten beziehen ganze 62 Prozent der Nutzer ihre Nachrichten über soziale Medien, allen voran Facebook, und ein Drittel aller Besucher auf Medienseiten kommt von Google. Damit befinden sich die Medien in einer demütigenden finanziellen Abhängigkeit von den Technologiekonzernen. Um zu überleben, haben Medienunternehmen ihre Werte vergessen. Selbst seriöse Journalisten haben die neue Denkweise verinnerlicht und machen sich Gedanken darüber, wie sie sich erfolgreich den Algorithmen von Google und Facebook andienen können. Auf der Jagd nach Klicks begeben sich ernst zu nehmende Anbieter in die Niederungen der Klatschpresse, veröffentlichen zweifelhafte Sensationsmeldungen und geben Selbstdarstellern und Verschwörungstheoretikern eine Bühne – mit der Folge, dass einer davon schließlich Präsident der Vereinigten Staaten wurde. Facebook und Google haben eine Welt geschaffen, in der die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge verschwimmt und sich falsche Informationen wie Viren verbreiten.

Was das bedeutet, habe ich am eigenen Leib erfahren. Während meiner journalistischen Laufbahn habe ich die meiste Zeit für die New Republic geschrieben, eine kleine Zeitschrift mit Sitz in Washington, die nie mehr als 100 000 Abonnenten hatte und sich mit Themen aus Politik und Literatur beschäftigte. Das Magazin stolperte mehr schlecht als recht durch das Internetzeitalter, bis es schließlich 2012 von Chris Hughes aufgekauft wurde. Hughes war nicht nur ein Retter, er war die Verkörperung des Zeitgeistes. An der Universität Harvard war er Zimmergenosse von Mark Zuckerberg gewesen, und der hatte ihn als einen der ersten Mitarbeiter bei Facebook angestellt. Hughes verpasste unserer angestaubten Zeitschrift einen Millennial-Anstrich und brachte ein größeres Budget und Insiderwissen aus den sozialen Medien mit. Wir sahen uns schon als das neue Leuchtfeuer des Journalismus, der eine würdige Lösung für all seine Probleme verdient hatte. Hughes machte mich zum Chefredakteur – eine Position, die ich zuvor bereits einmal innegehabt hatte –, und wir stellten die Zeitschrift neu auf, um unseren himmelstürmenden Erwartungen gerecht zu werden.

Doch am Ende waren diese Erwartungen gar nicht zu erfüllen. Wir wuchsen nicht schnell genug für Hughes. Die Zahl der Klicks nahm zu, aber eben nicht exponentiell. Seiner Ansicht nach gelang es uns nie, die sozialen Medien richtig zu nutzen. Meine Freundschaft mit Hughes erlitt Schiffbruch. Nach zweieinhalb Jahren setzte er mich vor die Tür, und die Trennung wurde weithin als Unfähigkeit des Silicon Valley gedeutet, die Welt des Journalismus zu verstehen, auf die es inzwischen derart großen Einfluss hatte. Ich muss wohl nicht hinzufügen, dass diese Erfahrung auf die Argumentation dieses Buchs abgefärbt hat.

Aber auch wenn ich meinen Zorn nicht verhehle, möchte ich dieses Buch nicht als persönliche Abrechnung verstanden wissen. Der Anlass ist vielmehr, dass die Technologiekonzerne im Begriff sind, etwas außerordentlich Wertvolles zu zerstören, und zwar die Möglichkeit des Nachdenkens. Sie schaffen eine Welt, in der wir fortwährend überwacht werden und abgelenkt sind. Durch ihre Anhäufung von Daten haben sich die Konzerne ein Bild von unserer Geisteswelt gemacht, mit dessen Hilfe sie das Verhalten der Gesellschaft und zunehmend auch des Einzelnen steuern wollen. Sie zerstören die Seriosität von Institutionen wie Zeitungen, Zeitschriften und Buchverlagen, die das für unser Geistesleben und unsere Demokratie grundlegende intellektuelle Material bereitstellen. Ihr wertvollstes Kapital ist unser wertvollstes Kapital – unsere Aufmerksamkeit, und die haben sie missbraucht.

Die Technologiekonzerne haben es bereits geschafft, die menschliche Evolution in neue Bahnen zu lenken. Wir sind alle kleine Cyborgs geworden. Unser Telefon ist eine Erweiterung unseres Gedächtnisses, wir treten grundlegende Denkfunktionen an Computerprogramme ab, und wir lassen zu, dass unsere Geheimnisse auf Servern gespeichert und von Algorithmen durchsucht werden. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass wir dabei nicht nur mit Maschinen verschmelzen, sondern auch mit den Konzernen hinter diesen Maschinen. In diesem Buch geht es um die Ideologie dieser Konzerne – und um die Notwendigkeit, sich ihr zu widersetzen.

Teil 1

Die Monopolisten des Geistes

1

Das Heilsversprechen des Silicon Valley

Vor Silicon Valley galt der Begriff »Monopol« im amerikanischen Alltagslexikon als Schimpfwort. Was nichts daran ändert, dass viele danach strebten. Seit jeher versuchen Unternehmen mit aggressiven Mitteln, ihren Markt möglichst vollständig unter Kontrolle zu bekommen. Die meisten modernen Wirtschaftshandbücher beschreiben diesen Versuch als normal und gesund. Trotzdem galt das Ziel der Monopolbildung als kulturell unannehmbar und politisch gefährlich. Deshalb wagte es in den Vereinigten Staaten, die den Wettbewerb als besten Schutz gegen eine gefährliche Machtkonzentration feierten, kaum jemand, das Wort in den Mund zu nehmen. Selbst als die Regierung in den Achtzigerjahren die Verfolgung der Monopole weitgehend einstellte, hielten die Unternehmen an ihren ehrwürdigen Lippenbekenntnissen fest und feierten die Tugenden der Marktwirtschaft.

Dann kamen die neuen Technologiegiganten. Die Großkonzerne des Silicon Valley streben nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen nach einem Monopol, und ihre Experten und Gurus sehen darin nicht einfach eine wirtschaftliche Tatsache. In den weitläufigen Büroparks im Süden von San Francisco hat das Monopol eine geradezu spirituelle Dimension erlangt und wird unverhohlen angestrebt. Die Technologiekonzerne sehen die Machtkonzentration ihrer Unternehmen (und der Netzwerke, die sie beherrschen) als notwendiges gesellschaftliches Gut und geradezu als Voraussetzung für den Weltfrieden und das Ende der menschlichen Entfremdung.

In besonders idealistischen Momenten kleiden die Konzerne ihre Ambitionen in vollmundige Verheißungen von Menschenrechten und Vernetzung. Diese erhabene Mission macht das Wachstum der Netzwerke zum Gebot und die Größe zum Selbstzweck. Sie wollen der Konkurrenz entgehen und eine Alleinstellung erreichen, um ihr schier überirdisches Potenzial zu verwirklichen. Dieser gefährliche Traum ist auch deshalb so verbreitet, weil er weit zurückreicht. Die Sehnsucht des Silicon Valley nach dem Monopol geht sonderbarerweise bis auf die Protestkultur der Sechzigerjahre zurück und entsprang poetischen Visionen von Frieden und Liebe. Genauer gesagt beginnt alles mit einem prominenten Hippie.

In den Sechzigerjahren fuhr Stewart Brand oft mit seinem Pick-up durch das neblige San Francisco. Auf der Ladeklappe prangte ein Aufkleber mit der Aufschrift »Custer starb für eure Sünden«. Über seiner nackten Brust hing eine Holzperlenkette. In der LSD-Szene, in der Brand kein Unbekannter war, galt er als »Indianer-Freak«.1 Diese Leidenschaft begann während eines Besuchs im Warm-Springs-Reservat, das er für die Broschüre eines Freundes fotografieren sollte, und sie gipfelte in seiner Heirat mit Lois Jennings vom Stamm der Odawa. Für Brand, Sohn eines Werbemanagers, waren die Ureinwohner eine Offenbarung.2 Sein Vater hatte das Drehbuch für ein angepasstes Leben in der Konsumgesellschaft der Fünfzigerjahre geschrieben, und diese Menschen waren der lebende Gegenentwurf dazu.

Wie so viele Weiße vor ihm fand Brand im Reservat eine Authentizität, die er in seinem eigenen Leben schmerzlich vermisste. Das Reservat war ein Bollwerk gegen die Zerstörung des Planeten und ein Zufluchtsort des »kosmischen Bewusstseins«.3 In einem ausgelassenen Moment witzelte Brand einmal: »Die Indianer sind so irdisch, dass sie außerirdisch sind.«4 Um die Werte zu verbreiten, die er in Warm Springs fand, gründete er eine kleine Tanztruppe und ließ sie in seiner Multimedia-Show »America Needs Indians« auftreten. Mit ihren Discostrahlern, der Musik und den projizierten Bildern war die Show »ein Peyote-Ritual ohne Peyote«,5 wie Brand meinte.

Mit diesem Spektakel gab Stewart Brand einen Vorgeschmack auf seine spätere Laufbahn als Unternehmer, der die Zukunft der Technologie mitgestalten sollte. Er hatte die Gabe, die spirituellen Sehnsüchte seiner Generation aufzugreifen und zu erklären, wie sie sich mithilfe der modernen Technik befriedigen ließen. Wie das funktionieren sollte, beschrieb er in Artikeln und Büchern, doch das waren noch seine konventionelleren Unternehmungen. Am bekanntesten wurde er als Erfinder eines neuen Genres, das gewissermaßen zu den Texten seiner Weggefährten verlinkte. Lange vor TED schuf er eine Konferenzreihe.

Brand sollte eine Revolution in der Computertechnik anstoßen. Die Ingenieure aus dem Silicon Valley verehrten den Mann, weil er ihnen die Bedeutung ihrer Arbeit auf eine Weise vor Augen führte, wie sie es selbst nicht konnten. Brand scharte eine Gruppe von Jüngern um sich, weil er die Technik in einen mitreißenden Idealismus kleidete. Wenn die Politik nicht in der Lage war, die Menschheit zu retten, dann konnten es vielleicht die Computer.

Dieser messianische Traum – die Rettung der Welt durch eine in friedlicher Zusammenarbeit geschaffene Technik – war von geradezu charmanter Unschuld. Doch im Silicon Valley lebt diese naive Vorstellung bis heute fort. Selbst die abgebrühtesten Konzerne haben sie zu ihrem Mantra gemacht. Was als Traum begann – die Vereinigung der Menschheit in einem einzigen, allumfassenden Netzwerk –, wurde zum Grundstein des Monopols. In den Händen von Facebook und Google wurde Brands Vision zum Feigenblatt der Macht.

Ehe Stewart Brand die Technologie neu erfand, drückte er den Sechzigern seinen Stempel auf. Wie so viele Geschichten aus den Jahren vor der Hippie-Ära beginnt auch diese mit einer gewissen Orientierungslosigkeit. Nach seinem Studium in Stanford meldete sich Brand zum Militärdienst. Seiner Zeit bei der Armee war kein Happy End beschieden, aber immerhin entwickelte er dort einen gewissen Organisationssinn und Führungstalent. Diese Fähigkeiten ließen ihn nie im Stich, selbst wenn er LSD eingeworfen hatte. (Er begann seine Experimente mit LSD im Jahr 1962, als man die Droge noch legal von Wissenschaftlern beziehen konnte.6) Brand hatte ein Talent, sachlich zu reden, mit dem er seine langhaarigen Freunde verblüffen und Säle füllen konnte. Als er sich mit Ken Kesey und seinen drogenseligen Schriftstellerfreunden, den Merry Pranksters, zusammentat, war er der »nüchterne, nachdenkliche Flügel«7 dieser bunten Hippietruppe – so stellt ihn zumindest Tom Wolfe in Unter Strom, seinem Reisebericht aus der jungen Gegenkultur, dar. Obwohl Brand einen Zylinder mit Blume trug und flotte Sprüche draufhatte, blieb er der Streber mit einem Zettelkasten voller Notizen.

Sein Beitrag zur Protestkultur war das Trips Festival, die größte LSD-Party, die Kesey und seine Freunde in San Francisco ausrichteten. Brand stellte ein dreitägiges Psychedelic-Programm zusammen, das die Sechziger, wie wir sie heute kennen, auf den Weg brachte. Unter anderem hatten hier die Grateful Dead ihren Durchbruch. Er versammelte sechstausend Hippies und vermittelte ihnen das Gefühl, zu einer Kultur zu gehören, und nicht zu einer Gegenkultur. Am ersten Abend brachte Brand mit seiner Tanztruppe »America Needs Indians« seine große Leidenschaft auf die Bühne.

Brands Lichteffekte und Bilder waren wie ein LSD-Trip – ein Versuch, mit künstlichen Mitteln das Bewusstsein zu erweitern. Amerika brauchte seine Ureinwohner, und Amerika brauchte LSD, um aus seiner bequemen Lethargie gerissen zu werden. Später sollte Brand den Computern dieselben bewusstseinserweiternden Eigenschaften zuschreiben. Doch zunächst war er kein Fan dieser Maschinen. Alles, was Brand und die junge Gegenkultur ablehnten – die hirnlose Anpassung an die Masse, die Diktatur der Bürokratie –, ließ sich auf ein einziges eindringliches Symbol reduzieren, nämlich den Computer. Im Rückblick auf die Sechziger sagte Brand später: »Die meisten Angehörigen meiner Generation lehnten Computer als Verkörperung der zentralistischen Kontrolle ab.«8

Auf der anderen Seite von San Francisco, an der Universität Berkeley, war die Kritik am Computer in den Anfängen der Neuen Linken zu vernehmen. Mario Savio, einer der Sprecher des Free Speech Movement, verglich die repressiven Kräfte an der Universität und in der Gesellschaft mit der Technik: »Irgendwann macht dich die Arbeit an der Maschine so krank, dass du nicht mehr mitmachen kannst. Dass du es nicht einmal mehr dulden kannst. Dass du deinen Körper in das Getriebe und in die Zahnräder werfen musst.«9 Manche von Savios Metaphern waren eindeutiger: »An der Universität bist du nicht mehr als eine IBM-Lochkarte.« Demonstrierende Studenten hängten sich Kärtchen um den Hals, in die sie das Wort »Streik« gestanzt hatten. Sie trugen ironische Transparente mit der Aufschrift: »Bitte nicht falten, biegen, rollen oder beschneiden«.10

Die Kritik war mehr als berechtigt. Angefangen bei IBM, dem undurchschaubaren Konzern, der diese Maschinen herstellte. Ende der Fünfzigerjahre kontrollierte IBM 70 Prozent des Computermarkts in den Vereinigten Staaten und hatte keinen ebenbürtigen Konkurrenten. Diese Monopolstellung verdankte der Konzern den herausragenden Leistungen seiner Ingenieure, aber auch der Unterstützung durch das Verteidigungsministerium und andere Behörden. (Dank dieser staatlichen Subventionen überflügelten die Vereinigten Staaten erstklassige europäische Unternehmen, die nicht in den Genuss staatlicher Förderung kamen.) Eines der ersten Modelle von IBM, der 701, hieß intern nach seinem größten Abnehmer »Defense Calculator«,11 denn die meisten Geräte waren für das Verteidigungsministerium und Raumfahrtunternehmen bestimmt. Einige Jahre später subventionierte der Geheimdienst NSA die Entwicklung eines neuen Modells, das ganz auf seine Bedürfnisse zugeschnitten war. Der über jeden Ideologieverdacht erhabene Technikhistoriker Paul Ceruzzi beschreibt die Zeit so: »Von 1945 bis Ende der Siebzigerjahre wurde die Computerbranche der Vereinigten Staaten von riesigen, zentralisierten und straff kontrollierten Systemen beherrscht, die sich kaum von denen der Sowjetunion unterschieden.«12

Schon äußerlich wirkten diese Maschinen bedrohlich. Bis in die Siebziger waren Computer starre Kolosse und ähnelten darin den Institutionen, die sie einsetzten. Die ersten Modelle nahmen ganze Räume ein. Weil die Geräte so teuer und empfindlich waren, wurden sie scharf bewacht. Wer einen Computer benutzen wollte, musste sich an einem Schalter anstellen und einem der weiß bekittelten Techniker – den »Priestern«, wie sie genannt wurden – seine Lochkarten überreichen. Die Lochkarten hatten wiederum große Ähnlichkeit mit Multiple-Choice-Fragebögen, dem zentralen Instrument der Bürokratie. Dieser klinische Ansatz entsprach der Nachkriegselite mit ihrer Liebe zu Technokratie und Effizienz.

Auch Stewart Brand hatte keine hohe Meinung von Computern. Trotzdem hatte er die Hoffnung, dass sie die Welt verbessern konnten. Sein Optimismus war nicht untypisch für seine Zeit. Die Nachkriegsgeneration wuchs in einer technikgesättigten Welt auf – Rock’n’Roll, Autos, Fernseher. Sie genoss das moderne Leben viel zu sehr, um sich ernsthaft dagegen aufzulehnen. Wie Theodore Roszak, einer der Vordenker der Neuen Linken, später erklärte: »Hand in Hand mit der Begeisterung für Folkmusik und einfache Lebensformen, Handwerk und ökologische Landwirtschaft ging eine kindliche Begeisterung für Raumschiffe und Wunder der Technik, die Stanley Kubricks 2001 und die Fernsehserie Raumschiff Enterprise zum Kult machte.«13

Brands eigene Prophezeiungen über die Zukunft der Technologie verdankte er einer Reihe von Offenbarungen, von denen nur eine das Ergebnis eines LSD-Trips war. Während er eines Morgens in eine warme Decke gehüllt auf dem Dach seiner Wohnung in der Hippie-Kolonie North Beach saß, gingen ihm Gedanken durch den Kopf. Warum waren die Gebäude vor ihm nicht in exakt parallelen Linien angeordnet? Verdammt, das muss die Erdkrümmung sein. Ja, bestimmt, die Erdkrümmung. Hm. Wie kommt es eigentlich, dass es kein Foto von der Erde gibt, wo doch diese ganzen Satelliten auf den Planeten herunterglotzen? Nicht nur einfach ein Foto, sondern ein Farbfoto. Und nicht nur die Erde, sondern die GANZE Erde. Wenn es ein Bild von der ganzen Erde gäbe, Mann, dann wäre alles anders. Also begann Brand, die NASA zu bestürmen, ein Farbfoto der Erde zu veröffentlichen. Bald tingelte er durch die Universitäten des Landes und verkaufte Buttons mit dieser Forderung. So schräg diese Kampagne heute klingt, sie sollte dazu beitragen, im Westen das Umweltbewusstsein zu wecken.

Auf diese Offenbarung folgte eine zweite. Während des Rückflugs vom Begräbnis seines Vaters überlegte er, was er nun mit dem Geld anfangen sollte, das er geerbt hatte. Er dachte an alle seine Freunde, die sich in Kommunen geflüchtet hatten. Sein Interesse an Kommunen lag nahe. Während des »Sommers der Liebe« 1967 und während des schrecklichen Jahres 1968 stiegen Hunderttausende junge Amerikaner aus und zogen in Selbstversorgergemeinschaften. Von der Wüste New Mexicos bis zu den Bergen Tennessees und den Wäldern Nordkaliforniens schossen neue Dörfer mit Namen wie Drop City oder Twin Oaks aus dem Boden. (Nach einer Schätzung lebten Anfang der Siebzigerjahre 750 000 Menschen in solchen Kommunen.14) Während er im Flugzeug saß, stellte sich Brand vor, wie er diese Gemeinschaften mit seinem Kleinlaster abklapperte und ihnen Werkzeuge und andere Dinge verkaufte, die sie brauchten. »So konnte ich etwas für die Kommunen tun, ohne selbst in einer leben zu müssen«,15 witzelte er später.

Aus der Idee wurde zwar nichts, doch sie war der Anstoß zu etwas Größerem, das mehr Anklang fand: dem Whole Earth Catalog, eigentlich so etwas wie ein neues literarisches Genre, den Steve Jobs als »eine der Bibeln meiner Generation«16 bezeichnen sollte. Während seiner ersten vier Jahre wurde der Katalog 2,5 Millionen Mal verkauft und mit dem National Book Award ausgezeichnet. Der Untertitel des Katalogs lautete »Zugang zu Werkzeugen«. Davon wurden zwar eine Menge beschrieben, aber bestellen konnte man nichts, und nur ein paar der beschriebenen Dinge waren in einem Laden erhältlich, den Brand im Silicon Valley eröffnete. Der Katalog verwies seine Leser auf Taschenrechner, Jacken und geodätische Kuppeln, aber auch auf Bücher und Zeitschriften. Die Waren selbst waren zweitrangig, wichtiger waren die theoretischen Ausführungen dazu. In einer der ersten Ausgaben hieß es:

Wenn wir schon wie Götter sind, dann wollen wir unsere Sache auch gut machen. Die Fortschritte der ferngesteuerten Macht und Herrlichkeit – Regierungen, Konzerne, Bildungswesen, Kirche – werden von schweren Mängeln überschattet. In Reaktion auf dieses Dilemma entsteht ein Raum intimer, persönlicher Macht – die Macht des Einzelnen, die eigene Bildung in die Hand zu nehmen, eigene Inspiration zu finden, die eigene Umwelt zu gestalten und Erfahrungen mit Interessierten zu teilen. Der Whole Earth Catalog sucht und verbreitet Werkzeuge, die diesen Prozess voranbringen.17

Brands Manifest verdichtete das Denken der Kommunenbewegung und entwickelte es einen entscheidenden Schritt weiter. Die Technik sei für das Übel der Welt verantwortlich, so Brand, und nur die Technik könne es auch beheben. Wenn man den Monopolisten und Militaristen die Werkzeuge aus der Hand nähme, dann könne jeder Einzelne diese dazu verwenden, autonomer zu leben und sich zu entfalten. Wenn Ihnen diese Gedanken vertraut vorkommen, dann vermutlich deshalb, weil Apple sie in einem Werbespot nach dem anderen verwurstet hat.

Im Grunde handelte es sich um eine Theorie des radikalen Individualismus und der Autarkie und einen Vorläufer der libertären Philosophie des Silicon Valley. Brand hatte sich mit Denkern wie Buckminster Fuller, Norbert Wiener und Marshall McLuhan beschäftigt, die Systeme und Netzwerke in den Mittelpunkt stellten. An diesem Punkt kommt die Vorstellung der »ganzen Erde« ins Spiel. Brand wollte das Umweltbewusstsein seiner Leser wecken und ihnen zeigen, dass alles mit allem zusammenhängt, um ihnen ihren Platz im Netzwerk des Lebens aufzuzeigen. Oder wie er es auf der Rückseite seines Katalogs formulierte: »Wir können es nicht zusammensetzen. Es ist zusammen.«18

Der Whole Earth Catalog ist eines der Gründungsdokumente des Silicon Valley und erklärt seine Kultur. Trotz aller Risikokapitalgeber leben im Silicon Valley die Überreste der Kommunen weiter. Deshalb sitzen die Vorstandschefs in scheinbar hierarchiefreien offenen Büros und tragen die gleichen T-Shirts wie das Lumpenproletariat der Programmierer auf der anderen Seite des Gebäudes. Und obwohl es den Monopolisten im Silicon Valley natürlich nur um ihre Gewinne geht, gerieren sie sich als Revolutionäre, die die Welt in den Zustand der Einheit führen, von dem Brand sein Leben lang träumte. Wie Fred Turner schrieb: »Dank des Katalogs konnten Computer und Netzwerke als Instrumente der Befreiung dargestellt werden.«

Als Steve Jobs den Whole Earth Catalog als »eine der Bibeln« seiner Generation bezeichnete, meinte er natürlich seine Generation von Programmierern und Hackern, die die Computerwelt revolutionierte. Die Grundlagen des PCs wurden mehr oder weniger bis Ende der Sechzigerjahre entwickelt. Der Hardwarehersteller DEC aus Massachusetts hatte die gewaltigen Mainframe-Computer zu handlicheren Mikroprozessoren geschrumpft. Designer in Stanford hatten die Maus entwickelt. Das Verteidigungsministerium hatte das erste Internet angelegt. Visionäre wie Douglas Engelbart (Erfinder der Maus) entwarfen eine Zukunft, in der Maschinen eine intimere Rolle im Alltag normaler Menschen spielten. Doch diese Leute sprachen Fachchinesisch, und die Maschinen waren noch zu teuer, zu groß und zu unhandlich, um auf einem Schreibtisch Platz zu finden, von einem privaten Haushalt ganz zu schweigen.

Erfindungen fallen nicht vom Himmel und folgen nicht einfach einer bestimmten wissenschaftlichen Gesetzmäßigkeit – sie werden von der Kultur eingefordert. Mit der Vorstellung des Computers für jedermann konnte man damals noch nicht viel anfangen. Möglicherweise brachte Brand die Ideen zusammen, die Ingenieure zu diesem Sprung anstießen. Der Whole Earth Catalog übertrug die Werte der Gegenkultur auf die Welt der Technik. Und im Laufe der Zeit zeigte er, wie der Computer – ausgerechnet diese monströse Erfindung der bürokratischen Institutionen – als Instrument der Befreiung und Vernetzung der Gemeinschaft verwendet werden konnte.

Es war entscheidend für den Verlauf der Technikgeschichte, dass in den Vororten von San Francisco die Zentren der psychedelischen Kultur und der Computertechnik zusammentrafen. Aufgrund dieser geografischen Überschneidung waren die Ingenieure ungewöhnlich offen für Stewart Brands Botschaft. Das trifft vor allem auf den berühmten kreativen Hexenkessel von Xerox zu, das Forschungszentrum PARC in Palo Alto. Alan Kay, einer der Chefingenieure des Zentrums, schaffte jedes im Whole Earth Catalog aufgeführte Buch an und stellte es in die Bürobibliothek. Später rühmte er Brand dafür, den Weg in die Zukunft gewiesen zu haben: »Für uns im PARC war dieser Bursche ein Frühwarnsystem dafür, was Computer einmal sein würden.«19

Aber die Ingenieure von PARC übernahmen nicht nur seine Ideen, sie luden Brand auch in ihre Labors ein. Der beschrieb seine Besuche 1972 im Rolling Stone. Der Artikel war ein lebhaftes Stück des New Journalism: »Die rührigste Szene, der ich seit den Merry Prankster Acid Tests begegnet bin«, schrieb er. Er stellte die Computerleute genauso dar, wie sie sich selbst gern sehen wollten – als die großen Befreier der Technologie: »Diese Helden in ihren fliegenden Kisten erforschen die sonderbar fließende Front der Technik; ein gesetzloses Land, in dem Regeln nicht Gesetz noch Gewohnheit sind, sondern schroffe Gebote des Möglichen.«20 Die Ingenieure hatten in der Tat damit begonnen, Maschinen zu entwickeln, die ihrer Zeit ein Jahrzehnt voraus und so radikal waren, dass die Manager von Xerox sie nicht verstanden. Der bekannteste Prototyp war ein Computer mit vielen Elementen, die später im Macintosh auftauchen sollten – nicht von ungefähr, denn Steve Jobs war begeistert von den Erfindungen, die er bei seinem inzwischen in den Bereich der Mythologie erhobenen Besuch des PARC im Winter 1979 sah.

Aber Brands Artikel übte vor allem deshalb solchen Einfluss aus, weil er die Gedanken der Ingenieure in knackige Slogans übersetzte und mit diesen Slogans wiederum der Arbeit der Ingenieure eine Richtung vorgab. Brand zeichnete ein glorreiches Bild der Computertechnologie. Was die Kommunen nicht erreicht hatten, das konnten die Computer vollenden. »Wenn Computer für alle verfügbar sind, übernehmen die Hacker: Wir sind alle Computer-Freaks und werden als Menschen und Mitarbeiter gestärkt. Das könnte uns voranbringen … zum Beispiel bei der Vielfalt und Sorgfalt spontaner Schöpfung und zwischenmenschlicher Interaktion.«21 Zwei Jahre später erweiterte er diesen Artikel zu einem Buch, in dem er unseren Wortschatz um einen wichtigen neuen Begriff bereicherte: den »Personal Computer«.22

Dass das Erbe der Technologiekonzerne bis zu den Kommunen der Sechzigerjahre zurückreicht, verheißt nichts Gutes für die Welt. Das Experiment zerschellte, die Kommunen verkamen zu Persönlichkeitskulten und kleinen, von Streitigkeiten zerrissenen Dörfern. Die mitreißenden Visionen von Demokratie und Gemeinschaft endeten in Autoritarismus und bitterer Enttäuschung. 1971, drei Jahre nach seiner Erstveröffentlichung, stellte Stewart Brand seinen Whole Earth Catalog ein. Um das Ableben seiner Zeitgeistpublikation zu begehen, veranstaltete er eine Party. Eine Performance-Veranstaltung, wieder einmal, zu der tausend Katalog-Fans kamen. Er lud seine Hippie-Freunde in den Palace of Fine Arts ein, einen eindrucksvollen Pavillon in der Nähe des Jachthafens von San Francisco. Brand stapfte im schwarzen Talar durch die Party wie ein geschniegelter Schnitter Tod.

Selbst einem unverbesserlichen Optimisten wie Brand fiel es an diesem Tiefpunkt schwer, finstere Gedanken fernzuhalten. Seine Ehe zerbrach. Er dachte an Selbstmord. Doch seine Technikgläubigkeit war ungetrübt. Brand hatte sich nie sonderlich für Politik interessiert und sich nicht näher mit dem Kapitalismus beschäftigt. Seine Interessen waren eher spiritueller Natur. Er sehnte sich nach einem Gefühl der Ganzheit, Zugehörigkeit und Authentizität, wie er es mit den Reservaten und Kommunen in Verbindung brachte. In seinem Weltbild kannten diese Orte keine Entfremdung, sie waren eins mit der Menschheit. Es war dieselbe Sehnsucht, die er bei der Vorstellung des fehlenden Bildes der Erde empfand. Dieser Gedanke war der genaue Gegensatz der libertären Philosophie von Ayn Rand: das Bedürfnis nach Gemeinschaft, Gemeinsamkeit und einem Bewusstsein für unsere Verortung im großen Ganzen. Brand konnte diese Sehnsucht nur in rhetorischen Floskeln zum Ausdruck bringen, die keiner Analyse standhielten und allein von der Begeisterung lebten, mit der er sie vortrug: »Seit es zwei Organismen gibt, ist das Leben eine Frage der Koevolution, und das Leben wurde immer reichhaltiger am Leben … Wir können zwar fragen, welche Abhängigkeiten uns lieber wären, doch wir haben keine andere Wahl.«23

So eloquent er seine Gedanken vorbrachte, sonderlich neu waren sie nicht. Brand bediente sich großzügig bei anderen, vor allem Marshall McLuhan, dem kanadischen Akademiker, der zur Kultfigur geworden war. Anders als seine spießigen Kollegen beschäftigte sich McLuhan mit der Alltagskultur der Sechzigerjahre – nicht mit den Werken avantgardistischer Schriftsteller und Aktionskünstler, sondern mit Fernsehen, Radio und Kino. Er war geschmeidig und ein gern gesehener Gast in Fernseh-Talkshows und nebenbei in seiner Trockenheit ein perfekter Schauspieler in Woody Allens Stadtneurotiker. Angesichts seiner Vorliebe für scheinbar hintergründige, vor allem aber undurchschaubare Paradoxa war oft schwer zu sagen, was er tatsächlich glaubte. (»Ich stimme nicht unbedingt allem zu, was ich sage«, gestand er einmal.) Aber selbst in seinen verworrensten Prophezeiungen ließen sich noch schmissige Zitate finden.

McLuhan behauptete, er fälle kein moralisches Urteil über die Zukunft, die er beschrieb, doch in seinen Schilderungen der neuen Technologien schlug oft die Begeisterung durch. In seinen Büchern sah er vorher, dass die neuen Technologien, mit Bedacht eingesetzt, die Welt zu einem riesigen Netzwerk würden verbinden können: »Nach über einem Jahrhundert der Elektrotechnik haben wir unser Zentralnervensystem auf globalen Maßstab erweitert und sind im Begriff, auf unserem Planeten Raum und Zeit zu beseitigen.«24

McLuhan deutete an, dieses Netzwerk habe das Potenzial, sich wie ein magischer Verband um die Welt zu legen und deren Wunden zu heilen, ohne Narben zu hinterlassen. Die Zerrissenheit der Menschheit war begreiflicherweise Anlass zur Sorge für die Generation, die im Schatten des totalen Kriegs aufgewachsen war und mit der dauernden Bedrohung eines atomaren Weltenbrands lebte. Aber auch das Privatleben war von Verwundungen gezeichnet, die Menschen hatten das Gefühl, dass die Bürokratisierung sie ihrer Kreativität beraubte und sie zu elenden, vereinzelten Rädchen im Getriebe degradierte. Doch diese leidvolle Entfremdung war nicht unüberwindlich, so McLuhan.

Die heilenden Kräfte des Netzwerks fanden sich in McLuhans berühmtem Satz »Das Medium ist die Botschaft«. Technik ist das Allheilmittel. McLuhan gab Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks die Schuld an der Zersplitterung der Welt, weil sie uns im antisozialen Akt des Lesens von unseren Mitmenschen isoliert. »Das Alphabet ist die Technik der visuellen Fragmentierung und Spezialisierung«, klagte er. Es bringe »eine Wüste von Geheimdaten«25 hervor. Seine Kritik war eher ein Klagelied: Er sehnte sich zurück nach einer Welt vor der Erfindung des Buchdrucks, in eine mündliche Welt des persönlichen Austauschs. Die perfekte Technik würde den Geist dieser vergangenen Kultur wiederbeleben, und zwar auf globaler Ebene, und die Welt in einen großen, glücklichen Stamm verwandeln. Oder das »Global Village«, um ein weiteres seiner Klischee gewordenen Schlagworte zu bemühen. Und die menschliche Wärme dieses Dorfs würde dem ätzenden Individualismus und allen zersetzenden Kräften der Welt entgegenwirken.

Die vielversprechendste der neuen Technologien war der Computer. McLuhan sah zwar auch die potenziellen Gefahren der von ihm beschriebenen Erfindungen und des Globalen Dorfs – Gerüchte breiten sich aus wie Lauffeuer, und die Privatsphäre könnte den neuen Überwachungsmöglichkeiten nicht standhalten. Doch seine Beschreibung des Computers hat viel mit Brands Ideen gemein. Auch McLuhan sehnte sich nach Ganzheit und beschrieb sie euphorisch:

Computer verheißen eine Möglichkeit, augenblicklich jeden Code in anderen Code und jede Sprache in jede andere Sprache zu übersetzen. Mit anderen Worten bietet der Computer ein Pfingstfest der universellen Verständigung und Einheit. Der nächste logische Schritt besteht darin, nicht mehr zu übersetzen, sondern die Sprache ganz zu umgehen und zu einem umfassenden kosmischen Bewusstsein zu gelangen, das vielleicht dem kollektiven Unbewussten nahekommt, von dem der französische Philosoph Henri Bergson träumte. Die Bedingung der »Schwerelosigkeit«, die nach Ansicht der Biologen die körperliche Unsterblichkeit verspricht, könnte einhergehen mit dem Zustand der Sprachlosigkeit, die dauerhaft Harmonie und Frieden schafft.26

Das ewige Leben und Frieden auf Erden … der gläubige Katholik McLuhan hatte die gesellschaftliche Prognose hinter sich gelassen und erging sich in biblischen Prophezeiungen.

Seither wurde jede bedeutende technische Neuerung in McLuhans Hoffnung verpackt: den Wunsch, dass Maschinen eine neue Ära der Gemeinschaft einläuten. Diesen Ton schlug zum Beispiel J. C. R. Licklider an, als er erklärte, das Internet werde die gesellschaftliche Vereinzelung überwinden: »Online wird der Mensch ein glücklicheres Leben führen.«27 Oder Tim Berners-Lee, als er die neuen Möglichkeiten des Internets beschrieb: »Die Hoffnung ruht auf der Vernetzung aller Menschen dieser Erde.«28 Der Traum vom Globalen Dorf steckt sogar in den Bezeichnungen der modernen Technik: Das Internet ist vernetzt, das Web ist weltweit, die Medien sind sozial. Dieser Traum hat auch große Gemeinschaftsprojekte angestoßen, Kathedralen des Wissens, die ohne einen finanziellen Hintergedanken errichtet wurden, von den virtuellen Gemeinschaften der Neunzigerjahre über Linux bis zu Wikipedia und der Creative Commons. Er ist der Gründungsgedanke der Opensource-Bewegung. Etwas mit anderen zu teilen war einst eine idealistische Geste und der Tagtraum von Erfindern, doch inzwischen ist es so normal geworden, dass es sich selbst der Kapitalismus zu eigen gemacht hat. Im Businessplan von Google und Facebook, die zu den erfolgreichsten Unternehmen der Geschichte zählen, ist vor allem davon die Rede, die Welt zu einem großen Netzwerk zu vereinen – einem Netzwerk, in dem Menschen selbstlos zusammenarbeiten und Informationen teilen.