Beschreibung

Die Erde 2639. Auf der Suche nach ihrer Qualle durchquert Mara gefallene Kontinente und tote Städte. Gemeinsam mit der Welt ist sie an ihre Grenzen geraten. Doch während sie noch um ihren Begleiter trauert, droht ihr und dem System bereits eine weitere Gefahr: Ihre Anwesenheit hat einen alten Gott geweckt, der das Gleichgewicht der Dimensionen aus den Fugen treibt. Gebrochen vom Geist der Zeit, versucht die junge Frau, eine Welt zu retten, die ihr Recht auf Rettung schon vor Langem verspielt hat. Eine Welt, die schon immer ihren Tod wollte. Wird es ihr gelingen? Oder wird die Zweiteilung des Universums am Ende auch sie zerbrechen?

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Beliebtheit


Weltasche

Über das Gift an Quallenmembranen

Marie Graßhoff

Inhalt

Impressum

Widmung

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Danksagung

Über die Autorin

Bücher von Marie Graßhoff

Astrid Behrendt

Rheinstraße 60

51371 Leverkusen

www.drachenmond.de

[email protected]

Weltasche 1 – Über das Gift an Quallenmembranen

Band 2.1 der Kernstaub-Trilogie

 

Text: © Marie Graßhoff, 2016

Umschlagmotive: © shutterstock, © iStock

Umschlaggestaltung: Marie Graßhoff & Alexander Kopainski

Lektorat: Anna Eberhardt, Katja Kargel, Dirk Busch

Korrektorat: Michaela Retetzki

llustrationen: Andrea  Grautstück

Layout: Michelle N. Weber

 

ISBN 978-3-95991-722-3

 

© dieser Ausgabe Drachenmond Verlag 2016

Alle Rechte vorbehalten.

Kontakt: [email protected]

 

Zusatzinfos zum Buch, den Fortsetzungen und der Autorin

findet ihr auf www.marie-grasshoff.de

und bei Facebook unter facebook.com/MarieGrasshoffAutorin.

Für jeden, der verlor,

aber nie aufgab.

Prolog

In dem wir unsere Allmacht bereuen

241 N.TH. – 2639 N.CHR. – DIE QUALLENPHASE – 13. UMBRUCH

Gebannt von der Last der Unendlichkeit ist es manchmal nur das Jetzt, das uns zu Helden oder Monstern macht, nur der Moment, in dem sich entscheidet, was wir sind, bevor wir wieder in unsere Glassplitter zerfallen, die zusammen nichts als ein taubes Chaos ergeben. Erfüllt von dem Wissen darum, dass es nicht immer so war wie jetzt, schweben wir in Erinnerungen an damals, als wir noch nicht zu vergleichen waren mit der der Welt zugrunde liegenden Weisheit.

Seit damals bin ich gewachsen; in den Himmel und über mich hinaus, und inzwischen spannen sich nicht nur Muskeln und Fleisch um meine blanken Knochen, nein, inzwischen sind mir Fell und Federn gewachsen und ich fliege, lasse alles hinter mir zurück. Ich bin der Nachthimmel, an dem sich die Sterne sammeln, und ich bin der Gott, der sie gen Erde fallen lässt. Ich bin die Planeten und das Universum und ich bin das System. Welchen Tod könnte ich noch sterben, der nicht süß und willkommen auf meiner Zunge schmeckte? Welches Leben könnte ich noch kosten, das sich nicht vor mir auf die Knie werfen und um Gnade winseln würde? Gegen mich ist die Erde nur ein nacktes, trauriges Geschöpf, das Zuflucht in mir sucht, mein Herz zerreißt, um sich darin zu verbergen. Gegen mich ist das Universum nur ein Bettler, den ich verführe, warte, dass er meine Beine auseinanderdrückt, dass er in mich dringt, damit ich ihn verschlingen kann und wir beide brennen.

Wie kann es also sein, dass ich am Ende hier bin, allein und gefangen in diesem Käfig aus Emotionen und Verpflichtungen? Unter mir sollte sich die Welt spalten, wenn ich mich spalte, und doch sehe ich nur das Gras unter meinen Füßen und das Leben, das sich darin räkelt. Über mir sollte der Himmel zerbröckeln wie meine Seele und doch sehe ich nur die Beständigkeit alter Sterne, wenn ich meinen Blick hebe.

Ich möchte die Finger ausstrecken, um meine neue Welt zu berühren, sie mit den Fingerkuppen zu streifen, um ihre Magie in mich aufsaugen zu können. Aber seitdem das Wissen des Systems mir die Sprache geraubt hat, fühle ich mich nicht einmal mehr in der Lage, mich am bloßen Betrachten der Wunder zu erfreuen.

Dieser Nachtwald wird noch lange in meiner klaren Erinnerung verharren. Die Schwärze zwischen den knorrigen Stämmen hoher Bäume, das weiße Mondlicht, das durch das Blätterdach auf sanfte Grasflächen fällt und die Stille mit seinem Zauber benetzt. Ich war es, die die Insekten schuf, die nun leuchtend durch die Luft schwirren und jedes Blatt, jede Blume, jeden Grashalm durch ihre Berührung zum Schimmern bringen. Ich war es, die die Lichtblitze in diese wiederbelebte Erde brachte, die in bunten Farben durch die Leben jagen und Tausende Erinnerungen vergangener Zeiten in sich gefangen halten.

Schöpferin nennen sie mich, Weltenschafferin, doch scheint es mir, als sei das Leben aus mir gekrochen, während ich es um mich herum geschaffen habe. Und während sich alles vergnügt und lacht, bin ich ein einsamer Gott zwischen all den Menschen und Bäumen, zwischen all den Quallen und Planeten. Ich möchte sie wieder schmecken auf meiner Zunge, die Echtheit des Schmerzes und die Bitterkeit der Liebe. Aber nun bin ich hier, in diesem nächtlichen Idyll, wo nicht die Gedanken am Boden zerbrechen, sondern der Boden an den Gedanken.

Bei jedem Schritt, den ich durch Moos und Gras gehe, bleibt ein Stück von mir zurück, während ich ein anderes in mich aufnehme und mich Sekunde für Sekunde neu erfinde.

Und doch endet es dieses Mal anders, denke ich. Jetzt gibt es zwei Splitter, die sich nicht vereinen lassen: Ich und das düster grinsende Etwas, das mir der Spiegel zeigt.

Kapitel 1

In dem sie erwacht

Eventuell könnten wir im Laufe der Zeit an einen Ort gelangt sein, der uns zerbrochen hat.

241 N.TH. – 2639 N.CHR. – 13. UMBRUCH

21. & 22. JANUAR

Dahinschwebend im lichtleeren Raum kann nichts mehr an unseren Körpern kratzen, das von Bedeutung ist. Wenn Fleisch und Sinne sich zu einem wirren Knäuel formen, das wir Leben nennen, verschwommen zwischen all den Himmelskörpern, die wie gesprenkelte Tupfer auf einer schwarzen Wand den Kosmos bilden. Zwischen ihnen finden wir die bunten Glasscherben, die einmal unser Leben waren. Zwischen ihnen finde ich Erkenntnis und die Weite nicht ausgeschöpfter Gedanken.

Ich denke, es muss eine Ewigkeit vergangen sein, seitdem ich mich das letzte Mal auf die Liege gebettet, mich in die warmen Decken gehüllt und auf den Morgen gewartet habe. Und als ich meine müden Glieder aus diesem Schlaf ziehe, mich erhebe, um die frische Luft des neuen Tages in meine alten Lungen zu saugen, sehe ich das All und die Sterne vor dem Fenster meiner Kabine schimmern.

»Drei Jahre«, hat mir mein Abbild im Spiegel zugeflüstert und ich habe meiner eigenen Stimme nicht geglaubt. Weder älter noch jünger, weder größer noch kleiner sehe ich aus, seitdem ich mich das letzte Mal betrachtet – mich das letzte Mal gespürt habe. Noch immer die feuerroten Locken, die sich lang um meine dünnen Schultern kringeln, noch immer die dunklen Ringe unter den eisblauen Augen, die die Last der Entscheidung in mein Gesicht gezeichnet hat. Und trotzdem sind drei Jahre vergangen, in denen sich für mich nichts verändert hat.

Wie alt bin ich? Zählen die Jahre im künstlichen Schlaf zu meinen wirklichen Lebensjahren oder bin ich noch genauso alt wie zu dem Zeitpunkt, an dem ich einschlief? Ich bin mir im Klaren darüber, dass ich es wissen müsste, dass man mir all das beigebracht hat, aber vieles, das einmal war, liegt nun im düsteren Schatten des Vergessens. Er ist das Einzige, das mich tatsächlich spüren lässt, wie viel Zeit seit meinem letzten Wachsein vergangen ist.

Es hat vermutlich weitere drei Jahre gedauert, bis ich es geschafft habe, mich einzukleiden. Der raue Stoff schmiegt sich fast unangenehm dicht an diese Haut, die so lange nichts mehr fühlen, nichts mehr spüren konnte, das wirklich ist, und doch mag ich das weiche Material, das mich so perfekt temperiert kleidet. Ich habe mir die dunkle Jacke aus meiner alten Heimat übergezogen, die im Gegensatz zu der engen Hose viel zu groß ist und nur locker über meinen Armen hängt, sodass ich sie immer wieder hinaufschieben muss.

Und so taste ich mich fast blind durch die viel zu hellen Gänge des Schiffs und versuche jede Struktur, jede Kerbe in der Wand in mich aufzunehmen, zu verinnerlichen, als könnte ich so die Leere füllen, die die traumlose Zeit im Nichts mir gebracht hat.

Ich möchte sehen können.

Zurückgespult endet mein Tag bei meinem Erwachen. Bei warmem Licht, das meinen fast wohnzimmerartigen Raum erfüllt. Bei der herzlichen Stimme aus den Wänden, die mir einen guten Morgen wünscht und mich darüber informiert, dass jemand kommen würde, um mich abzuholen. Beim Auf-dem-Bett-Sitzen und Warten. Bei der Einsicht, dass niemand kommen wird, bis ich mich mühevoll erhebe und über den geheizten Boden in das schwarz-weiße Badezimmer schlurfe.

Vor den Fenstern des Springers sehe ich nur die Dunkelheit des Alls und das Schimmern entfernter Sonnen, und doch fühle ich mich nicht unsicher oder einsam. Gleichgültigkeit scheint sich mit dem Schlafmittel auf meine Sinne gelegt zu haben und nur langsam aus ihnen zu weichen.

Letzter Sprung in fünf Minuten.

Zurückgespult enden meine Gedanken genau hier, wo Kontraste alles benetzen. Die stechend rote Farbe meiner Kleidung lenkt meine Aufmerksamkeit immer wieder ungewollt auf sich, bis meine Finger wieder neue Oberflächen an den Wänden des halbrunden, hohen Korridors ertasten und ich mich ihnen zuwende. Weiße und bläuliche Lampen mischen ihren indirekten Schein zu kaltem Licht, das den Weg meiner leisen Schritte durch den nahezu sterilen Gang erhellt, bis ich das verdunkelte Türfeld am Ende durchschreite und in eine schattenbefleckte Schummrigkeit trete. Eine dunkle Stimme und ein wenig Licht dringen aus einer Tür am Ende eines nur behelfsmäßig angelegten Gerüsts, das eine wackelig wirkende Brücke über einen tieferen Abgrund zu bilden scheint.Dieser Korridor ist anders als die der gewöhnlichen Verbindungen, und ich nehme an, dass ich mich verlaufen habe. Aber die Faszination für alles um mich herum ist zu groß, als dass ich mich auch nur kurz darüber ärgern könnte. Es wird sich schon ein Weg finden.

Letzter Sprung in einer Minute.

Die bekannte Frauenstimme ertönt abermals aus allen Richtungen und mein Herz macht einen Hüpfer, weil ich nun weiß, dass wir wirklich so nah am Ziel unserer Reise sind. So nah an der neuen Welt.

Ein lautes Knacken ist hinter mir zu hören, als mein Blick über die offen liegenden und nur leidlich befestigten Kabel und Verbindungen an den Wänden schweift.

Struktur. Ich glaube, dass ich Struktur, Worte und Gesichter brauche, um diese Leere zu füllen.

Letzter Sprung in dreißig Sekunden.

Ich trete mit meinen dünnen Sohlen auf die schmale Brücke, die mich zu der Tür führt, und liebe das Gefühl, das durch meine Füße kribbelt, als sie die kleinen Erhebungen im Metall spüren.

Letzter Sprung in zwanzig Sekunden.

Es dauert einige Momente, bis ich meinen Blick von den Untiefen unter mir abgewandt habe, die mitten in das Herz des Springers führen. Irgendwo in der Ferne höre ich das regelmäßige Klicken und Gurgeln der Cogg-Reaktoren, das ich schon immer als so eigenartig organisch empfunden habe. Mein Atem geht ungewöhnlich langsam.

Letzter Sprung in zehn Sekunden.

Neun.

Acht.

»Hey!« Ich sehe von meinen Händen auf, als ein Schatten das aus der Tür fallende Licht verdeckt und ein Mann sich in Windeseile aus dem Raum schält, um auf mich zugelaufen zu kommen. »Scheiße, was machst du hier?«

Fünf.

Vier.

Er packt mich grob am Arm und zerrt mich mit sich auf das Licht zu, in den Raum, während die liebliche Stimme ruhig den Countdown weiter abzählt.

Zwei.

Eins.

Und er stößt mich mit einer solchen Wucht in das Zimmer, dass ich mich hart an dem Tisch in der Mitte stoße, zurücktaumle und fast falle, als alles beginnt, an mir zu zerren – und ich auseinanderreiße.

Ich denke, dass mir mein Kiefer aus dem Kopf gefallen sein muss, zusammen mit meiner Zunge, meinen Augen und allem anderen, denn ich spüre nichts mehr, sehe nichts mehr, kann mich nicht mehr bewegen, den Mund nicht öffnen, um zu schreien.

Als das Bild sich ordnet, sind dort meine vor das Gesicht geschlagenen Hände, zitternde Finger und die sichere Hand des Fremden, der sie wieder herunterzieht. Alles ist eigenartig verschwommen, als trüge jedes Ding einen Schleier aus bunten Scherben und Staub, der sich darüberlegt. Mein Blick flimmert, mein Gegenüber versucht, ihn einzufangen, aber ich bringe nur ein Stöhnen über meine Lippen, schüttle Mal für Mal den Kopf, um alles irgendwie wieder an die richtige Stelle zu bringen. Worin habe ich mich hier nur verloren? Für einen langen Moment bin ich mir nicht einmal mehr sicher, wer ich bin und wo ich mich befinde, versuche mich zu beruhigen, zu schlucken, um alles wieder zu ordnen, aber es herrscht zu großes Chaos in meinen Gedanken.

Und das Zittern. Das Zittern hört nicht auf.

»Was war das?«, wispere ich und sehe mich in dem karg eingerichteten Raum um, der bis auf ein paar Nahrungszellen, die die ganze linke Wand ausfüllen, nichts beherbergt. Die Front gegenüber der Tür bietet einen weitflächig offenen Blick auf das All und noch während ich mich darüber wundere, wie unglaublich fremd meine helle Stimme in meinen eigenen Ohren klingt, hat mein Blick sich nach dort draußen verirrt, wo er nicht viel sieht. Wo ist die Erde? Sollte sie nicht hier sein, nach dem angeblichen letzten Sprung? »Wo sind wir?«

»Gleich da. Unser Ziel liegt auf der anderen Seite des Schiffs.«

»Und was war das gerade?«

»Nun, meine Liebe«, setzt der Mann an und sucht meinen Blick abermals mit seinen türkisfarbenen Augen, in denen sowohl Besorgnis als auch Vorwurf gefangen sind. »Das passiert, wenn man sich während des Sprungs nicht innerhalb eines gesicherten Bereiches befindet. Ich konnte das Türfeld nicht mehr rechtzeitig verriegeln.«

»Oh.« Ich weiß nicht wirklich, was ich mit diesen Informationen anfangen soll.

»Was hast du überhaupt da draußen getrieben?«

Ich bin dankbar, als er seine Hand auf meinen Rücken legt und mich vorsichtig zu einer der farbenfrohen Schwebeschalen schiebt, in die ich mich gleiten lasse. Das Licht innerhalb des Raumes ist gedimmt und sammelt sich nur in einigen Ecken, wo es nicht blenden kann.

»Ich bin aufgewacht«, erkläre ich, während ich den Fremden aufmerksam dabei beobachte, wie er mit wenigen Schritten durch den für Crewmitglieder angelegten Pausenraum zu einer der Pilou-Zellen geht, um uns anscheinend heiße Getränke zu generieren. Er hat mir den Rücken zugewandt, deswegen kann ich es nicht genau erkennen. Die schwarze Uniform mit den weiß-leuchtenden Säumen, die er trägt, deutet auf einen sehr hohen Rang hin.

»Man hat mir gesagt, es würde jemand kommen, um mich abzuholen. Aber es kam niemand.«

»Vielleicht wegen des Sprungs. Dann scheint dein Aufwachsystem nicht richtig programmiert gewesen zu sein, darüber hätte es dich nämlich informieren müssen. Das solltest du beim Auschecken unbedingt einem Crewmitglied melden.«

»Hm«, mache ich mangels der Worte, die ich noch sagen könnte, und betrachte stattdessen interessiert, wie er mit den beiden hohen Bechern wiederkehrt und mir einen davon in die Hand drückt, der eine angenehme Wärme ausstrahlt.

»Und du gehörst zum Team?«, frage ich, weil die Stille, als er sich neben mich setzt, so unangenehm und drückend wird.

»Genau. Normalerweise treibe ich mich aber nicht hier hinten herum, du hast also Glück, dass du mich getroffen hast.« Und plötzlich grinst er so breit und vielsagend, dass es mich irritiert.

»Aha?«, mache ich unsicher, starre nur in meine Tasse, ohne etwas zu trinken, sein amüsiertes Lachen in meinen Ohren.

»Und mit wem habe ich die Ehre?«, möchte er dann wissen. Ich muss tatsächlich kurz über meinen eigenen Namen nachdenken.

»Mara«, sage ich dann und schmunzle sogar über mich selbst.

»Und was suchst du auf der Erde, Mara?«, fragt er und betont meinen Namen eigenartig stark. »Behryu V soll doch ganz schön sein.«

»Ich will meine Erinnerungen an den Slot verkaufen«, erkläre ich und schaue wieder zu ihm hoch, erfreue mich fast unmerklich an seinem überraschten und anerkennenden Gesichtsausdruck.

»Ah, dann habe ich es also mit einer künftigen Milliardärin zu tun.«

»So ungefähr«, bestätige ich abwesend, noch immer verwirrt von einfach allem um mich herum; als hätte mein Gehirn in den letzten drei Jahren verlernt, Eindrücke richtig zu verarbeiten. »Und wer bist du?«

Er wendet sich beschwingt mit seiner Schale so zu mir um, dass wir uns gegenübersitzen, und reicht mir die Hand, die ich etwas konfus schüttle.

»Juniorkapitän Davenport«, stellt er sich förmlich vor. »Aber du kannst mich gern Juan nennen.«

Nach dem letzten Sprung treiben wir um die Erde und aus vielen der weiten Fenster kann man diesen unglaublich blauen Planeten beobachten. Bewundernd habe ich meine Finger an die kühle Außenscheibe gelegt, nachdem ich mich auf einer der weichen Bänke des Beobachtungsraums niedergelassen habe, um die letzten Minuten und Stunden vor der Landung in Ruhe zu fristen und mich zu sammeln.

Eigenartig fern ist nun alles, das ich kenne – nicht nur in meiner Vorstellung, sondern auch im Raum. Hunderttausende Lichtjahre trennen mich nun von meiner kalten Heimat, meinen Eltern, Freunden und allen, die ich je kannte. Vor meiner Abreise habe ich viele Sprach- und Orientierungskurse nehmen müssen, aber nun, da ich hier bin, habe ich nicht das Gefühl, auch nur im Ansatz auf das vorbereitet zu sein, was mich erwartet. Sehr warm soll es sein auf diesem wundersamen Planeten, den ich bisher nur aus Berichten und von Bildern kenne. Der ewige Schnee meiner Heimat soll hier flüssig vom Himmel tröpfeln, auf saubere, plastikartige Städte, ewige Lichter und in endlose Meere. Die Sonne soll gelb sein und so nah, dass man ihre Strahlen auf der Haut spüren kann. Und obwohl ich sie noch nicht sehe, obwohl wir im Schatten der Erde treiben, kann ich die wärmenden Strahlen bereits fast erahnen.

Nun bin ich also hier und kann es nicht fassen, kann kaum mehr die Entscheidungen nachvollziehen, die mich dazu geführt haben, an diesen Ort zu kommen, meine geliebte Heimat zu verlassen. Am Ende ging es wohl nur um Geld. Und um Leben, irgendwie. Und vielleicht auch um meinen Bruder, der vor so vielen Jahren Behryu verließ und mich nun erwartet.

»Du musst nicht zurück in dein Zimmer, um deine Sachen zu holen. Das wird alles für dich erledigt«, hat der junge Kapitän gesagt und mich in einen schöneren Bereich des Springers geleitet, der für ruhige Momente des Denkens vorgesehen ist. In einer Kuppel aus durchsichtigem Material ist von der oberen Decke bis zum Boden nur das All zu sehen. Sterne in jeder Richtung und dieser eigenartig einsame Mond, der wie ein stiller Begleiter neben der Erde treibt.

Information, beginnt nach einer kleinen Ewigkeit die angenehme Frauenstimme aus unbestimmter Quelle zu sprechen, als ich in Gedanken versunken über das strukturlose Material der schwarzen Sitzgelegenheiten streiche, das die Sterne widerspiegelt.

Die Landung auf der Erde erfolgt in zehn Minuten. Bitte halten Sie sich dazu in sprunggeschützten Bereichen auf, die als solche gekennzeichnet sind. Der Ausgang befindet sich in Ebene 24, Sektor C, in der Mitte des Schiffs. Wir bitten Sie, Ruhe zu bewahren, da Sie nach der Ankunft alle einer intensiven ärztlichen Untersuchung unterzogen werden und Ihren Identitätschip erhalten. Die Crewmitglieder werden Sie dazu zu den entsprechenden Bereichen der Auffangstation begleiten. Juniorkapitän Davenport und Reisende 489 Diguo melden sich bitte umgehend in Sektor C, Bereich 66.

Es dauert eine Weile, bis mir aufgeht, dass die Reisenummer, die genannt wurde, meine eigene ist, und ich überlege einen weiteren Moment, einfach nicht zu gehen, hier sitzen zu bleiben und die letzten verbleibenden Minuten in diesem angenehm leeren Raum zu verbringen. Als jedoch nach wenigen Minuten die Durchsage mit der Aufforderung noch einmal wiederholt wird, richte ich mich schwerfällig auf, lasse meinen Blick ein letztes Mal über den blauen Planeten schweifen, der von nun an meine Heimat sein wird, und wende ihm mit einem Seufzen den Rücken zu, um durch das Türfeld in einen hellen Zwischengang zu treten, auf dem viele geschäftig wirkende Menschen unterwegs sind. Ich folge ihrem Strom für einige Meter.

Im Gegensatz zu den kühlen, blauen Gängen, die die Zimmer der Schlafenden säumen, sind die Hauptkorridore in der Mitte des Springers sehr hoch und in warmen Rot- und Beigetönen gehalten. Die Außenwand stellt eine komplette Fensterfront dar, hinter der die Erde noch breitflächiger und beeindruckender zu sehen ist als vom Beobachtungsraum aus. Das Licht, das aus unbestimmten Quellen indirekt verbreitet wird, schafft gleichzeitig einen gemütlichen und doch sehr edlen Eindruck.

Der Boden unter meinen Füßen, wie auch die Wand zu meiner Linken, sind eigenartig weich und federnd, als wollten sie jeder Form von Sturz oder Anstoßen vorbeugen.

Die Gedanken über diese und andere Belanglosigkeiten beschäftigen mich so lange, dass mir erst nach vielen Minuten auffällt, dass ich keine Ahnung habe, wohin ich gehe und in welche Richtung ich überhaupt muss, sodass ich stehen bleibe und mich etwas irritiert nach Hinweisen umschaue.

»Entschuldigung«, spreche ich nach kurzer Überwindung zwei jüngere Männer an, die auf mich zukommen und deren rötliche Uniform sie als Hilfsmitglieder ausweist. Der Vordere hat mich schon vorher offensichtlich gemustert und nun schaut er mich so aufdringlich interessiert an, dass es fast unangenehm ist. »Können Sie mir sagen, wie ich nach Sektor C, Bereich 66 komme?«

»Ah, dann bist du die kleine Diguo?«, möchte derjenige wissen, der mir näher ist, und sie bleiben vor mir stehen. Ich mustere die intensiv schwarzen Haare, die auch der Kapitän vorhin schon besaß. So etwas habe ich auf meinem Planeten nie gesehen.

»Genau«, bestätige ich, auch wenn mir das Wort »klein« übel aufstößt. »Gerade kam eine Durchsage, dass …«

»Ja, genau, du musst noch eine Sondergenehmigung unterzeichnen, weil es beim letzten Sprung Komplikationen gab.«

»Okay?« Ich bin sicher, dass ich vor meinem Start mit dem Schiff über die Probleme gelesen habe, die während eines Sprungs auftreten können, aber ich kann mich beim bestem Willen nicht daran erinnern, was genau das gewesen sein kann. »Und wie komme ich nun in diesen Raum?«

»Nimm einfach die Schleuse«, erklärt der hintere Mann mit dem blonden Haar und den knabenhaften Zügen und deutet auf eine in die Wand eingelassene Zelle. Noch bevor ich jedoch auch nur einen Schritt darauf zugehen kann, stößt der Vordere ihm seine Hand leicht in den Oberarm.

»Unsinn!«, schimpft er. »Wie soll sie die Schleuse benutzen, wenn sie noch keinen Chip hat?« Dann wendet er sich wieder in ruhiger Tonlage an mich. »Du warst doch noch nie auf der Erde, oder?« erkundigt er sich und ich bestätige das. »Dann …« Er überlegt kurz und zieht ein kleines Gerät aus der Tasche seines kittelartigen Umhangs. »Ja, gut, ich werde dich bringen. Naeé, kümmere du dich schon mal um Cogg-Sektor 9, ja? Ich komme gleich nach.«

»Ist gut.«

»So sieht man sich wieder«, empfängt mich mein zweifelhafter Retter in der Not von heute Morgen grinsend vor dem Türfeld des Bereiches, zu dem auch ich beordert wurde. Der Helfer, der mich schweigend den ganzen Weg über begleitet hat, grüßt den Mann kurz, dann verabschiedet er sich mit einem etwas angespannten Handschütteln von mir und noch bevor mir einfällt, dass ich mich bedanken sollte, ist er verschwunden. »Mir war vorhin noch nicht klar, dass du die Diguo bist«, reißt mich der Kapitän namens Juan wieder aus meinen Gedanken und als ich mich ihm zuwende, hat er sich bereits locker mit der Schulter gegen die weiche, beigefarbene Wand gelehnt, um mich so von oben bis unten zu mustern.

»Das mag daran liegen, dass ich lieber mit meinem Vornamen angesprochen werde«, witzle ich und er lacht.

»Kann sein. Auf jeden Fall kenne ich deinen Bruder«, erklärt er sich dann und ich hebe überrascht meine Augenbrauen, denke darüber nach, ebenso wie er in eine gelassene Haltung umzuschwenken, entschließe mich am Ende aber dazu, so angespannt stehen zu bleiben, wie ich bin.

»Oh, verstehe«, sage ich und endlich nimmt er seinen Blick von mir und sieht sich etwas gedankenverloren im Gang um.

Ein Vermerk innerhalb des verdunkelten Feldes weist den Raum, vor dem wir stehen, als eine Art Behandlungszimmer aus.

Die Landung erfolgt in 20 Sekunden, verkündet die Computerstimme und synchron sehen wir auf.

»Scheiße«, grummelt Juan und schaut verdrossen drein. »Da gammelt man drei Jahre auf einem beschissenen Springer rum und dann kann man bei der Landung nicht dabei sein.«

»Warum …«, setze ich an, als die Frauenstimme beginnt, die letzten zehn Sekunden herunterzuzählen und meine Worte übertönt, also stocke ich und warte ab.

Sind wir hier in einem geschützten Bereich? Ich schaue mich um, aber ich kenne das Zeichen nicht mehr, das eben diese Bereiche innerhalb des Schiffs voneinander abgrenzt, auch wenn ich einige Symbole rund um uns herum erkennen kann.

Fünf.

Vier.

»Hey, pass auf!«, ruft mir Juan zu, überall um uns herum ist wieder dieses Klicken zu vernehmen und ich schaue mich irritiert um.

Zwei.

Eins.

Und dieses Mal ist es eher ein dumpfes Zerren hinter meiner Stirn, als der Sprung vollzogen wird, und bereits wenige Sekunden später scheint sich alles wieder normalisiert zu haben. Ich versuche, tief ein- und auszuatmen.

Fenster. Warum gibt es in diesem Gang keine Fenster, durch die ich hinausschauen kann, um den ersten Blick auf meine neue Welt zu erhaschen? Warum muss ich vor diesem seltsamen Raum stehen, während alle anderen bereits nach draußen an die frische Luft strömen können?

»Was genau müssen wir hier eigentlich tun?«, will ich wissen, um mich abzulenken. »Der Kerl von gerade meinte, wir müssten noch irgendeine Spezialgenehmigung unterschreiben?«

»Ja, wegen des Sprungs.« Juan streicht seinen Mantel nach hinten und schiebt die Hände in die Taschen seiner Hosen. »Vorhin, meine ich. Wenn man sich während eines Sprungs nicht innerhalb eines gesicherten Bereichs befindet, kann der Identitätschip nicht sofort angekoppelt werden und du brauchst eine Spezialgenehmigung für den Aufenthalt auf der Erde.« Er macht eine recht leidvolle Pause. »Ich übrigens auch, obwohl ich den beschissenen Chip schon habe. Aber vermutlich liegt der jetzt für zwei oder mehr Wochen brach.«

»Oh«, mache ich und lege die Stirn in Falten, als mir einfällt, dass ich tatsächlich vor dem Abflug einen Lehrgang zu diesem Thema hatte.

»Kein Problem«, beschwichtigt mich mein Gegenüber, als hätte er meine Gedanken gelesen. »Es ist vollkommen normal, dass man in den ersten Tagen nach dem Aufwachen keine wirklichen Erinnerungen an alles kurz vor dem Abflug hat.«

»Beruhigend«, bestätige ich trocken, auch wenn mich diese Erklärung nicht wirklich zufriedenstellt.

»Sei nicht so schlecht gelaunt, Süße«, grinst er und ich funkle ihn düster an. »Immerhin hätte ich dich auch draußen lassen können.«

»Hättest du machen können. Wäre für mich dasselbe herausgekommen.«

»Aber leider habe ich versucht, den Helden zu spielen.«

»Und dabei kläglich versagt.«

»Ja«, lacht er. »Aber auf jeden Fall bin ich nur wegen dir hier, also bin ich der verdammt Einzige, der ein Recht darauf hat, angearscht zu sein.«

Erneut ziehe ich meine Augenbrauen in die Höhe, sehe dann aber ein, dass er recht hat und ich einfach meinen Mund halten und mir jede Erwiderung verkneifen sollte, wenn ich mich schon nicht dazu durchringen kann, mich bei ihm zu bedanken.

»Okay, verstehe ich«, gestehe ich also und er grinst wieder vor sich hin. Ich fühle mich seltsamerweise einen Moment lang dazu hingerissen, es ihm gleichzutun.

»Und dann können wir ja zusammen was essen gehen«, schlägt er vor.

»Was?«

»Na ja, ich kenne wie gesagt deinen Bruder und wenn ich es richtig gesehen habe, ist er dein eingegebener Einweiser. Wäre doch praktisch, oder?«

»Hm«, mache ich nachdenkend und versuche, meine Abendplanung, die eigentlich nur meinen Bruder und mich beinhaltete, über den Haufen zu werfen. Sie ist vermutlich sowieso schon hinüber. »Klar, warum nicht?«, seufze ich also und er nickt etwas versonnen.

»Na, dann habe ich ja wenigstens eine Sache, auf die ich mich freuen kann.«

Kapitel 2

In dem ich Ruhe in der Endlosigkeit der Gedankenmeere finde

Angefangen beim Atmen, ist jeder Moment ein Abenteuer.

Wir vergessen es nur manchmal. Wir vergessen es viel zu oft.

241 N.TH. – 2639 N.CHR. – DIE QUALLENPHASE – 13. UMBRUCH

21. & 22. JANUAR

Nirgendwo – an keinem Ort, von hier bis zum Ende unserer Welt – kann ich das finden, wonach ich suche. Es ist seltsam, wie aus meinem ruhigen Damals dieses wirre Jetzt werden konnte, in dem ich so leer geworden bin, dass ich selbst aus meinem Körper geflohen zu sein scheine. Dass ich selbst fast zu einem der Wesen geworden bin, die mich seit ewigen Zeiten verfolgen.

Ich erinnere mich an stürmische Herbsttage, an denen die Luft so feucht war, dass ich dachte, Wasser zu atmen. An warme Sommerabende, die in ihrer Stille so einträchtig waren, dass ich dachte, eigentlich nur für Momente zu leben und nicht für die Zukunft. Ich erinnere mich an glückliche Zeiten, die ich irgendwie überstanden habe – mit ihm zusammen –, bis sie mich zersplittert und in diese schreckliche Wirklichkeit geworfen haben, die mich an den Grund meiner Existenz geschickt hat, um mich dort festzuhalten – um mich mein eigenes Blut lecken zu lassen, bis ich an seinem Geschmack sterbe.

Und nun stehe ich hier und betrachte eine Sonne, die hinter einer staubigen, toten Welt untergeht und uns dem Schatten der Nacht überlässt. Der muffige Geruch verfallener Zivilisation hängt noch zwischen den kalten Wänden des Wohnhauses, in dem wir unser Nachtlager aufschlagen werden, geschützt vor Wind und dem Regen, der bereits durch die säuerlichen Dämpfe in der Luft zu erahnen ist.

Hinter mir sind die vier Wächter, die mich auf meiner Reise begleiten, damit beschäftigt, die drei Zelte, in denen wir schon seit unserer Abfahrt in Madrid immer wieder übernachten, aufzubauen. Hier in dieser ehemaligen Jugendherberge sind die Zimmer noch so weit intakt, dass wir gut in ihnen unterkommen können, und auch wenn der recht beengte Raum, in dem wir uns nun verschanzen, dumpf nach Moder riecht, scheint er doch zumindest oberflächlich trocken zu sein. Das ist alles, was wir noch erwarten können.

Kahle, weiße Wände, an denen sich die Silhouetten ehemaliger Möbel abzeichnen, ein ausgetretener graublauer Teppich und eine alte Metallkommode in der hinteren Ecke sprechen selbst jetzt noch von der kargen Einrichtung, die es hier zweifelsohne einmal gegeben haben muss. Und während meine vier Begleiter damit beschäftigt sind, unsere vorläufige Unterkunft einzurichten, frage ich mich, was hier wohl für Menschen gelebt haben mochten und wie sie ums Leben gekommen sind.

Fast kann ich die Spuren noch erahnen, die die vielen vergangenen Leben hier hinterlassen haben.

Es liegt Stille in der Luft, die den Sturm ankündigt, der uns bevorsteht. Und ich glaube, dass der Sturm, der vor unseren Türen und Fenstern toben wird, trotzdem nicht so intensiv und heftig sein kann wie der in meinem Herzen.

»Was denkt ihr, wie lange wir noch brauchen, bis wir das Meer erreicht haben?« Die Frage aus meinem Mund durchbricht das Schweigen, das bereits den ganzen Tag zwischen uns geherrscht hat. Ciar und Purnima werden von Tag zu Tag stiller, und Manjana und Liam haben nie viel gesprochen – schon in all den Hunderten von Jahren nicht, in denen ich sie kenne. Vermutlich sind sie mir genau deswegen auf eine unbeschreibliche Weise sympathisch.

Manjana, die wunderschöne alte Seele, die selbst in dieser Welt meist den langen Mantel ihres Begleiters trägt; und ebenjener mit seinen verschiedenfarbigen Augen, die mich noch immer bei jedem Hinsehen irritieren. Sie haben sich in die tiefsten Schatten zurückgezogen, in die Winkel ihres geräumigen, lichtlosen Zeltes, um sich im Einklang zu verlieren und alles andere an sich vorüberziehen zu lassen.

Sie machen einen so friedlichen Eindruck. Als würde es sie erlösen, mich nicht mehr jagen zu müssen, sondern einmal – wenn auch nur in dieser kurzen Zeit – eine Auszeit von ihrem allumfassenden Auftrag zu bekommen, mich zu vernichten.

Mit ihrem Verhalten verändert sich auch ihr Aussehen, mit dem ich über so viele Leben hinweg vertraut war. Liams ursprünglich blondes Haar wird durch die Strahlung dieser Welt – wie das von allen – ausgebleicht und hat inzwischen einen weißen Ton angenommen, während Manjanas von Schwarz zu einem karamellfarbenen Braunton gewechselt hat.

Ebenso wie bei Ciar. Während ich in unbequemer Position auf dem hartgetretenen Teppich liege, sitzen er und seine Begleiterin Purnima in dem Zelt, das ihnen Wärme und einen weichen Untergrund bietet. Sie sind im Laufe der Zeit zu fast umgänglichen Partnern geworden. Seine provokanten Sticheleien ebben immer weiter ab, seine widerlichen Annäherungsversuche verharmlosen sich von Mal zu Mal, und ich denke, dass es an der Macht liegt, die ich ihm zusammen mit seiner Uhr genommen habe. Als ich sein Kernpartikel zersplitterte, habe ich ihm alles genommen, das er gegen mich in der Hand hatte, und nun ist er nur an mich gebunden, weil seine Existenz keinen anderen Sinn für ihn bereithält, als mir zu folgen. Wohin ich auch gehen mag.

»Es wird schon noch eine Weile dauern, bis wir ankommen«, antwortet er erst nach einiger Zeit ruhig. Ich beobachte aus dem Augenwinkel, wie der Wächter sich ein paar Strähnen aus der Stirn wischt, um dann wieder mit dem Haar der jungen Frau zu spielen, die ihren Kopf in seinem Schoß gebettet hat.

Wir sind zur Ruhe gekommen und warten darauf, dass der Tag endet und die Nacht uns holt.

»Ich kann nicht mehr laufen«, bringe ich nur mit Mühe über meine rissigen Lippen. Ebenso wie sie ist alles andere an meinem Körper wund, die Füße bis aufs Blut abgerieben, die Wirbelsäule so schmerzend, als würde sie mir jeden Moment aus dem Rücken springen. Die Strapazen der Reise haben nicht nur meine Nerven, sondern auch meinen neu gewonnenen Körper fast aufgezehrt. Jeden Abend schlafe ich nun in dem Wissen ein, den nächsten Tag nicht überstehen zu können, während ich jeden Morgen in dem Wissen aufwache, es doch wieder versuchen zu müssen.

Es ist eine Woche vergangen, seitdem wir mit dem Levit von der Raumstation in Caen aufgebrochen sind, um im Mittelmeer nach demjenigen zu suchen, den ich verloren habe. Vor sechs Tagen fiel das Gefährt jedoch aus und da niemand von uns technisch begabt ist, waren wir nicht in der Lage, es zu reparieren. Hilfe von Glen und all den anderen kann und will ich wiederum nicht erwarten. Die Hoffnung darauf, einen neuen Wagen aus der Kolonie in Madrid – meiner alten Heimat – mitnehmen zu können, hat sich aufgelöst, als wir feststellen mussten, dass offenbar alle fortgebracht worden waren, als wir in der großen Flucht Hals über Kopf die Stadt verlassen hatten.

Nun sind wir also hier und schleifen uns Tag für Tag zu Fuß voran, während Wetter und Zeit an uns nagen. Ich sollte nicht so verdammt schwach sein. Dabei dachte ich, ich könnte fliegen. Dabei konnte ich fliegen, für kurze Zeit, mich einfach sammeln, zerteilen und an anderen Punkten zusammensetzen, ohne dass es mich Mühe gekostet hätte.

Bis er mich berührt hat. Mein Vater, der Kern.

Ich konnte fliegen, bis er mich berührt hat.

Ich habe eine eigenartige Ruhe in mir gefunden, seitdem ich mit diesen wortlosen Wesen reise, die nur sprechen, wenn ich spreche, nur fragen, wenn sie spüren, dass ich Fragen wünsche, und nur antworten, wenn sie sicher sind, mir helfen zu können. Es herrscht so viel Schweigen zwischen uns, dass ich mich einsam fühle – und doch gleichzeitig geborgen in dieser Gruppe, die eigentlich so falsch zusammengestellt ist und sich doch so harmonisch untereinander arrangieren kann.

Die Sonne ist bereits untergegangen und wir alle haben uns in die Zelte zurückgezogen, die wir innerhalb des dunklen Wohnzimmers aufgebaut haben. Hier sind wir vor Wind und Regen geschützt, es ist warm und gemütlich. Fast zu sehr für meinen Geschmack, weil mir Tag für Tag das Aufstehen schwerer fällt, Stunde für Stunde das Bedürfnis wächst, einfach nie wieder aus diesem Schlupfwinkel hervorkriechen zu müssen, um für immer in Wärme zu ertrinken.

Ich liebe es, wie sich das Licht der kleinen, leuchtenden Computer in den Ecken des Raumes sammelt und alles mit einem goldenen Schein benetzt; wenn draußen bereits schwarze Nacht herrscht, die dicke Regentropfen an die Fensterscheiben klatschen lässt, als wolle sie eindringen, um uns zu holen. Ich liebe es, mich in die warmen Decken zu hüllen und auf dem Untergrund zu liegen, der weicher ist, als eine Matratze in meiner alten Welt es je hätte sein können. Ich liebe das bläuliche Licht, das die Zelte erfüllt und mich noch müder und schläfriger macht.

Und doch schmeckt am Ende alles nach dieser Bitterkeit, die unserer Reise zugrunde liegt, die alles erst behutsam mit ihren langen Klauen betastet und zuletzt doch zerstört.

Ich vermisse ihn, habe ich vor einigen Tagen gesagt, als wir durch ein zerfallenes Dorf gewandert sind und ich mich davon ablenken musste, dass ich nicht mehr gehen konnte. Nur noch einen Schritt, noch einen Schritt, dann machen es die Worte vielleicht besser. Ich glaube, ich kann mich schon gar nicht mehr daran erinnern, wie es ist, in seiner Nähe zu sein. Dabei bin ich erst wenige Tage von ihm getrennt. Es fühlt sich an, als wären Jahre seit seinem Tod vergangen.

Liebst du ihn?, hatte Purnima gefragt, die sonst die ganze Zeit über sehr ruhig gewesen ist. Ich denke, in diesem Moment habe ich sie das erste Mal richtig angesehen und realisiert, dass alles, was ich bisher dachte, in ihrem Gesicht erkannt zu haben, eine Lüge war. Da war keine Grausamkeit, kein abschätziges Verhalten mehr. Nur Neugier und Unsicherheit. Ich antwortete ihr, obwohl ich wusste, dass sie keine Ahnung von den Worten hat, nach denen sie fragt. Aber ihrem Sein liegt so großes Unwissen zugrunde, dass sie mir leidtut.

Nein, habe ich geantwortet. Ich denke nicht. Und gleichzeitig doch so sehr, dass es mich von innen heraus zu verbrennen scheint. Aber wir sind schon zu alt, als dass es noch immer mit einem so einfachen Wort einzufangen wäre.

Das verstehe ich nicht, hat sie geantwortet. Ich habe den Blick, den Ciar ihr zuwarf, genau gesehen – mahnend und leicht geringschätzig. Dennoch dachte ich nicht, dass es falsch sein könnte, zu antworten. Das denke ich noch immer nicht.

Seit er weg ist, fühlt es sich an, als gäbe es nichts mehr auf der Welt. Nur noch mich und diese Leere.

Er wird mich hassen, wenn ich ihn aus diesem Leben des Vergessens, das er nun führt, ziehe, und trotzdem bleibt mir nichts anderes übrig. Ich kann nicht essen, nicht schlafen, an nichts anderes denken, wenn er mir in den Sinn kommt. Alles ist so eingenommen von seiner Präsenz in meinem Herzen, dass ich weder ein noch aus weiß.

Irgendwie muss ich ihn finden, irgendwo im Meer, zwischen den Quallen. Irgendwie müssen wir einen Weg finden, all das zu retten. All die Scherben, in die wir inzwischen geschlagen wurden, wieder zusammenzufügen und ein Leben zu leben, das befreit ist von Unendlichkeit und Wissen. Das befreit ist von Hass und Trauer. Ein Leben, in dem es nichts mehr gibt, das zwischen uns steht, zwischen ihm und mir. In dem wir einfach nur im Gras liegen können, den Duft von Blumen riechen und den milden Schein der Sonne auf unserer Haut spüren können.

Ich bin so sicher, dass es dieses Leben geben muss, seitdem ich gespürt habe, welche Macht wirklich in mir darauf lauert, genutzt zu werden. Ich weiß, dass es dieses Leben gibt.

Jedes Licht, ob von uns hervorgerufen oder selbstständig in den Ecken des Raumes entstanden, ist gelöscht, als wir alle einander raunend eine gute Nacht wünschen und die Eingänge unserer Zelte schließen. Es verwirrt mich selbst schon seit Tagen, wie wohl und geborgen ich mich fühle, wenn wir unser Lager an sicheren Orten aufschlagen und ich warm und gemütlich schlafen kann. Wenn meine Füße ruhen und das Gewicht meines Metallarms nicht mehr an mir zerrt. Hat mich anfangs noch die Angst vor Ciar und den anderen Wächtern geplagt, habe ich inzwischen sogar eine gewisse Art Vertrauen zu ihnen entwickelt, das ich mir nie hätte vorstellen können.

Am Ende stand immer nur der Auftrag des Kerns zwischen ihnen und mir – ihr Auftrag, mich umzubringen, weil ich Kernstaub bin. Das ist der einzige und alleinige Grund ihrer Existenz. Doch nachdem ich ihnen die Macht dazu genommen habe, sind sie willenlos und treu. Schweigende Helfer an Orten, an denen es sonst niemanden mehr gibt, der sich sorgt und kümmert. Und doch befürchtete ich anfangs, nun, da er mir meine Macht wieder genommen hat, könnten sie auf den Gedanken kommen, mir doch etwas anzutun, Pläne schmieden, um die Grenzen zu überwinden, die ich ihnen auferlegt habe. Doch sie sind still. Sie sind still und das beruhigt mich.

Es riecht nach Regen, als ich die Augen schließe.

Nicht nach dem sauren Regen vor den Türen und Fenstern, sondern für einen Moment tatsächlich nach einem echten, frischen Sommerregen. Nach der Erde, die er befeuchtet, nach warmem Gras und Vergangenheit.

Manchmal denke ich, dass die Erde fällt, murmelt A’en in dieser perfekten Erinnerung, in der wir dicht beieinander auf der Holzveranda vor den Türen unseres Hauses stehen, während die Welt um uns herum im Gewitter untergeht. Wenn sie fiele, würde ich mich ihr anschließen.

Und du ließest mich und alles andere zurück.

Nein. Es gäbe nichts mehr, das ich zurücklassen könnte. Das ist der ideale Zustand, von dem ich träume.

Es gibt vermutlich keinen Moment meiner Existenz, in dem ich ihn besser verstanden hätte als jetzt, wo ich wartend und denkend im Bett liege und darauf sinne, ihn bald wieder ins Leben zurückzuholen. Es ist keine Option, dass alle gehen und wir allein zurückbleiben. Ebenso ist es aber auch keine Option, allein zu gehen, in dem Wissen, dass das Leben weitergeht. Nein, im idealen Zustand wird niemand zurückgelassen und im idealen Zustand geht niemand allein. Alle fallen gemeinsam.

Ich werde nie allein gehen, ob der Kern es möchte oder nicht, sage ich und er legt seinen Arm um meine Schultern. Ich beobachte die kleinen Rinnsale an Wasser, die bereits aus der Dachrinne laufen und sich in großen Pfützen am Boden sammeln, als ich meinen Kopf an seine Schulter lehne.

Dafür werde ich auch sorgen, flüstert er an meiner Schläfe und ich schließe unter einem wohligen Schauer die Augen. Kein Danke von meinen Lippen, denn ich habe es schon so oft ausgesprochen, dass er weiß, was ich denke. Vermutlich wüsste er es auch ohne Worte.

Die Welt wird mit uns fallen.

Der Kern wird mit uns brechen.

Augenaufschlag – und ich gleite mit all meinem Sein hinein in blasses Licht, das durch die dünnen Wände des Zeltes dringt, das weder blendet noch zu viele Schatten mit sich bringt. Und doch vernehme ich hinter der Trübheit meiner langsam klarenden Gedanken noch immer das Geräusch des Regens, der an die Fenster hämmert.

Es dauert eine ganze Weile, bis ich mich dazu zwingen kann, mich aus dem Wust der weichen Decken zu befreien, in die ich mich gehüllt habe, um mich aufzusetzen und den Eingang meines Schlafplatzes zu öffnen. Interessiert blicke ich mich um, aber die anderen scheinen noch zu schlafen, denn ihre Zelte sind noch geschlossen. Ich schlüpfe also so leise wie möglich in Socken und Schuhe und schäle mich aus dem kleinen Lagerplatz, um an das Fenster zu treten.

Diese Gebäude wurden erst in der Zeit nach dem Dritten Weltkrieg errichtet und sind deswegen um einiges stabiler und in besserem Zustand als ältere Bauwerke. Die Menschen in Madrid hatten mir viel über Bauweisen und Architektur erklärt, auch wenn ich mir nicht einmal die Hälfte davon hatte merken können. Aber so robust dieses Gebäude auch gewesen sein mag, seine Bewohner hatten es offensichtlich trotzdem nicht vor dem Verfall schützen können. Die Welt ist so leer geworden.

Wenn ich nun aus dem fünften Stock hinabblicke, dann sehe ich die bläulich schimmernde Straße unter uns, die bereits zum größten Teil unter Lawinen von Schlamm und Staub begraben wurde. Wir folgen schon seit Tagen ihrem Lauf nach Süden, direkt in Richtung des Golfes von Gibraltar, in der Hoffnung, im Meer das zu finden, wonach wir suchen.

Ein Donnergrollen durchreißt die Ruhe des Morgens, während ich noch immer versuche, das eigenartige Zwielicht und die sintflutartigen Regenfälle in Einklang zu bringen, denn das Bild, das sich meinen Augen bietet, wirkt irreal.

Erst nach einer Weile befreie ich mich von dem Anblick und schleiche zurück in das Lager, um in einer unserer gemeinsamen Taschen nach einem Becher zu suchen, den ich mit kaltem Wasser fülle. Obwohl alles, das von außerhalb kommt, verseucht ist, schöpfen wir es inzwischen aus Flüssen oder anderen Wasserläufen, denn die Technologie, die wir mit uns tragen, erlaubt es, die Vorräte in Sekundenschnelle zu reinigen. Jedes Mal, wenn ich den dafür ausgelegten Behälter fülle, danke ich Glen und den anderen Wissenschaftlern im Geiste für diese kleinen Gaben, die mich den Zustand der Welt ein klein wenig leichter ertragen lassen. Auch wenn es am Ende sie waren, die ihn herbeigeführt haben.

Nun habe ich schon seit unserem Aufbruch in Caennicht mehr mit Glen gesprochen oder über den Orbit kommuniziert, auch wenn ich weiß, dass er auf meinen Anruf warten muss. Aber ich wage es nicht, ihn anzufunken. Unser Fortgehen fühlte sich wie ein Abschied an – ein Abschied für immer, denn irgendetwas tief in mir scheint mit ihm und allem anderen abgeschlossen zu haben. Und dieser Teil hat so große Furcht vor dem, was er sagen könnte, dass ich nur die Augen schließen und hoffen kann, es zu ertragen.

Vielleicht verlassen sie die Erde ohne uns. Vielleicht haben sie sie schon verlassen. Und was in aller Welt könnten wir dann noch tun, um nicht mehr gänzlich an uns selbst zu verzweifeln?

Ich setze mit den EneCs zartes Licht in die Ecken der Wände, um das einfallende Grau aus den Fenstern etwas anzuwärmen, und lasse mich dann im Schneidersitz direkt darunter nieder, lehne mich an die kalte Wand. Den dunkelblauen Becher aus dem wunderbar formbaren und dennoch festen Material stecke ich auf eine tragbare Wärmezelle und warte, bis das Wasser zu brodeln beginnt. Wir können sie nur benutzen, weil die EneCs mich lieben, sagt Liam immer wieder, auch wenn ich mich frage, woher er Ahnung von diesen Dingen haben kann. Die kleinen Nano-Computer sind bei richtiger Programmierung in der Lage, jede Form von Energie in eine andere umzuwandeln. In meiner Nähe jedoch scheinen sie allein meinem Willen zu folgen und die Geräte anzutreiben. Das ist der einzige Grund, aus dem es uns noch so gut geht.

Als ich den Becher von der Heizstelle nehme, lasse ich einen der wenigen Teebeutel, die mir Sia heimlich mitgegeben hat, in die dampfende Flüssigkeit gleiten, um dann nach einigen Minuten den Duft des heißen Getränks tief in meine Lungen zu atmen.

Ich lasse mir Zeit, während ich darauf warte, dass die anderen aufwachen. Nachdem ich allerdings die Tasse mit gebührendem Genuss geleert habe, richte ich mich auf, um meine Jacke von der Lehne eines Stuhls zu klauben und aus dem Raum zu gehen, durch das Haus zu streifen.

Es gibt nur wenige Zimmer auf jedem Stockwerk, dafür aber einen metallenen Aufgang an der Außenwand des Gebäudes, der jedes Zimmer und jedes Geschoss mit den anderen verbindet. Dort hinaus begebe ich mich. Das Rauschen und Poltern des Unwetters schallt mir laut entgegen, als ich die Kunststofftür öffne und auf den Balkon trete, der so gut von den oberen Stockwerken abgeschirmt ist, dass nur der Wind ab und an den Regen in mein Gesicht stäubt.

Meine dunkelgrüne Schutzjacke enger um meinen Oberkörper ziehend, um nicht unnötig nass zu werden, schließe ich die Tür hinter mir und gehe ein paar Schritte auf und ab, während derer ich auf die zerstörte Stadt unter uns hinabblicke. Ich habe nicht einmal eine Ahnung, wie ihr Name war, als hier noch Menschen lebten. Nun spielt er keine Rolle mehr, denn die letzten Bewohner sind schon so lange tot, dass nur noch die Gerippe der letzten Gebäude an sie erinnern. Alles verschwimmt in dunkelgrauen Wolken und Streifen, der Horizont kann kaum weiter als einen Kilometer entfernt sein. Ab und an – auf meinem gemächlichen Weg auf dem alten Stahlgerüst entlang – höre ich ein Krachen aus weiter Ferne, als könnten einige der alten Riesen den Regenmassen nicht mehr standhalten und müssten unter ihnen zusammenbrechen.

»Du solltest es dir angewöhnen, dich nicht zu weit von der Gruppe zu entfernen.«

Ich schnelle erschrocken herum, als ich Ciars gegen das Rauschen des Regens anrufende Stimme hinter mir höre, auch wenn ich weiß, dass ich ihn hätte kommen hören sollen.

»Ich wollte mir nur etwas die Umgebung ansehen«, erkläre ich und er nickt. Ich erinnere mich an all die Gräueltaten, die er mir in den letzten beiden Leben angetan hat. Mir und anderen. Es macht mir noch immer Angst, dass er sich jetzt so verändert zu haben scheint. »Es sieht nicht so aus, als könnten wir heute weit kommen«, füge ich an, was er mit einem weiteren ernsten Nicken quittiert.

»Ja, das habe ich auch gedacht. Vielleicht wäre es besser, hierzubleiben, bis der Regen vorbei ist. Wir könnten den Plan für die nächsten Tage aufstellen.«

Und ich seufze dankbar, weil ich so unendlich erleichtert dank dieser Worte bin. Meine müden Füße ausruhen, selbst wenn es nur für einen Tag sein sollte, das klingt nach einer Wonne. Nach einer dunklen und doch wunderbaren Traumvorstellung.

Wir sitzen im Kreis, nachdem auch die anderen gegessen haben, und beugen uns über den Orbit. Das metallisch rote Gerät erzeugt einen HethScreen in der Luft zwischen uns, auf dessen verschiebbaren Oberflächen Ciar vor- und zurückscrollt, bis er zwischen all den leuchtenden Punkten und Linien die namenlose Stadt gefunden hat, in der wir uns offenbar befinden. In Spanien, nicht weit südlich der ehemaligen Hauptstadt. Nun trennen uns noch etwa zehn bis elf Tage von Marbella, der Stadt, die wir als Ziel anstreben.

Ich höre kaum zu, als die anderen vier die Route und unsere nächsten Rastplätze durchgehen, schaue mich stattdessen im Raum um, ziehe mir irgendwann die Schuhe und die Socken wieder von meinen Füßen und untersuche die blutigen Blasen, die sich inzwischen überall unter meinen Sohlen angesammelt haben. Ich kann nichts tun, um den Schmerz zu lindern, denn weder haben wir Medikamente finden können, noch bin ich in der Lage, mich so schnell selbst zu regenerieren wie vor wenigen Wochen noch. Wohin sind die Zeiten, in denen ich nur zerfallen musste, um mich dann wieder frisch zusammensetzen zu können?

Ich seufze und streiche mir etwas verloren durch das wirre Haar.

»Ich werde schauen, ob ich eine Duschzelle finde, die ich mit den EneCs in Ordnung bringen kann«, verkünde ich, als die anderen ihre Besprechung beendet haben. »Vielleicht klappt es dieses Mal tatsächlich, bei diesem Regen.« Etwas schwerfällig rapple ich mich auf und husche barfuß über den Teppich, um in einer der Taschen nach einem Handtuch, frischer Kleidung und einem Paar Schuhe zu suchen, die ich mir auf dem Weg locker über die geschundenen Füße ziehen kann.

Wortlos verschwinde ich aus dem Raum, aus der Wohnung, um auf dem Flur zu sehen, welche anderen Bereiche des Hauses noch ohne Probleme zu betreten sind. Innerhalb der Wohnappartements gibt es keine Duschen und keine Küchen, das hatten wir bei unserer Ankunft bereits festgestellt.

Ein kalter Wind schleicht durch die Ecken und Winkel der Flure, auf deren Treppen ich mich nach unten bewege. Ich versuche, all den Dreck und den Schmutz auszublenden, den Schimmel, der überall seinen modrigen Geruch nach Tod und Verfall verbreitet. Ich hätte gedacht, mich nach einigen Monaten in dieser Welt daran gewöhnen zu können, aber inzwischen bin ich überzeugt davon, dass es unmöglich ist. Egal, wie oft ich mich wasche, der Schmutz legt sich immer wieder wie eine zweite Haut auf meinen Körper – und so steigert sich jeden Tag der Ekel vor mir selbst. So wird jede Berührung zu einer fast unüberwindbaren Hürde.

Ich denke, es ist gut, wenn schmutzig sein dein einziges Problem darstellt, hat Ciar vor wenigen Tagen gesagt und eigentlich hat er recht damit.

Ich suche mir vorsichtig meinen Weg durch ein paar düstere Gänge, bis ich irgendwann im Erdgeschoss hinter einer halb in den Angeln hängenden Tür einen großen Duschraum finde. Über zwanzig Duschzellen befinden sich hier nebeneinander, ohne Barrieren, welche die sich waschenden Personen vor Blicken hätten schützen können.

Ich werfe einen Blick zur Doppeltür der Eingangshalle, die noch relativ stabil wirkt, obwohl sie nur aus einem fragilen, glasähnlichen Material gefertigt worden zu sein scheint. Sie bietet die einzige Lichtquelle für alle umliegenden Räume, also säe ich auch in dem großen Badezimmer das Licht der Nano-Computer in die Decken und an die Wände, quetsche mich durch den schiefen Türspalt und schaue mich langsam um, lasse die Kleidung und das Handtuch aus meinen Händen gleiten.

Ich mustere die zersprungenen und dreckigen Fliesen, die den Gang bilden, und das plastikartige Material, aus dem der Untergrund der Zellen gefertigt ist. So viele Stockwerke liegen nun über mir und es wird mir etwas mulmig, als ich nach oben schaue und die schon halb durchgedrückte Decke sehe, an der sich große Wasser- und Schimmelflecken sammeln, aus denen langsam eine dunkle Flüssigkeit tropft.

Ich bin recht unsicher, was ich nun, da ich hier bin, tun soll, denn jeder bisherige Versuch, einen Gegenstand in dieser Art zu reparieren, ist fehlgeschlagen. Das Problem ist vermutlich, dass nichts von dem, was ich bewirken kann, mit Logik oder Denken zu tun hat. Höchstens mit Bewusstsein und Unterbewusstsein, doch selbst damit kann ich es nicht hinreichend erklären. Ich denke, es ist vielmehr dieser alte und allwissende Teil tief in meiner Seele, der die Dinge so steuern und verändern kann, dass sie am Ende so werden, wie ich es wünsche. Und auch wenn es sich nicht wie Kontrolle anfühlt, ist bisher noch nie etwas geschehen, das ich nicht gewollt hätte. Nicht wirklich, denke ich.

Das ist deine Gabe als Kernstaub, hat Glen einmal gesagt, als er mich noch nicht gemieden hat. Dass du alles verändern kannst, vollkommen unabhängig von Gesetzen, Logik und Verstand. Aber seit meiner Begegnung mit dem Zentrum des Systems sind nur noch Reste und Bruchstücke von meiner eigentlichen Macht übrig geblieben. Mit ihr ist alles gegangen, das mich stark und außergewöhnlich gemacht hat. Und trotzdem bin ich in einigen Momenten dankbar dafür, denn die Erinnerung an mein altes Ich, an meinen alten, vollkommenen Zustand, den ich nur für wenige Tage hatte kosten können, macht mir Angst. So wenige Emotionen kennzeichnen ihn. So viel trockene Berechnung, verbunden mit der Arroganz eines Wesens, das weiß, dass es besser und mächtiger ist als der Rest der Menschheit. Ich wusste es genau. Vielleicht war es das, was mich so grausam gemacht hat. Zumindest in meinen eigenen Augen.

Bevor ich also etwas unternehme, erkunde ich den Raum, versuche, mich in ihn einzufinden und ihn zu verstehen.

Manchmal ist es, als würde ich Fetzen vergangener Tage schmecken und spüren können, wenn ich mich den Dingen hingebe. Wie Kinderlachen und Wasserschlachten, Gekicher und Schamgefühle, die sich in den Fugen der Fliesen verfangen haben.

Ich drücke die Tür am Ende des langen, im Halbschatten liegenden Duschraumes auf und schaue in die Dunkelheit eines weiteren Badezimmers mit vielen Waschbecken und Spiegeln, die mich den Blick senken und abwenden lassen.

Nein, ich möchte mich nicht sehen. Nicht das eingefallene Gesicht, die hervorstechenden Wangenknochen und die blutunterlaufenen Augen. Nicht die spröden Lippen und nicht das Haar, das wieder ausbleicht, seitdem ich mich nicht mehr neu ordnen kann. Und war es vor einigen Tagen noch strahlend rot, kann man die Farbe der mir ins Gesicht hängenden Strähnen nur noch schwerlich zwischen orange und blond einordnen.

Seufzend drücke ich die Tür wieder zu und fliehe vor mir selbst.

Nur langsam trete ich dann auf eine der Duschzellen zu und streiche mit den Fingern über die große Schaltfläche des Kontrollmoduls. Wie erwartet geschieht nichts, nicht das kleinste Geräusch ertönt, kein Tropfen Wasser dringt aus der verkalkten Anlage über mir. Ich fahre noch einmal mit Nachdruck über das Feld, doch abermals tut sich nichts. Ich hatte auch gar nichts anderes erwartet.

Was muss ich jetzt tun? Das Licht zu verteilen, geschlossene Türen zu öffnen, vielleicht sogar Wasser anzuwärmen gelingt mir inzwischen mit Leichtigkeit, allein über die Verbindung, die meine Gedanken mit den überall in der Welt verstreuten EneCs haben. Was aber muss geschehen, was muss ich verändern und modifizieren, um eine alte Duschanlage zu reparieren? Was ist der Unterschied zwischen all diesen Aufgaben? Er kann doch nicht so groß sein.

Ich gehe an beiden Wänden entlang und wiederhole meine Versuche an jeder Zelle. Mal für Mal das Streichen über die feuchte Staubschicht der Kontrollfelder und Mal für Mal der Versuch, mit den Gedanken die alten Verbindungen zu erahnen, die Rohre und Leitungen zu erkennen, um vielleicht durch das Wissen um ihre Position in der Lage zu sein, etwas wiederherzustellen.

Ich überlege bereits nach einer Seite des Raumes, die ich abgetastet habe, aufzugeben und wieder hinaufzugehen, vielleicht etwas Regenwasser in einem Gefäß zu sammeln und mich damit zu waschen, doch dann entscheide ich mich für einige wenige Versuche an der gegenüberliegenden Wand.

Und tatsächlich klappt es bei der letzten Zelle, bei der ich es versuche. Links neben der Tür, die fünfte Dusche. Bereits als meine Finger leicht über die bläuliche Schaltfläche streichen, vernehme ich ein Gurgeln und Grollen über mir, springe ein Stück zurück, um zu beobachten, wie schon im nächsten Moment eine braune Suppe aus dem Duschkopf rinnt und auf den hellen Untergrund plätschert, um dann von einem Abfluss im Boden verschluckt zu werden.

Mein Herz schlägt schneller. Ich verstehe nicht, was ich getan habe oder ob das Funktionieren überhaupt etwas mit meinen unterbewussten Bemühungen zu tun hat. Lange beobachte ich, wie das Wasser klarer und klarer wird, bis es so rein geworden ist, dass ich denke, es wagen zu können. Also hole ich das Handtuch in Reichweite, um es an die dafür vorgesehene Haltevorrichtung zu klemmen und mich dann zu entkleiden.

Ein kalter Schauer fährt über meine Haut, als ich mir das Shirt über den Kopf streife. Probeweise halte ich eine Hand unter den Wasserstrahl und stelle fest, dass er eher lauwarm als wirklich perfekt temperiert ist, aber meine Freude darüber, nach so langer Zeit wieder duschen zu können, überdeckt selbst diesen Umstand.

Die Gelenke meines Metallarms quietschen vernehmlich, als ich mir den Rest meiner Kleidung vom Leib streife und neben das Handtuch klemme. Ich frage mich fast jeden Tag, warum ich ihn damals nicht einfach zurückgeholt habe, meinen echten Arm. Es wäre so leicht gewesen, aus diesem künstlichen Körperteil eines aus Fleisch und Blut zu machen. Aber vielleicht war mir diese Schwere, die an meiner Schulter hängt und meine Wirbelsäule krümmt, damals schon so vertraut, dass ich mich ohne sie schon gar nicht mehr vollständig fühle.Vielleicht.

Fast etwas andächtig trete ich unter die plätschernden Wassertropfen, erwarte für einen Moment fast, dass doch wieder die ach so bekannten Schmerzen eintreten, wenn das Wasser die Haut benetzt, wie auch beim Regen vor den Türen. Doch dieses Mal gibt es keine Verbrennungen, kein Prickeln auf der Haut, wenn die Säure sie trifft, die von der Natur nicht abgebaut werden kann – nur Wohlgefühl und Entspannung.

Dankbar streiche ich meine Haare zurück, stehe vermutlich minutenlang einfach nur da, vollkommen paralysiert vom Geräusch des Wassers und dem Gefühl, das seine Berührung auf meiner Haut auslöst. Und ich träume mich in Zeiten zurück, in denen all das noch kein Wunder war.

Ich weiß nicht, wie lange ich gebraucht habe, um mich von dem wärmer werdenden Wasser unter der Dusche loszureißen, das Kontrollfeld seufzend zu bedienen, um mich dann gründlich abzutrocknen und die frische Kleidung anzuziehen. Meine Haut ist seit Minuten ganz schrumpelig und die Verbindung, in der mein Metallarm ins Fleisch meines Körpers übergeht, ist gereizt und wund. Die Spulen und Gelenke meines Protolimbs mögen keine Feuchtigkeit, wenn sie nicht regelmäßig gewartet werden. Aber selbst das habe ich bei meinem fast überstürzten Aufbruch vergessen.

Ich ziehe mir also die inzwischen viel zu große Hose nur mit einer Hand über die Beine, während die andere nur vor sich hin knirscht und getrocknet werden will. Ich muss meinen Gürtel bis ins letzte Loch zuziehen, damit mir der Stoff nicht von den Hüften rutscht.

Als ich eingekleidet bin, klaube ich den Rest meiner Sachen auf, schlüpfe in meine Schuhe und bin noch dabei, mir die Haare mit dem Handtuch trocken zu reiben, als ich mich der Tür zuwende und dort so plötzlich eine Gestalt erkenne, dass ich zusammenzucke und einen Schritt zurückstolpere.

Es dauert ungewöhnlich lange, bis ich die Person erkenne, die nur halb sichtbar hinter der schrägen Tür steht und mich mit einem interessierten Ausdruck in den schwarzen Augen mustert.

»Ciar?«, frage ich leise und gehe mit klopfendem Herzen auf ihn zu. Er löst sich aus seiner an den Türrahmen gelehnten Position und schiebt die Tür ein Stück auf, sodass ich unter seinen Armen hindurchschlüpfen kann. »Wie … lange stehst du da schon?«, frage ich irritiert und schaue zu ihm auf; und ich erkenne mit Schrecken, dass sich dieses verstörend höhnische Lächeln auf seinen Zügen abbildet, das ich schon so gut von ihm kenne.

»Lange genug«, grinst er.

Ich schlucke hart und bemühe mich um Fassung, die mir immer wieder entgleitet. Dass ich ihm meinen bösesten Blick zuwerfe, scheint ihn nur noch mehr zu freuen, und ich unterdrücke den Drang, sein Gesicht mit meinem lädierten Metallarm zu verschönern.