Verlag: AAVAA Verlag Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

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E-Book-Beschreibung Welten - Julika Sophia Meier

Als Liora aufwacht, findet sie sich in einer komplett anderen Realität wieder. Von jetzt auf gleich muss sie sich damit abfinden, nie wieder zurück nach Hause zu können - und mit ihren seltsamen, neuen Fähigkeiten auf diesem fremden Planeten gestrandet zu sein. Und dann ist da noch Meo, der merkwürdige Unbekannte. Will er sie schützen oder hat er sie gar verraten? Hilflos muss Liora mit ansehen, wie ihr ehemaliges Leben völlig an Bedeutung verliert und die Fremde zu ihrer neuen Heimat zu werden scheint ...

Meinungen über das E-Book Welten - Julika Sophia Meier

E-Book-Leseprobe Welten - Julika Sophia Meier

Julika Sophia Meier

Welten

© 2015 AAVAA Verlag

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2015

Umschlaggestaltung: AAVAA Verlag

Coverbild: Julika Sophia Meier

Printed in Germany

Taschenbuch:   ISBN 978-3-8459-1703-0

Großdruck:     ISBN 978-3-8459-1704-7

eBook epub:   ISBN 978-3-8459-1705-4

eBook PDF:   ISBN 978-3-8459-1706-1

Sonderdruck   Mini-Buch ohne ISBN

AAVAA Verlag, Hohen Neuendorf, bei Berlin

www.aavaa-verlag.com

eBooks sind nicht übertragbar! Es verstößt gegen das Urheberrecht, dieses Werk weiterzuverkaufen oder zu verschenken!

[Prolog]

Dunkelheit. Sie hat das Gefühl, nicht atmen zu können. Ihr ganzer Körper zittert, während sie das mit Blut beschmierte Baby in den Armen hält. Tränen brennen auf ihrer Haut, fallen auf ihr Schlüsselbein und auf den hellen Stoff, in den das Neugeborene gewickelt ist. Sie ist so erschöpft.

Wie kann es sein, dass das Glück jeden Winkel ihrer Seele erfüllt und ihre Sinne gleichzeitig vor Angst schwinden?

Er sitzt stumm an ihrer Seite und hält sie fest. Seine großen, breiten Hände sind rötlich vom Blut. Er hat versucht, es abzuschrubben, aber ein Schimmer ist geblieben.

Das Baby schreit aus vollem Halse, es windet sich in ihren Armen, als würde es ahnen, dass etwas Schlimmes bevorsteht. Vielleicht spürt es die Bedrohung, die sich in diesem stickigen Raum eingenistet hat und die blanke Panik seiner Mutter. Seit die Sternschnuppenaugen des Neugeborenen das erste Mal das Licht dieser Welt erblickt haben, ist sie da, die Furcht.

"Shhh, meine Kleine. Mama sorgt dafür, dass dir nichts passiert." Ihre Stimme schwankt, bricht. Es ist unmöglich, die Tränen zu stoppen. Sie fließen einfach weiter, ohne Halt. "Wenn du doch bloß diese blassen Sterne nicht im Blick tragen würdest, mein Mädchen", flüstert Hannah und drückt ihr Kind an sich. Schluchzt. Kann nicht verhindern, dass ein gepresster Schrei ihre Lippen verlässt.

Tom entwindet ihr das Baby sanft. In seiner festen Umarmung liegt es mit einem Mal still. Er wiegt es hin und her und schließlich beruhigt es sich, schläft ein – müde von allem.

Hannah beugt sich mit nassen Wangen über das Bündel, küsst es auf die heiße Stirn. "Emily", wispert sie warm, "meine kleine Emily. Du bist so wunderschön." Sie schließt ihre Augen und legt das rechte Ohr an die Brust des Babies. Unter dem Stoff hört sie ein leises bumm, bumm. Bumm, bumm. Überwältigt von diesem Geräusch hört Hannah plötzlich auf zu weinen. Sie hebt die Lider, und Ehrfurcht sammelt sich in ihren Gesichtszügen.

Erstes Kapitel

"Der Staat ermöglicht dem Volk mindestens eine Reise in die jeweils erwünschte Welt."

Aus: Die legendäre Rede des Corvin Bostwick

Ich war doch wirklich zu blöd, einen Yoghurtbecher zu öffnen. Schon leicht resigniert stand ich in der vom frühen Morgenlicht erhellten Küche und besah das Ergebnis meiner Verschüttungskunst. Wenn man drei Anläufe brauchte, um ein Plastikpapierchen von einem Deckel zu ziehen und nebenbei auch noch die ganze Küche mit Yoghurtpfützen überzog, dann war man sicherlich absolut falsch auf dieser Welt. Seufzend begann ich, alles wieder sauberzuwischen – mich eingeschlossen.

Als ich damit fertig war und einen Blick auf meine Armbanduhr warf, war es halb acht. Wenn ich die Schule noch pünktlich erreichen wollte, musste ich wohl oder übel auf mein Frühstück verzichten. Da ich jedoch nicht vorhatte, auf dem Weg dorthin von meinem Hunger gequält zu werden, schnappte ich mir eine reife Birne und begann, sie zu essen, während ich nach meinem Schlüssel suchte. Entweder war es die Süße der Frucht, die mich meinen Schlüsselbund an einem Ort finden ließ, an dem ich zuvor schon tausendmal nachgeschaut hatte, oder ich besaß verborgene Kräfte.

Ich stolperte die Holztreppe unseres Hauses hinunter, hetzte aus der Tür und rannte zur Bushaltestelle, die wieder einmal brechend voll mit Menschen war. Mit verschlafenen Augen blinzelten sie dem Tag entgegen – wenn sie nicht gerade auf ihr Handy schauten.

Als ich mich ein wenig außer Atem zu ihnen stellte, bemerkte ich sofort ihre Blicke. Ich hatte noch nie verstanden, warum ich anscheinend die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf mich zog, aber ich hatte gelernt, damit umzugehen. Also starrte ich zurück. Und das war immer eine Überraschung für sie. Die Meisten wandten sich ab und taten so, existierte ich nicht für sie. Ich fragte mich jedes Mal, ob sie tatsächlich glaubten, ich würde ihnen das abkaufen. Manche aber hielten meinem Gestarre stand, als wollten sie mich ihrerseits herausfordern. In solchen Momenten wunderte ich mich nur über die grenzenlose Langeweile der Menschen.

Zugegeben, ich hatte schon eine Ahnung, warum sie mich so intensiv beobachteten. Denn irgendwie sah ich … anders aus. Meine Augen waren von verwirrender Größe, und meine Mutter hatte mir einmal gesagt, dass auch meine Ausstrahlung speziell sei. Ich wusste nicht wirklich, was ich darunter verstehen sollte – das klang doch alles sehr vage – aber ich wünschte mir zeitweise, in der Masse unterzutauchen, anstatt ständig aus ihr herauszuragen. Ich fand mich nicht besonders hübsch. Und immer, wenn mich ein neues Paar Augen durchdrang, hatte ich das Gefühl, dass es jeden Zentimeter meines Körpers analysierte.

Zum Glück hatten die Leute um mich herum heute nicht so viel Zeit dafür, denn der Bus kam schon sehr schnell nach meiner Ankunft die Straße hinuntergefahren. Ich erwischte einen Platz ganz hinten - dort, wo die Luft besonders stickig war, weil die Hitze der Körper und des beginnenden Sommertages nicht aus den Türen weichen konnte. Damit meine strähnigen Haare nicht so warm auf meinen Schultern lagen, band ich sie zu einem Zopf. Neben mir saß ein Junge mit Kopfhörern, durch die laute, scheppernde Musik drang. Genervt wandte ich mich ab und schaute aus dem Fenster, vor dem die Innenstadt an uns vorbeizog. Die Müdigkeit trübte meinen Blick. Warum hatte ich heute nur meinen iPod nicht mitgenommen? Ich hasste es, das aufgedrängt zu bekommen, was meine Nachbarn hörten. Wie gut, dass es nicht weit bis zur Schule war.

Nach fünf Stationen mit ACDC im rechten Ohr stoppte der Bus schließlich. Ich schwamm mit dem Fluss von Schülern aus der Tür und danach über den Pausenhof in das große, weiß angestrichene Gebäude. Alles um mich herum quasselte und kreischte, was einen beeindruckenden Hall in dem riesigen Raum mit den hohen Wänden hinterließ, sodass mir fast ein wenig schwindelig wurde. Wenigstens war es hier deutlich kühler.

Ich schleppte mich die Treppen hoch und setzte mich dann wie ein paar andere Mitschüler vor den Kursraum auf den Boden. Das hätte ich nicht tun müssen, denn ein paar Sekunden später schon erschien unser heiß geliebter Physiklehrer. Die Gruppe stöhnte mehrstimmig auf und erhob sich mit ihren Taschen.

Im Zimmer hing die Hitze vom Vortag noch schwer in der Luft. Ein paar Mitschüler rissen dramatisch die Fenster auf und rümpften ihre Nasen. Ich gehörte zu denen, die allein von der Tatsache, dass ein neuer Schultag begann, zu geschafft waren, um so etwas wie Energie zu verspüren.

Doch genau darauf kam nun unser Lehrer zu sprechen: Energie. Nachdem die Schüler ihre Sachen auf die Tische gelegt hatten und nun einigermaßen ruhig waren, begann er zu sprechen. Ich wandte ihm mein Gesicht zu und schaute ihn stumpf an. Seine Kleidung hing schlaff an seinem hageren Körper herunter; er trug dasselbe graubraune Hemd wie gestern. Heute hatte er seine Haare wohl wieder nicht bändigen können, denn sie standen ihm zu Berge, als hätte er gerade in eine Stromleitung gefasst. Ich musste kichern. Physiklehrer, Stromleitung ... Ich verstummte, als Herr Core mich mit einem mörderischen Blick bedachte. Oh, er war wohl nicht so blendender Laune.

Das bekamen wir auch in den folgenden zwei Stunden deutlich zu spüren. Unser Lehrer war die Ungeduld in Person, fuhr mindestens die Hälfte des Kurses an und außerdem sah sein zuckendes, rechtes Lid in Kombination mit seinen Elektrohaaren so furchterregend aus, dass meine Sitznachbarin zurückwich, als sich Herr Core zu ihr hinunterbeugte und mit seinem Blick durchdrang, weil sie eine Formel vergessen hatte.

Abwesend schaute ich zu, wie Herr Core uns von seines Erachtens wirklich existentiellen Dingen erzählte. Irgendwann schweifte mein Blick im Klassenraum umher. Die Schüler sahen alle nicht minder gelangweilt aus, als ich es war. Einige kritzelten etwas in ihre Hefte, aber ich ging sicher davon aus, dass es wenig mit dem Unterricht zu tun hatte. Das Sonnenlicht blendete ein paar Schüler und sie versuchten, sich auf ihren Stühlen so hinzusetzen, dass sie wieder halbwegs etwas sehen konnten. Damit hatte ich diese Stunde zum Glück kein Problem. Ich saß direkt am Fenster hinter einem orangenen Vorhang, durch den das Licht nur gedämpft sickerte. Hin und wieder ging ein Windstoß von dem geöffneten Fenster neben mir durch die Vorhänge und kühlte den Raum etwas ab. Ich sehnte mich nach diesen Momenten. Warum hatten wir hier bloß keine Klimaanlagen?

Auf der Tafel standen noch Bezeichnungen aus dem Biounterricht von gestern. Ich betrachtete die schludrige Handschrift unserer Lehrerin und ich fragte mich, wie es gerecht sein konnte, dass sie von uns verlangte, lesbar zu schreiben, obwohl sie selbst nicht einmal ordentliche Druckbuchstaben beherrschte.

"Na, Liora, schon wieder im Land der Träume?", riss mich Herr Core aus meinen Gedanken.

Ich hasste ihn. Engelhaft lächelnd schaute ich meinen Physiklehrer an.

"Ja, das spart Energie."

Seine Augen wurden schmal. Hatte er sich vorhin noch zu einer sarkastischen Frage aufraffen können, wurde ihm jetzt meine rotzfreche Antwort zu viel. Deswegen fügte ich bemüht lässig hinzu: "Ich könnte meinen Energiesparmodus aber auf Nachfrage ausschalten."

"Das würde ich dem Fräulein auch raten", knurrte er. Er schien sich beruhigen zu müssen, denn er schloss die Augen, massierte seine Schläfen und murmelte: "Diese kleinen Monster machen mich noch reif für die Geschlossene."

Ich fragte mich, was das sollte, schließlich hatte er sich für diesen Beruf entschieden. Wenn auch vielleicht in geistiger Umnachtung. Immer mussten sich die Lehrer beschweren, dabei hatten sie doch als Schüler selbst erfahren, was sie erwartete.

Herr Core seufzte. "Hört mir einmal kurz zu, ausnahmsweise, okay?"

Schweigen.

"Wir müssen noch zwanzig Minuten miteinander aushalten, dann ist die Stunde vorbei. Wenn ihr euch benehmt, lasse ich euch auch fünf Minuten früher gehen, in Ordnung?"

Unser Schülerhirn übersetzte dies kurz: "Bei guter Führung schneller frei."

Er dachte also, wir wären bestechlich. Guter Schachzug, denn das waren wir.

Sogar ich versuchte, dem Unterricht zu folgen. Aber als Herr Core die erlösenden Worte "Bis morgen!" mit diesem unvermeidbar bitteren Nebengeschmack aussprach, schwirrte mir der Kopf so sehr, dass ich nicht wie die Anderen euphorisch aus dem Zimmer stürmen konnte, sondern noch immer leicht angegriffen meine Sachen in meinen Rucksack packte.

Der Schultag zog sich. Und zog sich. Er zog sich, bis es zum erlösenden Stundenende klingelte. Ab hier wechselte das Zeitempfinden radikal, denn Pausen verfliegen bekanntlich in Lichtgeschwindigkeit. Vor allem, wenn die Gesprächspartnerin eine gewisse Mina ist.

Mina wusste immer, was sie sagen sollte. Die Wörter sprudelten aus ihrem Mund, stolperten und tanzten. Sie taten vieles, aber sie hielten nie still. Mit ihr war mir nie langweilig. Sie redete nicht nur daher, wie man das vielleicht denken könnte, sie erzählte wirklich interessante Dinge. Geschichten über Freunde von Freunden, über Verwandte dritten Grades oder Erfahrungen, die sie selbst gemacht hatte. Dabei schmückte sie die Erzählung mit ausdrucksstarken Gesten, Blicken und verstellten Stimmen aus, sodass man mitlachen, mittrauern oder mitfiebern konnte. Wenn ich es mir recht überlegte, würde sie bestimmt eine sehr gute Schauspielerin sein.

Früher waren Mina und ich in einer Klasse gewesen, aber jetzt, in der Oberstufe, besuchten wir verschiedene Kurse. Also mussten wir uns nach dem Klingeln trennen. Außer, wir hatten beide Biologie, denn das war der einzige Kurs, in den wir gemeinsam gingen.

Nach sieben qualvollen Schulstunden endete unser Unterricht heute um dieselbe Uhrzeit. Ich wartete am Tor auf sie, während Jungen und Mädchen plappernd an mir vorbeirauschten. Ein paar ältere Schüler standen mit einer Zigarette zwischen den Fingern in der Menge und fühlten sich cool. Rauch kletterte ihre Kleidung hoch und ich fragte mich, wie man bei dieser Wärme draußen überhaupt noch freiwillig heiße Luft in sich aufsaugen konnte.

Autos fuhren auf der Hauptstraße an der Schule vorbei, aus manchen Fenstern drangen Musikfetzen. Die Menschen waren in Sommerstimmung. Blühende Natur, beschwingte Atmosphäre, Abende in Parks, kalte Getränke, Treffen an Seen, Spaziergänge durch Wälder … Die Luft schmeckte nach all dem.

Aber ich mochte den Sommer nicht so gerne. Ich gebe zu, es war nicht konkret der Sommer,sondern seine Hitze. Wenn dieser Feuerball selbst den Asphalt zum Schmelzen brachte und man das Gefühl hatte, nicht mehr richtig atmen zu können – dannwurde ich in der Regel ziemlich ungemütlich. Das wunderte die meisten, denn wegen meiner eher dunklen Hautfarbe dachten wohl alle, ich wäre total der Sommertyp. Dieses Vorurteil hatte ich noch nie verstanden.

Die einzigen Dinge am Sommer, die ich mochte, waren die Sachen, die man nur während dieser Jahreszeit machen konnte. Und das Licht. Gelegentlich konnte es mich überfordern, aber überwiegend badete ich darin. Der Winter war grau und schwer, doch wenn im Frühling die ersten Strahlen durch die Wolken brachen, landeten sie sofort leuchtend in meinem Inneren. Besonders liebte ich den Anblick eines Holzfußbodens, auf dem Lichtpunkte tanzen.

Plötzlich spürte ich, wie Jemand von hinten seine Hände über meine Augen legte. "Wer bin ich?", erkannte ich Minas Stimme und musste lächeln. Das altbekannte Spiel, mal wieder.

Ich antwortete gemäß unseres Running Gags, welcher sich mit der Zeit entwickelt hatte: "Das interessiert den Kuckuck einen Scheiß!"

Ich hörte sie glucksen – sie konnte immer wieder über dasselbe lachen – dann nahm sie ihre Hände weg und kam hinter meinem Rücken hervor. Wie fast immer hatte sie ihren Lieblingspullover an, den ihre Mutter früher getragen hatte. Er war dunkelblau, sehr alt und viel zu groß, aber sie zog ihn an, so oft es möglich war. Ihre Mutter war gestorben, als Mina erst elf Jahre alt gewesen war. Damals hatte ich noch keinen Kontakt zu ihr gehabt, wir wurden erst ein Jahr später Freunde. Der Pullover war wohl eine Art von Trost, der sie seit damals über den Tag gebracht hatte. Wie ein Kind ein bestimmtes Kuscheltier zum Einschlafen brauchte, kam sie nicht ohne dieses Kleidungsstück aus. Manchmal glaubte ich, dass eine Therapie für sie sicherlich sehr gut wäre. Aber ihr Vater hielt nichts davon.

Trotz alledem war Mina ein lebensfroher Mensch. Das betonte sie auch durch ihre Erscheinung. Sie trug viele Farben auf einmal und Kleidung, die zum Teil gar nicht zueinander passte. Mina war überhaupt kein ordentlicher Typ, aber genau das konnte sie manchmal sehr sympathisch machen.

Heute hatte sie ihre altgoldenen Haare zu zwei Zöpfen geflochten und zu dem Pullover einen roten Rock mit weißen Punkten angezogen. Ihre Beine steckten in einer schwarzen Strumpfhose und blassgelben Halbschuhen, die schon sehr abgenutzt waren. Durch den weiten Pullover sah man ihre magere Gestalt nicht, die eher einem Kind als einer Jugendlichen glich. Darüber hatte sie sich schon oft aufgeregt. Ihre Fingernägel waren hellgrün angemalt, an einigen Stellen war die Farbe schon abgeblättert, obwohl sie den Nagellack erst gestern frisch aufgetragen hatte.

"Was starrst du mich so an?", fragte sie mich theatralisch und schüttelte sich. "Ist mein Make-up verschmiert? Sabbere ich? Habe ich irgendwo einen Fleck? Sitzt ein Vogel auf meinem Kopf? Oh ja! Das muss es sein! Mein Haar ist so durcheinander, dass sich bestimmt ein paar Vögel einnisten können!" Sie tastete nach ihrem Kopf, als suche sie dort nach Bewohnern. Ich grinste nur.

"Nein, heute hast du eine Frisur. Da kann schlecht ein Nest entstehen." Ich machte eine Geste Richtung Haltestelle und sagte dann: "Aber komm jetzt, wir müssen schleunigst los, sonst verpassen wir noch den Bus. Zuhause können wir uns dann ja wieder mit deinen Haaren beschäftigen, okay?"

Das taten wir dann doch nicht. Wir machten eigentlich gar nichts – wir saßen nur in meinem Zimmer und redeten. Das Nachmittagslicht fiel durch das Fenster und ließ einzelne Staubpartikel in den Lichtstrahlen tanzen. Ein bisschen Wind hätte mir gerade gut getan, aber Luft hineinlassen wollte ich nicht; sie war draußen sehr viel wärmer als im Raum.

Ich hatte uns kalten Kakao gemacht. Wie früher als Kind drückte ich die Bläschen mit dem Löffel an die Tassenwand, bis sie aufplatzten und das Pulver sich in der Milch verteilte. Zwischendurch kratzte ich ein wenig über den Boden, um etwas vom süßen Pulver zu holen, das zusammengeklumpt und noch unaufgelöst dort lag, um es mir genüsslich in den Mund zu schieben.

Mina erklärte mir irgendetwas über Gedankenlesen. Sie war schon immer sehr an Übersinnlichem interessiert gewesen. Nicht, dass sie an alles glaubte, aber sie war ohne Zweifel fasziniert und sagte mir immer wieder, dass es ja nicht schaden könne, Sachen einfach mal auszuprobieren. Ich ließ es mit mir machen, manchmal kamen erstaunliche Dinge dabei heraus.

"Diesen Trick", erzählte sie mir gerade mit begeistert aufgerissenen Augen und einem Grinsen, das einfach nicht von ihren Lippen weichen wollte, "hat einmal Marc mit mir gemacht. Und es hat wirklich geklappt! Er hat gewusst, an welche Frucht ich gedacht habe!"

Marc, ihr Freund, versuchte immer, Mina glücklich zu machen. Selbst, wenn er dafür stundenlang Gedankenlesen üben musste.

"Was meinst du, soll ich es mal bei dir versuchen? Er hat mir ein bisschen verraten, wie er es geschafft hat, irgendetwas mit Schwingungen ..." Sie sinnierte noch eine Weile über Marcs Talent für Übersinnliches, dann befahl sie mir, an irgendein Obst zu denken.

"Du musst dich richtig konzentrieren! Hundertprozentig! Wie es schmeckt, wie es riecht, wie es sich anfühlt, wie es sich anhört, wenn es auf dem Boden aufkommt, wie es aussieht, einfach alle Eigenschaften und Besonderheiten musst du dir einprägen! Das ausgesuchte Obst muss greifbar sein!"

Ich verdrehte die Augen und zeigte ein ironisches Lächeln. "Natürlich, mein Schatz, ich denke nun hochkonzentriert an eine zermatschte Banane."

Aber dann tat ich es tatsächlich. Ich wollte ehrlich sein – und möglicherweise überraschte sie mich ja auch wie schon ein paar Mal zuvor. In meinem Kopf schwebte nun also ein rotgrüner, saftiger Apfel. Schön knackig und nicht mehlig. Es musste spritzen, wenn man hineinbiss und das süßsaure Fruchtfleisch schmeckte. Dabei bekam ich Appetit. Ich nahm mir vor, mir nach diesem Herumgespuke wirklich einen Apfel aus der Küche zu holen. Fast schon fühlte ich die kühle und glatte Oberfläche meines Lieblingsobstes in der Hand. Etwas rieselte durch meinen Körper wie feiner Sand –

"Liora ...?"

Die Stimme meiner Freundin klang irgendwie brüchig.

"Pssht, ich muss mich konzentrieren", zischte ich, um sie zu ärgern.

Eine kleine Pause folgte. Ich zuckte zusammen, als eine Fliege nah an meinem Ohr vorbeiflog.

"Liora …", erklang es ein wenig ungeduldiger, aber nun hörte ich deutlich die Unsicherheit aus Minas Stimme heraus. Ich öffnete die Augen.

"Was ist? Jetzt bin ich doch voll draußen –"

Ich verstummte. In die Gesichtsfarbe meiner Freundin hatte sich eine ungesunde Blässe geschlichen. Sie starrte auf den Boden zwischen uns. Ich folgte ihrem Blick.

Vor mir lag der Apfel aus meiner Vorstellung und glänzte unschuldig im sonnengetränkten Licht.

Zweites Kapitel

"Die Rettung der Menschheit und das Ende der jahrhundertelang währenden Kriminalität und Grausamkeit verdanken wir der Entstehung der Welten."

Aus: 'Die einzige und wahre Geschichte von Ordes', Vorwort

Das musste eine Sinnestäuschung sein. Ungläubig blinzelte ich, versuchte, diese Illusion verschwinden zu lassen. Aber der Apfel blieb, wo er war. Mir wurde auf eine merkwürdige Art kalt und eine Gänsehaut breitete sich auf meinem Rücken aus.

Was ging hier vor sich? Der Schock schien meine Gedanken gen Boden ziehen zu wollen, an den Rändern meines Sichtfeldes verschwamm die Welt und ließ mir nur noch einen Tunnelblick, der meinen Kopf in Schwindel versetzte. Ich konnte nicht begreifen, beim besten Willen nicht, was gerade geschehen war. Ein Zittern kroch mir in die Hände, denn die Grenzen meiner bisherigen Realität waren nur noch schraffierte Linien, die verschwanden, sobald ich sie genauer ansah.

Und es war so still. Warum sagte Mina nichts?

Langsam schaute ich auf, suchte ihren Blick und fand die Antwort: Sie betrachtete mich, als wäre ich eine Fremde. Nicht das auch noch, dachte ich benommen. Unfähig, einen vernünftigen Satz zu bilden, beobachtete ich, wie Angst in Mina aufstieg und ihre Gedanken gefangen nahm.

"Was ... ist das? Wie kommt der hier her?" Die Stimme meiner Freundin wirkte mit jedem Wort aufgewühlter. Hektisch rückte sie von dem Apfel ab, die angespannten Schultern schützend hochgezogen.

"Mina …", begann ich, wurde aber sofort unterbrochen.

"Hast du – hast du den etwa hergehext?!"

"Ich habe keine Ahnung! Fest steht nur ..." Ich biss mir auf die Unterlippe, zögerte und atmete schließlich beherrscht aus. "Fest steht, dass ich mir exakt diesen Apfel vorgestellt habe. Und nun liegt er vor uns. Ich bin doch genauso erschrocken wie du!" Ein bisschen stolz staunte ich den Sätzen hinterher, die ich tatsächlich fehlerfrei aus meinem Mund befördert hatte. Nur Mina schien nicht ganz überzeugt zu sein. Noch immer kauerte der Zweifel in ihren aufgerissenen Augen.

"Hör mal", redete ich sanft auf sie ein, während ich mühevoll meine eigene Fassungslosigkeit in den hintersten Winkel meiner Gefühlskammer verdrängte. "Ich schwöre, dass ich selber genauso wenig weiß wie du. Du wärst die Erste, der ich von meinen magischen Fähigkeiten erzählt hätte, das ist dir doch klar." Ich probierte zu grinsen, was kläglich scheiterte und mir auch fehl am Platz vorkam. "Was auch immer das hier bedeutet – ich verspreche dir hoch und heilig, dass ich davon nicht die geringste Ahnung habe."

Nach diesen Worten wirkte Mina ruhiger auf mich. Ihre Stirn hatte sich geglättet, die Anspannung war aus ihren Zügen gewichen und ich konnte in ihnen sogar den Hauch eines Triumphs erkennen.

"Es gibt also tatsächlich so etwas wie Übersinnliches", meinte sie und schenkte mir ein wackliges Lächeln. So schnell war die alte Mina also wieder da. Erleichtert atmete ich auf.

"Scheint so", antwortete ich. Angewidert betrachtete ich den Zauberapfel. "Ich bin dafür, dass wir den wegschmeißen. Der ist doch mehr als seltsam."

Aber Mina war anderer Meinung. "So ein Quatsch", fuhr sie mich an. "Den müssen wir in erster Linie behalten, um Nachforschungen anzustellen – und damit wir uns nicht nachher einreden, das alles wäre nur Einbildung gewesen."

"Du bist verrückt!", schnaufte ich. Allein die Vorstellung, dieses unheimliche Ding auch nur anzufassen, löste bei mir ein Schaudern aus. "Was für Nachforschungen überhaupt? Reinbeißen, um den Realitätswert zu überprüfen?"

"Sehr witzig", erwiderte Mina. Sie hatte Feuer gefangen, das las ich in ihrer Mimik und Gestik, die mit einem Mal viel lebendiger geworden waren. Meine Freundin war kein Mensch, der sich so leicht einschüchtern ließ. War der erste Schock überwunden, war sie nicht mehr zu halten.

"Wenn du Schiss hast – bitte sehr. Ich für meinen Teil würde aber gerne wissen, was du da in die Welt gelegt hast."

"Halt: wer sagt überhaupt, dass ich das war? Du bist doch die Magierin."

Mina verdrehte die Augen. "Jetzt hör schon auf und nimm das ernst!", sagte sie nachdrücklich, woraufhin ich mir aber umso mehr ein Grinsen verkneifen musste, denn ihre Leidenschaft war einfach zu niedlich. Scheinbar war wohl auch ich wieder bei Sinnen.

"Liora, an was genau hast du gedacht? Und wie lange? Wie detailliert? Praktisch wäre natürlich, wenn wir das wiederholen, dann können wir möglicherweise herausfinden, wie du das geschafft hast ..." Sie plapperte noch ein bisschen weiter, ihre Augen wie Häuser, in denen eine große Faszination das Licht angeschaltet hatte. Ich aber war noch immer zu benebelt, um so präzise und logisch denken zu können, wie Mina es gerade tat. Der Anblick des Apfels hatte sich in mein Gedächtnis eingebrannt und löste eine unbekannte Furcht in mir aus.

"Komm schon, Liora, noch einmal!"

Aus dem Konzept gebracht starrte ich sie an. "Was ist los?"

"Du hast mir ja gar nicht zugehört!" Genervt stöhnte sie auf und fuhr sich durch die wirren Haare. Das Dunkelblond schimmerte im heranwachsenden Abendlicht, die Zöpfe hatte sie längst gelöst. "Ich habe dich gebeten, erneut zu versuchen, einen Apfel heraufzubeschwören."

"Heraufzubeschwören – wie redest du denn? Glaubst du, ich wollte das?"

Mina hob abwehrend die Hände in die Höhe und sagte: "Ruhig Blut. War ja nur eine Idee."

Seufzend gab ich mich geschlagen. "Meinetwegen. Du würdest mich ja sowieso in Zukunft damit zu Tode belästigen. Also sollen wir das Ganze einfach nur noch einmal machen? Genau wie vorher?"

"Jap." Sie nickte. "Aber gib dir wirklich Mühe. Sonst macht es keinen Sinn."

Ich schüttelte nur den Kopf und schloss dann die Lider. Okay, redete ich mir zu. Nur eine schlichte Wiederholung ...

Doch bei diesen Gedanken erinnerte ich mich an das gerade erst vergangene Geschehen und stutzte. Wollte ich mir das ernsthaft zurückholen? Noch so einen Apfel erscheinen lassen? Mir wurde schlecht, als ich mir das saftige Obst zurück ins Bewusstsein rief. Ich hatte keinen Appetit mehr darauf. Ich wollte nur, dass ich das Alles geträumt hatte.

Trotzdem – um Mina nicht zu enttäuschen – zeichnete ich erneut gedanklich die Konturen eines typischen Apfels nach, ließ das Bild farbiger werden und konzentrierte mich mit aller Macht darauf. Aber selbst nach drei Minuten gesellte sich keine weitere Frucht neben mein Werk.

Mina war enttäuscht. "Ich verstehe das nicht! Hast du mich vielleicht vorhin ausgetrickst?"

"Nein", antwortete ich empört. "Wie sollte ich das bitte hinbekommen haben?"

Sie zuckte ratlos die Schultern. "Anders kann ich es mir einfach nicht erklären."

Den Rest des Besuches verbrachten wir in einer Art Trance. Keine von uns konnte wahrhaben, was in meinem Zimmer passiert war und so hielten wir krampfhaft an der Normalität fest, indem wir wie immer noch Etwas zusammen kochten. Als Mina schließlich abends nach Hause ging, ließ ich mich erschöpft auf mein Bett fallen. Zum Glück war ich wenigstens den Apfel losgeworden – Mina hatte ihn in eine Tüte gepackt und mitgenommen.

An Hausaufgaben war natürlich nicht mehr zu denken; das erschien mir maßlos unwichtig. Machte eine Magierin Hausaufgaben? Was kümmerte mich die Schule, wenn ich bereits hoch beschäftigt damit war, mir ein neues Weltbild zu schaffen?

Ich ging so früh ins Bett, dass meine Mutter skeptisch die Augenbrauen hob und Anstalten machte, mir die Hand auf die Stirn zu legen.

"Mama, ich hab kein Fieber", wehrte ich sie ab, stand vom Sofa auf, ging zur Wohnzimmertür und streckte die Hand nach der Klinke aus. "Ich bin einfach nur sehr müde, wirklich. Der Fernsehabend war schön. Schlaf gut." Mit diesen wenigen Worten stahl ich mich hoch in mein dunkles Zimmer, in dem Schatten ihre Unwesen trieben. Kaum hatte ich die Decke bis zur Nasenspitze hochgezogen, die Augen geschlossen und mich aus der Wirklichkeit geklinkt, spürte ich auch schon, wie mich der Schlaf übermannte.

In meinen Träumen rannte ich durch eine menschenleere, nachtfinstere Stadt, die nur von Straßenlaternen erleuchtet wurde. Der Schweiß lief mir den Nacken herunter und das Einzige, was ich hörte, war mein Keuchen. Ich schaute mich pausenlos um, das Herz bis zum Hals schlagend, doch die Straßen lagen einsam und verlassen da. Vor was ich flüchtete, vermochte ich einfach nicht zu sagen.

Der scharfe Duft von Kaugummi wehte zu mir herüber, als Mina mir etwas ins Ohr flüsterte.

"Die hat sie doch nicht mehr alle – wie sollen wir das bitte bis nächste Woche schaffen?"

Gerade hatte unsere Biologielehrerin uns am Ende des Unterrichts die Aufgabe gestellt, innerhalb von sieben Tagen eine Mappe über das Thema Ökologie anzufertigen, und Mina und mich packte natürlich sofort der Enthusiasmus, sich daran zu setzen.

"Ich denke nicht, dass ich damit viele Punkte holen kann", meinte ich seufzend zu ihr, als alle aufstanden und eilig ihre Schulsachen zusammenpackten. Bei mir hatte sich seit gestern eine gewisse Trägheit in den Knochen festgesetzt.

Mina warf mir einen mitfühlenden Blick zu – sie hatte schon oft mitbekommen, dass ich alles andere als gut in Biologie war – dann schulterte sie ihren zerschlissenen Rucksack und lächelte mich aufmunternd an. "Das kriegen wir hin, zur Not helfe ich dir einfach."

Und das würde wirklich etwas bringen. Meine Freundin war ein sehr kluges Mädchen. Das Problem bestand nur darin, dass sie sich nicht anstrengte. Mina fand die Schule langweilig und nervtötend, entsprechend tat sie nur wenig für ihre Noten. Trotzdem sah ihr Zeugnis am Ende des Halbjahres immer wie durch ein Wunder gut aus.

Draußen auf dem Pausenhof mussten wir uns trennen. Ich verabschiedete mich von Mina, dann ging ich in Richtung Schultor. Wie die letzten Tage war es auch heute wieder sehr warm. Der strahlend blaue Himmel flimmerte auf meiner Netzhaut und ich kniff die Augen zusammen. Sonnenbrillen trug ich nicht sonderlich gerne, denn mir schien, sie passten nicht zu mir.

Während ich über den Asphalt schritt, merkte ich, dass ich mich unwohl fühlte. Woran genau das lag, konnte ich nicht sagen – es war ein verschwommenes Empfinden, das sich in mein Rückenmark setzte und von dort aus meine Nervenbahnen durchzog. Unbehaglich schaute ich mich auf dem leeren Pausenhof um; die Schüler waren nach der fünfminütigen Pause zurück in die Klassenzimmer gegangen. Nur Einer nicht.

Verwirrt blinzelte ich und versuchte, gegen das Licht zu erkennen, wer diese Person war, die gerade an der Wand des Schulgebäudes lehnte. Aber es gelang mir nicht. Ich konnte nur erraten, dass es ein Junge war.

Und er starrte mich an. Natürlich, dachte ich automatisch genervt.

Trotzdem war es diesmal anders als sonst. Und mit einem Mal war mir auch klar, was dieses merkwürdige Gefühl ausgelöst haben musste. Der Junge hatte mich schon die ganze Zeit beobachtet!

Inzwischen war ich auf einer Höhe mit ihm und konnte es mir nicht verkneifen, ihn gründlich anzuschauen, da ich jetzt die Chance dazu hatte.

Augenblicklich stockte mir der Atem. Obwohl ich es gerne verhindert hätte, konnte ich nicht anders als stehenzubleiben. Alle Gedanken zersplitterten wie ein Spiegel, den jemand eingeschlagen hatte. Ich konnte mich nicht bewegen. Die ganze Welt stoppte und zeigte mir ihren Mittelpunkt, ihre Schwerkraft. Alles zog mich zu ihm. Als würde ich von einem Strom mitgerissen werden und selbst völlig kraftlos in dem Sog untergehen.

Als wäre der Junge eine Tür.

Was passierte mit mir?

Ich schloss die Augen und brüllte mich tonlos an, jetzt verdammt noch einmal weiterzugehen. Die Macht, die dieser Mensch über mich hatte, jagte mir eine furchtbare Angst ein. Doch stattdessen blitzte noch einmal das erste Bild, was ich von ihm hatte erhaschen können, durch meinen Kopf.

Der Junge hatte eine faszinierende Ausstrahlung. Etwas pulsierte um ihn herum wie ein Schild, doch sobald ich versuchte, es zu erfassen, glitt es aus meiner Wahrnehmung. Seine sattbraunen Augen waren von einnehmender Wachsamkeit, er besaß hohe Wangenknochen und stürmisches Haar, das ihm in die Stirn fiel.

Unter großer Anstrengung wankte ich weiter und unterband mit all meiner Kraft einen weiteren Blick zu ihm hin. Aber ich spürte seine Aufmerksamkeit feurig in meinem Rücken. Er musste mich ungeniert von oben bis unten betrachten.

Irgendwie wurde ich bei dieser Vorstellung wütend. Fast hätte ich mich umgedreht und ihn angefunkelt – aber nur fast. Mit meiner letzten Selbstbeherrschung schaffte ich es, die Bushaltestelle zu erreichen. Dort ließ ich mich auf eine Bank fallen und fragte mich, was zum Teufel gerade passiert war. Mir kam es vor, als wäre ich gestern in eine Parallelwelt gerutscht, in der Surrealität vorherrschte. Ich schüttelte meinen Kopf und fuhr erschöpft mit den Händen über mein Gesicht. Es konnte doch nicht sein, dass innerhalb von zwei Tagen so viel Unerklärliches geschah! Erst wurde ich damit konfrontiert, dass ich anscheinend zu so etwas wie einer Hexe mutiert war, und nun war da auch noch dieser Vorfall mit dem Jungen, der mir völlig fremd war! Ich benahm mich wie ... wie ...

Vor den Kopf gestoßen bemerkte ich, dass ich gar keinen Vergleich kannte. Das alles gehörte nicht zu den Alltagsproblemen eines siebzehnjährigen Teenagers, soweit ich das einschätzen konnte.

Mit einem Mal fühlte ich mich einsam.

Ein wenig in mich zusammengesunken wartete ich auf der Bank. Es war still; die Schüler, welche wie ich keinen Unterricht mehr hatten, waren längst gegangen und in der Straße, in der ich mich befand, kamen fast nie Autos vorbei. Nur der Wind tauschte flüsternd Geschichten mit den Bäumen aus, die blätterrauschend am Gehweg standen. Als der Bus kam, fühlte ich mich wie im Nebel. Mit dem Eindruck, aus all meinen Verankerungen gerissen zu sein, stieg ich ein und fuhr nach Hause.

"Jetzt komm endlich zum Abendessen!", rief meine Mutter ungeduldig durch das ganze Haus. Genervt klappte ich das Buch zu, schlug die Decke beiseite und setzte mich auf die Bettkante. Wie oft hatte ich ihr heute schon gesagt, dass ich keinen Hunger hatte? Aber da musste ich wohl jetzt durch. So wie ich sie kannte, gab sie sonst nie Ruhe.

Polternd kam ich die Treppen hinunter, rauschte an meinem kleinen Bruder vorbei, der im Flur auf dem Fliesenboden saß und ganz versunken mit seinem abgewetzten Löwenkuscheltier spielte und betrat die Küche. Dort duftete es verlockend nach Linsensuppe, meinem Lieblingsgericht. Okay, vielleicht hatte ich doch ein klitzekleines bisschen Lust, Etwas zu essen.

Mit einem wissenden Lächeln hieß mich meine Mutter willkommen. Sie hatte ihre gemütliche Kleidung an, weil sie wieder einmal zu Hause arbeitete. Als selbstständige Journalistin verfasste Mama ihre Texte meistens im Arbeitszimmer.

Dampf schwebte über dem Kochtopf und beschlug das Fenster, das direkt hinter der Herdplatte angebracht war. Die Straße, die ich verschwommen durch die Scheibe erkennen konnte, war nachtbelagert und schien verlassen - wir lebten in einer spärlich bewohnten Gegend. Der Tisch, auf dem der schon ein wenig verwelkte Blumenstrauß stand, den Papa Mama vor einer Woche geschenkt hatte, war gedeckt - aber nicht für die ganze Familie.

"Kommt Papa heute nicht mehr?", fragte ich und konnte den Vorwurf aus meiner Stimme nicht heraushalten.

"Nein, er muss arbeiten", antwortete Mama mit diesem Lächeln, das verloren und klein auf ihren Lippen lag, bis es schließlich ganz verblasste. Ich konnte es nicht mehr sehen. Es tat mir weh.

"Das muss er in letzter Zeit aber oft", zischte ich und setzte mich an den Tisch. Im selben Moment tat es mir auch schon wieder leid. Unruhig stand ich auf und nahm meine Mutter in die Arme. "Entschuldige", flüsterte ich in ihre Haare. Sie drückte mich fester an sich, und ich vergrub meinen Kopf in dem dünnen Schal, den sie sich wegen ihrer Halsschmerzen umgelegt hatte. Ich atmete ihren feinen Duft tief ein und löste ich mich von ihr.

Da kam mein kleiner Bruder zur Tür herein. Er brabbelte irgendetwas vor sich hin, und als er uns sah, leuchteten seine blauen Kinderaugen auf. Verschlafen sah er aus mit seinen braunen, verknoteten Löckchen, die er von unserer Mutter geerbt hatte und in den Händen hielt er noch immer das Löwenkuscheltier.

"Genau richtig!", lachte ich. "Du kommst passend zum Essen, mein kleiner Scheißer." Ich nahm ihn auf meine Arme und knuddelte ihn, bevor ich ihn auf seinen Stuhl setzte. Wer weiß, wann er seine große Schwester nicht mehr mochte. Jeder Moment musste genutzt werden.

Ich verbrachte die Zeit am Tisch größtenteils damit, Benji zu füttern und darauf zu achten, dass nicht sein ganzes Essen auf dem Boden landete. Mein Bruder fand es nämlich besonders witzig, in der Suppe herumzupanschen und sie vergnügt aufjauchzend mit ausladenden Gesten in seiner Umgebung zu verteilen. Als meine Mutter helfen wollte, befahl ich ihr, es bloß sein zu lassen, schließlich war sie den ganzen Tag über mit zu vielen Sachen beschäftigt, und ich wollte ihr ein wenig Entspannung gönnen. Außerdem waren wir bestimmt eine gute Unterhaltung für sie. Vielleicht lenkte sie das von der Abwesenheit ihres Mannes ab.

Soweit das überhaupt möglich war.

Zurück in meinem Zimmer starrte ich traurig das gerahmte Familienbild an. Damals war ich gerade sechzehn geworden und meine Mutter war mit Benji schwanger. Sogar Papa strahlte in die Kamera. Auf dem Foto sahen wir wie eine richtige Familie aus.

Umso mehr frustrierte es mich, dass man das nun nicht mehr sagen konnte. Mein Vater hatte jetzt dauernd Etwas zu tun, um Geld für uns zu verdienen und wir verbrachten fast überhaupt keine Zeit mehr zusammen.

Als es mir zu blöd wurde, mich weiter mit diesen Gedanken zu quälen, schlüpfte ich in meinen Schlafanzug und kuschelte mich ins Bett. Es tat gut, sich einfach in die Kissen sinken zu lassen und keine Energie mehr dafür aufzuwenden, sich selbst zu halten. Ich knipste die Lampe auf meinem blauen Nachttischchen aus und genoss die schweigende Dunkelheit um mich herum. Sie entfaltete sich langsam auch in meinen Gedanken und machte sie weich wie die Träume, die hinter meinen Lidern warteten.

Heute zeigte die Nacht ihre Sterne. Ich schaute so lange aus dem Fenster und betrachtete das ferne Universum, bis meine Augen brannten und ich sie schloss. Müde vergrub ich mich tiefer im Bett.

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