Weltengänger - Sergej Lukianenko - E-Book

Weltengänger E-Book

Sergej Lukianenko

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Beschreibung

Stell dir vor, deine Existenz wird gelöscht und plötzlich bist du ein Niemand …

Zunächst sieht es aus wie ein böser Scherz: Als Kirill eines Abends nach Hause kommt, hat jemand seine Wohnung komplett umgeräumt und eine hysterische Frau behauptet, sie wohne hier schon seit Jahren – und sie kann das auch belegen. Doch damit nicht genug: Auch sonst kann sich niemand, weder Freunde noch Verwandte, daran erinnern, dass Kirill je existiert hat. In größter Verzweiflung wird Kirill durch einen anonymen Anruf auf ein atemberaubendes Geheimnis gestoßen: Manche Menschen fallen zuweilen aus ihrer Existenz heraus und werden zu »Weltengängern«, zur Schnittstelle zwischen zwei miteinander verbundenen Parallelwelten. Für Kirill beginnt eine abenteuerliche Suche nach Antworten …

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Seitenzahl: 614

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Inhaltsverzeichnis
 
Das Buch
Der Autor
 
Eins
Zwei
 
Copyright
Das Buch
Merkwürdige Dinge geschehen in Moskau: Als Kirill Maximov eines Abends nach Hause kommt, hat irgendjemand seine Wohnung komplett umgeräumt, und eine ihm völlig unbekannte Frau behauptet, sie lebe hier schon seit Jahren. Damit nicht genug: An seinem Arbeitsplatz ist Kirill niemandem bekannt, und auch seine Freunde und Verwandten haben offenbar vergessen, dass er je existiert hat. Völlig verwirrt, ohne Bleibe, ohne Geld wird Kirill durch einen anonymen Anruf schließlich zu einem verlassenen Wasserturm geleitet - wo ihm eine atemberaubende Enthüllung gemacht wird: Man hat ihn aus seiner Existenz gerissen, um ihn zu einem sogenannten »Funktional« zu machen. Als solcher hat er die Aufgabe, die Grenze zwischen etlichen parallelen Welten zu überwachen. Doch wer hat diese Parallelwelten geschaffen? Und wozu? Für Kirill beginnt ein Abenteuer, wie er es sich in seinen kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können …
 
Nach seinen faszinierenden »Wächter«-Romanen legt Bestseller-Autor Sergej Lukianenko mit »Weltengänger« erneut ein grandioses phantastisches Abenteuer vor.
 
»Sergej Lukianenko ist der meistgelesene russische Autor der Gegenwart.« STERN
 
»Düster und kraftvoll - der Russe Sergej Lukianenko ist der neue Star der phantastischen Literatur!« FRANKFURTER RUNDSCHAU
Der Autor
Sergej Lukianenko, 1968 in Kasachstan geboren, studierte in Alma-Ata Medizin, war als Psychiater tätig und lebt nun als freier Schriftsteller in Moskau. Mit seiner »Wächter«-Serie - »Wächter der Nacht«, »Wächter des Tages«, »Wächter des Zwielichts« und »Wächter der Ewigkeit« - wurde er zum erfolgreichsten Fantasy- und Science-Fiction-Autor Russlands. Als Drehbuchautor war er außerdem an den Verfilmungen von »Wächter der Nacht« und »Wächter des Tages« beteiligt. Zuletzt ist von Sergej Lukianenko im Wilhelm Heyne Verlag der Roman »Spektrum« erschienen.
 
Mehr zu Sergej Lukianenko unter: www.lukianenko.ru
Eins
Es gibt Tage, da will dir rein gar nichts glücken. Dein Fuß findet den Weg vom Bett zum Pantoffel nicht, sondern landet auf dem Rücken deines geliebten Hundes, der dir vor Schreck nach dem Knöchel schnappt. Den Kaffee gießt du an der Tasse vorbei - und natürlich direkt auf das frisch gewaschene Hemd. Auf dem Weg zur Metro stellst du fest, dass du Papiere und Geld zu Hause vergessen hast, und als du kehrtmachst, wird dir klar, dass du die Sachen nicht vergessen, sondern verloren hast. Zusammen mit den Schlüsseln.
Aber auch das Gegenteil kommt vor. Du wachst munter und mit angenehmen Erinnerungen an einen Traum auf, der gestrige Schnupfen hat sich über Nacht spurlos verflüchtigt, es gelingt dir, weich gekochte Eier zu fabrizieren, deine Freundin, mit der du dich am Vortag überworfen hast, ruft von sich aus an und bittet dich um Verzeihung, Oberleitungs- und Autobus kommen, kaum dass du die Haltestelle erreicht hast, dein Chef ruft dich zu sich und teilt dir mit, er habe beschlossen, dir eine Gehaltserhöhung zu gewähren und eine Prämie auszuzahlen.
Solche Tage jagen mir mehr Angst ein. Denn das wusste man bereits in der Antike: Man darf das Schicksal nicht durch übermäßigen Erfolg ergrimmen. Der Herrscher Polykrates hat sich schon etwas dabei gedacht, als er den Ring ins Meer warf. Als die See dieses Opfer verschmähte, hätte sich der König freilich den Finger abschneiden müssen, womöglich wäre er ihm ja nicht nachgewachsen. Solltest du kein geborener Glückspilz sein, der mit dem leichten Schritt eines Flaneurs durchs Leben geht, dann hüte dich vor den glücklichen Tagen! Nicht umsonst gleicht das Leben der gestreiften Gefängnistracht. Hast du heute Pech, winkt dir schon morgen das Glück.
Für gewöhnlich beruhigt mich dieser Gedanke. Nur heute nicht.
Wie angewurzelt stand ich vor der Tür meiner Wohnung. Einer ganz normalen Tür. Die wegen der heutigen kriminellen Zeiten aus Eisen war und billig mangels eines reichen Onkels in Amerika.
Nur dass diese Tür einen Spalt offen stand. Was das hieß, bedarf keiner weiteren Erklärung. Noch leide ich nicht an Gedächtnisschwund: Vor einer Woche hatte Anja mir die Schlüssel bei ihrem Abgang voller Verachtung auf den Boden geschmissen. Meine Eltern hatten ein Ersatzbund, selbstverständlich nicht, um meine Wohnung zu inspizieren, sondern für den Fall, dass ich meinen eigenen verlor. Bedauerlicherweise machten die beiden jedoch seit einer Woche in der Türkei Urlaub, konnten mich also kaum besuchen.
Ich stand da und dachte an Cashew. Warum mein Skye-Terrier Cashew heißt, muss man die Züchterin fragen. Vielleicht liebte sie diese Nüsse. Vielleicht wusste sie aber auch einfach nicht, was Cashews sind. Ich hatte mich damals jedenfalls nicht getraut, mich danach zu erkundigen.
Was macht ein Dieb, wenn er in einer Wohnung einen kleinen, wiewohl tapferen Terrier entdeckt? Vermutlich durfte ich schon froh sein, wenn er ihn bloß trat.
Sicherlich, es gab in meiner Wohnung das eine oder andere wertvolle Stück. Der Laptop. Die Stereoanlage. Der Fernseher war ebenfalls nicht zu verachten, der DVD-Player brandneu. Und irgendwann würde jeder versierte Dieb die mit Klebeband an der Rückwand der Garderobe befestigte eiserne Reserve entdecken, jenen Briefumschlag mit den tausend Euro.
Trotzdem dachte ich einzig und allein an Cashew. Vermutlich hätte ich noch ein paar Minuten so dagestanden, unfähig, mich aufzuraffen, die Tür aufzustoßen, wenn nicht ein feines metallisches Geräusch aus der Wohnung gedrungen wäre.
Der Dieb war noch da!
Durch reckenhaften Wuchs oder heroischen Mut habe ich mich noch nie ausgezeichnet. Sämtliche Bekanntschaft, die ich mit dem Zweikampf geschlossen hatte, beschränkte sich auf einen Karatekurs, den ich im zarten Teenageralter ohne rechte Begeisterung ein halbes Jahr lang besucht hatte, sämtliche praktische Erfahrung auf gelegentliche Balgereien etwa in der gleichen Phase meines Lebens. Des ungeachtet stürmte ich mit dem Eifer eines Bruce Lee, dem jemand auf seinen Lieblingskimono getreten ist, in die Wohnung.
Sind Sie sich schon mal wie ein kompletter Idiot vorgekommen?
Da stand ich nun in dem engen, schummerigen Flur meiner Einzimmerwohnung. Nur dass diese Wohnung völlig fremd aussah. Statt der akkurat in der Wand befestigten Haken, an denen einsam eine seit dem Frühjahr nicht getragene Jacke hing, sprang mir eine geweihartige Holzgarderobe samt beigefarbenem Mantel und Schirm ins Auge. Auf dem Fußboden lag ein Teppich in einer fröhlichen Farbe. Soweit ich es erkennen konnte, stimmte in der Küche auch nichts. Zum Beispiel war der Kühlschrank sonst wohin verschwunden. Seinen Platz nahm jetzt eine unansehnliche junge Frau im Bademantel und mit einer Kasserolle in der Hand ein. Bei meinem Anblick kreischte sie laut los und ließ den Topf fallen.
»Pech gehabt, alte Vettel!«, schrie ich. Was um alles in der Welt ist eine »Vettel«? Woher nahm ich plötzlich dieses Wort? Ich wusste es selbst nicht.
»Was erlauben Sie sich denn!«, keifte die Frau ihrerseits. »Verschwinden Sie! Oder ich rufe die Miliz!«
Da das Telefon direkt neben der Eingangstür an der Wand hing, stufte ich ihre Drohung nicht nur als unverschämt, sondern auch als voreilig ein. Ich spähte ins Zimmer, entdeckte dort aber keine Komplizen der Frau. Dafür hielt sich Cashew hier auf, er stand auf dem Sofa - bei dem es sich nicht um mein Sofa handelte! Cashew kläffte laut, war gesund, munter und völlig unverletzt.
Hat man Töne! Die hatten einfach meine Möbel rausgeschleppt! Wie lange war ich aus dem Haus gewesen? Fünf Stunden? Sechs? Aber die hatten es geschafft, meine Sachen abzutransportieren. Bloß wozu hatten sie die Wohnung auch noch neu eingerichtet?
»Die Miliz?«, gab ich zurück. »Die wird ein Wörtchen mit Ihnen zu reden haben.«
Ich nahm den Hörer ab und wählte 01. Die Frau stellte ihr Geschrei ein und starrte mich schweigend an. Cashew bellte.
»Die Feuerwehr am Apparat«, erklang es in der Muschel.
Ich drückte die Gabel herunter und wählte 02. Jetzt nur keine Panik, so was konnte jedem passieren. Schließlich wird einem nicht alle Tage die Bude ausgeräumt - noch dazu auf so ausgefallene Weise.
»Ist da die Miliz? Ich habe einen Einbruch zu melden«, sagte ich schnell. »Kommen Sie bitte sofort. Studeny-Passage …«
»Was soll das? Sind Sie krank?«, fragte die Frau. Offenbar hatte sie sich wieder beruhigt. »Oder betrunken?«
»Betrunken, bekifft, bedröhnt«, versicherte ich schadenfroh, während ich auflegte. »Was dachten Sie denn?«
»Kirill?«, vernahm ich es hinter mir.
Als ich mich umdrehte, gewahrte ich voller Freude meine Nachbarin auf dem Treppenabsatz. Ein giftiges altes Weib namens Galina, eine Liebhaberin von Tratsch und Klatsch, die alle Nachbarn anfeindete. Momentan drückte sich in ihrer Miene in der Vorfreude auf das neue Gesprächsthema freilich unverfälschte Anteilnahme und Freundlichkeit aus.
»Sehen Sie sich doch nur, was geschehen ist, Galina«, sagte ich. »Ich komme nach Hause und treffe auf eine Diebin!«
Auf dem Gesicht der Nachbarin spiegelte sich Begeisterung wider, gemischt mit einer Prise Angst.
»Sollte man nicht die Miliz rufen, Kirilluschka?«
»Das hab ich schon«, beruhigte ich sie. »Werden Sie meine Zeugin sein?«
Galina nickte und winkte andeutungsweise in Richtung der Einbrecherin. »Puh, was für eine dreckige Vettel! So eine hat mir im letzten Jahr auf dem Markt meine Geldbörse aus der Tasche geklaut!«
»Sie haben ja alle beide völlig den Verstand verloren«, befand die Frau gelassen. Sie angelte nach einem Päckchen Zigaretten und steckte sich eine an. Im Zimmer bellte nach wie vor der tapfere Terrier. »Cashew, aus!«, blaffte die Frau, worauf der Hund sofort verstummte.
Mir blieb die Spucke weg. Selbst Galina spitzte aufmerksam zu der anderen Frau hinüber. Sie hasste meinen Hund - so wie sie jedes Lebewesen in diesem Haus hasste. Aber …
»Ist das deine Freundin?«
»Wer? Die da?« Vor lauter Ärger verschluckte ich mich sogar. Nun gut, in ihren Augen galt jeder junge Mann als geiler Bock, und wenn er obendrein unverheiratet war, rangierte er bei ihr als Mischung aus Casanova und Caligula. Mich aber für fähig zu halten, mir dieses reizlose Individuum mit dem spillerigen rotblonden Haar und dem von Sommersprossen übersäten Gesicht ins Haus zu holen … »Die sehe ich zum ersten Mal!«
»Sie sind es, den ich zum ersten Mal sehe!«, mischte sich die Frau zu allem Überfluss auch noch ein. »Ich weiß nicht, was Sie damit bezwecken, aber Sie sollten tunlichst aus meiner Wohnung verschwinden …«
»Kirill wohnt schon über drei Jahre hier«, brach Galina prompt eine Lanze für mich. In diesem Augenblick wäre ich bereit gewesen zu schwören, der alten Klatschbase gebühre im Grunde Respekt. »Seine Eltern sind reiche Leute, sie haben ihrem Sohnemann die Wohnung gekauft und alles renovieren lassen. Manch anderer haust ja sein Lebtag in Gott weiß was für Löchern, aber er hat schon als junger Mann’ne eigene Wohnung …«
Gut, vermutlich hatte ich es mit meiner Begeisterung für die Nachbarin etwas übertrieben. Was zum Teufel ging es sie an, wer mir die Wohnung gekauft hatte? Schließlich hatte sie selbst ihre Dreizimmerwohnung in der guten alten Zeit vom Staate für irgendwelche Leistungen im Dienste des Plankomitees erhalten.
»Sie sind ja beide völlig verrückt«, erklärte die Frau. »Oder gehören zur selben Bande.«
Fassungslos rang Galina die Hände. Anschließend klingelte sie an der Nachbartür Sturm. Die Frau und ich maßen einander mit bösen und misstrauischen Blicken. Als gelte es, eine stillschweigende Übereinkunft zu wahren, blieben wir beide wie zur Salzsäule erstarrt stehen. Allerdings rauchte die Frau, und zwar schon die zweite Zigarette, während ich das Schlüsselbund um einen Finger kreisen ließ.
»Mama ist nicht da«, informierte das Nachbarmädchen hinter der nur einen Spalt geöffneten Tür hervor Galina. »Und Papa schläft noch nach der Arbeit …«
»Weck deinen Papa, man raubt unseren Nachbarn aus!«, verlangte die Alte frohgemut.
Das Mädchen steckte den Kopf zur Tür heraus, fiepte mir ein »Hallo!« zu und verschwand in der Wohnung, wobei sie nicht vergaß, die Tür zuzuknallen.
»Diese Form der Arbeit kennen wir ja«, kommentierte Galina prompt. »Hat sich die Hucke vollgesoffen und ratzt jetzt …«
Abermals ging die Tür auf. Unser Nachbar trat heraus, in Unterhosen, Unterhemd und barfuß. Obwohl er schon auf die vierzig zuging, war er ein kräftiger Mann, dem anscheinend durchaus der Sinn danach stand, unverzüglich jemandem seine gewaltige Faust ins Auge zu jagen.
»Tagchen, Pjotr Alexejewitsch!«, überfiel ihn die Nachbarin. »Zustände sind das! Am helllichten Tag wollte man einen Jungen aus unserer Mitte ausrauben!«
»Es ist schon Abend«, sagte Pjotr, indem er Galina zur Seite schob. Er kam auf mich zu und lugte mir über die Schulter. »Brauchst du Hilfe?«
»Die Miliz kommt jeden Moment.«
Mein Nachbar nickte. »Schade, dass sie ein Weibsbild ist«, meinte er bedauernd. »Einem Kerl würde ich sofort eins über den Schädel ziehen. Fürs Erste.«
Die Frau erbleichte.
»Oder soll ich ihr trotzdem eins verpassen?«, überlegte Pjotr laut.
In dem Moment summte jedoch der Fahrstuhl los, und mein Nachbar verstummte. Kurz darauf zwängten sich drei Milizionäre zu uns auf den Treppenabsatz. Zwei von ihnen trugen Maschinenpistolen. Nachdem sie sich überzeugt hatten, dass sie vorerst niemanden zu erschießen brauchten, erstarrten sie gleichsam zu einer Ehrenwache. Bei dem dritten Mann handelte es sich offensichtlich um ihren Chef.
»Wer hat die Miliz gerufen?«, fragte er mich.
»Ich.«
»Ist das Ihre Wohnung?«, wollte er mit einem Nicken in Richtung Tür wissen.
»Ja.«
Drinnen lachte die Frau hysterisch auf.
»Seine, ganz bestimmt«, sprang Galina mir bei. »Wir sind Nachbarn. Und Zeugen!«
»Obersergeant Dawydow. Ihre Papiere, bitte«, verlangte der Milizionär, der bislang keine Anstalten machte, die Wohnung zu betreten. »Das gilt für alle!«
Meine Nachbarn verschwanden in ihren Wohnungen. Selbst der träge Pjotr Alexejewitsch legte eine gewisse Beflissenheit an den Tag. Ich kramte meinen Ausweis hervor und reichte ihm den Milizionär mit der wirren Erklärung: »Ich bin von der Arbeit nach Hause gekommen, die Tür stand offen … Ich habe mir Sorgen um meinen Hund gemacht, diese Dreckskerle schrecken doch nicht mal davor zurück, ein Tier totschlagen …«
»Man muss sich einen Hund halten, der so loskläfft, dass jeder Verbrecher sich in die Hosen macht«, sagte der Milizionär, während er meinen Ausweis studierte. Er schielte zu der Fremden hinüber. »Oder in den Rock … Gut. Kirill Danilowitsch Maximow. Gemeldet in Moskau, Studeny-Passage 37, Wohnung 18 … Gut. Alles in Ordnung.«
Meine Nachbarn kehrten mit ihren Papieren zurück.
»Sie werden Zeugen sein«, erklärte Dawydow. »Wollen wir jetzt in die Wohnung gehen?«
»Zu gern«, versicherte ich hämisch. »Stellen Sie sich vor, die haben meine Möbel abtransportiert und stattdessen ihre eigenen angeschleppt …«
»Besetzung von Wohnraum«, warf einer der Bullen mit MP ein.
»Die Schlussfolgerungen überlass den Richtern«, fuhr ihn sein Chef an.
Daraufhin betraten wir die Wohnung. Cashew bellte erneut los. Dawydow betrachtete ihn und schüttelte den Kopf. Danach wandte er sich mit ausgesuchter Höflichkeit an die Frau: »Ihre Papiere, bitte.«
»Die sind in der Tasche. An der Garderobe«, erklärte sie.
»Dann holen Sie sie.«
Die Frau fischte ihre Papiere aus der Tasche. Mich bedachte sie mit einem höchst seltsamen Blick.
Die nächste Minute nahm sich der Obersergeant den Ausweis vor. Dann trat er ans Fenster und inspizierte das Dokument in den letzten Resten des Tageslichts. Schließlich stieß er einen Pfiff aus und schaute mich mit hintergründigem Lächeln an. »Das hier muss die Dritte Bauarbeiterstraße sein, Bürger Maximow.«
Warum zitierte er diese Adresse aus dem Film Ironie des Schicksals, die schon dort für allerlei Verwirrung gesorgt hatte? Warum nannte er mich Bürger? Mir behagte das überhaupt nicht. Mit gutem Grund.
Die Frau hieß Natalja, mit Nachnamen Iwanowa. Sie war einundzwanzig Jahre alt, also fünf Jahre jünger als ich. Und sie war in meiner Wohnung gemeldet. Jetzt saßen wir am Küchentisch, Natalja, der Obersergeant und ich.
Nachdem Dawydow die Ausweise eine Zeitlang geprüft hatte, fragte er: »Und Sie kennen einander nicht?«
Auf diese Frage zu antworten schenkte ich mir. Genauso wie die Frau.
»Wer wohnt hier?«, erkundigte sich der Obersergeant bei den Nachbarn.
»Er!«, rief Galina aus. »Er lebt hier! Schon seit drei Jahren.«
Gab es also doch irgendwas Menschliches in ihr.
»Kirill«, bestätigte auch Pjotr Alexejewitsch. »Daran gibt es nichts zu rütteln. Und die da … sehe ich zum ersten Mal.«
Der Obersergeant musterte Natalja. »Was versprechen Sie sich denn davon, Bürgerin?«, fragte er in tadelndem Ton. »Urkundenfälschung, Einbruch …«
»Die Schlussfolgerungen überlassen Sie den Richtern«, zischte die Frau. »Ich wohne hier! Seit drei Jahren, seit ich die Wohnung gekauft habe. Und die da …« Ihr unbestimmtes Nicken schloss mich ebenso ein wie die beiden Nachbarn. »… sehe ich zum ersten Mal! Das ist eine Bande! Wieso wollen Sie das nicht begreifen?«
Während ich ihr zuhörte, musterte ich die Kacheln. Ein gewöhnlicher Kachelstreifen über dem Herd und der Spüle, zum Schutz. Ich hatte dafür hübsche bordeauxrote Kacheln gewählt, die eigentlich ziemlich viel kosteten, die ich aber verbilligt als Restposten bekommen hatte. Wie viel brauchte man da denn schon? Zwei Quadratmeter vielleicht.
Natalja hatte schlichtere Kacheln. Hellblaue.
Gewiss, an einem Tag konnte man sämtliche Möbel aus einer Wohnung schaffen. Und wenn man es darauf anlegte, wohl auch frisch tapezieren. Aber die alten Kacheln abklopfen und neue legen? Obendrein so penibel?
Oder ließ sich auch das bewerkstelligen?
Ich betrachtete den Fußboden. Linoleum. Nicht das, was bei mir auslag. Anderes.
»Ist das Ihre Wohnung?«, fragte Dawydow. »Wohnen Sie hier?«
»Ich weiß nicht …«
»Was heißt das - Sie wissen es nicht?« Meine Antwort brachte ihn aus dem Konzept. »Sie müssen doch …«
»Ich wohne hier. Das sind meine Nachbarn.« Ich nickte in Richtung der Zeugen. »Aber … hier hat sich alles völlig verändert. Das sind nicht meine Möbel. Das Linoleum, das ich hatte, war … heller und irgendwie weicher, auf einer Verlegepappe …«
Natalja schnaubte.
»Die Kacheln an der Wand sind auch anders …«, schloss ich, obwohl ich spürte, wie meine Chancen, Unterstützung seitens der Miliz zu erhalten, dahinschwanden.
»Die Kacheln?«, hakte der Obersergeant nach. »Die Kacheln sind anders?«
Er trat an die Wand heran und fuhr mit dem Fingernagel über eine Fuge, um dann die Achseln zu zucken. »Du hast doch mal auf dem Bau gearbeitet, oder?«, wandte er sich an einen seiner Kollegen. »Kann man eine Wand innerhalb eines Tages neu kacheln?«
»Theoretisch ist alles möglich«, gab sich der Bulle vage. »Guter Leim, ein schnelltrocknender Fugenkleber … Aber praktisch … Nein.«
»Gehen wir ins Bad«, entschied Dawydow.
Im Badezimmer trocknete Unterwäsche. Weibliche. Natalja huschte vorbei, um Höschen und BHs von der Leine zu klauben.
»Ist das Ihr Badezimmer?«, fragte Dawydow. »Sind das Ihre Fliesen?«
Was biss er sich bloß an diesen Fliesen fest? Langsam schwante mir freilich, worauf die Fragerei abzielte. Zwei Quadratmeter Kacheln auszutauschen war eine Sache. Aber das ganze Bad zu renovieren …
»Es scheint meins zu sein«, meinte ich bedrückt. »Ich habe es so gelassen, wie es war.«
»Gibt es irgendetwas Besonderes? Eine abgeplatzte Stelle an der Wanne? Einen Riss in einer Fliese?«
Mit aller Gewalt versuchte ich mich zu erinnern. Zu gern hätte ich in dieser Wohnung etwas entdeckt, was mir gehörte.
»Auf dem Wasserhahn waren Kratzer, ich habe ihn schon mit diesem Mangel gekauft«, erklärte ich. »Aber das hier ist ein anderer, der ist viel älter.«
»Was heißt hier ein anderer Hahn?«, empörte sich Natalja. »Den habe ich nicht ausgewechselt, das ist der, der hier schon immer drin war!«
Das Funkgerät des Obersergeanten piepte. Er murmelte etwas ins Mikro. Nachdenklich betastete er den Wasserhahn. »Also gut«, stieß er aus. »Wer besitzt Papiere für diese Wohnung?«
»Ich!«, rief Natalja. »Einen Moment …«
Sie rannte ins Zimmer.
»Ich hatte auch mal welche«, brachte ich hoffnungslos hervor. »In meinem Schreibtisch. Aber der steht nicht mehr in meinem Zimmer, da habe ich schon nachgeguckt. Der ist nicht mehr da, der Schreibtisch, meine ich.«
»Solche Dokumente muss man in einem Schließfach in der Bank aufbewahren«, belehrte mich der Obersergeant ernsten Tones.
Das brachte das Fass zum Überlaufen. »Was faselst du denn da, du Hüter des Gesetzes?«, platzte es aus mir heraus. »Was für ein Schließfach! Für wen hältst du mich denn? Für irgendeinen Neureichen? Mit Schließfach in der Bank? Wo bewahrst du denn deine Papiere auf?«
Er nahm mir das nicht einmal übel - und das jagte mir abermals Angst ein.
»Unter der Matratze … Beruhigen Sie sich, Kirill Danilowitsch, sonst sagen Sie noch etwas Unbedachtes, und ich muss Sie festnehmen.«
Jetzt kam Natalja zurück. Mit den Unterlagen für die Wohnung, den Belegen für die Miete, Stromquittungen, der Kaufurkunde …
Ich sagte kein Wort. Der Obersergeant besah sich die Papiere und gab sie Natalja zurück. »Also, meine Damen und Herren«, sagte er, »ich sehe keine Möglichkeit, Ihnen zu helfen. Sie müssen vor Gericht gehen, Kirill Danilowitsch. Wenn die Wohnung wirklich Ihnen gehört …«
»Das ist doch nicht Ihr Ernst?«, rief ich.
»… dann werden beim Notar, bei den Behörden für den An- und Verkauf von Wohnraum und wohl auch bei der Direktion für Gebäudenutzung Kopien der Unterlagen vorliegen«, fuhr er mit gerunzelter Stirn fort. »Diese Dokumente auszutauschen« - er stockte -, »dürfte zwar möglich sein, wäre aber derart aufwendig und teuer, dass sich die ganze Angelegenheit kaum lohnen würde. Niemand würde sich wegen einer Einzimmerwohnung in einem Plattenbau am Stadtrand dergleichen aufhalsen!«
Natalja schnaubte - und dies derart triumphierend, dass unmissverständlich klar wurde: Sie hegte an der Existenz ihrer Papiere keine Zweifel. Sowohl bei der genannten Direktion wie auch beim Notar.
»Und Ihnen, Bürgerin Iwanowa, würde ich, wenn Sie hier wohnen, den Rat geben, wenigstens gewisse nachbarschaftliche Beziehungen zu pflegen. Wer kann denn bestätigen, dass Sie hier wohnen? Ihre Freundinnen? Ihre Verwandten?«
»Meine Verwandten wohnen in Pskow und haben mich bisher noch nicht besucht«, parierte Natalja. »Mit meinen Freundinnen gehe ich im Park spazieren oder ins Kino, betrinke mich mit ihnen aber nicht in meiner Wohnung, wie es Männer tun. Und was diese Nachbarn angeht, dieses versoffene Pack …« Zornig blickte sie die Nachbarn an. »… die will ich gar nicht kennenlernen.«
»Ganz ruhig!« Mit einer Handbewegung stoppte Dawydow den auf Natalja zurollenden Pjotr Alexejewitsch. »Wir haben es hier mit einer komplizierten Situation zu tun, aber am Ende siegt das Recht immer. Verlassen wir jetzt die Wohnung der Bürgerin …«
Damit war mein Spiel verloren, keine Frage. Und es gab nichts, was ich noch hätte vorbringen können.
Obwohl...
»Cashew kriegst du aber nicht, du Miststück!«, blaffte ich und packte den um Nataljas Beine wuselnden Skye-Terrier. »Autsch!«
Cashew hatte nach meinem Finger geschnappt, sich meinem Griff entwunden und auf den Boden fallen lassen, wo er sogleich loskläffte. Wo er mich verbellte!
»Rühr mir ja den Hund nicht an, du Arsch!«, keifte Natalja. »Cashew, mein Kleiner …«
»Sie soll die Papiere für den Hund vorzeigen!«, brüllte ich. »Das ist meiner!«
Cashew rekelte sich in Nataljas Armen und bellte mich empört an. Mein Finger tat weh, aber immerhin hatte der Terrier ihn nicht blutig gebissen.
»Gehen wir, Kirill.« Dawydow schlug mir auf die Schulter. »Brechen wir auf. Der Hund, scheint’s, teilt Ihre Meinung nicht unbedingt.«
»Dir zeig ich die Dokumente!«, keifte Natalja mir hinterher. »Du Arsch, du! Wozu hast du dir das alles ausgedacht? Wolltest mir den Hund wegnehmen?«
Kaum hatten wir die Wohnung verlassen - halb zog Dawydow mich, halb schubste er mich -, da fiel hinter uns krachend die Tür zu. Die Schlösser wurden verriegelt, der Riegel geräuschvoll vorgeschoben.
»Schöne Sache …«, meinte der Obersergeant mitfühlend.
Ich linste zu meinen Nachbarn hinüber. Galina - endlich fiel mir auch ihr Vatersname wieder ein! - Galina Romanowna sah mich mit unverfälschter Begeisterung an. Na klar! Was für Gesprächsstoff!
»Ihnen wird das Lachen schon noch vergehen, wenn Sie erst mal vom Bäcker nach Hause kommen und in Ihrer Wohnung einen fremden Mann vorfinden«, prophezeite ich.
Die Augen gingen Galina Romanowna über.
»Ach, hör doch auf …«, fauchte sie und zog sich panisch in ihre Wohnung zurück. »Ich kenne dich überhaupt nicht! Und du hast hier niemals gewohnt!«
»Das war nicht klug von Ihnen«, meinte Dawydow seufzend. »Vermutlich stehen Ihnen lange Untersuchungen bevor, da sollten Sie die Zeugen nicht gegen sich aufbringen.«
»Also glauben Sie mir?«, fragte ich.
Die Miliz hatte ich noch nie gemocht. Allzu oft bereiten dir die Bullen mehr Verdruss, als dass sie dir helfen. Aber dieser Obersergeant gefiel mir. Er - wie soll ich das ausdrücken -, er schien mir okay zu sein. Wirkte wie ein normaler Milizionär. Wie er sein sollte. Ich verübelte ihm nicht einmal, dass er angesichts der Papiere Nataljas eingeknickt war.
»Ja, das tu ich. Meiner Ansicht nach lügen Sie nicht. Weshalb sollten Sie auch? Und Ihren Nachbarn glaube ich auch.« Dawydow holte ein Päckchen Jawa heraus und bot mir eine Zigarette an, die ich jedoch ablehnte. Nachdem er sich eine angesteckt hatte, fuhr er fort: »Wenn ich das Ganze zu entscheiden hätte, würde ich einem Wort dieser fuchtigen Alten mehr Gewicht beimessen als allen Papieren zusammen.«
»Ja, falls sie sich zu einer Aussage herablässt …«, brummte Pjotr Alexejewitsch. »Könnte ich eine haben?«
Dawydow linste ins Päckchen. »Von anderen nehmen wir Milizionäre nicht die letzte … aber unsere letzte anbieten, das tun wir. Nimm, ich habe noch welche im Auto.«
Offenbar wollte niemand aufbrechen, dazu fesselte uns alle dieser Vorfall viel zu sehr.
»Was soll ich denn jetzt machen?«, fragte ich.
»Haben Sie keine Papiere? Von Ihrem Ausweis einmal abgesehen?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Gehen Sie zur Direktion für Gebäudenutzung. Suchen Sie alle Stellen auf, in denen die Unterlagen aufbewahrt werden könnten, die Ihr Anrecht auf den Wohnraum bestätigen. Wer bist du denn ohne Papiere?«
»Ein Niemand«, murmelte ich.
»Eben. Du kannst hundert Zeugen anbringen, die mit dir in der Wohnung Wodka getrunken haben, die dir beim Tapezieren geholfen und den Einzug mit dir gefeiert haben. Aber ohne die Papiere bist du ein Niemand, und kein Gericht wird dir recht geben. Wenn Sie Journalisten kennen, setzen Sie sich mit ihnen in Verbindung. Vielleicht können sie Ihnen einen Rat geben oder einen Artikel schreiben …«
»Die Zeiten, wo man etwas auf Artikel gegeben hat, sind vorbei«, grummelte Pjotr Alexejewitsch. »Heute … wischt man sich nur noch den Hintern damit ab.«
»Die Sache mit dem Hund ist allerdings seltsam«, bemerkte Dawydow unvermittelt. »Alles andere kann ich mir vorstellen. Dass jemand sämtliche Unterlagen ausgetauscht, frisch tapeziert und neu gefliest hat. Aber dass ein Hund sein Herrchen nicht erkennt? War er schon ausgewachsen, als Sie ihn bekommen haben?«
»Nein, ein Welpe. Zwei Monate alt war er damals.«
»Komisch.« Dawydow schüttelte den Kopf. »Also muss das ein anderer Hund sein.«
»Es ist meiner! Ich werde doch wohl noch meinen eigenen Hund erkennen, oder? Für einen Fremden mögen sie ja alle gleich aussehen …«
Abermals fiepte Dawydows Funkgerät.
»Viel Glück …«, brummte er geschäftig, als bereue er mit einem Mal seine Vertrauensseligkeit. Dann drückte er den Knopf für den Fahrstuhl. »Am Ende kommt die Wahrheit immer ans Licht.«
»Auf Wiedersehen«, meinte der Bulle, der früher auf dem Bau gearbeitet hatte, unpassenderweise.
Sie stiegen in den Fahrstuhl, wobei sie mit den Läufen der Maschinenpistolen aufeinander zielten, ohne dass sie es selbst bemerkten. So kommt es dann zu Unfällen …
»Was ist, Kirill, kommst du auf ein Gläschen mit zu mir?«, fragte Pjotr Alexejewitsch. »Du siehst aus, als könntest du es gebrauchen …«
Ich schüttelte den Kopf. »Betrinken werde ich mich heute mit Sicherheit noch. Aber nicht jetzt.«
»Weißt du, wo du schlafen kannst?«
»Ja … wahrscheinlich schon. Falls bei meinen Eltern jetzt nicht irgendwelche Flüchtlinge aus Tadschikistan gemeldet sind …«
Pjotr grinste nicht einmal.
Auch ich konnte in den Worten nichts Komisches finden. Ich verabschiedete mich mit einem Handschlag von ihm und rief den Fahrstuhl.
»Wenn es drauf ankommt, werde ich überall zu Protokoll geben, dass du hier gewohnt hast!«, versicherte mein Nachbar. »Meine Tochter wird auch für dich aussagen und meine Frau …«
Mir fiel die Vergangenheitsform auf - selbst wenn Pjotr ihr keine Bedeutung beigemessen haben dürfte.
Zwei
Tadschikische Flüchtlinge fand ich in der Wohnung meiner Eltern keine vor. Dreiste unansehnliche Frauen ebenfalls nicht. Ich holte mir aus dem Kühlschrank ein Päckchen tiefgekühlter Würstchen, und während sie kochten, goss ich die Blumen. Die Pflanzen konnten von Glück reden: Natürlich hatte ich versprochen, mal vorbeizukommen, es dann aber immer wieder aufgeschoben …
Ob am Ende die Blumen hinter allem steckten? Vielleicht verfügten sie über einen kollektiven Floralverstand und beherrschten alte Magie?
In mich hineinkichernd machte ich mich über die Würstchen her. Seltsamerweise sank meine Laune nicht endgültig in den Keller, sondern ganz im Gegenteil: Sie verbesserte sich mit jeder Minute.
Man hatte mir die Wohnung geklaut? Quatsch! Die würde mir niemand abluchsen. Es würden sich die Papiere finden, es würden sich Zeugen finden, und es würden sich auch die entsprechenden Leute in der Staatsanwaltschaft finden, die die ganze Angelegenheit wieder ins Lot brachten. Schließlich hatte mein Vater sein ganzes Leben lang als Gynäkologe gearbeitet und dabei eine gewisse Reputation erworben. Allein die Richterinnen und Richtersgattinnen, die er behandelt hatte! Sie würden mir helfen. Bei uns erhält nicht derjenige recht, der die Wahrheit hinter sich weiß, sondern derjenige, der über die einflussreicheren Freunde verfügt. Ich war im Recht und hatte zudem Beziehungen parat.
Und am Ende gäbe es dann etwas, das ich meinen Enkeln erzählen könnte!
Nachdem ich mich mit diesen Gedanken beruhigt hatte, holte ich den Wodka aus dem Kühlschrank, schenkte mir ein Gläschen zu den Würstchen ein und stellte die Flasche zurück. Mich allein zu besaufen, gehörte nicht zu meinen Plänen. Die Situation mit einem klugen Menschen bei einem Fläschchen durchzukauen, den Stress loszuwerden - danach verlangte mich jetzt.
Ich schnappte mir das Telefon und lümmelte mich aufs Sofa. Wen sollte ich überfallen oder, besser noch, zu mir einladen? Es musste jemand sein, mit dem das Gespräch nicht in besoffenes Gequatsche über Gott und die Welt ausartete.
In dem Moment klingelte das Telefon.
»Hallo?«, sagte ich nervös. Meine Eltern werden es sich doch wohl nicht haben einfallen lassen, bei mir zu Hause anzurufen, um dann diese … diese Vettel an der Strippe zu haben?
»Kirill?«, erklang eine aufgeräumte Stimme. »Ha! Hab ich dich also doch erwischt! Dein Handy ist abgeschaltet, bei dir zu Hause faselt Anka etwas daher, dass du nicht mehr dort wohnst … Was heißt das? Bis du verrückt geworden und hast ihr die Wohnung überlassen? Bist du wirklich ausgezogen?«
»Anka?«, fragte ich, während ich mein Handy hervorkramte. Mist. Das Ding war leer. Und das Ladegerät lag natürlich in der Wohnung …
»Wer denn sonst? Da war irgendein Weib …«
Alle Frauen dieser Welt teilten sich für Kotja in ›Weiber‹ und ›Damen‹. ›Weiber‹ umfassten sämtliche Personen weiblichen Geschlechts. Bei einer »Dame« handelte es sich um das Weib, in das er gerade verliebt war.
»Kotja, jetzt hör mir mal zu«, bat ich. »Hier sind Dinge im Gang, da brauche ich deinen Rat.«
»Und ich deinen!«, meinte Kotja fröhlich. Aus Katzen machte er sich nicht das Geringste, doch seinen offiziellen Namen Konstantin konnte er aus irgendeinem Grund nicht leiden, weshalb er sich von klein auf gern Kotja oder Kotjonok, ›Katerchen‹, nennen ließ. Normalerweise bleibt dieser Spitzname nur an kräftigen gemächlichen Kerlen kleben, die ihm ihrerseits mit Ironie gegenüberstehen. Kotja war jedoch nicht besonders groß, schmächtig und agil bis zur Zappeligkeit. Kein Quasimodo, aber mit Sicherheit auch kein Apoll, besaß Kotja einen außerordentlichen Charme. Manch Bild von einem Mann, das in seiner Gesellschaft ein paar Mädchen anbaggerte, musste erstaunt feststellen, dass die attraktivste Frau von allen unbeirrbar Kotja den Vorzug gab. »Verzichten wir doch auf die Formalitäten, sagen wir einfach Kotjonok«, bot Kotja einer neuen Bekanntschaft lächelnd an, was erstaunlicherweise weder manieriert noch aufgesetzt klang.
»Komm einfach her«, lud ich ihn ein. »Zu meinen Eltern. Weißt du noch, wo sie wohnen?«
»Ja.« Jetzt schaltete Kotja auf einen geschäftigen Ton um. »Hör mal, ich muss unbedingt noch einen Artikel raushauen. Das sind noch zwei Stunden Arbeit. Komm du doch einfach her, ja?«
»Hat denn deine Dame nichts dagegen?«, fragte ich.
»Die Weiber sind doch alle gleich«, sinnierte Kotja niedergeschlagen.
Alles klar. Wieder einmal war eine Dame in die Kategorie ›Weib‹ gewandert, nachdem sie meinen allzu zappeligen Freund nicht vor den Traualter zu schleppen vermochte. Und am Horizont zeigte sich bislang keine neue.
»Gut, ich komme zu dir«, gab ich seufzend nach. »Obwohl es mir nicht passt, meinen Sofaplatz aufzugeben …«
»Ich habe einen guten Kognak«, lockte Kotja. »Das ist doch ein gewichtiger Grund, oder?«
»Vergiss deinen Kognak!«, seufzte ich. »Okay, ich komme. Was soll ich mitbringen?«
»Du bist doch hier der Schlaukopf«, konterte Kotja. »Alles, was du willst, von Weibern abgesehen!«
So kam es, dass ich mich, meiner Wohnung beraubt, zu einem Besäufnis mit meinem Freund begab. Eine durchaus übliche russische Variante, mit der die Dinge ihren Lauf nehmen können. Etwas anderes zu erwarten wäre geradezu absurd gewesen.
 
Kotja lebte in einer großen Zweizimmerwohnung in einem alten Stalinbau im Nordwesten. Mitunter herrschten in der Wohnung Ordnung und Sauberkeit, doch jetzt, in Ermangelung einer Dame, griff nach und nach das für Kotja typische wüste Chaos um sich. Der Staub auf den Fensterbrettern sowie der schmutzige Herd ließen darauf schließen, dass Kotjas Abschied von seiner letzten Passion mindestens eine Woche zurücklag.
Bei meinem Erscheinen riss sich Kotja vom Computer los, stellte eine Flasche Kognak auf den Tisch - in der Tat ein vorzüglicher, fünf Jahre alter ›Ararat‹ - und rieb sich zufrieden die Hände. »Jetzt wird es wie geschmiert laufen«, sagte er. »Ohne ein Gläschen kriege ich die Geschichte nicht hin, aber allein trinke ich nicht.«
Mit diesen Worten leitete er stets ein Schlückchen ein. Ohne seine hundert Gramm war er nicht bereit, über den neuerlichen Abgang einer Dame hinwegzukommen, eine Geschichte zu Ende zu schreiben oder einen klugen Rat zu erteilen. Allein trank er, nebenbei bemerkt, jedoch wirklich nie.
Wir schenkten uns jeder ein Gläschen Kognak ein. Nachdenklich betrachtete Kotja mich. In meinem Kopf schwirrten Dutzende von Fragen, doch ich stellte die dümmste: »Kotja, was ist eine Vettel?«
»Ist es das, was du von mir wissen willst?« Kotja rückte sich die Brille zurecht. Seine Kurzsichtigkeit hielt sich im äußerst geringfügigen Bereich, aber jemand hatte ihm versichert, eine Brille stünde ihm gut. Im Prinzip stimmte das, zudem Kotja bebrillt wie ein typischer, kluger jüdischer Bursche aussah, der ›irgendwo im kulturellen Bereich‹ arbeitet. Womit bei ihm der Nagel auf den Kopf getroffen war. »Eine Vettel, mein naiver Freund, ist eine Prostituierte untersten Ranges. Eine Bahnhofsnutte, eine Kühlerfigur...«
»Eine Kühlerfigur?«
»Na, eine, die es den Fernfahrern besorgt …« Kotja runzelte die Stirn. »Und lass dir eins von mir gesagt sein: In jedem Weib steckt eine Vettel!«
»Darauf erhebe ich mein Glas nicht«, protestierte ich.
»Dann einfach auf die Weiber.«
Darauf tranken wir.
»Wenn du in deinem Kummer zu einer Prostituierten willst …«, setzte Kotja an.
»Nein. Was wolltest du mich denn fragen?«
»Dein Herr Papa ist doch Frauenarzt, oder?«
»Hm.«
»Welche Geschlechtskrankheiten gibt es? Exotische, meine ich?«
»Zerbrichst du dir den Kopf darüber, welche Diagnose du deinem Helden stellen sollst?«, platzte ich heraus. »Aids, Syphilis …«
»Das ist doch alles kalter Kaffee«, seufzte Kotja. »Ich schreibe gerade einen Brief an eine Zeitung, die Beichte eines Mannes, der ein ausschweifendes Sexualleben geführt hat und infolge dessen an … Der wird sich doch nicht Syphilis eingefangen haben! Und auch kein Aids! Das ist alles Schnee von gestern, langweilig …«
»Greif doch auf deine eigenen Erfahrungen zurück«, schlug ich scheinheilig vor. »Ich hab davon doch keine Ahnung, mein Alter. Zu Hause könnte ich das nachschlagen, aber aus dem Kopf … Schließlich bin nicht ich der Arzt.«
Kotja verdiente sich seinen Lebensunterhalt auf recht originelle Weise: Er schrieb Erzählungen für Boulevardblätter. Die er als authentische Berichte ausgab. Beichten von Müttern, die sich an ihren Söhnen vergingen, die Qualen von Schwulen, die sich in Heteros verliebten, Aufzeichnungen von Zoophilen, die in Leidenschaft für Stachelschweine entflammten, Geständnisse minderjähriger Mädchen, die ihr Nachbar oder Lehrer verführt hatte. Diesen ganzen Scheiß schied er kilometerweise aus, sobald ihn seine nächste Freundin verließ. Wenn sein Sexleben in normalen Bahnen lief, griff er auf Sensationsmeldungen über fliegende Untertassen, Geister und Gespenster, das Privatleben von Prominenten, freimaurerische Verschwörungen, Intrigen von Juden und kommunistische Geheimnisse zurück. Im Grunde war ihm völlig schnurz, was er schrieb, denn es gab für ihn ohnehin nur zwei Phasen: eine mit Sexgeschichten, eine ohne.
»Gut«, gab sich Kotja zerknautscht zufrieden. »Dann also Aids … schließlich …«
Ich ging zu seinem Computer hinüber und schaute auf den Bildschirm. »Ist dir eigentlich selbst klar, was du hier schreibst, Kotja?«, fragte ich kopfschüttelnd.
»Wie?«, horchte Kotja auf.
»Was soll denn das für ein Satz sein? ›Obwohl sie erst sechzehn war, war sie bereits wie eine Siebzehnjährige entwickelt‹?«
»Was ist schlecht daran?«, gab Kotja mit finsterer Miene zurück.
»Willst du mir etwa weismachen, du könntest ein sechzehnjähriges Mädchen von einem siebzehnjährigen unterscheiden? Aufgrund ihrer körperlichen Entwicklung?«
Kotja nuschelte etwas Unverständliches. »Dann ersetz halt ›Siebzehnjährige‹ durch ›Zwanzigjährige‹«, knurrte er nach einer Weile.
»Mach das mal schön selbst.« Ich kehrte wieder an den Tisch zurück. »Wie lange willst du diesen Mist eigentlich noch produzieren? Warum nimmst du dir nicht mal einen erotischen Roman vor? Etwas Großes, Richtiges. Das ist immerhin Literatur. Vielleicht kriegst du sogar den Nobelpreis oder den Booker dafür.«
Jäh senkte Kotja den Blick, womit mir zu meiner Verblüffung klar wurde, dass ich ins Schwarze getroffen hatte. Er schrieb bereits etwas … Richtiges. Oder spielte zumindest mit dem Gedanken.
Im Grunde brauchte Kotja nur sein eigenes Leben in einer schönen Sprache zu schildern - und schon hätte er ein spannendes Portrait der Gepflogenheiten der Moskauer Boheme und der Jugend in ihrem Dunstkreis parat. Diesmal verkniff ich es mir jedoch, ihm das zu sagen, schien mir die Grenze freundschaftlicher Sticheleien für heute doch erreicht.
»Ich sitze in der Tinte, Kotja«, wechselte ich das Thema - und wunderte mich selbst, wie harmlos das klang. Wie zutreffend. »Mir ist da eine verrückte Geschichte passiert …«
Die Worte kamen mir von selbst über die Lippen. Während ich alles erzählte, leerten wir fast die ganze Flasche Kognak. Kotja nahm mehrmals seine Brille ab, um sie zu putzen, und legte sie am Ende beiseite, auf den Fernseher. Ab und an hakte er an einer Stelle nach, einmal hielt er es dann nicht mehr aus und platzte heraus: »Das denkst du dir doch bloß aus, oder?«
Als ich endete, war es bereits nach elf.
»Da hast du dir was eingebrockt«, konstatierte Kotja im Ton eines Arztes, der eine vorläufige, aber höchst unerfreuliche Diagnose bereithält. »Und du hast keine Papiere?«
»Richtig.«
»Du … du hast die Kaufurkunde bestimmt nicht irgendwo verloren? Oder die anderen Papiere? Vielleicht hat jemand die Wohnung heimlich verkauft, dann dieses Luder bei dir einquartiert …«
»Kotja! Sie behauptet steif und fest, schon seit drei Jahren dort zu wohnen! Und ihre Papiere besagen genau das: drei Jahre!«
»Auf den ersten Blick sieht das wie eine stinknormale Wohnungsschiebung aus«, meinte Kotja nickend. »Aber … an einem Tag alles frisch tapezieren, kacheln … Was ist dir sonst noch aufgefallen?«
»Das Linoleum …«
»Aha. Und dann hat sie noch den Wasserhahn ausgetauscht, die Möbel abtransportiert, neue rangeschafft … obendrein den Eindruck erweckt, sie wohne schon immer da … Sie hat ihre Hausschuhe in der Wohnung verteilt, BHs aufgehängt … Kirill, die einzige vernünftige Version, die es gibt, ist folgende: Du lügst.«
»Vielen Dank.«
»Jetzt spiel nicht gleich die beleidigte Leberwurst. Ich habe ja gesagt - die einzige vernünftige Version. Schauen wir uns nun mal die unvernünftigen an. Die erste ist die, dass du den Verstand verloren hat. Oder zum Quartalssäufer geworden bist. Dann hättest du die Wohnung vor einer Woche verkauft, als Anka dich verlassen hat, und es danach einfach vergessen.«
»Außerdem habe ich noch die Papiere gefälscht, sodass der Verkauf der Wohnung nun schon vor drei Jahren stattgefunden hat!«
»Überzeugen wir uns zunächst mal davon, dass noch gestern Abend alles in Ordnung war. Hat dich da jemand besucht?«
»Nein.« Ich schüttelte den Kopf. »Halt! Doch! Igorjok ist abends kurz vorbeikommen. Er hat sich eine DVD von mir ausgeborgt.«
»Was für einen Film?«
»Keinen Porno«, konnte ich mir auch diesmal nicht verkneifen. »Japanische Zeichentrickfilme.«
»Was für ein Igorjok?«
»An seinen Nachnamen erinnere ich mich nicht. Igorjok halt … So ein hippeliger Typ, der bei uns in der Firma gearbeitet hat, dann aber zur Konkurrenz gegangen ist … Mensch, du kennst ihn doch! Er hat deinen Computer zusammengebaut und die Software installiert!«
»Ist das der, der sich vor der Armee gedrückt hat?«, grinste Kotja. »An den erinnere ich mich. Hast du seine Nummer?«
»Mein Handy ist leer.«
»Du hast doch auch ein Nokia, oder? Dann nimm mein Ladegerät, die Dinger sind standardisiert. Die Stromrechnung präsentiere ich dir später.« Kotja kicherte.
Ich holte mein Handy heraus und legte es ins Ladegerät. Es war wirklich von Vorteil, dass man verschiedene Mobiltelefone in dieselbe Basis stecken konnte. Danach blätterte ich in meinem Adressbuch.
»Da haben wir sie ja. Und jetzt?«
»Wähl die Nummer.«
Daraufhin nahm Kotja mir das Handy ab, kippte riskant mit dem Hocker nach hinten, wobei ihm freilich keine Gefahr drohte, denn er lehnte mit dem Rücken gegen die Wand. »Igorjok?«, legte er fröhlich los. »Hallo, mein Guter. Ich bin’s, Kotja. Dem du vor einem Jahr den Computer eingerichtet hast. Ein Freund von Kirill.«
Er zwinkerte mir zu. Ich machte mich daran, die von mir gestiftete Flasche zu öffnen.
»Ja, klar ist es schon spät. Entschuldige. Aber ich habe eine verdammt wichtige Frage, die ich nicht auf die lange Bank schieben kann. Bist du gestern bei Kirill gewesen? Weswegen? Kikis kleiner Lieferservice? Nein, der interessiert mich nicht. Ich habe eine andere Frage: Wohnt er immer noch in Medwedkowo? Die alte Adresse? Du hast ihn vorher noch nie besucht? Er macht da auf Einer, nicht wahr? Eine Einzimmerwohnung hat er, das meine ich! Ah ja. War da irgendwie Chaos in der Wohnung? Wurde renoviert? Gab es Hinweise auf einen Umzug? Ja, das muss ich wissen, dringend sogar! Verstehe. Und hat er noch seinen Hund? Ein prachtvolles Tier, sagst du? Er hat Kirill gestern nicht zufällig gebissen? Nein, ich habe so gut wie nichts getrunken. Hör mal, Igorjok, sag deinem Weib, dass sie den Mund halten soll, wenn Männer sich unterhalten! Selbst wenn sie im Bett ist und auf dich wartet … Was?«
Schweigend reichte Kotja mir das Handy. »Die Jugend muss noch viel lernen …«, sinnierte er kopfschüttelnd. »Sexuell heranreifen … trotzdem erziehen sie ihre Weiber nicht! So sieht’s doch aus! Aber einen Zeugen hast du, soweit ich das beurteilen kann. Gestern hast du da noch gewohnt. Und dein Hund hat dich für sein Herrchen, nicht für eine vor Angst schlotternde Kreatur gehalten.«
»Ich kann noch ein Dutzend Zeugen auftreiben, Kotja. Vor drei Tagen ist Romka Litwinow vorbeigekommen, und wir haben Bier getrunken. Er besucht mich überhaupt oft. Außerdem hat noch jemand vorbeigeschaut … Glaub mir doch, ich habe nicht den Verstand verloren. In meiner Wohnung hat sich eine mir unbekannte Frau eingenistet. Und alles sieht so aus, als ob sie schon seit langer Zeit da lebe.«
»Du sagst, das Weib sei unansehnlich?«, fragte Kotja beiläufig.
»Als Dame geht sie nicht durch.«
»Was macht man nicht alles für einen Freund«, seufzte Kotja. »Wo arbeitet sie?«
»Dem Bullen hat gesagt, sie arbeite auf dem Tscherkisowski-Markt … Sie verkauft Schuhe …«
»Wie grauenvoll«, stöhnte Kotja. »Wie furchterregend und grauenvoll. Seit Ewigkeiten habe ich keiner Verkäuferin den Hof gemacht. Andererseits könnte ich ein paar neue Schuhe gebrauchen.«
»Wenn du es nicht lassen kannst«, meinte ich bloß. »Aber was bringt uns das?«
»So kann ich wenigstens herauskriegen, was das für eine ist.«
An Kotjas Fähigkeiten, die reizlose Motte Natalja Iwanowa zu verführen, zweifelte ich nicht. Darüber hinaus empfand ich nicht das geringste Mitleid mit dieser Hochstaplerin. Trotzdem stellte mich das nicht zufrieden.
»Gut. Vielen Dank. Aber was soll ich denn deiner Meinung nach tun? Mich an die Presse wenden?«
Kotja schnaubte. Von der Presse hielt er nicht gerade sonderlich viel. »Morgen nimmst du dir frei. Du rufst deinen Chef an und entschuldigst dich … Dann begibst du dich auf die Tour durch die Wohnungsämter, Notariate …«
»Die heißen schon lange nicht mehr Wohnungsamt, sondern Direktionen für Gebäudenutzung.«
»Was spielt das für eine Rolle? Kurzum, du suchst alle Stellen auf, an denen Unterlagen über deine Existenz in deiner ehemaligen Wohnung aufbewahrt werden könnten.«
»Wenn du noch einmal ›ehemalig‹ sagst, zieh ich dir eins über die Rübe«, knurrte ich finster.
»Entschuldige. In deiner zukünftigen Wohnung.« Geschickt brachte sich Kotja vor einem bewusst langsam ausgeführten Kinnhaken in Sicherheit. »In deiner jetzigen, deiner aktuellen … Kurz und gut, du klapperst alles ab. Vergiss auch die Telefongesellschaft nicht.«
»Gut, dass du mich daran erinnerst.« Meine Stimmung besserte sich wieder.
»Und dann, wenn du deine Unterlagen nirgendwo auftreiben kannst …«
»Warum sollte das der Fall sein?« Schlagartig verflüchtigte sich mein Optimismus.
»Angesichts der Ausmaße des Schwindels hat man dich ernsthaft auf dem Kieker, Kirill. Mir ist völlig schleierhaft, wer dahintersteckt und warum, aber es wäre absolut hirnrissig, deine Wohnung auf die Schnelle zu renovieren und sämtliche Unterlagen zu fälschen, dabei aber die echten nicht zu vernichten. Deine mysteriösen Feinde sind jedoch alles andere als Dummköpfe! Du wirst die Papiere nicht auftreiben! Deshalb wendest du dich danach an einen Anwalt. Einen guten. Einen exzellenten, wenn dein Geld dafür reicht, und nicht an einen dieser üblichen Rechtsberater. Falls du knapp bei Kasse bist, kann ich dir etwas leihen … Fünfhundert Euro könnte ich mit Sicherheit lockermachen.«
»Danke«, sagte ich bloß. »Mach dir keine Sorgen, ich habe Geld. Auf meiner Karte sind noch fast tausend Euro, außerdem könnte ich von meinen Eltern … ich weiß, wo sie ihr Gespartes aufbewahren.«
»Gut. Der Anwalt wird dir ein paar kluge Ratschläge geben. In der Zwischenzeit werde ich versuchen, dieses W...« Kotja tat sich förmlich Gewalt an, um tapfer hervorzubringen: »… diese Dame kennenzulernen. Mit so einem Zug dürften sie kaum rechnen.«
»Sie?«
»Ist die Dame etwa Schiwa? Dass sie mit einer Hand kachelt, mit der anderen tapeziert, mit der dritten Linoleum auslegt? In dem Fall möchte ich dieses Wunder unter allen Umständen kennenlernen! Apropos! Diese sensationelle Renovierung! Du wirst auch noch einen Handwerker aufsuchen. Einen guten, soliden. Versuch, einen verrückten Spinner mit einem Haufen Geld zu mimen. Frag ihn, ob er glaubt, man könne eine Einzimmerwohnung innerhalb von acht Stunden renovieren. Ob man in der Zeit all das machen kann, was in deiner Wohnung gemacht wurde. Zähl das genau auf. Sag, du willst deine Frau überraschen … Halt! Welche Frau? Du trägst ja gar keinen Ring! Also, deine Freundin. Oder denk dir was anderes aus. Nein, mit einer Freundin wirkt es am glaubwürdigsten. Es ist sehr wichtig, dass man dir sagt …«
Kotja kam zusehends in Fahrt. Die Schuld daran trug keineswegs der Kognak, sondern einzig die Situation, in die ich hineingeraten war. So ist das doch immer im Leben: Selbst deinen besten Freunden dienen deine Probleme zum Amüsement!
»Im letzten Jahr musste ich mein Klo erneuern lassen«, erzählte er. »Also … Das alte war hinüber … aber das war meine eigene Dusseligkeit … Ich habe einen tüchtigen Handwerker aufgetrieben, einen älteren, der nicht trinkt. Denn wie ist es denn bei den Installateuren?«
Vorsichtshalber nickte ich vage.
»Man braucht Erfahrung! Erfahrung ist alles«, verkündete Kotja. »Und dieser erfahrene alte Meister hat einen ganzen Tag geschuftet. Von morgens um acht bis abends um zehn. Ich habe mich geplagt, er hat gelitten … Bei guten Handwerkern gilt nämlich der Brauch: Erst muss das Klo am Orte steh’n, dann darfst du wieder pinkeln geh’n. Dafür können sie es dann nach allen Regeln der Kunst einweihen. Das ist ihr heiliges Recht und ihre Pflicht … Vierzehn Stunden! Nur für das Klo! Und bei dir will jemand in acht Stunden die ganze Wohnung gemacht haben …«
Kotja holte Zigaretten und einen Ascher aus dem Küchenschrank. Ich nickte ihm zu, obwohl ich genauso selten rauchte wie er. Da Kotja keine Streichhölzer fand, behalfen wir uns mit dem Gasherd und seinem Anzünder.
»Was hattest du denn mit deinem Klo angestellt?«, fragte ich.
»Wie ich schon sagte, das war meine eigene Dusseligkeit. Weißt du, es gibt da diese chinesischen Knaller, die so klein sind wie Streichhölzer. Du zündest sie an, wirfst sie weg, und dann explodieren sie. Silvester treiben die Kinder mit diesen Dingern allerlei Unfug …«
»Und weiter?«
»Im Sommer bin ich mit Freunden schwimmen gewesen. Ich hatte ein Päckchen von diesen Knallern mit, die habe ich ins Wasser geworfen. Sie gingen nicht aus, sondern explodierten im Wasser. Sah echt klasse aus. Meine Freunde waren wirklich begeistert. Als ich wieder zu Hause war, wollte ich … einer Dame … zeigen, dass diese Knaller im Wasser unverdrossen weiterbrennen. Wozu hätte ich dafür die Wanne volllaufen lassen sollen? Ich habe also einen ins Klo geworfen … Ich kann von Glück sagen, dass die Tür zu war. Ein Knall - und das ganze Klo zersprang in Scherben! Nur das Knie war danach noch intakt, allerdings mit einem ganz zackigen Rand …«
»Ein hydrodynamischer Stoß«, konstatierte ich. »Eine Explosion in flüssigem Milieu in einem geschlossen Raum. Daran hättest du vorher denken sollen.«
Kotja widersprach nicht. Seufzend zog er an seiner Zigarette. »Und noch was …«, fuhr er fort. »Dein Hund lässt mir keine Ruhe. Überhaupt keine.«
»Das hat der Bulle auch gesagt …«
Titel der russischen Originalausgabe:
ЧEPHOBИK
 
Deutsche Übersetzung von Christiane Pöhlmann
 
 
 
Die gereimten Zweizeiler in Kapitel 12 und 17 dichtete Erik Simon nach.
 
 
 
Redaktion: Erik Simon
Lektorat: Sascha Mamczak
 
Deutsche Erstausgabe 11/07
Copyright © 2005 by S. W. Lukianenko
Copyright © 2007 der deutschen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München in der Verlagsgruppe Random House GmbH http://www.heyne.deUmschlagillustration: Dirk Schulz
 
eISBN : 978-3-894-80443-5
 
Leseprobe
 

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