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S.E. Grove

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Beschreibung

Wenn jeder Ort seine eigene Zeit hat – dann ist das nächste große Abenteuer nie weit … "Weltenriss – Die Karten der verlorenen Zeit" – ein New-York-Times-Bestseller für alle Leser von Philip Pullman und Cornelia Funke Vor hundert Jahren hat "Die Große Disruption" die Kontinente der Erde in verschiedene Zeiten katapultiert – jetzt hat jeder Ort seine eigene Zeit. Sophia Tims Onkel Shadrack ist ein berühmter Kartograph, der diese "Neue Welt" bereist und neu vermisst. Doch er wurde von einer geheimnisvollen verschleierten Frau entführt, die ihn zwingen will, die Carta Mayor für sie zu finden, die Karte in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft festgehalten sind. Sophia muss ihren Onkel unbedingt retten. Sie begibt sich gemeinsam mit ihrem Freund Theo auf eine gefährliche Reise, durch die Zeiten der Welt. Ein faszinierendes Abenteuerroman – packend, atmosphärisch und äußerst originell

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Seitenzahl: 683

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Ähnliche


S. E. Grove

Weltenriss: Die Karten der verlorenen Zeit

Roman

Roman

 

Aus dem Amerikanischen von Christian Dreller

 

Über dieses Buch

 

 

Vor hundert Jahren hat »Die Große Disruption« die Kontinente der Erde in verschiedene Zeiten katapultiert – jetzt hat jeder Ort seine eigene Zeit.

Sophia Tims Onkel Shadrack ist ein berühmter Kartograph, der diese »Neue Welt« bereist und neu vermisst. Doch er wurde von einer geheimnisvollen verschleierten Frau entführt, die ihn zwingen will, die Carta Major für sie zu finden, die Karte in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft festgehalten sind. Sophia muss ihren Onkel unbedingt retten. Sie begibt sich gemeinsam mit ihrem Freund Theo auf eine gefährliche Reise, durch die Zeiten der Welt.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

S.E. Grove ist Historikerin und Weltreisende. Dies ist ihr erster Roman.

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Impressum

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel »The Glass Sentence« bei Viking, Penguin Group, New York.

© 2014 by S. E.Grove

 

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© 2016 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Covergestaltung: bürosüd, München

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-403074-6

 

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Inhalt

[Widmung]

[Motto]

Karten der Neuwelt und unbekannten Welt, von Neu-Okzident und von den Brachlanden

Prolog

TEIL I Erkundung

Kapitel 1 Das Ende einer Ära

14. Juni 1891: 7 Uhr 51

9 Uhr 27: Das Parlament geht in Beratung

Kapitel 2 Die Hafenbahn

14. Juni 1891: 10 Uhr …

14 Uhr 03: An den Anlegern

Kapitel 3 Shadrack Elli, Kartologe

14. Juni 1891

15 Uhr 19

16 Uhr 27: Obere Räumlichkeiten in der East Ending Street

Kapitel 4 Der Kartenraum

15. Juni 1891: 7 Uhr 38

Kapitel 5 Lesen lernen

15. Juni 1891: 9 Uhr 22

Kapitel 6 Eine Spur aus Federn

15. bis 21. Juni 1891

21. Juni 1891, 11 Uhr 27: Aufbruch, um Ausrüstung zu besorgen

15 Uhr 09: Ankunft zu Hause

Kapitel 7 Zwischen den Seiten

21. Juni 1891, 15 Uhr 52

17 Uhr 45: Auf der Suche nach dem Atlas

Kapitel 8 Exil

21. Juni 1891, 18 Uhr 07

19 Uhr …: Ms Clay erzählt vom Lachrima

Kapitel 9 Aufbruch

22. Juni 1891, 0 Uhr 54

8 Uhr 35: Aufwachen bei Ms Clay

9 Uhr 03: Aufbruch nach Charleston

TEIL II Verfolgungsjagd

Kapitel 10 Die weiße Kapelle

21. Juni 1891: Shadrack wird vermisst (Tag 1)

Kapitel 11 Auf den Schienen unterwegs

22. Juni 1891: 11 Uhr 36

15 Uhr 49: Im Zug Richtung Süden

Kapitel 12 Eine Fahrt im Mondlicht

22. Juni 1891: 19 Uhr …

23. Juni, 9 Uhr 51

Kapitel 13 Die Western-Linie

23. Juni 1891: 11 Uhr 36

16 Uhr 02: Charleston

24. Juni, 1 Uhr 18

Kapitel 14 Das Glaziale Zeitalter

23. Juni 1891: Shadrack wird vermisst (Tag 3)

Kapitel 15 Ein sicherer Hafen

24. Juni 1891: 8 Uhr 00

12 Uhr 05

Kapitel 16 Seekrank

24. Juni 1891: 16 Uhr 46

Kapitel 17 Ein Schwan im Meeresgolf

25. Juni 1891: 17 Uhr 41

18 Uhr 20: Großmutter Pearls Geschichte

Kapitel 18 Schokolade, Papier, Münzen

26. Juni 1891: 2 Uhr …

6 Uhr 37: Im Hafen von Veracruz

Kapitel 19 Das Projektil

24. Juni 1891: Shadrack wird vermisst (Tag 4)

Kapitel 20 Vor den Toren

26. Juni 1891: 10 Uhr …

27. Juni, 3 Uhr: Im Gasthaus

8 Uhr 30: Auf der Straße nach Nochtland

TEIL III In der Falle

Kapitel 21 Der Botaniker

28. Juni 1891: 5 Uhr 04

Kapitel 22 Die Erdböden der Zeitalter

28. Juni 1891: 6 Uhr 34

Kapitel 23 Die vier Karten

28. Juni 1891: 11 Uhr 22

11 Uhr 31: Veressa erzählt von Talisman

Kapitel 24 In den Sand

26. Juni 1891: Shadrack wird vermisst (Tag 6)

Kapitel 25 Die kaiserliche Bibliothek

28. Juni 1891: 13 Uhr 48

19 Uhr 27

Kapitel 26 Von beiderlei Zeichen

29. Juni 1891: … Uhr

29. Juni 1891: 6 Uhr 33

Kapitel 27 Mit eiserner Faust

29. Juni 1891: 7 Uhr 34

8 Uhr 42: Unter der Nochtland-Brücke

Kapitel 28 Kurs Süd

28. Juni 1891: Shadrack wird vermisst (Tag 8)

Kapitel 29 Der kahle Baum

29. Juni 1891: 13 Uhr 51

Kapitel 30 Die Mondfinsternis

30. Juni 1891: 16 Uhr 50

TEIL IV Entdeckung

Kapitel 31 Linien auf der Hand

1. Juli 1891: 2 Uhr 05

Kapitel 32 Blitzflut

1. Juli 1891: 2 Uhr 21

Kapitel 33 Der Nachtwein

1. Juli 1891: 3 Uhr 12

4 Uhr 02: Der Nachtwein wird gezeichnet

4 Uhr 17: Aufbruch ins Labyrinth

Kapitel 34 Ein versunkenes Zeitalter

1. Juli 1891: … Uhr

Kapitel 35 Unter dem See

1. Juli 1891: … Uhr

Kapitel 36 Eine Karte der Welt

… Juli 1891: … Uhr

Kapitel 37 Das Ende der Tage

… Juli 1891: … Uhr

Kapitel 38 Ein günstiger Wind, eine redliche Hand

2. Juli 1891: 10 Uhr …

Kapitel 39 Die verlassene Stadt

2. Juli 1891: 12 Uhr 31

13 Uhr 40: Im Palast von Nochtland

6. Juli, 1891: Abreise aus Nochtland

Epilog Jedem sein eigenes Zeitalter

18. Dezember 1891: 12 Uhr 40

Danksagungen

Für meine Eltern und meinen Bruder

Es kann keinen Gelehrten geben ohne den heroischen Geist. Die Präambel der Idee, der Übergang, mittels deren sie vom Unbewussten zum Bewussten schreitet, ist die Handlung. So viel jedenfalls habe ich in meinem Leben gelernt.

Auf der Stelle wissen wir, wessen Worte von Leben erfüllt sind und wessen nicht.

Die Welt – dieser Schatten der Seele oder dieses andere Ich – umgibt uns in all ihrer Weite. Ihre Reize sind die Schlüssel, die meine Ideen freisetzen und mich mit mir selbst bekannt machen. Begierig stürze ich mich in diesen dröhnenden Tumult.

Ralph Waldo Emerson, »The American Scholar« (1837)

Prolog

Es geschah damals vor langer Zeit, als ich noch ein Kind war und die Außenbezirke von Boston nur aus Farmland bestanden. Im Sommer verbrachte ich die langen Tage draußen zusammen mit meinen Freunden und kam erst nach Hause, wenn die Sonne unterging. Um der Hitze zu entrinnen, gingen wir im Boon’s Stream schwimmen, einem Flüsschen mit schneller Strömung, in dem es ein tiefes natürliches Badebecken gab.

An einem ganz bestimmten warmen Tag im Sommer des Jahres 1799, am 16. Juli, hatten alle meine Freunde bereits vor mir den Fluss erreicht. Ich konnte ihr ausgelassenes Geschrei hören, als ich auf das Ufer zulief, und kaum sahen sie mich am Rand der besten Sprungstelle stehen, als sie mich auch schon unter lauten Rufen drängten, es ihnen nachzutun. »Spring, Lizzie, spring schon!« Ich zog mich bis auf die leinene Unterwäsche aus. Dann nahm ich Anlauf und sprang. Ich konnte nicht wissen, dass, wenn ich landete, dies in einer anderen Welt geschehen würde.

Plötzlich fand ich mich unversehens über dem Becken schwebend wieder. Die Arme um die Knie geschlungen, hing ich dort in der Luft und blickte auf das Wasser und das nahe Ufer, unfähig, mich zu bewegen. Es war, als würde man verzweifelt versuchen, aus einem Traum zu erwachen. Du willst aufwachen, dich bewegen, aber du kannst es nicht. Deine Augen bleiben geschlossen, die störrischen Glieder reglos. Nur dein Geist rührt sich und sagt: »Steh auf, hoch mit dir!« Genau so war es – außer dass es sich bei dem Traum, der nicht weichen wollte, um die Welt handelte, die mich umgab.

Alles war still geworden. Ich konnte nicht einmal meinen Herzschlag hören. Dennoch wusste ich, dass die Zeit verging. Und sie verging nur allzu schnell. Meine Freunde verharrten wie erstarrt auf der Stelle, während das in wilden Wirbeln dahinströmende Wasser in beängstigender Geschwindigkeit an ihnen vorbeischoss. Und dann sah ich, wie etwas an den Ufern des Flüsschens geschah.

Das Gras begann vor meinen Augen zu wachsen. Es wuchs stetig und immer weiter, bis es so hoch wie sonst nur im Spätsommer war. Gleich darauf fing es an zu welken und braun zu werden. Das Laub der am Flussufer wachsenden Bäume verfärbte sich gelb, orange und schließlich rot, bis es alsbald verwelkte und auf die Erde segelte. Das Licht, das mich umgab, schimmerte in einem stumpfen Grau, als wäre es zwischen Tag und Nacht gefangen. Als die Blätter zu fallen begannen, wurde das Licht trüber. So weit ich blicken konnte, nahmen die Felder ein silbriges Braun an, nur um sich im nächsten Augenblick in eine weite, schneebedeckte Fläche zu verwandeln. Unter mir wurde das Flüsschen langsamer, bevor es schließlich zu Eis erstarrte. Die Schneedecke stieg und fiel in Wellen, so wie sie es im Verlauf eines langen Winters machen würde. Dann begann sie zu schwinden, sich von den kahlen Ästen und dem Erdboden zurückzuziehen. Das Eis auf dem Fluss zerbrach in Stücke, und das Wasser eilte wieder in seinem Bett dahin. Jenseits der Flussufer nahm das Land ein blasses Grün an, als neue Triebe die Erde durchbrachen, und an den Rändern der Bäume traten frische grüne Spitzen in Erscheinung. Schon bald nahmen die Blätter ihre kräftigere Sommerfärbung an, und das Gras wuchs höher. Obwohl das alles im Nu verging, hatte ich das Gefühl, als hätte ich ein ganzes Jahr außerhalb der Welt gelebt, während diese sich einfach weiterbewegte.

Dann plötzlich fiel ich. Ich landete im Fluss, und die Laute der Welt um mich herum drangen wieder an mein Ohr. Während das Wasser des Flusses wieder glucksend und plätschernd dahineilte, starrten meine Freunde und ich uns schockiert an. Wir alle hatten dasselbe gesehen, doch wir hatten keine Ahnung, was passiert war.

In den darauffolgenden Tagen und Wochen begannen die Bewohner von Boston sich der unglaublichen Konsequenzen dieses Augenblickes bewusstzuwerden. Auch wenn wir es nicht einmal ansatzweise verstehen konnten. Die Schiffe aus England und Frankreich blieben aus. Als die ersten Seefahrer, die sich nach der großen Veränderung von Boston aus auf Erkundungsfahrt begaben, verwirrt und entsetzt zurückkehrten, brachten sie verstörende Geschichten von Seuchen und Häfen aus längst vergangenen Zeitaltern mit. Händler, die sich nach Norden begaben, berichteten von kargen, schneebedeckten Landstrichen, in denen jegliche Anzeichen menschlicher Existenz verschwunden waren und nun plötzlich unglaubliche, bisher nur aus Mythen bekannte Bestien hausten.

Reisende, die sich nach Süden vorwagten, brachten derart unterschiedliche Berichte mit – von Städten mit turmhohen Gebäuden aus Glas, Reiterüberfällen und unbekannten Kreaturen – dass nicht ein einziger dem anderen glich.

So wurde offensichtlich, dass in einem einzigen schrecklichen Moment die verschiedenen Teile der Welt auseinandergerissen worden waren. Sich aus der Zeit gelöst hatten und nun ohne Halt in verschiedene Richtungen taumelten, wobei jedes Teil in ein unterschiedliches Zeitalter geschleudert worden war. Als der Moment verstrich, lagen die zerstreuten Teile räumlich so nahe beieinander, wie sie es immer getan hatten. Doch die Zeit hatte sie hoffnungslos voneinander entfernt. Niemand wusste, wie alt die Welt in Wirklichkeit war oder welches Zeitalter diese Katastrophe ausgelöst hatte. Die Welt, wie wir sie kannten, war zerbrochen, und eine neue hatte ihren Platz eingenommen.

Wir nannten es die Große Disruption.

 

Elizabeth Elli an ihren Enkel Shadrack, 1860

TEIL IErkundung

Kapitel 1Das Ende einer Ära

14. Juni 1891: 7 Uhr 51

Neu-Okzident begann sein Experiment einer gewählten Volksvertretung voller Hoffnung und Optimismus. Doch schon bald war es von Korruption und Gewalt behaftet, und es wurde offenkundig, dass das System gescheitert war. 1823 brachte ein wohlhabender Abgeordneter aus Boston einen radikalen Plan vor. Er schlug vor, dass die Geschicke Neu-Okzidents fortan von einem einzigen Parlament gelenkt werden sollten und dass jeder, der seine Meinung vor dieser Institution vorzubringen wünsche, eine Zutrittgebühr zahlen solle. Der Plan wurde – von jenen, die es sich leisten konnten – als demokratischste Initiative seit der Revolution gepriesen. Damit wurde das Fundament für die aktuelle Praxis gelegt, Parlamentszeit nach Sekunden zu verkaufen.

Shadrack ElliGeschichte Neu-Okzidents

Der Tag, als Neu-Okzident seine Grenzen schloss, der heißeste Tag des Jahres, war ebenso der Tag, an dem sich Sophia Tims Leben für immer veränderte, weil sie die Zeit aus den Augen verlor.

Dabei hatte ihr Tag damit begonnen, dass sie den Fortgang der Stunden sorgsam im Auge behielt – und zwar mittels des in zwanzig Stunden eingeteilten Ziffernblatts der mächtigen goldenen Uhr, die gravitätisch über dem Rednerpodium im Boston State House, dem Parlament, prangte.

Als es acht schlug, war der Parlamentssaal brechend voll. Die in Hufeisenform um das Podium herumgruppierten Abgeordneten – sprich die achtundachtzig Männer und zwei Frauen, die reich genug waren, sich dieses Amt zu beschaffen – befanden sich auf ihren Sitzen. Ihnen gegenüber hatten die Besucher Platz genommen, die wohlhabend genug waren, sich Redezeit vor dem Parlament zu erkaufen, während die Sitzreihen dahinter den Angehörigen der Öffentlichkeit vorbehalten waren, die sich einen Platz im Parterre leisten konnten. Sophia saß oben auf der Galerie, umgeben von Männern und Frauen, denen ebenso wie ihr nichts anderes übriggeblieben war, als sich auf die billigen Sitzbankplätze zu zwängen. Die Sonne schien durch die hohen Fenster des State House hinein und brachte das Blattgold auf dem geschwungenen Galeriegeländer zum Leuchten.

»Ist die Hitze nicht brutal?«, seufzte die Frau neben Sophia und fächelte sich mit ihrer Haube etwas Kühlung zu. Feine Schweißperlen bedeckten ihre Oberlippe, und ihr Popelinekleid war ganz zerknautscht und klamm. »Jede Wette, dass es unten fünf Grad kühler ist.«

Sophia warf ihr ein nervöses Lächeln zu und scharrte mit ihren Stiefeln über den hölzernen Dielenboden. »Mein Onkel ist da unten. Er wird sprechen.«

»Wirklich? Wo?« Die Frau legte ihre pummelige Hand auf das Geländer und spähte nach unten.

Sophia wies auf einen braunhaarigen Mann, der, die Hände vor der Brust verschränkt, kerzengerade auf seinem Platz saß. Er trug einen Leinenanzug und balancierte ein dünnes Lederbüchlein auf den Knien. Ruhig musterten seine dunklen Augen den überfüllten Saal. Sein Freund Miles Countryman, der wohlhabende Forscher und Entdecker, hatte neben ihm Platz genommen. Sein Gesicht war rot vor Hitze, und der vor Schweiß durchtränkte weiße Haarschopf lag angeklatscht am Kopf. In einer brüsken Bewegung fuhr Miles sich mit einem Taschentuch durchs Gesicht.

»Er ist gleich da vorne … in der ersten Rednerreihe.«

»Wo?«, fragte die Frau und kniff die Augen zusammen. »Ah, sieh doch nur … der berühmte Shadrack Elli ist auch hier.«

Sophia lächelte stolz. »Das ist er. Shadrack ist mein Onkel.«

Die Frau blickte sie an und vergaß vor Überraschung einen Moment lang, sich Kühlung zuzufächeln.

»Na so was aber auch. Die Nichte des berühmten Kartologen.« Sie war ganz offensichtlich beeindruckt. »Verrat mir deinen Namen, Liebes.«

»Sophia.«

»Dann verrat mir mal, Sophia, wie es kommt, dass sich dein berühmter Onkel keinen besseren Platz für dich leisten kann. Hat er sein ganzes Geld für seine Redezeit ausgegeben?«

»Oh, Shadrack kann sich keine Zeit im Parlament leisten«, erwiderte Sophia geradeheraus. »Miles hat dafür gezahlt … für vier Minuten und dreizehn Sekunden.«

Als Sophia sprach, begann die Sitzungsprozedur. Die zwei Zeitwächter zu beiden Seiten des Podiums, die jeweils eine Stoppuhr in ihren weißbehandschuhten Händen hielten, riefen den ersten Redner auf, einen gewissen Mr Rupert Middles. Ein korpulenter Mann mit kunstvoll geformtem Schnurrbart begab sich nach vorn. Räuspernd rückte er seine senffarbene Krawatte zurecht und strich mit fetten Fingern über seinen Prachtbart. Sophia riss die Augen auf, als der Zeitwächter auf der Linken die Uhr, die die Redezeit anzeigte, auf siebenundzwanzig Minuten stellte. »Sieh dir das an!«, flüsterte die mollige Frau neben ihr. »Das muss ihn ein Vermögen gekostet haben!«

Sophia nickte. Ihr Magen verkrampfte sich, als Rupert Middles den Mund öffnete und seine siebenundzwanzig Minuten ihren Lauf nahmen. »Es ist mir eine Ehre, vor dem Parlament zu erscheinen, …«, begann er mit Donnerstimme, »… heute am vierzehnten Juni im Jahre achtzehnhunderteinundneunzig, um Ihnen einen Plan zur Besserung des Wohlergehens unseres geliebten Neu-Okzidents zu unterbreiten.« Er holte tief Luft. »Die Piraten der Vereinten Westindischen Inseln, die Raubhorden aus den Brachlanden, das allmähliche Vordringen in unser Territorium von Norden, Westen und Süden … wie lange will Neu-Okzident denn noch die Realitäten unserer veränderten Welt ignorieren, während die gierigen Mäuler von Fremden an unseren Grenzen nagen?«

Buh- und Beifallsrufe ertönten aus der Menge, aber Middles hielt kaum inne. »Allein im letzten Jahr wurden vierzehn Städte in New Akan von plündernden Horden aus den Brachlanden überrannt. Räuber, die für keines der mit dem Leben in Neu-Okzident einhergehenden Privilegien zahlen, sondern sie in vollem Ausmaß genießen. Im gleichen Zeitraum haben Piraten sechsunddreißig Handelsschiffe mit Gütern von den Westindischen Inseln gekapert. Ich muss Sie zudem nicht erst daran erinnern, dass erst letzte Woche die Gusty Nor’easter, ein stolzes Bostoner Schiff mit Geldern und Waren im Wert von Tausenden von Dollar an Bord, von dem berüchtigten Bluebird aufgebracht wurde. Einem verabscheuenswürdigen Piraten, der …«, fügte er mit vor Eifer rotem Gesicht hinzu, »… nicht einmal eine Meile von hier entfernt im Hafen von Boston ankert!« In der Menge schwoll ein ermunterndes, böses Knurren an. Middles holte rasch Luft und fuhr fort. »Wie jeder Bürger Bostons bin ich ein toleranter Mann.« Zaghafte Beifallsrufe regten sich. »Und wie jeder Bürger Bostons bin ich ein arbeitsamer Mann.« Die Beifallsrufe wurden lauter. »Und ich sehe es nur ungern, wie meine Toleranz und Strebsamkeit durch die Gier und Durchtriebenheit von Außenseitern dem Spott anheimfallen.« Applaus und Beifallsrufe brandeten ihm aus der Menge entgegen.

»Ich bin hier, um einen detaillierten Plan zu unterbreiten, welchen ich als den Großen Patriotischen Plan bezeichne und von dem ich sicher bin, dass er angenommen werden wird, da er die Interessen all jener repräsentiert, die wie ich an die Aufrechterhaltung unserer Toleranz und Strebsamkeit glauben.« Er stemmte sich mit den Armen gegen das Podium. »Mit sofortiger Wirksamkeit müssen die Grenzen geschlossen werden.« Er hielt inne, um die schrillen Beifallsrufe abzuwarten. »Den Bürgern Neu-Okzidents ist es gestattet, frei in andere Zeitalter zu reisen – wenn sie über ordentliche Dokumente verfügen. In Neu-Okzident lebenden Ausländern, die nicht über unsere Staatsbürgerschaft verfügen, wird einige Wochen Zeit eingeräumt, um in ihre Herkunftszeitalter zurückzukehren, und jene, die dann noch bleiben, werden am vierten Juli dieses Jahres zwangsweise deportiert – dem Tag, an dem wir die Gründung dieser großen Nation feiern.« Weitere Begeisterungsrufe brachen aus, und eine Schar von Zuschauern erhob sich, um enthusiastisch zu applaudieren, selbst dann noch, als Middles mit seiner Rede fortfuhr.

Sophia wurde ganz flau im Magen, als Rupert Middles in aller Ausführlichkeit die vorgesehenen Strafen für Ausländer beschrieb, die ohne Papiere in Neu-Okzident blieben, und anschließend auf die Sanktionen für diejenigen Bürger einging, die versuchten, ohne Genehmigung das Land zu verlassen. Er redete so rasch, dass sich, wie sie schon bald wahrnahm, eine Linie weißen Schaums an seinem Schnurrbartrand sammelte und seine Stirn vor Schweiß glänzte. Wild gestikulierend und ohne sich die Mühe zu machen, sich über die Stirn zu fahren, spie er vom Podium herab alle Einzelheiten seines Planes den Zuhörern entgegen, und die Menge um ihn herum jubelte lauthals.

Natürlich hatte Sophia all das schon einmal gehört. Da sie bei dem berühmtesten Kartologen Bostons lebte, hatte sie nicht nur alle großen Forscher und Entdecker kennengelernt, die sein Arbeitszimmer betreten hatten. Vielmehr war sie auch mit den zutiefst verabscheuenswürdigen Argumenten jener vertraut, die danach strebten, dem Zeitalter der Entdeckungen ein Ende zu bereiten. Doch das machte weder das ätzende Gift, das Rupert Middles in seiner Rede verspritzte, noch seinen gesamten Plan um einen Deut weniger schrecklich. Während sie dann den noch verbliebenen Minuten der Rede bis zum Ende folgte, dachte sie mit wachsender Furcht daran, was die Schließung der Grenzen bedeuten würde: Neu-Okzident würde seine Verbindungen zu den anderen Zeitaltern verlieren, und geliebte Freunde und Nachbarn wären gezwungen fortzugehen. Aber für sie, Sophia, wäre der Verlust sogar noch schmerzhafter. Sie werden keine richtigen Dokumente haben. Sie werden nicht mehr reinkommen, und ich werde sie für immer verlieren, dachte sie mit klopfendem Herzen.

Die Frau, die neben ihr saß, fächelte sich weiter Kühlung zu und schüttelte missbilligend den Kopf. Dann waren die siebenundzwanzig Minuten schließlich vorbei, und einer der Zeitwächter ließ eine laute Glocke erklingen. Schwitzend und außer Atem wankte Middles unter wildem Applaus auf seinen Platz zurück. Applaus, der Sophia mit Grauen erfüllte, konnte sie sich doch überhaupt nicht vorstellen, wie Shadrack eine Chance haben sollte, das Publikum in nur vier Minuten auf seine Seite zu ziehen.

»Ekliger Spucker«, warf Sophias Nachbarin mit Abscheu in der Stimme ein.

»Mr Augustus Wharton«, verkündete der erste Zeitwächter mit lauter Stimme, während sein Kollege die Uhr auf fünfzehn Minuten stellte. Jubel und Beifall verebbten, als ein großgewachsener weißhaariger Mann mit Hakennase selbstsicher nach vorn schritt. Er hatte keinerlei Notizen dabei und umklammerte den Rand des Podiums mit langen bleichen Fingern.

»Sie dürfen beginnen«, sagte einer der Zeitwächter.

»Ich bin vor dieser Versammlung erschienen«, ergriff Mr Wharton mit trügerisch leiser Stimme das Wort, »um den von Mr Rupert Middles vorgebrachten Antrag zu kommentieren und die neunzig Mitglieder dieses Parlamentes davon zu überzeugen, dass wir diesen nicht nur in Kraft setzen, sondern vielmehr weiterentwickeln«, rief er mit stetig lauter werdender Stimme. Das Publikum im Parkett des Parlamentssaals klatschte begeistert. Voller Qual beobachtete Sophia, wie sich auf Shadracks Gesicht ein harter und zorniger Ausdruck breitmachte.

»Ja, wir müssen unsere Grenzen schließen, und ja, wir müssen die zügige Deportation jener Ausländer umsetzen, die die Kraft aus dieser großen Nation saugen, ohne ihr dafür irgendetwas im Gegenzug zu geben. Aber wir müssen unsere Grenzen ebenfalls schließen, um die Bürger Neu-Okzidents am Verlassen unseres Landes und an der Unterminierung unserer elementaren Grundlagen zu hindern. Ich frage Sie: Warum sollte irgendjemand den Wunsch verspüren, in andere Zeitalter zu reisen? Zeitalter, von denen wir wissen, dass sie uns unterlegen sind! Bleibt der wahre Patriot nicht zu Hause, wo er hingehört? Ich habe keinen Zweifel, dass unsere großen Forscher und Entdecker, auf die wir so stolz sind, nur in bester Absicht in ferne Länder reisen, um jenem esoterischen Wissen nachzujagen, welches unglücklicherweise für viele von uns zu hoch ist, um es zu ergründen.« Seine Stimme nahm einen herablassenden Ton an, als er den Kopf in Shadracks und Miles’ Richtung beugte.

Zu Sophias Entsetzen sprang Miles von seinem Sitz auf. Die Menge johlte spöttisch, als Shadrack sich schnell erhob und beschwichtigend eine Hand auf den Arm seines Freundes legte, um ihn zurück auf seinen Platz zu bugsieren. Miles setzte sich wütend, während Wharton fortfuhr, ohne die Unterbrechung zur Kenntnis zu nehmen. »Aber ohne Zweifel sind diese Entdecker zuweilen auch etwas naiv«, fuhr er unter lauten Zustimmungsrufen fort. »Oder vielleicht – besser gesagt – idealistisch, wenn sie nicht erkennen, dass ebenjenes von ihnen so gepriesene Wissen zur unredlichen Waffe ausländischer Mächte wird, die sich auf die Zerstörung dieser großen Nation richtet!« Dies wurde mit dröhnendem Beifallsgeschrei quittiert. »Muss ich Sie etwa erst an den großen Entdecker Winston Hedges erinnern, dessen Kenntnisse über die Golfküste skrupellos von Piraten bei der Belagerung von New Orleans ausgenutzt wurden.« Laute Buhrufe ließen erkennen, dass die Erinnerung daran in der Tat noch frisch war. »Und vielleicht werden einige in diesem Saal ja auch nachvollziehen können«, schnaubte er, »dass die meisterhaften Werke eines gewissen Kartologen, der uns heute mit seiner Anwesenheit beehrt, perfekte Recherchematerialien für alle Piraten, Räubernomaden oder Tyrannenherrscher darstellen, denen nach einer Invasion gelüstet.«

Das durch eine solch direkte Attacke überraschte Publikum applaudierte zögerlich. Shadrack saß stumm da. Aber seine Augen blitzten vor Zorn, und sein Gesicht hatte einen starren Ausdruck angenommen, der die unterdrückte Wut kaum verhehlen konnte.

Sophia musste schlucken. »Tut mir so leid, Liebes«, murmelte die Frau neben ihr. »Das war völlig unangebracht.«

»Kurz gesagt«, fuhr Wharton fort, »möchte ich einen Zusatzantrag einbringen, durch den eine komplette Schließung der Grenzen nicht nur für Ausländer, sondern ebenso für Bürger Neu-Okzidents zur Umsetzung gebracht werden würde. Middles hat seinen Großen Patriotischen Plan, der uns vor Ausländern schützen wird. Ich sage gut … aber nicht gut genug. Daher schlage ich hier nun darüber hinaus eine Maßnahme vor, um uns vor uns selbst zu schützen. Den Schutz-Zusatzartikel: Bleibe zu Hause, bleibe in Sicherheit!« Die Beifallsrufe hierauf waren spärlich, aber enthusiastisch. »Ich schlage vor, die auswärtigen Beziehungen einzuschränken und den Handel mit jeweils genau festgeschriebenen Zeitaltern wie folgt zu ermöglichen.«

Sophia bekam den Rest kaum mit. Unablässig beobachtete sie Shadrack. Verzweifelt wünschte sie, doch neben ihm zu sitzen, anstatt von der Höhe der Galerie auf die ganze Szenerie hinabzustarren. Und sie dachte daran, was wohl passieren mochte, wenn Whartons Plan das Parlament passieren und das Zeitalter der Entdeckungen sein jähes Ende finden würde.

Shadrack hatte sie bereits gewarnt, dass genau dies passieren könnte. Noch am Abend zuvor hatte er das getan, als er seine Rede zum fünfzehnten Mal geübt hatte, während er am Küchentisch stand und Sophia Sandwichs zubereitete. Für sie war es einfach unvorstellbar gewesen, wie jemand eine so engstirnige Meinung vertreten konnte. Und dennoch schien es nun, betrachtete man die Reaktionen der Leute um sie herum, dass es nur allzu möglich war.

»Möchte denn niemand, dass die Grenzen offen bleiben?«, flüsterte Sophia irgendwann.

»Natürlich wollen sie das, Liebes«, sagte ihre Banknachbarin mit sanfter Stimme. »Die meisten von uns wollen das. Aber wir gehören nicht zu denen, die das Geld haben, um im Parlament zu reden, nicht wahr? Fällt dir denn nicht auf, dass all die Leute, die für ihresgleichen klatschen, unten im Parkett sitzen – auf den teuren Plätzen?«

Sophia nickte unglücklich.

Schließlich ertönte wieder die Glocke, und Wharton verließ triumphierend das Podium.

Der Zeitwächter rief: »Mr Shadrack Elli.« Vereinzelter, höflicher Applaus war zu hören, als Shadrack zum Rednerpult schritt. Während die Uhr auf vier Minuten und dreizehn Sekunden gestellt wurde, sah er zur Galerie empor und begegnete Sophias Blick. Lächelnd klopfte er auf seine Jackentasche. Sophia lächelte zurück.

»Was hat das zu bedeuten?«, fragte ihre Nachbarin aufgeregt. »Ein geheimes Zeichen?«

»Ich habe ihm eine Glücksbotschaft geschrieben.«

Bei besagter Botschaft handelte es sich in Wirklichkeit um eine Zeichnung, eine von den vielen, die Shadrack und Sophia an unerwarteten Orten jeweils für den anderen zu hinterlassen pflegten: eine fortlaufende Korrespondenz in Bildern. Auf dem Bild war Uhrwerk-Cora zu sehen – die Heldin, die sie sich zusammen ausgedacht hatten –, wie sie gerade triumphierend vor einem verängstigten Parlament stand. Uhrwerk-Cora hatte eine Uhr als Torso, einen Kopf voller Locken und ziemlich spindeldürre Arme und Beine. Zum Glück war Shadrack eine würdevollere Erscheinung. Mit seinem zurückgeworfenen dunklen Haar und dem markanten, emporgestreckten Kinn wirkte er selbstbewusst und bereit. »Sie können beginnen«, sagte der Zeitwächter.

»Ich bin heute«, begann Shadrack leise, »nicht als Kartologe oder Entdecker hier, sondern als Bewohner unserer Neuwelt.« Er machte eine Pause und wartete zwei kostbare Sekunden lang, damit sein Publikum aufmerksam zuhörte. »Es gibt da einen großen Dichter«, sagte er dann mit ruhiger Stimme, »den wir dank seiner Werke das Glück zu kennen haben. Ein englischer Poet, geboren vor der Disruption im sechzehnten Jahrhundert, dessen Verse jedes Schulkind lernt, dessen Worte unseren Geist tausendfach erleuchtet haben. Doch weil er im sechzehnten Jahrhundert das Licht der Welt erblickte und England sich unseres Wissens im zwölften Jahrhundert befindet, ist er noch nicht geboren worden. Und wie das Schicksal es so will, ist es durchaus möglich, dass er überhaupt niemals mehr geboren wird. Ist das der Fall, werden seine überlebenden Bücher umso wertvoller sein, und es ist an uns – an uns –, seine Worte weiterzugeben und sicherzustellen, dass sie nicht aus dieser Welt verschwinden. Dieser große Poet namens John Donne«, er hielt inne und ließ den Blick über sein Publikum schweifen, das still geworden war, »schrieb einst:

Niemand ist eine Insel ganz für sich; jeder ist ein Teil des Kontinents, ein Teil des Ganzen. Wird eine Scholle ins Meer gespült, wird Europa kleiner … Eines jeden Tod ist mein Verlust, bin ich doch Teil der ganzen Menschheit.

Ich muss Sie nicht erst von seinen Worten überzeugen. Haben wir doch am eigenen Leib erfahren, wie wahr sie sind. Wir haben nach der Großen Disruption die große Verarmung unserer Welt erlebt, als deren Teile auseinanderbrachen, fortgerissen in das Meer der Zeiten: das spanische Weltreich … zersplittert, die nördlichen Territorien … verloren an die Prähistorie, ganz Europa … in ein längst vergangenes Jahrhundert geschleudert, und viele weitere Teile unserer Welt … eingebüßt an unbekannte Zeitalter. Das alles ist noch nicht allzu lange her – weniger als hundert Jahre –, und immer noch erinnern wir uns an diesen Verlust.

Meine Großmutter väterlicherseits – Elisabeth Elli oder auch Lizzie für alle, die sie gut kannten – lebte während der Großen Disruption, und sie hat diesen Verlust aus erster Hand miterlebt. Dennoch war sie es, die mich dazu inspiriert hat, ein Kartologe zu werden, indem sie mir die Geschichte jenes verhängnisvollen Tages erzählt und mich immer wieder daran erinnert hat, nicht an das Verlorene zu denken, sondern an das, was wir vielleicht gewinnen können. Wir brauchten Jahre – Jahrzehnte –, um zu erkennen, dass es möglich war, diese zerbrochene Welt zu reparieren. Dass wir in entfernte Zeitalter vorstoßen und die enormen Barrieren der Zeit überwinden können und dadurch umso reicher werden. Wir haben unsere Technologien perfektioniert, indem wir Weisheiten aus anderen Zeitaltern entlehnt haben. Wir haben neue Zugänge zum Verständnis der Zeit entwickelt. Wir haben durch Handel und Kommunikation mit nahen Zeitaltern profitiert, sehr profitiert. Und wir haben auch gegeben.

Mein guter Freund, der Atlas-Press-Verleger Arthur Whims«, sagte er und hielt ein dünnes, in Leder gebundenes Buch in die Höhe, »hat ein Reprint der Werke von John Donne herausgebracht, so dass dessen Worte auch jenen zur Kenntnis gebracht werden können, die nach uns kommen. Und dieses Lernen über die Zeitalter hinweg ist noch nicht an sein Ende gelangt … Ein Großteil der Neuwelt ist uns immer noch unbekannt. Stellen Sie sich vor, welche Schätze – seien sie nun finanzieller«, er musterte die Parlamentsmitglieder mit durchdringendem Blick, »wissenschaftlicher oder literarischer Natur – uns jenseits der Grenzen unseres Zeitalters erwarten. Wünschen Sie wirklich, dass diese Schätze ins Meer gespült werden? Wünschen Sie wirklich, dass unsere eigene Weisheit und Erfahrungen aus dieser Welt fallen, indem man sie innerhalb unserer Grenzen gefangen hält? Das darf nicht sein, meine Freunde, meine Bostoner Mitbürger. Wir sind in der Tat tolerant, und wir sind arbeitsam, wie Mr Middles zu Recht behauptet hat, und wir sind ein Teil des Ganzen. Wir sind keine Insel. Und wir dürfen uns nicht wie eine verhalten.«

Die Uhr lief genau in dem Moment ab, als Shadrack vom Podium wegtrat; und der Zeitwächter, noch ganz gefangen von den bewegenden Worten, ließ seine Glocke etwas zu spät in die absolute Stille des State House hinein ertönen. Sophia sprang auf und fing laut an zu klatschen. Das Geräusch schien das Publikum um sie herum wachzurütteln, und es brach ebenfalls in lauten Applaus aus, während Shadrack auf seinen Platz zurückkehrte. Miles klopfte ihm kräftig auf den Rücken. Die anderen Redner saßen nur mit versteinerten Gesichtern da, aber die Beifallsrufe von der Galerie ließen keinen Zweifel daran aufkommen, dass Shadracks Worte gehört worden waren.

»Das war eine gute Rede, nicht wahr?«, fragte Sophia.

»Phantastisch«, erwiderte die Frau, immer noch klatschend. »Und von was für einem stattlichen Redner vorgebracht, meine Liebe«, fügte sie noch einen etwas irrelevanten Kommentar hinzu. »Einfach umwerfend. Ich hoffe nur, es reicht. Vier Minuten sind nicht sehr viel Zeit, und Zeit wiegt schwerer als Gold.«

»Ich weiß«, seufzte Sophia und blickte, sich der Hitze absolut nicht mehr bewusst, zu Shadrack hinunter, während sich die Mitglieder des Parlaments zur Beratung in ihre Kammer zurückzogen. Sie sah auf ihre Uhr, steckte sie wieder in ihre Tasche zurück und machte sich aufs Warten gefasst.

9 Uhr 27: Das Parlament geht in Beratung

Schwer hing der stickige Geruch von feuchter Wolle und Erdnüssen im Saal, die die Zuschauer draußen von Straßenhändlern kauften. Einige begaben sich auch nur hinaus, um frische Luft zu schnappen, kehrten aber rasch wieder zurück. Niemand wollte es versäumen, wenn die Mitglieder des Parlaments zurückkehrten und ihre Entscheidung bekanntgaben. Es gab drei Optionen: Sie konnten überhaupt nichts unternehmen, einen der Pläne zur Überprüfung und Wiedervorlage empfehlen oder einen von beiden annehmen und umsetzen.

Sophia sah auf die Uhr über dem Rednerpodium und registrierte, dass es zehn war – schon Mittag. Als sie sich vergewissern wollte, ob Shadrack bereits zurückgekehrt war, sah sie, wie die Parlamentsmitglieder hintereinander wieder in den Saal zurückkehrten. »Sie kommen zurück«, sagte ihre Banknachbarin. Es folgten einige Minuten eiligen Getippels und Gewusels, während der die Leute versuchten, ihre Plätze wiederzufinden, bevor sich erneut Stille über das Publikum senkte.

Der Parlamentspräsident begab sich mit einem einzelnen Blatt Papier zum Rednerpodium. Unwillkürlich verkrampfte sich Sophias Magen. Hätten sie für keinen Handlungsbedarf plädiert – wie von Shadrack empfohlen –, hätte es dafür keines Papieres bedurft, um das zu verkünden.

Der Mann räusperte sich. »Die Mitglieder des Parlaments«, begann er langsam – wie um zu betonen, dass er für seinen Teil nicht für seine Redezeit gezahlt hatte –, »haben über die vorgeschlagenen Maßnahmen abgestimmt. Mit einundfünfzig zu neununddreißig Stimmen haben wir«, er gab ein Hüsteln von sich, »den von Mr Rupert Middles vorgelegten Großen Patriotischen Plan zur sofortigen Umsetzung angenommen und …«

Der Rest seiner Worte ging in einem wilden Tumult unter. Sophia sank wie betäubt auf die Bank nieder und versuchte zu begreifen, was da gerade geschehen war. Sie streifte sich den Riemen ihrer Umhängetasche über die Schulter, erhob sich und lugte über das Galeriegeländer hinab, bemüht, Shadrack auszumachen, der jedoch von der Menge verschluckt worden war. Hinter ihr brachte das Publikum seine kollektive Enttäuschung mittels diverser Wurfgeschosse – darunter eine Brotkruste, ein abgetragener Schuh, ein angebissener Apfel und ein Hagel aus Erdnussschalen – zum Ausdruck, die sie auf die Parlamentsmitglieder hinabschmissen. Sophia spürte, wie sie gegen den Geländerrand gedrückt wurde, als die aufgebrachte Menge sich nach vorne schob, und für einen schrecklichen Moment lang klammerte sie sich an die hölzerne Kante, um nicht hinübergestoßen zu werden.

»Runter in die Kammern! Runter in die Kammern!«, kreischte ein Zeitwächter mit schriller Stimme. Sophia erhaschte einen Blick auf Parlamentarier, die an ihm vorbeieilten.

»So leicht werdet ihr nicht davonkommen, ihr Feiglinge!«, rief ein Mann hinter ihr. »Ihnen nach!« Zu ihrer Erleichterung zog sich die Menge plötzlich zurück und begann, über die Bänke kletternd, auf die Ausgänge zuzustreben.

Sophia blickte sich nach der Frau um, die neben ihr gesessen hatte, aber sie war fort.

Mit immer noch klopfendem Herzen stand sie einen Moment lang in der sich lichtenden Menge da und überlegte, was sie tun sollte. Shadrack hatte gesagt, er würde sie auf der Galerie abholen. Doch jetzt im Augenblick würde sich das für ihn bestimmt als unmöglich erweisen. Ich habe versprochen zu warten, sagte sich Sophia entschlossen. Sie versuchte, ihre zitternden Hände unter Kontrolle zu bringen und die Rufe von unten zu ignorieren, die von Sekunde zu Sekunde gewalttätiger klangen. Eine Minute verging und dann noch eine. Sophia behielt unablässig ihre Uhr im Auge, um nicht das Zeitgefühl zu verlieren. Plötzlich vernahm sie ein fernes Raunen, das stetig lauter wurde, als immer mehr Leute mit einstimmten. »Räuchert sie aus, räuchert sie aus, räuchert sie aus!« Sophia rannte zur Treppe.

Unten auf dem Parkett war unterdessen eine Gruppe von Männern dabei, die Türen zu den Parlamentskammern mit dem umgekippten Podest einzurammen. »Räuchert sie aus!«, kreischte eine Frau, während sie fieberhaft Stühle aufschichtete, als würde sie ein Lagerfeuer vorbereiten. Sophia hastete auf den Gebäudeausgang zu, vor dem sich anscheinend bereits fast das gesamte Publikum versammelt hatte, so dass der Ausgang bis zur Galerietreppe hoch blockiert war. »Räuchert sie aus! Räuchert sie aus! Räuchert sie aus!« Sophia presste ihre Tasche fest gegen die Brust und bahnte sich mit den Ellenbogen einen Weg durch die Menge.

»Du bigotter Mistkerl!«, rief eine Frau vor ihr plötzlich und drosch mit den Fäusten wild auf einen älteren Mann im grauen Anzug ein. Schockiert erkannte Sophia, dass es sich um Augustus Wharton handelte. Als er seinen mit einem Silberknauf verzierten Spazierstock schwang, warfen sich zwei Männer mit den unverwechselbaren Tätowierungen der Westindischen Inseln auf ihn. Einer wand Wharton den Stock aus der Hand, während der andere ihm die Arme auf den Rücken riss. Die blauen Augen der Frau blitzten vor Wut, als sie Wharton anspuckte.

Doch schon im nächsten Augenblick sank sie inmitten des Haufens ihrer eigenen Kleider und Unterröcke zu Boden und gab den Blick auf einen Polizisten frei, der hinter ihr stand, den Schlagstock immer noch erhoben. Der Polizist griff schützend nach Wharton, und die beiden tätowierten Männer suchten das Weite.

Ein Ruf ertönte, gefolgt von einer Reihe von Schreien. Sophia roch es, bevor sie es sah: Feuer. Die Menge teilte sich, und Sophia erblickte eine brennende Fackel, die auf die offene Flügeltür des Parlamentsgebäudes zuflog. Panisches Geschrei brach aus, als die Fackel auf dem Boden landete. Sophia schob sich durch die Menge und versuchte vergeblich, einen Blick auf Shadrack zu erhaschen, während sie sich Zentimeter für Zentimeter die Treppenstufen hinabbewegte. Beißender Brandgeruch drang ihr in die Nase.

Fast am Fuß der Treppe angelangt, hörte sie plötzlich eine gellende Stimme schreien: »Dreckiger Pirat!« Ein unrasierter Mann mit mehr als nur ein paar fehlenden Zähnen fiel plötzlich gegen sie und riss sie mit sich zu Boden. Wütend erhob er sich sofort wieder, um sich auf seinen Angreifer zu stürzen. Auf Händen und Knien kauernd, stemmte Sophia sich unsicher in die Höhe. Da entdeckte sie plötzlich in der Menge eine freie Gasse bis zur Straße, und mit zitternden Knien hastete sie die letzten Stufen hinunter. Unmittelbar an der Ecke des State House befand sich eine Straßenbahnhaltestelle, und als Sophia darauf zurannte, kam gerade eine Bahn angefahren. Ohne stehen zu bleiben und auf das Fahrtziel zu achten, sprang sie in den Straßenbahnwagen.

Kapitel 2Die Hafenbahn

14. Juni 1891: 10 Uhr …

Im Norden lag ein prähistorischer Zeitenabgrund, im Westen und Süden ein chaotischer Flickenteppich durcheinandergewürfelter Zeitalter. Das Qualvollste jedoch war, als in den ersten Jahren nach der Großen Disruption der zeitliche Bruch zwischen den einstigen Vereinigten Staaten von Amerika und Europa zu einer unleugbaren Tatsache wurde. Die Päpstlichen Staaten und das Verbotene Empire waren in den dunklen Schatten des Unbekannten versunken. Somit fiel es den amerikanischen Ostküsten-Staaten an der Westflanke des Atlantiks zu, die glorreiche Tradition des Westens aufrechtzuerhalten. Die Vereinigten Staaten wurden unter dem Namen Neu-Okzident bekannt.

Shadrack Elli Geschichte Neu-Okzidents

Sophia holte tief Luft, als sich die Straßenbahn vom State House entfernte, um ihre Fahrt um den Boston-Common-Park fortzusetzen. Sie steckte ihre zitternden Hände zwischen die Knie, aber ihre zerkratzten Handflächen fühlten sich ganz heiß an und begannen zu brennen. Sie konnte die Menge immer noch hören, und um sie herum kannten die aufgebrachten Fahrgäste kein anderes Thema als die schockierende Entscheidung des Parlaments.

»Also, das kann man sich doch nicht bieten lassen«, sagte ein korpulenter Mann mit glänzender Taschenuhr und schüttelte den Kopf. Empört stampfte er mit seinem lacklederstiefelbekleideten Fuß auf dem Boden auf. »Es gibt so viele Ausländer in Boston. Das ist doch völlig undurchführbar. Das wird sich die Stadt nicht bieten lassen.«

»Aber nur einige von ihnen haben ordentliche Papiere und Uhren«, wandte eine junge Frau neben ihm ein. »So was haben nicht alle Ausländer.« Mit nervösen Fingern zerknitterte sie den Schoß ihres geblümten Rockes.

»Stimmt es, dass die Deportationen schon am vierten Juli beginnen sollen?«, fragte eine ältere Frau mit zitternder Stimme.

Sophia wandte sich ab und beobachtete, wie die Straßen der Stadt an ihr vorbeizogen. An ausnahmslos jeder Straßenecke stieß man auf Neu-Okzidents riesige Uhren mit ihren Zwanzig-Stunden-Anzeigen. Sie thronten auf Laternenpfählen, blickten von jeder Gebäudefassade herab und starrten von unzähligen Monumenten und Denkmälern aus über die Stadt hinaus. Massive Glockentürme dominierten die Skyline, und im Zentrum konnte ihr Läuten ohrenbetäubende Ausmaße annehmen.

Und jeder Bürger Neu-Okzidents trug eine Uhr bei sich, die die Bewegungen dieser großen Zeitmessmonumente widerspiegelte: eine Taschenuhr mit dem eingravierten Geburtsdatum ihres Trägers, die konstant und zuverlässig den Lebensgang ihres Besitzers begleitete. Oft hielt Sophia die glatte metallene Scheibe ihrer Lebensuhr in der Hand, ließ sich von ihrem verlässlichen Ticken trösten, ebenso wie sie Vergnügen am beruhigenden Klingen und Läuten der öffentlichen Uhren fand. Doch jetzt war es, als ob diese Uhren, die immer ihr Anker gewesen waren, nur noch die verbleibende Zeit bis zu einem katastrophalen Ende zählten: dem 4. Juli, der nicht einmal mehr drei Wochen entfernt war. Die Grenzen würden geschlossen werden, und ohne die zur Rückkehr unabdingbaren Papiere mochten die beiden Menschen, die sie sich am sehnlichsten auf der Welt herbeiwünschte, auf immer in der Fremde gestrandet sein.

Sophia konnte sich kaum noch an ihren Vater, Bronson Tims, oder ihre Mutter, Wilhelmina Elli, erinnern. Sie waren auf einer Expedition verschollen, als Sophia noch nicht einmal drei Jahre alt gewesen war. Sie besaß eine einzige kostbare Erinnerung an sie. Eine Erinnerung, die sich durch ihre immer wiederkehrende Beschwörung zu einer lichten, verblassten und unwirklichen Vorstellung verschlissen hatte: Sie hatten sie zwischen sich in die Mitte genommen und hielten sie an der Hand. Mit großer Zärtlichkeit blickten ihre lachenden Gesichter aus weiter Höhe auf sie herab. »Flieg, Sophia, flieg!«, riefen sie im Chor, und plötzlich wurde sie vom Boden gehoben. Sie spürte, wie fröhliches Gelächter aus ihr hervorperlte, und hörte, wie es sich mit dem hohen Lachen ihrer Mutter und dem tiefen Kichern ihres Vaters vermischte. Das war alles.

Wilhelmina, oder kurz Minna, und Bronson hatten sich einen Ruf als erstklassige Forscher und Entdecker erworben. Bevor ihre Tochter geboren wurde, hatten sie den Süden bis zu den Brachlanden bereist und den Norden bis zu den Prähistorischen Schneewüsten. Ja, sie waren sogar über den Atlantik nach Osten bis zum Verbotenen Empire vorgedrungen und planten nach ihrer Rückkehr, Sophia auf ihre Reisen mitzunehmen – sobald sie denn alt genug wäre. Doch eine dringende Botschaft eines befreundeten Entdeckers, den es tief ins Unbekannte der Päpstlichen Staaten verschlagen hatte, hatte sie gezwungen, früher als geplant aufzubrechen. Lange und intensiv hatten sie mit der Frage gerungen, ob sie ihre Tochter nun mitnehmen sollten oder nicht.

Schließlich war es Shadrack gewesen, der seine Schwester Minna und ihren Ehemann überredet hatte, Sophia bei ihm zu lassen. Die Botschaft, die sie erreicht hatte, ließ auf unvorhersehbare Gefahren schließen, auf die nicht einmal er sie vorzubereiten vermochte. Wenn Shadrack Elli, Doktor der Geschichte und Meisterkartologe, nicht garantieren konnte, dass die vor ihnen liegende Reiseroute gefahrlos zu passieren wäre, dann war sie für ein dreijähriges Kind garantiert mit zu vielen Risiken verbunden. Wer hätte das Ausmaß des Risikos besser einschätzen können als er? Bei wem hätte Sophia besser aufgehoben sein können als bei ihrem geliebten Onkel Shadrack? Voller Sorge, aber entschlossen waren sie schließlich aufgebrochen zu einer Reise, von der sie hofften, dass sie nicht lange dauern würde.

Aber sie waren nicht zurückgekehrt, und während die Jahre ins Land zogen, wurde es immer unwahrscheinlicher, dass sie lebend wiederauftauchen würden. Shadrack wusste es. Sophia spürte es. Aber sie weigerte sich, ganz daran zu glauben. Und so hatte die Furcht, die Sophia beim Gedanken an die Schließung der Grenzen befiel, eigentlich wenig mit den großen Erkundungs- und Entdeckungsambitionen zu tun, von denen Shadrack in seiner Rede gesprochen hatte. Vielmehr ging es ihr ausschließlich um ihre Eltern. Sie hatten Boston während einer viel toleranteren Ära verlassen. Als das Reisen ohne Papiere nicht nur allgemein üblich, sondern vielmehr auch angeraten war, um zu vermeiden, auf den gefährlichen Expeditionen bestohlen zu werden oder sonst wie in heikle Situationen zu geraten. Bronsons und Minnas Papiere waren sicher in ihrem Schlafzimmer in einem kleinen Sekretär verwahrt. Wenn Neu-Okzident sich nun von der Welt abschottete, wie sollten sie dann wieder hineinkommen? In düstere Spekulationen versunken, schloss Sophia die Augen und neigte den Kopf gegen die Sitzlehne.

Erschrocken stellte sie plötzlich fest, dass es um sie herum dunkel und merkwürdig kalt geworden war. Schlagartig riss sie die Augen auf. Ist es etwa schon Nacht?, dachte sie, während sich Panik in ihr breitmachte. Sie langte nach ihrer Uhr, sah sich rasch um und erkannte, dass der Straßenbahnwagen in einem Tunnel gehalten hatte. Weit hinter sich konnte sie die helle Tunnelöffnung ausmachen. Also war es noch Tag. Aber als sie einen kurzen Blick auf die Uhr warf, stellte sie fest, dass es bereits vierzehn Uhr war. Sophia sog erschrocken die Luft ein. »Vier Stunden!«, rief sie laut aus. »Nicht zu fassen!«

Sie hastete zum Vorderende des Waggons und sah den Schaffner ein paar Meter weiter vorne draußen auf den Schienen stehen. Ein schrilles metallenes Scheppern ertönte, und der Mann kam wieder auf sie zugetrottet.

»Bist du immer noch da?«, sagte der Schaffner mit freundlicher Stimme. »Du musst die Runde ja wirklich mögen, dass du sie ganze dreiundzwanzigmal mitgefahren bist. Entweder das, oder es ist mein Fahrstil.« Er war korpulent, und trotz der kühlen Luft im Tunnel rann ihm der Schweiß von Stirn und Kinn. Lächelnd wischte er sich mit einem roten Taschentuch übers Gesicht, als er wieder auf dem Fahrersitz Platz nahm.

»Ich hab’ völlig das Zeitgefühl verloren«, gab Sophia ängstlich zur Antwort.«

»Ah, ist doch nicht schlimm«, erwiderte der Schaffner mit einem Seufzen. »An so einem miesen Tag … Je schneller der rum ist, desto besser.« Er löste die Bremse, und der Waggon begann langsam wieder vorwärtszurollen.

»Fahren Sie jetzt in die Stadt zurück?«

Er schüttelte den Kopf. »Bin auf dem Weg nach draußen ins Depot. Du musst an den Hafenanlegern aussteigen und dich nach einer Linie umschauen, die zurück durch Downtown führt.«

Sophia war schon Jahre nicht mehr in dieser Gegend Bostons gewesen. »Ist das dann dieselbe Haltestelle?«

»Ich werd’s dir zeigen«, versicherte er ihr. Während sie jäh in eine scharfe Linkskurve fuhren, nahmen sie Fahrt auf. Gleich darauf tauchten sie auch schon wieder aus dem Tunnel auf, und Sophia kniff geblendet die Augen zusammen. Fast auf der Stelle kam der Waggon erneut zum Halten, und der Schaffner rief: »Hafen-Linie. Endstation. Bitte nicht zusteigen.« Eine Menschenmenge blickte ungeduldig Richtung Tunnel und wartete darauf, dass die nächste Straßenbahn auftauchte. »Geh ungefähr fünfzig Schritt weiter in diese Richtung da«, sagte er zu Sophia und wies an der Menge vorbei. »Dort findest du eine weitere Haltestelle mit der Bezeichnung ›Stadteinwärts‹. Du kannst es gar nicht verfehlen.«

14 Uhr 03: An den Anlegern

Die Kunde von der Grenzschließung hatte den Hafen von Boston bereits erreicht. In einem Gewirr aus Lastkarren, improvisierten Marktständen und Kistenstapeln schoben sich die Leute hektisch hierhin und dorthin. Gebote wurden ausgerufen, Waren in aller Eile abgeladen und hastige Vorkehrungen für unerwartete Reisen getroffen. Zwei Männer stritten sich über einer zerbrochene Kiste voller Hummer, zwischen deren Holzlatten sich matt ein paar Scheren vortasteten. Aus allen Ecken und Winkeln drang das Gekreisch der Möwen an ihr Ohr. Träge dösten sie in der Sonne oder schnappten nach einzelnen, am Boden verstreuten Fisch- und Brotstückchen. Der Geruch des Hafens – ein Odeur aus Salz, Teer sowie einem feinen, aber beharrlichen Anflug von etwas Vor-sich-hin-Rottendem – wurde von Wellen heißer Luft herangetragen.

Obwohl Sophia versuchte, den Leuten nicht in die Quere zu kommen, sah sie sich unversehens immer wieder beiseitegestoßen. Während sie sich mühte, die Straßenbahnhaltestelle zu finden, gab sie sich dem vertrauten Gefühl der Niederlage hin, das stets mit dem Verlust des Zeitgefühls einherging. Ihre Haushälterin, Ms Clay, würde krank vor Sorge sein. Und was Shadrack anbelangte, so mochte er vielleicht immer noch im State House nach ihr suchen und mittlerweile das Schlimmste befürchten, weil sie nicht aufgetaucht war. Als sie weiter so dahinstolperte, unterdrückte Sophia die Tränen der Frustration, die ihr die Wange hinabzukullern drohten.

Eine Frustration, die sie nur allzu oft empfand. Zu ihrer großen Scham verfügte sie über keine innere Uhr. Eine Minute konnte sich ebenso lang anfühlen wie eine Stunde oder gar ein ganzer Tag. Es kam vor, dass sie eine Sekunde als ganzen Monat erlebte, und andererseits konnte ein ganzer Monat innerhalb einer Zeitspanne verstreichen, die ihr wie eine Sekunde vorkam. Als kleines Kind war sie daher tagtäglich in Schwierigkeiten geraten. Immer wieder, wenn jemand Sophia eine Frage stellte, woraufhin sie kurz nachdachte, musste sie feststellen, dass alle um sie herum bereits volle fünf Minuten über sie gelacht hatten. Einmal hatte sie sechs Stunden lang an der Treppe der Public Library auf einen Freund gewartet, der dann nie erschienen war. Und ständig hatte sie das Gefühl, als wäre es Zeit, ins Bett zu gehen.

Sie hatte gelernt, das Fehlen ihrer inneren Uhr zu kompensieren, und nun, da sie dreizehn Jahre alt war, verlor sie während Unterhaltungen nur noch selten das Zeitgefühl. Sie beobachtete die Leute um sie herum, um zu ermitteln, wann es Zeit war zu essen, die Schule zu verlassen oder ins Bett zu gehen. Und sie hatte sich angewöhnt, streng auf ihre Uhr zu achten, auf die sie permanent einen Blick warf. In dem Skizzenbuch, das sie ständig in ihrer Umhängetasche bei sich trug, führte sie sorgfältig Protokoll über ihre Tage: Orientierungskarten der Vergangenheit und Zukunft, die halfen, sie durch die riesigen Abgründe unbestimmbarer Zeit zu geleiten.

Aber dennoch bereitete ihr das fehlende Zeitgefühl in anderer Hinsicht Kummer. Sophia war sehr stolz auf ihre Fähigkeiten: ihr Vermögen, sich überall in Boston zurechtzufinden – und sogar an viel ferneren Orten, als sie älter wurde und mit Shadrack herumreiste; ihre von penibler Disziplin geprägte Mitarbeit in der Schule, die sie, wenn auch nicht immer bei ihren Mitschülern, so doch bei den Lehrern beliebt machte; ihre Fähigkeit, in geordneten Kategorien zu denken und sich einen Reim auf die Welt zu machen … allesamt Eigenschaften, die Shadracks Freunden ausnahmslos zu Kommentaren Anlass gab, wie weise sie doch über ihr Alter hinaus sei. Dies alles bedeutete ihr äußerst viel, und dennoch konnte es nicht den Makel kompensieren, der sie in ihren eigenen Augen genauso gedankenlos und geistesabwesend erscheinen ließ wie jemand, der diese Eigenschaften nicht besaß.

Aus einer Familie zu stammen, die berühmt für ihr Zeitgefühl und ihren Orientierungssinn war, machte das alles nur noch schmerzvoller. Ihre Eltern hatten angeblich über innere Kompasse und innere Uhren verfügt, wie sie großen Entdeckern würdig waren. Shadrack konnte die Zeit auf die Sekunde genau sagen, ohne einen Blick auf seine Uhr zu werfen, und sosehr er Sophia auch ermunterte, so konnte er sie dennoch nicht dazu bringen, jenen Teil von ihr zu vergessen, der ihrem Gefühl nach fehlte. Ihre gemeinsame Erfindung, Uhrwerk-Cora, spielte ein Problem herunter, das Sophia nur leicht zu nehmen vorgab.

Sie hatte niemals mit ihrem Onkel darüber gesprochen, aber sie hatte einen furchtbaren Verdacht, wie es einst zum Verlust ihres Zeitgefühls gekommen war. Sie hatte ein Bild von sich als sehr kleines Mädchen vor Augen, das an einem staubbedeckten Fenster auf seine Eltern wartet. Die innere Uhr der kleinen Sophia hatte in einem fort vor sich hin getickt, geduldig zunächst, bald jedoch beunruhigt und schließlich verzweifelt, während sie all die Sekunden zählte, während deren ihre Mutter und ihr Vater nicht zurückkehrten. Und dann, als es klarwurde, dass das Warten vergeblich sein würde, war die kleine Uhr einfach zerbrochen und hatte sie ohne Eltern und jegliches Zeitgefühl allein zurückgelassen.

Sosehr Shadrack seine Nichte auch liebte, so konnte er dennoch nicht jede Sekunde des Tages mit ihr verbringen; und der stetige Strom von Studenten, die er anheuerte, um ihn in seiner Aufgabenkombination aus Kartologie und Kinderbetreuung zu unterstützen, war für die gleichen Ablenkungen empfänglich wie er. Während ihr Onkel und seine Assistenten in ihren Landkarten vertieft waren, hatte die dreijährige Sophia jede Menge Zeit allein verbracht und dabei so manches Mal auf ihre Eltern gewartet – die Hände und das Gesicht gegen irgendein Fenster gepresst. In ihrer Erinnerung – in ihrer Vorstellung – waren diese Momente von endlosen Stunden des Wartens erfüllt. Die Sonne stieg, ging schließlich wieder unter, Leute zogen in einem endlosen Strom vor dem Fenster vorbei, und dennoch harrte sie voller Erwartung aus. Gelegentlich verschwamm die Gestalt in ihrer Erinnerung, und ihr war, als wäre es nicht ein Kleinkind, das am Fenster stand, sondern ein älteres Mädchen – eines, das schon viele Jahre gewartet hatte. Und tatsächlich fand Shadrack die herangewachsene Sophia manchmal tief in Gedanken versunken an ihrem Fenster sitzend vor, das spitze Kinn in die Hand gestützt, die braunen Augen auf etwas fixiert, das sich hoffnungslos außer Sichtweite befand.

Nun stand sie auf der belebten Anlegestelle, trocknete sich wütend die Augen und versuchte mit aller Macht, sich zu beruhigen. Dann, inmitten all des Geschreis und Gewimmels, fiel ihr Blick plötzlich auf etwa ein Dutzend Leute, die in einer Schlange standen. Unter gewaltiger Anstrengung löste sie ihre Gedanken von den vier Stunden, die sie verloren hatte. Da muss die Haltestelle der Stadteinwärtslinie sein, dachte sie. Als sie sich näherte, hörte sie über all den anderen Lärm hinweg, wie ein Mann etwas durch ein Megaphon rief. Sie tippte die Frau vor ihr an die Schulter. »Entschuldigen Sie bitte, ist das die Warteschlange für die Bahn Richtung Stadt?«

Die junge Frau schüttelte aufgeregt den von einer Haube bedeckten Kopf und drückte Sophia ein Faltblatt in die Hand, das sie umklammert gehalten hatte. »Nichts dergleichen. Die haben Kreaturen aus den anderen Zeitaltern hergebracht«, antwortete sie mit atemloser Stimme. »Die gucken wir uns an, solange wir das noch können!« Ihr Spitzenhandschuh wies auf ein Schild, das sich nur ein paar Meter entfernt befand.

Neben dem Schild stand der Mann mit dem Megaphon. Er war klein und trug ein kleines Spitzbärtchen sowie einen hohen Hut, der seinen Kopf winzig klein erscheinen ließ. Er fuchtelte mit seinem Gehstock herum, dessen Knauf mit Silber beschlagen war.

»Wilde Männer, Monster, Kreaturen, die ihre kühnsten Phantasien übersteigen!«, brüllte er, die Wangen vor Hitze und Anstrengung gerötet. Er sprach im Akzent der westlichen Brachlande, wodurch sämtliche seiner Vokale extrem breitgezogen klangen. »Entdeckt von dem furchtlosen Simon Ehrlach, und hier ausgestellt zur Erbauung und Belehrung der Besucher!« Er wies auf einen schweren Samtvorhang, der hinter ihm den Eingang zum Lagerhaus verdeckte. Zu seiner Linken saß eine Frau, die sogar noch kleiner war als er. Die kleine Stirn vor Konzentration gefurcht, zählte sie flink die Geldmünzen, teilte Eintrittskarten aus und stempelte sie sogleich, bevor sie den jeweiligen Besucher durch den Vorhang ins Lagerhaus komplimentierte.

»Jeder Mann und jedes Monster in einer chronologisch fortlaufenden Darbietung der Zeitalter in all ihren faszinierenden Variationen!«, fuhr der kleine Mann fort und deckte sein Publikum mit kräftigen Spuckesalven ein. »Und alle setzen die bizarren und wahrhaft faszinierenden Gebräuche ihres Zeitalters so in Szene, dass Sie, werte Besucher, kaum glauben werden, noch in Ihrer eigenen Zeit zu sein!« Er klopfte mit der Spitze seines Gehstocks gegen einen riesigen Käfig, der zu seiner Rechten stand. »Hier der wilde Junge aus den Brachlanden in seiner schrecklichen Kriegertracht. Und drinnen warten sogar noch schrecklichere Kreaturen aus den Brachlanden auf Sie. Zentauren, Wassermänner und Kinder mit Schwänzen. Kommen und sehen Sie, solange Sie noch die Chance haben!«

Alle anderen Sorgen vergessend, starrte Sophia fasziniert in den Käfig. Darin stand ein Junge, der nur wenig älter als sie zu sein schien und von Kopf bis Fuß in Federn gekleidet war. Auf Anhieb konnte sie erkennen, dass er einem anderen Zeitalter angehörte. Um einzelne bunte Federn geflochten, die direkt aus seinem Schädel zu sprießen schienen, wand sich sein Haar in die Höhe, und seine Gliedmaßen waren von bunten Daunen bedeckt. Um die Hüften trug er einen Rock aus herabhängenden Federn, während von seiner Schulter ein leerer Köcher baumelte. Sein Kostüm mochte einst beeindruckend gewesen sein. Doch nun war ein Großteil der Federn geknickt oder zerdrückt. Auf Sophia wirkte er wie ein wunderschöner Vogel, den man mitten im Flug gefangen und auf die Erde hinabgezerrt hatte.

Aber es war nicht seine Schönheit, die ihre Aufmerksamkeit fesselte. Es war sein Ausdruck. Er war in einem Käfig gefangen und für alle um ihn herum zu einem Spektakel gemacht worden. Und dennoch, trotz alledem, musterte er die Menge, als ob sie das Spektakel wäre und nicht er. Ein leichtes Lächeln hob seine Mundwinkel. Indem er sie so gelassen anstarrte, ließ er den Käfig wie ein Ehrenpodest erscheinen. Er wirkte gelassen, unerschütterlich und großartig. Sophia konnte einfach nicht die Augen von ihm wenden. Wieder hatte sie das Zeitgefühl verloren, aber auf eine Weise, die völlig neu zu sein schien.

»Ich versichere Ihnen, Ladys und Gentlemen«, fuhr der kleine Mann fort, »dass Sie in Ehrlachs Zirkus der Zeitalter sogar Kämpfe zwischen diesen wilden Kreaturen zu sehen bekommen werden. Und nach der heutigen Entscheidung im Parlament sind die Tage gezählt, in denen Sie die Wunder der anderen Zeitalter bestaunen können! Ergreifen Sie die Gelegenheit hier und jetzt, bevor es zu spät ist!« Mit diesen Worten langte er mit seinem Gehstock durch die Gitterstäbe und verpasste dem Federjungen einen achtlosen Stoß.

Der Junge blickte auf den Stock und packte ihn dann mit einer Leichtigkeit, als würde er eine Feder vom Boden aufheben. Dann schob er ihn mit desinteressierter Miene zu seinem Besitzer zurück und gab sich wieder der Betrachtung der Menge hin. Während der Mann fortfuhr, für Ehrlachs Wunder zu werben, merkte Sophia plötzlich, dass der Junge seinen Blick auf sie gerichtet hatte. Er hob die Hände und legte sie um die Gitterstäbe. Sophia kam es vor, als würde er ihre Gedanken lesen und sie jeden Augenblick ansprechen. Ihr war klar, dass sie rot wurde, aber sie konnte einfach nicht den Blick abwenden. Geschweige denn sich bewegen, aber das wollte sie auch gar nicht.

»He, du!«, hörte sie da plötzlich jemanden sagen. Die junge Frau vor ihr in der Schlange schüttelte sie an der Schulter. »Wolltest du nicht die City-Bahn nehmen, Schätzchen? Da ist sie. Besser, du flitzt los.«

Mit Gewalt riss Sophia den Blick von dem Jungen los. Kein Zweifel, da kam eine Straßenbahn. Wenn sie sich beeilte, würde sie sie noch erwischen. Ein letztes Mal schaute sie sich zum Jungen um, der sie immer noch nachdenklich ansah. Dann rannte sie los.

Kapitel 3Shadrack Elli, Kartologe

14. Juni 1891

Und wer mag heut’ schon wissen, wohin wir entlassen

Unserer Zunge Schatz? Zu welch fremden Gestaden

Wir unseres strahlendsten Glanzes Pfeil entsenden mögen,

Um unbekannte Völker mit unseren Schätzen zu bereichern?

Welch Welten im noch ungeformten Okzident

Sich veredelt sehen durch Akzente, die sind die unseren.

Samuel Daniel, Musophilus, 1599

Sophia lebte mit Shadrack in einem massiven Backsteinhaus, das ihre Großeltern im Süden von Boston erbaut hatten.

Weiße Fensterläden, ein üppiger Efeubewuchs und eine dezent über dem Türeingang kauernde eiserne Eule ließen es ganz so wie die anderen Backsteinhäuser aussehen, die in der ruhigen East Ending Street angrenzten. Aber nur hier, in der Nummer 34, war ein kleines ovales, tannengrünes Schild neben der roten Eingangstür zu finden, das verkündete:

SHADRACK ELLI

Kartologe

Im Grunde jedoch hatte das Schild nur geringen Nutzen, wusste doch jeder, der zu Shadrack wollte, genauestens, wo er zu finden war. Ebenso wie allgemein bekannt war, dass der bloße Titel »Kartologe« Shadracks umfassende Tätigkeiten nicht einmal ansatzweise beschrieb. Er war ebenso Historiker, Geograph und Entdecker wie Kartologe. Neben seiner Lehrtätigkeit als Professor an der Universität war er zudem noch als privater Berater für Forschungsreisende und Regierungsbeamte tätig. Jeder, der fundiertes Expertenwissen über die Geschichte und Geographie der Neuwelt nach der Großen Disruption brauchte, fand seinen Weg zu Shadracks Tür.

Sie alle kamen zu Shadrack schlicht und einfach, weil er der Beste war. In einer Zeit, da ein Großteil der Welt nicht erforscht war und niemand mehr als ein paar Zeitalter kannte, verfügte er über das größte Wissen. Obwohl für einen Meister-Kartologen noch ziemlich jung, konnte hinsichtlich Wissen und Können niemand Shadrack das Wasser reichen. Er hatte die Geschichte jedes bekannten Kontinents studiert, er konnte die Karten aller Zivilisationen lesen, die in Neu-Okzident geläufig waren, und vor allem war er selbst in der Lage, brillante Karten zu zeichnen. Von dem großen Kartologen, der ihn ausgebildet hatte, wurde gesagt, er wäre vor Ehrfurcht in Tränen ausgebrochen, als Shadrack Elli ihm seine erste vollständige Karte der Neuwelt präsentierte. Shadrack verfügte über eine hohe Präzision und künstlerisches Talent. Doch damit konnte auch jeder andere Zeichner aufwarten. Es war sein schier bodenloses Wissen, das Shadrack so besonders machte.