Wem gehört der Mond? - Regula Heinzelmann - E-Book

Wem gehört der Mond? E-Book

Regula Heinzelmann

0,0

Beschreibung

Am 1. August 1914 wurde ein Junge geboren, der nach dem zweiten Weltkrieg einen mysteriösen wirtschaftskriminellen Geheimbund mit einem utopischen Ziel gründete. Mit bald hundert Jahren ist dieser Mann ein Gefangener seiner eigenen Organisation, deren Geschäftsleiter Verbrechen begehen, die er in den Statuten ausdrücklich verboten hat. Vor seinem Tod will der Gründer des Bundes seine Mitglieder doch noch austricksen. Zu diesem Zweck organisiert er die Übernahme einer Privatbank. Der Geschäftsleiter der Bank fragt nach Zusammenhängen, versucht Licht in das Dunkel zu bringen und realisiert erst später, dass er selber tief in die Vorgänge verstrickt ist. Dieser Roman beschreibt die psychologischen und philosophischen Motive, die Menschen dazu bewegen, sich am organisierten Verbrechen zu beteiligen oder sich dagegen zu stellen. Die Figuren setzen sich mit gesellschaftlichen Problemen des 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts wie Krieg, verantwortungslose Geldpolitik und Orientierungslosigkeit auseinander. Zugleich enthält er eine Familiengeschichte, die sich in den letzten hundert Jahren abspielt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 212

Veröffentlichungsjahr: 2014

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Regula Heinzelmann

Wem gehört der Mond?

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Impressum neobooks

Kapitel 1

Faust I: Du glaubst zu schieben, doch du wirst geschoben

Am ersten August 1914 unter den Linden: Militär, Marschmusik, Jubel, Hochrufe, Applaus. Gerade hatte Kaiser Wilhelm seine berühmte Ansprache gehalten und erklärt: „"Ich kenne keine Parteien und auch keine Konfessionen mehr; wir sind heute alle deutsche Brüder und nur noch deutsche Brüder." Ein Hoch auf Kaiser und Vaterland! Flott ritten und marschierten die Offiziere und Soldaten durch die Straßen. Endlich durften sie, nach jahre- oder jahrzehntelanger Untätigkeit, sich bewähren, siegen, Helden werden! Jubel von den Menschenmengen, die die Straßen säumten, schwoll an, wenn neue Truppen durch die Straßen ritten. Die Mädchen und Frauen warfen den Soldaten Blumen zu. Nur wenige machten ernste Gesichter, darunter der Offizier Sigmar Graf von Hochhausen. „Nanu, was machst Du denn für eine Leichenbittermiene“, fragte ihn sein Kamerad, der neben ihm marschierte und ebenfalls Offizier war. „Das scheint mir passender als euer Jubeljo“, hätte er am liebsten geantwortet, aber im letzten Moment überlegte er sich, dass man ihm das als Feigheit auslegen könnte und schon rief sein Kamerad: „Na, du hast doch nicht etwa Angst?“ – „Vor dem Krieg doch nicht“, antwortete Sigmar scheinbar lässig, „aber um meine Frau mach’ ich mir Sorgen. Sie liegt in den Wehen - Siebenmonatsgeburt.“ – „Na, das soll ja öfter vorkommen“, meinte sein Kollege. „Keene Sorge, deine Friedegunde schafft das schon. Ist ein Prachtsweib - schön, liebenswürdig, gesund und reich dazu. Wat willste mehr? Und wenn nötig, päppelt eure tüchtige Jule den Bengel schon auf. Weihnachten sind wir wieder zu Hause, und du feierst unseren Sieg gleich mit Familie. Bist ein Glückspilz. Würde ja auch gern heiraten“, setzte er dann nachdenklicher hinzu. „Ist aber nicht so einfach. Adlig muss sie sein, Familiengesetz. Reich sagt mein Vater, Hauptsache anständig, die Mutter. Na sie haben ja alle Recht. Und gefallen muss sie mir natürlich auch noch.“ – „Das kommt schon noch, bist doch ein feiner Kerl“, meinte Sigmar. „Na vielleicht klappt es nach dem Sieg, das imponiert den Frauen. Bin vorläufig froh, dass ich mal raus komme“, meinte sein Kamerad. „Morgens exerzieren und nachmittags Kartenspielen im Club, das ist doch auf die Dauer kein Leben für einen Mann. Du hast deine Bank und sicher ein interessanteres Leben als ich.“ Sein bevorzugter Berufswunsch war das nicht gewesen, dachte Sigmar, aber er hütete sich, das zu sagen. Eigentlich wäre er gern Künstler geworden, Maler und Dichter. Aber sein Vater betrachtete solche Tätigkeiten als Freizeitvergnügen und hatte von seinem Sohn selbstverständlich erwartet, dass er das Familienunternehmen, die Hochhausen-Bank, nach seinem Tod übernahm. Aber Sigmar von Hochhausen war kein Bankier, das fühlte er immer wieder und er war froh, dass seine Frau ihn im Hintergrund unterstützte. Manchmal hatte er sogar das Gefühl, dass sie ihn vor allem geheiratet hatte, um geschäftlich aktiv sein zu können. Gleichzeitig bewunderte er sie und freute sich, dass sie ihm ein Kind schenkte.

Sigmar sah auf die begeisterten Soldaten, die jubelnde Menge und all das kam ihm wie ein absurder Traum vor. Er wusste, dass viele Offiziere, die nun in den Krieg zogen, ähnlich dachten wie sein Kamerad, der neben ihm marschierte. Gerade schenkten einige schöne Mädchen ihm und anderen Offizieren Blumen, und sie genossen das offensichtlich. Sigmar war es recht, dass er sich ein paar Minuten mit niemandem unterhalten musste. Ihm graute es vor dem Krieg. „Ihr, die ihr da jubelt, werdet euch noch wundern!“ Als Wirtschaftsmann war Sigmar informiert über die Waffenindustrie. Sein Geschichtsinteresse hatte dazu geführt, dass er sich mit Militärstrategie befasst hatte. Immerhin musste Deutschland einen Zweifrontenkrieg führen, Sigmar hatte starke Zweifel daran, dass man die Kriegspläne so durchführen konnte wie geplant. „Begeistert auf den Feind losstürmen und siegen, so stellt ihr euch das vor“, dachte er. „Ihr rennt alle blind in den Abgrund! Gegen das Arsenal von Zerstörungsapparaten, das euch erwartet, ist eure Kraft machtlos.“ Sigmar war darauf gefasst, dass er nun in den Tod marschierte, und er fragte sich, ob überhaupt jemals ein Soldat die industrielle Kriegsführung lebendig überstehen würde.

Inzwischen lag Sigmars Frau Friedegunde in den Wehen. „Ach die arme Jräfin“, meinten die Dienstboten, „macht sich solche Sorjen, weil ihr Mann in’nen Kriech muss, dass det Wurm zu früh kommt.“ – „Der gnädige Herr ist doch Offizier“, meinte ein Diener gravitätisch, „die trifft es nicht so leicht.“ – „Aber er ist doch eijentlich een Künstler mit seinen Bildern und Jedichten“, sagte ein Stubenmädchen, „und Künstler taugen nischt im Militär, sacht mein Bruder. Und mein Frieder is ooch Maler und malt jerade een Porträt von mir. Und wenn wir verheiratet sind, will er een schönet Hochzeitsbild machen. Det kommt vielleicht jar nich mehr dazu“, und sie weinte kurz, wurde dann gerufen. „Et jeht los, bringt heisset Wasser, statt hier rumzuquatschen“, befahl die Köchin. Friedegunde lag in den Wehen. Jule, die Friedegundes Amme gewesen war und schon von Kind an ihre Vertraute, hielt ihre Hand. Sie wussten beide, dass es keine Siebenmonatsgeburt war.

Fast hundert Jahre später

Palmsonntag auf dem Rummelplatz. Lärm, Lachen, Menschengewoge. In der Luft schwirren und schweben Achterbahnen mit Loopings, Kettenkarusselle, Riesenräder und Maschinerien, in denen man nach allen Richtungen durchgeschüttelt wird. Es riecht nach Würstchen, Zuckerwatte und gebrannten Mandeln. Die Menge drängt und drückt und schiebt. Dazwischen, leise, kaum beachtet, das Wimmern eines Kindes. Vor der Geisterbahn stoppt das Gedränge. Der achtjährige Dany guckt treuherzig seine Mutter an und sagt: "Darf ich auch auf die Geisterbahn?" - "Bist du nicht noch etwas zu klein? Was ist, wenn du Angst bekommst?" - "Bitte, Mami, lass mich. Wenn Katie mitkommt, fürchte ich mich sicher nicht." Und Dany sieht sich um nach seiner älteren Schwester. Doch wo ist sie? "Meine Güte, wo ist Katie?" Rosa Schmitt sieht erschreckt in das Gesicht ihres Mannes. "Katie!" ruft er. "Katie!" Die Rufe verhallen ungehört. Die Menschenmasse beachtet sie nicht. Nur zwei Augen verfolgen die fünf Menschen, die nun hastig von der Geisterbahn wegirren.

"Wo ist Katie?" ruft der kleine Dany wieder, der von seiner Mutter ziemlich unsanft weggezerrt wurde. "Ich will zur Geisterbahn, ich will Geisterbahn fahren!" - "Du siehst doch, dass wir Katie suchen müssen", brummt ihn sein Vater unwirsch an. "Sag lieber, wann du sie zuletzt gesehen hast." - „Als wir bei der Achterbahn zuschauten, war sie doch noch da“, antwortet der Kleine. „Wir müssen zurück zur Achterbahn“, sagt Hans Schmitt zu seiner Frau. Und weiter geht`s, gegen die Menge, zwängend und zwingend. "Mami, wo ist Katie?" schreit der kleine Dany, nachdem ihm klar geworden ist, dass seine Schwester verschwunden ist. "Finden wir sie wieder, Mami?" - "Sei mal ruhig", faucht diese ihn an, doch Dany fragt weiter.

Vor der Achterbahn ist Katie nicht. Auch das Bedienungspersonal hat nirgends ein elfjähriges blondes Mädchen in einem roten Mäntelchen gesehen. "Wo waren wir denn vorher?" fragt Rosa fassungslos. Man hatte nirgends Station gemacht, war ziellos umhergeirrt. Man konnte sich nicht mehr genau erinnern, wo überall man sich durch die Menschenmenge gezwängt hatte. Der kleine Dany schluchzt und hört nicht mehr auf, hört schon gar nicht auf seine Mutter, die ihn nervös anschreit, er solle endlich ruhig sein. "Wir müssen das ganze Gebiet absuchen", meint Hans Schmitt. "Sie ist sicher weggelaufen und hat sich nun selber verirrt." - "Das Donnersmädchen! Hundertmal haben wir ihr schon eingeschärft, dass sie an solchen Orten immer bei uns zu bleiben hat. Aber immer muss sie ihren Kopf durchsetzen. Aber wenn wir sie wieder finden, kriegt sie mal den Hintern voll. Ausnahmsweise kann das nichts schaden." - "Hans", meint Rosa hastig, "das ist doch jetzt nicht das Thema. Machen wir lieber vorwärts. Wir müssen aber systematisch vorgehen. - Und du, Dany, hörst nun endlich auf zu heulen!"

Rosa und Hans gingen langsam weiter und sahen sich bei jedem Schritt um. Hans hielt Dany, der immer noch weinte, fest an der Hand. Eine Frau mittleren Alters in Polizeiuniform trat auf sie zu. "Haben Sie Schwierigkeiten", fragte die Frau. "Allerdings", antwortete Hans. „Wir suchen unsere kleine Tochter.“ - "Du meine Güte", erwiderte die Frau wie erschrocken, "das ist unangenehm." Und sie beugte sich zu dem immer noch schluchzenden Dany. "Sie trägt ein rotes Kleid und hat blonde Haare", sagte Rosa in sachlichem Ton. "Sie haben nicht zufällig ein blondes Mädchen in rotem Kleid gesehen?" - "Nein, hab' ich nicht gesehen", antwortet die Frau, "aber vielleicht könnte ich ihnen helfen. Ihr kleiner Junge - was für ein hübsches Kind - behindert Sie doch sicher bei der Suche. Sie könnten ihn doch in den Kinderbetreuungsdienst geben." Und sie streichelte Dany leicht übers Haar. "Für Kinder gibt es eben so viele schöne Sachen hier. Da achtet man doch nicht immer auf die Eltern, nicht wahr. Und umgekehrt geht’s ebenso. Aber man findet die Kleinen zuletzt immer, das wird auch bei Ihnen so sein, auch ihr Mädchen taucht wieder auf, da bin ich ganz sicher." "Danke", sagte Rosa, die leise ein unangenehmes Gefühl beschlich. Sie empfand die Ausdrucksweise der Polizistin als unecht. Dieses verdrängte sie aber sofort mit der Überlegung. dass die Polizei sich ruhig mal aktiv um alltägliche Probleme der Steuerzahlenden kümmern sollte. Sicher könnten sie Katie leichter suchen, wenn sich Dany in sicherer Obhut befand.

"Wo ist denn der Kinderbetreuungsdienst?" fragte Rosa. - "In der Bude gleich rechts beim Parkeingang“, antwortete die Polizistin. „Da können Sie ihren Kleinen unversehrt wieder abholen. Kostet zwei Euro die Stunde." - "Wenn's weiter nichts ist", meinte Rosa. "Also, Dany, geh mit der Dame und sei schön brav, ja." - "Ich will nicht! Ich will Katie!" schrie Dany. "Ich erinnere mich nicht, beim Haupteingang einen Kinderbetreuungsdienst gesehen zu haben", flüsterte Hans Rosa zu. - "Sicher haben wir das übersehen", meinte Rosa. „Wir können Dany nicht so herumschleppen. Für ihn muss es eine Qual sein." Sie blickte in das sympathisch wirkende Gesicht der Frau, die jetzt wie tröstend lächelte. "Danke für ihre Hilfe. In einer Stunde holen wir unseren Sohn wieder ab.“

Die Fremde nahm Dany bei der Hand. "Wie heißen Sie", fragt Hans. „Dürfte ich noch ihren Polizeiausweis sehen, bitte." – „Aber selbstverständlich“, antwortete die Frau. „Mein Name ist Marie Maier, Maier mit a i.“ Sie hielt Hans den Polizeiausweis vors Gesicht. Dieser sah hin und auch Rosa, aber nur kurz. „Danke“, sagte Rosa zu der Frau und dann zu Dany: „Also, Dany, sei lieb und geh mit der Frau. Du willst doch, dass wir Katie rasch wieder finden. Wiedersehen, mein Schatz.“ - „Komm Dany“, sagte die Frau. „Bei uns gibt es viele Kinder, du wirst schön spielen bis deine Eltern dich abholen. Auf Wiedersehen!" rief sie Rosa und Hans zu und verschwand mit dem Kind. Und Hans und Rosa gingen weiter, sahen jedes Kind an, das vorüberging, inspizierten jede Bahn, jede Bude. Aber Katie war nirgends zu sehen. So verging eine Stunde. „Jetzt gehen wir zur Polizei!“ bestimmte Hans. Dann hasteten sie zum Haupteingang, um Dany abzuholen.

Von einem Kinderbetreuungsdienst war keine Spur zu sehen. Nur eine nackte Mauer war vorhanden und eine Menge Menschen. Rosa und Hans hasteten zur Informationsstand der Vereine, die das Fest organisiert hatten. Dort mussten sie eine Weile warten, bis sie an die Reihe kamen. Eine ältere Frau befand sich am Schalter. Sie erzählten ihre Geschichte. "Das tut mir leid", meinte die Frau, nachdem sie alles gehört hatte. "Wir haben keinen Kinderbetreuungsdienst organisiert.“ - „Kennen Sie die Polizistin Marie Maier mit ai.“ - „Nein, von der hab’ ich noch nie was gehört. Vielleicht war Frau Maier nicht genau informiert. Am besten gehense zur nächsten örtlichen Polizeistation, dort kann man Ihnen sicher Auskunft geben. Wahrscheinlich sind die Kinder dort. Zur Sicherheit werden wir aber noch ausrufen lassen, dass sie hierher kommen sollen. Haben Sie ein Handy?“ Hans gab der Frau die Nummer und fuhr mit Rosa so rasch wie möglich zur Polizeistation. Dort mussten sie einige Minuten warten, bis sie vorgelassen wurden. In der Zeit verlor Rosa fast die Nerven. Sie schluchzte immer heftiger und schrie zuweilen: "Wo sind die Kinder! Meine Kinder! Ich werde sie nie wieder sehen, ich spüre es." Hans versuchte sie zu beruhigen, es gelang ihm aber nicht. Als sie in ein Zimmer geführt und von einer Beamtin und ihrem Kollegen empfangen wurde, versuchte sie, sich zusammen zu nehmen. Sie suchte nach einem Fixpunkt im Zimmer. Dabei fiel ihr Blick auf den Kalender: Sonntag, 13. April 2014. „Dieses Datum werde ich wohl nie wieder vergessen“, dachte Rosa und starrte den Kalender an, bis man sie zum Reden aufforderte.

Wieder erzählten sie ihre Geschichte, Hans ziemlich sachlich, Rosa stockend und von Schluchzen unterbrochen. „Bei uns gibt es keine Marie Maier“, erklärte die Beamtin. „Ralf, sieh doch mal nach, wo eine Marie Maier arbeitet“, wandte sie sich an ihren Kollegen. Dieser tippte etwas in den Computer: „Wir haben zwei Marie Maiers bei der Berliner Polizei. Aber keine arbeitet in unserem Quartier und beide haben überhaupt ganz andere Funktionen. Ich fürchte, Sonja“ flüsterte er seiner Kollegin zu, „da hat die XY wieder zugeschlagen.“ - „Die war doch noch nie in unserer Gegend“, antwortete die Beamtin, ebensfalls leise.

Trotzdem hatte Rosa das Geflüster verstanden. „Wer ist die XY?“ fragte sie. „Eine Frau, die immer wieder Delikte begeht“, antwortete die Beamtin. „Wir nennen sie XY, weil wir trotz aller Bemühungen nicht herausfinden können, wer sie ist.“ - „Von der habe ich schon gelesen und auch, dass man Hinweise aus der Bevölkerung sucht“, sagte Rosa, „das ist doch die, die immer wieder anders aussieht.“ - „Allerdings, Frau Schmitt“, erzählte der Beamte, „das reinste Chamäleon. Es gibt keine zwei gleich lautenden Beschreibungen von ihr. Sie muss eine wahre Zauberkünstlerin sein und kann sich blitzschnell verwandeln. Mal stiehlt sie, mal dealt sie, dann betrügt sie und immer geht es um happige Beträge. Aber Kinder entführt hat sie noch nie.“ – „Sie muss einen neuen Auftraggeber haben“, meinte die Beamtin. „Oder es handelt sich um eine Trittbrettfahrerin, die ihre Methoden übernommen hat“, überlegte ihr Kollege. „Was machen Sie denn beruflich?“ fragte er Hans und Rosa. „Ich bin Prokurist bei der Hochhausen-Bank, meine Frau ist Hausfrau“, antwortete Hans. „Das spricht für eine Trittbrettfahrerin“, stellte die Beamtin fest, „vielleicht für Erpressung. Sind Sie mit dem Auto hier?“ Als Hans verneinte, sagte die Beamtin: „Mein Kollege, Herr Berger, fährt Sie jetzt nach Hause. Er wird über Nacht bei Ihnen bleiben und eine Fangschaltung für ihr Festnetztelefon installieren, falls sich die Entführer melden. Haben Sie das Handy dabei?“ Hans nickte. „Wir unternehmen alles“, fuhr die Polizistin fort, „was in solchen Fällen möglich ist, Fahndungen, Zeugenbefragungen, Suchaktionen und so weiter. Sobald wir alles organisiert haben, kommt jemand von uns bei Ihnen vorbei, um Sie zu informieren und alles weitere zu besprechen. Wenn es klingelt, öffnen Sie nicht selber die Tür, lassen Sie das Herr Berger tun.“ Rosa weinte ununterbrochen vor sich hin. "Soll ich einen Arzt organisieren?" fragte die Beamtin. „Nein, nein, ich bin nur sehr traurig und nervös“, weinte Rosa. „Das ist doch wohl normal. Haben Sie selber Kinder?“ fragte sie. „Ja, zwei.“ - „Dann verstehen Sie mich ja als Mutter.“ - „Aber sicher, Frau Schmitt“, erklärte die Beamtin, das muss furchtbar sein.“

Die Anteilnahme der Beamtin beruhigte Rosa ein wenig. Trotzdem hatte sie immer nur einen Gedanken. "Ich habe schlecht auf meine Tochter aufgepasst und, was noch viel schrecklicher ist, meinen Sohn selber dieser Verbrecherin ausgeliefert!" schluchzte sie verzweifelt. Gleichzeitig entstand ein Entschluss in ihr, er stand eigentlich schon fest. "Ich werde meine Kinder suchen", erklärte sie, "... und wenn ich sie in der Hölle suchen muss", setzte sie in Gedanken hinzu. Die Beamtin trat zu ihr, nahm ihre Hand. „Bitte machen Sie sich keine Vorwürfe“, sagte sie. „Diese Frau, ob es nun die XY oder sonstwer sein, agierte so raffiniert, dass wahrscheinlich auch ich als Polizistin in der Aufregung darauf hereinfallen würde. Die Uniform sah sicher sehr echt aus und der Ausweis war wohl auch eine qualifizierte Fälschung. Und bitte unternehmen Sie nichts auf eigene Faust. Wenn mehrere Personen oder sogar eine Organisation dahinter stecken, kann das sehr gefährlich werden.“ Rosa raffte sich auf, trat unsicher auf ihren Mann zu und nahm ihn beim Arm. Dabei umzuckte ein spöttisches Lächeln ihren Mund. Er führte sie hinaus. Der Beamte Berger folgte.

Während der Fahrt begann Rosa wieder hemmungslos zu weinen. Zu Hause angekommen war sie kaum fähig ins Haus zu gehen, so dass der Polizist und ihr Mann sie beinahe tragen mussten. Dann sank sie aufs Sofa, nicht mehr weinend, sondern wie erstarrt, halb ohnmächtig. Der Polizist organisierte einen Arzt, der Rosa eine Beruhigungsspritze gab und sie zusammen mit ihrem Mann ins Bett brachte. Der Polizist organisierte einen Arzt, der Rosa eine Beruhigungsspritze gab und sie zusammen mit ihrem Mann ins Bett brachte. Dort sank sie in tiefen Schlaf.

Alpträume

Rosa Schmitt träumt: Kinder in Fesseln und Handschellen sitzen im Kreis. In der Mitte steht Katie und spricht einen Abzählvers: Zwirn, Zwirn, aufgewickelt, abgewickelt, verwickelt, abgeschnitten! Bei jedem Wort deutet sie auf eines der Kinder, zuletzt auf Dany. Ein in schwarzes Leder gekleideter Mann mit einer Maske tritt auf ihn zu und spricht: "Also ist er dran!" Er zerrt Dany, der verzweifelt nach Mutter und Vater schreit durch einen langen Gang in einen Operationssaal. Dort stehen ein Chirurg, ein Assistent und eine Operationsschwester, ebenfalls maskiert, schon bereit. Der schwarze Mann übergibt Danny dem Chirurgen. Dieser bemerkt wie nebenbei: "Also wie immer fünfzigtausend Mark für alle verfügbaren Organe!" Der Schwarze entgegnet: "Meine Vorgesetzten sind der Meinung, dass wir in Zukunft hunderttausend Mark verlangen müssen. Besonders, wenn ein Kind noch jung und unverbraucht ist wie dieses. Allein für ein Herz bezahlen reiche Leute schon fünfzigtausend, wenn sie es dringend brauchen." - "Hunderttausend ist zuviel", erwidert der Chirurg. Sechzigtausend!" - "Neunzigtausend!" - "Fünfundsechzigtausend!" - "Fünfundachtzigtausend!" Die Gebote folgen einander schnell, wie auf einer Auktion. "Siebzigtausend!" - "Achtzigtausend!" --

Rosa erwachte mit einem gellenden Schrei. Sie starrte entsetzt in das Dunkel, fuhr mit den Armen herum und tastete nach dem Lichtschalter und ihrem Mann. Doch das Bett neben ihr war leer. Zuerst wusste sie kaum wo sie war.

Aber langsam erinnerte sie sich wieder an die Ereignisse des Tages. Gleichzeitig überfielen sie verdrängte, scheinbar vergessene Bilder aus ihrer Kindheit. Sie sah sich auf dem Schulhof in einer Kleinstadt der DDR und hörte den Spottvers, den die Kinder auf den Mädchennamen Rosa Zwirn gedichtet hatten: "Zwirn, Zwirn, aufgewickelt, abgewickelt, verwickelt, abgeschnitten!" Der Spruch war von einem Mund zum anderen gegangen. Später hatte man einen Abzählvers daraus gemacht. Jahrelang hatte sie angenommen, dass ihr Name einfach komisch wirkte und sie hatte sich sehnlich einen anderen Namen gewünscht, am liebsten einen möglichst unauffälligen wie Meier oder Müller. Wenn jemand sie nach ihrem Namen fragte, wurde sie glühend rot und fing an zu stottern. Später wurde ihr klar, dass das Mobbing gegen sie auch einen politischen Hintergrund hatte.

Der Vater ihres Vaters war vor dem Krieg ein bekannter Berliner Unternehmer gewesen. Er war von den Kommunisten zur Zwangsarbeit verurteilt worden und infolge der schlechten Behandlung Anfang der 60er Jahre gestorben. Rosas Vater war als „Kapitalistensohn“ von den Kommunisten ebenfalls schikaniert und an einer Ausbildung gehindert worden, so dass er Arbeiter wurde. Er hatte sich darauf verlegt, zu allen Widrigkeiten hartnäckig zu schweigen und sich zumindest scheinbar anzupassen. Rosas Mutter war eine sanfte Frau, fügsam ihrem Mann und dem Regime gegenüber. Rosa wurde 1972 geboren. Ihre Eltern erzogen sie wie ein Arbeiterkind und verschwiegen ihr, dass ihr Großvater Unternehmer gewesen war, erzählten ihr überhaupt kaum etwas von ihm. Diese Strategie machten auch die Großmutter und die Schwester ihres Vaters mit, die schon lange wegen der Ereignisse verbittert waren.

Als Rosa mit etwa zehn Jahren eines Tages weinend aus der Schule kam und erzählte, sie sei als Kapitalistentochter beschimpft worden, hielt es ihr Vater doch für notwendig, sie über das Unternehmen ihrer Familie zu informieren. Er tat dies allerdings so spärlich wie möglich und gab Rosa den Rat, auf die Spöttereien der anderen einfach nicht zu hören und sie vor allem nicht zu beantworten. Das gäbe nur unnötiges Gerede. Es sei erstaunlich, dass man sich noch an das Unternehmen erinnere. Sie, Rosa, täte am besten daran, sich in der Schule möglichst anzupassen und zu tun, was man von ihr verlange. So bekäme sie, im Gegensatz zu ihm, vielleicht die Gelegenheit zu einer Ausbildung.

Rosa wälzte sich im Bett und versuchte wieder einzuschlafen. Sie wagte es nicht, nach der Beruhigungsspritze noch ein Schlafmittel zu nehmen, hatte aber auch keine Lust aufzustehen. Sie versuchte möglichst an nichts zu denken, aber die Gesichter ihrer Kinder standen im Dämmerschlaf vor ihr. Noch ganz benommen von dem schrecklichen Alptraum tapste sie zur Tür und die Treppe hinunter. Sie fand Hans im Wohnzimmer, wo er am Computer hantierte. Der junge Polizeibeamte lag auf dem Sofa und versuchte, etwas zu schlafen. „Was ist denn für Zeit?“ fragte sie. „Sie haben zwei Stunden geschlafen“, antwortete der Polizist. „Hat man noch nichts gehört von den Kindern?“ - „Bitte regen Sie sich nicht wieder auf, Frau Schmitt. Die Fahndung läuft, aber ein Resultat haben wir noch nicht.“ - „Im Klartext, meine Kinder sind immer noch verschwunden. Und ich schlafe einfach, während meine Kinder ... „ und sie begann wieder zu weinen. „Der Schlaf hat Ihnen sicher gut getan“, meinte der Polizist. „Was verstehen Sie denn!“ rief Rosa empört aus. „Als Mann haben sie doch keine Ahnung, was eine Mutter fühlt, der man das Kind entführt0. Als ob man da gut schlafen könnte. Einen fürchterlichen Traum hatte ich. Ein schwarzer Mann handelte mit einem Chirurgen um Danys Organe. Und ihre Polizei ist nicht fähig, das zu verhindern.“ Sie schluchzte auf. „Ich hoffe, dass es nicht soweit kommt“, sagte der Polizist mit ehrlichem Gefühl.

Sie schaute auf ihren Mann. „Und du spielst mit dem Computer rum, statt etwas zu unternehmen!“ schrie sie ihn an. "Mensch, bist du gleichgültig, so gleichgültig kann wirklich nur ein Mann sein. Du hast die Kinder ja nicht geboren, nicht diese Schmerzen ausgestanden, sie nicht neun Monate in dir getragen..." Sie brach in heftiges Schluchzen aus. Er wollte sie umarmen, sie wies ihn heftig zurück. „Bitte Rosa beruhige Dich. Ich surfe doch nicht im Internet, weil mir das alles gleichgültig ist“, erklärte er in bestimmtem Ton. „Im Gegenteil, ich suche nach Hinweisen auf Entführungen.“

Er erzählte so ruhig und sachlich wie möglich, dass während sie geschlafen habe, ein Kommissar namens Ernst Strasser gekommen sei, der die Ermittlungen leite. Er hätte auch die Kinderzimmer besichtigt und werde sich wieder melden. „Und mich lasst ihr einfach schlafen“, fuhr sie auf. „Was muss dieser Kommissar von mir denken.“ - „Kommissar Strasser hat ihre Situation absolut verstanden, Frau Schmitt“, erklärte der Polizist. „Das passiert auch anderen Leuten in solchen Stresssituationen. Also bitte beruhigen Sie sich. Am besten gehen Sie wieder ins Bett. Helfen können Sie uns im Moment nicht.“ - „Das wäre wirklich das Beste“, meinte auch Hans Schmitt und wollte Rosa ins Schlafzimmer führen. Doch diese machte sich von ihm los. „Ich kann jetzt doch nicht schlafen“, meinte sie und griff nach den Zeitungen, die noch ungelesen auf dem Tisch lagen. „Vielleicht finde ich da einen Hinweis“, meinte sie.

Eine Vollmondparty

Eine alte Fabrik am Stadtrand im Osten Berlins: Hinter einer hohen steinernen Mauer, die oben mit Stacheldraht und Metallspitzen versehen war, und in der sich eine kaum wahrnehmbare Tür befand, ragten die Gebäude und ein Schornstein fast wie eine Festung. Das Gemäuer war teilweise verfallen. Trotzdem wirken die Gebäude im Vollmondschein imposant und man erkannte sogar die Spuren einstiger Schönheit. Die Mauern bestanden hauptsächlich aus Ziegelsteinen und waren mit etwas beschädigten Stuckaturen verziert, wie man sie noch an vielen solchen Gebäuden in Berlin sehen kann. Trotzdem erkannte man noch deutlich den Kunstsinn, mit dem Ende des 19. Jahrhunderts sogar Zweckgebäude verziert wurden. Auf der Westseite befanden sich alte Bahngeleise und bereits verfallene ungenützte Gebäude. Im Osten dehnte sich soweit das Auge reichte eine grüne Wiese.

Ein Saal lag im Untergeschoss. Der Boden schillerte in Goldfarbe. Drei Ziegelsteinwände waren dekoriert mit Geldscheinen aus aller Welt - echten! An einer Wand hing das Bild einer Mondlandschaft in einem schweren, vergoldeten Rahmen. Vitrinen enthielten Münzen aus allen möglichen Zeiten. Die Teppiche waren kostbar und fein geknüpft. Die Stühle waren versilbert. Sie standen nahe an den mit Geld verzierten Wänden. An der vierten Wand befanden sich ein Podium, und dahinter eine schwere Schiebetür. Auf dieser sah man ein fotografisches Abbild des Vollmondes mit schwarzem Hintergrund. In der Mitte des Mondes befand sich ein Stück der alten D-Mark. An der Decke des Saales war ein Sternenhimmel mit Vollmond abgebildet.

Es schien eine Party wie jede andere zu sein. Auffallend war höchstens, dass die meisten Herren silbergraue Anzüge trugen und goldfarbige Krawatten. Die Abendkleider der Damen bestanden aus goldenen oder silbernen Stoffen. Jim Thaler wandte sich mit dem Champagnerglas in der Hand einem Mann zu. Dieser, Egbert Leinau, sah so aus, wie man sich einen Formaljuristen vorstellt. Als erstes hatte man den Eindruck als würde er am liebsten über juristische Finessen und Theorien diskutieren. Aber wer ihn aufmerksam beobachtete und die Empfindung dafür hatte, konnte seine negative Ausstrahlung wahrnehmen. Dann wirkte er wie ein Schwarzmagier, und es gab Menschen die Brustbeklemmung und Brechreiz in seiner Gegenwart bekamen. Jim Thaler allerdings war nicht empfänglich für solche unsichtbaren Schwingungen. "Nun Thaler", fragte Egbert Leinau, "hat Lydia Elster Erfolg gehabt." - "Den bestmöglichen. Daniel und Katharina sind in unserer Hand. Rosa Schmitt hat Lydia ihren Sohn selbst ausgeliefert. Lydias Auftritt als Polizistin und ihr Trick mit dem Kinderhütedienst funktionierte ausgezeichnet. Ich bewundere immer wieder ihren Einfallsreichtum."