Verlag: Emons Verlag Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Erhalten Sie Zugriff auf dieses
und über 100.000 weitere Bücher
ab EUR 3,99 pro Monat.

Jetzt testen
7 Tage kostenlos

Sie können das E-Book in Legimi-App für folgende Geräte lesen:

Tablet  
Smartphone  
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Seitenzahl: 355

Das E-Book kann im Abonnement „Legimi ohne Limit+“ in der Legimi-App angehört werden für:

Android
iOS
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Das E-Book lesen Sie auf:

E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Wenn der Waschbär kommt - Inge Hirschmann

Ein humorvoller Krimi rund um eine tierische Verbrecherjagd. Seniorin Mathilda Schöberl fühlt sich nicht ernst genommen: Sie ist sich sicher, bestohlen worden zu sein, aber niemand glaubt ihr, dass nicht allein die Waschbären ihr Haus verwüstet haben. Nur Ministrantin Linda ist auf ihrer Seite und lässt bei ihren Ermittlungen gemeinsam mit ihrem Freund, dem Totengräber Frank, die örtliche Polizei alt aussehen. Denn in Markt Hallerbach treibt eine ganz spezielle Waschbärenbande ihr Unwesen.

Meinungen über das E-Book Wenn der Waschbär kommt - Inge Hirschmann

E-Book-Leseprobe Wenn der Waschbär kommt - Inge Hirschmann

Inge Hirschmann, Jahrgang 1962, war fünfzehn Jahre als Apothekerin tätig. Die langen Notdienstnächte versüßte sie sich mit Schreiben. Danach hat sie ein paar Hobbys zum Beruf gemacht: Seit 2000 arbeitet sie in der familieneigenen Papeterie und ist als Kunstmalerin und Grafikerin aktiv. Mit Mann und Tochter lebt sie im Rottaler Bäderdreieck.

www.hirschmann-krimi.de

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

© 2018 Emons Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Umschlagmotiv: mauritius images/age fotostock/Ronald Wittek

Umschlaggestaltung: Nina Schäfer, nach einem Konzept von Leonardo Magrelli und Nina Schäfer

Umsetzung: Tobias Doetsch

Lektorat: Susann Säuberlich, Neubiberg

eBook-Erstellung: CPI books GmbH, Leck

ISBN 978-3-96041-427-8

Niederbayern Krimi

Originalausgabe

Unser Newsletter informiert Sie

regelmäßig über Neues von emons:

Kostenlos bestellen unter

www.emons-verlag.de

Dieser Roman wurde vermittelt durch die Verlagsagentur Lianne Kolf, München.

Für Lindaund ihr lebendes Vorbild, für meine Familie, meine Freunde und Fördererund natürlich für all jene, die sich einmal mehr vertrauensvollan einen Hirschmann-Krimivoller Viechereien wagen

Prolog

Sommer 2011 …

Er hatte gewusst, dass sie irgendwann kommen würden, und, Teufel noch mal, da waren sie: die Körperfresser. Aliens in der Verkleidung von Menschen, geradeso wie in dem Film.

Ja, Körperfresser! Hatten sich hier eingenistet, nur ein paar Schritte weit weg, und lauerten seitdem begierig darauf, dass er eine Schwachstelle zeigte. Taten freundlich, aber darauf fiel er nicht herein. Er war lange noch nicht taub, hörte für sein Alter sogar recht gut. Vernahm deutlich das hohe Summen des Raumschiffs aus dem Stadel, wo es mit ständig laufendem Antrieb darauf wartete, die menschlichen Versuchskaninchen aufzunehmen, die zu fangen sie hier waren, die Aliens.

Nein, ihn konnten sie nicht blenden. Nicht ihn, Josef Achleitner. Er musste handeln, solange sie das nicht ahnten, solange sie noch dabei waren, sich einzurichten auf Terra. Tag und Nacht bespitzelte er sie und bekam langsam ein Gespür dafür, wann sie nicht zu Hause waren.

An einem dieser Tage nahm er die Schrotflinte, sicherte nach allen Seiten und humpelte über den Hof, um den Bulldog aus der Scheune zu fahren, sein Fluchtfahrzeug. Unmittelbar vor der Haustür stellte er ihn ab. Wenn es hart auf hart kam, würde ihm nicht die Zeit bleiben, den alten Traktor zu holen.

Wohin die Flucht gehen sollte, war klar: hinein in den Wald, dahin konnten sie ihm mit dem Raumschiff nicht folgen. Und auch nicht mit dem Wagen, den sie sich als Erstes angeschafft hatten.

Fortan musste er Tag und Nacht bereit sein. Hier draußen gab es keine Sicherheit mehr für ihn.

In alle Richtungen witternd, pirschte er zurück zur Haustür. Zum ersten Mal in seinem Leben fand er es von Vorteil, dass man ihn im letzten Kriegsjahr, da war er gerade sechzehn gewesen, noch zur Armee eingezogen hatte. Er war unverletzt heimgekommen wie nur ganz wenige, hatte aber immerhin ordentlich schießen gelernt. Unendlich viel Glück hatte er damals gehabt, vielleicht dank des Amuletts vom heiligen Bruder Konrad von Altötting, das ihn begleitet hatte. Selbst das Gefangenenlager war ihm erspart geblieben. Er war einfach rechtzeitig von den Gebirgsjägern abgehauen, nachdem der Leutnant seinem Trüppchen eröffnet hatte, dass der Krieg sowieso längst verloren sei und sie schauen sollten, dass sie sich nach Hause durchschlugen. Und der heilige Bruder Konrad hatte ihn sicher heimgeführt, den ganzen weiten Weg vom Bodensee her. Aber nicht nur das: Er hatte ihn auch davor bewahrt, je einen Menschen töten zu müssen. Unendlich viel Glück hatte er gehabt in diesem verfluchten Krieg …

Und plötzlich war der Krieg zurück, in anderer Form, viel subtiler und hinterhältiger. Aber diesmal – dessen war er ganz sicher –, diesmal kämpfte er auf der Seite der Guten.

Die Aliens waren dabei, seine Heimat zu unterwandern, und nur er konnte das Raumschiff summen hören. Niemand sonst, nicht einmal der Briefträger oder die anderen Paketboten, nicht der Kaminkehrer oder die Klatschbasen aus der weiteren Nachbarschaft, die hin und wieder Besuche abstatteten. Blind waren sie alle – und vor allem taub.

Den Fehler, seine Mitbürger zu warnen, würde er nicht noch einmal machen. Im Wirtshaus hatten sie ihn ausgelacht mit seiner Theorie, das ganze Bräustüberl voller Leute. Hatten sich über seine Beschreibung, wie der Raumschiffantrieb summte, amüsiert und ihm aus lauter Barmherzigkeit einen Schnaps spendiert. Und noch einen und noch einen, bis er nicht mehr geradeaus schauen konnte. Und hinter seinem Rücken hatten sie von einem Entzugsdelir gesprochen, dass er seinen Verstand schon vor Jahren komplett versoffen habe.

Wie bereits erwähnt, er hörte besser, als man seinen verwitterten Zügen zutraute.

Wieder im Haus, stellte er schwer atmend die Schrotflinte in die Ecke und kramte sein altes Jagdgewehr hervor. Was sollte er mit Hasenschrot gegen Invasoren vom anderen Stern ausrichten? Er hatte allen Ernstes Angst gehabt, sie könnten es längst gefunden und mitgenommen haben. Ob sie bereits hier im Haus gewesen waren, heimlich, wenn er beim Einkaufen war?

Vielleicht hielten sie ihn für harmlos, wenn sie nicht gerade Gedanken lesen konnten. Vielleicht ahnten sie nicht, dass er das Summen ihres Raumschiffs hören konnte, das mit der Zeit immer lauter geworden war, von Woche zu Woche greller und durchdringender. Es kamen auch keine Nachbarn mehr zu Besuch, vielleicht hatten sie die alle schon einkassiert. Entführt in ihr entsetzliches Raumschiff.

Auf keinen Fall durfte er je einem von denen ins Gesicht schauen, wegen der Gedankenleserei!

Ihn hatte die Angst gepackt, sie könnten das Gewehr hinterrücks manipuliert haben, sodass auf das Schießeisen kein Verlass mehr war. Mit dieser Befürchtung im Nacken hatte er angefangen, nach einem geeigneten Ort zu suchen, um es probehalber abzufeuern. Schwierig … Definitiv nicht draußen im Hof, sonst wären die Aliens gewarnt. Und im Haus waren überall Fenster, uralt, schlecht isoliert.

Hinaus in den Wald traute er sich aber erst recht nicht. Nicht, solange sie im Nachbarhaus steckten, alle drei.

Anfangs hatte er sich überhaupt nicht mehr aus dem Haus getraut und wäre fast verhungert, aber nach und nach hatte er herausgefunden, zu welchen Tageszeiten sie nicht zu Hause waren. Das Weibchen blieb manchmal daheim, aber vor dem hatte er am wenigsten Angst, auch wenn es hässlich war wie die Nacht.

Eines Tages, als sie wieder einmal alle zusammen in den Wagen gestiegen waren, den sie zur Tarnung benutzten, hatte er die Gelegenheit genutzt, das Gewehr zu erproben. Er machte das Klofenster auf, legte die Waffe auf dem Fensterbrett an und machte Zielübungen auf seinen eigenen Stadel.

Das Ergebnis war niederschmetternd gewesen: Der Lauf war so verzogen, dass er nicht einmal auf zwanzig Meter die Tür traf. Das alte Ding konnte er vergessen.

Tag und Nacht hatte Achleitner fortan über dem Problem seiner völlig unzureichenden Verteidigungsmöglichkeiten gebrütet, und irgendwann hatte ihm die Vorsehung eine Eingebung geschickt: Vielleicht lebte sein Kriegskamerad noch, Friedhelm Wernicke. Ein Preiß, aber ein netter. Kam aus der Uckermark, hatte das Pech gehabt, für einige Jahrzehnte hinter dem Eisernen Vorhang festzusitzen, und in dieser Zeit hatte Achleitner ihm und seinen Angehörigen immer wieder mal Pakete mit Kaffee, Schokolade und Bananen geschickt. Nicht übertrieben viel, denn das war lange vor seiner Erbschaft gewesen, der kleine Hof hatte nicht viel hergegeben.

Jahrzehntelang hatte er nichts mehr von Friedhelm gehört gehabt, nach der Wende sollte es denen dort drüben dem Vernehmen nach wohl besser gehen als den Leuten im Westen, insbesondere den alten, armen, die die Regierung irgendwie vergessen hatte und die durch alle sozialen Raster fielen. Ein alternder Landwirt, der noch Grundbesitz hatte, bekam weder Sozialhilfe noch Heizungszuschuss, auch wenn er von seinem Grund und Boden nicht abbeißen konnte. Und abgesehen davon, dass es sich für einen Landwirt einfach nicht gehörte, seine Felder zu verkaufen, hätte die auch niemand haben wollen. Nicht in dieser Region, wo der Mutterboden karg war und der Winter lang.

Die Erbschaft, die Achleitner vor ein paar Jahren gemacht hatte, hatte mit einem Schlag all seine Sorgen weggewischt. Auch wenn er zu der Zeit noch nicht geahnt hatte, dass sie vielleicht sein Leben retten würde, denn mit Geld konnte man vieles kaufen.

Bei Friedhelm Wernicke war er glatt gleich an den Richtigen geraten: Zwar hatte der selbst keine Waffen an der Hand gehabt, nicht einmal aus alten Ostbeständen, aber er kannte einen Mann in Nürnberg, der mit so ziemlich allem handelte, was der liebe Gott und das deutsche Strafgesetzbuch verboten hatten.

Der Kontakt war schnell hergestellt gewesen, fürs Erste hatte Achleitner eine Walther PPK und eine Beretta geordert, beides Waffen, die auch James Bond benutzte, demnach konnten sie nicht übel sein.

Es hatte nicht einmal zwei Tage gewährt, da war der Albaner auch schon angefahren gekommen, um die Bestellung gleich persönlich auszuliefern. Sogar eine UV-Lampe hatte er mit, um die nicht unerhebliche Menge an kleinen Scheinen, die der Altbauer Achleitner ihm im Gegenzug aushändigte, auf Echtheit zu überprüfen.

Von diesem Tag an hatte der glückliche Erwerber mit der Walther im Nachtkästchen und der Beretta unterm Kopfkissen geschlafen. Beide Waffen hatten ihm ein lange vermisstes Gefühl von Sicherheit vermittelt, sodass er überhaupt erst wieder richtig schlafen konnte. Als die dämonischen Nachbarn wieder einmal außer Haus waren, schoss er die Handfeuerwaffen an seiner Stadelwand ein, mit einigermaßen zufriedenstellendem Ergebnis. Er hatte es nicht verlernt. Keine Spur von Zittern – auch wenn er vor den Waffengängen immer ein paar Stamperl »Zielwasser« brauchte. Sollten sie nur kommen, diese fiesen Außerirdischen! Denen würde er schön heimleuchten.

Leider aber hatte sehr bald der viel zitierte Gewöhnungseffekt eingesetzt. Die Waffen waren zwar da, vermittelten aber immer weniger das Gefühl von Sicherheit, das er so ersehnte. Vielleicht ein halbes Jahr nach seinem ersten Kontakt mit dem Albaner bestellte er Nachschub, um richtig aufzurüsten: eine Pumpgun. Und so ging es weiter, eineinhalb Jahre lang.

Die Aliens versuchten während der ganzen Zeit nie, in sein Haus einzudringen oder ihn gar zu entführen. Aber sollte es ihnen je einfallen, wäre er wohl gerüstet.

1

Anfang Dezember 2013 …

Als der Apotheker Heinrich Baumer an diesem Abend durch ein kratzendes Geräusch aus der Lethargie seiner dumpfen Büroarbeit gerissen wurde, schwante ihm gleich das Allerschlimmste. Die Türglocke wird doch hoffentlich nicht kaputt sein?, dachte er. Ein Desaster wäre das, eine Panne, die einfach nicht vorkommen durfte, wenn man zum Notdienst eingeteilt war. Der Notdienst war eine heilige Pflicht für jeden Apothekenleiter, man hatte parat zu sein, auch wenn einem das übermächtige Schlafbedürfnis noch so sehr die Augenlider herunterzog.

Was das betraf, war der Baumer Heinrich sowieso ein Härtefall: Weil seine Apotheke die einzige im Umkreis von zwölf Kilometern war, hatte er kaum eine Nacht wirklich Ruhe. Seine Mitbürger wussten, dass er gleich über der Offizin wohnte und auch meistens daheim war. Wenn nicht, dann trieben sie ihn garantiert im »Gasthof zur Post« auf, wo er Mitglied des Bürgerstammtisches war, oder klingelten seine Frau heraus, die sich zur Not auch auskannte. Ja, es war sogar eher ungewöhnlich, dass ausgerechnet im Notdienst, der sich im zehntägigen Turnus wiederholte, jemand seine Dienste beanspruchte.

Ächzend hievte er seine fast sechzigjährigen Knochen aus dem Bürostuhl, warf dabei in der Hektik die Computermaus herunter (zum Glück eine altmodische mit Kabel, das den Sturz abfing) und hastete vor zur Eingangstür.

Draußen war es so stockfinster, wie es Anfang Dezember um neun Uhr abends nur sein konnte. Bis auf den Lichtkegel halt, den die Lampe über der Tür in einem Halbkreis in die Schwärze zeichnete. Wenn jemand geklopft hatte, sollte er eigentlich auch hier stehen – oder zumindest beim Weggehen noch sichtbar sein. Weiter vorn am Marktplatz standen etliche Straßenlaternen, die ihn verraten würden.

Baumer sperrte die Tür auf und drückte kräftig auf die Klingel. Ein satter Gongschlag erschallte, dessen Sound ihm gleich den Blutdruck in die Höhe trieb. War auch im Ruhezustand generell leicht erhöht, wie er durch regelmäßige Messungen leider hatte feststellen müssen. Dabei war er auf einem so guten Weg gewesen, damals mit dem täglichen Frühsport, den ihm seine stets besorgte Frau verordnet hatte – bis zu dem grauenhaften Morgen, an dem er den toten Biberbeauftragten gefunden hatte. Mitten auf der Biberburg, ausgeblutet und weiß wie ein Wachsstöckl, und rundherum unter der Wasseroberfläche seine potenziellen Mörder, die Biber, gierend nach neuem Menschenblut …

Seltsame und verstörende Dinge waren da im letzten Sommer geschehen. Ein Biberdamm war explodiert, Leichenteile waren aufgetaucht und wieder verschwunden, ebenso etliche Gebrauchtwagen. Menschen hatten beinahe ihr Leben gelassen, andere tatsächlich. Morde waren passiert und ältere Gewaltverbrechen ans Licht gekommen. Seltsam eigentlich, dass trotz allem nicht ein einziger Biber umgekommen war. Das einzige Malheur, das den Tieren passiert war, war ein unfreiwilliger Umzug gewesen, bis hinüber in die Nachbargemeinde. Und dort hatten sie sich tatsächlich für einen Bauplatz entschieden, wo sie – völlig ungewöhnlich für diese Tiere – absolut niemanden störten.

Nein, Morgenspaziergänge waren seitdem gestrichen, auch wenn sich längst herausgestellt hatte, dass Biber Vegetarier sind und es gar nicht gewesen waren. Die Leiche zu finden hatte Baumers Blutdruck auch nicht gar so gutgetan, da konnte er gleich daheim sitzen bleiben und sportfrei weiterleben.

Seufzend wandte er sich zurück in den Eingangsbereich der Offizin und sperrte hinter sich ab. Früher hatte er das nicht gemacht, stattdessen war die Tür einfach offen geblieben, solange er herunten war. Aber diese Zeiten waren unwiederbringlich vorbei. Niemand ließ heutzutage mehr seine Haustür unbewacht, nicht einmal draußen auf den verstreut liegenden Höfen, wo das Abschließen von jeher kein üblicher Brauch war.

Hallerbach war wahrlich kein ganz normaler Ort. Ein richtig heißes Pflaster war diese Zweieinhalbtausend-Seelen-Gemeinde neuerdings. Seit jenen denkwürdigen und tragischen Ereignissen im Spätsommer dieses verfluchten Hochwasserjahres 2013 wusste nun wirklich ein jeder Einwohner, dass die Region von mafiösen Strukturen beherrscht wurde. Immerhin war es bisher gelungen, das vor den Touristen geheim zu halten. Hierin stand man ganz in der Tradition italienischer Urlaubsparadiese.

Ja gut, von beherrscht werden konnte mittlerweile vielleicht nicht mehr die Rede sein, seit Karl Holzinger, dieser arme Teufel von Polizeikommissar, mit einem Paukenschlag einen ganzen Verbrecherring hatte auffliegen lassen mit den bekannten Folgen, die man so schnell nicht vergessen würde. Danach war er verschwunden, in suizidaler Absicht, so die offizielle Meinung, und ziemlich schnell für tot erklärt worden.

Heinrich Baumer schloss den unglückseligen Polizisten jeden Tag in sein Nachtgebet ein: Er war sein Freund und Stammtischbruder gewesen. Und, abgesehen von dieser fatalen Affäre, ein total netter Kerl.

So lagen die Dinge im Markt Hallerbach, und der wiederum lag unglücklicherweise knapp an der bayerisch-tschechischen Grenze. Einer Grenze, die diesen Namen nicht mehr verdiente, seit vor achtzehn Jahren oder so das Schengen-zwei-Abkommen in Kraft getreten war und eine einzige riesige Einladung für Gelichter jeder Art darstellte, sich beim reichen Nachbarn zu bedienen – sprich, auf Raubzug zu begeben. Der Geschäftsmodelle waren es viele, und sie ließen sich genauso logistisch sinnvoll miteinander verbinden wie bei einem Containerschiff, das von Hafen A voll beladen nach Hafen B fährt, dort seine Fracht auslädt und im Gegenzug neue Container mit heimbringt.

An der Grenze nach Tschechien sah das ungefähr so aus: Crystal Meth und verschleppte Mädchen rein nach Bayern und im Gegenzug geklaute Autos und Solarkollektoren hinüber nach Tschechien, Polen und Rumänien. Darüber hinaus alles andere, was nicht niet- und nagelfest war. Seit Schengen hatte sich die Zahl der Einbrüche rund um Hallerbach nahezu verzehnfacht. Die Schleierfahnder konnten halt nicht überall auf einmal sein.

Die Banden rückten selbstbewusst mit Lastwagen an, räumten schnell im Vorbeifahren ein Haus komplett aus und dampften ungeschoren zurück über die Grenze. Solche und andere Vorfälle führten den Hallerbachern die neue Gegenwart einer höheren Macht – der Mafiaclans aus dem Osten und vom Balkan – nur zu deutlich vor Augen. Auch wenn der Polizei erst im Spätsommer ein großer Schlag gegen eine solche Organisation gelungen war, konnte man davon ausgehen, dass die Macht des Bösen nicht lange brauchen würde, um wieder zu erstarken. Es war wie mit Herkules und der Hydra: Schlug man einen Kopf ab, wuchsen zwei neue nach.

Wen wundert es vor diesem Hintergrund noch, dass der Baumer Heinrich heftig zusammenzuckte, als draußen auf einmal etwas laut schepperte: Das Blumengesteck, das seine Frau liebevoll einladend in die Türnische neben der Notdienstglocke dekoriert hatte, war umgefallen.

Baumer wagte nicht, sich zu rühren. Er musste einfach darauf bauen, dass der Verbrecher – wenn es denn einer war – vom Licht geblendet wurde und somit nicht sehen konnte, dass gleich hinter der Tür eine verängstigte Person eng an die Wand gepresst stand und den Bauch bis zum Anschlag einzog, um weniger Ziel zu bieten. Weil er auch den Atem anhielt, konnte er ein seltsames Geschnuffel sowie das Tappen kleiner, hornhäutiger Füße vernehmen.

»Hmpffhhh.« Er holte erleichtert Luft. Bloß wieder ein lästiger Marder. Oder? War ein derart kleines Tierchen in der Lage, den massiven Blumentopf draußen umzuschmeißen?

Heinrich Baumer löste sich aus den Schatten seiner Deckung, öffnete die Notdienstklappe und spähte hindurch. Und endlich sah er sie.

Heiliger Strohsack! Schnell wie der Blitz warf er die Klappe zu, schob den Riegel vor und lurte wieder durch die Glastür. Dann schleppte er zur Verstärkung derselben einen Stapel Leergutcontainer vom Pharmagroßhandel heran und schob sie vor die Klappe. Diese war ungefähr vierzig mal vierzig Zentimeter groß, locker breit genug, um solch ungebetenen Gästen mühelos Zutritt zu verschaffen. Gästen, von denen bekannt war, dass ihnen einfache Riegel nicht viel Widerstand entgegenzusetzen vermochten, ihnen und ihren geschickten Pfoten.

Schnurstracks eilte Baumer hinauf in die Wohnung und berichtete seiner Frau, was er gesehen hatte.

Völlig anders, als er erwartet hatte, brach sie in Entzückensrufe aus. Na, die würde sich noch wundern, die Ulla – zumindest, falls es den Invasoren je gelingen sollte, sich Zutritt zum Haus zu verschaffen.

2

Viele sind berufen, aber nur wenige auserwählt. Etwas in der Art dachte Linda Baumann, zumindest sinngemäß, denn sie war leider nicht bibelfest genug, um Ort und Zeile dieses Zitates zu kennen. Trotz derartiger Defizite war sie irgendwie zur Oberministrantin avanciert. Darüber hinaus auch noch zur Pfarrgemeinderätin. Und das mit siebzehndreiviertel. Ewald Klauser, der betagte Organist, hatte sie beschwatzt, für dieses hehre Amt zu kandidieren, weil er seinerseits endlich aufhören wollte und es sich zur Aufgabe gemacht hatte, wenigstens einen würdigen Nachfolger vorzuschlagen.

»Das ist nicht viel Arbeit, Linda«, hatte er auf ihren Einwand, dass sie ja kurz vorm Abitur stand und viel zu lernen hatte, erwidert. »Nur vier oder fünf Sitzungen im Jahr und einmal im Jahr beim Pfarrfest mit anpacken.«

Linda hatte diesen überschaubaren Zeitaufwand kurz überschlagen und daraufhin in einem Anfall von Nächstenliebe zugesagt. Auch mit dem hoffnungsvollen Hintergedanken, dass ein so junges Mädchen in diesem eher dem späten Mittelalter zugehörigen Gremium sowieso kaum Chancen hatte, tatsächlich gewählt zu werden.

Aber etwas hatte sie nicht bedacht: Sie war in einem Geschäft groß geworden, im Lebensmittelladen ihrer Oma. Der ganze Markt Hallerbach kannte sie, vermutlich sogar von einer ihrer besten Seiten. Denn sobald sie halbwegs hatte lesen und rechnen können, hatte sie ihrer Großmutter mit Feuereifer bei der Arbeit geholfen, war wie ein geölter Blitz auf Inlineskates durch die Regalreihen geflitzt und hatte sich überall nützlich gemacht.

Ein Geschäft als Aufzuchtsort für ein munteres Kind wie Linda mochte ungewöhnlich erscheinen, jedoch nicht mehr, wenn man den tragischen Hintergrund kannte, dass Linda seit ihrem zweiten Lebensjahr Halbwaise war und ihre Mutter notgedrungen alleinerziehend. Wenigstens hatte diese einen guten, auskömmlichen Beruf. Sie arbeitete als pharmazeutisch-technische Assistentin bei Heinrich Baumer. Allerdings war eine Apotheke kein Ort für ein lebhaftes Kleinkind, weswegen die Oma Linda tagsüber übernommen hatte. Die hatte schon vor ihrem Sohn, Lindas Vater, auch ihren Mann verloren, was Schwiegermutter und Schwiegertochter, sonst charakterlich denkbar unterschiedlich, derart zusammengeschweißt hatte, dass eine der anderen nach Kräften half. Besonders zum Wohle der kleinen Linda.

Nun, da sie längst eine große Linda war, die Pfarrgemeinderatswahlen … Linda war aus allen Wolken gefallen, als sie das Ergebnis erfahren hatte: Die meisten Stimmen von allen Kandidaten hatte sie eingefahren und war mit logischer Konsequenz danach in der Vorstandschaft gelandet. Um schnell zu erfahren, dass das mit dem Arbeitspensum auf der Führungsebene doch etwas anders aussah. Einer ihrer mannigfachen Zusatzjobs bestand fortan darin, die Jubilare der Pfarrgemeinde zu besuchen, die noch zu jung waren, um vom Pfarrer höchstselbst aufgesucht zu werden. Unter achtzig kam der nicht zum Gratulieren.

Zu einem dieser Pfarrkinder mit rundem Geburtstag war sie am ersten Adventssonntag des Jahres 2013 nach der Messe unterwegs, im Gepäck eine Flasche Grüner Veltliner und zu Fuß, weil sie zwar schon den Führerschein bestanden hatte, aber bis zur Volljährigkeit im März nur in Begleitung erfahrener Erwachsener ans Steuer durfte. Neben ihrer Mutter Erika war auch ihr Onkel Alex Starnecker als Fahrbegleiter eingetragen, was wesentlich cooler war als mit der hypernervösen Mama auf dem Beifahrersitz. Alex war Polizist und selbst bei Lindas noch bescheidenen Fahrkünsten die Ruhe selbst, während ihre Mutter bei jeder Fahrt Todesängste auszustehen schien und so steif im Wagen saß wie die schwebende Jungfrau im Zaubertrick, weil sie immerzu auf einer imaginären Bremse stand. Nicht einmal ein Brett hätte man da mehr unterschnallen müssen, so hart war ihr Muskeltonus jedes Mal. Einmal hatte sie Linda gar in die Handbremse gegriffen, zum Glück auf einem wenig frequentierten Parkplatz. Das Powerslide, das Linda unfreiwillig hingelegt hatte, hatte sich sehen lassen können. Da wäre selbst James Bond vor Neid ganz grün geworden.

Erika Baumann war überhaupt total überängstlich veranlagt, aber kein Wunder auch, nachdem sie ihren Mann bei einem Verkehrsunfall verloren hatte. Ein Fahranfänger war auf die Gegenfahrbahn geraten und frontal in den Wagen von Hans Baumann geprallt, der sich auf der Heimfahrt von der Arbeit befunden hatte. Immerhin hatte er deswegen nicht auch noch Frau und Kind bei sich gehabt.

Linda war überzeugt, sich an das Gesicht ihres Papas zu erinnern, aber das war kaum vorstellbar, nicht bei einer Zweijährigen. Vielmehr hielten die vielen Fotos, die allüberall in der Wohnung der beiden übrig gebliebenen Frauen verteilt waren, die Erinnerung wach. Erika hatte seit diesem schrecklichen Unfall ihre liebe Not mit dem Herrgott, aber an Linda war nichts dergleichen zu bemerken.

Am heutigen Sonntag war sie sozusagen auch im Auftrag des Herrn unterwegs. Das aktuelle Geburtstagskind hieß Mathilda Schöberl und war Linda nicht nur dem Namen nach bekannt. Eine zierliche, elegante ältere Dame, die sie zwar bisher nur selten persönlich getroffen hatte, die ihr aber besonders von der Beerdigung ihres Mannes her im Gedächtnis verhaftet war, weil sie trotz ihres offensichtlichen Kummers danach noch ein paar Dankesworte für die Ministranten gefunden hatte. Auch einen Zwanziger hatte sie den Kindern zugesteckt, was eher selten vorkam. Das war inzwischen bestimmt sechs Jahre her, aber solche Großzügigkeit merkte man sich einfach.

Danach hatte Linda Mathilda Schöberl immer zweimal im Jahr gesehen: beim Gräberumgang an Allerheiligen und anlässlich der Sternsinger-Aktion vor Dreikönig. Bei Letzterer hatte sie die durchgefrorenen jungen Leute stets in ihr adrettes Häuschen gebeten, ihnen heißen Tee serviert und selbst gebackene Plätzchen. Eine wirklich feine Frau.

Auf diesen Besuch freute Linda sich sehr, obwohl das Amt des Geschenkebringers sich ansonsten als unerwartet schwierig herauszustellen begann. Es musste ja auch so manches Pfarrkind beehrt werden, das der Kirche grundsätzlich nicht nahestand. Was zuweilen zu ausufernden Vorträgen führte …

Dergleichen war bei Mathilda Schöberl nicht zu erwarten, darum drückte Linda frohgemut den Klingelknopf am Reihenendhaus in der Gartenstraße.

Sie wartete … und wartete …

Nichts.

Nicht zu Hause, so ein Pech aber auch, dachte Linda. Für derlei Fälle, die häufig vorkamen, war kein zweiter Besuch vorgesehen, stattdessen hatte sie die Weisung, ein schmaleres Päckchen – weil der Wein nicht durch den Briefschlitz passen würde und im tiefsten Winter auch nicht in der Zeitungsrolle deponiert werden konnte – im Briefkasten zu hinterlassen. Die Flasche Veltliner würde sie zurücktragen und wieder im Pfarrhaus abliefern müssen. Womöglich zur Freude des Pfarrers, falls er Weißwein-Fan war. Für die Messe verwendete er roten. Linda hielt immer die Luft an, wenn sie vor der Wandlung assistieren musste: Der Geruch von Wein war ihr in ihren jungen Jahren noch zuwider. Ihr Umfeld beharrte darauf, dass sich das bald ändern würde.

Das kleine Geschenk enthielt eine Broschüre über die Geschichte der Pfarrei Hallerbach, die im Frühbarock begründet worden war, sowie eine Glückwunschkarte, vom Pfarrer unterschrieben. Linda wandte sich dem Briefkasten zu – und stutzte: Der Schlitz war mit Paketband versiegelt.

Bei näherer Betrachtung prangte auch kein Namensschildchen mehr neben dem Klingelknopf. Linda erinnerte sich deutlich, dass da immer eins gewesen war. Handgeschrieben in schönster Kalligrafie, im Schreibwarenladen säuberlich laminiert und neben die Klingel geklebt. Picobello, wie man es von Mathilda Schöberl gewohnt war.

Während sie sich noch über diese Veränderung wunderte, fiel Linda ein, dass sie die ältere Dame auch an Allerheiligen nicht am Grab ihres Mannes gesehen hatte, wo sie die Jahre zuvor immer mutterseelenallein gestanden hatte. Die Ehe war kinderlos geblieben, und andere Verwandte schien es auch nicht zu geben. Zuvor hatte sie kein Jahr ausgelassen, selbst mit einem Gipsbein war sie einmal erschienen.

Was mochte dieser netten, aber wohl auch einsamen Frau widerfahren sein? Ob sie gar schon verstorben war? Und warum hatte Linda das nicht mitbekommen?

Verwirrt zog sie ab, um in diesem Sonderfall nicht nur die Weinflasche, sondern auch die Geburtstagsgrüße zurück ins Pfarrhaus zu bringen. Nicht ohne Grund betrat sie hierfür den Kirchhof von der Friedhofseite her: Sie wollte einen Blick auf den Grabstein der Schöberls werfen. Nachprüfen, ob eine neue Inschrift darauf prangte.

Doch nein, außer dem Geburts- und Sterbedatum von Hartmut Schöberl war nichts zu sehen. Vielleicht war sie einfach nur fortgezogen, die liebenswerte Mathilda Schöberl, zumal es den Anschein hatte, als hätte sie in der Hallerbacher Gesellschaft nie wirklich Fuß fassen können. Vielleicht war sie von Natur aus eine Einzelgängerin, eine freundliche Einsiedlerin.

3

Unversehens sprach eine sonore Stimme Linda an: »Was treibst denn du hier, Linda? Ich dachte, du sitzt längst beim Mittagessen.«

Linda lächelte. »Gibt heute sowieso nicht viel, weil die Mama auf dem Weihnachtsessen ist mit der Apotheke. Aber das Gleiche könnte ich dich fragen, Alex.«

Ihr Polizisten-Onkel, genauer gesagt, der Cousin ihrer Mutter zuckte die Schultern. Im Grunde erklärte sich die Auffindesituation von selbst: Er stand vorm Holzinger-Grab. Und nicht nur er. Aber das zierliche Persönchen von Erika Baumann, ihrer Mutter, war komplett von dem wuchtigen Grabstein verdeckt gewesen. Auch sie hatte noch eine Gedenkminute hier eingelegt, ehe sie sich zu ihrem Chef samt Ehefrau und Kollegin gesellen würde. Dass sie nicht vor Papas Grab stand, sondern gerade hier, gründete auf Dankbarkeit dem unglückseligen Polizisten gegenüber, dessen Existenz ein so seltsames und rätselhaftes Ende genommen hatte.

Klar, dass die zwei da stehen, dachte Linda. Wo sie eine Gedenktafel hingesetzt haben für den armen Karl, den früheren Chef vom Alex. Klar auch, dass Onkel Alex immer sagt: Lass bloß die Finger von diesem Beruf, das ist alles nicht so toll, wie du dir das vorstellst. Aber wahrscheinlich sagt er das nur, weil es für seinen Chef so schlimm ausgegangen ist und weil er ihn total gerngehabt hat, den Karl.

Jeder im Ort hatte Karl Holzinger gemocht, weil er super zuhören konnte und einen immer ernst nahm. Auch als damals dieser Dealer auf dem Schulhof aufgetaucht war. Bei solchen Sachen hatte er keinen Spaß verstanden, den Schurken quer durch ein Sumpfgebiet gejagt und ziemlich ramponiert im Revier abgeliefert. Ja, der war immer mit Ganzkörpereinsatz unterwegs gewesen, der Karl …

Linda erinnerte sich mit wehmütigem Schmerz an diesen außergewöhnlichen Mann, der sich der Gemeinde erst zuallerletzt in einem neuen, beunruhigenden Licht gezeigt hatte.

Wie auch immer, für Linda war er nach wie vor ein Held, dem sie einen extragroßen Platz in ihrem Herzen reserviert hatte. Der Mann, der ihrer Mutter in einer Situation geholfen hatte, an der sie sonst womöglich zerbrochen wäre.

Vor ungefähr zwei Jahren …

Linda hatte sofort gemerkt, dass etwas nicht stimmte, als die Mama nach Hause gekommen war. Ein Wunder, dass sie überhaupt noch heimgekommen war, so wie sie zitterte. Geweint hatte sie auch, das sah man ihr nur zu deutlich an.

Unter neuerlichen Tränen hatte sie Linda berichtet, wie man mit ihr umgesprungen war. Dass ein Ladendetektiv sie rüde in sein Büro gezerrt und ihr dort an den Kopf geworfen hatte, sie hätte eine Packung Kaubonbons in ihrem Wagen gehabt, die nicht über die Kasse gelaufen war. Mit anderen Worten: entwendet, gestohlen, geklaut.

Dabei hatte Erika keinerlei kriminelle Instinkte und nebenher auch noch eine Aversion gegen Karamell, seit sie sich daran einmal eine Füllung ausgebissen hatte. Wie diese Süßigkeit in ihren Einkaufswagen gekommen war, konnte sie sich nicht erklären.

Der Detektiv hatte darauf erwidert, das würden sie alle sagen und dass sie die Wahl hätte zwischen polizeilich abgeführt werden und freiwilliger Zahlung einer Fangprämie von einhundert Euro.

Vielleicht hätte sie es darauf ankommen lassen, hätte sie nicht gewusst, dass ihr Cousin Alex gerade auf Schulung beim Landeskriminalamt in Wiesbaden war. Stattdessen hatte sie gezahlt, was sich nachträglich wie ein Schuldeingeständnis anfühlte.

Linda hatte versucht, sie zu trösten, aber das war schwierig gewesen. »Denk dir nicht so viel, Mama. Einer Schulkameradin von mir ist doch dasselbe passiert, allerdings drüben in Bad Kötzting. Sie schwört auch, dass sie nicht gestohlen hat. Und eine von den Vogt-Schwestern soll hier in Hallerbach erwischt worden sein. Ausgerechnet so eine Überfromme – oh Mann …«

»Was ist denn auf einmal, Linda?«

»Warte, ich denke nach. Diese Sache stinkt irgendwie zum Himmel.« So sprach Linda, zu der Zeit erst fünfzehn. Damals hatte sich der spätere Hang zum Kriminalisieren wohl bereits vorsichtig vor die Tür gewagt. »Glaubst du, dass so ein Detektiv immer nur in ein und demselben Supermarkt arbeitet?«

»Ich hab den schmierigen Kerl jedenfalls zuvor nie dort gesehen.«

»Ich vermute, die wechseln immer wieder durch, weil sie sonst auf einmal bekannt sind in der Welt der Ladendiebe …«

Erika hatte laut aufgeschluchzt.

»Ich mein doch nicht dich, Mama. Komm, wir rufen die Polizei an. Das lassen wir uns nicht gefallen, dass hier einer rumläuft und ehrliche Leute schikaniert.«

Ehe ihre Mutter es sich anders hatte überlegen oder überhaupt einen Standpunkt hatte beziehen können, hatte Linda die Nummer des Brombacher Polizeireviers gewählt, die sie auswendig kannte.

»Aber Alex ist doch auf Schulung …«, hatte Erika noch schwächlich eingewandt, da hörte sie ihre Tochter schon sagen: »Hallo, grüß dich, Bettina, die Linda Baumann aus Hallerbach. Könnte ich bitte den Herrn Kommissar Holzinger sprechen?«

Mit den anderen Kollegen ihres Onkels war sie längst per Du, aber bei einem leibhaftigen Kommissar war das etwas anderes. Auch wenn der aussah wie ein spätgeborener Hippie mit seiner Rauschgoldengelfrisur.

Zehn Minuten später hatte er bei ihnen vor der Tür gestanden, der Kommissar höchstpersönlich und nicht Jakob, sein anderer Unterling. Weil er in Hallerbach wohnte, war er auch regelmäßiger Kunde in der örtlichen Apotheke und kannte Lindas Mutter als verlässliche, freundliche und dem Augenschein nach redliche Frau, die zudem mindestens so gut zuhören konnte wie er als Polizist. Auch Linda war ihm ein Begriff, vom Laden ihrer Großmutter her.

Karl hatte nahezu einen jeden in Hallerbach gekannt, mit Ausnahme der frisch Zugezogenen, soweit sie noch nicht straffällig geworden waren. Er wusste, was für harte Zeiten die beiden Mädels nach dem frühen Tod des Familienoberhauptes durchgemacht hatten.

»Kommen Sie, Frau Baumann, setzen wir uns erst mal hin und reden in Ruhe über diese ganze Bescherung.« Seine Stimme war tief und beruhigend gewesen, ein angenehmer Bariton. Seine Augen dunkelgraublau und tiefgründig. Man hatte sofort das Gefühl, von ihm ernst genommen zu werden wie von einem guten Seelsorger. »Und du, Linda, erzählst mir noch mal genau, wie du zu deinem Verdacht kommst. Und übrigens«, er bückte sich zu seiner Aktentasche, die er brav neben seinem Stuhl am Küchentisch abgestellt hatte, »der Ordnung halber muss ich dieses Gespräch aufzeichnen. Einverstanden?«

Erika hatte genickt wie ein Roboter, Linda hingegen hatte laut und deutlich gesagt: »Ja, klar. Wir haben nichts zu verbergen, oder, Mama?«

Erika hatte den Kopf geschüttelt und den Kommissar aus waidwunden Augen angeschaut, ihm danach unter immer wiederkehrenden Weinkrämpfen von ihrem schrecklichen Erlebnis mit dem Ladendetektiv berichtet.

»Hat er Sie angefasst?«, hatte der Kommissar danach als Erstes wissen wollen. Linda hatte diese Szene immer noch vor Augen, als würde sie im Kino sitzen, in einem besonders zu Herzen gehenden Film.

»Ja, am Arm hat er mich gepackt. Da, sehen Sie, die Abdrücke seiner Finger.«

Erika war eine zierliche Rotblonde, die schwarzen Haare hatte Linda von ihrem Vater, ebenso wie die robustere Haut. Die von Erika war hingegen zart wie Pergament und bekam schnell blaue Flecken.

Karl zog sein Handy heraus und fotografierte die Druckstellen, die der Grobian hinterlassen hatte. »Haben Sie sich gewehrt?«, wollte er wissen.

»Nein … ich … ich war doch völlig platt. Was der mir alles an den Kopf geworfen hat … ich … eine Ladendiebin! Wissen Sie«, sie zwang sich zur Ruhe, »wir können keine großen Sprünge machen, weil wir auch auf eine gute Ausbildung für Linda sparen, aber zum Einkauf von Lebensmitteln reicht mein Einkommen noch allemal.«

Karl nickte langsam. »Wenn wir ihm sonst nichts beweisen können, kriegen wir ihn damit dran. Aber ich habe vielleicht noch eine andere Idee … dazu müssten wir ihn nur auf frischer Tat ertappen. Weißt du, was deine Freundin gestohlen haben soll?«, wandte er sich an Linda.

»Einen Einwegrasierer«, kam es wie aus der Pistole geschossen. »Aber Klara rasiert gar nicht, die waxt doch seit ewigen Zeiten, ihre Mutter hat doch ein Kosmetikstudio. Wozu sollte sie einen Rasierer klauen?«

Treffliches Argument, schien Karl zu denken. »Und die Frau Vogt? Welche von beiden noch mal?«

»Weiß ich nicht, die Schwestern sind sich doch so ähnlich.«

»Und was soll sie entwendet haben?« Jeder im Ort kannte die Vogt-Schwestern. Sie waren etwas schrullig, aber ganz bestimmt nicht kriminell.

»Die Leute haben was geredet, die das zufällig gesehen haben. Was ganz Abstruses: angeblich ein Päckchen Kondome.« Linda wurde feuerrot, während sie sprach, das war leider ein echtes Schneewittchenproblem. Ihre Mutter übrigens auch, weil sie ein solches Wort aus dem Mund ihrer damals fünfzehnjährigen Tochter noch nie gehört hatte.

Sogar der sonnenblonde Polizeikommissar, offenbar leicht anzustecken von derartigen Phänomenen, bekam einen rosigen Hauch auf die Wangen. Dann lachte er hell auf, vielleicht, um die Wärme in seinen Backen zu überlisten. Die Vogt-Schwestern standen in dem Ruf eines nahezu klösterlichen Lebenswandels, und übrigens waren sie beide über sechzig.

Aber dann lachte er auf einmal nicht mehr, weil er ein Mann war und nicht gleichzeitig lachen und nachdenken konnte. Ihm war nämlich ein Verdacht gekommen.

»Das sind alles Sachen, die im Kassenbereich angeboten werden: Bonbons, Rasierer und Kondome. Würde mich nicht wundern, wenn auch mal jemand mit einem Schnapsfläschchen erwischt worden wäre. Ist eigentlich völlig klar, wie soll er es sonst machen, ohne dass ihn jemand dabei beobachtet, dass er Waren aus den Regalen nimmt und unbescholtenen Bürgern nachträglich in die Einkaufswagerl wirft. Das Risiko wäre hoch, wenn er sie zuvor durchs halbe Kaufhaus tragen müsste. Frau Baumann, hat sich beim Bezahlen jemand hinter Ihnen durchgedrückt?«

»Ja, da könnten Sie recht haben. Jemand hat mich von hinten ganz leicht gestreift, glaube ich. Das hatte ich in all dem Stress ganz vergessen.« Erika war so zierlich, dass man auch in einer engen Supermarkt-Kassenschleuse leicht an ihr vorbeikam. Ein elfengleiches, beschützenswertes Wesen …

Als Linda sie und den Kommissar einander so gegenübersitzen gesehen hatte, war ihr kurz durch den Kopf gegangen, dass sie gar nicht schlecht zueinanderpassen würden – er mit seiner ruhigen, geerdeten Art, den melancholischen Augen und den Engelslocken und sie, die schutzbedürftige Elfe, die doch so tapfer ihren Mann im Leben stand.

Aber leider war schon damals weit und breit bekannt gewesen, dass Karl Holzinger keine Augen für Frauen gehabt hatte. Für Männer allerdings offenbar auch nicht. Er schien so ein verkappter Klosterbruder zu sein, vielleicht im Geiste Jesuit – oder unrettbar mit seinem Beruf verheiratet.

»Wir machen Folgendes: Ich rede mal als Erstes mit den Marktleitern der betroffenen Geschäfte. Vielleicht haben sie Videoüberwachung und waren nur zu faul, darauf nachzusehen. Oder zu verschüchtert. Diese Detektive werden von der Zentrale aus bestellt, die Filialleiter sind ihnen sozusagen unterworfen. Und wenn ich mich nicht ganz täusche, haben sie Anteil an der Fangprämie, das muss ich noch abklären. Wenn das zutrifft, würde uns das glasklar ein Motiv liefern, Frau Baumann. Und was dich betrifft, Linda … ich hätte eventuell so eine Idee, aber dafür müsstest du dich was trauen.«

Linda war das Herz ein Stockwerk tiefer gerutscht. Das lief total anders, als sie es sich vorgestellt hatte. Aber wo es nun einmal um ihre Mutter und deren Leumund ging …

»Solange ich nicht irgendwo hoch raufklettern muss, Herr Kommissar – ich hab nämlich ein bisschen Höhenangst.«

»Sag Karl zu mir. Hier in Hallerbach nennen mich alle Karl und sagen Du. Und du bist doch ab sofort meine Partnerin.«

»Was?«, piepste Linda.

Wieder lachte er, wobei sich in seinen Wangen höchst aparte Grübchen abzeichneten. Schade, dass ihre Mutter überhaupt nicht auf ihn reagierte. Doch umgekehrt schien es sich genauso zu verhalten. Karl war nett, hilfsbereit, gerecht – mehr aber nicht.

Zwei Tage später hatten sie angefangen, gemeinsam zu ermitteln. Linda hatte sich aufgetakelt wie ein It-Girl, um für den Detektiv nach einem lukrativen Fang auszusehen. Nur leider hatte es nicht funktioniert, obwohl Karl den Verdächtigen in dem Drogeriemarkt gesichtet hatte.

Aber kein Wunder auch, dass er Linda verschmäht hatte: Er hatte sich ein leichteres Opfer ausgesucht, eine ältere Dame, die so richtig nach Geld aussah. Fing gerade an, sie hinter der Kasse zur Schnecke zu machen. Ausgerechnet Kaugummi sollte sie entwendet haben, dabei sah man von Weitem, dass die Dame Gebissträgerin war. Die Ärmste war völlig verdattert.

Sowie der Detektiv jedoch nach dem Corpus Delicti hatte greifen wollen, war Karl hinter einem Regal hervorgeschossen, hatte dem Detektiv die Dienstmarke unter die Nase gehalten – er war ja in Zivil – und ihn gewarnt: »Nicht anfassen, Freundchen! Weil nämlich deine Fingerabdrücke längst drauf sind.«

»Sie … Sie müssen verrückt sein!« Der Ladendetektiv hatte Karl nicht in die Augen schauen können.

Der aber hatte ihm stattdessen sein Smartphone unter die Nase gehalten, mit dem er ihn aus seiner Deckung heraus auf frischer Tat ertappt und abgelichtet hatte, wie er der alten Dame das Kaugummipäckchen in den Einkaufswagen mit den bereits bezahlten Sachen praktiziert hatte. Während Karl das Beweisstück sorgsam eintütete, hatte der Detektiv zu fliehen versucht, was alle bösen Jungs zu probieren schienen, zumindest die besonders doofen unter ihnen, was aber in der Regel selten klappte. Und hier schon gleich gar nicht.

Gegen den Hallerbacher Superbullen, der Drogendealer durch Sümpfe verfolgte, hatte er nicht den Hauch einer Chance gehabt. Der hatte ihn am Kragen gepackt, noch ehe er zur Tür hinaus war, ihn zu Boden geworfen und in Windeseile Handschellen unter seinem dicken Pulli hervorgezaubert, mit denen er dem Kerl die Hände auf den Rücken fesselte. Aber anstatt ihn sofort in seinen Streifenwagen zu verfrachten, der an einer schlecht einsehbaren Ecke des riesigen Parkplatzes stand, hatte er ihn zu dem Discountmarkt gleich gegenüber geführt, dem, wo es Lindas Mutter erwischt hatte. Hatte dort mit dem Bösewicht im Arm verlangt, den Marktleiter zu sprechen, und diesem seinen Gefangenen vorgestellt.

Nachdem er ihm den tatsächlichen Sachverhalt erklärt hatte, hatte er ihm dringend nahegelegt, sich bei der geschädigten Dame zu entschuldigen. Mit großem Blumenstrauß, Presse und allem Drum und Dran. Er hatte auch wissen wollen, wie das mit den Fangprämien gehandhabt wurde, und Kenntnis von einer Fifty-fifty-Lösung zwischen Kaufhaus und Detektiv erhalten. Kein Wunder, dass das die Motivation des Gauners enorm angespornt und ihn zu einem eigenen Geschäftsmodell inspiriert hatte.

Linda war dem gehandschellten Detektiv und seinem Bezwinger auf dem Fuße gefolgt und hatte Karl Holzinger schließlich durch den ganzen Supermarkt tönen hören: »Komm, Linda, ich zeig dir, wie man einen Verdächtigen über Nacht auf dem Revier verwahrt. Und wie man einen Veganer korrekt ernährt.« Der Detektiv hatte nicht nach einem solchen ausgesehen, eher nach fortgeschrittener Leberkäs-Abhängigkeit. Wofür auch das sofortige Entgleisen seiner Gesichtszüge gesprochen hatte.

Ja, so war er gewesen, der Karl Holzinger. Vielleicht ein bisschen schillernd am Ende, aber mit einem großen Herzen für die Bedrängten. Wider alle Vernunft hoffte Linda so sehr, dass er in Wahrheit gar nicht tot war. Dass er doch irgendwo anders weiterlebte, irgendwo, wo es schön war. Und das ging nicht nur ihr so, sondern vielen anderen Hallerbachern auch. Auf jeden Fall allen Ladendetektiv-Geschädigten, darauf hätte sie gewettet.

Lange vorbei und zum Glück gut ausgegangen, dachte Linda, nachdem ihre Gedanken sie wieder zurück auf den kleinen Dorffriedhof entlassen hatten, wo die Mama gerade zum Aufbruch rüstete, Alex aber noch keinerlei Anstalten machte. Wie ein armes Waisenkind starrte er weiterhin auf die Gedenktafel am Holzinger-Grabstein.

»Dann will ich mal«, sagte Erika, bückte sich nach dem Weihwassergefäß und schüttelte ein paar Spritzer gegen den Grabstein. »Betriebsfeier, du weißt schon, Schätzchen.«

Das »Schätzchen« fand Linda in dieser hehren Situation übertrieben. Wo sie doch neuerdings sogar Pfarrgemeiderätin war. Aber Mutterliebe machte auch vor der Öffentlichkeit nicht halt, so schien es.

»Ja, klar. Weihnachtsfeier. Lass es dir schmecken, ich koch mir dann ein paar Spaghetti. Seid ihr beim Postwirt?«

»Wo sonst?«, entgegnete Erika lächelnd. »Mein Chef und Fritz Massinger, das sind doch alte Blutsbrüder.«

Fritz Massinger war der Wirt des »Gasthofs zur Post«. Zusammen mit seiner Frau und den nur selten anwesenden erwachsenen Söhnen, die beide auswärts das Hotelgewerbe erlernten, betrieb er seine auch in Tourismusflauten florierende Wirtschaft gleich neben der Kirche. Womit er sozusagen als Kirchenwirt fungierte. In früheren Zeiten hatte in Bayern jedes Dorf seinen eigenen Kirchenwirt gehabt, und hier in Hallerbach funktionierte diese Tradition nach wie vor. Nein, es war wahrhaft nicht alles schlecht an Hallerbach. Selbst die Russenmafia hatte das einsehen und letztlich klein beigeben müssen, wenn auch um einen Preis, der die Dorfgemeinschaft immer noch schmerzte.

Nachdem Erika das Feld geräumt hatte, um zu Heinrich Baumers Weihnachtsfeier zu stoßen, grinste Alex seiner Nichte verheißungsvoll ins Gesicht. Die Gedenkzeit am Grab schien ihn getröstet zu haben. »Hast du statt der Nudeln Lust auf ein schönes Sonntagsbratl?«

Hatte sie, und ob. Auf dem Weg zum Gasthof erklärte er ihr, dass seine Frau heute mit ihren Freundinnen am Backen war, den ganzen Tag lang. Plätzchen-Marathon. Dass er da sowieso nur stören würde. Eine klassische Win-win-Situation, sich stattdessen beim Kirchenwirt den Bauch vollzuschlagen.

»Ja, gut, ich muss nur noch schnell diese Flasche Wein in den Pfarrhof zurückbringen, dann bin ich gern dabei. Das heißt … ich hab nur fünf Euro einstecken.«

»Wo denkst du hin, ich lad dich ein, Mädel.«

»Oh, danke, Alex.«

Onkel hatte sie zu dem noch nie gesagt. Das passte nicht zu Alex, der war schlichtweg zu cool für diese Anrede. Zumindest, seit er seine Frau knapp vor der Scheidung wieder zurückerobert hatte. Zuvor war er einfach nur fad gewesen. Aber das waren Dinge, von denen Linda nicht gar so viel verstand. Sie hatte keinen Freund.

Oder?

Von drüben am Kompostcontainer winkte ihr Frank zu. Der Gehilfe vom Bestattungsunternehmer, praktisch der Totengräber der Gemeinde. Ohne lange zu überlegen, winkte sie zurück, mit einem Lächeln im Gesicht.

Alex, dem von Berufs wegen nichts entging, gleich gar nicht, wenn es seine Nichte betraf, musterte sie eingehend. »Gehst du mit ihm?«

»Nöööö! Bin zurzeit solo.«

»Zurzeit?«

»Pffhhh …« Tatsache war, dass kein Silberstreif in Form von Prinz am Horizont lauerte. Zu viel Abistress, zu wenig Prinz. Thema beenden, Ablenkung suchen!

»Sag einmal, Alex: Was ist denn mit der alten Frau Schöberl passiert?«

Da sie nunmehr Seite an Seite das Friedhöfchen verließen, steckte Alex sich eine Zigarette an.

»Seit wann rauchst denn du wieder?«

»Ach, ist der Stress mit dem Chef.«

»Mit welchem, dem alten oder dem neuen?«