Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Sommer in Unterhaching: Das Schwimmbad lockt, das Bürgerfest, der Hachinger Bach plätschert vor sich hin. Doch dunkle Wolken ziehen auf: ein Wohnungsbrand, Herzinfarkt im Schwimmbad, Gespinstmotten im Auwald, ein Gewitter zum Ende des Feuerwerks mit heftigem Wind. Die Feuerwehr ist ständig im Einsatz. Eine Spaziergängerin, oder vielmehr ihr Hund, findet eine Leiche im Gestrüpp am Grünwalder Weg. Eine Tote auch im Schwimmbad. Ein grausiger Fund im Garten. Die Polizei tappt im Dunkeln. Haben die Morde etwas mit den Ibiza-Videos zu tun? Eine Frau gibt es, die könnte alles aufklären: Anja. Dazu müsste sie aber erst das Tagebuch der Krähenwally lesen. Und die Videos auf dem USB-Stick anschauen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 174
Veröffentlichungsjahr: 2019
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Alle handelnden Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind Zufall und keine Absicht.
Alle Personen sind erfunden. Es gibt sie nur in meiner Fantasie. Wenn Sie denken, Sie kennen Sie, dann nur, weil Sie schon in meinen früheren Krimis über sie gelesen haben.
Anja Gollinger, Geschäftsführerin, Buchhalterin und Mädchen für alles bei der Stiftung „Naturerbe Hachinger Bach“.
Liiert mit Peter Hertlich, Mutter von Thomas.
Peter Hertlich, Ex-Polizist, Inhaber von „Hertlich – Hilfe in Haus und Garten“, verdient sein Geld mit Rasenmähen, Heckenschneiden, Fenster putzen, Wohnungen sanieren …
Holt sich wirtschaftliche Ratschläge bei Miguel Sanchez. Würde Anja gerne mit Brief und Siegel heiraten, aber sie sträubt sich noch.
Thomas, 5 Jahre alt und beinahe 6, lebhaft und voller Fantasie. Seine Wutanfälle kosten nicht nur seine Eltern, sondern auch die Kindergärtnerinnen einiges an Nerven. Noch schlimmer sind seine wilden Geschichten und seine kreativen Spielideen.
Fräulein Finesse, Kindergärtnerin, die Ärger mit Thomas hat oder er bzw. Anja mit ihr.
Regine Oberschall, alte Freundin von Anja und Peter, Besitzerin des Hauses, in dem Anja, Peter und Thomas wohnen, graue Eminenz bei der Stiftung „Naturerbe Hachinger Bach“.
Elfriede Jelinek, Haushälterin in der Villa Struck, schreibt nebenbei Krimis, Regines Freundin, Hermanns Feindin.
Hermann Struck, im Winter Bewohner der Villa Struck, im Sommer schlägt er sein Nachtlager am liebsten im Landschaftspark auf, braucht Bier und Schnaps als Überlebenshilfe, träumt immer noch von Australien.
Daniel Bronstein, fährt ein Auto mit Berliner Kennzeichen, hat in Unterhaching einen Auftrag auszuführen.
Ricarda, alte Bekannte von Anja und Peter, hat vor fünf Jahren die Gelegenheit beim Schopf gepackt und einen Job als Hausdame auf der Jacht von Eugenides angenommen, genauer gesagt, hat Anja den Job weggeschnappt, weil Anja zu lange überlegt hat.
Eugenides, schwimmt in Geld, aber niemand weiß, woher es kommt, mittlerweile untergetaucht oder tot. Ein Gerücht sagt, dass er der Vater von Thomas ist, zumindest denkt er das selber, denn er hat für Thomas ein Konto in der Schweiz eingerichtet.
Miguel Sanchez, ebenfalls Millionär, wurde in Band 4 ermordet, möglicherweise im Auftrag seines Konkurrenten Eugenides. Seine Seele oder sein Hirn oder was auch immer ist in das große Bild gefahren, das in Peters Arbeitszimmer hängt, was ihm die Möglichkeit gibt, weiterhin Geschäfte zu machen, bzw. auf Peters Geschäfte Einfluss zu nehmen. Immerhin steckt sein Schwarzgeld in Peters Firma..
Walburga Gerstleitner, genannt Krähenwally, Unterhachinger Original, Beschützerin der Saatkrähen vor den Attacken der Gemeinderäte und Freundin von Regine, gestorben in Band 3 am Fuß der Treppe im Landschaftspark. Ihr Geist tappt immer noch durchs Haus, und ist verantwortlich für nächtliches Treppenknarren und klappernde Türen. Ihr Tagebuch ist im Keller versteckt.
Richard Heinzeldorfer, Ex-Liebhaber von Regine, will nicht von ihr lassen und kann rabiat werden.
Eberhard Struck, Neffe von Hermann, lebt nur für seinen PC und die Kois in seinem Teich.
Kurt, genannt Körd, Liebhaber von Wally und Regine in ihren wilden jungen Jahren, angeblich nach Marokko ausgewandert.
Der Herr Nachbar, hat viele Daten gesammelt, die manche Leute nervös machen.
Armin Struck, der Tote von Band 1, der einzige Mann, den Regine wirklich geliebt hat.
Das kleine gelbe Auto: Ricarda hat es, als sie nach Griechenland verschwand, für Anja zurückgelassen.
Die Nacht war windig, fast schon stürmisch. Die Fichte vor dem Haus ächzte, Zweige schabten über die Hauswand. Um Mitternacht hörte Anja die Treppe knarren. Wally, das Hausgespenst, wanderte wieder einmal treppauf, treppab. Thomas kam ins Schlafzimmer und kroch zwischen Anja und Peter ins Bett. Er schmiegte sich an Peter und stieß im Schlaf Anja mit Füßen. Um halb fünf wachte Anja wieder auf. Thomas plapperte Unverständliches. Die Krähen krächzten.
Nach einer halben Stunde, in der sie sich nur hin und her gewälzt hatte, stand Anja auf. Sie zog warme Socken und eine Strickjacke an und ging hinunter ins Wohnzimmer. Sie öffnete die Terrassentür. Der Wind hatte nachgelassen. Warme Luft kam herein mit einem leichten Duft nach Harz und Honig. Anja ging hinaus auf die Terrasse. Die Fichte stand aufrecht wie eh und je. Kleine Ästchen und Nadeln bedeckten den Fliesenboden. Anja setzte sich auf den alten Gartenstuhl, zog die Beine an und wickelte sich fest in ihre Strickjacke.
Da saß sie nun mit Blick über die Felder zum Einkaufsparadies: Baumarkt, Elektromarkt, Biomarkt, Tankstelle und Geothermiekraftwerk. Vorne rechts der Wald, ein dunkler Streifen, davor die Lichter der Autos auf der Autobahn. Links und rechts und hinter ihr Wohnhäuser hinter hohen Thujenhecken. Krähen kreisten über dem Feld und krächzten laut. Die Jungvögel in der Fichte antworteten.
Das ist mein Leben, dachte Anja, eingezwängt, eingepfercht, ein winziges Siedlungshäuschen zwischen großen Wohnblocks, beschallt und zugedröhnt vom Verkehr. Alles was an Natur hier ist, beschränkt sich auf Feld, Fichte und Krähen. Ich hätte es auch anders haben können: auf einer Segeljacht im Mittelmeer, zwischen den Inseln kreuzen, weiße Häuser mit blauen Fensterläden, auf engen Gassen den Berg hinauf wandern, Rosmarin und Oleander, Feigen- und Zitronenbäume, zwischen den Felsen blitzt das blaue Meer hervor. Ich könnte es schon morgen anders haben, ich müsste nur das Geld nehmen, das Konto leer räumen, einen Rucksack packen und losziehen. Warum tu ich es nicht? Warum habe ich es vor fünf Jahren nicht getan?
Eine Amsel landete auf dem Dachfirst und begann zu singen. Anja wickelte sich fester in ihre Jacke.
Ein Auto kam langsam die Straße entlang, blieb stehen. Anja stand auf, stieg in ihre Gummistiefel und ging vor zum Zaun. Vorsichtig bog sie die Zweige der Hecke auseinander – und schaute direkt in das Gesicht eines Mannes, der sich neben dem Auto streckte und dehnte.
„Guten Morgen“, sagte Anja. „Wird ein schöner Tag heute.“
Der Mann stammelte etwas, das sie nicht verstand.
„So früh schon zum Joggen?“, fuhr Anja fort.
Der Mann räusperte sich. „Sie auch sehr früh aufgestanden“, sagte er.
Wieder räusperte er sich. „Sehrr schönerr Garrten“, sagte er mit rauer Stimme und mit rollenden Rs. „Schönes Haus, schöne Landschaft.“ Dabei beschrieb er mit der Hand einen Kreis über die Felder und den Wald und die anderen Häuser.
„Aber laut“, antwortete Anja, „sehr laut. Die Autobahn, wissen Sie. Jetzt geht es noch. Aber in zwei Stunden setzt der Berufsverkehr ein. Am schlimmsten sind die Lastwägen.“
Der Mann rieb sich die Augen. Sie waren gerötet. Er hatte einen Bartschatten.
„Sind Sie die ganze Nacht gefahren? Wenn Sie einen Platz suchen, um sich auszuruhen, fahren Sie einfach noch ein paar Meter weiter, unter der Autobahn durch. Dann kommt ein ruhiger Parkplatz im Wald.“
„Danke.“
Aber er blieb stehen und schaute sie an.
„Sind Sie weit gefahren?“, fragte Anja, um die Verlegenheit zu beenden.
„Ja, weit, sehr weit“, sagte er schließlich. „Ich komme aus Russland, aus Sibirien.“
„Oh!“
„Aber nicht heute. Das ist zu weit.“
Anja lachte. „Ja, da fährt man wohl mehrere Tage.“ Der Mann lachte auch.
„Ich bin Daniel und du?“
„Anja.“
„Anja? Anna? Für mich bist du Anuschka.“
Anja lachte wieder. „Jetzt muss ich aber ins Haus. Mir wird kalt.“
„Und ich gehe schlafen.“
„Anuschka“, murmelte er noch einmal und stieg ins Auto.
Anja schaute ihm nach. Berliner Kennzeichen.
Daniel. Um fünf Uhr früh bin ich endlich am Ziel. Bis dahin nur Stau. Lastwagen an Lastwagen. Stau vor Würzburg, Stau hinter Nürnberg, Stau von Neufahrn bis Ismaning, Stau zwischen Aschheim und Vaterstetten. An der Raststätte kaufe ich mir zwei Redbull, um wach zu bleiben. Trotzdem ordne ich mich am Autobahnring falsch ein. Erst in Holzkirchen merke ich, dass ich in Richtung Salzburg gefahren bin, statt in Richtung Ramersdorf. Das Navi schickt mich dann durch schlafende Dörfer und über nächtliche Landstraßen. Irgendwie umkreisle ich ein halbes Dutzend Kreisverkehre, bis ich endlich das Ortsschild Unterhaching sehe. Da ist es fast fünf Uhr.
Aber das ist noch gar nichts verglichen mit dem, was mich am Zielort erwartet: ein unübersichtliches Netz von Straßen und Wegen, die alle aus dem Ort hinauszuführen scheinen, keine einzige führt hinein. Manchmal habe ich das Gefühl, ich fahre den Anwohnern über die Fußmatte vor der Haustür.
Endlich am Ziel. Es wird es schon hell. Das Haus, in dem das Zielobjekt wohnt, ist am Ortsrand. Nur eine Seite der Straße ist bebaut, nach der anderen Seite erstreckt sich ein Feld. Kein Baum, kein Strauch. Krähen krächzen. Direkt vor mir sehe ich eine Autobahn. Warum hat mich das blöde Navi so herum geschickt? Bestimmt gibt es gleich 100 m weiter eine Auffahrt.
Im Moment bin ich nur sauer. Jetzt ein schönes Hotel, eine heiße Dusche und ein weiches Bett. Statt dessen stehe ich hier in der Pampa.
Ich steige aus und strecke mich. Und da sehe ich sie – Anuschka. Steht hinter dem Zaun, zwischen den Sträuchern, biegt die Zweige zur Seite, um mich anzulächeln. Wie immer haben sich Strähnen aus ihrem Zopf gelöst und hängen ihr ins Gesicht. Sie bläst eine Strähne zur Seite.
„Anuschka, wie kommst du hierher?“, frage ich, natürlich auf russisch. Auf was sonst?
Sie schaut mich verwundert an. Dann sagt sie etwas auf deutsch.
Anuschka, in einem geblümten Kittel und einer hellblauen Strickjacke drüber, Anuschka in Gummistiefeln mit einem Plastikeimer in der Hand. Nein, das ist nicht Anuschka. Hinter ihr ein Garten mit Blumen, Rosen blühen, eine Fichte verdeckt fast das Haus mit dem spitzen Giebel. Es ist – vertraut und doch gleichzeitig fremd. So wie die Frau, die Anuschka sein könnte, aber nicht ist.
„Schöner Garten“, stammle ich.
Ich reibe mir die Augen.
„Wenn sie ein paar Meter weiter fahren, kommen Sie zu einem Parkplatz“, erklärt sie mir. „Dort können Sie sich ausruhen.“
Das mache ich. Ein Parkplatz am Rande des Waldes, unter hohen Bäumen. Ich klappe den Sitz zurück, stopfe mir meine Kissen zurecht. So müde, dass ich nicht schlafen kann. Auch weil ich Anuschka vor mir sehe, immer wieder, die echte und die falsche Anuschka abwechselnd.
Anuschka, ach, Anuschka. Warum bist du nicht bei mir?
Thomas rieb sich die Augen und tauchte seinen Löffel in die Müslischüssel.
Peter raschelte mit der Zeitung.
Anja schmierte Butter auf ein Brot und legte zwei Wurstscheiben darauf.
„Diese Wurst mag ich nicht so gerne“, sagte Thomas.
„Ich hab keine andere“, erklärte Anja.
„Sie sieht so eklig aus.“
„Das scheint nur so, weil es so dunkel ist.“
„Mach halt Licht an“, brummte Peter hinter seiner Zeitung.
„Es ist Mai und die Sonne scheint. Da mach ich kein Licht an.“
„Hier drin brauchen wir den ganzen Tag Licht. Wegen dem verflixten Baum.“
Der verflixte Baum war eine mächtige Fichte, direkt an der Terrasse und damit vor dem Esszimmerfenster. Er war einige Meter höher als das Haus und so breit, dass die Äste bis an die Hausmauer reichten, nicht nur unten am Boden, wo er einen Großteil der Terrasse überdeckte, sondern auch noch im ersten Stock.
„Außerdem, heute früh haben mich schon wieder die verflixten Krähen aufgeweckt“, setzte Peter hinzu.
„Wie ich aufgestanden bin, hast du tief und fest geschlafen“, widersprach Anja.
„Wie viele Nester haben wir denn schon im Baum? Sechs? Sieben? – So geht das nicht weiter.“
Anja schaffte es, nicht zu antworten. Was hätte sie sagen sollen? Schließlich leben wir im Haus der Krähenwally. Klar, dass die Saatkrähen sich hier niederlassen. Wie oft hatten sie schon darüber gestritten. Besser, sie hielt den Mund.
Aber die Stille und der Frieden hielten nicht lange, weil Thomas nun anfing: „Heute Nacht haben wieder die Hände über die Fensterscheibe gekratzt.“
„Nicht Hände, Äste“, verbesserte ihn Anja.
„Aber die Äste und Zweige sind die Arme und Hände des Baumes“, beharrte Thomas, „und die Nadeln sind die Fingernägel. Und wenn die über die Fensterscheibe kratzen, ist es so richtig gruselig.“
„Der Baum muss weg“, sagte Peter und faltete seine Zeitung. Anja legte eine Brotscheibe über die Wurst, schnitt das Brot in vier Teile und packte es in die Brotzeitdose.
„Eines Tages fällt er noch auf das Haus“, setzte Peter nach.
„Eher fällt das Haus auf den Baum“, meinte Anja.
Thomas begann zu lachen. „Der Sturm hebt das Haus in die Höhe, so hoch, so hoch und dann landet es im Baum. Dann wohnen wir in einem Baumhaus.“
„Ja, da spann ich dann ein Seil, an dem kannst du rauf und runter.“
„Aber allen Ernstes, Anja, kannst du nicht Regine sagen, dass der Bub Angst hat, wenn die Äste über die Mauer kratzen? Außerdem geht der Putz kaputt.“
Thomas sprang auf. „Ich hab keine Angst“, erklärte er, „nicht vor dem Baum und überhaupt vor keinen Geistern und Gespenstern nicht.“
Anja packte Apfelstücke neben das Brot und klappte die Dose zu.
„So, Thomas, auf geht’s. Wir fahren in den Kindergarten.“
„Bäh, Kindergarten! Ich mag nicht. Ich will hier bleiben. Bei Papa im Büro sitzen und malen. Kindergarten ist blöd.“
„Thomas, der Papa muss heute zum Steuerberater. Er ist nicht zu Hause.“
„Dann fahr ich mit zum Steuerberater. Onkel Miguel sagt, wenn man sich mit Steuern gut auskennt, spart man eine Menge Geld.“
„Da hat Onkel Miguel allerdings recht.“
„Drum will ich mit zum Steuerberater.“
„Nein, Thomas, das geht nicht. Geh in den Kindergarten, spiel mit den anderen Kindern, lern ein paar Lieder ...“
„Alles doof! Alles langweilig!“ Thomas hieb mit den Fäusten auf den Tisch.
„Führ dich nicht so auf.“ Peters Ton wurde streng. „So einen Zornbinkel kann ich nicht mitnehmen.“
„Komm, komm, das ist die Trotzphase“, beschwichtigte Anja.
„Und ich geh nicht in den Kindergarten!“
„Und du gehst in den Kindergarten und damit basta!“
„Basta, basta, basta.“
„Thomaslein, komm Zähneputzen“, trällerte Anja. „Sonst kommen Karius und Baktus und bohren Löcher in deine schönen Zähnlein.“
Brummelnd folgte Thomas Anja ins Bad.
„Ruf Regine an“, rief Peter hinterher. „und sag ihr, der Baum muss weg.“
Anja dreht sich in der Tür um: „Regine wird der Fällung niemals zustimmen. Außerdem ist sie wandern mit den Senioren.“
„Das ist die Gelegenheit! Heute noch schneid ich ihn um.“
„Peter, du weißt, dann können wir uns auch gleich eine andere Wohnung suchen.“
Die Wohnzimmertür schloss sich hinter Anja. Peter schob das Geschirr zur Seite, so dass er seine Zeitung bequem auf den Tisch legen konnte.
Thomas versuchte, den Moment hinauszuzögern, in dem er den Kindergarten bzw. seinen Gruppenraum, das Hasenzimmer, betreten musste. Er zog einen Arm aus dem Ärmel seiner Jacke, dann stellte er mit einem Blick auf die Garderobenhaken fest: „Benni, Ina, Mareike und Stefano sind noch nicht da.“ Er setzte sich auf die Bank und öffnete die Klettverschlüsse seiner Schuhe.
„Zieh doch erst deine Jacke fertig aus.“ Anja juckte es es in den Fingern.
„Ach ja!“
Thomas schloss die Klettverschlüsse wieder, stand auf, zog seine Jacke aus, ließ sie auf den Boden fallen und setzte sich wieder hin.
„Häng deine Jacke an den Haken“, ermahnte ihn Anja.
„Wo ist denn meine Jacke?“ Thomas schaute links und rechts.
„Du hast sie auf den Boden geworfen.“
„Das war ich nicht. Das war das Gespenst.“
„Thomas, trödle nicht so herum. Ich habs eilig.“ Anja verlor langsam die Geduld.
Thomas hob seine Jacke auf, kletterte auf die Bank. Ließ die Jacke fallen, kletterte herunter, um sie nochmal aufzuheben. Anja zwang sich, ruhig zu atmen, sich nicht provozieren zu lassen. Heute bin ich mit der Büroarbeit bestimmt in einer Stunde fertig und dann fahr ich an den Hachinger Bach. Gehört doch zu meiner Arbeit, oder?
Thomas hatte endlich die Jacke aufgehängt und seine Schuhe ausgezogen. Da öffnete sich die Tür und Fräulein Finesse schaute heraus.
„Ach, Frau Gollinger, gut, dass ich Sie sehe. Ich muss unbedingt mit ihnen sprechen.“
Anja seufzte innerlich. Wenn Fräulein Finesse – die eigentlich Frau Fiedermann hieß, aber Anja nannte sie für sich Fräulein Finesse – wenn die wieder ein Problem mit Thomas hatte, dann dauerte es bestimmt eine halbe Stunde.
Thomas schlich zur Tür.
„Halt, Thomas, du hast die Hausschuhe vergessen.“
„Ach ja. Ich bin vielleicht ein Geist und schleich auf leisen Socken ...“
Aber er kam zurück und schlüpfte in seine Schlappen. Als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, legte Frau Fiedermann, alias Fräulein Finesse los.
„Frau Gollinger, Thomas macht uns große Sorge. Jetzt haben sich wieder Eltern über ihn beschwert. Er erzählt den Kindern Geistergeschichten. Die fürchten sich dann in der Nacht und können nicht schlafen.“
„Das ist doch ganz normal“, erklärte Anja betont ruhig, „dass Kinder in diesem Alter Ausflüchte suchen, um nicht ins Bett gehen zu müssen. Steht in jedem Erziehungsratgeber.“
„Es ist ja schön, dass sie Erziehungsratgeber lesen, liebe Frau Gollinger, aber das, was Thomas da von sich gibt, darüber werden Sie in keinem Erziehungsratgeber etwas finden. Das ist schon nicht mehr normal. Wenn die Kinder dann heulend zu ihren Eltern ins Bett kriechen, weil sie Angst haben, das ist nicht das normale Rumzicken aus Ihrem Erziehungsratgeber.“
Anja zählte innerlich bis fünf. Laut sagte sie: „Was erzählt er denn, dass es den Kindern solche Angst macht?“
„Er erzählt von Schritten, die die Treppe heraufkommen, von Türen, die sich quietschend von selber öffnen ...“
Anja zuckte zusammen. Das Phänomen gab es in ihrem Haus wirklich. Peter führte es darauf zurück, dass das Haus alt war und die Türrahmen verzogen, die Mauern krumm und schief. Durch die Fensterritzen zog der Wind und zog halt mal eine Tür auf und wieder zu. Aber Anja war überzeugt, dass der Geist von Wally, der Krähenwally, wie sie zu Lebzeiten genannt worden war, noch immer im Haus umging.
„Und dann die Sache mit dem Bild, vielmehr mit dem Mann im Bild, der nachts heraus steigt und sich an den Schreibtisch setzt und Geld zählt.“
Fräulein Finesse beugte sich zu Anja vor und schaute ihr in die Augen.
„Das werden Sie doch nicht ernst nehmen?“, flüsterte Anja. Ihre Stimme war so belegt, dass sie nicht laut reden konnte.
„Natürlich, ich nehme das nicht ernst,“ erklärte Fräulein Finesse. „Aber die Kinder! Die Kinder nehmen das ernst! Eine Familie musste das Kinderzimmer neu tapezieren, weil das Kind Angst hatte, dass die ganzen Figuren nachts herunter klettern und auf seinem Bett herum springen.“
„Das muss schon eine Alptraum-Tapete gewesen sein“, rutschte es Anja heraus.
„Das war eine sehr teure Künstlertapete vom Böhmler im Tal und die Eltern waren ziemlich sauer.“
Anja merkte, wie ihr heiß wurde.
„Thomas hat halt viel Fantasie“, erklärte sie matt.
„Sagen Sie ihm doch, dass er den Kindern solche Sachen nicht erzählen soll.“ Fräulein Finesse lächelte.
„Ja, das werde ich ihm sagen. Er soll ja nichts mehr von zu Hause erzählen, das werde ich ihm ganz deutlich sagen, darauf können Sie sich verlassen. Aber Sie, Fräulein, Frau Fiedermann sollten vielleicht auch ab und zu die Kinder im Blick haben und zuhören, was sie so erzählen, statt einfach nur froh zu sein, dass sie Ruhe geben.“
Es sprudelte einfach so aus Anja heraus. Fräulein Finesse bekam einen roten Kopf und war einen Moment sprachlos. Anja nutzte die Gelegenheit und machte ein paar Schritte auf die Eingangstür zu.
„Frau Gollinger, wollen Sie damit sagen, dass ich, dass wir ...“
Anja drehte sich um: „Ich wollte damit nur sagen, dass ich keinen Einfluss darauf habe, was die Kinder im Kindergarten treiben, was sie sagen, was sie tun. Da müssen schon Sie aufpassen.“
„Das ist ungeheuerlich, Frau Gollinger! Solche Vorwürfe kann ich nicht auf mir sitzen lassen.“
„Ihre Vorwürfe gegen Thomas kann ich auch nicht sitzen lassen. Und auf Wiedersehen. Ich muss in die Arbeit.“
Peter wird stolz auf mich sein, dass ich der Hexe endlich die Meinung gegeigt habe, dachte Anja, als sie sich aufs Fahrrad schwang. Immer hackt sie auf Thomas herum. Mal, weil er die Kinder verführt hat, sich gegenseitig anzumalen – wo war sie denn da? Warum hat sie das nicht gesehen? – Mal, weil er beim Spielen immer gewinnt und jetzt, weil er Gespenstergeschichten erzählt.
Anja schob ihr Fahrrad zur Straße und stieg auf. Vielleicht hätte ich es doch nicht so sagen sollen, dachte sie. War vielleicht nicht so gut. Ist ja nicht einfach, so eine Meute von Kindern zu hüten. Beim Abholen werde ich mich entschuldigen.
Und jetzt fahr ich gleich an den Bach und erst nachher ins Büro.
Seit zwei Wochen waren einige Bäume im sogenannten Auwald völlig von klebrigen Netzen überzogen. In ihrem Schutz fraßen hunderte von Raupen die ganzen Blätter auf. Anja hatte nachgelesen: Gespinstmotten befallen nur die Vogelkirschen. Den Bäumen macht das nicht viel aus. Sobald sich die Raupen verpuppt haben, treiben sie einfach neue Blätter aus. Wenn man genau hinschaute, konnte man schon kleine grüne Pünktchen an den Zweigspitzen erkennen. Aber besorgte Bürger wollten ihr nicht so recht glauben. Sie sahen schon alle Bäume am Bach kahl gefressen, fürchteten um die Bäume auf der nahegelegenen Obstwiese und um die Büsche vor dem eigenen Haus. Anja hatte einen schweren Stand, weil niemand glauben wollte, dass den gefräßigen Raupen ausschließlich Vogelkirschenblätter schmeckten. Sie riefen nach dem Einsatz von Gift.
An den befallenen Bäumen angekommen, stellte Anja fest, dass die Verpuppung schon begonnen hatte. Die Raupen klumpten in den Astgabeln zusammen, um sich einzuspinnen. Der nächste Regenguss würde dann das ganze Gespinst abwaschen.
Regine Oberschall
