Wenn die Liebe hinfällt - Luisa Buresch - E-Book + Hörbuch

Wenn die Liebe hinfällt E-Book

Luisa Buresch

4,5
9,99 €

Beschreibung

Wann hatten Sie das letzte Mal Liebeskummer … aber so richtig? Alia und Leander gelten als Traumpaar. Sogar als Traumfamilie, denn da gibt es noch Töchterchen Katie. Wie alle Freunde um sie herum glaubt die liebenswert-chaotische Alia, das mit ihr und Leander sei etwas Besonderes. Umso schlimmer ist der Absturz, als Leander auf einmal den Satz raushaut, den Alia nur aus den Groschenromanen kennt, über die sie an der Uni forscht: »Alia, ich muss dir was sagen, es gibt da eine andere …« Für Alia bricht eine Welt zusammen. Dass Liebe so verdammt wehtun kann, hatte sie nicht für möglich gehalten. Mühsam rappelt sie sich mithilfe ihrer Freundinnen und des neuen grummeligen Nachbarn halbwegs auf, da steht Leander plötzlich wieder vor der Tür.»Wenn die Liebe hinfällt« ist ein Roman, der uns voller Witz und Wärme an die Stellen führt, wo wir am empfindlichsten, am lebendigsten sind. Wer jemals Liebeskummer hatte, weiß, dass kaum ein Gefühl so intensiv ist wie dieses. Wer nicht mit Alia mitfiebert und dabei selbst wohlig schaudernd alle Höhen und Tiefen miterlebt, ist scheintot. So viel ist sicher.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 449




Luisa Buresch

Wenn die Liebe hinfällt

Roman

Kurzübersicht

> Buch lesen

> Titelseite

> Inhaltsverzeichnis

> Über Luisa Buresch

> Über dieses Buch

> Impressum

> Hinweise zur Darstellung dieses E-Books

Inhaltsverzeichnis

WidmungMotto1 Ende2 Bettgeschichte3 Berufung4 Liebenslauf5 Tom6 Chaos7 Krümel8 Ali9 Glücksmoment10 Verliebt11 Gianni12 Kopfschmuck13 Schieflage14 Banjo15 Offenbarung16 Heckenpenner17 Liebe18 Auszeit19 Nachbarschaftshilfe20 Hengst21 Elefant22 ScherbenMotto23 Endlosschleife24 Müll25 Leandorolo26 Presslufthammer27 Bananen28 Milchshake29 Erinnerungen30 Schlampe31 Schlammschlacht32 Psychopharmakon33 Lasagne34 Geliebter35 Schwein36 Papa-Wochenende37 Porno38 Kim39 Voodoo40 Leere41 Freundfreundschaft42 Stef43 Urlaubssemester44 Gutes45 Bianca46 Bluttupfer47 Gewühle48 Grauburgunder49 Pläne50 Überraschung51 Nureinkuss52 Mama53 England54 Neuigkeiten55 La Ola56 Katie57 Umeinhaarsex58 Party59 Reden60 Berti61 Kettenkarussell62 Splitter63 Sehnsucht64 Vollidiot65 Ringelpiez66 ZuwachsMotto67 Anfang68 Ausgeweint69 Rilke70 Anzeige71 Verknallt72 Tablett73 Artilleriegeschosse74 Mops75 Astronaut76 Abschluss77 Loch78 Hämatom79 Arbeit80 Zeilen81 Konzert82 Traum83 Fahrkarte84 Berlin85 Wiedersehen86 Kolja87 Ja!Dank
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Für Thomas und Simone

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»Wenn jemand zu uns kommt und uns erzählt, auf dem Mond wachsen Erdbeeren, beginnen wir sofort, ihn davon zu überzeugen, daß dies doch nicht möglich sei, anstatt uns zu fragen, warum ihm solch absonderliches einfiele, unsere Aufmerksamkeit zu erlangen.«

Sigmund Freud

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1Ende

Ein Glas flog an die Wand. Dann war es vorbei.

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2Bettgeschichte

»Sie öffnete die Augen und spürte die Wärme seines Körpers neben sich. Wie war er hereingekommen? Die Tür war versperrt. Ein Lufthauch durchwehte das Zimmer. Das Fenster stand sperrangelweit offen. Sie fröstelte. Was für ein Blödsinn.«

»Aber sie machte das Beste draus. Rasch glitt sie unter die Decke und näherte sich mit ihren vollen Lippen Magic John«, sagte Leander und lachte. Ich schlug ihm den Heftroman, aus dem ich gerade laut vorgelesen hatte, auf den Kopf.

»Typisch!«, schimpfte ich. »Genau das würde da eben nicht stehen. In Heftromanen geht es um Romantik. Nicht um deinen behämmerten Magic John.«

 

»Hämmern …«, murmelte Leander und rutschte noch dichter an mich heran. Seine Hände waren schon unter meinem Shirt. Genug. Wenn ich mich schon tagtäglich mit den Mühen schöner, aber armer Mägde auseinandersetzen musste, die den reichen, aber garstigen Fürsten auf den richtigen, wenn auch horizontalen Weg brachten, brauchte ich ähnliche Prosa nicht noch im eigenen Bett. Nicht dass ich die Heftchen freiwillig las, ich studierte Literaturwissenschaften, Anglistik und Romanistik und schrieb gerade meine Magisterarbeit über Groschenromane. Kompensation oder Eskapismus? Der Heftroman und seine Leserinnen im europäischen Vergleich. Vor gefühlten hundert Jahren hatte ich das Thema irre spannend gefunden. Haufenweise Material, eine gelungene Verknüpfung meiner Studienfächer, viel Liebe, viel Leid und vor allem: immer ein Happy End.

 

»Was machst du überhaupt hier?«, fragte ich Leander. Seit einiger Zeit pflegte er die Nächte in seinem Zimmer zu verbringen.

»Ich hatte Sehnsucht …«

Seine Hände wurden fordernder. Ich verspannte mich.

»Entspann dich doch.«

»Nein.«

Als ich mich gerade mit knapper Not seinen Händen entwunden hatte, hörte ich Katie. Die nackten Füße unserer bezaubernden kleinen Tochter tapsten eilig über den Flur.

»Ali …«

Leander hörte mal wieder nichts tapsen. Erst als sich Katie begeistert zwischen uns warf, stöhnte er auf. Ich war erleichtert. Gab es wirklich Frauen, die sich völlig entspannt einem Liebesspiel hingeben konnten, wenn doch immer die Gefahr bestand, dass das eigene Kind hereinspazierte? Für mich hatte das alles andere als eine erotisierende Wirkung. Mein Mausebärchen als Keuschheitsgürtel.

 

»Mausebärchen, guten Morgen«, flüsterte ich ins Ohr meines geliebten Töchterchens. Das Mausebärchen schmiegte sich an mich. Wie gut es roch. Ich liebte sie so sehr. Leander liebte uns beide. Er drückte Katie einen Kuss ins Haar, während seine Hände weiter runter in meine Hüftgegend rutschten. Ich versuchte, ihn mit den Füßen wegzuschieben. Er blieb unbeeindruckt. Er zog an mir, ich drückte ihn weg und Katie lag zwischen uns.

»Leander, bitte.«

Endlich gab er auf und seufzte.

»Ich bring die Kleine in den Kindergarten und dann machen wir es uns gemütlich.«

»Ich kann nicht, ich muss arbeiten. In einer Woche hab ich Abgabe. Ich schaff das sowieso alles nicht. Bitte, bitte dräng mich jetzt nicht.«

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3Berufung

Mit Mitte dreißig war ich vielleicht zu alt für eine Magisterarbeit. An der Uni gehörte ich zu den Methusalems. Manche Kommilitonen siezten mich sogar ehrfürchtig, bis sie erkannten, dass ich gar keine Professorin war, sondern nur mein Leben nicht so akkurat geplant hatte wie sie. Nach dem Abitur war ich in London gewesen. Ich hatte als Au-pair, Anstreicherin und Chauffeurin gearbeitet. Zurück in Deutschland wusste ich immer noch nicht, was ich machen sollte. Ich ging nach Paris, arbeitete erneut als Au-pair, kam nach einem Jahr wieder und war mir immerhin sicher, dass ich bloß nichts mit Kindern machen wollte. Und nichts mit Eltern. Am liebsten gar nichts mit Menschen. Meine Freundinnen verstanden mich nicht.

»Ich will was mit Menschen machen, mit Menschen!«, riefen sie enthusiastisch und studierten Sozialpädagogik, Medizin oder gingen in den Einzelhandel. Und dann gab es noch die mit dem Öko-Fimmel. Die träumten von Delfinen oder Bäumen und machten erst einmal eine handfeste Ausbildung zur PTA. Oder MTA. Oder ein Praktikum bei Greenpeace.

Ich schlug nach meinen Auslandswirrungen aus der Art. Zahlen schienen mir damals schön zu sein, klar und unmissverständlich. Zahlen kannten keine Widerworte, kotzten nicht auf mein Essen und diskutierten nicht viel herum. Genau genommen gar nicht. Großartig. Ich machte eine Ausbildung zur Finanzbuchhalterin. Leider hatte ich bei meiner Entscheidung nicht berücksichtigt, dass ich in dem Bereich unweigerlich mit den ganzen Wirtschaftsfuzzis konfrontiert war. Mit Frauen also, die auf Geld und Männer im Anzug standen, und Männer, die auf Geld und sich selber standen. Des schnöden Mammons wegen arbeitete ich einige Jahre in der Lohnbuchhaltung eines Füllerfabrikanten. Der Reiz der Zahlen allerdings schwand, je länger ich dort tätig war.

Und dann lernte ich Leander kennen.

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4Liebenslauf

Es war nicht Liebe auf den ersten Blick. Leander hatte eine Kneipe in der Altstadt. Eine Kulturkneipe. Das Punto. Meine Freundin Majken und ich gingen gern dorthin. Leander war der Mann hinter den Kulissen, er sorgte dafür, dass der Betrieb lief. Leanders Kumpel Tom war die Rampensau. Tom war ein begnadeter Barkeeper, charmant und berückend, ein witziger Quizmaster und ein phantastischer Sänger. Leander und Tom machten zusammen Musik. Tom sang und spielte Gitarre, Leander spielte Gitarre oder Schlagzeug, je nachdem, aber meistens Schlagzeug, und Jan, der Dritte, war am Bass. Die Gruppe hieß Brotlos und trat regelmäßig im Punto auf. Majken hatte sich vor vielen Jahren Hals über Kopf in Jan, den Bassisten, verliebt und war einige Monate mit ihm zusammen gewesen, bis sie sich in jemand anderen verliebte. Damals begannen wir, regelmäßig ins Punto zu gehen. Leander machte nicht nur Musik, er organisierte auch Lesungen und andere KIeinkunst-Veranstaltungen. Es war eine winzige Bar mit guter Atmosphäre, und Leander war ein netter Kerl, der allerdings immer eine gewisse Distanz zu seinen Gästen wahrte. Selbst Majken, die viel mehr im Punto war als ich, kannte Leander kaum. Er war angeblich schon seit dem Sandkasten mit Suse zusammen, die manchmal im Punto aushalf. Leander grüßte, wenn ich hereinkam; ich grüßte, wenn ich ihn sah. Das war alles zwischen uns. Und ich dachte nicht im Traum an mehr.

 

Die Männer in meinem Leben ließen sich an einer Hand abzählen. Der letzte Mann, den ich hatte, bevor Leander kam, war Peter. Peter war damals fast schon Ende dreißig, ich erst Mitte zwanzig. Peter hatte diesen Blick. Diesen Blick, den Männer aussenden, wenn ihnen eine Frau gefällt. Ich gefiel ihm, so viel stand fest, und das gefiel mir wiederum. Ich mochte seine Blicke und gab nach. Außerdem war es mal wieder an der Zeit für einen Freund.

Genau das war das Problem bei mir. Ich war so rational. Während bei meiner Freundin Majken die Liebe einschlug wie ein Blitz – Majken stand stets lichterloh in Flammen, sie war nicht mehr zurechnungsfähig und beteuerte jedes Mal, dass sie so wie gerade jetzt noch niemals in ihrem Leben gefühlt hatte –, gab es in meinen Gefühlsbilanzen keine Blitze. Liebestechnisch war ich eher eine gemäßigte Klimazone. Ein kleiner Nadelwald neben Majken, dem tropischen Regenwald mit zigtausend Lianen. Und mittendrin immer wieder die markerschütternden Schreie eines Tarzans. Da ich mich aber auch nicht in Richtung des ewigen Frostes bewegen wollte, versuchte ich es ab und zu mit einem Mann. Die Versuche endeten stets so, wie sie begonnen hatten: sachlich. Und immer war ich es, die den Schlussstrich zog. Ich war nicht glücklich dabei, im Gegenteil, ich raufte mir die Haare, nannte mich beziehungsunfähig und träumte von der großen Liebe. Von einem Mann, der mich erkannte, der die Einzigartigkeit meiner Existenz ebenso zu würdigen wusste wie ich seine – und das einfach so.

 

Freundinnen sagten mir, die Liebe käme nicht einfach so angeflogen, dafür müsste ich etwas tun. Also genau das, was ich nicht wollte. Ich hoffte doch, dass bei meiner Liebe sich alles von allein ergäbe. Weil man sich doch eben lieben würde. Dafür müsste man doch nichts tun. Trotzig stampfte ich mit dem Fuß auf. Die Freundinnen lachten und mahnten: »Von nichts kommt nichts.« Deshalb versuchte ich, mich einsichtig zu zeigen und etwas zu tun. Wie bei Peter. Aber es ging nicht. Es tat mir aufrichtig leid. Peter war wirklich nett. Aber wir konnten nicht reden. In seiner Gegenwart fühlte ich mich sogar eingeschüchtert. Ich wusste nicht, warum das so war, vielleicht war es der Altersunterschied, aber ich wollte dem auch gar nicht weiter nachgehen. Ich wollte die Sache nur hinter mich bringen.

Schon meine erste Beziehung im zarten Alter von sechzehn Jahren hatte ich so rational begonnen. Alle meine Freundinnen hatten einen Freund. Es reicht, jetzt muss ich auch endlich einen haben, hatte ich beschlossen. Es traf Ralf. Der mochte mich. Sehr. Warum nicht, dachte ich, es gab Schlimmere. Meine Freundinnen fanden ihn schrecklich süß. Ich dagegen vermochte die Süße nicht zu entdecken, aber als er mich fragte, ob ich mit ihm gehen wolle – diese Frage formulierte er zu meinem großen Entsetzen tatsächlich genauso –, nickte ich widerwillig, woraufhin er beglückt seine Zunge in meinem Hals versenkte und im Kreis drehte, immer rechtsherum. Ralfi schenkte mir sogar einen Ring. Spätestens da dachte ich, das war’s. Natürlich mochte ich ihn, so ein netter Ralfi war er, und ich wünschte ihm aus vollem Herzen alles Gute. Aber nicht mit mir. Mochte eine andere in den Genuss seiner rechts drehenden Zunge kommen.

 

Jungfrau war ich nach der für Ralf sehr schmerzlichen Trennung immer noch. Das war auch so eine rationale Sache. Ich war schon Anfang zwanzig. Und immer noch Jungfrau. Die letzte auf der Welt, glaubte ich und wollte dem ein Ende bereiten. Ich fuhr nach Paris, in die Stadt der Liebe, in die Stadt, in der ich ein wunderbares Au-pair-Jahr verbracht und in der ich noch die eine oder andere Adresse von Bekannten hatte. Ich fragte Yaya, ob ich bei ihm ein Wochenende schlafen konnte. Yaya war ein französischer Kellner mit algerischen Wurzeln und der weltbeste Küsser. Wir hatten uns oft geküsst in meiner Au-pair-Zeit, aber weiter war ich damals nicht gegangen. Jetzt sollte sich das ändern. Yaya war begeistert und wir schlenderten über den Montmartre, ließen uns am Place Du Tertre malen und küssten uns wie zwei Jahre zuvor leidenschaftlich und vermutlich verbotenerweise im Sacré-Cœur. In Yayas dunkler Kellerwohnung kam es dann zum Äußersten. Anschließend bekochte er mich und verführte mich noch einmal nach allen Regeln der Kunst. Am Tag meiner Abreise schworen wir uns ewige Freundschaft und ich fuhr entjungfert und glücklich nach Deutschland zurück. Alle paar Jahre schrieben wir uns. Zuletzt wurden wir Facebook-Freunde. Ich erfuhr, dass er vier Kinder von drei verschiedenen Frauen hatte, immer noch im selben Restaurant arbeitete und in diverse Liebschaften verwickelt war. Der Schuft.

 

Dann gab es da noch Stefan. Ein Mitauszubildender in der Füllerfirma, in der ich Zahlenkolonnen den richtigen Weg wies. Stefan war ein blonder Hüne, der ins Marketing strebte. Eigentlich ein grässlicher Mensch, aber unsere Körper verstanden sich, wenn auch nur für sehr kurze Zeit. Er war menschlich wirklich unerträglich. Es würde mich nicht wundern, wenn er heute in irgendeiner Chefetage hockte und falsche Parteien wählte, weil er sich, von der Steuerlast erdrückt, nicht länger willens fühlte, die Flachbildschirme der Unterschicht zu finanzieren.

 

Mit Peter, dem Dritten und Letzten auf meiner Liste, wenn man Yaya nicht mitzählte, klappte eigentlich gar nichts. Umso erleichterter war ich nach dem Schlussstrich. Allerdings war ich auch mehr denn je der Überzeugung, dass ich für diese albernen Beziehungsgeschichten nicht geschaffen war. Vielleicht brauchte ich einfach keine Beziehung. Schon das Wort stieß mich ab. Und allein ging es mir doch wunderbar.

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5Tom

Majken rief mich an. Vor genau zehn Jahren. Als alles begann.

»Alia, du musst mir helfen.«

Ich hörte es gleich. Wenn es um Liebesdinge ging, sprach Majken in diesem ernsten, gesetzten Tonfall. Ihr Herd konnte in Flammen stehen und sie würde trotzdem lachen, wie immer. Zwar auch »Scheiße-Nein« rufen, aber dann lachen. Alles bekam Majken in den Griff, Probleme waren für sie nur dazu da, um gelöst zu werden. Niemals erlebte ich sie hysterisch oder verzweifelt. Nur in der Liebe. Da war sie eine andere.

»Was ist los?«

»Ich war gestern im Punto«, sagte sie mit ihrer grabestiefen, ultraernsten Ich-bin-in-der-Krise-Stimme.

»Oh nein!« Ich schrie entsetzt auf. »Wie konntest du nur?! Im Punto? Gestern?«

»Hör auf.«

»Okay.«

Meine Freundin Majken. Hellblonde kurze Haare, gekonnt zerstrubbelt, drei Meter große blaue Augen, schlank und von hochgewachsener Statur mit echten Rundungen an den richtigen Stellen. Sehr attraktiv und eigentlich überaus intelligent, wenn ihr nicht irgendein Kerl das Hirn vernebelte, wie offenbar gerade jetzt. Die große Liebe. Jedes Mal aufs Neue.

 

»Was kann ich für dich tun?«

»Du kannst heute Abend mit mir ins Punto kommen.«

»Gern.«

»Kannst du ihm meine Telefonnummer geben?«

»Wem?«

»Wem?!« Verachtung tropfte aus ihrer Stimme, weil ich so eine minderbemittelte Frage zu stellen wagte. Aber ich hatte wirklich keinen blassen Schimmer.

»Majken, bitte.«

»Tom.«

»TOM? DER Tom?«

»Tom.«

 

Nicht Tom. Ich seufzte. Wir kannten Tom doch. Tom hatte uns im Punto schon die tollsten Cocktails gemixt und uns mit Klatsch und Tratsch auf dem Laufenden gehalten. Wir lachten uns regelmäßig kaputt, wenn wir beobachteten, wie er die Frauen, die ihn anflirteten, abblitzen ließ. Er war der charmanteste, aber professionellste Abblitzenlasser der Welt. Nie war irgendjemand näher an ihn herangekommen. Schon gar nicht wir.

 

Am selben Abend saß ich mit Majken im Punto. Sie sah wunderschön aus, hatte ein verspieltes körperbetontes Hemdchen mit klitzekleinen Blümchen und weißen Ziernähten an und sah so frisch wie eine Frühlingswiese aus. Ich war überzeugt, dass die Männer reihenweise in Ohnmacht fallen mussten, wenn sie ihrer ansichtig wurden. Und tatsächlich. Tom war irgendwie anders als sonst. Wie immer reizend, aber doch auffällig oft an unserem Tisch. Anstandshalber plauderte er auch mit mir, brachte uns Salzstangen und mixte für Majken einen Cocktail, den er extra für sie und so weiter. Da war etwas zwischen den beiden. Da ging noch was. Majken riss ein Papier aus ihrem Kalender, schrieb ihre Telefonnummer drauf und gab mir den Zettel.

»Gib ihm den.«

Ich lachte. »Wie sieht das denn aus, wenn ich ihm den Zettel gebe? Er denkt, das ist meine Nummer.«

Ich kam aus dem Lachen gar nicht mehr raus.

Majken schüttelte ungeduldig den Kopf. Sie hatte nach dem Abitur ein Volontariat bei einer kleinen Zeitung gemacht. Eigentlich ein Traumstart in einen Traumberuf, doch Majken konnte ihre Kollegen nicht ertragen. »Die alten Säcke« hatte sie sie immer nur genannt. Kaum hatte sie das Volontariat beendet, machte sie eine Ausbildung zur Hebamme. Sie liebte Babys und der Job gefiel ihr besser, abgesehen vom Schichtdienst. Also arbeitete sie in Teilzeit, schrieb nebenher für die Hebammenzeitung und träumte davon, sich mit einer eigenen Praxis selbstständig zu machen. Jetzt sprach sie zu mir wie zu einer dieser gebärenden Mütter, die nicht einsehen wollten, dass sie atmen mussten. Langsam und überdeutlich sagte sie mir:

»Du gibst ihm den Zettel und sagst dazu irgendwas Witziges.«

Ich lachte laut auf. »Was Witziges? Über einen Zettel mit einer Telefonnummer?«

»Lass deiner Phantasie freien Lauf. Los jetzt, wir wollen vorankommen.«

 

Das meinte ich. Wenn Majken von der Liebe getroffen war, verwandelte sie sich urplötzlich in eine Geisteskranke. Sie war bitterernst und ohne es zu wollen, machte ich mir fast in die Hose vor Lachen. Tom kam an den Tisch. Er zog die Augenbrauen hoch, als er mich sah.

»Noch was zu trinken oder besser nicht?«

Ich wischte mir die Lachtränen aus dem Gesicht und fächerte mir mit dem Zettel, auf dem Majkens Nummer stand, Luft zu.

»Tom«, sagte ich mit der tiefen Hebammenstimme, die ich von Majken gelernt hatte, »ich habe hier eine wichtige Nachricht für dich. Eine Geheimbotschaft.«

Armer Tom. Hilflos sah er aus, wie er völlig verstört zu Majken blickte. Ich rutschte fast vom Sessel vor Lachen.

»Sie ist umnachtet, beachte sie gar nicht«, meinte meine beste Freundin. Sie schlug ihren Kalender auf, schrieb ihre Nummer auf ein Blatt, riss es heraus und gab es Tom.

»Ruf mich doch mal an, wenn du magst«, sagte sie, schlug lässig ihren Kalender zu und verstaute ihn in ihrer Tasche. Meine Freundin Majken. Ich war stolz auf sie. So viel Wagemut in einer einzigen Person. Eine Heldin.

»Danke!«, sagte Tom. Er lächelte Majken zu, sehr intensiv, wie ich fand, warf mir noch einen skeptischen Blick zu und verschwand.

»Blöde Kuh«, zischte Majken.

»Du warst großartig!«, sagte ich. »Das war so was von cool, unglaublich!«

»Findest du wirklich? Mein Herz schlägt mir immer noch bis zum Hals.« Majken beugte sich über den Tisch zu mir rüber.

»Meinst du, er ruft an?«

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6Chaos

Ich saß am Schreibtisch, als Leander in mein Zimmer kam. Tausend Fotokopien stapelten sich auf dem Boden. Auf dem Tisch türmten sich unzählige Fachbücher. Zwischendrin überall gelbe Karteikarten. Meine Magisterarbeit lag in den letzten Zügen. Ich auch. Leander bahnte sich vorsichtig einen Weg durch das Chaos, stellte sich hinter mich und massierte mir den Nacken. Ich verspannte mich noch mehr.

»Warum so verspannt, Ali?«

Er beugte sich runter und küsste mir den Nacken. Ich schüttelte ihn ab.

»Ich muss fertig werden. Um drei muss ich Katie schon wieder abholen, das weißt du.«

»Es ist kurz nach neun.«

Ich reagierte nicht.

»Wir haben genug Zeit. Ali …« Seine Stimme klang bittend und er versuchte, mich hochzuziehen.

»Bitte, ich will das hier fertig kriegen, in einer Woche gebe ich diesen Scheiß ab und dann beginnt ein neues Leben.«

Leander kniete sich neben mich. Seine Hände streichelten meine Brüste. »Ich liebe dich und ich begehre dich, ist das was Schlimmes? Kannst du nicht eine kurze Pause machen?«

Ich überlegte. Aber es würde alles doch wieder länger dauern und anschließend hätte ich kaum noch Zeit, etwas zu schreiben, bevor ich Katie abholen musste. Leander konnte sie nicht abholen, er musste dann schon im Punto sein. Und wenn Katie hier war, konnte ich nicht arbeiten. Keine Chance. Ganz zu schweigen davon, dass ich die Zeit mit meiner Tochter auch sinnvoll verbringen wollte. Ich musste das begrenzte Zeitfenster, das ich hatte, nutzen. Aber es war nicht nur die Zeit. Seine Hände an meinem Körper störten mich. Ich hatte nicht die geringste Lust auf Sex. Sollte ich mich zwingen?

»Soll ich mich zwingen?«

Abrupt stand Leander auf. Dabei stieß er einen meiner auf dem Boden verteilten Papierstapel um. Den, aus dem ich noch wichtige Zitate in meine Arbeit einarbeiten musste und den ich nach Ländern und Jahreszahlen geordnet hatte. Die Kopien ergossen sich über den Boden und vermengten sich mit Kopien aus anderen Stapeln.

»Verdammt, Leander!«

»Kann ich helfen?«, fragte er betroffen.

»Lass mich einfach in Ruhe!«, brüllte ich. Ich hielt mir die Schläfen, dann vergrub ich mein Gesicht in den Händen. Kurze Zeit später hörte ich die Tür ins Schloss fallen. Hektisch kniete ich mich auf den Boden und begann, die Unterlagen zu sortieren. Dabei stieß ich einen weiteren Stapel um. Das Chaos war perfekt. Mir traten Tränen in die Augen. Ich legte mich auf den Boden, zwischen die Zettel, und begann zu heulen.

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7Krümel

Zehn Jahre zuvor gab es noch keine Magisterarbeit. Ich war Buchhalterin und musste nach meiner Arbeit zu Majken eilen, um sie zu trösten. Obwohl sie Tom ihre Telefonnummer gegeben hatte, rief er nicht an. Es dauerte zwei Wochen, bis sie ihn wiedersehen sollte. In dieser Zeit nahm sie fünf Kilo zu. Das mochte ich schon immer an ihr. In dem Punkt waren wir genau gleich. Wenn wir Sorgen oder Stress hatten, aßen wir. Ich aß bevorzugt Chips, sie Schokolade, gemeinsam bestellten wir uns riesige Pizzen mit Mozzarella im Rand und Eis zum Nachtisch. Anschließend wünschten wir uns, wir wären wie diese dürren Skelettfrauen, die in Stresszeiten gar nichts essen und trinken können, und schworen uns, dass nie, nie wieder in unserem diesseitigen Leben ein Lebensmittel unsere Lippen überschreiten sollte. Solidarisch, wie es sich für eine gute Freundin gehört, nahm ich ebenfalls zu, als Tom sich nicht meldete. Als wir gerade eines Abends vollgefressen und mit Chips bekrümelt auf Majkens rotem fleckigen Sofa rumlungerten, klingelte das Telefon. Wie immer musste ich drangehen. Es hätte schließlich Tom sein können. Und mit Tom konnte Majken beim besten Willen nicht sprechen, dafür musste sie sich erst sammeln. Sie war ein Wrack, ein nervliches Wrack.

»Hallo?«

»Hallo? Majken? Hier ist Leander.«

Leander? Ein leises Gefühl der Enttäuschung beschlich mich, das ich nicht recht zu deuten wusste. Schließlich war ich nicht an Leander interessiert und er nicht an mir. Aber wieso war er an Majken interessiert? Was wollte Leander von Majken? Warum rief er an?

»Nein, hier ist Alia. Ich geb dir Majken.« Ich reichte Majken den Hörer und flüsterte: »Leander.« Fragend nahm Majken den Hörer entgegen.

»Ja?«

»…«

»Äh – nein …«

»…«

»Der war für Tom.«

»…«

Leander redete offenbar länger.

»Ich weiß nicht.« Ich sah, wie Majken an sich herabschaute und ein paar Krümel von ihrer ausgeleierten Schlumpfhose fegte. »Nein, ich glaube nicht, es ist jetzt auch schon zu spät, oder?«

Sie sah mich fragend an. Ich verstand nichts. Sie hielt sich weiter den Hörer ans Ohr und ich fragte mich, was Leander ihr alles erzählte, als plötzlich ihre Augen aufleuchteten.

»Okay, ich überleg’s mir. Alia kann doch mitkommen, oder?«

Wohin konnte ich mitkommen? Hatte Leander Majken eingeladen? Ich hob abwehrend die Hände. Auf drittes Rad am Fahrrad hatte ich keine Lust. Vermutlich wusste Leander nicht einmal, wer ich war. So war es doch immer. Die Männer verliebten sich in Majken und ich war die störende Freundin, deren Namen sie sich nicht merken konnten. Oder der gute Kumpel. Ich musste an Sascha denken. Sascha und ich hatten Deutsch Leistungskurs zusammen gehabt. Wir verstanden uns gut, lachten viel und gingen manchmal ins Kino. Bis er sich in Majken verliebte. Ich sollte seine Komplizin werden. Sollte Majken Liebesbotschaften überbringen und ihm helfen, mit ihr zusammenzukommen. Majken war zu der Zeit unglücklich verliebt und hatte keinerlei Interesse an Sascha. Weil er mir leidtat, überredete ich Majken zu einem gemeinsamen Ausflug zu dritt. Sascha war überglücklich. Im Auto saß Majken griesgrämig neben Sascha auf dem Beifahrersitz und sprach kein einziges Wort, während ich von der Rückbank aus beherzt ein Gespräch in Gang zu bringen versuchte. Ich erzählte eine Anekdote nach der anderen und brachte so zumindest Sascha zum Lachen. Beim Picknick am See legte Sascha Majken die Hand aufs Knie. Schreiend lief sie weg. Auf dem Rückweg sprachen wir alle nicht und kurz danach gestand Sascha mir, dass er sich in mich verliebt hatte. Mit mir könnte man sich so gut unterhalten und ich wäre so lustig, das wäre ihm klar geworden, und die Sache mit Majken wäre ein bedauerlicher Irrtum gewesen, eine dumme Schwärmerei, und ob wir es jetzt nicht miteinander versuchen könnten. Ich rannte nicht schreiend weg, aber ich hatte einen guten Freund verloren. Schade.

 

Jetzt rannte Majken gerade schreiend ins Bad. Das Telefonat mit Leander war beendet. Da er wegen ihrer Nennung meines Namens nicht nachgehakt hatte, wusste er wohl, wer ich war. Wenigstens etwas. Ich war immer noch schlecht gelaunt und schlenderte ihr langsam hinterher. Sie stand vor dem Spiegel und malte sich an. Majken war größer als ich, eine imposante Erscheinung. Ihre Zähne und ihre Augen leuchteten und ihr helles Haar glänzte. Neben ihr sah ich aus wie ein kleiner missmutiger Gnom. Mein langes dunkelbraunes Haar war zu einem Zopf zusammengebunden, eine Strähne hatte sich gelöst und fiel mir ins ungeschminkte Gesicht. Ich schob sie genervt hinters Ohr.

»Nicht dass ich sonderlich neugierig wäre, aber was wollte Leander von dir?«

»Sex.«

»Wie bitte?«

Majken lachte. »Das wollen sie doch alle.«

Ich schluckte. Ich hatte es geahnt. Aber aus irgendeinem Grund störte es mich. Majken wollte doch Tom und Tom, dachte ich, wollte Majken und außerdem hatte Leander doch Suse. Ich war völlig verwirrt. Und ein wenig enttäuscht. Von den Menschen. Majken malte sich einen Lidstrich und sah mich im Spiegel an. Sie verdrehte die Augen.

»Leander hat in seinem Wohnzimmer den Zettel gefunden. Mit meiner Telefonnummer. Tom hat ihn wohl dort vergessen.«

»Und da ruft er dich sofort an? Warum ruft er nicht Tom an?«, fragte ich und hätte am liebsten gefragt: Warum ruft er nicht mich an? Was natürlich eine unsinnige Frage gewesen wäre, schließlich lagen nirgendwo Zettel mit meiner Nummer herum. Ganz zu schweigen davon, dass Leander auch nicht das geringste Interesse an mir hatte. Woher rührte überhaupt mein Interesse? Eigentlich war es kein Interesse, es störte mich nur, dass er womöglich an Majken interessiert war. Bei Tom hingegen störte mich das nicht im Geringsten. Im Gegenteil. Was sollte also dieser Unsinn jetzt? Warum hingen meine Mundwinkel herunter wie bei einer alt gewordenen Politikerin? Vermutlich wegen Suse, sagte ich mir. Vermutlich war ich ein konservativer Moralapostel und wollte nicht, dass ein gebundener Mann sich an meine schöne Single-Freundin ranwarf und sie und alle Welt unglücklich machte.

 

»Mach dich fertig, Alia.«

Ich war schon fertig. Fix und fertig. »Ich geh«, sagte ich mürrisch. »Viel Spaß.«

Es war sowieso viel zu spät, noch irgendwohin zu gehen. Morgen musste ich früh zur Arbeit.

»Bist du verrückt? Du kannst mich doch jetzt nicht im Stich lassen. Ohne dich kann ich da nicht hingehen.«

»Wohin?«

»Zu Leander.«

»Ins Punto?«

»Nein, in seine Wohnung. Er wohnt über dem Punto. Ganz oben unterm Dach.«

»Aha. Na dann. Gute Nacht.«

Ich war wirklich extrem schlecht gelaunt.

»Alia, hör auf mit dem Quatsch, du musst mitkommen. Tom kommt auch. Du kannst mich doch nicht allein in einer Wohnung mit zwei Männern lassen.«

Kaum hatte ich gehört, dass Tom auch dort sein würde, wurde ich merklich gelöster.

»Aber warum ruft Leander dich an?«, hakte ich trotzdem noch einmal nach. »Ich versteh das nicht.«

»Ich weiß es nicht. Vielleicht war er betrunken. Oder er hat den Zettel gesehen und dachte sich, Majken, ist das nicht diese dumme Blondine, die ich schnell mal vernaschen könnte? Vielleicht dachte er aber auch, ich hätte eine Nachricht für ihn. Das fragte er nämlich als Erstes. Ob ich eine Nachricht für ihn hätte.«

»Was denn für eine Nachricht?«

»Ja, was weiß ich denn.« Majken klang ungeduldig. »Frag ihn doch selbst. Und jetzt mach dich fertig, du bist total vollgekrümelt.«

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8Ali

Es war furchtbar spät, als wir aufbrachen, ich durfte gar nicht an die Arbeit am nächsten Tag und an das frühe Aufstehen denken. Majken sah phantastisch aus. Ich war nach wie vor eher mittelmäßig gelaunt und hatte auch keine Lust gehabt, mich anzumalen. In meiner ältesten, gammligsten Jeans war ich zu Majken gekommen, um DVDs zu gucken und Pizza, Chips und Eis zu essen, und ich sah nicht ein, dass ich mich für irgendwelche Musiker- und Kneipenvögel, die sowieso nur auf Majken standen, noch großartig stylen sollte. Wir hatten eine Flasche Sekt bei uns, die wir als Gastgeschenk überreichen wollten. Dummerweise bekamen wir auf dem Weg zu Leander schon so einen Durst, dass wir sie unbedingt öffnen mussten. Weil es noch blöder ausgesehen hätte, jemandem eine halb volle Flasche Sekt großzügig zu überreichen – bei der Vorstellung bepinkelten wir uns fast vor Lachen –, tranken wir noch mehr. Ich schlug vor, den letzten Rest einfach wegzuschütten, aber das wollte Majken auf gar keinen Fall und drückte sich die Flasche an die Brust. Sie spielte kurz mit dem Gedanken, sie einem Bedürftigen zu überreichen, aber wie hätte das denn ausgesehen? »Das würden höchstens die Scheißwirtschaftsfuzzies wagen«, rief ich, ohne zu bedenken, dass ich im Grunde selber einer dieser Fuzzies war. Von Bauchkrämpfen geschüttelt malten wir uns aus, wie die Scheißwirtschaftsfuzzies ihre Sektrestepfützen großherzig unters Volk brachten und sich dabei selbstgefällig die Schultern klopften. Die Sektflasche war ratzeputz leer, als wir bei Leander ankamen, und Majken und ich jeweils halb voll.

 

Aufgeregt wie ein Teenager klingelte Majken und dank des Sektes war ich kaum noch missmutig. Kurz darauf saßen wir in Leanders Wohnzimmer, wenn man ein Zimmer mit allerlei Sperrmüll so bezeichnen wollte. Leander war betrunken, nicht sehr, aber er war redseliger als sonst und nicht so ernst und distanziert. Er umarmte uns sehr herzlich, was mich überraschte, und lachte viel, was mich noch mehr überraschte. So kannte ich ihn nicht. Aber ich war nicht besser. Mit dem Sektglas in der Hand lachte auch ich unverhältnismäßig oft und redete wie ein Wasserfall. Majken war aufgeregt, weil Tom nicht da war, aber gleich kommen sollte. Als er endlich hereinspazierte, strahlte sie ihn an und sah so bezaubernd dabei aus, dass ich sie an seiner Stelle sofort auf mein Pferd gezerrt und mich auf den Weg Richtung Horizont gemacht hätte. Tom sah aber auch gut aus, das konnte man nicht anders sagen. Ein großer Typ mit blonden kurzen Locken und charmanten Grübchen. Leander war auch sehr groß, aber dunkelhaarig. Er wirkte nicht so gewinnend wie Tom, wenngleich er heute ein verschmitztes Lächeln aufgelegt hatte. Sein Gesicht wirkte sehr männlich, mit Billionen von Bartstoppeln. Ich betrachtete ihn gedankenverloren und fragte mich, ob die wohl sehr pikten. Ob ich kurz mal über seine Wange streichen durfte?

 

Leander legte Musik auf. Irgendeine Platte von irgendeiner neuen Band. Wir redeten. Auch über den Zettel. Tom erzählte eine wirre Geschichte, behauptete, unendlich froh zu sein, den Zettel wiedergefunden zu haben, und steckte sich Majkens Telefonnummer demonstrativ in die Hosentasche. Majken leuchtete. Ich wartete die ganze Zeit darauf, dass die beiden sich vor unseren Augen die Kleider vom Leib rissen. Aber nichts dergleichen geschah. Leander und ich machten sogar Witze darüber. Die Spannung zwischen Majken und Tom lag spürbar in der Luft. Und doch kamen sie sich nicht näher. Sie saßen sogar weit voneinander entfernt. Während ich im Verlauf des Abends neben Leander auf das Sofa geriet. Wir amüsierten uns prächtig. Und als ich tatsächlich kurz die Hand auf seine Wange legte, um die Sache mit seinen Bartstoppeln zu überprüfen, küsste er mich.

 

Und ich? Ich ließ es zu. Der Kuss war nicht überwältigend. Auf der von Majken und mir in frühen Jahren erstellten Kussskala von eins (Kussnulpe) bis zehn (Superküsser) hätte ich ihm eine vier gegeben. Leander schmeckte nach Bier und wir saßen unbequem. Und irgendetwas störte. Bis mir einfiel, was es war: Majken und Tom.

Majken und Tom waren verstummt und starrten uns entgeistert an. Beschämt wischten wir uns die Münder ab.

»Was war das denn jetzt?«, fragte Majken.

»Stören wir?«, fragte Tom.

Ich hatte keine Ahnung, wie das passiert war. Tom und Majken gingen.

»Bleib noch«, bat mich Leander.

»Nur kurz«, antwortete ich.

Majken drückte mich zum Abschied.

Wir gingen zurück zum Sofa. Leander und ich. Ich und Leander. Es war verrückt. Ich ging wie auf Wolken und hatte Herzrasen. Den nächsten Kuss wehrte ich halbherzig ab. »Suse.«

»Wir sind nicht mehr zusammen.«

 

Den Rest der Nacht redeten wir. Wir lagen nebeneinander auf dem Sofa, angezogen, er spielte zärtlich mit meinen Haaren und wir erzählten uns unsere Leben. Zwischendurch küssten wir uns – die Küsse hatten sich auf der Kussskala benotungstechnisch nach oben verbessert –, aber mehr passierte nicht. Weil wir wieder reden mussten. Er erzählte von Suse. Suse war seine erste richtige Freundin gewesen. Sie waren zusammen, seit sie denken konnten. Suse habe immer schon heiraten und Kinder haben wollen. Leander sei noch nicht so weit gewesen. Und dann habe Suse jemanden kennengelernt. Kürzlich. Und sei sofort schwanger geworden. Jetzt sei sie weg. Ob er trauere, fragte ich. Er wickelte sich eine meiner Haarsträhnen um den Finger und dachte nach. Sie sei mehr eine Schwester gewesen. Oder über all die Jahre geworden. Viel Streit habe es gegeben. Er habe sich mehr und mehr zurückgezogen. Sie hätten ja auch nicht zusammengewohnt. Nie. Wir küssten uns. Er fragte nach Peter, den er kannte. Ich erzählte von Peter. Und davon, dass ich wohl nicht beziehungsfähig sei. Wir redeten über Beziehungsfähigkeit und über die Liebe und überlegten, ob nur die unerfüllte Liebe echte Liebe sei.

»Vielleicht gibt es drei Arten von Ich-nenn-es-mal-Liebe«, philosophierte Leander, »Verliebtheit, Liebe und Beziehung.«

»Am Anfang sind die Schmetterlinge.«

»Flugzeuge.«

Wir küssten uns.

»Alles ist rosig«, ergänzte ich. »Obwohl ich das nicht so kenne. Leider.«

»Ich auch nicht.«

Ein langer Kuss.

»Dann käme deiner Theorie zufolge die Liebe«, fuhr ich fort, »die aber unerfüllt bleiben muss. Wenn sie sich erfüllt, ist es keine Liebe mehr, sondern eine Beziehung?«

»Richtig.« Er küsste mich.

»Aber das hieße ja, dass es in Beziehungen keine Liebe gäbe.«

»Doch, doch«, beruhigte er mich, »aber eine andere Liebe. Nicht die sehnsuchtsvolle, tragische. Sondern eine satte, zufriedene.«

»Eine Liebe dick und rund wie eine träge Katze in der sizilianischen Sonne.«

»Genau. Auch schön, oder?«

»Aber dann gibt es doch nicht nur die Kategorien Verliebtheit, Liebe und Beziehung. Dann gibt es nur die tragischen, unerfüllten Lieben und die satten, zufriedenen Lieben.«

Leander überlegte. »Und die Besser-als-gar-nichts-Lieben.«

»Und natürlich die Gar-Keine-Lieben«, fiel mir noch ein.

Wir küssten uns lange. Er unterbrach den Kuss.

»Aber die satten, zufriedenen Lieben werden irgendwann tragisch und unerfüllt. Oder sie werden Besser-als-gar-nichts-Lieben. Oder sogar Gar-keine-Lieben.«

Ich dachte nach. In meinem Freundeskreis war es genauso. Die Scheidungsraten sprachen ebenfalls dafür.

»Warum ist das so?«, fragte ich.

»Sogar träge Katzen in sizilianischer Sonne kriegen irgendwann wieder Hunger.«

Das gefiel mir nicht. Ganz und gar nicht.

»Man sollte die Liebe nicht denken.«

»Sondern machen.«

Beim anschließenden Kuss verloren wir weitestgehend unsere Oberteile. Ich musste jedoch schon wieder unterbrechen.

»Apropos machen – machst du eigentlich schon immer Musik?«

»Ja. Früher habe ich gesagt, ich lebe für die Musik.« Wir schwiegen. Und küssten. »Leider konnte ich nicht von ihr leben.«

»Ich wünschte, du könntest.«

Er drückte mich. »Warum sagst du das?«

»Weil es schön ist, wenn man seine Träume lebt.«

»Die meisten Frauen wollen, dass man Geld verdient.«

»Frauenfeindlicher Männerblödsinn.«

 

Also wirklich. Ich hasste es, wenn man Frauen in einen Topf warf, mit Plattheiten würzte und umrührte. Das sagte ich ihm. Er lachte. Wir küssten uns. Mein Mund war schon ganz wund. Aber wir konnten nicht genug kriegen. Dann sprachen wir über unsere Kindheit. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie so viel geredet. Alles sprudelte aus mir heraus. Ich sprach sogar über die Zeit vor meiner Kindheit, über meine Eltern und Großeltern. Und dass ich dachte, ich sei verrückt. Und Leander sagte, das habe er als Kind auch geglaubt. Er sei anders als die anderen und es habe ihn immer gewundert, dass die anderen ihn trotzdem so behandelten, als sei er normal. Ich erzählte, dass ich früher sogar gedacht hatte, dass meine Eltern den Lehrerinnen und Kindern Geld und Süßigkeiten gegeben hätten, damit sich vor mir niemand anmerken ließ, dass ich verrückt war. Und dass ich sie aber alle durchschaut hatte. Leander lachte und ich verschwieg ihm, dass ich noch heute oft von dem schauspielerischen Talent meiner Mitmenschen beeindruckt war. Leander erzählte, wenn er manchmal mit dem Rad unterwegs sei und einen kleinen Stein vor sich sehe, dann würde er sein Lenkrad herumreißen, denn in diesen Momenten sei er der festen Überzeugung, dass der kleine Stein gar kein kleiner Stein sei, sondern eine als Stein getarnte Bombe, die irgendein Verrückter mit langen spitzen Fingern dort deponiert hätte, nur aus Spaß; und wie erleichtert er, Leander, dann immer sei, der Explosion und dem Tod so knapp entronnen zu sein. Das hatte zur Folge, dass wir über den Tod reden mussten. Wir redeten und küssten uns und hörten auf mit Küssen, weil wir reden mussten.

 

Als es draußen hell wurde, wurden unsere Worte weniger und unsere Küsse intensiver. Wir verloren endlich auch den Rest unserer Kleidung. Leander war mir so nah. Und ich wünschte mir, er wäre mir noch näher. Näher, näher, näher.

Als wir kurz davor waren, uns am allernächsten zu sein, stand Suse plötzlich ganz nah vor uns.

Sie sah uns an. Blickte von mir zu Leander und zurück. Verachtung in den Mundwinkeln. Ich versuchte, mich notdürftig mit einem Sofakissen zu bedecken.

»Du hast dich ja schnell getröstet.«

»Suse.«

Sie sah mich an. »Gestern hab ich es ihm erzählt. Von den anderen Umständen.« Sie strich sich über den nicht vorhandenen Bauch. »Er hat gesagt, er wäre ein guter Stiefvater.« Höhnisch lachte sie auf.

In mir tobte es. Die Situation war schrecklich. Ich hatte angenommen, sie wären schon länger auseinander. Und was sollte der Stiefvatermist? Das klang doch nach mehr.

»Sei vorsichtig mit ihm. Er lügt dir das Blaue vom Himmel runter.«

Sie betrachtete Leander, der zusammengesackt auf dem Sofa hockte. »Ich wollte dir deinen verfickten Schlüssel zurückgeben. Kannst ihn ja gleich weiterreichen.«

Sie warf mit voller Wucht den Schlüsselbund auf ihn. Er wich nicht aus. Der Schlüssel traf ihn an der Schulter. Suse drehte sich um und verschwand ebenso lautlos, wie sie gekommen war. Leander rieb sich die Schulter.

»Aber sie hat sich doch getrennt, oder?«, fragte ich.

Er nickte und verzog den Mund. »Bitter, oder? Sie lässt sich von einem anderen schwängern und biegt es sich jetzt so zurecht, dass ich mich schuldig fühle.«

»Es ist vorbei«, sagte ich und wusste nicht, was ich damit genau meinte.

Leander rieb sich immer noch die Schulter. Ich sagte, dass ich zu meiner scheißbeschissenen Arbeit müsse. Leander sah mich an. Seine schönen Augen waren traurig.

»Ich wünschte, ich könnte dir helfen, das zu machen, was du wirklich willst.«

»Ich wünschte, du könntest mir helfen, herauszufinden, wo meine Klamotten sind.«

Er lachte. Ich fuhr sanft über seine Wange. Er hielt meine Hand fest.

»Alia ist ein schöner Name.«

»Danke. Leander auch.«

»Ali gefällt mir. Als Frauenname. Als Abkürzung.«

 

Mir blieb die Spucke weg. Als junges Mädchen hatte ich ein Buch gelesen. Die Heldin hieß Ali, ein sanftmütiges, mildes Wesen. Die Leute standen im Bus auf, um ihr einen Platz anzubieten, so eine tolle Ausstrahlung hatte diese Frau. Ich wusste nicht mehr, wie das Buch hieß oder wer es geschrieben hatte, aber seit der Lektüre wollte ich auch eine Ali sein. Aber niemand nannte mich so.

Ich starrte Leander immer noch an. »Ali …«

»Gefällt dir das nicht?«, fragte er besorgt.

Ich musste ihn einfach küssen. »Doch, sehr. Sehr, sehrer, sehrstens!«

»Dann bist du meine Ali«, beschloss er und zerdrückte mich fast. Und ich hatte dieses Gefühl. Ein neues Gefühl. Ein Gefühl, wie ich es noch nie gehabt hatte. Kein leidenschaftliches Gefühl, kein Blitz, der meinen Unterleib durchzuckte, sondern eher ein Gefühl wie ein prasselndes Kaminfeuer und ich glücklich davor. Ein warmes Gefühl. Ein Gefühl von Geborgenheit. Ein so schönes Gefühl, dass es mich überwältigte. Ich musste auf der Stelle gehen. An der Tür nahmen wir uns in die Arme. Und wieder war es da. Das Gefühl. So warm. So hatte ich noch nie gefühlt. Mein Kopf lag an seiner Schulter, meine Nase steckte an seiner Halsbeuge, ich sog seinen Geruch ein.

 

Später, als ich geduscht hatte und todmüde, aber beschwingt vom Glück auf dem Weg zur Arbeit war, klingelte mein Handy.

»Ich vermisse dich«, sagte Leander.

Und ich stand mitten auf der Straße, inmitten vorbeieilender Passanten, und küsste mein Telefon.

 

Das war der Anfang.

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9Glücksmoment

Ich wachte auf, als Leander nach Hause kam. Katie lag neben mir. Als er das kleine Licht neben seinem Bett einschaltete, zog ich mir die Decke über die Ohren und kuschelte mich an meine Tochter, das Zauberwesen. In der Hand hielt ich einen ihrer kleinen Füße. Warm und weich lag sie dort, selig schlummernd, die Pausbäckchen luden zum Abknutschen ein. Ich musste mich zurückhalten, dass ich sie nicht auffraß vor lauter Liebe.

 

»Die haben wir wirklich gut hingekriegt«, flüsterte Leander voller Stolz und schlüpfte neben sie. »Die armen anderen Eltern, die sich mit irgendwelchen Fratzen zufriedengeben müssen. Während wir die beste Tochter der Welt haben.«

Ich lächelte. Ich liebte seine Sätze. In der letzten Zeit hörte ich sie viel zu selten. Er schaltete das Licht aus und ich spürte, wie er Katies freien Fuß in seine Hände nahm. So lagen wir da. Unsere Tochter in der Mitte, warm und geborgen, jeder von uns einen ihrer klitzekleinen runden Füße in der Hand haltend. Ich war glücklich. Es war einer dieser Momente, die so schön sind, dass man die Zeit anhalten möchte. Die friedliche Stille und all die Liebe sollten nie vergehen, niemals, das wünschte ich mir.

 

»Hast du sie als Schutzschild ins Bett geholt?«

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10Verliebt

Einen Schutzschild hatte ich damals im Büro gehabt. Keinen aus Fleisch und Blut und so wundervoll wie meine Katie, sondern eine Trennwand, die mich vor neugierigen Blicken anderer Mitarbeiter schützen sollte. Vor zehn Jahren hatte ich dort noch gesessen, in der großen Firma, die Füllhalter und andere Schreibgeräte herstellte und vertrieb, ich war nicht glücklich, aber auch nicht unglücklich. Wir Buchhalter saßen ganz hinten im Großraumbüro, etwas versetzt, abgeschottet, ein schmales Reich. Am Ende des Endes stand ganz in der Ecke mein Schreibtisch. Hinter der Trennwand, meinem Schutzschild, wie ich es nannte, verbarrikadiert, wenigstens ein bisschen Privatsphäre. Einen alleinigen Büroraum hätte ich bevorzugt, aber den leisteten sich nur die Herren Oberwichtig in ihren schnieken Anzügen mit den albernen Krawatten. Was ich für schreiend ungerecht hielt. Während die werten Herren doch den ganzen Tag die Füße auf den Schreibtisch legten und an ihr nächstes Golfturnier dachten, was sie auch wunderbar im Großraumbüro hinter einer Trennwand hätten tun können, benötigte ich Ruhe und Konzentration für meine Zahlen. Unerträglich, wenn am Ende meiner Bilanzen etwas anderes herauskam, als herauskommen sollte. Das wünschte man niemandem. Man stelle sich vor, eine Frau gebiert und plötzlich flutscht eine Holzlokomotive aus ihr raus. Die Überraschung wäre sicher keine angenehme. Und ebenso konnte ich es ganz und gar nicht leiden, wenn die Zahlen ein Eigenleben führten und mich zum Narren hielten. Manchmal gab es solche Tage. Ewig lange Datenkolonnen musste ich dann mühevoll am Rechner durchgehen und wie ein Luchs nach dem winzigen Fehler oder Zahlendreher suchen. Ich hasste den Job wie die Pest. Aber, sagte ich mir, ich hatte meine Ruhe. Ich arbeitete mit drei Kollegen zusammen, einer älter als der andere, mit dicken Brillen und ordentlichen Bügelfalten. Sie waren nett, auch zu mir, und wenn ihnen nach Lachen zumute war, gingen sie in den Keller. Trotzdem mochte ich sie, irgendwie, und wir behandelten uns gegenseitig freundlich und mit Respekt.

In der Marketingabteilung hätte ich es keinen Tag ausgehalten. Dort wimmelte es nur so von Wichtigtuern. Männer und Frauen gleichermaßen. Entweder hasteten sie mit betont gestressten Gesichtern durch die Gänge oder aber sie lachten so laut, dass man es bis nach Neuguinea hören konnte. Sie putzten unentwegt ihr Gefieder und eilten immerzu zu Präsentationen, arbeiteten an Projekten und gönnten sich Kreativpausen. Schon das Wort brachte mich zum Würgen. Schlimmer war es nur in der Presse- und Informationsabteilung. Wenn dort mal jemand war. Meistens standen alle draußen und rauchten. Diese schlanken, schönen Frauen, wortgewandt mit scharfen Zungen. Zu arrogant, um zu grüßen, und immer erlesene Kostümchen. Sie mussten die Firma repräsentieren, da konnten sie nicht mit Jeans und Moonboots zur Arbeit schlurfen wie ich.

 

Leander hatte mich gleich wiedersehen wollen nach unserer durchredeten Nacht. Ich konnte nicht. Ich hatte bis vier gearbeitet und war um fünf traumlos ins Bett gesunken. Am nächsten Tag hatte ich eine Verabredung mit meiner Freundin Stef. Ich spielte mit dem Gedanken, ihr abzusagen, dachte dann aber, dass das ja wohl nicht sein könnte. Immer schon hatte ich mich über Frauen aufgeregt, die, kaum dass ein Kerl in ihren Kosmos spazierte, sofort alles stehen und liegen ließen und sogar die eigenen Freundinnen vernachlässigten. Leander würde warten müssen.

 

Mit Stef war es ausgesprochen nett. Natürlich kannte sie Leander, vom Sehen und von Brotlos-Auftritten auf kleinen Alternativbühnen.

»Ein Hübscher«, meinte sie und mir schwoll die Brust vor Stolz. Sie beugte sich zu mir rüber:

»Mir gefiel er immer schon besser als Tom.«

Tucker, tucker, tucker, tuckerte mein Herz.

Stef war wegen ihres zeit- und nervenraubenden Medizinstudiums nicht mehr viel unterwegs. Wenn wir uns trafen, was selten genug vorkam, lechzte sie nach den Liebesgeschichten ihrer Freundinnen. Als Majken uns einmal erzählte, sie habe hinter dem Rücken ihres damaligen Freundes mit dessen bestem Freund Sex gehabt, stand Stef der Mund so weit offen, dass sich ein Speichelfaden löste und in ihren erkalteten Milchkaffee tropfte, was Maijken und mich sehr erheiterte. Wobei ich der Gerechtigkeit halber zugeben muss, dass mich Majkens Geschichte ebenso faszinierte, ich hatte meine Körperflüssigkeiten nur etwas besser im Griff.

 

Als ich von dem Treffen nach Hause kam, hatte ich zwei Nachrichten von Leander auf meinem Anrufbeantworter. Ich lächelte. Und rief ihn zurück. Er arbeitete gerade im Punto. Ob ich später noch vorbeikommen wollte? Oder ob er kommen dürfte? Wollen, dürfen, ja, aber … Morgen musste ich doch früh raus.

»Wann denn?« Er konnte die folgenden Tage nicht wegen der Band, ich nicht wegen der Freundinnen. Wir verabredeten uns für das Wochenende.

»Lass uns zum Italiener gehen, ich lad dich ein.«

»Du brauchst mich nicht einzuladen«, sprach die Feministin aus mir, »aber ich komme gern mit.«

 

Die nächsten Tage sahen mich die Kollegen anders an als sonst. Zuerst prüfend, dann mit mildem Gesichtsausdruck. Bei Herrn Meier glaubte ich sogar, den Anflug eines Lächelns zu entdecken, seine Oberlippe war so komisch zur Seite gezogen. Oft starrte ich auf meinen Computer, lächelnd, während warme Wellen durch meinen Körper wogten und Halt suchten, aufschlagen wollten, eine leichte Brandung, die mich entzückte und verzauberte, sodass ich mir die Hand vor den Mund halten musste, um nicht lustvoll aufzuseufzen. Als Herr Meier, der mit der Oberlippe, mir dann tatsächlich einen Stapel Arbeit abnahm, dabei aber beruhigend meine Schulter tätschelte und etwas davon brummelte, dass ich mein Leben genießen solle, wusste ich, dass etwas anders war an mir.

Ich war verliebt.

Zum ersten Mal.

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11Gianni

Ich erinnere mich an unser erstes offizielles Date, als wäre es gestern gewesen. Natürlich hatte ich mich zurechtgemacht. Eine enge schwarze Jeans. Ein enges schwarzes Oberteil. Schwarze Stiefel mit hohem Absatz. Dramatisch schwarzer Lidstrich. Das glatte Haar fiel mir damals bis zur Taille. Kein Kuss bei der Begrüßung. Beide waren wir pünktlich. Fast scheu standen wir uns gegenüber, griffen gleichzeitig zum Türknauf, wollten dem anderen den Vortritt gewähren, bitte nach dir, nein, nach dir, ach, Alice Schwarzer ist doch nicht da, nun geh schon, Alice Schwarzer hat damit nichts zu tun, wenn ich dir die Tür aufhalte, nun geh du schon selber, nein, du … – bis wir am Ende zusammen reingingen, Schulter an Schulter. Gianni, der unser Lieblingskellner werden sollte, brachte uns Bruschetta, ich bestellte ein Glas Weißwein, Leander Cola.

 

»Alkohol vertrag ich nicht so gut«, meinte er entschuldigend.

»Ja, nachher passiert dir wieder so etwas wie neulich.«

Er guckte fragend. »Als du eine fremde Frau auf deinem Sofa auf den Mund geküsst hast«, half ich ihm auf die Sprünge.

»Genau, fürchterlich, das will ich auf gar keinen Fall.«

»Im Leben nicht«, bekräftigte ich.

 

Im nächsten Augenblick küssten wir uns. Jedwede Scheu fiel von uns ab, meine Hand war an seinem Nacken, er umfasste meinen Rücken, ich spürte sein dichtes kräftiges Haar zwischen meinen Fingern, während ich wie Wachs in seinen riesigen Händen zu sein schien.

»Holla die Waldfee«, murmelte ich. Und schon wieder wischten wir uns verstohlen über die Münder und bemerkten, dass uns die Leute am Nebentisch anstarrten.

»Und? Sind die Aktien gestiegen?«, fragte ich laut, um eine möglichst wichtigtuerische Börsenmaklerunterhaltung vorzutäuschen. Leander lachte auf.

»Und wie. Zumindest die von den Midlands.«

Er griff meine Hand. »Wo waren wir stehen geblieben?«, fragte er mit seiner wunderschönen Stimme.

»Du sagtest, dass du keinen Alkohol trinkst, damit auf gar keinen Fall so was wie neulich passiert.«

»Das wäre fatal.« Er nickte. Und streichelte mit dem Daumen über meinen Handrücken. Ich nickte. Und dachte, gleich schwimm ich davon.

»Warum singt eigentlich Tom, warum nicht du?«, fragte ich. Themawechsel, bevor uns Gianni wegen unsittlichen Verhaltens des Restaurants verweisen könnte.

»Warum fragst du?«

»Du hast so eine schöne Stimme.«

Er lächelte. »Früher habe ich gesungen. Aber Tom macht es besser.«

Irgendwann bestellten wir die Nudelplatte für zwei Personen. Wir aßen. Das heißt, ich aß, Leander starrte mich an.

»Alles okay?«, fragte ich irritiert.

»Du bist wunderschön.«

Diese guten Gefühle, die uns das Hirn vernebelten und uns fliegen ließen. Ich legte die Gabel beiseite und drückte seine Hand und seinen Arm. Seine Schulter. Bis meine Hand wieder an seiner Wange war. Ich liebte seine Wange. Ich biss mir auf die Lippen und aß weiter. Und Leander aß jetzt auch. Als nur noch ein kleiner Rest Nudeln auf der Platte vorhanden war, sagte ich, ich wäre pappsatt. Leander lud sich die Nudelreste auf seinen Teller.

»Na ja, eine könnte ich schon noch vertragen«, wandte ich ein.

»Natürlich«, entschuldigte er sich, »ich dachte nur, weil du sagtest …«

»In meinem Magen ist immer noch ein Plätzchen übrig.« Ich wickelte die Spaghetti um die Gabel und führte sie zum Mund. Er sah mich schon wieder so an. Ich legte die Gabel samt Nudel zurück auf den Teller und fragte, was denn jetzt sei.

»Es gefällt mir. Wie du isst. Dass du isst.«

Ich hielt mir die Stoffserviette vor den Mund. »Hat Suse nicht gegessen?« Ich konnte es mir nicht verkneifen.

»Sie hatte immer Angst, zu dick zu werden. Was praktisch war, weil ich dann ihre Reste aufessen konnte.«

»Darauf kannst du bei mir lange warten.« Ich nahm die Gabel mit der Spaghetti, öffnete den Mund und schloss die Augen. Köstlich. Als ich die Augen wieder öffnete, sah Leander mich immer noch an.

Er war ganz heiser. »Du bist so sinnlich.«

 

Aber auch da ging ich nicht mit zu ihm oder er zu mir. Es war nicht so, dass ich ihn hinhalten wollte oder mich an irgendwelcher Frauenratgeberliteratur orientierte, die vorschrieb, man müsste drei Vollmonde abwarten und eine tote Ziege essen, bevor man den rechten Fuß über das linke Bein des Mannes legte. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als in Leanders Armen zu liegen. Und gern sollten wir dabei auch so viel wie möglich ausgezogen haben. Und doch zögerte ich. Ich verabschiedete mich vor meiner Haustür. Es war keine rationale Entscheidung. Rational war ich längst nicht mehr. Vielleicht wollte ich nur den Moment bewahren.

Das Gefühl, die Sehnsucht.

Vielleicht auch meine Unabhängigkeit.

»Ruf mich an«, sagte ich und schloss die Tür.

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12Kopfschmuck

Majken und Tom waren auch noch nicht richtig zusammengekommen. Als die beiden an jenem Abend Leanders Wohnung verlassen hatten, hatte sie ihn mit zu sich genommen. Sie hatten sich bis auf die Unterwäsche ausgezogen und geküsst – und waren eingeschlafen. Ich glaubte es nicht.

»Aber du wolltest ihn doch so sehr, warum hast du ihn dir nicht einfach ganz geschnappt?«, fragte ich entgeistert.

Majken fuhr sich durch ihr blondes Haar. Sie guckte streng.

»Ich wollte nicht.«

»Majken, bitte, ich wollte nicht, ich wollte nicht«, äffte ich sie nach. »Du willst ihn wie …« Ich suchte nach einem passenden Vergleich, »… wie Hulle.«

»Alia, bitte.« Fehlte nur noch, dass sie mich mit der Hand wegscheuchte und »Husch-husch-ins-Körbchen« sagte.

»Majken.« Ich konnte das auch mit der Hebammenstimme. »Nur damit ich in Liebesdingen Unbeleckte es verstehe: Warum wolltest du etwas nicht, was du doch eigentlich mehr als alles andere willst?«

»Du hast wirklich keine Ahnung!« Endlich sprach sie wieder mit ihrer normalen Stimme. »Natürlich wollte ich. Aber ich wollte, dass ER den Anfang macht, du Trottel.«

Wir Frauen. Trugen den Feminismus auf dem Kopf wie eine Krone. Viel Prunk und Zier. Die Männer sollten sich im Staube wälzen, wenn sie uns und unseres Kopfschmucks ansichtig wurden. Kaum aber stellten wir fest, dass der sich im Staube wälzende Untertan ganz attraktiv war, rissen wir uns die Krone vom Kopf, versteckten sie hinter dem Rücken und ließen sie im passenden Moment unauffällig in einer Schublade verschwinden. Aber mir würde das nicht passieren.

Niemals.

Dachte ich.

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13Schieflage

Ich hatte es geschafft. Die Magisterarbeit war abgegeben. Müdigkeit lähmte meine Glieder. Ich saß auf dem Bett, auf unserem großen Bett, kam nicht hoch und dachte nach. Irgendetwas lief gerade schief. Aber ich kam nicht darauf, was es war.