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Er lehnte sich zu ihr vor und flüsterte langsam Wort für Wort: "wenn ich dich in die Finger bekomme, wirst du dich in Deine Alpträume zurückwünschen. Was ich mit dir mache, wird nämlich schlimmer...viel schlimmer." Was passiert, wenn eine Schülerin, vollkommen fertig mit den Nerven durch jahrelanges Mobbing, eine Zeugin eines brutalen Mordes wird und von einem Tag auf den Anderen gezwungen ist, mit dem Mörder jeden Tag zusammen in einem Raum zu sitzen? Avery ist ein extrem schüchternes und zurückhaltendes Mädchen. In der Schule hat sie ohnehin genug Feinde und noch dazu kommt, dass vor Kurzem ein Mitschüler von ihr spurlos verschwunden ist und seitdem vermisst wird. Als sie versehentlich Zeuge einer weiteren Entführung wird, versucht sie sich als Erstes, Anderen anzuvertrauen, aber keiner glaubt ihr. Als jedoch der Täter herausfindet, was sie weiß, stürzt er sie in eine qualvolle Spirale des Horrors und zeigt ihr auf gnadenlose Weise immer wieder, wie nah doch das Gute und das Böse beieinander liegen können.
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Seitenzahl: 204
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Für Lina
Danke das du immer für mich da warst
Ich möchte hier noch einmal anmerken, dass jede einzelne in dieser Geschichte vorkommende Figur rein fiktiv ist, jede Ähnlichkeit mit realen Personen wäre rein zufällig. Mein Umfeld ist wundervoll, genauso wie es ist (meine Lehrer miteingeschlossen!). Danke an alle, die mich hierbei immer unterstützen werden und unterstützt haben! Ich danke jedem Einzelnen von euch!
~ Lucille Krämer
~ Prolog ~
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Ein Lichtblick
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~ Verschwunden ~
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Vermisst
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~ Täuschung ~
~ Veränderung ~
~ Verzweifeltes Vertrauen ~
~ Das Interview ~
~ Ein bedauerlicher Abschied ~
~ Thilo ~
~ Unterstützung? ~
~ Mut und Übergriffigkeit ~
~ Der Sportunterricht ~
~ Eine zweite Zeugin ~
~ Allein ~
~ Das Mädchen im Traum ~
~ Gut oder böse? ~
~ Nachsitzen ~
~ Verlorene Kontrolle ~
~ Abstieg in den Wahnsinn ~
~ Hilfe kommt zu spät ~
~ Das letzte entführte Kind ~
~ Hoffnungsloser Lebenswille ~
~ Unter den Lebenden ~
Der Wecker klingelte. Verschlafen und genervt haute Avery auf den Deckel und brachte ihn dadurch zum Verstummen. Müde streckte sie sich und sah auf die roten Zahlen ihres Digitalweckers, 06:30 Uhr. Um 06:45 Uhr würde ihre Mutter hereinkommen und sie, wenn sie noch nicht wach wäre, wecken, damit sie endlich aus dem Bett kam, wie jeden Morgen. Um 07:00 Uhr würde sie am Frühstückstisch sitzen und ihrem Vater dabei zusehen, wie er die Zeitung las, wie jeden Morgen, um 08:00 Uhr würde sie vor der Schule stehen und ängstlich den Schritt auf den Schulhof treten, wie jeden Morgen, und um 08:15 Uhr würde sie in der Klasse sitzen und gelangweilt oder frustriert dem neuen Lehrer, der heute kommen sollte, dabei zusehen, wie er von ihrer Klasse schikaniert und entblößt würde. Bei dem Gedanken fiel sie rückwärts wieder in die Kissen und schloss genervt die Augen. Seit zwei Wochen wurde ihnen angekündigt, dass wohl ein neuer Lehrer in die Schule kommen sollte. Begeistert war sie zwar nicht davon gewesen, aber dennoch ein bisschen neugierig. Vielleicht war er streng, vielleicht war er so freundlich wie Frau Ludwig, ihre Englischlehrerin, oder aber, er war so anstrengend und streng wie Frau Haller, ihre Kunst- und Erdkundelehrerin. Sie wusste nur, dass sie ihn in Zukunft in den Fächern Geschichte und Deutsch haben würden.
~
Schlaftrunken stand sie auf und schlurfte ins Bad, um sich die Zähne zu putzen und sich anzuziehen. Wie vorausgesehen ging sie die Treppe hinunter und setzte sich zu ihrem Vater an den Küchentisch. „Morgen“, murmelte sie. „Guten Morgen", antwortete der, ohne von der Zeitung aufzusehen. Den Rest des Morgens schwiegen sie. Schweren Herzens schulterte Avery ihren Ranzen und ging aus der Tür. Der kalte Wind des Märzes ließ ihre Nase rot anlaufen und sie die Jacke tiefer ins Gesicht ziehen. Fast schon bedrohlich ragte in der Ferne das graue Gebäude auf, ihre Schule. Wie sehr sie es hasste, dorthin zu gehen, die vielen Beleidigungen, die sie täglich zu hören bekam, machten sie fertig. Mit klopfendem Herzen betrat sie das Schulgelände. Als erstes hatten sie eine Doppelstunde Mathematik bei Frau Sarene. Avery mochte sie zwar, fand sie aber nicht besonders interessant. Ihr Mitschüler Ric fing im Unterricht an, sich andauernd zu ihr umzudrehen und ihr gemeine Dinge zuzuflüstern. Die beiden waren seit der fünften Klasse erbitterte Feinde. Avery war damals alleine in die neue Klasse gekommen, ohne einen Freund oder eine Freundin, und durch ihre Schüchternheit, ihre Unsicherheit und ihre Zurückhaltung sehr schnell ein beliebtes Ziel geworden, wenn es darum ging, jemanden zu ärgern. Ric hatte großen Spaß daran, sie zu verprügeln oder bloßzustellen. Avery hatte ihren Eltern selbstverständlich davon bereits erzählt, aber die hatten ihr kaum helfen können, denn Ric ließ sich von den Vorträgen und Strafen, die ihm die Lehrer auf die Gespräche hin gaben, wenig beeindrucken. Nach der Pause würden sie ihre erste Stunde mit dem neuen Lehrer haben. Avery wusste noch immer nicht, wie er hieß. Als es zur Pause gongte, war sie wie so oft eine der Ersten die aufsprang, um einen Vorsprung vor Ric und seinen Freunden zu haben. Ängstlich drehte sie sich im Gebäude immer wieder um. Die Angst, von ihm verfolgt zu werden, ließ sie nicht los. Als sie endlich den Schulhof erreichte, war Ric noch immer nicht hinter ihr, weshalb sie erleichtert ausatmete und sich, noch immer unsicher, in einem ziemlich abgelegenen Teil des Schulhofes setzte. Sie war mit ihren zwölf Jahren inzwischen seit zwei Jahren in dieser Klasse, zusammen mit Ric, der es wohl vom ersten Tag bereits auf sie abgesehen hatte.
~
Zehn Minuten später gongte es erneut. Mit noch immer klopfendem Herzen ging sie zu ihrem Klassenraum. Ric grinste sie im Gang an. „Da bist du ja! Ich hab‘ dich in der Pause vermisst“, meinte er höhnisch. Avery versuchte, ihre Nervosität zu überspielen und ignorierte ihn. In dem Moment kam ein junger Mann um die Ecke, Avery schätzte ihn auf 26. Er hatte nach hinten gekämmtes, schulterlanges, schwarzes Haar und ein wirklich sehr attraktives Gesicht mit wunderschönen dunklen Augen. Er trug einen vornehm aussehenden Anzug, Avery wägte noch ab, ob sie das lächerlich oder seltsam hübsch fand, denn die Art, wie er wirkte, war alles andere als lächerlich. Er lächelte sie leicht im Vorbeigehen an, schloss dann kommentarlos die Tür zum Klassenraum auf und wies ihnen mit einer Handbewegung den Vortritt zu. Sie wollte schon den Klassenraum betreten, als sie einen starken Schubs von hinten bekam, das Gleichgewicht verlor und nach vorne fiel. Das Gelächter ihrer Klassenkameraden erklang schallende über die Flure. Beschämt spürte sie, wie ihr die Röte des Schams ins Gesicht rauschte, als sie merkte, dass ihr neuer Lehrer sie ansah. Statt sie aber mit rollenden Augen dort liegen zu lassen, wie es die meisten anderen Lehrer getan hätten, drehte er sich zu Ric um, der für ihr Fallen wohl verantwortlich zu sein schien. Er ging dicht an ihn heran und schaute ihm tief in die Augen: "Warum schubst du sie?" Die Klasse verstummte. Ric versuchte, ihm ebenfalls in die Augen zu schauen, aber man merkte, wie er darunter kleiner wurde. "Lass mich raten." Ein Grinsen huschte über das Gesicht des neuen Lehrers. "Du weißt es nicht? Es war Reflex? Oder lieber eine meiner Lieblingsausreden: >weil sie es verdient hat<?" Ric brach den Blickkontakt ab und antwortete nicht. Der Mann nickte wissend und drehte sich dann wieder zu Avery um: "Hast du dich verletzt?", frage er freundlich und bot ihr seine Hand an, um ihr aufzuhelfen. Avery schüttelte schüchtern mit dem Kopf, ergriff aber seine Hand. Es war seltsam und lange her, dass sich mal jemand so für sie eingesetzt hatte. Verwirrt sah sie ihn an. Sie war es gewohnt, dass die meisten Lehrer sie übersahen oder das, was mit ihr passierte, aber er schien ihr ernsthaft helfen zu wollen. "D-danke", murmelte sie unsicher. Er lächelte und drehte sich wieder zur Klasse um. "Wollt ihr auch reinkommen oder sollen wir auf dem Gang Unterricht machen?" Die restlichen Mitschüler gingen ebenfalls in den Raum und setzten sich an ihre Plätze. Avery tat es ihnen gleich.
~
Ihr neuer Lehrer ging zum Lehrerpult und gab ihnen die Möglichkeit, seine Haltung noch einmal zu bewundern, lässig und anmutig zugleich. "Guten Morgen, liebe Klasse, mein Name ist Herr Zado. Ich bin erst seit heute an der Schule und werde euch demnächst in den Fächern Deutsch und Geschichte unterrichten", stellte er sich vor. Die Klasse begrüßte ihn und setzte sich dann wieder brav auf ihre Plätze. Die Stille, die in diesem Moment im Raum herrschte, war fast schon gruselig. So viel Respekt und Neugierde hatten ihre Mitschüler noch nie gehabt, zumindest nicht bei einem Lehrer. Gelassen saß er nun vorne am Lehrerpult und notierte sich etwas auf einen Zettel, während ihre Klasse schweigend und angespannt zu ihm blickte. Nach einer Weile schaute er auf und ließ seinen Blick über die Gesichter der Klasse wandern. Nervös fing Neshla, ihre Klassenkameradin, an zu kichern. Er sah sie schief an. „Was ist so lustig?“, fragte er. Sie schüttelte den Kopf. „Nichts“, kicherte sie. „Doch, du hast ein schönes Lachen, und ich würde mich gerne davon anstecken lassen. Bitte, lass uns an deinem Witz teilhaben“, antwortete er freundlich und sah sie an. Man merkte, wie sie rot wurde. „Ich… ich musste über Ihren Blick lachen. Wie sie uns angeschaut haben“, murmelte sie verlegen. Er grinste. „Hm, ja das stimmt. Ich mache mir im Moment Gedanken darüber, was für ein Bild ich mir von euch machen soll“, antwortete er. „Wie meinen Sie das?“, fragte Ric. „Nun, ich versuche, mir an eurem Auftreten und eurem Verhalten zu überlegen, wie ich mit euch umzugehen habe.“ Herr Zado lächelte freundlich. „Was meinen Sie?“ „Ich zeige es euch, zum Beispiel du“, er stand auf und ging auf Neshla zu. „Du machst dir anscheinend sehr viele Gedanken um dein Aussehen, vielleicht gehst du ab und zu mit einigen Trends mit und bist deshalb bei vielen anderen beliebt.“ Begeistert und erstaunt sah sie ihn an. „Das stimmt, Sie haben Recht. Woher wissen Sie das?“ Er zuckte nur mit den Schultern. „Ich achte auf Kleinigkeiten. Du bist eben mit einer Gruppe aus vier anderen Mädchen in die Klasse gelaufen. Da ich davon ausgehe, dass ihr alle noch Freunde außerhalb eurer Klasse habt, zähle ich das als beliebt. Du hast weder unreine Haut noch Augenringe, wie es für Mädchen in deinem Alter oft üblich ist, da es den meisten vollkommen egal ist. Dir ist es aber wahrscheinlich nicht egal. Deshalb achtest du darauf, diese entweder zu vermeiden oder abzudecken. Die Trends mache ich aus, da ich auf dem Schulhof viele andere Mädchen gesehen habe, die einen sehr ähnlichen Stil tragen“, antwortete er, lächelte sie an und ging zu Ric. Neshla drehte sich zu ihren Freundinnen, um aufgeregt zu quietschen. Auch Avery war beeindruckt. „Du bist Ric, nicht wahr?“, fragte Herr Zado, als er bei dem Tisch ihres Klassenkameraden angekommen war. Ric nickte. „Hm, schwierig. Da ich gesehen habe, dass dich viele mit etwas mehr Respekt angesehen haben und ich diesen kleinen Zwischenfall mitbekommen habe, gehe ich davon aus, dass du dir den Ruf und den Respekt so sehr wünschst, dass du ihn dir erreichen willst und das notfalls mit Gewalt. Ich glaube aber trotzdem daran, dass in dir etwas viel Besseres steckt, vielleicht musst du das selbst noch herausfinden. Du bist sicherlich ein sehr freundlicher Zeitgenosse, wenn du willst. Vielleicht versuchst du es in Zukunft mit etwas mehr Höflichkeit und Anstand als mit Gewalt.“ Er zwinkerte scherzhaft und ließ den verdattert guckenden Ric allein zurück. Ein Freund von Ric namens Mike sprang auf: „Was denken Sie über mich?“, fragte er aufgeregt. Herr Zado ging zu ihm, „Hm, dein Körperbau ist schlank und nicht außergewöhnlich muskulös, du machst mit Sicherheit eine Menge Sport der mit Rennen zu tun hat. Laut dem Trikot, das du trägst, Fußball wie ich annehme. Du hast sehr laut gelacht, als deine Mitschülerin vorhin schikaniert wurde. Ich nehme an, dass du ein Freund von Ric bist, stimmt das?“ Mike schaute zu Boden, nickte aber. „Wieso achten Sie auf all das so genau?“, fragte ein Junge namens Jonas verwirrt. „Ach, nur eine dumme Angewohnheit von mir“, antwortete er abweisend. „Und was denken Sie über sie?“, fragte Mike und zeigte auf Avery. Herr Zado lächelte sie freundlich an und ging auf sie zu. Nervös lächelte sie zurück. „Ich denke, sie ist eine sehr fleißige und kluge Schülerin. Wie war doch gleich dein Name?“ „A-Avery“, antwortete sie schüchtern. „Avery... ein schöner Name, er passt zu dir. Wie schätze ich dich ein... Wie ich bisher gesehen habe, bist du sehr schüchtern und still, aber sehr höflich. An deinem unsicheren Blick mache ich wohl fest, dass du dich hier ein wenig unbehaglich fühlst. Falls ich der Grund bin, tut es mir leid, aber irgendwas sagt mir, dass Ric etwas damit zu tun hat.“ Er kniete sich vorsichtig neben sie. „Passiert so etwas wie vorhin öfter?“ Unsicher warf sie Ric einen Blick zu, der sie warnend und drohend anschaute. „Keine Sorge, ich weiß, dass er uns anschaut, aber sei einfach ehrlich. Ich werfe in der Pause ein Auge auf ihn, er wird dir nichts tun“, meinte ihr Lehrer ruhig, und sie entspannte sich tatsächlich ein bisschen. „Ja“, antwortete sie nach einer Weile. Er nickte und stand auf. „Gut, Ric? Ich mache dir ein Angebot. Entweder du lässt es auf meine Bitte hin einfach für immer und ich vergesse die Sache, oder wir beide machen uns nach dieser Stunde auf den Weg zur Schulleitung. Was bevorzugst du?“ „Ich lasse es“, nuschelte Ric. „Geht doch.“ Herr Zado lief wieder in Richtung Tafel und begann mit dem Unterricht.
Avery saß mit ihren Eltern am Tisch, und sie aßen gemeinsam zu Abend. „Und?“, fragte ihr Vater nach einer Weile, „Du hast erzählt, ihr würdet einen neuen Lehrer bekommen, nicht wahr? Wie ist er denn so?“ „Anders“, war das Erste, was ihr einfiel. „Er kommt ausgefallen vornehm in die Schule. Zuerst dachte ich, dass ich das lächerlich finde, aber er trägt das mit so viel Fassung, dass es eher eindrucksvoll aussieht“, antwortete sie. „Heißt das, er könnte dir endlich wegen diesem Jungen helfen? Wie heißt der doch gleich?“ „Ric.“ „Ja genau. Kannst du mit ihm darüber reden?“ Avery zuckte mit den Schultern. „Vielleicht. Also er wirkt sehr vertrauenswürdig, und er kann wirklich gut erklären. Ich denke, ich mag ihn.“ Ihre Eltern sahen sich glücklich an. „Das freut uns.“ Avery lächelte leicht. Sie musste zugeben, dass sie sich auf ein Wiedersehen mit ihm freute. Morgen würde sie aber zuerst eine Stunde bei Frau Haller haben, eine sehr unbeliebte und strenge Dame, sehr unsympathisch, wie sie fand. Dennoch freute sie sich, Herrn Zado wiederzusehen. Wenn er wirklich so vertrauenswürdig war, wie sie es bisher vermutete, dann konnte er ihre Chance sein, endlich einen Ausweg aus dem Wahnsinn des Mobbings zu finden.
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Die Stunde mit Frau Haller war nicht anders als sonst. Die gemeinen Kommentare gegen Avery nahmen auch zu. Frau Haller war machtlos dagegen, das wusste Avery auch, aber trotzdem spürte sie eine Mischung aus Hass und Enttäuschung, wenn sie an ihre Lehrerin dachte. Ihr Mitschüler Jonas war es, den Frau Haller am meisten verachtete. Er war, besonders in ihrem Unterricht, auch wirklich sehr respektlos. Er äffte sie gelegentlich nach oder brüllte Dinge durch den Raum. Oftmals musste Avery auch über seine Witze lachen, aber meistens nervte er sie. Missmutig standen sie auf, um ihre Lehrerin zu begrüßen. Der Unterricht lief ab wie immer. Frau Haller hatte bedauerlicherweise die Angewohnheit, Dinge sehr monoton zu erklären. Für Arbeiten zu lernen, wurde also erheblich erschwert, weil sich niemand den Stoff im Unterricht merken konnte. Was die mündliche Mitarbeit anging, war Avery leider weniger gut. Sie hatte große Angst, etwas Falsches zu sagen, wenn sie sich meldete. Deshalb ließ sie es meistens ganz. Dafür war sie im Schriftlichen oftmals unter den Besten.
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Es gongte zur Pause. Avery ging zur Tür, bemerkte aber Rics drohendes Gesicht hinter sich. Wenn sie schnell genug auf den Schulhof kam, könnte sie ihm entkommen, überlegte sie im Stillen und wartete mit klopfendem Herzen an der Tür, bis Frau Haller sie endlich aus dem Unterricht entließ. Panisch riss sie die Tür auf und sprintete die Treppe in einem Tempo hinunter, wie es schon fast beeindruckend war. Rics Freund Mike holte sie aber auf dem Schulhof ein. Erschrocken sah sie, als er sie festhielt, auch Ric auf sie zu rennen, gefolgt von zwei anderen seiner Freunde. „Mit dir habe ich noch eine Rechnung offen, weißt du das?“, fragte er sie lächelnd, als er bei ihr ankam. „Weswegen denn?! Ich hab‘ dir überhaupt nichts getan!“ „Du hast mich gestern bei dem neuen Lehrer verpetzt! Bist wohl zu feige, alleine damit fertig zu werden, oder?“ Er zog sie an den Haaren, bis sie aufschrie. „Ric! Hör auf!“, zischte sein Freund Kai. Verwirrt sah Ric ihn an und bemerkte erst da, dass hinter ihm jemand stand. Sofort ließ er Avery los. Sie blickte auf und sah Herrn Zado vor sich stehen. „Was habe ich dir gestern gesagt?“, fragte er leise. Ric sah zu Boden und antwortete nicht. Avery stand auf und trat ein paar Schritte von ihnen weg. „Ich habe dir gesagt, dass ich dich in Ruhe lasse, aber das auch nur, wenn du die anderen in Ruhe lässt. Sieh das als deine letzte Verwarnung und überlege dir, ob du es wirklich darauf ankommen lassen willst“, fügte Herr Zado hinzu. Ric nickte, keiner sagte ein Wort. „Gut.“ Von einem Moment auf den anderen lächelte ihr Lehrer aber wieder freundlich. „Es freut mich, dass wir uns so gut verstehen.“ Er zwinkerte Ric zu und verließ die Szene. Noch leicht angeschlagen lief Avery ihm eilig hinterher und ließ die Jungs stehen. „Herr Zado!“, rief sie. Er drehte sich zu ihr um und lächelte. „Avery, richtig?“ Sie nickte. „Ich wollte mich bedanken…“, murmelte sie schüchtern. „Weswegen?“ „Naja, wegen Ric eben…“ Herr Zado grinste. „Das sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Nichts wofür du dich bedanken müsstest. Übrigens freue ich mich, euch gleich im Unterricht wiederzusehen.“ Sie lächelte ebenfalls. „I-ich mich auch.“ „Na dann bis gleich", flötete er und ging. Avery blieb allein zurück, aber es war keine Lüge. Sie freute sich tatsächlich auf gleich. Es war wirklich lange her, dass sie sich tatsächlich auf die Schule mal gefreut hatte, aber jetzt tat sie es. Mit wohligem Kribbeln lief sie zu dem Teil des Schulhofes, den sie am liebsten mochte, ein etwas abgelegeneres Plätzchen für sie alleine, falls Ric es in dieser Pause doch noch mal auf sie absehen sollte.
Es waren zwei Monate vergangen. Der goldene Sommer ließ die Welt wieder aus ihrer grauen trostlosen Hülle erstrahlen. Avery war auf dem Weg zur Schule. Ängstlich drehte sie sich immer wieder um. Das Gefühl von der Verfolgung ihrer Klassenkameraden ließ sie nicht los. Als sie das Schulgelände betrat, kam Ric sofort angelaufen. „Oh, schaut mal Jungs, wer wieder da ist“, rief er. „Unser kleines Miststück ist wieder da. War es schön zu Hause?“ „Ich war krank!“, rief Avery zurück. „Ach so! War die kleine Streberin krank? Musstest du dich von deiner Mami versorgen lassen?“ Die anderen in der Gruppe lachten und Avery ging wortlos von dannen. Herr Zado kam ihr entgegen. „Guten Morgen, Avery! Wie schön, dich wieder wohlauf zu wissen.“ „Guten Morgen, Herr Zado“, antwortete Avery freundlich. „Wir sehen uns gleich im Unterricht.“ Er zwinkerte und zeigte ihr mit seinem Grinsen seine makellosen schneeweißen Zähne. Avery lächelte zurück. Schnell stieg sie die Treppen zum Klassenraum nach oben und setzte sich auf ihren Platz in der letzten Reihe. Nach und nach kam auch ihre Klasse herein. Böse Blicke wurden ihr zugeworfen, aber angesprochen wurde sie nicht. Nach einigen Minuten betrat Herr Zado den Raum. „Guten Morgen, ihr Lieben!“, rief er fröhlich, und die Schüler grüßten zurück. Es klopfte an der Tür, und ihr Klassenkamerad betrat den Raum. „Na Jonas? Schön, dass du es auch geschafft hast.“ Herr Zado schmunzelte. „Ja, entschuldigen Sie die Verspätung.“ „Macht nichts, setz dich.“ Jonas atmete auf und setzte sich in die hintere Reihe. „Ich habe für diese Stunde einige Arbeitsblätter ausgedruckt. Mike? Ric? Würdet ihr diese bitte verteilen?“ Die beiden standen auf. Herr Zado hielt den beiden einen Stapel Papier hin, und sie fingen an, diesen zu verteilen. Als Ric bei Avery ankam, schaute er sie kurz niederträchtig an und schob dann den Tisch, an dem sie saß, mit solcher Wucht gegen ihren Bauch, dass sie erschrocken aufkreischte. Die Klasse lachte laut, und Ric grinste amüsiert. „Ric! Was sollte das?!“, rief ihr Lehrer streng. „Komm sofort nach vorne!“ Inzwischen hörten so gut wie alle sofort, wenn Herr Zado etwas sagte. Er war zwar erst seit zwei Monaten an der Schule, aber trotzdem der wahrscheinlich beliebteste Lehrer bei den Schülern. Er war fair und behandelte jeden respektvoll. Auch im Lehrerkollegium war er inzwischen unglaublich beliebt. Manche bezeichneten ihn sogar als „den perfekten Lehrer“. Man konnte sich zum Außenseiter machen, sobald man nicht mehr auf ihn hörte, da dies, laut den Schülern, implizierte, dass man ihn nicht mochte. Das wusste auch Ric. Deshalb ließ er schnell von ihr ab und ging zurück zu seinem Platz. Herr Zado wiederum ging zu Avery. „Hast du dich verletzt? Ist alles okay?“ Avery nickte. „Ja, alles in Ordnung.“ „Ric? Ich habe deine Entschuldigung nicht gehört“, rief ihr Lehrer laut. „Tut mir leid“, nuschelte der. „Wie bitte?“ „Es tut mir leid!“, wiederholte er, diesmal lauter. „Warum muss ich immer zweimal bitten?“, lächelte Herr Zado und ging wieder zurück zum Lehrerpult.
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Es klingelte zur letzten Stunde, und Frau Haller betrat das Klassenzimmer. „Aufstehen! Jonas, Kappe ab!“ Gehorsam standen die Schüler auf und begrüßten sehr monoton ihre Lehrerin. „Gut, und jetzt setzt euch!“, keifte sie weiter. Die Schüler gehorchten, nur Jonas seufzte und legte die Beine auf den Tisch. Seine Klassenkameraden lachten, und auch Avery musste gegen ihren Willen schmunzeln. „Jonas! Ich kenne wirklich kaum jemanden, der so respektlos ist wie du! Und nimm endlich die Kappe ab!“ „Warum denn?“ „Du kennst die Schulregeln! Ich sagte Kappe ab!“ Entnervt gab Jonas nach. „Wir fangen heute mit einem neuen Thema an, holt eure Hefte raus und schreibt mit.“ Es verging eine ruhige halbe Stunde, in der die Schüler alles abschrieben, was ihre Lehrerin an die Tafel schrieb. „Frau Haller?“, meldete sich ein Junge zu Wort. „Was ist Ray?“, antwortete sie, ohne ihn anzusehen. „Was steht da?“ Frau Haller verdrehte die Augen. „Ich habe sehr deutlich und ordentlich geschrieben, ich kann euch nicht helfen, wenn ihr euch schon so an eure Sauklaue gewöhnt habt, dass ihr normale Schönschrift nicht mehr erkennt.“ „Also ich kann meine Schönschrift sehr gut lesen, aber Ihre Schrift irgendwie sehr schlecht“, meldete sich wieder Jonas zu Wort. „Jonas! Es reicht mir! Es klingelt in zwei Minuten und ich will dich dann nochmal in meinem Büro sehen.“ Jonas seufzte.
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Der nächste Morgen war angebrochen. „Bis später, Mama“, rief Avery noch über die Schulter, bevor sie das Haus verließ. Auf dem Weg zur Schule begegnete ihr aber ein Zettel, der an einen Baum gepinnt war. 'Wird wieder eine Katze oder so vermisst?', überlegte sie verwirrt und ging näher heran. Auf dem Zettel war ein großes Bild abgedruckt, mit einem Gesicht, das sie gut kannte, und es stand etwas in roten Buchstaben darauf: VERMISST! Der Junge Jonas Kerzig ist seit gestern nicht nach Hause gekommen.
