Verlag: Books on Demand Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

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E-Book-Beschreibung Wenn Weihnachten ist .... -

Weihnachtsgeschichten und eine Auswahl von Weihnachtskapiteln aus Erzählungen und Romanen

Meinungen über das E-Book Wenn Weihnachten ist .... -

E-Book-Leseprobe Wenn Weihnachten ist .... -

Wenn Weihnachten ist ....

Wenn Weihnachten ist ...Erikas WeihnachtspuppeZwei WeihnachtenDas Diamantenklavier»Weihnachtskonzert für Klavier und Violine«Ein gestörtes WeihnachtsfestPaulchenEin heiteres Weihnachtskapitel ...WeihnachtsüberraschungenEs war während der kurzen Tage ...Seit Stunden schon vernahmen sie das Rauschen ...JulklappDas »Säuglingsheim« ...Es war der vierundzwanzigste Dezember ...Der WeihnachtsabendWeihnachtenGeheimnisseEine SchachpartieDas Tagebuch einer NärrinGottes GästeMerry ChristmasÜber'n großen TeichImpressum

Wenn Weihnachten ist ....

Weihnachtsgeschichten und eine Auswahl von Weihnachtskapiteln aus  Erzählungen und Romanen

Erikas Weihnachtspuppe

»Hurra, Weihnachtszensuren!«

Damit stürmten Eberhards drei in das trauliche warme Esszimmer. Die Pelzmütze saß schief auf den Blondköpfen, kleine Schneeteiche tauten in der Wärme von den derben Lederstiefeln, aber was schadete das? Die Wangen der Drei glühten, und die Augen blitzten und strahlten. Morgen war ja Weihnachten.

In glückseligem Stolz blickte die am Nähtisch sitzende Mutter auf ihr blühendes Kleeblatt.

»Na, hoffentlich sind es auch echte, rechte Weihnachtszensuren, an denen Vater und ich unsere Freude haben werden«, meinte sie lächelnd. »Aber eure Füße hättet ihr euch trotz aller Aufregung draußen auf der Strohmatte abtreten können, Kinder, nun muss Auguste erst wieder hinterherwischen.«

»Nicht schelten, Mütterchen!« Zwei Arme schlangen sich von rückwärts um den Nacken der Mutter, und eine Stimme, der man den inneren Jubel anhörte, verkündete: »Ich bin Erste gekommen!«

»Der Tausend!« Mutter lächelte erfreut der zwölfjährigen Hilde zu und durchflog das ihr strahlend dargereichte Zeugnis. »Das lasse ich mir gefallen, mein Mädel, da muss der Weihnachtsmann morgen wohl noch etwas Extraschönes bringen, was?«

»Vernickelte Schlittschuhe, Mütterchen, und die weiße Sportmütze ja nicht vergessen!« Ein schneller Blick flog von der blondzöpfigen kleinen Eitelkeit zum Spiegel hinüber, wie Letztere ihr wohl stehen mochte.

»Nun du, Fritz – auch Erster gekommen, hm?« Mutter wandte sich dem hoffnungsvollen Quartaner zu.

»Ach wo, Mutter«, Fritz war beinahe beleidigt, »lauter ›sehr gut‹ wie bei den Mädchenzensuren«, es klang ungeheuer verächtlich, »das gibt es doch bei uns Jungs gar nicht, und Erster – – –«

»Das gibt es doch bei uns Jungs gar nicht«, neckend waren die Schwestern eingefallen, und jetzt umtanzten sie den Jungen lachend.

»Gibt es auch nicht.«, behauptete Fritz mit der Beharrlichkeit des künftigen Mannes. »Erster – pah – Primus heißt es bei uns im Gymnasium.«

»Schön, also Primus, der hättest du doch werden können, mein Junge, aber ich lese hier ja ›Fünfter unter 40 Schülern‹?«, neckte jetzt auch die Mutter.

»Herr Doktor Richter hat gesagt, er wäre recht zufrieden mit meiner Zensur«, meinte Fritz nun doch ein bisschen kleinlaut.

»Na, denn muss ich's wohl auch sein«, beruhigte die Mutter ihren Jungen.

»Ja, und Primus zu sein, ist überhaupt langweilig, da kann man ja gar nicht mehr raufkommen, nur immer runter!« Fritz gewann jedem Ding im Leben die beste Seite ab.

Erika, das Nesthäkchen, wurde ungeduldig. Sie hatte noch nicht viel Zensuren nach Haus gebracht, da sie erst das zweite Jahr in die Schule ging.

»Nun komme ich dran, ich bin Dritte, Muttchen – ätsch, Fritz, zwei Plätze über dir!«, frohlockte die Kleine.

Bruder Fritz reckte seine kräftigen Arme bereits zum Boxen. Er machte nicht viel Federlesen, wenn man seine Jungsehre angriff.

Aber Mutters ernstes Wort ließ ihn innehalten.

»Erika, was lese ich denn hier! Aufmerksamkeit: zuletzt nicht immer zur Zufriedenheit. Ja, was soll denn das heißen, Kind?«

Die siebenjährige Erika schob die Unterlippe vor. Das war das sicherste Zeichen für eine baldige Tränenüberschwemmung.

»Ich – ich – morgen ist doch Weihnachten, Muttchen – –«

»Jawohl, da haben alle Kinder die Verpflichtung, sich ganz besonders zusammenzunehmen, in der Schule sowohl als auch zu Hause, sonst bringt ihnen Knecht Ruprecht eine Rute statt der Weihnachtsgaben, das weißt du doch, Erika!« Mutter nickte ernsthaft mit dem Kopf.

Die Tränenflut aus Erikas Blauaugen ergoss sich.

»An den – an Knecht Ruprecht habe ich ja gerade immer denken müssen, ob er auch ganz bestimmt meinen Brief bekommen hat«, schluchzte sie, »deshalb habe ich bloß manchmal nicht aufgepasst.«

»Einen Brief! Du hast Knecht Ruprecht einen Brief geschrieben?«, lachte Schwester Hilde.

»Ist die noch dämlich!« Fritz sagte es so recht von der Höhe seines stolzen Quartanertums herab, das nicht mehr an den Weihnachtsmann glaubt.

»Pst!« Mutter legte den Finger auf den Mund, »das ist unser Geheimnis, was, Erika? Na, dann wollen wir es diesmal mit der Aufmerksamkeit nicht so genau nehmen, sonst ist die Zensur ja gut.«

»Glaubst du, dass mir Knecht Ruprecht trotzdem meinen größten Wunsch erfüllen wird, Muttchen?« Nesthäkchen fragte es immer noch ein wenig ängstlich.

»Deinen größten Wunsch?« Mutter musste sich erst besinnen. »Ach so, ja, ich denke doch, dass er es ganz sicher tun wird.« Sie lächelte unmerklich.

»Was hast du dir denn gewünscht?« Selbst Quartaner können manchmal neugierig sein.

»Weißt du denn überhaupt, wo er wohnt?« Auch Hilde hätte das Geheimnis des Schwesterchens gern herausbekommen.

»Jawohl! Wolkenland. Milchstraße, Stern vierzehn«, kam die Adresse prompt aus der Kleinen Mund.

Hellauf lachten die beiden Großen.

»Lasst mir meine Erika in Ruhe und zieht euch endlich aus, sonst kommt Weihnachten heran, und ihr steht noch hier«, mahnte die Mutter.

Ja, wenn Weihnachten nur so schnell herangekommen wäre! Nie schleicht die Zeit langsamer als einen Tag vor dem Heiligen Abend, wenn sehnsüchtige Kinderherzen die Stunden beflügeln möchten. Aber endlich bricht der wichtigste Tag im Jahre doch an. Überall ist man im Wege, überall findet man verschlossene Türen, und zum Mindesten festverschnürte Pakete und Schachteln. Jedes Gesicht ist ein großes Geheimnis.

Im Eberhardschen Hause roch es herrlich nach Weihnachtsbaum und frischgebackenem Stollen. Hilde stichelte mit feuerroten Backen, sie legte die letzte Hand an Mutters Kreuzstichdecke. Fritz hatte seine Schnitzeleien zu Weihnachten in der Schule im Handfertigkeitsunterricht fabriziert, er hatte heute nichts mehr zu tun. Höchstens hier und da durch ein Schlüsselloch zu lugen, wenn es gar zu geheimnisvoll im Nebenzimmer knisterte.

Um so mehr aber hatte die Jüngste unseres Kleeblattes zu schaffen. Nicht etwa an den Weihnachtsarbeiten; Mutters Waschlappen und Vaters Uhrständer waren längst fertig. Nein, Erika hielt in ihrem Puppenwinkel Großreinemachen. Denn – ja, das war eben das Geheimnis.

Eine große Lockenpuppe, eine lebendige, die richtig sprechen und laufen konnte, hatte sie sich bei Knecht Ruprecht zu Weihnachten bestellt. Und wenn er ihren Brief bekommen hatte – sie hatte ihn der Sicherheit halber der Mutter übergeben, und diese hatte versprochen, ihn gut zu besorgen –, und wenn er nicht gar zu böse über ihre zuletzt nicht immer zufriedenstellende Aufmerksamkeit in der Schule war, dann würde heute Abend die lebendige Puppe hier ihren Einzug halten. Das Schlimme war nur, dass die Puppe, wenn sie sprechen konnte, ganz sicher sagen würde: »Pfui, Erika, was ist das hier für eine gräuliche Unordnung in deinem Puppenwinkel.« Und wenn sie laufen konnte, würde sie am Ende wieder davonlaufen, weil ihr die neue Puppenmutter zu liederlich war. Darum musste Erika noch ganz schnell Ordnung schaffen.

Draußen kam leise und still der Heiligabend über die festlich weiße Wintererde geschritten. Auf weichen, silbrigen Schneesohlen kam er, Hand in Hand mit der Dämmerung. Er blickte durch die Eisblumen am Fenster in jedes Haus, in jedes Hüttlein und lächelte seinen Friedensgruß hinein.

Eberhards drei sahen ihn nicht kommen, trotzdem sie am Fenster hockten und Gucklöcher in die zugefrorenen Scheiben hauchten. Die hatten viel zu viel von den bevorstehenden Herrlichkeiten zu schwatzen, um die leisen, mahnenden Schritte des Heiligabends zu vernehmen. Wenigstens die beiden Großen. Klein-Erika spähte herzklopfender Aufregung durch ihr Guckloch, ob denn der Wolkenschlitten Knecht Ruprechts noch immer nicht kommen wollte.

»Was hast du dir denn bloß gewünscht?« Immer wieder versuchten die beiden Großen hinter das Geheimnis der kleinen Schwester zu kommen. Aber die machte nur ein vielsagendes Gesicht und schwieg. Au – Hilde und Fritz, die würden einmal die Augen ausreißen, wenn die lebendige Puppe ihr nachher entgegengelaufen kam.

Horch – Glockengeläut. »Knecht Ruprechts Schlitten!«, rief Erika.

»Quatsch! Vaters Klingel!«, ließ sich der unhöfliche Fritz vernehmen.

Und dann standen alle drei geblendet. Strahlender Glanz flimmerte in die Dunkelheit hinein, die Pforten zur Kinderseligkeit taten sich auf.

Aber nur einen Augenblick blieben die Eberhardschen Sprösslinge in dem Bann der plötzlich über sie hereinbrechenden Lichtfülle des Tannenbaumes. Dann eilten sie in das Weihnachtszimmer, sie überpurzelten sich fast.

Die Kleinste war trotz ihrer kürzesten Beinchen die Erste drin. Einen Blick die lange Weihnachtstafel herab – hurra – da war sie, die große Lockenpuppe, Knecht Ruprecht hatte ihren Brief erhalten.

Ein Weilchen mussten die Kinder noch ihre Ungeduld und Erwartung zügeln. Vorläufig saß der Vater erst am Klavier, und die feierlichen Klänge des Weihnachtsliedes durchzogen das Zimmer. Aus jugendlich hellen Kehlen erschallte es: »Stille Nacht, heilige Nacht«, und wenn auch mancher Blick inzwischen zu der reich besetzten Weihnachtstafel hinüberirrte, das nimmt der liebe Herrgott an diesem Abend keinem Kinderauge übel.

Mutter hatte Mitleid mit ihren erwartungsvollen Dreien. »Ich denke, wir bescheren zuerst, und hören uns dann noch her die Weihnachtsgedichte an, vorher habt ihr doch keine Ruhe und Andacht dazu«, meinte sie lächelnd.

Lauter Jubel war der Dank für diese Worte. Ein jedes eilte zu seinem Gabentisch, den es mit bewunderungswürdigem Scharfsinn gleich herausgefunden hatte. Hilde hatte bereits die weiße Sportmütze auf den blonden Schopf gedrückt und schnallte sich jetzt die blanken Nickelschlittschuhe an die Füße. Fritz schwenkte in der einen Hand den »Robinson«, in der anderen den Laubfrosch, der zu seinem Aquarium gehörte.

Und Erika? Die stand steif und stumm vor ihrem Platze, während große Tränen der Enttäuschung über ihre Bäckchen kullerten. Die neue große Lockenpuppe kam ihr nicht entgegengesprungen, wie sie es gehofft, steif und stumm, ganz wie ihre kleine Puppenmama, blieb sie auf ihrem Platz.

Hilde und Fritz hingen dankbar am Halse des Vaters und der Mutter, Nesthäkchen rührte sich nicht von der Stelle.

»Nun, Erika«, die Mutter trat zu der stillen Kleinen, »freust du dich denn gar nicht über deine schönen Weihnachtsgeschenke? Sieh doch, eine Kochmaschine, auf der man richtig mit Spiritus kochen kann, das neue Puppenservice, hier das schöne Märchenbuch, und dann die große Lockenpuppe – nun hat Knecht Ruprecht doch deinen Wunsch erfüllt, was?«

»Nein – gar nicht –«, es kam höchst weinerlich heraus, »die olle Puppe kann ja nicht sprechen und nicht laufen, ich wollte eine richtige lebendige Puppe haben, die hier mag ich nicht.«

»Aber Erika, schämst du dich denn gar nicht, so undankbar zu sein, und noch dazu am lieben Weihnachtsfest? Hast du denn dein neues Kind überhaupt schon lieb gehabt?« Die Mutter ergriff die große Lockenpuppe, legte sie der Kleinen in den Arm und drückte sie ein wenig auf den Bauch.

»Mama! Papa!«, sagte sie da ganz deutlich.

Das war eigentlich fein. Aber Erika war doch noch zu sehr enttäuscht, um schon eine reine Freude daran zu haben.

»Einen Papa, den gibt es gar nicht bei mir, und eine Mutter drückt ihr Kind überhaupt nicht auf den Bauch«, sagte sie noch immer ungnädig.

»Ei, Erika, wenn du die Puppe nicht magst, so werden wir sie einem armen Kinde schenken, das freut sich sicher damit«, mischte sich jetzt der Vater ziemlich ernsthaft hinein.

Erika hatte inzwischen aber gesehen, wie schön die neue Puppe war. Sie hatte Schlafaugen, Wimpern aus richtigen Haaren und winzige Zähnchen. Ein allerliebstes weißes Spitzenkleid trug sie mit einer mattrosa Seidenschärpe. Und das Stickereihütchen mit dem Tausendschönchen war einfach süß. Als Erika die Puppe so in ihren Armen hielt, da fühlte sie doch schon Liebe zu ihrem neuen Kinde.

»Ich möchte sie doch gern behalten, wenn sie auch nicht laufen und sprechen kann«, meinte sie und gab ihr einen Kuss als Willkomm. Den nächsten Kuss aber erhielten Vater und Mutter zum Dank für die schönen Geschenke.

»Vielleicht lernt sie noch laufen und sprechen«, neckte der Vater.

»Oder Knecht Ruprecht hat sich geirrt und die lebendige Puppe irgendwo anders abgegeben, am Ende tauscht er sie noch um«, scherzte auch die Mutter.

»Eine lebendige Puppe – ha, ha, ha! – ist die Erika noch dämlich!« Bruder Fritz lachte das Schwesterchen weidlich aus.

Wenn es nicht Heiligabend gewesen wäre, hätte es ganz sicher eine Schlacht gegeben, aber der Weihnachtsabend lächelt selbst in die rauflustigsten Kinderherzen seinen Frieden hinein.

Man hatte auch heute wirklich anderes zu tun. Hilde probierte so lange den Holländerbogen auf ihren neuen Schlittschuhen, bis sie auf der Nase lag und Mutter wegen der blessierten Nase und des blessierten Teppichs Einspruch erhob. Fritz, die Leseratte, hatte sich beide Zeigefinger in die Ohren gestopft und ein großes Stück Marzipan in den Mund; so las er in seinen neuen Büchern. Erika aber überlegte. Es war eine sehr schwierige Überlegung, nämlich die, wie ihr neues Kind heißen sollte. Kein Name schien ihr schön genug.

Nun waren auch die Weihnachtsgedichte hergesagt, die Handarbeiten für die Eltern überreicht und die Christbaumlichte heruntergebrannt.

Voll Hausfrauenstolz trug Erika ihr neues Kind in den schön aufgeräumten Puppenwinkel. Und dann lag sie müde von aller Aufregung in ihrem Bette. Aber sie konnte trotzdem nicht schlafen. Der Name ihrer Puppe machte ihr große Sorge und Kopfzerbrechen. Als sie endlich einschlief, hieß das neue Kind »Maria«, und als sie am andern Morgen aufwachte, war eine »Magdalena« daraus geworden.

Und dabei blieb's.

Am ersten Feiertag ward Puppe Magdalenchen getauft. Zu Ehren der Taufe wurden die neue Kochmaschine und das neue Service eingeweiht. Mutter half auch, denn allein war ihr die Spiritusmaschine doch ein wenig zu gefährlich. Die große Hilde verschmähte es durchaus nicht, mitzuspielen – sie machte unter Mutters Aufsicht Eierkuchen, während Erika Apfelsuppe und Nusspudding fabrizierte. Sogar der Herr Quartaner geruhte, sich zu beteiligen, freilich nur am Vertilgen des leckeren Taufessens. Es war ein wunderschöner Feiertag, und herrliche Ferientage folgten.

Mit klingendem Frost nahm das alte Jahr seinen Abschied. Jeden Tag wurden die neuen Schlittschuhe auf den mit eisfunkelnder Kristalldecke überzogenen Wiesen angeschnallt. Von Tag zu Tag fiel Hilde bei ihren Holländerbogen weniger auf die Nase, und von Tag zu Tag wuchs Erika ihr neues Kind Magdalenchen mehr ans Herz. Es ging ihr damit, wie es auch mancher Mutter geht, man hat sein Kind trotz aller Schwächen lieb.

Und allmählich machten sich auch die guten Eigenschaften Magdalenchens bemerkbar. In dem Puppenwinkel blieb es nicht so ordentlich. Im Gegenteil, es sah manchmal recht wüst dort aus. Und da war es doch ganz gut, dass Magdalenchen nicht imstande war, ihrer Meinung über ihre Puppenmutter Ausdruck zu geben. Denn der schuldige Respekt wäre dabei sicher in die Brüche gegangen. Auch das Davonlaufen musste sie sich versagen. Die beste Charaktereigenschaft Magdalenchens aber bestand darin, dass sie keine Spur gefräßig war. Jeder Pfefferkuchen, ja auch das schönste Weihnachtskonfekt, das ihr Erika bot, verschmähte sie, und das Puppenmütterchen ließ es sich, recht wenig mütterlich, allein gut schmecken. Das wäre bei einer lebendigen Puppe vielleicht kritischer gewesen.

»Wir dürfen heute zu Silvester bis Uhr aufbleiben, wir dürfen Bleigießen und kriegen Pfannkuchen mit Punsch!« Jubelnd klang es im Trio durch das Eberhardsche Haus.

»Du darfst auch aufbleiben, Magdalenchen!« Nesthäkchen, das eben selbst erst die Erlaubnis durch tausend Schmeicheleien von den Eltern erbettelt hatte, sagte es voll Großmut.

Der Weihnachtsbaum wurde noch einmal angesteckt.

»Am Ende kommt Knecht Ruprecht heute, wenn die Weihnachtslichter brennen, noch einmal wieder, um deine Puppe gegen die bestellte lebendige umzutauschen«, sagte lächelnd die Mutter.

»I wo, heute gebe ich mein Magdalenchen aber nicht mehr her!«, rief Erika eifrig und küsste ihr Kind auf die Glasaugen.

Es dauert schrecklich lange, bis das alte Jahr Abschied nimmt und das neue unter brausendem Glockenton seinen Einzug in die Welt hält. Trotzdem der Vater lustige Gesellschaftsspiele mit den Kindern arrangierte, lief alle Augenblicke eins zur großen Standuhr, ob es denn noch immer nicht zwölf sei.

Die Großen gähnten verstohlen, Klein-Erika fielen die Augen fast zu, Puppe Magdalenchen auf ihrem Schoß war die Verständigste von allen, die hatte längst ihre Lider zugeklappt.

»Kinder, geht doch schlafen, ihr seid ja so müde, das neue Jahr kommt auch ohne euch!«, meinte die Mutter.

Aber davon wollte keines was hören.

»Ich werde doch schon dreizehn, Muttchen«, sagte Hilde und reckte sich auf die Zehen.

»Quartaner sind nie müde!« Fritz kämpfte ganz entsetzlich gegen das verräterische Gähnen.

»Ich bin auch noch ganz munter«, versicherte Erika und riss ihre Blauaugen kugelrund auf.

Drei Minuten vor zwölf – nun zwei – jetzt nur noch eine – und »unsere Uhr geht nach!«, rief eins der Kinder in die erwartungsvolle Stille hinein, denn draußen auf der Straße erschallten bereits die ersten Prost-Neujahr-Rufe.

Nun ging es auch bei Eberhards mit dem Prost-Neujahr-Schreien los. Plötzlich waren sie alle wieder munter, selbst Magdalenchen, und als Auguste erst den dampfenden Punsch und die Pfannkuchen brachte, da war ihnen alles Gähnen vergangen.

Dann zogen sie in die Küche, dort wurde Blei gegossen. Hilde verbrannte sich zwar tüchtig dabei, goss aber ein wunderschönes Schiff.

»Das soll heißen, dass du dieses Jahr in ein Seebad reist«, deutete Auguste, denn sie verstand sich darauf.

Fritz hatte einen Vogel gegossen, man sah deutlich den spitzen Schnabel.

»Ob das wohl bedeutet, dass ich zu meinem Geburtstag einen Kanarienvogel kriege?«, fragte er zweifelnd.

»Ach wo, das bedeutet einfach, dass du einen Vogel hast!«, schrie Erika, die Kleinste, aber auch die Frechdachsigste, und tippte zum Überfluss noch gegen die Stirn.

Fritz drohte ihr nur. Denn zum Hauen war es doch wohl heute ein bisschen zu spät und dann – man mag sich doch nicht gleich in das neue Jahr hineinprügeln.

Das Merkwürdigste hatte Erika gegossen, kein Mensch wurde daraus klug, selbst Auguste nicht. Sie hielt es von allen Seiten gegen die Wand, um die Form im Schatten zu erkennen, aber es wollte sich nicht erraten lassen.

»Herrgott, das ist ja Knecht Ruprecht mit dem Sack auf dem Buckel!«, rief die Küchenfee plötzlich. »Seht nur, der lange Bart und hinten der Schatten, das ist sein Sack!«

»Ja, und darin hat er deine lebendige Puppe, Erika!«, uzte Fritz, der Bösewicht, aus Revanche für den Vogel das Schwesterchen.

Wirklich, Erikas gegossenes Blei zeigte eine entfernte Ähnlichkeit mit Knecht Ruprecht. Jeder musste es bewundern, sie nahm es sogar mit ins Bett.

Und da träumte sie denn, Knecht Ruprecht sei gekommen, habe ihr die bestellte lebendige Puppe gebracht und dafür das Magdalenchen fortgeholt.

»Nein – nein!«, schrie sie laut aus dem Schlaf, daran war aber nicht Knecht Ruprecht schuld, sondern die Pfannkuchen, die sie gegessen hatte.

Aber was man in der Silvesternacht träumt, geht in Erfüllung, sagte Auguste.

Am Neujahrstage waren die Kinder stets bei Großmama zu Mittag geladen. Auch heute zogen sie, nachdem sie sich gründlich ausgeschlafen, seelenvergnügt ab. Denn bei Großmama war es fein. Da gab es eine herrliche Neujahrstorte, und wunderschöne Märchen wusste Großmama zu erzählen.

Als sie am Abend wieder heimkamen, öffnete ihnen der Vater selbst die Tür. Er machte ein ganz merkwürdiges Gesicht und legte überdies den Finger auf den Mund.

»Pst – leise – Knecht Ruprecht war hier, er hat sich geirrt und geglaubt, du hättest die lebendige Puppe erst zu Neujahr bestellt, Erika, er hat sie drin bei Mutter abgegeben.«

»Jawoll!«, sagten die beiden Großen wie aus einem Munde.

»Hat er mir etwa mein Magdalenchen wieder mitgenommen?« Das war der Schrei einer Mutter, der man ihr Kind entreißen will. Erika stürzte zum Puppenwinkel. Nein – gottlob – da saß Magdalenchen und blickte stumm und dumm vor sich hin.

»Nun kommt, dass ich euch die lebendige Puppe zeige«, sagte der Vater lachend. Auch die Großen gingen mit, trotzdem sie fest davon überzeugt waren, dass Vater nur Scherz machte.

Aber was war das? Drin im Schlafzimmer neben Mutters Bett stand ein gardinenverhangenes Körbchen, daraus quakte ein winziges Stimmchen.

Vater schlug die weiße Mullgardine zurück, alle drei schauten sie begierig hinein. Da lag wirklich eine lebendige Puppe in den Kissen mit winzigen roten Fäustchen und klaren blauen Augen.

»Mir gehört sie!«, sagte Erika energisch und machte Miene, Hand anzulegen.

»Halt – halt –«, rief der Vater, und die Mutter setzte glückselig hinzu: »Es gehört euch allen Dreien – es ist euer Brüderchen!«

»Was – ein Junge?« Erika machte ein langes Gesicht. »Ich habe mir bei Knecht Ruprecht ein Mädel bestellt mit langen Locken und keinen Jungen mit einem Kahlkopf! Und sprechen und laufen kann er ja auch noch nicht mal, nein, da ist mir mein Magdalenchen doch tausendmal lieber! Den Jungen wollen wir umtauschen, den behalte ich nicht!«

»Na, da werden wir ihn wohl selbst behalten müssen, was, Mutter?«, lachte der Vater.

Mutter nickte voll Freude: »Nun ist aus unserem Kleeblatt ein vierblättriges geworden – ein Glücksklee!«

Aus: Else Ury "Huschelchen und andere Schulmädelgeschichten"

Zwei Weihnachten

1. Gestorben am vierundzwanzigsten Dezember

Seither war alles anders gewesen. Der Finanzrat Bernhard Wehrenpfennig war ein hervorragender Beamter, ein Mann von Initiative im Amte und ein überaus pünktlicher und regierungsfähiger Hausherr. Er war ein vornehmer Mann, und seine Frau »immer noch eine vornehme Erscheinung«, beide ernst, sie sichtlich bemüht, alles zu seiner Zufriedenheit zu ordnen, und die etwas verscheuchten Kinder warmzuhalten wie eine Suppe, die für einen zu spät kommenden Gast auf kleiner Flamme steht. Auf ihrem Gesichte lag, dass sie kein Glück hatte, ohne unglücklich zu sein; ihr Auge schwieg.

Und nun war er krank. Sein Bett stand im sogenannten »Schulzimmer«, dem Raume, wo seine Knaben arbeiteten, und hier hatte er einige Wochen höchst unzufrieden gelegen und das Haus in Atem gehalten. Auf einmal war er still geworden. Seine Frau besann sich später genau auf den Tag, es war der siebente Dezember gewesen; von diesem Tage an war er nicht mehr der Alte. Wenn man sein Wesen zu bestimmen gehabt hätte, so wäre vor dem siebenten Dezember zu sagen gewesen: ein Mann, der alles sieht, der geborene Beobachter; mir entgeht nichts, hatte er ein langes Leben hindurch täglich gedacht, zuweilen, aber doch selten, hatte er das, was in seinem Blicke und in seiner Haltung immer ausgesprochen lag, auch scharf geäußert: Ich sehe alles. Nun, am siebenten Dezember, hatte er sich wie immer das Rezept zeigen lassen, das sein Hausarzt kurz vor seinem Weggange unter freundlichem Bericht über das Neueste von Hof und Stadt so nebenbei und zwischen hinein geschrieben hatte.

Seit diesem siebenten Dezember war er nicht mehr der Alte. »Es entging ihm nichts.«

An eben diesem Tage, um dieselbe Zeit, da er sein Rezept las und – verstand, ging sein Schwager durch die Straßen der Stadt, die schon das kommende Weihnachtsfest verriet, und tat das, was er vom achtundzwanzigsten Dezember jedes abgelaufenen Jahres bis zum vierundzwanzigsten Dezember jedes neuen Jahres zu tun pflegte: er musterte die Läden und fand prächtige Sachen zum Schenken, etwa einen Tiger in Gummi, täuschend ähnlich für seinen Jüngsten, denselben Jüngsten, für den er eine Woche später ein Eimerchen mit Sandschaufel sehr angebracht finden musste, und den er dann nach den herzerfreuenden Möglichkeiten, an denen er sich für seinen Knaben in buntem Wechsel gelabt hatte, endlich am Heiligen Abend mit etwas Wunderbarem zu beschenken gedachte, das irgendwo noch in einem Laden gespannt auf ihn harrte. Es konnte vorkommen, dass ihn im Februar oder im Juli ein Bekannter anredete: Sage, Ritz, warum hast du eben gelächelt und die Hände gerieben? Nicht wahr – Gehaltszulage? – oder gar . . . . ? Torheit, hatte der Angeredete erwidert und mit keiner Silbe verraten, dass er eben einen Kleiderstoff hatte ausliegen sehen, mit dem er seine Frau mithilfe der Kleidermacherin und einer sehr zusammengesetzten Verschwörung mit dieser und jener Bekannten überraschen wollte.

Ich kann nicht finden, dass Ritz ein hübscher Name ist. Trotzdem hieß er Ritz.

Sein Onkel, der Oberförster, hatte ihn zu der Zeit, in der der Knabe noch die Gewehre von der Wand nahm, um damit auf die Wasserflasche oder die Jubiläumstassen zu zielen, Jaköble Unnütz genannt.

Aber er hieß Ritz.

Trotzdem galten die Zettel und die Briefe mit der Aufschrift: an Herrn Richard Steinbach, die der Steuerbeamte oder der Briefträger ihm übergaben, für richtig bestellt. Aber eigentlich hieß er Ritz. Wer ihm von Jugend auf zugetan war, nannte ihn so. Auch der Briefträger wusste ganz genau, dass der freundliche Empfänger der Postsendungen nur so aus allgemeinen Anstandsrücksichten Richard genannt werde, dass aber Ritz das Wesen des Mannes genauer bezeichne. Nicht, dass er schmal, oder, wie seine Landsleute das so bezeichnend nennen, leibarm gewesen wäre, sein Herz wohl ging in die Tiefe, aber sein äußerer Mensch neigte sich zu bedeutender Raumerfüllung. Er selbst hörte auf beides, auf Richard allerdings nur dann, wenn der Name aus offenbarer Unkenntnis gebraucht wurde, denn seit seinen Knabenjahren empfand er an sich einen leisen Tadel heraus, wenn das korrekte, hochdeutsche und kalte Richard angewendet wurde.

Sein Schwager nannte ihn Richard.

Wer sonst ihm befreundet war, nahm das alte liebe Kosewort. Seine älteste Tochter, »ein scharfsinniges Kind«, wie Herr Richard nur dann zu bemerken unterließ, wenn er ahnte, dass man ihn für einen etwas zärtlichen und schwachen Vater hielt, hatte in ihrem sechsten Lebensjahre einmal sehr entrüstet bemerkt, als ein Gast den Vater Richard genannt hatte: Der weiß auch nicht, wie der Papa eigentlich heißt!

Seit dem siebenten Dezember beschäftigte sich der kranke Mann viel mit seinem Schwager. Er hatte eine Abneigung gegen ihn, die eigentlich so alt wie ihr beider Leben war. Sie standen im gleichen Alter. Er dachte sonst nicht gern an ihn, Richard war ihm irgendwie im Wege, aber ein sonderbarer Umstand hatte die Gestalt, das Wesen und das Leben des verschwägerten Mannes gerade ihm gegenüber an die Wand gezaubert, und er musste hinsehen und dort etwas enträtseln und verstehen, ehe die Uhr zum letzten Mal aushob, wer weiß wie bald. Zunächst war das, was da drüben stand, nichts als die Inschrift: »Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen«, auf einem weißen Pappdeckelstreifen von der Länge und Breite eines Schülerlineals; sie hing über dem Tische des jüngsten Sohnes; die Schrift war sehr leserlich, denn der Herr Finanzrat hatte eine sehr feste Hand. Mit diesem Denkzettel und einigen begleitenden Nebenumständen, die mit Arnolds Mittagsbrot in näherem Zusammenhange standen, hatte der Vater das Herbstzeugnis seines Tertianers beantwortet.

Das war bis zum siebenten Dezember in der besten Ordnung gewesen; aber nachher war ihm etwas eingefallen, das er bis dahin unbemerkt gelassen hatte: Richards Ältester, auch Tertianer, war mit einem noch schlechteren Zeugnis nach Hause gekommen, aber anders als Arnold, und Richard hatte es anders angefangen als Bernhard – es war nicht zu leugnen, dass jener nicht bei dem Mittagbrote seines Erwin eingesetzt hatte.

Bernhard konnte nicht verhindern, dass ihm das Städtchen einfiel, in dem er, wie Richard, jung gewesen war, und in dem Regine und Lorle erst Zöpfe, dann ein Krönchen, dann die Myrte auf dem Krönchen getragen hatten, Regine für ihn, Lorle für Richard. Wenn man längs der Seitenwand des Hauses hinging, in dem die Schwestern gewohnt hatten, kam man damals auf einem ganz schmalen Pfade zwischen Scheuern und Gärtchen hindurch, hinaus auf Wiesen, in denen nach Richards Ansicht wunderschönes Wiesenschaumkraut zu einer Zeit und wunderschöne Orchideen zu einer andern Zeit wuchsen, nach Bernhards Ansicht aber war es verboten, in den Wiesen Blumen zu brechen. Der kranke Mann fand, dass Richard damals eine merkwürdige Meinung vom Flurschützen gehabt hatte, die von der Voraussetzung ausging, dass Fuchs, so hieß der Gewaltige, selbst Freude an Blumen habe.

Am Rande dieses schönen Wiesenlandes war etwas Fatales, der Kranke wollte nicht hinsehen, aber er musste. Das letzte Rezept des Hausarztes verlangte es. Dort stand ein Feldbrunnen, wie man deren in jener Gegend öfter sah, Brunnen, die man benutzte, um aus ihrem bis zum Rande gefüllten Troge entweder die Pflanzenländer zu begießen oder auch das durstige Zugtier sich in großen Zügen laben zu lassen. Jener Brunnentrog war ein langer, ausgehöhlter Baumstamm von hohem Alter, so schien es wenigstens den Knaben. Ritz hatte lange darauf bestanden, dass schon die Schweden anno 1632 ihre Pferde daraus getränkt hätten, bis Bernhard ihm aus einem alten Schulprogramm ihres Gymnasiums bewies, dass die Schweden nie nur in die Nähe des Städtchens gekommen wären.

Nun, am Fuße dieses Troges hatte Richard ein Mühlchen angebracht, ein armes, hübsches Ding von einem Rädchen, das sich mit Ruhe und entsprechenden Pausen so weit drehte, als es gelang, den Trog zum Überfließen zu bringen und einen Wasserfall über die Mühle herzuleiten. Bernhard sah einen schlanken, schmalgesichtigen Knaben einen großen, mächtigen Feldstein eilig aufheben und in das Wasser werfen und eine Welle damit erzeugen, die das Mühlchen zusammenriss und Richards Herzensfreude fortschwemmte. Der Kranke sah es nicht gerne, er hätte die Züge des schlanken Knaben lieber nicht gekannt.

Ach, und eines rief das andere, und dann wollte keines mehr gehen, weder das Alte noch das Spätergekommene.

Ein Silvesterabend stand ihm namentlich stark im Wege.

Regine war längst Bernhard in kleinere Städte, dann in die Hauptstadt gefolgt, Richard war gleich von Anfang in die amtliche Laufbahn in der Hauptstadt eingetreten, und Lorle hatte sich liebevoll aus einer Registratorin in eine Rechnungsrätin verwandelt, da Richard gleichzeitig diese Verwandlung vornahm, und war dann auch eilig zur nächsthöheren Stufe vorgeschritten, als Richard die Visitenkarte drucken ließ: R. St. Oberrechnungsrat an usw. Die beiden Familien hatten, seitdem sie das Leben zusammengeführt hatte, die Feste immer miteinander verlebt, gewöhnlich bei Richard, der mit seiner Einladung früher kam als Bernhard, vielleicht weil dieser, der so vieles verstand, doch nicht verstand Feste zu feiern, vielleicht aber auch nur, weil Richard acht Tage jünger war und die jüngeren haben es immer etwas eilig. Auch die Silvesterabende wurden immer gemeinsam verlebt und bei dieser Gelegenheit der Christbaum »abgebrannt«. Damals fing es eigentlich an, dass Bernhard seinen Schwager nicht mehr von oben herab ansah, sondern ihn mit innerer Gereiztheit betrachtete.

Wenn sie in den Gymnasiastenjahren und auch später noch gesagt hatten, Richard habe vierblättrige Kleeblattaugen, so hatte Bernhard das mit ironischem Lächeln abgetan. Allerdings fand Richard merkwürdigerweise allen diesen Glücksklee, den Bernhard je zu Gesicht bekam; auch nahm Ritz niemand etwas übel, man hatte gern mit ihm zu tun, Leute lächelten ihm zu, die Bernhard nicht vorgestellt waren; aber dieser dachte damals, dass Richard schwerlich im Leben vorwärtskommen werde; und bei dieser Vorstellungsreihe fühlte er, dass er selbst gut sitzende Stiefel trage. Das war so gegangen bis zu jenem Silvesterabend. Gesprochen hatte nie jemand etwas zu Bernhard, das ihn hätte stören können, er hatte die Menschen fest am Zügel; aber an diesem Abend war doch etwas vorgekommen, das besser in der Erinnerungswelt des Kranken, so meinte er auch noch einige Tage nach dem siebenten Dezember, fehlte, weil es schlimmer als gesprochen war.

Jener Abend war gekommen und verflossen wie immer, die Gesichter hatten sich angelächelt, die Glückwünsche waren hinüber und herübergegangen, die Gläser hatten aneinander geklungen. Nach Mitternacht, also schon im neuen Jahre, ward der Christbaum zum letzten Mal in sein lichtes Kleid gehüllt, die Lampe war hinausgetragen worden, und nun saßen die Freunde in der wachsenden Dämmerung, denn eine der schon stark verminderten Kerzen nach der anderen erlosch, man ließ die Flamme in den metallenen Befestigungshülsen verglimmen, endlich löschte die letzte Kerze so langsam hin; im dunklen Zimmer verlor sich der auf- und abkämpfende feierliche Schein, und nun war es seltsam und wie ein Märchen ward es empfunden, als ein hohes Kelchglas, das auf einem Schränkchen zur Seite stand, diesen letzten Schimmer widerspiegelte und, indem die stumme und geweihte Aufmerksamkeit sich auf den Kelch richtete, das Glas mitten in der Nacht dieses Raumes bald in Grün, bald in Purpur funkelte, wie ein geheimnisvoller Metallschimmer aus jenen Bergtiefen, von denen die Sage erzählt.

Alle außer Bernhard waren von dieser Erscheinung ergriffen worden. Ihm war nur das Schweigen befremdlich gewesen, und er fragte: Warum seid ihr denn alle so still geworden? Da sah er bei dem hellen Aufflackern der Kerze, in dem sie erlosch, wie ein nicht zu beschreibendes, ganz flüchtiges Lächeln über das Gesicht seines Jugendfreundes glitt, ein Lächeln, das er im ersten Augenblick vor Gericht hätte stellen mögen. Vielleicht, dass Richards Lächeln das Erwachen aus einer Seligkeit war, in die der Abend und sein schönes Verklingen ihn versetzt hatte, Bernhard aber sah die Verurteilung seines Wesens darin: Dir fehlen Augen für das Unsichtbare und Flügel für die sehnsuchtsreiche Weite, du bist niemals jung gewesen, so meinte er in jenem Lächeln lesen zu sollen, und nach dem siebenten Dezember las er es darin und fand, dass die Anklage wahr sei.

Er sah um sich und fand, dass auch niemand von den Seinigen jung war; er erkannte, wie alle Tage seither gewesen waren: Regine war recht und gewissenhaft und sah auf ihn, die Kinder lebten so für sich hin, wie der Tag es brachte, bemüht, es zu keinem Zusammenstoß mit dem Vater zu bringen; auch den Zimmern fehlte die Jugend, im Schulzimmer waren keine weißen Vorhänge, die Fenster waren kahl, Bernhard hatte hier den Schmuck für überflüssig erklärt.

Aber es eilt, wenn hier herein noch das Sonnenlicht fallen soll. Auf die unerwartete und kurze Frage Bernhards: Werden die Kräfte noch bis Silvester halten? hatte der Arzt erstaunt zuerst, dann ernst ihn angesehen und Ja gesagt, nicht mehr und nicht minder.

Das war Mitte Dezember geschehen.

Der Vater ist heute stiller als sonst, sagte Regine zu ihrer Tochter Marianne, die beide furchtsam, still und treu um den Kranken bemüht waren. Ach, er suchte das erste Wort, er wusste selbst nicht welches, er wollte die erste Weihnacht seines Lebens feiern und auch den Seinen, den ahnungslosen, die nicht merken sollten, wie es stand, die erste Weihnacht bereiten.

Als Marianne einen Tag später an seinem Bette saß, ruhte der Blick des Vaters anders auf ihr als sonst. Sie war aus der Art geschlagen; in einer Familie, in der alle dunkel waren, war sie lichtblond, ein frisches, zartes Kind von fünfzehn Jahren. Mein Kind – sagte der Kranke und schwieg. Sie zitterte, denn das war etwas Neues. Dann fuhr er fort: Wo versteckst du denn deine Weihnachtsarbeiten, die niemand im Hause sehen soll? – Vater, wir arbeiten ja nichts! Ja, so war es, Bernhard hatte dem Zeit- und Augenverderb seit Jahren dadurch ein entschiedenes Ende gemacht, dass alle Christgeschenke gekauft wurden. Schüchtern sagte der Kranke: Willst du nicht für die Mutter etwas arbeiten, wenn du bei mir bist? Wenn sie kommt, steckst du es rasch unter die Decke. – O, wie gern, sagte Marianne und ihre Wange glühte. O, wie gern, wiederholte Bernhard still in sich und sah über die blonden Zöpfe seines Kindes hin, und seine Seele schluchzte, dass er das alles nun verlassen müsse!

Sein Schwager kam, und Bernhard sah dem Gefährten so vieler Jahre in das Gesicht und hätte gerne etwas gesagt, aber vier Jahrzehnte standen neben dem kranken Manne und sagten: Es hat noch Zeit und ist vielleicht auch gar nicht nötig. Und doch war es nötig und ward gesagt, ehe der Zeiger an der Uhr um Sekunden vorgerückt war und ohne dass der Kranke es wusste. Er sagte nur: Ritz höre einmal. – Und Richard neigte sich zu dem Kranken, das Herz voll Glück über diese Anrede und voll Liebe zu dem armen Kranken. Höre, Ritz, besorge mir doch Edeltannenzweige und zeige Arnold, wie er sie um die Bilder hier befestigen kann und – nimm die Inschrift über dem Schreibtische weg.

Der neue Tag kommt, und Edelreis umsteckt den Spiegel und die Bilder und duftet stark und für den Kranken beruhigend.

Und ein neuer Tag kommt, und als der Kranke aufwacht, steht ein bunter Strauß von Astern auf dem Tischchen neben dem Bette, und Regine nimmt sich das Herz und blickt in der Richtung nach Marianne dem Erkrankten zu, und dieser ergreift die Hand des Kindes und sagt: Auf so einen Gedanken kann nur meine Marianne kommen! und die Tochter beugt sich verlegen und anmutig, halb Kind und halb Samariterin über ihn und küsst ihn.

Bleibe stark, mein Bernhard, du musst ein Weihnachtsfest bereiten!

Und er sorgt dafür! Die Söhne Friedrich und Arnold haben Wunschzettel geschrieben, zum ersten Mal rechte Knabenwunschzettel, nicht lateinische Wörterbücher, Logarithmentafel und Socken, sondern ein Schmetterlingsbuch, Indianergeschichten und eine Armbrust, wie sie die Ritter gehabt haben. Siehst du, mein kranker Mann, so sieht es in der Seele deiner Knaben aus. Und verstehst du, warum Friedrich doch innerlich etwas unruhig den Wunschzettel in deine Hand legt?

Sieh, das war recht von dir, dass du die Kinder alle zu dir riefest, als du das Zögern deines Ältesten merktest und mit ihm flüstertest, obgleich Regine, ernst und doch rühriger als sonst, fern vom Krankenzimmer in der Küche hantierte, und liebe, schöne Gaben für die Mutter vorschlagen ließest und dann die Kinder fortschicktest, dass sie in den Läden kauften und es heimlich brächten und es in der Söhne Bücherschränkchen hinter den Büchern versteckten.

So gehen die Tage, und an sie reihen sich Nächte, in denen ein Kind tröstend auf dem Bettrande sitzt, dessen sich Bernhard erst nicht entsinnen wollte, und doch hatte er als kleiner Knabe auf dem Schoße der Mutter es in einer großen Lithografie wie oft angeschaut, ein schönes Kind, das derselbe Maler dann in andern Bildern, die Bernhard später kennengelernt, aber nie geschätzt hatte, bis zum Stadttor führte, vor dem es unter der Kreuzeslast zusammenbrach. Das Kind nahm die Hand des Kranken und sagte Worte zu ihm, wie sonst nur einen seine Mutter tröstet.

Kannst du nicht mehr davon Kunde geben und die blasse, ernste Frau, die dich immer ehrte und dich gerne geliebt hätte, wie die Beglückten lieben, damit in tiefster Seele froh machen? Kannst du nicht von jenem Kinde reden? Nicht? – oder noch nicht?

Es soll unter dem Weihnachtsbaum geschehen, so denkst du.

Und der Heilige Abend kam, nachdem durch dies sonst unfrohe Haus die Weihnacht leise und wärmend, heimlich und tröstlich in alle Ecken und Räume gegangen war. Eine hohe Edeltanne war in das Gemach gestellt und nur mit weißen Flöckchen und weißen Kerzen geschmückt worden, die Arbeit von den Kindern mit Eifer ausgeführt und von den müden, aber liebevollen Blicken des Vaters begleitet. Dann zündete Regine die Kerzen an, ach, schweren Sinnes, wenn auch das Herz in neuer Art bewegt, und die Bescherung begann und schritt voran, eine Jugendfreude und ein Erlebnis, das Bernhard in Tiefen der Seele erlebte, die in dem harten Gestein sich so spät erst eröffnet hatten.

Noch brannten die Kerzen, da rief der Kranke die Seinigen zu sich, sie wollten alle danken, weil nun die wahre Weihnacht, wie sie sonst nur sehnsuchtsvoll sie in weiter Ferne an sich hatten vorüberziehen sehen, ihnen bereitet worden war, aber der Kranke winkte zum Schweigen und bat, sie möchten einander alle an der Hand fassen und nahe zu ihm treten, seine Rechte gab er Regine, seine Linke ergriff die Hand der Tochter, dann zog er die Frau seiner Jugend zu sich herab und sagte leise: Regine, du hast wenig Glück gefunden, verzeihe mir – ihre Antwort vernahm er nicht mehr. Sein Herz stand still.

Als Richard mit den Seinen kam, um den Freunden in dieser Stunde die alte Liebe zu bezeugen, da fand er einen stillen Mann.

* * *

Unter dem Kopfkissen des Toten lag ein Zettel, mit schwerer Schrift kaum leserlich beschrieben: Herr, nun lässt Du Deinen Diener in Frieden fahren, denn meine Augen haben Deinen Heiland gesehen. Regine aber schrieb darunter: Ich ward in einer Stunde Geliebte, Braut, Frau und Witwe, Du machtest mich arm und reich – so erhörtest Du die Gebete Deines Kindes.

2. Der Koffer

Was werden Sie Ihrem Manne zum ersten Weihnachtsfeste schenken, das Sie miteinander verleben? – Was wirst du deinem Manne zum ersten Weihnachtsfeste schenken? – Was werde ich Gerhard wohl schenken? Das waren die Fragen, die die Welt, die Freunde an Klara und Klara an sich selbst richteten, so etwa im November, ja auch noch anfangs und Mitte Dezember. Alle Fragestellerinnen legten dabei etwas in die Frage hinein, das sie umgab wie ein Trauerschleier, oder das sie umrankte wie Ranken mit seinen Widerhäkchen, oder das wie Streuzucker mild über die Worte hingestreut wurde, je nachdem der Fragende der jungen Frau die Lage der Dinge andeuten wollte.

Klara, du richtest ja gar nichts für deinen Mann! sagte dann ihre Mutter am 20. Dezember mit ermahnendem Nachdruck, das geht doch nicht! Er mag so prosaisch sein, wie er will, du musst ihm etwas von deiner Hand unter den Christbaum legen! – Weihnachten darf man nicht neugierig sein, erwiderte die junge Frau. – Nun, das wird etwas Gutes geben, dachte die Frau Oberbetriebsinspektor und sah die geniale Tochter seufzend an; hat sie ihm etwas gedichtet, ja oder vielleicht komponiert oder gemalt, und wie wird sich der stille Schwiegersohn dabei ausnehmen? Wir hätten ihm doch das Kind nicht geben sollen. – Die gute Mutter sah über die Brille still und betrübt nach der Tochter hinüber, sah sich in dem Zimmer um, ließ den Blick in das anstoßende, offene Empfangszimmer gleiten und dachte dann: Nun, sie hat es ja gut, aber die Frau ist so bedeutend und der Mann wohl gut, auch gut situiert, aber so langweilig!

So langweilig! – sagte sie endlich halblaut und fuhr erschrocken zusammen, als Klara ihre Arbeit sinken ließ und verwundert fragte: Was ist langweilig? Langweilst du dich bei mir? – Ach nein, alte Leute reden manchmal so vor sich hin, und es ist dann gar nicht artig von den Kindern, sie zu fragen, was sie gedacht haben! sagte die Mutter mit schlecht verdeckter Verlegenheit.

Aber Klara bestand nicht weiter auf ihrer Frage, sie nahm die Arbeit wieder auf, und um die beiden Frauen breitete sich dieselbe Stille wieder aus, die vorhin den neuen Winterhut der Frau Oberbetriebsinspektor ermahnt hatte, die Aufmerksamkeit des freundlichen alten Gastes nicht auf sich zu lenken, damit er nicht zu früh aufbreche, und die die Schritte draußen auf dem Schnee der Straße noch lautloser gemacht hatte, als sie es schon aus freien Stücken gewesen waren, und die das Ofenfeuer an seinen lautesten Spitzen und Zungen gefasst und niedergedrückt und ihm zugeraunt hatte: Nur hübsch wärmen, fein wärmen, still wärmen, aber nicht knistern, nicht prasseln, nicht sich mit der Ofentür schelten und an ihr drücken und stoßen, damit die sonst so laute und bewegliche Frau Klara denken kann, nachdenken, versteht ihr?! – – Ein Gedicht? tickt die Uhr und bewegt den Perpendikel mit einem Eifer, als hinge Zeit und Ewigkeit an der schnellen Antwort. – Ich glaube nicht, sagt die Stille flüsternd, diesmal nicht – aber ein Koffer!

* * *

Mit dem Koffer hatte es seine Richtigkeit, und zwar seit Montag, dem 15. Dezember. Es war ein Reisekoffer mittlerer Größe, nicht neu, ja an den Ecken leider etwas verstoßen, und über und über durch den Eifer der Portiers und Hoteldiener mit den Anpreisungen des Österreichischen Hofes in Bregenz, des Hotels Albula in Tiefenkasten, des Wilden Mannes in Silvaplana und anderer Gasthöfe beklebt, in denen das junge Paar vor einem halben Jahre gewohnt hatte. Klara hatte sich den Koffer aus der Dachkammer herunterholen lassen, hatte mit neuem Anteil die Hotelbilder und Namen angesehen, offenbar mit wärmerer Erinnerung das Zeichen der Pension Beauregard in Lugano betrachtet und war dann im Zwielichte zu einer Bekannten geschlüpft, die nur acht Häuser von ihr entfernt wohnte.

Hast du meine Verlobungsanzeige aufgehoben? hatte sie nach den einladenden Begrüßungsworten sofort, aber nicht ohne Verlegenheit gefragt. – Ja, gewiss! – Und nun war ein schönes Kästchen aufgeschlossen und ein Bündel »Erinnerungen« aufgeschnürt worden, und da lag die Karte. Doch hatte sie die Freundin mit einem Male nur zögernd dargereicht: Hinter dem Namen des Verlobten, Gerhard Autenrieth, Amtsrichter, stand ein Ausrufungszeichen, offenbar mit einem Faberschen Schreibblei Numero eins im äußersten Erstaunen nachdrücklich hingeworfen. Weißt du, erläuterte die Freundin, es kam so überraschend! Die Mutter hatte die Post in Empfang genommen, sie kommt rasch in das Zimmer und ruft schon in der Türe: Rate, wer hat sich verlobt?! – Ich sage sofort: Klara! – Und mit wem?!! – Doch nicht mit dem Hofkapellmeister?! – Nein! – Ach, sicher mit dem Bildhauer Zumbusch! – Nein! – Am Ende gar mit dem Dichter Jessen!!? ^ Nein, du rätst es nicht! Mit dem Amtsrichter Autenrieth!! – Nun Klara, es war doch merkwürdig, du, unsere sprühende Klara, und dieser stille Herr! – Klara lächelt, küsst die Freundin und fragt: Hast du auch noch die Einladung zur Hochzeit – ja – und die Tischkarte? – Herrlich, es ist alles da, was sie begehrt hatte. Ehe aber die Freundin fragen konnte, warum Klara alle diese Dinge in einem fremden Hause holen müsse, war Klara nach rascher Umarmung zur Türe draußen, und die Haustüre läutete schon, ehe die Stubentüre kaum wieder geschlossen war.

Dann war Klara in einen fernen Stadtteil gegangen. Hinter einem Vorgarten mit noch jungen Linden lag hier ein kleines Haus, vor zweihundert Jahren die Winterwohnung der Herren von und zu Bubenheim und Spechteshart, vor hundert Jahren im Besitze eines frommen Sonderlings, den seine Perücke, seine Bücher, seine Armen und sein Testament, durch das er sein Haus an die Pfarrgemeinde zu Sankt Theodor schenkte, einst stadtbekannt gemacht hatten; heute war es das Pfarrhaus zu Sankt Theodor, ein warmes, heimliches, einladendes, tröstendes Pfarrhaus, ein Pfarrhaus mit Kinderköpfen unter dem Esstisch, mit Kinderköpfen an dem großen Fenster mit den Hyazinthen und mit Kinderköpfen in der Studierstube, die dort über Atlanten, Bilderbücher und Raritäten gebückt waren. Klara ging bis an den Schellenzug und streckte die Hand nach ihm aus, dann ging sie zögernd ein paar Schritte weiter, dann stand sie abermals vor dem Glockengriffe, und endlich ging sie rasch weiter.

Am Dienstag, den 16. Dezember hatte sie sich ein Herz gefasst und hatte geläutet und den Kinderköpfen, die am Fenster erschienen, zugenickt und den Kopf, der sie an der Treppe erwartete, geküsst und dem, der die Stubentür öffnete, eine weiche, winterliche Patschhand gegeben und dann von dem Herrn Pfarrer sich den Text ihrer Traurede ausgebeten. Der Herr Pfarrer hatte »gern« gesagt, so ein Gern, wie es auf den hellen Gesichtern seiner Kinder lag, denn dort flog es alle Tage um den Mund und die lachenden Augen: gern, gern, herzlich gern! Aber was er dachte, sagte er der jungen Frau nicht, aber er dachte etwas und irrte sich auch in seinen Gedanken nicht.

Am Mittwoch stand der Koffer da und brüstete sich, diesmal nicht, weil gerade unter dem Schlüsselloch breit und stolz: Hotel Reichmann, Mailand, stand, nein, es war ihm der Gedanke mächtig zu seinem gewölbten Deckel gestiegen, dass er ein Geheimnis barg – und dass er allein wusste, warum es im Hause roch. Denn im Hause roch es, es war nicht zu leugnen: Um fünf Uhr abends, als der Briefträger Schmidt die Post brachte, sagte er: Frau Amtsrichter, es brenzelt, – und um halb sechs Uhr sagte Ursula, das Zimmermädchen: Gnädige Frau, es riecht so sonderbar, und Christine, die Köchin, bemerkte um sechs Uhr: Irgendetwas riecht im Hause, so als wäre Papier angegangen, aber ich finde nichts, nichts im Bratöfchen, nichts unter dem Herd. Der Koffer allein und Frau Klara konnten nicht finden, dass es nach etwas Verbranntem rieche.

* * *

Aber Verbündete haben doch manchmal noch Geheimnisse voreinander, und so wusste auch der Koffer nicht, was am Sonntag vorgegangen war, drei Tage, ehe er begriffen hatte, dass etwas vorgehe, bei dem er selbst offenbar die Hauptperson war.

Sonntag, den 14. Dezember, nachmittags, fiel der Schnee weich und fröhlich herab auf Kinder und junge Leute ohne Schirme und auf gesetzte Menschen mit Schirmen, Klara sah es von ihrem Fenster und Gerhard von dem seinen; zwischen beiden stand das Nähtischchen der jungen Frau, auf ihm eine schöne, gelbe Aster mit breiten, vielzerschnittenen, ernsten Blüten, und beide sahen vom Schnee zurück auf die geheimnisvolle, edle Blume und von ihr hinaus auf gesetzte und ungesetzte Leute, – dann ging die Haustüre, Christine und Ursula durften zusammen ausgehen, Läden anzusehen und ihr Geldbeutelein zu prüfen und wieder Läden anzusehen und wieder einen stummen Kassensturz vorzunehmen. Auf dem Tische standen zwei Tassen, und eine Wiener Kaffeemaschine war zum Anzünden bereit und sah ungeduldig nach den Zeigern der Uhr, ob sie nicht bald aus dem vornehmen rechten Winkel, in dem sie sich um drei Uhr gefallen hatten, zu dem energischeren spitzen halb-vier-Winkel sich verengern wollten, der den Spiritus ärgerte, dass es in ihm kochte, und dass er seinen Ärger an dem Wasser über ihm ausließ und ihm den Kopf heiß machte. Gerhard schwieg; er zögerte oft, der schönen, klugen, ideenreichen und von ihm bewunderten und geliebten Frau gegenüber zu reden, er meinte, ihr nichts geben zu können, und hatte auch erfahren, dass das, was er etwa hatte, ihr nicht entsprechen wollte.

Gerhard, was denkst du? fragte auf einmal Klara. – Ich denke, dass es weihnachtet. – Waren es freundliche Gedanken? fragte sie zurück, denn der Ton seiner Antwort war ihr aufgefallen. – Ja, freundliche Gedanken, ich dachte an frühere Weihnachten und an das, vor dem wir stehen, vor allem an Weihnachten im Elternhause! – Klara sah, dass er nun schweigen würde, aber sie wollte mehr wissen, sie fühlte, dass er auf andere Christfeste zurücksehe, als sie im gesellschaftlich unruhigen Elternhause sie erlebt hatte. Erzähle mir, bat sie, und Gerhard überwand die Scheu, die ihn so oft zurückhielt, von seinem eigenen Leben zu reden, und begann erst stockend, wie sie seine Mitteilungsweise kannte, dann aber eifrig und fast zärtlich zu erzählen und einen Vorhang damit vor der Seele zu entfernen.

Ich dachte vorhin an all das liebe Treiben vor Weihnachten, wie wir es zu Hause hatten. Weihnachten fing bei uns mit den Auslagen der kleinen Läden an, ehe wir Kinder uns noch so recht überlegt hatten, dass diese Zeit der Wunder nahe – die Gärtnereien in Bleifigürchen und die Tierzüge der Archen mit den armseligen Holzpuppen der Noakinder drehten uns das Herz vor Sehnsucht nach dem Besitze dieser Herrlichkeiten um, – dann tauchten in uns Erinnerungen an die seitherigen Weihnachtsfeste auf, und die Möglichkeiten, dass wieder gehäufte Teller mit großen Äpfeln und Nüssen und Honigkuchen für uns gefüllt würden, wurden mit bangen Zweifeln erwogen, – dann kam die Frage, ob Bruder Rudolf auch diesmal in dem großen gelben Postwagen angefahren komme und seinen jüngsten Bruder, sein »Schimmelchen«, wie er mich nannte, auf der Schulter wie ehedem in das Weihnachtszimmer trage, – dann wurden Weihnachtsgeschenke vom vergangenen Jahr, über Sommer vergessen und von der Mutter aufgehoben, ihr in dringliche Erinnerung gebracht und kamen zu neuen Ehren. An den Adventssonntagen brannten nach Anbruch der Dämmerung drei Wachskerzen um das liebe Weihnachtsbild von Ludwig Richter, sonst war kein Licht im Zimmer, die Mutter stimmte ein Weihnachtslied nach dem andern an, der Vater spielte die Melodie dazu, und wir sangen mit und vergaßen, dass wir eigentlich sehr ungern vom Eis nach Hause gegangen waren – o, diese Adventsstunden in dem matt erhellten Wohnzimmer, die ahnungsvolle Stille in unsern jungen Seelen, das war das Größte in unserer Kinderzeit – – –

Klara unterbrach hier. Sie hatte seither Gerhard unverwandt angesehen, und nun brannte ihr eine Frage auf der Seele. Glaubst du noch an Christus, wie damals? – Ich bete zu ihm, ich spreche mit ihm, ich erhoffe Hilfe von ihm, und ich danke ihm. Ja, dann glaubst du an ihn, sagte Klara, und sie spürte, dass ein Schweigen neben ihr gewaltet hatte, das auf Kraft ruhte, und es sehnte sich etwas mächtiger in ihr, das schon als ein Unbehagen, als eine Unruhe inmitten des Tumultes ihres Mädchenlebens sich geregt hatte, eine Sehnsucht nach Stille voll Kraft. Über dieser Unterbrechung und den Gedanken, die sie in Klara angeregt hatte, waren ihr die Universitätsjahre ihres Mannes eingefallen. – Hier hast du als Student dann andere Weihnachten gehabt?

Gerhards Wangen hatten sich leicht gerötet, gute Erinnerungen wallten in ihm fröhlich empor, und er antwortete voll Eifer: Hier habe ich nur einmal als Student den Weihnachtsabend verlebt – ganz allein, traurig, weil ich keine Eltern mehr hatte, aber doch war es eine herrliche Stunde. Du weißt, dass ich wenig Verkehr hatte, am Weihnachtsabend konnte ich ohne alle künstlichen Vorkehrungen völlig ungestört sein, ich hatte mir am Mittag drei von jenen starken, bunt bemalten Wachskerzen gekauft, die wir als Kinder Lebenslichter nannten, und als die Stunde kam, in der wir zu Hause bescherten, um sechs Uhr, begann auch meine heilige Stunde: die Kerzen standen brennend auf dem weiß gedeckten Tische, drei gelbe Asterblüten, wie diese hier, standen in dem schönen hohen Blumenglase davor, Bilder Anselm Feuerbachs, des Malers, der von der Verbannung Iphigeniens, der von Gott gekommenen und aus dem Vergänglichen nach Gott heimverlangenden Seele mehr gewusst hat als alle seine malenden Zeitgenossen, lagen schön geordnet vor mir, seine »Erinnerung an Tivoli«, in der die herrlichen Kinder von der ernsten Weihnacht des Glaubens, der Sehnsucht und der Lebensverklärung singen, hatte ich an das Asternglas gelehnt; die Briefe meiner Eltern, alte Weihnachtsgeschenke und Erinnerungen hatte ich ausgebreitet. Dann las ich im Evangelium die Geschichte des heiligen Tages und fühlte die Eltern, alle Menschen, die ich lieb hatte, und alle Propheten des heiligen Ernstes unsichtbar mit mir vereint, ich las die Briefe und nahm die alten Gaben in die Hand und dachte der Geber und der Stunde, wo ich jene empfing, und liebkoste die Geschenke und erhielt sie wieder, neu und liebreich.

Klara unterbrach ihn mit flammenden Wangen: Hast du die Kerzen noch? – Ja, ich hebe ja, wie du weißt, nur zu viel Vergangenheit auf. – O nein, du nicht! Hole sie, sieh, es ist Dämmerung geworden, wir haben den gedeckten Tisch vergessen und haben ihn nicht nötig; wir sind köstlich allein, hole die Kerzen und die Briefe deiner Eltern und die Bilder Feuerbachs. O, hole sie!

Gerhard ging, er sah, eine neue Weihnacht brach an.

Im Wohnzimmer zog Advent durch alle Ecken und Winkel und lag auf den Bildern, auf der Uhr und auf dem vergessenen Kaffeegeräte, das den Wachskerzen und dem Asternstock und Medea an der Urne, Orpheus und Eurydike, Iphigenie, dem Kinderständchen und andern heiligen Blättern des großen Malers der Lebensüberwindung hatte weichen müssen, und Gerhard gab zum ersten Mal und mit beglückter Seele der geliebten Frau den von ihr begehrten Anteil an seinem Leben. Er las die Briefe vor, er erklärte Verwandtschaftsbeziehungen, er sprach von den Bildern, Klara horchte hin, sog ein, weinte, lachte, fuhr ihm zärtlich über Stirne und Haupt, kniete vor ihm und fragte ihn: Sag es nur, nicht wahr, heute lasse ich dich zum ersten Mal ausreden? In Lugano aber hätte ich dich beinahe ausreden lassen!

* * *

Das Glöckchen läutete.

Frau Klara zog die Türe an sich, und Gerhard trat mit den Eltern seiner Frau in das seither sorglich vor allen verschlossene Weihnachtszimmer. Auf kleinen Tischen lagen die Gaben für die Eltern und Ursula und Christine. Aber das war diesmal nur so nebenbei gemeint. Etwas anderes war das eigentliche Christkind. Drei mächtige Tannen standen auf dem Boden, über und über mit Lichtern bedeckt, zwischen ihnen aber stand auf dem Fußboden der Reisekoffer mit seinen zerstoßenen Ecken und Hotelbildern. Triumphierend zog Klara ihren Mann zu ihm hin und nötigte ihn zu knien und aufzuschließen. Kopfschüttelnd folgten die Eltern, namentlich die Mutter, die seither mit großem Mißtrauen die ganze Anordnung betrachtet hatte. Gerhard schloss auf, Klara kniete voll Ungeduld neben ihm, froh wie ein Kind, wenn sein Geheimnis sich enthüllt. Oben lag ein weißer Bogen, der den ganzen Raum einnahm, und auf ihm lag nur ein goldener Ring. Gerhard nahm ihn prüfend auf und Klara sagte: Nun stecke mir ihn an den Goldfinger der linken Hand, es ist der Ring, den du mir gabst. – Mit glücklichem Lächeln steckte Gerhard den Ring an den leeren Finger der jungen Frau. Diese aber küsste Gerhard und sagte mit einer ernsten Innigkeit, an der beide Eltern merkten, dass Klaras Verhältnis zu Gerhard von Grund aus anders geworden sein müsse: Nun verlobe ich mich dir zum zweiten Mal! Und nun weiter! – Gerhard hob den Bogen auf, eine neue Lage erschien unter ihm mit der Verlobungsanzeige, der Einladung zur Hochzeit, dem Brautkranze, der Tischkarte, vom Hochzeitsmahle und der Trauungsrede, wie sie die freundliche Hand im Pfarrhause nun in das Reine geschrieben hatte. Wieder umarmte die Kniende ihren Mann und zupfte ihn am Ohre und sah ihm voll dankbarer Liebe in die Augen: und nun weiter! – Gerhard beseitigte gehorsam die feste weiße Unterlage, und Feuerbachs Grablegung und seine Iphigenie mit dem Segelfalter lagen in guten Wiedergaben vor seinem erfreuten Auge: und nun weiter! – Auf dem Grunde des Koffers standen sechs große Gläser, wie Gerhard sie selbst im Spätsommer zum Einmachen der Früchte mit einem Verschluss, den der Kaufmann sehr gepriesen hatte, für Klara erstanden hatte, und trugen weiße Zettel aufgeklebt, die sorgfältig, fast künstlerisch beschrieben waren, die Gläser aber waren mit einer eigentümlichen schwarzen Masse gefüllt. Gerhard hob neugierig ein Glas empor und las laut: Klaras Aufsätze in der Selekta, – schon hatte Klara das zweite Glas bereit und wies es Gerhard triumphierend hin, die Aufschrift lautete: Klaras Gedichte. Um Gotteswillen, Kind, sagte die Mutter mit wahrer Bestürzung, das ist ja alles verkohltes Papier, hast du das alles verbrannt, die schönen Gedichte, die Aufsätze! – Ja, Mutter, noch viel mehr, sieh nur, und Gerhard las vom dritten Glase ab: Klaras Tagebuch. Als es sich aber ergab, dass im vierten Glase Goethes Frauengestalten von Kaulbach zu Asche verbrannt waren, stöhnte die gute Mutter und sagte der Vater: das teure Werk! Die Verlesung der fünften Aufschrift: Klaras Beiträge zu Zeitschriften, begleiteten dann die Eltern nur noch mit einem tiefen Seufzer. Auf dem letzten Glase endlich stand: dreiundzwanzig Fotografien von Schauspielern, Geigern, Komponisten, Sängern, Dichtern, Genies und idealen Mädchenköpfen in Kabinettformat.

Der Koffer hatte kein Geheimnis mehr. Gerhard stand auf und fasste Klaras Hand und trat mit ihr zu den Eltern und sagte mit zitternder Stimme: Aus dieser Asche erwächst euch, geliebte Eltern, ein Feierabend des Lebens, der herrlicher sein wird, als sein Morgen und sein Mittag. Frau Klara aber sagte: So – nun will ich beschert haben. Und sie erhielt, was sie erbeten hatte, die erste Bibel ihres Lebens.

Aus: Hermann Oeser "Des Herrn Archemoros Gedanken über Irrende, Suchende und Selbstgewisse"

Das Diamantenklavier

»Auf schwarzdunklem Moor oder felswildem Strand Leg' ich mich nieder, wegmüd und krank. Kalt wölbt sich der Himmel von West nach Ost, Weder Mantel noch Decke schützt mich vor Frost. Nur kalt funkelnde Sterne halten still Wacht – Wer weiß, wo ich ruhn werde in dieser Nacht!«

Wenn dies nicht Poggys Lieblingsballade gewesen wäre, würde Ferdie auch den Mund gehalten und nichts gesagt haben. Aber sooft sich Letty an den schönen Flügel setzte, mit ihren schlanken, weißen Händen über die Tasten fuhr, die Noten vornahm und sagte: »Ach, das mag ich nicht«, oder: »Das ist herrlich, aber ich kann es leider noch nicht richtig zum Ausdruck bringen«, und schließlich den »Zigeunersang« spielte, konnte Ferdie einfach wütend werden. Er biss dann die Zähne zusammen, lehnte sich in seinem Sessel zurück und sagte das große Einmaleins vor- und rückwärts her, bis sie mit dem Stück fertig war. Natürlich hatte Poggy den »Zigeunersang« gedichtet und komponiert. Sein Name, E. Poglam Bannett, stand in großen Buchstaben quer auf der Vorderseite, und Poggy erhielt unglaublich hohe Summen als Tantiemen für diese Komposition. Zu den Ungläubigen gehörte auch Ferdie.

»Das ist doch einfach ein blödsinniges Gedudel«, sagte Ferdie. »Dabei kann man sich doch überhaupt nichts Vernünftiges denken. Wie kann man nur so etwas sagen: ›Wer weiß, wo ich ruhn werde in dieser Nacht!‹ Einen solchen Quatsch brauchst du doch nicht zu singen. Du weißt doch sehr gut, wo dein Zimmer ist!«

Letty ließ die Hand in den Schoß sinken. Am liebsten hätte sie ihm eine Ohrfeige gegeben.

Aber statt dessen nahm sie ein Buch, ging zum Bibliothekstisch hinüber, den ihr Vater im Wohnzimmer aufgestellt hatte, und setzte sich. Dann unterhielten sich die beiden miteinander. Aber es kam in den nächsten zehn Minuten zu einer scharfen Auseinandersetzung.

»Hoffentlich ist dir bewusst«, erklärte Ferdie mit stockender Stimme, »dass du mein ganzes Leben zerstört hast.«

Lettice Revel dachte darüber nach, dann runzelte sie die Stirn, verzog den Mund und überlegte sich, was sie ihm antworten sollte.

»Du spielst also auch den sehnsüchtigen Spanier?«, fragte sie schließlich.

Ferdie kannte die letzten Operetten nicht und wusste daher auch nichts von dem Schlager »Der sehnsüchtige Spanier«. Aber die Spanier waren im Allgemeinen ein romantisches und melancholisches Volk, deshalb hatte er nichts gegen die Bezeichnung einzuwenden.

»Ja, ich glaube, dass die Spanier auch zu solchen Stimmungen neigen. Ich sage dir, Letty, wie ein dürrer, kahler Fels steht mein zerstörtes Leben in der Brandung des Weltalls. Du hast mich einfach vernichtet. Es ist, als ob ich von den rasiermesserscharfen Rädern des Schicksals zermalmt würde!«

»Ach, du meinst zu einer Art Frikassee? Das erinnert mich an Irish Stew«, erwiderte sie interessiert. »Weißt du, wir hatten eine gräuliche Lehrerin für Kochen im Pensionat. Wir haben sie die ›Zähe Dora‹ getauft, weil sie immer –«

»Aber ein Mann darf doch mit Recht verlangen, dass eine Frau nicht mit nägelbeschlagenen Schuhen auf seinen heiligsten Gefühlen herumtrampeln wird, wenn sie seinen Ring angenommen und auf seine Frage erwidert hat, dass sie ihn liebt. Wenn ein Mann noch Prinzipien hat und es deshalb ablehnen muss, zu einer Gesellschaft zu gehen, in der sich ein schrecklich fetter kleiner Musiker mit schwarzen öligen Locken und Hundeaugen breitmacht, dann ist er vollkommen in seinem Recht. Dieser blöde Hammel von einem Komponisten will sich bloß interessant machen und denkt, er ist gescheit, wenn er dumme Witze erzählt, die er sich doch nur aus einer Zeitung ausgeschnitten hat ... Ja, da staunst du! Aber ich habe sie deutlich in seiner Brieftasche gesehen. Nein, dahin gehe ich nicht, und ich will auch nicht, dass du hingehst. Siehst du denn das nicht ein, Letty?«

Sie fuhr mit der Hand über die Stirn, die von schönen goldenen Locken umrahmt war, und lehnte sich resigniert zurück.

»Wer ist denn eigentlich der Mann, von dem du da immer redest? Dieser dicke, schwarzlockige Mann?«

»Selbstverständlich Poggy«, entgegnete er empört.

»Aha!«, sagte Letty ruhig und seufzte.

Sie sah Ferdie jetzt ernst an. Jede Linie ihres Gesichtes zeigte, dass sie sich der Wichtigkeit des Augenblicks wohl bewusst war. Sie hatte ihren Verlobungsring mit dem großen Brillanten vom Finger gezogen und neben sich auf den Tisch gelegt. Ferdie sah beunruhigt auf den Ring, dann auf sie.

»Es hat keinen Zweck, dass wir diese peinliche Unterhaltung noch fortsetzen«, erklärte sie entschieden. »Ich musste eben erleben, dass meine Ideale zusammenbrachen ...«

»Was soll das heißen? Zusammenbruch deiner Ideale? Das klingt fast wie ein Kinodrama von Liebe und Aufopferung.«

»Sei ruhig – wir wollen uns trennen, ohne noch eine große Szene zu machen«, erwiderte sie und reichte ihm die Hand. »Ich werde dich niemals vergessen, Reggie.«

Er machte ein verzweifeltes Gesicht.

»Es hat gar keinen Zweck, dir noch zu sagen, dass ich Ferdinand heiße. Du hast dich schon genügend blamiert.«

Wütend nahm er den Ring.

»Untersteh dich nur nicht, ihn ins Feuer zu werfen«, warnte sie ihn, als er ihn anklagend hochhob.

»Da täuschst du dich aber sehr. Das Stück kostet hundertfünfundzwanzig Pfund. Abzüglich der zehn Prozent Nachlass, die ich erhalten habe, weil ich den Direktor der Firma persönlich gut kenne. Meinst du, ich bin so blöde, dass ich ein solches Vermögen zum Fenster hinauswerfe? Ich wollte nur sehen, ob du den Ring verbogen hast! Aber du hast ihn wenigstens einigermaßen sorgfältig behandelt. Also, leb wohl, Letty.«

Sie sah ihn so sonderbar an, dass er stehen blieb.

»Sag mal, willst du jetzt auf die Löwenjagd gehen?«, fragte sie ironisch.

Er schaute sie stumm und verzweifelt an.

»Oder willst du dir ein Haus mitten in einer Fiebergegend von Zentralafrika bauen? Wenn du mir früher solche Geschichten erzähltest, habe ich sie geglaubt, Ferdie. Ja, ich habe sogar einmal einen großen Aufruf in die Zeitung gesetzt und an verschiedene Blätter geschickt, die in Zentralafrika gelesen werden, aber am selben Abend sah ich dich dann bei Chiro, wo du Molly Fettingham den neuesten Tango beibrachtest. Ferdie, bedenke, dass du hier zu einer Frau sprichst, die schwer gelitten hat.«

»Das darfst du mir nicht vorwerfen. Ich versäumte damals den Dampfer.«

»Natürlich. Du hattest ja genug damit zu tun, Mollys weit ausgeschnittenen Rücken zu bewundern. Ich kenne dich zur Genüge. Du gehst doch nicht fort, vor allem nicht nach Afrika. Morgen kniest du wieder hier zu meinen Füßen.«

Sie zeigte auf die Teppichstelle vor sich, und Ferdie sah sich das Muster genau an.

Durch das offene Fenster kamen die sanften Klänge; der Kirchenglocken und der Weihnachtslieder. Eine Kapelle der Heilsarmee spielte an der nächsten Straßenecke. Ferdie erkannte sie an dem verstimmten hohen E der Ersten Trompete.

»Das ist also der Weihnachtsabend«, sagte er bitter.

»Ja, heute ist der Vierundzwanzigste – wusstest du das denn nicht?«

»Und morgen ist der erste Weihnachtsfeiertag. Da hast du natürlich diesen Jüngling mit den Schweineschmalzlocken – deinen Poggy – hier. Dann kannst du ihm ja vorsingen: ›Wer weiß, wo ich ruhn werde in dieser Nacht!‹, und du kannst dir die Seiten halten vor Lachen, wenn er seine kindlichen Witze erzählt, die nicht einmal auf seinem eigenen Mistbeet gewachsen sind. Leider geht heute Abend kein Dampfer nach Asien, aber vielleicht denkst du später einmal daran, wenn ich fort bin, dass ich einsam in einer Kneipe sitze und mein Elend in Bier ertränke – ganz allein!«

»Sicher brauchst du niemand zur Unterstützung, wenn du Bier trinken musst«, entgegnete sie eisig. »Ferdie, ich wünsche dir ein fröhliches Fest. Es liegt ja kein Grund vor, warum wir nicht auch fernerhin gute Freunde bleiben sollen. Ich habe leider schon seit einiger Zeit erkannt und mich zu der Überzeugung durchgerungen, dass wir unserem Temperament nach nicht zusammenpassen. Und heutzutage haben sich die Zeiten geändert, eine Frau hat mindestens auch das Recht, sich ihre Freunde auszuwählen.«

»Eine Frau!«, sagte er und geriet wieder in Harnisch. »Weißt du noch, dass ich vor einem Jahr in den Weihnachtsferien jeden Tag hergekommen bin und mir die größte Mühe gegeben habe, dir Mathematik einzubläuen, damit du ein anständiges Schulzeugnis bekommst? Wer hat denn die halben Nächte hier gesessen, nur um dir gefällig zu sein und dir zu helfen?«

»Die Vergangenheit ist für mich tot«, sagte sie würdevoll.

»Natürlich ... Was bist du doch für eine elegante, große Dame von Welt!«

Bisher hatte sie sich beherrscht und war ruhig geblieben, aber jetzt sprang sie auf. Sie hätte die große Dame von Welt weiterspielen können, aber die letzten Worte hatten sie doch zu sehr geärgert.

»Ferdie, jetzt machst du, dass du hinauskommst! Oder soll ich dem Butler klingeln, dass er dich hinauswirft?«

Ferdinand machte eine stumme Verbeugung. Diesen Zornesausbruch hatte er nicht erwartet, und für den Augenblick jedenfalls war er geschlagen.

»Ich will nur sagen –«, begann er.

Sie ging zum Kamin, legte einen Finger auf die elektrische Klingel und sah ihn düster und doch zugleich neugierig an, denn sie war gespannt, was er jetzt tun würde.

Mr. Ferdinand Stevington trat auf die Straße hinaus und schlug den Kragen seines Mantels hoch. Es regnete ein wenig, und es wehte ein warmer Westwind.

Und nun stand Ferdie an dem schönen, schmiedeeisernen Zaun, der das Trottoir von dem Vorgarten trennte, und sah mit trüben Augen nach dem hellerleuchteten Fenster, hinter dem sie weilte. Er fühlte sich so unendlich einsam und verlassen, und er war wütend und aufgebracht über all die Leute, die es besser hatten als er, die nicht bei Wind und Wetter von Haus und Hof vertrieben wurden und ihm nicht einmal die Brotkrumen gönnten, die von ihren reich besetzten Tafeln fielen.

Sein Chauffeur Nobbins brachte den eleganten Rolls-Royce geräuschlos und geschickt an die Bordschwelle des Gehsteigs.

»Nein, ich danke Ihnen, Nobbins; ich werde zu Fuß gehen«, sagte Ferdie mit zitternder Stimme.