Wer bist du? - Heike Strulik - E-Book

Wer bist du? E-Book

Heike Strulik

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Beschreibung

Tina M. verschwindet spurlos. Eine Woche später wird sie bewusstlos im Wald aufgefunden und fällt in ein Koma. Nachdem sie das Bewusstsein wiedererlangt kann sie sich an nichts erinnern. Nicht daran wer sie ist und nicht an das Verbrechen dass ihr offensichtlich zugestoßen ist. Ihr Mann Peter, Möbelfabrikant, sieht dies als Chance ihre Ehe zu retten und gibt sich als Hausmeister seines eigenen Anwesens aus. Zunächst geht alles gut und Tina verliebt sich erneut in ihren, ihr doch eigentlich fremden, Mann. Doch nach und nach verändert sich Peter und Tina kommen Zweifel. Der in ihrem Fall ermittelnde Kommissar Thomas Bruckner steht ihr zur Seite. Doch noch gilt es herauszufinden was ihr in der Zeit ihres Verschwindens geschehen ist denn noch immer ist Tinas Leben von dieser Ungewissheit bedroht. .. Krimi und Liebesroman in einem. Mehrere Wendungen in der Geschichte lassen keine Langeweile aufkommen.

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Veröffentlichungsjahr: 2014

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Heike Strulik

Wer bist du?

Die Fremde im Spiegel

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Impressum neobooks

Kapitel 1

****

Wer bist du? Ganz plötzlich und unerwartet stand diese Frage im Raum. Peter hätte nie gedacht Tinas Stimme jemals wieder zu hören. Sie hatte geschlafen. Lange geschlafen. Er saß, wie so oft in der letzten Zeit, an ihrem Krankenbett und las die Tageszeitung. Einfach nur um ihr nahe zu sein.

Man wusste nicht was geschehen war. Sie wurde damals auf einem Feldweg, nahe beim Wald gefunden. Mit teilweise zerrissener Kleidung, Schrammen. tiefen Kratzwunden und anderen Verletzungen, die mittlerweile allerdings, zumindest teilweise, wieder verheilt waren. Sie war kaum ansprechbar und als der Fremde, der eigentlich nur einen ausgiebigen Spaziergang mit seinem Dackel unternehmen wollte, sie fand, konnte sie ihm nicht einmal ihren Namen nennen. Kaum, dass sie in seiner Nähe war, war sie auch schon in seinen Armen einfach in Ohnmacht gefallen.

Man hatte sie ins Krankenhaus gebracht, wo sie intensiv untersucht und behandelt wurde. Allerdings wollte sie einfach nicht wieder aufwachen. Den Ärzten war es ein Rätsel. In ihrem Blut wurden zwar Überreste unbekannter Substanzen gefunden, aufgrund der geringen Menge jedoch konnte man nicht genau definieren worum es sich dabei handelte.

Ihre Verletzungen reichten von mehreren blauen Flecken bis hin zu Abschürfungen an den Knien und etlichen blutverkrusteten Wunden am ganzen Körper. Sie hatte eine Platzwunde am Hinterkopf und außerdem konnte man an Armen und Beinen deutliche Fesselspuren erkennen, woraus man schließen konnte, dass sie gefangen gehalten worden war. Aufgrund von Peters Vermisstenanzeige stellte sich recht bald heraus, dass es sich bei ihrer Person um Tina Mantari handelte.

Genau in diesem Moment klopfte es an die Tür. Prof. Dr. Wollersheimer, in Begleitung zweier kompetenter Assistenzärzte und zweier Krankenschwestern, betrat das Zimmer. Tina sah in die Richtung der Tür. Ihr Blick war noch sehr verhangen. Man merkte ihr an, dass sie keinen blassen Schimmer davon hatte was hier vor sich ging.

"Sie ist wach", sagte Peter, derart verblüfft über die Geschehnisse der letzten paar Minuten, dass er sogar vergessen hatte Tinas behandelnden Arzt und seinen Anhang zu begrüßen.

"Frau Mantari. Wie schön sie wieder unter den Lebenden zu sehen.....Wie geht es Ihnen? Wollen wir doch gleich mal nachsehen!" Der Professor trat an das Bett von Tina und hielt sofort ihre Hand, um ganz nebenher ihren Puls zu fühlen. Während eine der Schwestern ganz aufgebracht nach draußen lief, schrieb die andere eifrig irgendetwas in das Krankenblatt, auf dem von ihr mitgebrachten Clipboard. Peter stand auf und ging ans Fenster. Gedankenversunken rieb er sich das Kinn. Er war mit der plötzlichen und neuen Situation überfordert. Wieso erkannte sie ihn nicht? Würde das so bleiben? Wie sollte es jetzt weiter gehen und was war überhaupt genau mit ihr geschehen? Fragen über Fragen. Die Gedanken schwirrten ihm wild durch den Kopf. Er zwang sich zur Ruhe und holte erst einmal tief Luft. Dann blickte er zurück auf das Krankenbett, in dem seine Frau fragend zu ihrem Arzt aufblickte.

Der schien das Ganze doch sehr gelassen hinzunehmen. Man konnte fast annehmen, dass es öfter vorkam, dass Patienten nach einer Dauer von beinahe einem Monat plötzlich wieder zu sich kamen. Doch auch der Professor war sehr erstaunt darüber. Er ließ es sich dank seiner Professionalität jedoch nicht anmerken. Die Patientin war offensichtlich schon verwirrt genug. Man musste sie nicht noch mehr beunruhigen.

"Sie erkennt mich nicht....." Peter wandte sich an den Professor. "Warten wir erst mal ab.", meinte der daraufhin. „Sie soll erst einmal richtig zu sich kommen, dann sehen wir weiter!“

Gesagt getan. Der Professor wollte sich zunächst noch einmal ganz in Ruhe mit Tina unterhalten und bat Peter sie doch erst einmal allein zu lassen. Mit einer hilflosen Geste strich Peter seiner Frau durch die Haare. Sie lag da wie Schneewittchen, in ihrem weiß bezogenen Bettzeug. Ihre langen schwarzen Haare umrahmten ihr blasses Gesicht und ihre großen, blau-grünen Augen blickten ratlos von einem zum anderen. Dann nahm er seine Jacke samt Zeitung und verließ das Krankenzimmer.

Er fuhr nach Hause, in das nicht weit gelegene Anwesen im Grünen. Zuerst ging er ins Badezimmer, wo er sich erst einmal eine ausgiebige Dusche gönnte. Nachdem er so in Gedanken versunken mehrere Minuten unter dem warmen Wasserstrahl gestanden hatte, fühlte er sich schon ein bisschen besser. Er zog sich frische Freizeitkleidung über und ging in die Küche. Dort machte er sich schnell eine Kleinigkeit zu essen. Dank seiner "Treuen Seele" Ellen, der Haushälterin, war der Kühlschrank nicht leergefegt. Normalerweise ließ es Tina sich nicht nehmen die Einkäufe selbst zu erledigen, aber das war ja in letzter Zeit nicht möglich gewesen. Ellen hatte dafür gesorgt, dass immer etwas Leckeres und Gesundes im Haus war. Sonst hätte Peter es mehr als einmal vergessen, dass der Körper nicht nur Schlaf und Arbeit benötigt um zu funktionieren. Nachdem er so gestärkt ein wenig beruhigter war, ging er in sein Arbeitszimmer. Dort nahm er das Telefon zur Hand und rief im Krankenhaus an. Die Nummer kannte er längst auswendig, so oft hatte er sie in der letzten Zeit benutzt. Er hatte die direkte Durchwahl zum Professor. Nach zweimaligem Läuten ging dieser auch sofort ans Telefon.

"Peter Mantari hier Herr Professor, wie geht es meiner Frau?", meldete sich Peter. Nach einer kurzen Pause, die Peter wie eine Ewigkeit erschien, meldete sich der Professor zu Wort. "Herr Mantari. Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für sie. Es geht ihrer Frau den Umständen entsprechend sehr gut. Allerdings scheint sie immer noch nicht zu wissen wer sie ist und hat auch sonst keine Erinnerung an ihr früheres Leben. Sie müssen sich das vorstellen wie auf einem Computer, auf dem die Festplatte gelöscht wurde. Sie besitzt ansonsten noch sämtliche motorischen Fähigkeiten. Aufgrund des langen Liegens muss sie allerdings ihre Muskeln wieder richtig in Gang bringen. Deshalb ist es notwendig sie in ein entsprechendes Rehabilitationszentrum zu überweisen." Peter konnte ein leichtes Aufstöhnen nicht unterdrücken. Er wusste selbst nicht genau was er denken oder fühlen sollte. Einerseits war er sehr froh, dass es seiner Frau gesundheitlich anscheinend gut ging, andererseits war ihm die Tatsache doch sehr suspekt, dass sie sich an rein gar nichts mehr erinnern konnte.

Sie machten einen Termin für den nächsten Vormittag miteinander aus. Peter sollte sich zuerst beim Professor melden, um dann mit ihm zusammen zu Tina zu gehen. Professor Wollersheimer wollte sich höchstpersönlich um eine gute Klinik für Tina kümmern. Nach dem kurzen Telefonat legte Peter den Hörer auf.

In seinem Kopf kreisten die Gedanken. Er liebte Tina nach wie vor, doch in der letzten Zeit vor ihrem plötzlichen Verschwinden hatten sie sich immer öfter gestritten. Nach dem letzten Streit war er äußerst wütend gewesen. Ein Wort gab das andere und dann sprach sie aus was er niemals von ihr hören wollte. „Wenn wir nicht mehr glücklich miteinander leben können dann müssen wir uns eben scheiden lassen!“ Scheidung. Das würde er niemals zulassen. Er wusste noch genau wie es damals bei seinen Eltern gewesen war. Seine Mutter wollte nicht mehr mit seinem Vater zusammenleben und verließ sie beide eines Tages nach einem Streit. Das war das Letzte, was Peter von ihr gesehen hatte. Nach der Scheidung hatte der Vater sämtlichen Lebensmut verloren, wurde krank und starb früh. Von diesem Moment an hatte sich Peter geschworen, dass ihm so etwas niemals passieren würde. Ganz abgesehen davon, würde eine Scheidung der Firma und seinem persönlichen Ruf schaden. Nicht zuletzt war sein Erfolg auch ihrer skandalfreien Ehe und ihrem gemeinsamen Auftreten bei verschiedensten Veranstaltungen zu verdanken. Und nun hatte Tina es doch gewagt von Scheidung zu reden. Wie konnte sie so etwas tun? Wie konnte sie ihn einfach so stehen lassen und fortbleiben ohne sich zu melden? Hatte sie etwa auch vor ihn zu verlassen, so wie es seine Mutter damals getan hatte? Doch dann hatte er doch begonnen sich Sorgen zu machen. Warum meldete sie sich nicht wenigstens? Nachdem er vergeblich versucht hatte sie auf ihrem Handy zu erreichen, rief er bei ihren Freunden Gloria und deren Mann Frank an. Aber auch die wussten nicht wo Tina war und machten sich große Sorgen. Am zweiten Tag ihres Verschwindens ging Peter zur örtlichen Polizei, um dort eine Vermisstenanzeige aufzugeben. Als der Beamte am Schalter ihn erkannte, rief er sofort Hauptkommissar Thomas Bruckner hinzu, der ihn mit in sein Büro nahm.

Peter war ihm Ort eine bekannte Persönlichkeit. Vor Jahren hatte er die kleine Schreinerei seines Vaters übernommen und sich auf modernere und qualitativ hochwertige Möbel, in allen Preisklassen spezialisiert. Seine kreativen Möbelstücke fanden sofort reißenden Absatz, sodass er seine Schreinerei vergrößern, neue Geräte und Maschinen anschaffen und zusätzliches Personal einstellen konnte. Peter Mantari selbst hatte schon seit Jahren nicht mehr selbst Hand angelegt und nur noch seine Angestellten für sich arbeiten lassen. Er hatte sich im Lauf der Firmenentwicklung immer mehr ausschließlich um den Verkauf gekümmert. Aber selbst für diese Tätigkeiten hatte er nach und nach fachkundiges Personal gefunden und sich selbst auf das Knüpfen neuer Kontakte konzentriert.

Bruckner bat Peter zunächst Platz zu nehmen und setzte sich dann selbst hinter seinem Schreibtisch auf den Bürostuhl. "Seit wann vermissen sie ihre Frau denn Herr Mantari?", begann er dort das Gespräch "Sie ist die letzte Nacht nicht nach Hause gekommen und hat sich seither nicht gemeldet. Ich kann sie auch nicht auf ihrem Handy erreichen. Anfangs dachte ich noch sie ist sauer, weil wir uns gestritten haben, aber mittlerweile mache ich mir doch große Sorgen, dass ihr etwas passiert sein könnte!"

"Sie haben gestritten...?", erwiderte Bruckner. Kaum merklich zog sich eine seiner Augenbrauen ein Stück nach oben. "Ja. Aber ich kann noch nicht einmal genau sagen worum es dabei ging. Kleinigkeiten die sich im Lauf der Zeit immer wieder anhäufen. Belanglosigkeiten einer langjährigen Ehe!"

Kapitel 2

Unbewusst verharmloste Peter ihre Streitigkeiten. Es war mittlerweile eigentlich schon fast normal, dass sie sich stritten. Er hatte das Gefühl, dass Tina sich im Lauf der Jahre doch sehr verändert hatte und dass ihre Beziehung in der gleichen Geschwindigkeit abkühlte wie sein Bankkonto anwuchs. Eigentlich hatte er gehofft, jetzt da er mehr Zeit für sich und seine Frau hatte, da das Geschäft fast von alleine lief, könnte man die Zeit zu zweit genießen und vielleicht sogar an Nachwuchs denken. Sie wurden schließlich beide nicht jünger und so langsam lief ihnen die Zeit davon Kinder zu bekommen. Doch Tina machte nicht den Eindruck, als wenn sie sich darüber freute. Sie verbrachte die meiste Zeit in irgendwelchen Schönheitssalons oder beim Einkaufen. In der Villa hatte sie sogar ein zweites Schlafzimmer bezogen, mit separatem begehbarem Ankleidezimmer, das mittlerweile schon aus allen Nähten platzte. So hatte er sich ein sorgenfreies Leben mit ihr nicht vorgestellt. Als sie sich kennengelernt hatten war sie nicht so eigenwillig gewesen und immer für ihn da, wenn er sie brauchte. An dieser Erinnerung hielt Peter fest. Er hoffte sehr, dass noch irgendwo im Inneren, dieser mittlerweile beinahe fremd gewordenen Frau, "seine kleine Tina" von damals schlummerte. Eigentlich hatte er vor sich allmählich ganz aus der Firma zurückzuziehen, um mit ihr zu reisen oder andere Dinge zu unternehmen. Vielleicht hätten sie ja so wieder zueinander gefunden. Dann kam der Tag an dem sie so einfach verschwand. Nach ihrem Streit hatte sie sich in ihren silbernen Mercedes gesetzt und war mit quietschenden Reifen davon gerast. Das war das Letzte gewesen, dass er von ihr gesehen hatte.

Nun saß er hier im Büro von Hauptkommissar Bruckner und versuchte ihr Verschwinden durch seine Hilfe aufzuklären. Natürlich war Bruckner hellhörig geworden, als er vom Streit der Eheleute, direkt vor Tinas Verschwinden gehört hatte. Selbstverständlich müsste er da weiter nachhaken. Allerdings wollte er auch noch andere Möglichkeiten in Betracht ziehen. Bisher stand lediglich fest, dass Tina Mantari verschwunden war. Von einem Gewaltverbrechen oder etwas Derartigem war zum bisherigen Zeitpunkt noch nicht unbedingt auszugehen. Bruckner ließ sich von Peter zunächst Tinas Handy-Nummer geben, um es eventuell lokalisieren zu können. Außerdem gab ihm Peter eine Beschreibung des Wagens und der Kleidung von Tina. Ein Foto von Tina trug er stets in seiner Geldbörse. Das überließ er Bruckner, der sofort und noch in Peters Beisein die Fahndung nach Tina und deren Fahrzeug veranlasste. Da es sich bei den Mantaris um finanziell sehr gut gestellte Persönlichkeiten handelte, konnte man eine Entführung nicht ausschließen. Für den Fall einer Lösegeldforderung forderte er deshalb die sofortige Einrichtung einer Fangschaltung bei Mantaris Festnetzanschluss an.

Nach ihrem Gespräch verabschiedeten sich die beiden Männer mit einem festen Händedruck. Peter der smarte, gut gekleidete Geschäftsmann und Thomas, der zumindest optisch ein wenig den Eindruck machte als wenn er irgendwo in den achtziger Jahren hängengeblieben wäre. Er trug stets einen Zweitagesbart und die Haare länger, als das mittlerweile modern war. Seine Kleidung bestand momentan aus einer hell ausgebleichten Jeans und einem schwarzen T-Shirt. Bei diesem legeren Kleidungsstil kam niemand so schnell auf die Idee, dass es sich bei ihm um einen Hauptkommissar handeln könnte. Peter schätzte, dass sie wohl beide in etwa das gleiche Alter hatten.

Thomas hatte vor sich persönlich um den Fall zu kümmern. Auch wenn es sich vorerst nur um eine vermisste Person handelte. Man konnte nie wissen was noch daraus wird, dachte er bei sich. Noch am nächsten Tag wollte er sofort mit der Befragung ihres näheren Bekanntenkreises beginnen. Die Tatsache, dass Tinas Verschwinden ein Streit vorausgegangen war, konnte man auch nicht außer Acht lassen. Vielleicht war da doch ein wenig mehr dahinter, als Mantari ihm verriet. Auch darum wollte er sich kümmern und ein paar Informationen aus seinem Umfeld herauskitzeln. Die Mantaris waren zwar recht bekannt im Ort, aber über ihre Privatangelegenheit war so gut wie nichts an die Öffentlichkeit geraten. Auch wenn er sich um den üblichen Klatsch und Tratsch im Ort nicht kümmerte, kam auch er nicht umhin so etwas zu wissen.

Als sein Partner, Tim Kowalski, ihr gemeinsames Büro betrat, berichtete er ihm und besprach mit ihm einige Details. „Kein Problem“, meinte der „Wir haben im Moment ohnehin nicht sehr viel zu tun. Es kann nicht schaden, da mal ein bisschen zu ermitteln. Ich kann mich morgen mal ein wenig in der Möbelfabrik umhören, während du die Freundin der Mantaris besuchst. Vielleicht weiß die ja irgendwas!“ „Schon möglich. Wer weiß ob der feine Herr Mantari vielleicht doch noch was zu verbergen hat.“, entgegnete Thomas seinem jüngeren Kollegen.

****

Am nächsten Morgen setzten sie ihren Plan in die Tat um. Thomas klingelte an der Tür von Gloria und Frank Klein. Eine rassige Schönheit, um die dreißig, öffnete ihm. Er stellte sich vor und zeigte seine Dienstmarke. Kein Zweifel. Frau Klein, die ihren Nachnamen wohl der Hochzeit mit einem deutschen Mann verdankte, konnte ihre italienischen Wurzeln nicht abstreiten. Erst recht nicht, als sie anfing zu reden: „Oh mein Gott! Was ist passiert? Ist was mit Tina? Aber kommen sie doch erst mal rein. Ich mache ihnen erst mal einen Espresso. Erzählen sie.....“ Thomas konnte ihrem Redeschwall kaum folgen, geschweige denn antworten. Also ging er hinter Gloria in die Küche des Hauses. Dort drehte sie erst an ein paar Knöpfen des Herdes und rührte in zwei großen Töpfen, während sie Thomas bat Platz zu nehmen. Sie kam ihm ein wenig zu overdressed vor, angesichts der Tatsache, dass sie hier in der Küche am Herd stand. Aber das entsprach wohl ihrem Wesen, denn auch ihr Make-up saß perfekt. Er setzte sich und begann: „Sie wissen also Bescheid über Frau Mantaris Verschwinden? Ich wollte ihnen hierzu ein paar Fragen stellen.“ Gloria setzte ihm einen frisch gebrühten Espresso vor die Nase. Im Hause einer Italienerin schien so etwas irgendwie immer sofort parat, dachte Thomas und lächelte in sich hinein. „Fragen sie, fragen sie. Aber ich weiß nicht ob ich ihnen helfen kann. Ich habe schon zu Peter gesagt, dass ich keine Ahnung habe wo Tina ist. Er hat uns angerufen und gefragt, ob wir etwas wissen aber ich weiß auch nicht wo sie stecken könnte. Sie hat ja hier kaum Freunde außer uns.“, redete sie ohne Luft zu holen darauf los und schwenkte ihren Kochlöffel. „Ich meine, sie sind doch ihre beste Freundin. Freundinnen reden doch über alles. Hat sie nie einen anderen Mann erwähnt? Oder hat sie sich mal über Ärger in ihrer Ehe beklagt? So was kommt ja überall mal vor.“ „Na ja. Streit gibt es doch in jeder Ehe. Ich zum Beispiel streite auch ständig mit meinem Frank. Aber dann versöhnen wir uns auch immer gleich wieder. Das ist ja das Schöne. Aber sie glauben doch nicht, dass Peter etwas mit ihrem Verschwinden zu tun hat, oder?“ „Wir versuchen nur alle möglichen Spuren zu sammeln. Bis jetzt wissen wir ja noch nicht einmal was überhaupt passiert ist. Vielleicht steht sie ja schon morgen wieder vor der Tür und es war falscher Alarm.“ Er merkte schon. So gern diese Frau auch redete, aus ihr war wohl nichts Hilfreiches herauszuholen. Vielleicht konnte ihr Mann ja irgendetwas zum Thema beitragen. Er fragte nach Frank Klein. „Ist ihr Mann denn auch zu sprechen? Möglicherweise hat einer der Mantaris ja mit ihm mal über Probleme oder etwas Ähnlichem gesprochen.“ „Frank ist noch in seinem Büro. Er kommt erst heute Abend nach Hause. Wenn sie möchten können sie ihn aber auch auf der Arbeit aufsuchen. Ich sage ihnen gerne wo das ist, wenn sie wollen oder sie kommen einfach heute Abend noch einmal vorbei. Sie bekommen auch gerne ein paar von meinen leckeren Spaghetti.“, lächelte sie und deutete auf den einen der zwei Töpfe. „Aber ich kann ihnen gleich sagen, Frank weiß ganz bestimmt auch nichts von Problemen bei Peter und Tina. Die Beiden sind doch ein so schönes Paar. Peter macht sich große Sorgen um seine Tina. Ich hoffe es ist ihr nicht wirklich etwas passiert.“ So gastfreundlich und erfrischend die Unterhaltung mit Gloria auch war, so anstrengend war es auch ihr zu folgen. Er kam hier nicht weiter. Bestimmt würde auch ein Gespräch mit ihrem Mann nichts Neues bringen. Dazu war auch immer noch Zeit wenn man über Tinas Verbleib mehr sagen konnte. Dieser Frank wird wohl bei dieser Frau auch nicht allzu viel zu sagen haben, dachte Thomas belustigt. Er verabschiedete und bedankte sich für den Espresso. „Sagen sie mir aber bitte Bescheid, wenn sie etwas über Tina in Erfahrung bringen, ja?!“, meinte sie noch. Danach stieg er in sein Auto und fuhr los. Gedankenversunken machte er sich auf den Weg zurück zur Wache. Vielleicht hatte ja sein Kollege Tim mehr Glück und konnte etwas über die Ehe der Mantaris erfahren. Angestellte redeten ja oftmals nur zu gerne über ihre Arbeitgeber. Dabei musste man allerdings auch aufpassen. Nicht immer entsprach alles so genau der Wahrheit von dem was die Leute so von sich gaben.

****

Zurück in seinem Büro schaltete er erst einmal den Computer an. Auf dem Weg hierher hatte er für sich und seinen Kollegen ein Frühstück in der Bäckerei besorgt. Da sie beide alleinstehend waren, gingen sie meist mit leerem Magen aus dem Haus. Er hängte seine Jeansjacke über die Stuhllehne seines Bürostuhles, nahm sein Schinkenbrötchen aus der Verpackung und setzte sich an den Schreibtisch. Im Internet würde man doch sicherlich etwas über das Ehepaar Mantari finden. Beinahe jeder ist heutzutage irgendwie im Internet wieder aufzufinden. Man braucht nur Mitglied eines Vereines zu sein und kann seinen Namen auf einer Seite wiederfinden. Da würde es doch mit dem Teufel zugehen, wenn über einen Fabrikbesitzer und seine Frau nichts darin zu lesen war. Er wartete bis sein veraltetes Gerät endlich bereit war, ging auf die Google Seite und gab den Namen Mantari im Suchfeld ein. Das erste was auf der Seite erschien, war die Home-Page von Peters Möbelfabrik. Er ging auf die Seite und erfuhr so einiges über die Firma. Entstehungsgeschichte, von der kleinen Schreinerei bis hin zur komplexen Fabrik, sowie über die verschiedenen Bereiche der Möbelherstellung, die über die Firma „Mantari - Möbel und mehr“ abgedeckt wurden. Nichts Privates. Das hätte er sich auch denken können. Eine reine Werbeseite. Es gab keine weiteren Mantaris laut Google. Dieser Name war nun auch wirklich sehr selten. Thomas konnte sich nicht erinnern ihn, in einem anderen Zusammenhang jemals gehört zu haben. Die Mantaris wurden lediglich in einem Bericht einer Tageszeitung über einen Wohltätigkeitsball und zum anderen in einem Bericht über die Neueinrichtung eines der örtlichen Hotels mit Möbeln aus Peters Fabrik erwähnt. Es gab auch Bilder die zum Bericht gehörten. Darauf konnte man ein zufriedenes Unternehmerpaar erkennen, dass wusste sich in der Öffentlichkeit zu bewegen. Beide waren sehr stilvoll und elegant gekleidet. Aber die Geschehnisse lagen schon einige Zeit zurück und keiner der Berichte half ihm weiter. Er wollte erst einmal abwarten was Tim zu berichten hatte. Kaum hatte er diesen Gedanken ausgedacht, da öffnete sich auch schon die Bürotür und sein Kollege kam herein. „Nichts.“, sagte er. „Zumindest nichts von wirklicher Bedeutung für uns. Die übliche Neugier und der übliche Tratsch. Dort weiß bis jetzt noch niemand etwas über das Verschwinden der Frau des Chefs und ich habe auch nichts Genaues erwähnt. Ich habe lediglich erzählt, dass ich im Rahmen einer Ermittlung ein paar Fragen hätte. Das übliche halt. Und wie lief es bei dir?“ „Auch nichts“, antwortete Thomas. „Lass uns erst mal was essen. Ich hab dir was mitgebracht.“ Er deutete auf die Papiertüte auf seinem Schreibtisch. Tim fiel sofort darüber her. Erst jetzt bemerkte auch er wie hungrig er war. Neugierig blickte er hinein und holte sich eines der Brötchen heraus, um es sofort mit nur wenigen Bissen zu verschlingen. Da sie keine weiteren Anhaltspunkte hatten und auch, bisher zumindest, noch kein Verbrechen vorlag, widmeten sie sich ihrer anderen Arbeit.

Irgendwie war Thomas in den nächsten Tagen der Fall Mantari trotzdem nicht aus dem Kopf gegangen. Die Frau auf dem Bild war ihm sofort irgendwie bekannt vorgekommen. Und, das schon bevor er den Ausschnitt des Zeitungsberichtes im Internet gefunden hatte. Aus welchem Grund sollte eine Frau, die augenscheinlich alles hatte was das Herz begehrt, einfach verschwinden? Eine Lösegeldforderung war laut Peter Mantari nicht eingegangen. Blieben also nicht mehr allzu viele Möglichkeiten. Entweder war sie freiwillig verschwunden, oder sie wurde entführt. Das Foto, das Mantari ihm überlassen hatte, hing an Thomas Pin-Wand. Jeden Morgen war es das Erste, das er sah wenn er in sein Büro trat. Das untrügliche Gefühl, dass er diese Frau schon einmal gesehen hatte ließ ihm einfach keine Ruhe. Allerdings war sie darauf irgendwie verändert. Er kam nur nicht darauf, weshalb sie ihm so bekannt vorkam.

****

Tina blieb etwa eine Woche vermisst, bevor man sie auffand und Thomas war einer der ersten der davon in Kenntnis gesetzt wurde. Allerdings sagte man ihm auch, dass die junge Frau bewusstlos war und in einer Art Koma lag. Die Gegend in der sie aufgefunden worden war wurde daraufhin weiträumig abgesucht. Allerdings hatte es in der Nacht stark geregnet und sollte es Spuren gegeben haben, die zu ihrem Verbleib während dieser Woche geführt hätten, so waren die längst verwischt. Auch wenn Tina Mantari ihm nichts berichten konnte, so suchte er doch das Krankenhaus auf und lies sich ihre Verletzungen erläutern und die bewusstlose Tina nach Spuren untersuchen. Aber auch das brachte die Ermittlungen nicht weiter. Tina Mantari war nun tatsächlich ein Fall für ihn geworden. Ihre Verletzungen ließen darüber keinen Zweifel aufkommen. Nach weiteren vier Wochen erreichte ihn der Anruf aus dem Krankenhaus, dass Frau Mantari aufgewacht sein sollte. Darauf hatte er nur gewartet.

Kapitel 3

Nun war er wieder einmal auf dem Weg ins Krankenhaus. In der Klinik angekommen, ging er direkt auf das Büro von Professor Wollersheimer zu. Der Klinikleiter hatte ihn durch seine Sekretärin über Tinas Erwachen informieren lassen. Thomas hatte zunächst vor ein kurzes Gespräch mit ihm zu führen, bevor er sie selbst in ihrem Krankenzimmer aufsuchen wollte. Der Professor hatte auch sofort für ihn Zeit. Wollersheimer sah genauso aus, wie man sich einen Professor insgeheim vorstellte. Er hatte ein bisschen was von Einstein, mit seiner weißen Haarpracht und dem Schnurrbart in der gleichen Haarfarbe. Nur fehlte ihm die Zerstreutheit, die man für gewöhnlich einem Professor andichtete. Er war sehr freundlich und zuvorkommend. Im Gespräch mit ihm wurde Bruckner allerdings enttäuscht. Die Information, dass Tina unter einer Amnesie aufgrund eines Traumas litt, war ihm am Telefon nicht mitgeteilt worden. Er wollte dennoch ein kurzes Gespräch mit ihr führen und der Professor begleitete ihn auf ihr Zimmer.

Sie klopften an und traten ein. Im Bett lag eine zierliche, blasse Frau mit auffallend großen, blauen, beinahe grünen Augen, aus denen sie ihnen ängstlich entgegenblickte. „Hallo Tina. Ich bringe ihnen hier Hauptkommissar Bruckner, der ihnen ein paar Fragen stellen will. Ich lasse sie einen Moment allein.“, sagte er zu ihr. Und an Thomas gewandt: „Machen sie bitte nicht so lange. Das alles strengt sie im Moment doch noch sehr an.“ Daraufhin verließ er das Zimmer und Thomas war mit Tina alleine. „Hallo Frau Mantari. Mein Name ist Thomas Bruckner, ich bin von der Polizei. Eigentlich hatte ich gehofft sie können mir ein paar Auskünfte geben, aber wie ich gerade hören musste, können sie sich leider nicht mehr erinnern?!“ Tina nickte nur sacht mit dem Kopf. „Hallo Herr Bruckner. Ja. Das ist leider so. Ich weiß gar nicht was passiert ist und wie ich hierhergekommen bin. Keiner will mir hier so richtig was sagen. Können sie mir denn ein wenig auf die Sprünge helfen?“

Jetzt, da er sie so hier in ihrem Bett liegen sah und mit ihr sprach, hatte er umso mehr das Gefühl sie von irgendwoher zu kennen. Vielleicht fiel es ihm ja doch noch ein. Irgendeine Schublade in seinem Gehirn wartete nur darauf geöffnet zu werden. „Was hat man ihnen denn bisher erzählt. Ich vervollständige dann gern alles was ich weiß.“ „Bisher weiß ich nur, dass ich verheiratet und hier aufgewacht bin. Alles andere konnte, oder wollte man mir nicht genau erklären. Der Professor meinte wohl, dass ich so etwas wie ein Trauma habe und ein paar kleinere Verletzungen aber woher die stammen konnte er mir nicht sagen." Thomas zog sich einen Stuhl an Tinas Bett heran und nahm Platz. „Viel mehr weiß ich leider auch nicht. Ihr Mann kam vor etwa fünf Wochen zu mir und hat sie als vermisst gemeldet. Etwa eine Woche später wurden sie dann von einem Spaziergänger am Waldrand aufgefunden. Nachdem sie dort in Ohnmacht gefallen sind, haben sie bis gestern geschlafen.“ Er blickte auf die, immer noch sichtbaren, Narben an ihren Handgelenken. Tina verfolgte seinen Blick. Eine kleine Träne rann ihr über die Wange, die sie sofort wegwischte. „Ich habe nicht die geringste Ahnung wo die Narben her sind.“, sagte sie. „Was ist nur mit mir passiert?

Thomas hatte schon viele Opfer von Gewaltverbrechen gesehen, aber noch nie war ihm jemand persönlich so nahe gegangen. Er hätte sie am liebsten in den Arm genommen um sie zu trösten, aber er konnte sich beherrschen. Woher kannte er sie nur? „Ich verspreche ihnen, ich werde es herausfinden!“ Und das sagte er nicht nur so weil es sich gut anhörte. Er meinte das auch genauso. Dazu musste er noch einmal ganz von vorn anfangen. Nun, da es sicher war, dass dieser Frau etwas angetan wurde. Vielleicht würde man ja in der Vergangenheit etwas finden, worauf er seine Nachforschungen aufbauen konnte. Sie unterhielten sich noch kurze Zeit dann verabschiedete er sich und verließ die Klinik.

****

Peter schlief kaum, in der Nacht nach Tinas Erwachen. Er machte sich Gedanken wie es mit ihnen weitergehen sollte. Nachdem er endlich eingeschlafen, war plagten ihn wirre Träume und als er am nächsten Morgen aufwachte war er noch müder als am Abend zuvor. Doch er gab sich einen Ruck. Irgendwie wird schon alles weitergehen dachte er. Schließlich ging es ihm finanziell so gut, dass er sich ganz auf Tina konzentrieren konnte, wenn sie erst einmal wieder zu Hause sein würde. Das Wichtigste war erst einmal, dass sie gesund war.

Also stand er auf und ging ins Bad. Dort duschte er ausgiebig und machte sich anschließend ein kleines Frühstück. Nach der zweiten Tasse Kaffee nahm er sein Handy und rief seine Sekretärin Sandy in der Firma an. Er berichtete ihr davon, dass Tina aufgewacht war und, dass er sich in der nächsten Zeit ganz ihrer Gesundheit widmen wollte. Daher würde er eine Weile dem Betrieb fernbleiben. Er wusste, dass die Firma ohne ihn reibungslos weiterlaufen würde. Wenn es dennoch irgendwelche Probleme gäbe sollten sie ihm davon per E-Mail berichten. Er würde täglich seine Post kontrollieren und sich im Falle der Notwendigkeit bei seiner Sekretärin oder seinen Betriebsleitern melden. Nach diesen kurzen und knappen Anweisungen beendete er das Gespräch, ohne auf weitere Fragen zu warten.

Er hatte noch jede Menge Zeit, bevor er im Krankenhaus erwartet wurde. Um ein wenig abzuschalten beschloss er ein wenig mit seinem Cabriolet herumzufahren. Die Sonne schien aus einem wolkenlos blauen Himmel auf ihn herab und beim Autofahren hatte er sich schon immer am besten entspannen können. Auf dem Weg zu seiner Garage bemerkte er die allmählich beginnende Unordnung im Vorgarten. Sein Hausmeister Robin hatte vor zwei Monaten aus gesundheitlichen Gründen seinen Job bei ihm gekündigt. Robins Herz konnte die körperlichen Anstrengungen nicht mehr ertragen. Er hatte bis dahin im schön eingerichteten Gästehaus gewohnt, das auf der anderen Seite des Gartens zum Haupthaus hin gelegen war. Dort war er zum Ende seiner Tätigkeit ausgezogen um, wie er sagte, zu seiner Schwester nach Bayern zu ziehen und sich zu erholen. Peter bedachte ihn mit einer großzügigen Entlohnung zum Arbeitsende und verabschiedete sich nur ungern von ihm. Er war zwar ein Einzelgänger gewesen, aber er hatte immer sehr gute Arbeit geleistet. Man musste sich um nichts kümmern, was den Garten oder die Instandhaltung des Hauses anging. Tina wollte sich um einen Nachfolger, am besten ein Ehepaar, kümmern. Aber dazu war sie nicht mehr gekommen.

Damals hatte es sich noch nicht sehr bemerkbar gemacht, aber nun begann doch allmählich der Rasen zu sprießen und der Garten musste auch unbedingt regelmäßig bewässert werden. Der Frühling war nun bald vorbei und der Sommer rückte allmählich näher. Hier war nun jede Menge Arbeit, die verrichtet werden musste, liegengeblieben.

Er drückte auf die Fernbedienung die das große Rolltor zur Garage nach oben fahren ließ. Dort stand, direkt neben seinem silbernen Cabrio, noch ein VW Golf und direkt daneben der "Super-High-Tech-Rasenmäher", der endlich aus seinem Winterschlaf erwachen wollte. Peter machte einen Bogen und ging direkt auf den Mäher zu. Der Zündschlüssel steckte. Er setzte sich auf den Fahrersitz und drehte ihn im Schloss. Nach kurzem Zögern sprang der Motor tatsächlich an. Ein Lächeln huschte über Peters Gesicht. Entspannen konnte man sich vielleicht auch auf so einem Fahrzeug!! Kurzerhand versuchte er mit der Schaltung umzugehen. Die schien sich doch sehr einfach bedienen zu lassen. Also warum denn nicht versuchen. Er probierte sein Glück, legte den Rückwärtsgang ein und gab vorsichtig Gas. Ein Ruck ging durch den Mini-Traktor, dann fuhr er mühelos rückwärts in die Hofeinfahrt. Peter hatte sichtlich Spaß daran das Fahrzeug zu lenken und er machte sich ans Werk. Nachdem er den Schalter für das Mähwerk gefunden hatte, begann er tatsächlich, Runde für Runde, den Rasen zu mähen. Bis er fertig war verging eine ganze Menge Zeit. Zufrieden beendete Peter sein Werk und fuhr das Fahrzeug zurück in die Garage.

Er war so richtig in seinem Element. Der Handwerker in ihm wurde wieder wach. Schließlich hatte er damals seine berufliche Karriere als Schreiner begonnen und den Meister darin gemacht. Er ging zum Werkzeugschuppen und begann damit die ein oder andere kleine Reparatur zu erledigen. Dabei fiel ihm auf wie viel Arbeit außerdem noch gemacht werden musste und wie viel Spaß er doch daran hatte. Er blickte auf die Uhr und war überrascht wie schnell dabei die Zeit vergangen war und wie gut es ihm doch getan hatte einmal nicht zu grübeln.

Nachdem er alle Geräte gründlich gereinigt hatte, legte er alles wieder ordentlich an seinen Platz zurück. Danach musste er ein zweites Mal duschen gehen, so sehr hatte er sich verausgabt. Mit einem Pfeifen auf den Lippen kam er aus der Dusche und begegnete Ellen auf dem Weg in die Küche. "Hallo Boss!", lächelte die ihn an. "Es freut mich sie so fröhlich zu sehen. Ich habe ihnen eine Kleinigkeit zu essen hingestellt. Wenn sie gleich essen .... es ist noch warm." "Danke Ellen, ich esse schnell. Ich muss mich beeilen. Ich habe einen Termin mit Prof. Wollersheimer im Krankenhaus.", antwortete er und lief eiligst zur Küche.

Ellen ging nach oben ins Bad um die Wäsche zu holen, während Peter eilig die leckere Mahlzeit von Ellen in sich hineinschlang. Körperliche Arbeit und frische Luft machen richtig hungrig, stellte er dabei fest. Wie gut, dass Ellen immer so gut für in sorgte. Er stellte das dreckige Geschirr in die Spüle und machte sich erneut auf den Weg zur Garage. Grinsend warf er einen Blick auf den Mäher bevor er sich in sein Cabriolet schwang. Auf dem Weg ins Krankenhaus fühlte er sich bedeutend besser als am Vortag und in ihm reifte so allmählich eine Idee heran........

"Hallo Herr Mantari" Professor Wollersheimer streckte Peter die Hand zum Gruß entgegen. Peter grüßte zurück und drückte sie fest. Er hatte auf dem Weg hierher einen Entschluss gefasst und wollte nun mit dem Professor über sein Vorhaben reden. Zunächst hörte er sich jedoch den Bericht des Professors an. Doch viel Neues hatte er dabei nicht erfahren. Tina ging es nach wie vor gesundheitlich gut. Sie fühlte sich soweit auch ganz gut aber ihre Erinnerung war noch immer nicht zurückgekommen und es machte auch nicht den Anschein, als würde sich das in der nächsten Zeit ändern. Er nannte das eine "Hysterische Amnesie", wie sie nach einem Trauma durchaus vorkommen konnte. Das bestärkte Peter nur in seiner Idee. Er erzählte dem Professor was er vorhatte. Der Professor war schon lange Peters Arzt und Vertrauensperson in einem. Er wusste um die privaten Probleme zwischen den beiden Eheleuten und hatte auch die Entwicklung dahin beobachten können. Auch ihm gefiel nicht wie sehr sich das Verhältnis der beiden zueinander verändert hatte und daher hatte er auch keine Einwände gegen Peters Plan. Schaden konnte er, seiner Meinung nach, schließlich keinen damit anrichten. Peter hatte vor, Tina vorerst in dem Glauben zu lassen er sei der Hausmeister seines eigenen Anwesens und die Eigentümer befänden sich auf einem längeren Auslandsaufenthalt. Dabei könnten sie noch einmal von ganz vorne anfangen. Vielleicht wäre seine Tina dann doch wieder irgendwie die Frau, in die er sich damals so sehr verliebt hatte. In der Zeit, in der Tina ihre Reha machen musste, würde er alle erforderlichen Dinge veranlassen, damit sie beide ins Gästehaus einziehen konnten, um dort das Leben des einfachen Hausmeisterehepaares zu leben. Der Plan war perfekt. Die Firma würde sich bei ihm nur per E-Mail melden und ihre Freunde, die Kleins und die Haushälterin Ellen, würde er in seinen Plan einweihen.

Er war so richtig beflügelt von dem Gedanken an sein neues Leben mit Tina. Doch nun musste er ihr erst einmal begegnen und ihre Reaktion auf ihn abwarten. Er war doch ziemlich aufgeregt, als er mit dem Professor vor ihrer Tür stand, doch gleichzeitig wirkte er sehr entschlossen. Der Professor klopfte und trat zuerst in ihr Zimmer. Peter folgte ihm kurz darauf.

Kapitel 4

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Robin Meier hatte es satt, ständig den Bediensteten zu spielen. Außerdem machte ihm sein Herz sehr zu schaffen. Bei jeder kleinen Anstrengung machte es Krawall, als wenn es ihm aus der Brust herausspringen wollte. Doch er konnte es nicht wagen einen Arzt aufzusuchen. Früher, ja früher, als er noch wesentlich jünger war, da war er es, der den Frauen gezeigt hatte wer hier der Boss ist. Nun musste er hier den Lakaien mimen. "Ja Frau Mantari. Sicher Frau Mantari. Ich komme sofort Frau Mantari." So wie gestern als Tina Mantari ihn im Garten angetroffen hatte und meinte: "Ah Robin. Gut, dass ich sie sehe. Ich hätte da noch ein paar Bilder aufzuhängen. Würden sie mir dabei helfen?" Er hatte sich gerade wieder einmal übernommen und rieb sich den Brustkorb, sodass sie es nicht sehen konnte. "Sicher Frau Mantari... ich bin gleich bei ihnen" Pä...würden sie mir dabei helfen. Sicher würde er ihr dabei helfen. Er wurde schließlich dafür bezahlt und hatte hier ein sicheres Versteck vor der Polizei gefunden. Stets zu Diensten Frau Mantari, dachte er und machte sich auf den Weg über die Terrassentür in die Villa.

Am nächsten Tag war er zu ihrem Mann Peter gegangen und hatte gekündigt. In der Nacht hatte er es fast nicht mehr ausgehalten. Seine Schmerzen waren so unerträglich geworden, dass er dachte er würde sie nicht überleben. Er hatte vor weiterzuziehen. Viel weiter. Einen Ort wo man von seiner Vergangenheit und dem was er getan hatte nichts wusste und er sicher einen Arzt aufsuchen konnte. Der Boss, der Idiot hatte ihm auch noch ein ganz nettes Sümmchen zum Abschied, in einem Kuvert übergeben. Damit, und dem gesparten Lohn der letzten Jahre, wo hätte er denn auch groß sein Geld ausgeben sollen, würde er eine ganze Weile gut auskommen, ohne gleich wieder irgendwo den Deppen spielen zu müssen. Er packte seine paar Habseligkeiten in dem geräumigen Gästehaus zusammen und machte sich zu Fuß auf den Weg in die Ortschaft. Absichtlich war er gegangen als niemand im Haus war. Mantari oder seine Frau hätten ihn sicher gefahren, mit einem ihrer „ach so tollen Autos“. Aber das wollte er nicht. Er wollte einfach nur schnell weg, ohne noch einmal Danke sagen zu müssen.

Im Ort angekommen, merkte er doch wie anstrengend so ein Fußmarsch für ihn mittlerweile geworden war. Er setzte sich am Rand des Parks auf eine Bank, um sich ein wenig auszuruhen. Wie schön es hier doch war. Selten war er aus seinem kleinen "zu Hause" in den Ort gekommen. Aber jetzt im Frühling wo hier alles blühte konnte er sich so richtig freuen über den Anblick des geschäftigen Treibens und dachte: Warum soll ich hier nicht noch ein paar Tage bleiben und es genießen nichts tun zu müssen?! Nach so vielen Jahren sucht mich hier bestimmt niemand mehr. Direkt gegenüber vom Park war eine kleine Pension, die nach außen hin sehr gemütlich wirkte. Dort meldete er sich unter seinem falschen Namen, an den er sich mittlerweile schon so gewöhnt hatte, an.

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Tina war sauer.....richtig sauer. Peter warf ihr vor nicht mehr die Gleiche zu sein wie damals, als sie sich kennengelernt hatten. Stimmt, dachte sie, ich bin nicht mehr dieselbe wie damals. Aber das war das Ergebnis dessen was Peter aus ihr gemacht hatte. Er hatte sich im Lauf der Jahre schließlich auch verändert. Als er noch der einfache Schreiner im Betrieb seines Vaters gewesen war hatten sie sich kennengelernt. Er, der aufstrebende Junghandwerker, und sie, eine einfache junge Frau, die in einer örtlichen Kneipe aushalf. Sie waren noch frisch verheiratet, da übernahm er den väterlichen Betrieb. Als Geschäftsinhaber seiner rasant wachsenden Schreinerei hatte er zusätzliche gesellschaftliche Verpflichtungen die auch sie mittragen musste. Peter wünschte sich damals von ihr, dass sie von nun an ganz für ihn und seine Karriere da war. Eine Kneipenkellnerin passte einfach nicht zu einem aufstrebenden Jungunternehmer. Es war ihm egal, dass er damit ihre eigenen Pläne durchkreuzte. Blind vor vermeintlicher Liebe ließ sie zu, dass er ihr Leben von dem Moment ab, an dem sie ihn kennenlernte, voll und ganz bestimmte. So kam es, dass sie ausgerechnet die ihr liebsten, und bis dahin wichtigsten, Menschen enttäuschte. Helmut und Elsie, die eigentlich Elisabeth hieß, aber von Tina liebevoll so genannt wurde. Die beiden waren sehr gute Freunde ihrer Eltern gewesen. Nach deren tragischen Tod durch einen Autounfall nahmen sie Tina zu sich, als sie zwölf Jahre alt war. Die Beiden hatten damals schon die gemütliche Eckkneipe in der Bahnhofstraße und wünschten sich, dass Tina sie eines Tages übernehmen würde. Sie sahen in ihr die Tochter, die sie leider selbst nie bekommen hatten. Tina fühlte sich auch sehr wohl bei den Beiden und der Arbeit in ihrem kleinen Lokal. Dass sie eines Tages in die Fußstapfen der Zwei treten würde, stand für sie außer Frage. Die Arbeit ging ihr leicht von der Hand. Die Meisten der Stammgäste kannte sie von klein auf. Viele Arbeiter kamen schon zum Mittagstisch, weil man hier für wenig Geld eine gute und anständige Mahlzeit bekam. „Das glückliche Eck“, so wie sich die Wirtschaft nannte, war jeden Tag

Treffpunkt für viele Menschen. An manchen Wochenenden war Tanz und Tina war so richtig in ihrem Element. Je voller die Hütte war, umso wohler fühlte sie sich. Das war ihr Leben und sie wollte es auf jeden Fall so beibehalten. Doch an einem dieser Tanz-Wochenenden betrat Peter, mit zwei seiner Kollegen, das Lokal. Er fiel Tina sofort auf. Groß, elegant und selbstbewusst, mit dunkelbraunem vollen Haar und einem Lachen, dass so richtig mitriss. Es kam wie es kommen musste. Sie tanzte mehr als einmal mit diesem einnehmenden Mann. Nach diesem Abend kam er immer wieder und so wurden sie schon bald darauf ein Paar. Helmut und Elsie hatten sich auch sehr für Tina gefreut und anfangs dachte man, dass alles nicht besser hätte laufen können. Peter kam regelmäßig in die Gaststätte und half gelegentlich auch aus. Als er aber die Firma seines Vaters übernahm, hatte er für so etwas keine Zeit mehr. Tina hatte kein Problem damit, hätte aber nie gedacht, dass Peter eines Tages von ihr verlangen würde ihre eigenen Wünsche und die ihrer Zieheltern aufzugeben. Doch Tina gab seinem Drängen nach. Sie wollte ihn nicht enttäuschen und enttäuschte stattdessen ausgerechnet die beiden Menschen die ihr so lieb geworden waren. Sie beklagten sich nicht, doch Tina wusste was in den Beiden vorging. Viel zu sehr hatten sie sich, vor Peters Einmischung, die Zukunft mit Tina an ihrer Seite ausgemalt. Manches Mal könnte sie heute den Tag verfluchen, an dem Peter das erste Mal seinen Fuß in ihr Lokal gesetzt hatte. Und nun beschwerte er sich darüber, dass sie sich verändert hatte.

Sie konnte sich noch sehr gut an ihr erstes Geschäftsessen mit einem ortsansässigen Hotelier erinnern. Hans Steuber hatte vor sämtliche Zimmer seines Hotels zu renovieren und neu einzurichten, und sich daher für Peters neu entworfene Kollektion interessiert. Sie kam sich total fehl am Platz vor. Die Gattin des Hotelinhabers war äußerst elegant gekleidet und frisch frisiert. Sie war dermaßen perfekt gestylt, dass Tina sich vorkam wie ein einfaches Bauernmädchen beim ersten Stadtausflug. Peter bemerkte nicht, wie unwohl sie sich an diesem Tag fühlte. Auf jeden Fall war dieser Termin wesentlich entscheidend für Tinas Entwicklung gewesen. Da Peter immer mehr geschäftlich unterwegs war, hatte sie sehr viel Zeit. Sie begann sich immer mehr für Mode zu interessieren und war bei zukünftigen Geschäftsterminen nicht mehr die dumme kleine Neue, sondern hatte ein sehr selbstbewusstes Auftreten. Nach und nach war es für sie normal regelmäßige Friseurtermine wahrzunehmen und sich immer wieder neu einzukleiden. Schließlich galt es in diesen neuen Kreisen auf bestimmten Veranstaltungen nicht zweimal im gleichen Outfit zu erscheinen. Mehr als einmal hatte sie den Tratsch der „Ladys“ dieser Bussi-Bussi Gesellschaft mitbekommen sobald sie einer Anderen den Rücken zugekehrt hatten.

So oft sie konnte besuchte sie Helmut und Elsie in ihrer kleinen Wirtschaft. So lange sie konnten wollten sie ihr Lokal nicht aufgeben. Insgeheim hatten sie wohl immer noch die Hoffnung, dass Tina eines Tages hierher zurückkehren würde. Aber da kannten sie Peter nicht.

Er würde nicht zulassen, dass seine Frau mit ihrem Verhalten seine aufstrebende Karriere zunichtemachen würde. Also blieb es für Tina bei ihren heimlichen Treffen mit den Beiden. Peter musste darüber nicht unbedingt Bescheid wissen. Anfangs hatte sie ihm noch Grüße ausgerichtet, doch er hatte jedes Mal eifersüchtig und harsch reagiert. Also hatte sie ihm nichts mehr von ihren Besuchen erzählt. Sollte er doch glauben sie sei Einkäufen oder dergleichen.

Überhaupt, hatte er sich im Lauf der Jahre sehr verändert. Je erfolgreicher die Firma wurde, umso überheblicher und arroganter wirkte er auf sie, im Umgang mit seinen Mitmenschen. Sehr gut konnte sie sich an eine Szene erinnern, die sich bei einem Treffen mit einem potentiellen Käufer für seine Firma abgespielt hatte. Als er ihr damals davon erzählt hatte keimte in ihr schon die Hoffnung auf, dass er tatsächlich vorhaben könnte seine Firma zu verkaufen. Sie hätten die Chance gehabt noch einmal ganz von vorne anzufangen und vielleicht hätte sie in ihm wieder den Mann erkannt, in den sie sich damals verliebt hatte. Doch als das Abendessen mit dem Ehepaar stattfand schämte sie sich nur für seine überhebliche und selbstgefällige Art. Sie hatte gelernt zu schweigen und sich nicht in geschäftliche Dinge einzumischen, obwohl es ihr gerade diesmal sehr schwergefallen war. Die Eheleute Großmann waren sehr nett und sie hatte zunächst den Eindruck, dass Peter es auch ernst meinte mit einem eventuellen Verkauf. Doch sehr schnell stellte sich heraus, dass er lediglich darauf aus war Großmann zu provozieren und dem einzig wahren Konkurrenten der Region herablassend eine Abfuhr zu erteilen, nachdem dieser ihm ein äußerst großzügiges Angebot unterbreitet hatte. Noch dazu überließ er es ihm die Rechnung für das teure Essen zu bezahlen, da es sich angeblich um eine Einladung der Großmanns gehandelt hatte. Peinlich berührt verabschiedete sie sich mit einem entschuldigenden Lächeln bei dem Ehepaar und war nach diesem Abend wieder einmal mehr als enttäuscht von ihrem Ehemann.

Als sie damals in die Villa umzogen, wurde diese zwar perfekt möbliert durch eine Mischung aus einerseits antiken, handgefertigten und andererseits moderneren Möbelstücken aus Peters Firma, jedoch das I-Tüpfelchen, die Dekoration und die dadurch entstandene Gemütlichkeit, war ihrem Sinn für das Schöne zu verdanken.

Und nun warf er ihr vor sie hätte sich verändert. Ausgerechnet er, der sich vom einfühlsamen, jungen und fröhlichen Mann zum energisch auftretenden Geschäftsmann verändert hatte, der wusste wie man seinen Willen durchsetzt. Ganz gleich zu welchem Preis.

Wütend schnappte sie am Tag diesen heftigen Streites ihre Handtasche und die Autoschlüssel vom Sideboard, ging schnellen Schrittes zur Garage und fuhr rasant mit ihrem Mercedes davon. Sie wusste gar nicht wohin sie eigentlich fahren sollte, aber je länger sie fuhr umso mehr beruhigte sie sich. Aus ihrer Wut wurde allmählich Traurigkeit. Sie wollte nicht glauben, dass ihre Liebe von damals erloschen sein sollte und wollte an seiner Seite bleiben, doch sie konnte mit seinen Vorwürfen einfach nicht umgehen. Sie, die alles für ihn aufgegeben hatte, litt unter den ständigen Streitereien und musste sich stets Vorhaltungen von ihm anhören. War ihm denn gar nicht bewusst was sie für ihn geopfert hatte, oder war es ihm ganz einfach nur egal? Je größer sein beruflicher Erfolg, umso mehr vergaß er wie es früher einmal gewesen war. Als sie Beide noch wenig Geld hatten waren sie wesentlich glücklicher gewesen. Aber das Geld und die Macht hatte ihn immer mehr verändert. Aus dem liebenswerten jungen Mann, den sie damals kennengelernt hatte war ein selbstbewusster Geschäftsmann geworden, der es gewohnt war, dass die Dinge so liefen wie er es verlangte. Oft wünschte sie sich den alten Peter Mantari zurück und wollte die Hoffnung nicht aufgeben, dass der irgendwo in ihrem, mittlerweile fremd gewordenen Mann noch schlummerte und die Zeit ihn wieder hervorbringen würde.

Sie lenkte ihr Fahrzeug langsam Richtung Ortsmitte. Beim "Café am Park" fand sie einen Parkplatz. Eigentlich wollte sie dort auf der Terrasse gemütlich einen Cappuccino trinken, als sie aber einen Blick auf den herrlich blühenden Park warf, beschloss sie zuerst einen kleinen Spaziergang zu machen. Sie lief über die Straße und hinein in den Park. Nach ein paar Minuten setzte sie sich dort neben einer Linde auf eine Parkbank und grübelte.

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Robin hatte ein paar erholsame Tage in der Pension verbracht. Er fühlte sich wie neu. Vielleicht gehörte er doch noch nicht zum alten Eisen. Sein Herz hatte ihm in den letzten Tagen keinen Kummer bereitet. Morgens hatte er so richtig ausgeschlafen und nach einem ausgiebigen Frühstück hatte er beinahe jeden Tag im Park verbracht. An manchen Tagen fütterte er die Enten im Teich des Parks mit einem, vom Frühstück mitgenommenen Brötchen. Er ging in der Stadt spazieren, kaufte hin und wieder eine Kleinigkeit, nahm seine Mahlzeiten in verschiedenen Restaurants der Stadt ein und fühlte sich wie ein Tourist. Bevor er abends zurück zur Pension ging saß er meistens noch auf ein oder zwei Bierchen im benachbarten Café auf der Terrasse. Das Leben war doch schön.

Als er an diesem Morgen die Pension verließ und Richtung Park lief fiel ihm plötzlich etwas auf. Da, auf dem Parkplatz vor dem Café. Das war doch der Wagen von seiner Ex-Chefin. Wie oft hatte er ihn in den letzten Jahren gepflegt oder in die Waschstraße gefahren. Nun stand dieses Bonzen-Auto hier geparkt und er fragte sich wo die Besitzerin wohl abgeblieben war. Ihm wurde schlagartig ganz heiß. Sein schwaches Herz machte einen kleinen Hüpfer und all sein Zorn auf diese Frau kam wieder hoch, wie ein halbverdautes Mittagessen. Er schaute auf die Terrasse des Cafés. Hier war sie wohl nicht. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie bei diesem schönen Wetter im Inneren des Gasthauses sitzen würde. Nachdenklich schlug er den Weg Richtung Park ein. Das wäre ohnehin sein Ziel gewesen. Mit dem Brötchen, dass er eigentlich an die Enten verfüttern wollte, in der Hand lief er auf direktem Weg zum See des Parks. Dort, auf einer Bank sah er sie schon von weitem sitzen. Sie bemerkte ihn nicht. Offensichtlich hing sie ihren Gedanken nach. Eine Träne lief ihr auf der linken Wange herunter. Er beobachtete sie eine Weile. In ihm kämpften zwei Geister darum, wie er sich nun verhalten sollte. Der eine sagte: Geh einfach weg! Der andere: Räch dich an der Alten! Er wollte sich schon umdrehen und gehen, als Tina plötzlich in seine Richtung blickte. Nun konnte er nicht mehr so tun als, ob er sie nicht gesehen hätte. Langsam ging er auf die Parkbank, auf der sie saß, zu. Ohne ein Wort gab er ihr sein frisch gewaschenes Stofftaschentuch. Sie blickte ihn dankbar an und nahm es, um damit ihre Tränen abzuwischen. Dann deutete sie ihm mit einer Geste, sich zu ihr zu setzen. Das tat er dann auch und sagte eine Weile gar nichts. Sie eröffnete schließlich das Gespräch. "Ich konnte mich gar nicht mehr von ihnen verabschieden Robin. Sie sind so plötzlich fort gewesen." "Ja, ich weiß" erwiderte er. "Hätten sie vielleicht Lust einen Kaffee mit mir zu trinken?" Was um alles in der Welt hat mich denn da geritten, überlegte er, kaum dass er die letzten Worte ausgesprochen hatte. Wozu sollte es gut sein mit dieser Frau einen Kaffee zu trinken?

Sie überlegte kurz. Warum eigentlich nicht, dachte sie sich. Wir kennen uns nun schon so lange und sie wollte nicht unhöflich oder gar arrogant wirken. Sie willigte ein und schweigend gingen sie Richtung Café. Sie setzten sich an einen der hinteren, weniger einsichtigen, Tische auf der Terrasse, wo sie sich beide einen Kaffee und ein Glas Mineralwasser bestellten. Die Kellnerin kannte Tina noch nicht. Das war auch ganz gut so. Es musste ja nicht jeder im Ort wissen, dass sie hier mit einem anderen Mann saß. Die wenigsten wussten wohl, dass es sich bei ihm um ihren ehemaligen Hausmeister handelte. Eigentlich war ja auch nichts dabei, aber auf Peters Reaktion und auf den Tratsch und Klatsch einiger Neider im Ort konnte sie gut verzichten. Eine ganze Weile saßen sie nur schweigend da. Auch wenn sie hier mit ihm zusammensaß und er ihre Tränen vorhin bemerkt hatte, sie wollte nicht mit ihm über ihre Beziehungsprobleme sprechen. Daher unterbrach sie das Schweigen und erkundigte sich nach seiner Gesundheit: "Was macht ihr Herz Robin? Waren sie schon beim Arzt?"

Schon wieder, dachte er. Ständig versuchten die Mantaris ihn dazu zu bewegen doch endlich einen Arzt aufzusuchen. Sie hatten sogar angeboten einen Termin bei ihrem Hausarzt, Prof. Wollersheimer, für ihn auszumachen. Das war einer der Gründe weswegen er gekündigt hatte. Er konnte schließlich schlecht zugeben, dass er es aus Angst erkannt zu werden, nicht wagte zu einem Arzt zu gehen. In ihm stieg die Wut. Was glaubte eigentlich diese Frau wer sie war, dass sie ihn ständig versuchte zu bevormunden? Selbst jetzt noch, da er nicht mehr ihr Angestellter war. Er war schließlich ein ganzer Mann. Auch wenn sein Herz nicht immer alles mitmachte. Er ließ sich äußerlich seinen Zorn nicht anmerken, aber in ihm brodelte es erneut auf. Er hatte schließlich schon ganz anderen Frauen gezeigt wer er war. Gebettelt hatten sie, um ihr Leben und ihre Freiheit.

Tina bemerkte nicht was in ihm vorging. Er redete ganz normal mit ihr. Auch wenn er um das Thema Arzt herumschlich wie die Katze um den heißen Brei. Es ging sie ja im Grunde genommen nichts an. Er war ein erwachsener, selbständiger Mann und so wechselte sie das Thema und hielt einen einfachen Small-Talk mit ihm. Nach einer Weile entschuldigte sie sich für einen Moment bei ihm. Sie wollte kurz die Toilette aufsuchen und ihr Make-up auffrischen. Er nickte mit dem Kopf und sie verließ die Terrasse in Richtung Gastraum.

Wie automatisch steckte er seine Hand in seine Jackentasche und war selbst erstaunt. Unglaublich. Er hatte es tatsächlich dabei. Die Macht der Gewohnheit. Auch wenn er es schon sehr lange nicht mehr benutzt hatte, aber in seiner Jackentasche war tatsächlich noch das Fläschchen mit den KO-Tropfen.

Er blickte einmal kurz in die Runde. Die Menschen an den wenig besetzten Tischen waren alle damit beschäftigt sich zu unterhalten, zu gestikulieren und ihren Kaffee zu trinken. Kurzerhand griff er nach Tinas Glas. Gekonnt träufelte er einige Tropfen aus seinem Fläschchen hinein und stellte es zurück an seinen Platz. Dann streckte er seine Füße von sich und tat wie ein relaxter Urlauber.

Währenddessen war Tina auf dem Weg zur Toilette des Cafés. Sie blickte sich um. Der Gastraum war leer bis auf einen Tisch, an dem ein Mann in Anzug und Krawatte tief über die Tageszeitung gebeugt, seinen Kaffee trank. Sie betrat die Sanitärräume und ging direkt auf das Waschbecken zu. Während sie ihre Hände wusch, warf sie einen intensiv prüfenden Blick in den Spiegel darüber. Sie hatte Schatten unter den Augen und ihr Make-up hatte ein wenig unter ihren Tränen gelitten. Also griff sie in ihre Handtasche, nahm Lippenstift und Puderdose heraus und besserte es mit ein paar gekonnten Griffen aus. In Gedanken war sie schon längst zu Hause bei Peter. In ihr war in den letzten Minuten ein Entschluss gereift und sie hatte sich vorgenommen sich zu ihm zu setzen und in Ruhe mit ihm über ihre Zukunft zu reden. Vielleicht ließen sich doch noch alle Missverständnisse aus dem Weg räumen und sie konnten wieder unbeschwert in die Zukunft blicken. Sie wollte leertrinken und sich dann höflich von ihrem ehemaligen Angestellten verabschieden und ihm alles Gute für seinen weiteren Weg wünschen, um schnell nach Hause zu fahren.

Mit einem Lächeln der Hoffnung auf ihren Lippen klappte sie den Verschluss ihrer Tasche zu und ging zurück auf die Terrasse. Robin lächelte ihr freundlich entgegen, als sie wieder die Terrasse betrat und auf ihren Tisch zuging. Auch wenn er völlig gelassen wirkte, in seinem Inneren wirbelten die Gedanken wild durcheinander. Sein Adrenalin stieg an und ein böser Plan begann in seinem Gehirn Formen anzunehmen.

Die Kellnerin wunderte sich nur noch, als sie nach draußen kam. Am Tisch direkt neben der Tür saß doch eben noch dieses, gar nicht zueinander passende Paar?!? Sie dachte schon: Nicht schon wieder diese Zechpreller die immer öfter über die Terrassentreppe das Weite suchten ohne zu bezahlen. Da sah sie einen zwanzig Euro Schein unter dem leeren Glas und freute sich, angesichts des Betrages, über das offensichtliche Trinkgeld.

Kapitel 5

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Peter betrat das Krankenzimmer von Tina. Sie lag nicht mehr in ihrem Bett, sondern saß auf einem Rollstuhl direkt daneben. Sie hatte frisch geduscht und wirkte gefasst. Eine Krankenschwester hatte ihr geholfen sich zurechtzumachen. In einigem Abstand hinter dem Professor ging Peter auf sie zu. Schüchtern lächelte sie ihm entgegen. Sie konnte sich erinnern, als sie gestern aufgewacht war, hatte sie dieses Gesicht schon einmal gesehen. Der Professor trat zu ihr und gab ihr die Hand. Er hatte gestern ein langes, ausführliches Gespräch mit ihr geführt und ihr darin erklärt, dass sie unter einem Trauma zu leiden schien, welches der Grund dafür war, dass sie sich an nichts erinnern konnte. Auf die Frage, wer dieser Peter war, der gestern an ihrem Bett saß, hatte er ihr erklärt, dass sie mit diesem Mann verheiratet wäre. Da sie nicht wusste woher sie kam, wer sie war und wo sie nun bleiben sollte, ließ sie alles mit sich geschehen. Der Professor erklärte ihr, dass sie zunächst in eine andere Klinik kommen würde in der man sich intensiv um ihre Genesung kümmern wollte. Durch das lange Liegen waren ihre Muskeln erschlafft und sie brauchte dringend Hilfe beim Aufbau. Sie konnte zwar alleine stehen und ein paar Schritte gehen, fühlte sich daraufhin aber sofort wieder schwach und musste sich setzen. Der Professor entschuldigte sich, verließ den Raum und Peter kam lächelnd auf sie zu "Hallo Tina. Schön, dass du wieder wach bist. Wie geht es dir heute?" "Gut", erwiderte sie nur knapp. Wie sollte sie sich diesem Mann gegenüber verhalten? Das sollte wirklich ihr Ehemann sein? Das konnte sie sich gar nicht vorstellen. Er wirkte so.....ihr fiel nicht ein was für ein Wort sie gedanklich benutzen sollte. Schön, das war das einzige Wort, das ihr einfiel. Wenn das auch nicht unbedingt das Adjektiv war womit man einen Mann bezeichnete, auf diesen Mann traf es zu. Er war elegant gekleidet und wirkte als wäre er einem Katalog für extravagante Herrenmode entsprungen. Der Professor hatte sofort ihr Vertrauen gewonnen. Ein älterer Herr mit grauen, fast weißen Haaren und ruhiger Stimme. Aber das hier war etwas ganz anderes. Man hatte ihr erklärt, dass Peter sie heute in die neue Klinik bringen würde. Sie fragte sich wie sie das aushalten sollte, alleine neben diesem gutaussehenden Fremden in einem kleinen PKW zu sitzen.