Wer die Ruhe stört - Poppy Adams - E-Book
Beschreibung

Zwei ungleiche Schwestern, ein unheimliches Herrenhaus und ein furchtbares Familiengeheimnis Seit Jahrzehnten lebt Virginia allein auf dem großen Familienanwesen im ländlichen England. Bis sich ihre Schwester ankündigt, die sie vor vierzig Jahren das letzte Mal gesehen hat. Virginia Stone hat ihr ganzes Leben auf Bulburrow Court verbracht. Ihre Schwester Vivien dagegen verließ das Elternhaus schon in jungen Jahren. Auch nach dem Tod der Eltern ist Virginia, die sich jahrzehntelang mit großer Leidenschaft der Schmetterlingsforschung gewidmet hat, blendend allein zurechtgekommen in dem großen, heruntergekommenen Herrenhaus. Etwas sonderlich ist sie allerdings schon mit ihrem obsessivem Ordnungssinn, ihrer Ablehnung jeglicher sozialer Kontakte und ihrem Schmetterlingswahn. So ist es nicht verwunderlich, dass sie das plötzliche "Eindringen" von Vivien auf Bulburrow Court reichlich irritiert. Kaum ist die erste Wiedersehensfreude verflogen, verfolgt Virginia misstrauisch jeden Schritt ihrer Schwester. Warum ist sie zurückgekommen? Merkt sie nicht, dass sie Virginias Alltag stört und außerdem unangenehme Erinnerungen heraufbeschwört? Nach und nach kommen immer mehr Details über das tragische Schicksal der Familie Stone ans Licht. Dinge, an die Virginia nicht erinnert werden will. Und schon bald steht für sie fest: Die alte Ordnung muss wieder hergestellt werden - koste es, was es wolle.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:447


Poppy Adams

Wer die Ruhe stört

Roman

Aus dem Englischen von Rita Seuß

Hoffmann und Campe

Für Will Barter

Freitag

1Der Beobachtungsposten

Es ist zehn vor zwei am Nachmittag, und ich warte auf meine kleine Schwester Vivi, die schon um halb zwei hätte eintreffen sollen. Zu guter Letzt kommt sie also nach Hause.

Ich stehe an einem Fenster im ersten Stock, einem steingemauerten Rundbogenfenster, wie man sie aus Kirchen kennt, das Gesicht nah an den bleiverglasten, rautenförmigen Scheiben, und halte Ausschau. Für einen Moment konzentriert sich mein Blick auf das Fensterglas, aus dem mir verschwommen, aber unmissverständlich mein eigenes Auge entgegenstarrt, halb verdeckt von einer widerspenstigen grauen Haarsträhne. Ich bin es nicht gewohnt, mein Spiegelbild zu betrachten, und dieser nackte Blick ins eigene Auge verwirrt mich über alle Maßen, als ahnte ich, dass man über mich richten würde.

Ich ziehe die alte Wolljacke meines Vaters enger um meinen Körper und klemme das eine Ende unter dem Arm fest. Es ist ein Grad kälter geworden, der Wind muss in der Nacht auf Osten gedreht haben. Mittlerweile benötige ich eigentlich kein Barometer oder Hygrometer mehr, ich kann die Veränderung von Luftdruck und Luftfeuchtigkeit spüren, aber um ehrlich zu sein, bringt mich die Beschäftigung mit dem Wetter auf andere Gedanken. Ohne diese Ablenkung wäre ich jetzt schon ein wenig beunruhigt. Sie ist unpünktlich.

Mein Atemhauch beschlägt die Scheibe, und wenn ich die Feuchtigkeit verreibe, sammelt sich das Wasser in schweren Tröpfchen, die an der Scheibe herunterrinnen. Von hier aus kann ich die halbe Strecke der grasüberwachsenen Auffahrt übersehen, die sich zwischen den hohen, skelettartigen Linden hindurchwindet, bevor sie sich dem Blick entzieht und den Hügel hinunter in Richtung East Lodge führt – zur Straße und zur Außenwelt. Wenn ich den Kopf leicht nach links drehe, wird die Auffahrt immer schmaler, die Wipfel der Linden knicken plötzlich ab, verzerrt von den Unregelmäßigkeiten der mundgeblasenen Scheibe. Drehe ich den Kopf ein wenig nach rechts, teilt ein Luftbläschen im Glas die Buchenhecke mitten entzwei. Ich kenne die Eigenarten jeder einzelnen Scheibe. Mein ganzes Leben habe ich hier verbracht, wie vor mir meine Mutter und zuvor ihr Vater und Großvater.

Habe ich schon erwähnt, dass Vivien in ihrem Brief geschrieben hat, es sei eine Rückkehr für immer? Um endlich Frieden zu finden, schrieb sie, damit wir einander für den Rest unseres Lebens Gesellschaft leisten, statt einsam und verlassen zu sterben. Nun, ich fühle mich ganz und gar nicht einsam, und mir ist nicht nach Sterben zumute. Trotzdem bin ich froh, dass sie nach Hause kommt. Froh und auch ein wenig nervös – eine dunkle Vorahnung zieht mir den Magen zusammen. Ich frage mich unwillkürlich, was wir uns nach all den Jahren wohl zu sagen haben werden und, nun ja, ob ich sie überhaupt wiedererkenne.

Eigentlich bin ich kein emotionaler Mensch. Dafür bin ich viel zu – wie soll ich sagen – ausgeglichen. Ich war schon immer die Besonnenere von uns beiden, Vivi war die Abenteurerin. Daher wundert es mich, wie aufgeregt ich jetzt bin.

Sie müsste längst hier sein. Ich werfe einen Blick auf meine Armbanduhr, die Digitaluhr an meinem linken Handgelenk. In ihrem Brief stand ganz ausdrücklich halb zwei, und ich habe mich bestimmt nicht in der Zeit vertan. Ich besitze eine Menge Uhren, damit ich immer genau weiß, wie spät es ist, für den Fall, dass mich mal eine im Stich lässt. Wenn man ganz allein in einem Haus lebt, das man selten verlässt und in dem man noch seltener Besuch empfängt, ist es wichtig, die Zeit im Auge zu behalten. Tut man das nicht, summieren sich ein paar Minuten schnell zu einer Stunde, dann zu vielen Stunden, bis man, wie du dir sicher leicht vorstellen kannst, in einem völlig falschen Zeitgefüge lebt.

Unsere Mutter Maud und ich mussten ständig auf Vivi warten. In der Eingangshalle, bevor es in die Kirche ging, oder am Fuß der Treppe, wenn wir zur Schule wollten und zu ihr hochriefen, sie solle sich beeilen. Jetzt, während ich wieder auf sie warte, fallen mir Bilder aus unserer Kindheit ein, Gesprächsfetzen, Dinge, die meinem Gedächtnis längst entglitten waren: unser erstes Paar Stiefel, hohe schwarze Schnürstiefel, die Vivi für uns ausgesucht hat; die langen Nachmittage in den Sommerferien, als wir den Bach stauten, um Nebenflüsse und Inseln zu schaffen; als wir uns während der Erntezeit in den Laubengang schlichen und Apfelwein tranken, bevor wir ihn den Männern aufs Feld brachten; als wir mit Maud über Clives ungewöhnliche Aufgeregtheit kicherten, wenn ein Sechsfleck-Widderchen mit nur fünf Flecken geschlüpft war; unser Aufbruch ins Internat, als wir einander an den vor Aufregung feuchten Händen hielten, eingezwängt zwischen den Chemikalienflaschen auf dem Rücksitz von Clives Wagen.

Unsere Kindheit verlief so harmonisch, dass ich mich jetzt frage, was es war, wodurch sich alles so grundlegend verändert hat. Es war kein einzelnes Ereignis. Wenn sich Lebenswege trennen, hat das selten nur einen einzigen Grund. Vielmehr verursacht eine Abfolge von Ereignissen eine unaufhaltsame Kettenreaktion, bei der jedes kleinste Glied eine wichtige Rolle spielt, wie bei einer Reihe hochkant aufgestellter Dominosteine. Und der Auslöser dieser Kettenreaktion war, wie ich jetzt glaube, Vivis Sturz vom Glockenturm vor neunundfünfzig Jahren, der sie beinahe das Leben gekostet hätte.

2Der Glockenturm

Als Maud am 19. Oktober 1940 Vivien zur Welt brachte, glaubte ich allen Ernstes, sie hätte gleichzeitig noch zwölf weitere Kinder unterschiedlichen Alters geboren. Ich war knapp drei, und ich erinnere mich, wie sie in einem Kleinbus aus der Klinik nach Hause kamen. Als ich wissen wollte, warum es so viele seien, meinte Maud, wir hätten das größte Haus im ganzen Bezirk, außerdem würden ihr zwei Dienstmädchen und eine Haushälterin bei der Betreuung helfen. Mein Vater Clive sagte mir später, es handele sich um »Evakuierte«, die aus Bristol gekommen seien, um mit uns zu spielen und um die Zahl der Schüler in der Dorfschule von Saxby zu verdoppeln. Ich war überzeugt, Vivi sei eine von ihnen, und als drei Jahre später die schlimmsten Luftangriffe vorüber waren und die Evakuierten alle wieder nach Hause zurückkehrten, konnte ich nicht verstehen, warum die kleine Vivi bei uns blieb.

»Sie ist dein Schwesterchen, Ginny. Hier ist ihr Zuhause«, sagte Maud und drückte uns in der Halle fest an sich.

Ich musterte Vivi eingehend, wie sie in ihrem roten Wollpullöverchen und mit ihren flaumigen, nach allen Seiten abstehenden Haaren dastand und mich aus großen, runden Augen anstarrte. Von dem Moment an betete ich sie an. Zwei weitere Kriegsjahre vergingen, und am Tag der Kapitulation Japans wurde wochenlang gefeiert. Und während sich danach alle in einem reichlich zerstörten Land zurechtzufinden suchten, verlebten Vivi und ich unsere Kindheit, teilten unsere Geheimnisse und unsere Zuckerrationen.

Bulburrow Court ist nicht nur das größte Haus im Bezirk, sondern auch das eindrucksvollste. Inmitten der sanften Erhebungen des ländlichen West Dorset an einem Hang gelegen, überragt es das Dorf mit seinen gedrungenen Häusern. Ein weitläufiger viktorianischer Prachtbau.

Er besitzt vier Stockwerke und vier Flügel. In den Empfangsräumen mit ihren Deckenleisten stehen wuchtige Kamine aus Marmor. Eine breite Eichentreppe schwingt sich majestätisch vom Gewölbe bis hinunter zur holzgetäfelten Halle. Hinter den Speisekammern im rückwärtigen Teil des Hauses – auf der Nordseite – wurde über eine sehr viel schmalere, versteckte Wendeltreppe das Dienstpersonal diskret durchs Haus geschleust. Zur Zeit unserer Geburt lagen die ruhmreichen Tage von Bulburrow Court bereits weit zurück. Ein Jahrhundert zuvor benötigte man für reibungslose Abläufe in Haus und Garten noch zwanzig Bedienstete. Oder sogar mehr, rechnet man die Pächter und Landarbeiter der Umgebung dazu, die ursprünglich alle für das Gut tätig waren.

Das Rote Haus, so genannt wegen des wilden Weins, der im Herbst die Südfront in leuchtendes Rot tauchte, war in unserer Kindheit weniger als prunkvolles Baudenkmal bekannt, sondern ein markantes Wahrzeichen der Gegend. Ein Orientierungspunkt für Urlauber im West Country, eine Sehenswürdigkeit am Rand, überzuckert gleichsam mit gotischer Extravaganz und bekrönt von Zinnen und Türmchen, mit einer Sternwarte, einem Glockenturm und pseudoelisabethanischen Schornsteinen, die sich in spätviktorianischer Vornehmheit und Arroganz über die Gipfel und Täler der weitläufigen Dachlandschaft verteilen.

Der kopfsteingepflasterte Hof auf der Rückseite des Hauses wird von Stallungen und Lagerräumen für Äpfel, dem ehemaligen Melkraum und einem Schlachthaus umschlossen, in dem die Schlachterwerkzeuge immer noch bedrohlich von den Dachbalken hängen. Dahinter befindet sich ein Laubengang, und von da, wo früher einmal Mauds Küchengarten mit den Frühbeeten lag, gelangt man über ein ehemaliges Gemüsefeld und ein kleines Gehölz zum nördlichen Wassergarten. Im Süden führen Wiesen von den terrassierten Gärten hinunter zum Bach, zu den Pfirsichhäusern und dem nietenbestückten Heck eines Halifax-Bombers, der auf unseren Feldern zerschellt war. Es gibt aber auch Dinge, die nur Vivi und ich kannten. Zum Beispiel eine Steineiche, deren Stamm massiv aussieht, aber vollkommen ausgehöhlt ist. Wenn man hochkletterte, konnte man sich ins Innere des Baumes hinunterlassen. Dort wollten wir uns verstecken, wenn die Deutschen kämen.

Bulburrow Court ist seit 1861 im Besitz meiner Familie, und seither, so Maud, konnte keine Generation der Versuchung widerstehen, dem Anwesen ihren Stempel aufzudrücken. Auf diese Weise wurde das Haus zu einem sinnfälligen Denkmal seiner eigenen Geschichte.

»Entweder waren die Viktorianer geschmacklos, oder wir waren äußerst geschmacklose Viktorianer«, pflegte unsere Mutter zu sagen. »Jedes Mitglied unserer Familie ließ hier sein Wappen und dort seine Initialen anbringen und baute sich ein oder zwei Türmchen hinzu.« Und es stimmte: Bei einem Gang durchs Haus sprangen einem Vermessenheit und Geschmacklosigkeit seiner einstigen Bewohner förmlich ins Auge. Der Erste, Samuel Kendal, mit dem illegalen Import landwirtschaftlicher Düngemittel aus Südamerika vermögend geworden (worauf Maud keineswegs stolz war), ließ ein gewaltiges, zwei Stockwerke hohes Buntglasfenster als Hintergrunddekor für die Haupttreppe anfertigen. Es zeigt vier – Maud zufolge frei erfundene – Familienwappen samt schwülstiger lateinischer Wahlsprüche, als entstammte Samuel Kendal tatsächlich der Verbindung von vier bedeutenden Familien. Sein Sohn Anthony, Mauds Großvater, hatte alle Zeit der Welt und das gesamte Geld seines Vaters zur Verfügung und baute an der Ostseite einen Turm zur Sternenbeobachtung. Seit ich denken kann, dient er einer seltenen Kolonie von Fledermäusen aus der Familie der Großen Hufeisennasen als Unterschlupf und hat damit eine weitaus bessere Bestimmung erfahren. Außerdem ließ Anthony seine Initialen überall am Haus anbringen – nach Mauds Ansicht ein kolossaler Fehler, weil man ihn fortan nur als ANK in Erinnerung behielt.

Seither kam nichts mehr hinzu, und vieles ist verfallen. Auch Samuels Vermögen mehrte sich nicht, sondern schwand zusehends, da seine Nachkommen einem sehr viel weniger einträglichen Beruf nachgingen: der Erforschung von Tag- und Nachtschmetterlingen. Somit sind Vivien und ich die direkten Nachkommen einer berühmten Familie von Schmetterlingskundlern, zu denen auch unser Vater Clive gehörte. Die weitläufigen Dachzimmer und ausgedehnten Kellerräume von Bulburrow Court, viele Räume im Nordflügel sowie die meisten Nebengebäude blieben mehr als hundert Jahre lang einzig und allein dem Studium von Lepidopteren vorbehalten. Es gab gazeverkleidete Schlüpfräume, einen Raum zum Aufbewahren der Schmetterlingsnetze, ein Labor, Überwinterungsräume, Räume mit Raupenbehältern und Verpuppungskästen, Vitrinen und eine weltberühmte Spezialbibliothek zur Entomologie.

Drehte sich das Leben der anderen Dorfkinder um Rinder- und Schafzucht oder um die Ernte, wurde unser Jahresablauf vom Lebenszyklus der Schmetterlinge bestimmt. Im Herbst suchten wir stundenlang nach Raupen, im Winter sammelten wir Moos, und die Abende im Frühjahr verbrachten wir damit, mit Netz und Taschenlampe Schmetterlinge anzulocken und zu fangen. An den langen Sommerabenden stellten wir Lichtfallen auf und fütterten Schmetterlinge auf verschwiegenen Lichtungen und ödem Brachland mit Zuckerwasser. Im Frühling hatten wir am meisten zu tun, es war die Zeit der Emergenz, wie Clive es nannte, wenn unsere Zuchttiere in der Gefangenschaft der Dachzimmer aus ihren Winterkokons schlüpften und die Paarungszeit begann.

In Bulburrow Court häuften sich die Besitztümer von vier Generationen: Möbel, Bilder, Bücher und andere Sachen – Gebrauchsgegenstände, Persönliches, Erinnerungsstücke, Briefe, Dokumente und vieles andere mehr. Anhand all dieser Dinge konnte man die Entwicklung des Hauses im Laufe seiner Geschichte verfolgen. An den Wänden materialisierten sich die Sehnsüchte und Ängste seiner Bewohner. Der Stil der Möbel, die Bilder, die Web- und Knüpfteppiche, die Spielsachen in unserem Kinderzimmer, alles kündete von Reichtum, Geschmack und Erfolg der einstigen Besitzer. Das Silbergeschirr und -besteck, das Steingut, die Gobelins, ja sogar das Bettleinen mit seinen Monogrammen für die Nachwelt, die Flecken auf einem Tischtuch, die Risse in den Holzbalken, die ausgetretenen Treppenstufen, die Wehmut eines Ahnen, die unabsichtlich aus den Augen seines Porträtbildnisses sprach. So wurden das Haus und seine Einrichtung nach und nach zu einem Museum der Kendals, ein platzangsterzeugender Tribut an eine Dynastie.

Besucher blieben nicht lange im Ungewissen über die Profession der Familie und ihre herausragenden Leistungen. Die Eichenholztäfelung der Halle war fast lückenlos behängt mit gerahmten Fotografien, Briefen und Belobigungen, Ehrenmitgliedschaften in entomologischen Gesellschaften und Zeitungsausschnitten (»Größter Schmetterling Asiens«, der Fund eines Experten aus Dorset). Besonders stolz stellte man Bilddokumente über Begegnungen mit Mitgliedern des Königshauses zur Schau oder über die Entgegennahme immer neuer Auszeichnungen.

Zentrales Ausstellungsstück der Vitrine im Salon war das Schwarzweißfoto von ANK, aufgenommen im tiefsten Urwald: ein gediegener Herr mit schräg aufgesetzter, blitzsauberer Tellermütze, umringt von dreckverschmierten einheimischen Trägern. Er hält ein Brett mit rund zweihundert genadelten Schmetterlingen, unserer Vermutung nach jene Blauen Saphire, die er eigenen Aufzeichnungen zufolge 1898 in Peru gesammelt hatte. Daneben, gleichsam im ewigen Wettstreit, ein Foto meines Großvaters Geoffrey. Während einer international gefeierten Schmetterlingsexpedition im Himalaja schüttelt er dem König von Mustang feierlich die Hand. Hinter ihm strahlt sein junger Assistent in die Kamera und hält ein Spannbrett und eine riesige Flasche mit Tötungsflüssigkeit trophäengleich in die Höhe.

An den Wänden hingen gerahmte Präparate: Incatua molleen aus Brasilien, groß wie eine Kinderhand, ausgebleicht, zerfranst und leblos; ein Insektenkasten mit allen bekannten brasilianischen Arten der Gattung Ordensbänder, nicht identifizierbar ohne das tabellarische Verzeichnis darunter; sie wurden präpariert und genadelt zu einer Zeit, da man noch nicht wusste, wie man die Farben mit Ammoniak fixiert. In der nächsten Vitrine etikettierte Raupenhäute; White & Sons, der Name des berühmten Herstellers von Sammlungskästen, ist auf den Mahagoniholzdeckel geprägt. Die Häute sorgfältig durchstochen und aufgeblasen, anschließend über einem Bunsenbrenner getrocknet, sodass sie pergamentartig steif wurden. An den Wänden und in verglasten Mahagonischränken gab es noch weitere, größere Insekten aus aller Welt zu sehen: eine vogelfressende Tarantel, eine riesige australische Kakerlake, ein Skorpion aus Atacama, ausgewiesen als Geschenke anderer berühmter Entomologen der viktorianischen Zeit. Alles zusammen vermittelte den Eindruck, dass meine Familie die Natur nicht geliebt, sondern sämtliche Winkel der Erde durchstreift hatte, um jedes bedauernswerte Insekt, das ihnen über den Weg lief, zu töten und aufzuspießen. Maud fand die Schaukästen abstoßend, Clive fand sie überflüssig, aber keiner von beiden räumte sie weg.

Maud hatte dem Museum ihre eigene kleine Ausstellung hinzugefügt. Sechs gerahmte Fotos unserer Familie standen auf einem Beistelltisch im Salon hinter dem Sofa. Eines zeigte Maud und Clive als junges Paar in einer fremden Stadt, vielleicht Paris. Sie umarmen sich auf einem Balkon, hinter ihnen das Abendlicht, und sie haben nur Augen füreinander. Das Foto muss vor dem Krieg entstanden sein, noch vor meiner Geburt. Maud trägt ein hübsches Kleid mit Pfauenmuster. Das Kinn vorgereckt, biegt sie den Oberkörper glückselig zurück, während Clive die Arme um ihre Taille geschlungen hat und ihr behutsam Halt gibt. Dann dieses Foto von mir als Baby; ich bin so gut eingepackt, dass beinahe nichts von mir zu sehen ist. Neben der Sonnenuhr auf der oberen Terrasse halten Maud und Clive das Bündel zwischen sich. Es fällt Schnee, schwer lastet er auf den Tannenzweigen über uns, und da, wo Flocken auf die Linse trafen, ist das Bild verschwommen.

Die meisten Besucher behielten Bulburrow Court vor allem als einen kalten Ort in Erinnerung. Es war zu einer Zeit gebaut worden, da die riesigen Räume mit ihren hohen Decken und Erkerfenstern nur warm gehalten werden konnten, wenn die Dienstboten, deren Zahl größer war als die der Familienmitglieder, unablässig heizten. Nach dem Krieg jedoch war Maud der Meinung, dass wir uns nicht mehr als eine Hilfe für das Haus und zwei für den Garten leisten könnten. Also wurden unsere Dienstmädchen Anna Maria und Martha Jane (zwei von neun Schwestern aus Little Broadwindsor) nach Hause geschickt. Nur Vera blieb bei uns. Vera, unsere Haushälterin.

Sie arbeite nicht etwa im Haus, sagte Vera, vielmehr sei sie ein Teil davon wie die Haupttreppe oder der Geräteschuppen. Sie redete nicht besonders viel, war aber ein interessantes Studienobjekt. Sie hatte drahtiges graues Haar und lebte schon so lange, dass ihr Körper zusehends schrumpfte, während ihre Nase immer größer und röter und knolliger wurde. Vivi meinte, Veras Nase sauge ihr das Leben aus dem Körper, nur um selbst immer weiterwachsen zu können. Ab und zu tauchte ein neuer kleiner Höcker darauf auf oder ein graues, zwei, drei Zentimeter langes Haar, das da nicht hingehörte und über Nacht entstanden sein musste. Maud lachte, wenn Vivi solche Beobachtungen zum Besten gab – Vivi brachte sie immer zum Lachen –, gab uns aber zu verstehen, sie würde wirklich sehr, sehr böse, sollten wir es wagen, dergleichen zu Vera persönlich zu sagen, denn schließlich sei es »ein Leiden«. Veras Gesicht schien sich unablässig zu verändern, vielleicht abhängig vom Wetter, vielleicht von dem, was sie tags zuvor gegessen hatte.

Das wenige Personal kam nur deshalb zurecht, weil die Größe des Hauses im Verlauf des Jahres variierte – es war ein ständiges Sich-Ausdehnen und Sich-Zusammenziehen, wie bei einer Lunge. In den bitterkalten Winterwochen sperrten wir die äußeren Räume ab und zogen uns ins innerste Refugium zurück: in das Zentrum des Hauses mit Küche, Arbeitszimmer und Bibliothek. Räume, die wir kontinuierlich beheizen konnten.

Vivi und ich waren unzertrennlich. Wenn sie zum Spielen hinunter an den Bach ging oder auf dem Hügelkamm Pilze suchte, Eicheln für die Schweine des Bauern sammelte, die für Most bestimmten Äpfel drehte oder im Nachbardorf auf Raubzug ging – was auch immer sie unternahm, ich begleitete sie. Unsere Eltern sahen es gern, dass wir zusammen waren. Manchmal vergewisserte sich Maud, wenn sie eine von uns allein weggehen sah. »Hast du Ginny dabei?« oder »Ist Vivi bei dir?«, rief sie dann aus einem der Fenster im oberen Stock. Und wenn sie entdeckte, dass Vivi ohne mich loszog, rief sie sie zurück, selbst wenn ich gar nicht mitwollte. »Nimmst du bitte Ginny mit?«, und ich hatte das Gefühl, Maud zuliebe mitgehen zu müssen. Vivi war immer die Anführerin, obwohl sie die Jüngere war. Sie hatte einen Plan und einen Notfallplan und war für alles gerüstet. Und ich war an ihrer Seite und folgte ihr auf Schritt und Tritt.

Als wir an jenem Tag zum letzten Mal den Glockenturm hinaufstiegen, war der Vorschlag natürlich von Vivi gekommen. Sie war acht, ich war gerade elf Jahre alt geworden. Wir kletterten nach dem Frühstück hoch, jede mit einer Scheibe Toastbrot in der Hand, die wir vom Frühstückstisch mitgenommen hatten, großzügig bestrichen mit der berühmten Loganbeerenmarmelade unserer Mutter. Der Turm war Vivis Lieblingsort.

»Wir gehen mal Vera fragen, ob sie die streunende Katze gesehen hat, die wir gestern gefüttert haben«, sagte Vivi am Tisch zu Maud.

»Mit eurem Toast?«, fragte Maud.

»Nein, den essen wir vorher«, sagte Vivi, während wir aus der Küche liefen.

»Siehst du? Hab ich dir nicht gesagt, dass es funktioniert?«, frohlockte meine kleine Schwester, als wir die zweite Speisekammer erreicht hatten, ohne zurückgerufen zu werden. Von der zweiten Speisekammer, wo Maud ihren Käse lagerte, das Fleisch aufhängte und die Zierkürbisse trocknete, ging die geheime Hintertreppe ab. Auf halber Höhe befand sich eine niedrige Eichentür, bei der sogar ich als Elfjährige den Kopf einziehen musste. Man steckte den Zeigefinger durch ein Loch in der Tür, um den Riegel auf der anderen Seite anzuheben. Dahinter führte eine steile Eichentreppe nach oben. Sie war unbeleuchtet; nur durch einen Schacht fiel etwas Tageslicht herein, ein schmaler Lichtbalken aus wirbelndem Staub. Ein magischer Ort für ein Kind wie Vivi, überhaupt für jedes normale, phantasiebegabte Kind. Ganz oben, im Freien, war eine hölzerne Plattform mit niedriger steinerner Brüstung.

Der Turm hatte ein spitzes Holzdach mit limettengrün bemalten Streben, unter dem eine schöne, zierliche, schwarz angestrichene Messingglocke hing. Ein dickfaseriges, rot-weiß gestreiftes Seil, das Ähnlichkeit mit einem Riesenstück jener Zuckerstangen hatte, die wir von den amerikanischen Soldaten bekamen (sie nannten es candy), war über einen Messinghaken mit der Glocke verbunden. Das Seil war zu dick, um es mit einer Hand zu umfassen. Es verschwand durch ein Loch in der hölzernen Plattform und endete im Erdgeschoss hinter den Speisekammern. Auf dieser Plattform, unter dieser Glocke in unserem kleinen Turm, war für zwei Kinder gerade Platz genug zum Träumen.

In Wirklichkeit war es Vivi, die träumte, und ich diejenige, die ihr verzückt zuhörte, denn ich wusste sehr wohl, diese Gabe war ihr vergönnt, nicht mir. Hierher zogen wir uns zurück, wenn Vivi ein neues Abenteuer aushecken oder einen neuen Plan schmieden wollte. Ganz selten steuerte ich eine bescheidene Idee bei, und noch seltener griff sie sie auf, um Ordnung in ihre wirren Gedanken zu bringen. Dann überkam mich ein leises Triumphgefühl.

Vivien stammte aus einer Welt der Phantasie, die mit der meinen nicht das Geringste zu tun hatte. Als Gott Vivi schuf, so stellte ich es mir vor, öffnete er mir ein Fenster, durch das ich die Welt auf andere Weise sehen konnte. Sie ging nur ihren Träumen und Phantasien nach, in unserem Haus oder im Wald hinter dem Haus oder auf dem viereinhalb Hektar großen Wiesenland, das sich bis zum Bach hinunter erstreckte. Sie verbrachte Stunden damit, ihr – und mein – Leben sorgfältig zu planen.

»Ginny«, so fing sie stets an, »du musst schwören, Hand aufs Herz, es niemandem zu sagen.«

»Versprochen«, erwiderte ich. Ich legte die rechte Hand auf mein Herz und meinte es ernst.

Ich wurde meiner Schwester nie überdrüssig, und ich ergriff stets ihre Partei, sogar gegen Maud. Vivi verstand es, unsere Mutter zum Lachen zu bringen, aber sie wusste auch, wie sie sie ärgern konnte. (Ich habe nie mit Maud gestritten, aber auch selten mit ihr gelacht.) Wenn Vivi mit unserer Mutter gestritten hatte, stürmte sie wutentbrannt davon, und Maud schickte mich zu ihr, um sie zu trösten. Oft schluchzte sie mit solcher Hingabe, dass ich tatsächlich glaubte, schon die geringste Kleinigkeit bringe sie zur Verzweiflung und treffe sie tief ins Mark. Als Kind hatte sie ihre Gefühle nicht im Zaum und war entweder himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt.

Wäre ich nicht dabei gewesen, hätte ich im Glockenturm nicht neben ihr gekauert, ich hätte womöglich geglaubt, sie wäre gesprungen. Aber ich sah zu, wie sie sich auf den riesigen, sichelförmig geschwungenen Stein hockte, Teil der niedrigen Brüstung, die um die Plattform verlief. Für Vivi ein unwiderstehliches Plätzchen. Dort machte sie es sich mit dem Toastbrot in der flachen Hand gemütlich. Ich weiß noch, dass ich zu ihr sagte, sie solle lieber von da vorn weg, es sehe ziemlich gefährlich aus. Und in dem Moment, als sie sagte: »Ach Ginny, sei doch nicht so lang-wei-lig«, flog ein Schwalbenpaar, das zwischen den Dachtraufen nach einem Nistplatz suchte, unter Vivis kleinem Vorsprung hervor. Mein Herz machte lediglich einen Satz, Vivi aber muss vor Schreck das Gleichgewicht verloren haben. Ich sah sie nach dem Toastbrot greifen, das durch die Luft flog und ihr entglitt wie ein Stück Seife im Bad. In diesen langen Sekunden schien ihr das Toastbrot das Allerwichtigste; dass sie das Gleichgewicht verlor, schien ohne Belang. Nie habe ich den Schrecken in ihren Augen vergessen, als ihr klar wurde, dass sie fiel – eine Szene, die ich seither in tausend Albträumen nacherlebt habe. Ich sah nicht, wie sie nach der Glocke griff, aber sie muss im Fallen die Hand nach ihr ausgestreckt haben, weil es bimmelte und mir das Echo dieses Glockenschlags – ein bedeutungsschwerer Nachhall – seither in den Ohren klingt. Ich schaute über die Brüstung hinunter, aber sah sie nicht drei hohe Stockwerke tiefer am Boden liegen, wie ich es erwartet hatte. Sie hing reglos über den Zinnen des Portals. Später hieß es, der Algenwuchs jener ersten warmen Frühlingstage hätte den Rand der Steinbrüstung besonders schlüpfrig gemacht.

Seltsamerweise starb sie nicht. Oder besser gesagt, sie starb und kehrte wieder ins Leben zurück. Zwei Sanitäter in rotschwarzen Jacken schafften ihren schlaffen, kleinen achtjährigen Körper, in dem so viele Pläne für unsere Zukunft steckten, auf einer Trage über eine Holzleiter nach unten. Ich ließ sie nicht aus den Augen, und ich erinnere mich genau an den Moment, da sie starb: Während sie auf der Trage lag, sah ich, wie ihre gesamte Zukunft den Überlebenskampf aufgab und entwich, und spürte gleichzeitig meine eigene Zukunft zu einem toten und ereignislosen Vakuum zusammenschrumpfen.

Mir kam es viel länger vor, aber Maud meinte, es habe nicht mehr als eine Minute gedauert, sie zurückzuholen. Sie wurde vor dem Haus von den Sanitätern wiederbelebt. Ich stand in der Auffahrt und sah ihnen zu, als Maud mit fliegender Röte im Gesicht auf mich zustürmte und verzweifelt an meinem Arm zerrte. Ihre übliche Ruhe und Gelassenheit war blankem Entsetzen gewichen. Sie beugte sich leicht vornüber, als müsste sie sich gleich übergeben, das Haar wild zerzaust, der Blick von auswegloser Verzweiflung.

»Sag mir, was passiert ist«, drängte sie. Ich schwieg. Ich starrte auf die Hortensie, die sich mit ihren holzigen, rissigen und zerfasernden Ästen am Portal hochrankte. Ohne die frischen Knospen hätte man meinen können, die Pflanze wäre abgestorben. Ich hatte Maud schon geschildert, wie Vivi den Turm hinuntergefallen war, wie sie versucht hatte, ihren davonfliegenden Toast zu fangen.

»Ginny, Liebes«, schluchzte sie, schlang ihren Arm um meine Hüfte und zog mich sanft zu sich heran, ihre Wange fest an meine gepresst, ihr Mund an meinem Ohr. »Ich hab dich lieb«, sagte sie in eindringlichem Flüsterton, und ich wusste, es stimmte. »Ich hab dich lieb, und ich mache dir keine Vorwürfe, ich will nur die Wahrheit wissen.« Ich spürte, wie sie am ganzen Körper zitterte, wie ihre Tränen unsere Wangen aneinanderklebten. Diese erbarmungswürdige Person war nicht meine Mutter, die uns so viel Kraft schenkte. Ich stand stocksteif und dachte an meine nasse Wange. Ich spürte, wie Maud zitterte, und versuchte zu verstehen, zu ergründen, wofür sie mir keine Vorwürfe machte.

Im nächsten Augenblick kam Clive auf uns zu, er hatte geholfen, Vivi in den Krankenwagen zu heben. Schon von weitem suchte er meinen Blick und erkannte meine Verwirrung darüber, dass Maud sich an mich klammerte. Er beugte sich über mich und drückte mir einen Kuss auf die Stirn, während er Mauds Hände von meiner Hüfte löste.

»Komm, wir fahren«, sagte er und zog Maud an sich, legte ihren Arm um seinen Körper und führte sie zum Krankenwagen.

Als sie an jenem Nachmittag von der Klinik nach Hause kamen, wussten sie noch nicht, wie Vivis Chancen standen. Clive führte Maud in die Bibliothek, um ihr einen Drink zu machen, den sie in kritischen Momenten immer nötig hatte. Ich ging ihm beim Einschenken zur Hand. »Mach den Schrank auf und hol ein Glas heraus – nein, nicht das, das kleine. Siehst du die Flasche mit der Aufschrift ›Garvey’s‹?« Ich fand sie und legte meinen Finger darauf. »Das ist er, der beste alte Amontillado. Mutters Sherry.« Danach hielt ich mich von meinen Eltern fern, aber als ich später oben im Korridor an ihrem Schlafzimmer vorbeiging, hörte ich, wie sie sich stritten. Meine Mutter schluchzte.

»Es ist alles meine Schuld. Ich dachte, wir könnten eine normale Familie sein.« Sie war hysterisch.

»Wir sind eine normale Familie. Hör auf, solche voreiligen Schlüsse zu ziehen«, hörte ich Clives sanfte Stimme.

»Ihre Schwester liegt im Sterben … Und sie weint nicht einmal … Sie hat dagestanden und die Sträucher angestarrt.« Mauds Stimme klang schneidend scharf. »Es muss etwas geben …«

»Reiß dich zusammen«, fuhr Clive dazwischen, in einem Ton, der mir ganz fremd war, nicht unfreundlich, aber entschlossen, ja herrisch. »Spar dir deine Hysterie, solange du nichts sicher weißt.«

Ich wusste, dass es um mich ging und Maud sich über irgendetwas ärgerte, das mit mir zu tun hatte, aber ich hatte keine Ahnung, was es war.

Eine halbe Stunde später, als ich mich in der Küche gerade neben Basil, unsere betagte Dänische Dogge, an den Holzofen drängte, hörte ich, wie der Türklopfer betätigt wurde: ein Ziegenkopf aus Messing. Ich öffnete, und Dr. Moyse, unser Hausarzt aus Crewkerne, begrüßte mich überschwänglich.

In der Außenwelt war Dr. Moyse derjenige, der unser größtes Vertrauen genoss. Er hatte drei unserer Evakuierten von Diphtherie geheilt, er hatte Vivi und mich behandelt, als wir Keuchhusten hatten, er hatte für Clives Gicht eine Medizin gefunden. Aber anscheinend hatten alle vergessen, dass es ihm nicht gelungen war, mich von den vier Warzen auf meinen Fingerkuppen zu befreien, auf denen herumzukauen ich mit acht angefangen hatte. Am Ende ätzte Clive mir die Warzen mit flüssigem Nitroglyzerin weg.

Der Arzt war bei den Dorfkindern ausgesprochen beliebt, er kutschierte sie in seinem weißen Kabriolett herum und erzählte ihnen blutrünstige Geschichten, während er seine Pfeife schmauchte. Er war Mitte dreißig und unglaublich groß und schlaksig. Selbst in unserem Haus musste er bei den meisten Türen den Kopf einziehen, und im Stehen hielt er sich immer leicht gebeugt. Wenn er mit Kindern redete, ging er in die Hocke. Er war ein blonder Krauskopf und trug eine runde, randlose Brille und über der Schulter einen Arztkoffer mit Riemen wie bei einer Sporttasche. Beim Gehen holte er schwungvoll aus, als hätte er soeben eine gute Nachricht erhalten. Aber ich fühlte mich unwohl in Dr. Moyse’ Gesellschaft. Er erkor mich zu kürzeren oder auch längeren Gesprächen aus; dann legte er seine lässige Art ab und wurde ernst, als gewährte er mir das Privileg, ihn ins Vertrauen zu ziehen. Ich sollte keinen Zweifel haben, dass er auf meiner Seite stand. Maud duldete kein böses Wort über ihn, und er war wohl tatsächlich sehr nett. Aber so geduldig und freundlich er auch sein mochte, mir ging er auf die Nerven. Wenn er mich aufgespürt hatte, stellte er mir dumme Fragen, selbst wenn ich gerade in irgendetwas anderes vertieft war. Wie gewöhnlich hatte ich auch an diesem Tag keine große Lust, mit ihm zu reden.

»Ginny«, sagte er. »Ich bin gekommen, so schnell ich konnte.« Ich sagte nichts. Ich hatte ja gar nicht gewusst, dass er kommen würde. Ich machte die Tür auf und ließ ihn an mir vorbei ins Haus. In Gedanken war ich immer noch mit der Frage beschäftigt, warum Maud böse auf mich war. »Deine Mutter wollte mich sprechen«, sagte er, um zu verdeutlichen, warum er gekommen war. »Gibt es etwas Neues aus dem Krankenhaus?«

Ich schüttelte den Kopf. »Maud ist oben«, sagte ich.

Ich ließ ihn in der Halle stehen und ging in die Bibliothek. Im Kamin knisterte und zischte ein Feuer. Die Wespen, Schmetterlinge und Grillen, mit denen die geflieste Einfassung zart bemalt war, wurden von den flackernden bernsteingelben Flammen zum Leben erweckt. Ich setzte mich auf die glatte Fensterbank aus Eichenholz und sah hinunter ins ferne Tal, das von der niedrigstehenden Sonne in Rot getaucht war, und auf die hübschen Terrassen, die im Schatten des Hauses lagen. Die niedrigen Buchshecken, im Sommer kunstvoll geschnitten, konnte man gerade noch erkennen, aber die Steinstufen verloren sich in dem zerzausten Weideland, wo in ein paar Monaten seltene Wiesengräser stehen würden, die Maud gesät hatte. Basil tapste hinter mir her, seine ungeschnittenen Krallen klickten auf dem Parkett. Er legte seine Schnauze in meinen Schoß, und seine Backen waren kalt und nass, weil er aus dem Wassernapf getrunken hatte. Von unten sahen mich seine Augen, die ihm wie bei einem Alligator auf dem Kopf saßen, blinzelnd und eindringlich an, und ich stellte mir vor, dass er mich anflehte, glücklich zu sein. Ich streichelte ihm den Kopf, und sein Schwanz klopfte dankbar gegen die Fensterbank, gleichmäßig wie ein Metronom.

Maud hatte mir erzählt, dass wir nach meiner Geburt einen Monat lang eingeschneit waren. Sechs Tage und sechs Nächte war Schnee gefallen, er reichte bis zu den Fenstersimsen im Erdgeschoss. Maud sagte, wenn man hier auf der Fensterbank saß und auf das Bulburrow-Tal hinausblickte, habe es den Anschein gehabt, das Haus hätte sich gesenkt. Die Hecken auf der Südterrasse hätten ausgesehen wie am Boden verstreute, abgeschnittene Zweige, und die den Brunnen krönende steinerne Gans, die Hals und Schnabel in die Luft streckte und Wasser spie, habe den Eindruck vermittelt, als schaffte sie es gerade noch, den Kopf über dem Boden zu halten, und ringe verzweifelt nach Luft. Diese Wetterverhältnisse bei meiner Geburt hatten offensichtlich meine Wesenszüge bestimmt. Maud meinte, sie wären der Grund für meine ausgeprägte Häuslichkeit.

»Kann ich reinkommen?« Dr. Moyse stand in der Tür zur Bibliothek. Basil tapste zu ihm und beschnüffelte ihn freundlich, hielt sich dicht am Boden und wedelte unterwürfig; er wollte es sich mit keinem verderben.

»Nein«, sagte ich, und es war mein voller Ernst, auch wenn ich wusste, dass es keine höfliche Antwort war. Ich drehte mich wieder zum Fenster, hauptsächlich, um meiner eigenen Grobheit den Rücken zu kehren und den Problemen auszuweichen, die sie mir einbringen würde. Aber der Arzt beachtete mich nicht weiter, er trat schweigend ein und tat, als studierte er die Reihen der Buchrücken, als betrachtete er die Galerie der Bilder, bei denen es sich in erster Linie um satirische Skizzen aus viktorianischen Zeitschriften handelte: Männer, die in Zylinder, schwarzem Trenchcoat und Gummistiefeln querfeldein staksten, in einem Moor Insekten jagten oder sich gefährlich weit aus schnellfahrenden Zügen lehnten, ein überdimensionales Netz in der einen und eine Flasche Gift in der anderen Hand – Reminiszenzen an eine Zeit, als die Schmetterlingsjagd eine ausgesprochen populäre Freizeitbeschäftigung war und ganze Zugladungen von Londonern an den Wochenenden aufs Land strömten, um Schmetterlinge zu fangen.

»Hübsch, nicht?« Er stand neben mir am Fenster, als berechtigte ihn die Tatsache, dass er die Aussicht mit mir teilte, zum Austausch von Vertraulichkeiten. Er tat, als stünde er rein zufällig hier neben mir, und blickte mit beiläufiger Gleichgültigkeit hinaus.

»Mach dir keine Sorgen, Ginny. Ich bin sicher, dass es ihr bald wieder gutgehen wird«, sagte er und nutzte die Gelegenheit, seine Hand plump auf meine Schulter zu legen. Ich drehte mich zum Feuer und war sofort wie gebannt von den gleißenden Flammen, die zwischen den Scheiten loderten. Sie ächzten und zischten, weil Vera sie wieder einmal vom diesjährigen und nicht vom letztjährigen Holzstoß genommen hatte.

»Wem?«, sagte ich und dachte an Maud, die oben vor Wut schäumte.

»Wem?«, wiederholte er erstaunt. Er zog seine Hand zurück, als wäre ich siedend heiß, und ging vor mir in die Hocke. Er suchte meinen Blick. »Ist dir klar, dass Vivien im Krankenhaus liegt und es ihr sehr schlechtgeht?«, sagte er herablassend. Als wäre ich schwachsinnig.

»Ja, ich weiß«, sagte ich leicht gereizt. »Ich dachte nur … Ach, ist egal.« Ich hätte es ihm nicht in verständlicher Weise erklären können. Wenn erst einmal jemand überzeugt ist, dass du etwas ganz Bestimmtes meinst, wird es dir nie gelingen, seine Ansicht zu ändern. Aber wie konnte er so sicher behaupten, dass es ihr »wieder gutgehen« würde? Er hatte sie doch weder gesehen noch mit dem Krankenhaus gesprochen.

Dr. Moyse sah mich mit äußerst bekümmerter Miene an. »Nein, nur zu, du kannst es mir ruhig erzählen. Du und ich, wir sind doch Freunde, Ginny.« Das sagte er immer: »Du und ich, wir sind doch Freunde.« Ich war nicht seine Freundin, und ich wollte nicht mit ihm reden. Es erschien mir viel zu kompliziert, ihm irgendetwas zu erklären.

»Ich hab’s vergessen«, log ich.

»Wir stehen alle auf deiner Seite, das weißt du, Ginny. Aber manchmal musst du uns auch ein bisschen helfen«, sagte er. Ich wusste nicht, was er meinte. Dann wollte er wissen, ob ich mich ärgerte über das, was geschehen war, wie es mir damit ging und ob ich auf Vivien oder meine Eltern böse sei. Er stellte mir weitere höchst merkwürdige Fragen, und ich hätte ihm am liebsten geantwortet, dass der einzige Mensch, der mich wütend machte, er war. Konnte er mich denn nicht in Ruhe lassen? Ich weiß, Dr. Moyse war ein guter Mensch, immer bemüht, das Beste zu tun, aber manchmal hatte ich das Gefühl, er wollte mich verhören – was ich über dies und das dachte und so dummes Zeug; ob ich jemals Rachegefühle gehabt hätte. Mit Vivi machte er das nie. Am Ende sagte ich ihm, dass ich überhaupt nichts empfinden würde. Ich hatte herausgefunden, dass ich damit seinen Redefluss am schnellsten beenden konnte. Darauf fiel ihm nichts mehr ein.

Am späteren Abend durchschnitt das Klingeln des Telefons die Stille im Haus. Clive nahm ab.

»Crewkerne zwei fünf eins«, sagte er. Er streckte das Kinn vor, wie er es immer tat, und strich sich über den dichten, kurzgeschnittenen Vollbart, der seinen ganzen Hals bedeckte und in die aus seinem Hemd hervorsprießenden Haare überging. Seine Fingernägel kratzten gegen den Strich über die Bartstoppeln. Und dann hörten wir ihn sagen: »Danke, Vermittlung, stellen Sie zum Krankenhaus durch.«

Ich spürte meinen Herzschlag, während Maud und ich ihn anstarrten und in seiner unergründlichen Miene vergeblich nach einer Antwort suchten. Aber sein Gesicht, das zu einem Gutteil vom Bart verdeckt war, verriet nichts, und seine Hand bewegte sich langsam und gleichmäßig über die Wange, scheinbar unbeeindruckt von dem, was ihm mitgeteilt wurde.

»Die gute Nachricht ist, dass es Vivien bessergeht. Sie wird wieder gesund.« Clives Stimme klang nüchtern und sachlich. »Sie steht unter ständiger Beobachtung, aber der Arzt ist zuversichtlich, dass sie es schaffen wird.«

Meine Welt erfüllte sich wieder mit Leben, nicht zuletzt deshalb, weil Mauds Verärgerung über mich sich bald im Gewirr der Familienerinnerungen verlor. Als wir später von einem Besuch bei Vivi im Krankenhaus zurückkehrten, schien es, als hätte sie niemals solche Gedanken gehegt. Sie umarmte mich und sagte mir, wie glücklich sich Vivien schätzen könne, eine so liebevolle große Schwester zu haben. Maud hatte recht. Ich habe Vivi immer geliebt, auch in all den Jahren, in denen sie fort war. Und ich werde sie immer lieben, ganz gleich, was passiert.

 

Was Vivi in dem Frühjahr, als sie vom Glockenturm fiel, verlor, war – zu ihrem großen Glück (wie sie ständig zu hören bekam) – nicht ihr Leben, sondern ihre Fähigkeit, Kinder zu bekommen. Sie war von einer Eisenstange der Balustrade aufgespießt worden, die einst das Portal säumte. Maud sagte, früher sei dort einmal ein Balkon gewesen, den man vom Korridor im ersten Stock betreten konnte, und das Fenster, von dem aus ich gerade Ausschau halte, war die Tür, die zu diesem Balkon führte.

Vivien hatte einen Gebärmutterriss erlitten, und durch eine Infektion entzündeten sich ihre Eierstöcke, sodass ihr eine Woche nach dem Sturz sämtliche Fortpflanzungsorgane herausoperiert werden mussten. Sonst wäre sie gestorben. Es beschäftigte sie nicht weiter. Gern erzählte sie allen möglichen Leuten, sie sei schon einmal tot gewesen, oder sie nannte die Anzahl der Wochen, Monate oder Jahre seit dem Unfall, bei dem sie »fast gestorben« wäre. Mrs Jefferson aus dem Dorf versicherte ihr, es habe seine Gründe, dass sie verschont worden sei, und in ihrem späteren Leben würde sie früher oder später eine »Berufung« verspüren. Und Mrs Axtell fragte Vivi beharrlich darüber aus, was sie gesehen habe, gewissermaßen als Vorgeschmack auf die Ewigkeit. Später dann, in der Schule, beeindruckte sie ihre Freundinnen mit Geschichten darüber, was für ein Gefühl es gewesen sei, zu sterben. Keine von ihnen kannte jemanden, der schon einmal tot gewesen war. Und als Vivi herausgefunden hatte, dass sich sämtliche Eizellen einer Frau bereits bei der Geburt in ihren Eierstöcken befinden, verkündete sie Mauds Gästen am Mittagstisch, sie habe all ihre Kinder verloren.

Doch Vivi war selbst noch ein Kind. Sie wusste noch nichts von dem weiblichen Bedürfnis, ein Neugeborenes in den Armen zu halten, seine Hilflosigkeit zu spüren und zu begreifen, dass dies allein das Leben ausmachte und sonst nichts zählte. Ich wusste genauso wenig darüber, und so erfasste weder sie noch ich die ganze Tragweite ihres Unfalls. Wir wussten nur, dass sie unglaubliches Glück gehabt hatte.

3Vivien, ein Hündchen und die verschwundenen Möbel

Das hohe Bogenfenster am Ende des Korridors im ersten Stock, an dem ich noch immer auf Vivi warte, ist mein Ausguck, mein Beobachtungsposten. Es mag seltsam klingen, aber manchmal stelle ich mir vor, das Haus sei mein Schiff und ich der Kapitän, und hier stehe ich am Ruder und überwache Kurs und Ziel. Ich beobachte, wer sich dem Haus nähert, wer seinen Hund auf dem Fußweg den Hügel hinauf spazieren führt und was sich auf der Straße tut, die vom Hügel herunterkommt. So weiß ich zum Beispiel, dass jeden Tag um acht Uhr morgens die Frau aus dem East Lodge – ich weiß nicht, wie sie heißt – mit ihrem Collie den Hügel hinaufläuft. Manchmal, nicht oft, schaut sie in meine Richtung, wenn sie auf dem Wegstück ist, wo ihr das Haus ins Blickfeld kommt, aber sie weiß nicht, dass ich sie beobachte – ich ziehe mich rechtzeitig hinter die Säule zurück. Ich habe das Gefühl, von diesem Kapitänsposten aus alles unter Kontrolle zu haben: Ich sehe, was ich sehen will, und niemand sieht mich.

Es gibt zwei weitere strategische Beobachtungsstände. Von meinem Schlafzimmerfenster aus habe ich die Kirche, den Briefkasten an der Mauer gegenüber, die Straße zum Pfarrhaus und das geschäftige Treiben auf dem Hof von Bauer Peverill im Blick. Vom Badezimmer aus schaue ich direkt nach Süden auf den Bach und die Pfirsichhäuser dahinter und die Stallungen, wo Michael wohnt, dann weiter auf die anderen Pförtnerhäuser und die Straße, die zu ihnen führt.

Ich gehe nicht mehr oft aus dem Haus. Es ist nicht nötig. Michael, der früher mit seinem Vater den Garten bestellt hat, kauft Lebensmittel für mich ein und geht mir auch sonst zur Hand; so bringt er zum Beispiel den Müll hinunter ans Ende der Auffahrt. Er ist nicht mehr bei mir angestellt, daher weiß ich nicht, ob er es aus Freundlichkeit oder aus Pflichtgefühl macht, aber er ist der einzige Mensch, mit dem ich noch näher zu tun habe, obwohl ich von hier oben stundenlang das Leben und Treiben im Dorf beobachte. Die Häuser von Bulburrow liegen dicht gedrängt in einer Talmulde, und von meinen drei Aussichtspunkten aus habe ich sie alle im Blick, bis auf ein paar neue Bungalows, die auf halber Höhe der Straße in Richtung Norden gebaut wurden. Wenn man sich vorstellt, dass ich am Steuer eines Schiffs stehe, dann wäre Bulburrow Court der zentrale Kontrollturm, von dem aus das ganze Dorf überwacht und gesteuert werden kann.

Als wir klein waren, kannten Vivi und ich sämtliche Bewohner sämtlicher Häuser. Heute kenne ich niemanden mehr. Alle, die wir kannten, sind tot, ihre Kinder weggezogen. Das ist eines der Probleme, wenn man alt wird: Je mehr Menschen man überlebt, desto mehr kommt einem das eigene Leben wie ein Buch mit lauter Namen von Verstorbenen vor.

Die gute Vera, unsere Haushälterin, war die Erste, an deren Sterben ich mich noch erinnere. Es dauerte vier Monate. Maud sagte, sie sei langsam immer weiter angeschwollen und schließlich geplatzt. Vivi und ich durften sie in ihrem Zimmer im Nordflügel nicht besuchen, weil Maud meinte, wir würden Albträume davon bekommen, aber wir malten uns Veras Sterben aus, und das bescherte uns gewiss noch viel schlimmere Albträume. Doch es war Mauds Tod, der den größten Einschnitt in unser Leben darstellte. Ein schmerzfreier Tod, wenn auch wahrscheinlich nicht so würdevoll, wie sie es sich gewünscht hätte. Sie stürzte die Kellertreppe hinunter. Und damit nahm unser Leben eine völlig neue Richtung. Damals verließ Vivi das Haus zum letzten Mal, seither ist sie nicht mehr wiedergekommen. Eine ganz schön lange Zeit: Sie war einundzwanzig, fast noch ein Kind, als ich sie zum letzten Mal gesehen habe. Ich war vierundzwanzig.

Meine Tagträumerei wird durch das gleichmäßige Brummen eines modernen Autos gestört, das sich die Hügel entlang dem Haus nähert. Das Geräusch wird schwächer und dann wieder lauter, und ich weiß, dass es die Auffahrt heraufkommt. Das muss sie sein. Es kommen nicht mehr viele Leute die Auffahrt hoch. Meist sind es Fremde, die sich verfahren haben und dann schnell zurücksetzen oder oben wenden. Dann gibt es eine Sorte von Leuten, die in letzter Zeit immer häufiger hier aufkreuzen: Sie fahren große, elegante Autos, hämmern mit dem Türklopfer, und wenn ich nicht aufmache, gehen sie wieder und fragen schriftlich an, ob ich nicht verkaufen wolle. Wie um alles in der Welt kommen sie auf die Idee, dass ich von hier weg möchte? Einmal im Monat läuft die Frau mit der gestreiften Pudelmütze zu Fuß die Auffahrt herauf. Sie ist vom Sozialdienst, und wenn ich auf ihr Klopfen nicht öffne, lässt sie ihre Visitenkarte und einen Stapel Broschüren da. Die schaue ich mir gern an – so bin ich zumindest ein klein wenig auf dem Laufenden über das, was in der Welt geschieht –, ebenso wie den ganzen Reklamemüll, der durch die Tür geschoben wird: Kreditkartenangebote, wie man seinen Energieversorger wechselt, Feriengewinnspiele oder den kostenlosen Diamond Adviser. Nicht immer machen sie sich die Mühe, ihn die Auffahrt hochzubringen. Ich hatte einmal ein Radio, aber es funktionierte nie besonders gut, deshalb habe ich es weggeworfen.

Die Broschüren der Frau mit der Pudelmütze finde ich ganz besonders interessant und nützlich. Durch sie habe ich zum Beispiel erfahren, dass meine geschwollenen Gelenke und fleckigen Finger, meine Appetit- und Antriebslosigkeit, die Augen- und Mundtrockenheit Symptome einer rheumatischen Arthritis sind und dass ich reichlich Grünlippmuscheln essen sollte. Aus diesen Broschüren weiß ich, dass ich mit meinen »Schüben«, auf die eine vorübergehende Besserung folgt, einen eher milden Krankheitsverlauf erlebe. Es kann sich aber verschlimmern und chronisch werden. Dann hören die Schmerzen nicht mehr auf, und ich muss die Gelenke »punktieren« lassen, damit ein Teil der überschüssigen Gelenkflüssigkeit abgesaugt werden kann, und das klingt gar nicht gut.

Ein silberfarbener Wagen biegt um die Ecke. Er ist breit und lang und flach, und sein Surren hat etwas Gediegenes, Dünkelhaftes. Vivien hatte mir zwar gesagt, wann, aber nicht wie sie kommen würde. Der Wagen fährt in einem weiten Bogen die Auffahrt hoch bis zum Eingangsportal, wo er zum Stehen kommt – wie die Pferdekutschen in Mauds Kindheit. Mein Herz schlägt laut, und als der Motor abgeschaltet ist, erfüllt ein dumpfes Hämmern die Stille, und ich erkenne, dass ich bis zu diesem Augenblick nicht daran geglaubt habe, dass sie tatsächlich kommt. Für einen flüchtigen Moment frage ich mich, ob ich sie wirklich hierhaben will. Aber dann ist der Gedanke auch schon wieder verschwunden. Sie kommt nach Hause, weil sie mich braucht. Schließlich bin ich ihre große Schwester.

Die Fahrertür geht auf. Warum geschieht alles so langsam? Vielleicht stimmt es, dass die Zeit langsamer vergeht, wenn das Herz schneller schlägt, wie bei der Eintagsfliege mit ihren hundert Flügelschlägen pro Sekunde, deren Lebenszeit innerhalb eines einzigen Tages verrinnt. Ich stelle mir vor, dass gleich eine jugendliche Vivi aussteigen wird, das Mädchen, als das ich sie in Erinnerung habe, und vergesse völlig, dass ich mich darauf einstellen sollte, sie nicht wiederzuerkennen. Stattdessen steigt ein junger Mann aus, kaum älter als fünfundzwanzig, mit dichtem, dunklem Haar und in einem eleganten blauen Anzug. Ich bin fassungslos. Wo ist Vivi? Vielleicht hat er mit Vivi gar nichts zu tun? Meine Aufgeregtheit verebbt augenblicklich. Hat er sich etwa im Haus geirrt? Oder ist er einer von denen, die mir das Haus abkaufen wollen und mir einen schmeichlerischen Brief dalassen, wenn ich nicht öffne? Aber statt auf das Portal zuzustreben, umrundet der Mann das Auto und öffnet die hintere Wagentür, die dem Haus am nächsten liegt. Jetzt weiß ich, sie ist da.

Ein dekorativer Gehstock schiebt sich hervor und setzt auf dem morastigen Kies auf. Der Mann streckt seinen Arm aus, und dann steigt Vivien, eine Hand auf den Stock gestützt, mit der anderen den Arm des jungen Mannes ergreifend, aus dem Wagen – wie eine königliche Hoheit. Ich presse mein Gesicht ans Fenster, aber sie ist zu nah am Haus, als dass ich sie deutlich sehen könnte. Ich erkenne nur ihren Scheitel, der grau ist wie meiner; aber während mein Haar lang ist und mir am Kopf klebt, ist ihres kurz geschnitten und frisiert. Sie geht auf die andere Seite des Wagens, bleibt stehen und dreht sich zum Haus. Sie pflanzt den Stock fest vor sich in den Boden, beide Hände ruhen auf dem Knauf, eine über der anderen, die Füße leicht auseinandergestellt, um das Gleichgewicht zu wahren, und begutachtet Bulburrow Court. Unterdessen holt der junge Mann Taschen, Koffer und Kleider auf Bügeln, die in Plastikhüllen eingeschlagen sind, aus dem Wagen.

Gemächlich mustert Vivien das Haus von einer Seite zur anderen. Ich kann mir vorstellen, was sie sieht: die Fenster, einige Scheiben zerbrochen, andere mit Brettern vernagelt; Wasserspeier, exakte Nachbildungen derjenigen der Kathedrale von Carlisle aus dem 12. Jahrhundert, deren groteske Grimassen uns als Kinder Angst einjagten; die Konsolen des Vorbaus; die unter den Fensterverstrebungen eingemeißelten Wappen, darüber die Zinnen. Was sie sieht, ist leicht nachzuvollziehen, aber welche Erinnerungen wecken wohl die Fenster der einzelnen Zimmer? Welche Gefühle beschwören die dunkelgrauen Quader und die gewaltigen Ecksteine am Sockel des Hauses, jeder aus einem einzigen Stück Granit geschlagen, die mächtigen Grundsteine unseres Lebens, auf denen seit Generationen das Gebäude ruht, das unsere Ahnen errichtet haben.

Ebenso gebannt, wie sie das Haus in Augenschein nimmt, betrachte ich sie von oben, begierig zu wissen, was ihr alles durch den Kopf geht.

Sie hebt den Blick und mustert systematisch und in aller Ruhe die Fassade, und als ich ihre Gesichtszüge genauer ausmachen kann, schweift ihr Blick hinauf zu meinem Bogenfenster … ich weiche ins Dunkel des Korridors zurück, ehe sie mich entdeckt – aber plötzlich durchzuckt es mich, als hätte ich soeben ein Gespenst gesehen. Maud. Das hatte ich nicht erwartet. Zwar habe ich nie auch nur den Versuch gemacht, mir Vivien vorzustellen, aber dass sie Maud dermaßen ähneln würde, hätte ich nie gedacht. Ich fühle mich wieder wie ein Kind. Ich wage es nicht, aus dem Fenster zu spähen, nunmehr aus Angst, Mauds allwissendem Blick zu begegnen. Ich weiß nicht, was ich tun soll, bin für einen Moment ganz gelähmt. Ich kann nicht sagen, wie viele Minuten vergehen, bis langsam in mein Bewusstsein dringt, dass der Türklopfer, der Ziegenkopf, hin und her bewegt wird (nicht geklopft, wie es ein Fremder tun würde).

Ich blicke an mir herunter. So sehr war ich mit der Frage beschäftigt, wie Vivien aussehen würde, dass ich gar nicht bedacht habe, welchen Eindruck ich auf sie machen würde. Jetzt überlege ich, wie ich wohl auf sie wirke, aber da ich seit einiger Zeit nicht mehr in den Spiegel schaue, kann ich es nicht sagen. Meine Haare, das weiß ich, sehen recht zerzaust aus, wie die einer Landstreicherin, und im Gegensatz zu mir hat sie sich aufwendig zurechtgemacht. Schnell löse ich meinen Pferdeschwanz, fahre mir mit den Fingern durchs Haar und binde es mit dem Gummiband wieder zusammen. Ich sehe an meiner marineblauen Strickjacke herunter und zupfe ein paar weiße, verkrustete Flecken weg, Zahncreme vielleicht, dann gehe ich hinunter, um aufzumachen. Mir ist übel vor lauter Bangigkeit. Vor der schweren Eichentür am Eingang bleibe ich stehen. Ich muss mich sammeln für unsere Begegnung. Ich befingere das schwarze Plastikband der Uhr an meinem linken Handgelenk, eine Angewohnheit, die mich beruhigt. Ich lasse den Zeigefinger zur Unterseite der Uhr wandern und reibe das glatte Plexiglas fest mit dem Daumen, bis ich spüre, dass ich bereit bin.

Ich öffne und sehe, dass Vivien ein paar Schritte zurückgetreten ist, als wollte sie mir Gelegenheit geben, sie in voller Größe in Augenschein zu nehmen. Sie hat ihren Stock weggestellt, als wäre er nur Zierrat. Ich bin beeindruckt. Sie sieht nicht nur drei, sondern mindestens zehn Jahre jünger aus als ich. Eine elegante Erscheinung in ihrer rostfarbenen Kordhose und dem dünnen grauen Pullover mit dem gesprenkelten Pelzkragen. Um die Taille trägt sie lose einen perlenbesetzten Gürtel mit einer Emailschnalle, und sie riecht stark nach Parfüm. An einem Handgelenk hat sie einen schlichten Armreif aus gedrehtem Gold; eine dicht mit Edelsteinen besetzte Spinne, ähnlich den Broschen in Mauds Sammlung, kriecht ihre linke Brust hinauf. Auf den zweiten Blick sehe ich, dass ihre farbigen Hängeohrringe mit einem Hahn bemalt sind. Unter dem Arm hält sie lässig ein drahtiges weißes Hündchen, keine Ahnung, welche Rasse das ist. Ihre Ähnlichkeit mit unserer Mutter ist zwar nach wie vor sehr groß, aber aus der Nähe wirkt es zum Glück weniger frappierend. Sie hat Mauds kluges Gesicht mit Falten auf der Stirn und um den Mund, die Nachdenklichkeit bekunden, aber sie hat ganz andere Augen als Maud.

»Hallo, Vivien«, sage ich kühl, obwohl ich zugeben muss, dass mich ihr perfektes Äußeres schon ein wenig einschüchtert. Ich erinnere mich, dass Vivi, genau wie Maud, schon immer darauf aus war, Eindruck zu machen, und dass es sie ärgerte, weil ich so gleichmütig und unerschütterlich war – oder besser gesagt, meine wahren Gefühle verstecken konnte. Meine Gefühle spiegelten sich nicht auf meinem Gesicht, ganz anders als bei ihr. Ich war schon immer der Ansicht, dass dies der Preis war für ihr hübsches, markantes Gesicht mit den feinen, klaren Zügen: der scharfen, geraden Nase, dem eigenwillig geschwungenen Mund und den ausgeprägten Wangenknochen. Diese Vornehmheit war jedoch nicht dazu angetan, innere Gefühlsaufwallungen zu verbergen, und Vivis Emotionen traten stets verräterisch offen zutage. Meine Gesichtszüge waren zwar weder elegant noch ausgeprägt, aber hinter meinen breiteren Wangen und der weicheren, runden Nase konnten sich unbemerkt tausend Gedanken und Gefühle verstecken. Mein Mund war zu groß und zu voll für mein Gesicht, die Unterlippe zu schwer und leicht nach unten gebogen, sodass die Zähne ein wenig zu sehen waren. Während sich Vivi mit den Jahren bemühte, ihre wahren Gefühle zu verbergen, bemühte ich mich, einen kleinen Muskel zu finden, der meine Unterlippe nach oben ziehen konnte, sodass sie die Oberlippe berührte.

»Ginny …«, sagt sie herzlich.

»Vivi …«, erwidere ich und merke, dass ich ihren Tonfall nachahme.

»Ist der Ostflügel frei?«, fragt sie in gespieltem Ernst, als spräche sie mit der Empfangsdame eines Hotels.

»Der Ost-, der West- und der Nordflügel, sie alle sind frei«, sage ich, mehr um eine korrekte Antwort bemüht als darum, ihr Spiel mitzuspielen.

»Nun, dann nehme ich alle drei.« Sie lächelt und sucht meinen Blick. Eine kleine, peinliche Pause entsteht, während sie mich beobachtet und ich sie. Wir betrachten einander unverhohlen wie zwei Kater, die sich in einem Revier begegnen. Als Kind zögerte ich immer instinktiv, oft nur einen Sekundenbruchteil, um ihre Stimmung einzuschätzen. Sie war es, die die erste Bemerkung machte und den ersten Schritt tat. Ich ärgere mich, dass ich auch jetzt zögere, als wären all die Jahre dazwischen nie gewesen.

»Ginny …«, wiederholt sie, diesmal mit leiser, fragender Stimme. Und plötzlich entspannt sich ihre Miene, und sie bricht in ein lautes, unbändiges Lachen aus. Sie wirft den Kopf in den Nacken und lacht hemmungslos.