Wer hat Hänsel wachgeküsst - Annegrit Arens - E-Book
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Wer hat Hänsel wachgeküsst E-Book

Annegrit Arens

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Beschreibung

Ein Sommer, eine Frau, drei Männer … "Wer hat Hänsel wachgeküsst?" von Annegrit Arens als eBook bei dotbooks. Angie wähnt sich im siebten Himmel: Ihre strengen Eltern erlauben ihr, einen Sommer fern der italienischen Familie bei ihrer Tante in Deutschland zu verbringen. Ein bisschen jobben, ein bisschen Geld verdienen und ganz viel leben! Perfekt eigentlich … würde sie nicht Julian, ihren geliebten Fast-Freund, schmerzlich vermissen, und wäre da nicht der etwas gewöhnungsbedürftige Job in einem Dessous-Geschäft. Der lässt sie nicht nur regelmäßig erröten, sondern zieht auch noch die falschen Männer an. Erst beginnt ein bekannter Pop-Star mit ihr zu flirten, dann zeigt auch dessen Vater Balzgehabe. Als dann auch noch Julian auftaucht, ist das Gefühlschaos perfekt! Jetzt als eBook kaufen und genießen: "Wer hat Hänsel wachgeküsst?" von Annegrit Arens. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Über dieses Buch: Angie wähnt sich im siebten Himmel: Ihre strengen Eltern erlauben ihr, einen Sommer fern der italienischen Familie bei ihrer Tante in Deutschland zu verbringen. Ein bisschen jobben, ein bisschen Geld verdienen und ganz viel leben! Perfekt eigentlich … würde sie nicht Julian, ihren geliebten Fast-Freund, schmerzlich vermissen, und wäre da nicht der etwas gewöhnungsbedürftige Job in einem Dessous-Geschäft. Der lässt sie nicht nur regelmäßig erröten, sondern zieht auch noch die falschen Männer an. Erst beginnt ein bekannter Pop-Star mit ihr zu flirten, dann zeigt auch dessen Vater Balzgehabe. Als dann auch noch Julian auftaucht, ist das Gefühlschaos perfekt!

Über die Autorin: Annegrit Arens hat Psychologie, Männer und das Leben in all seiner Vielfalt studiert und wird deshalb von der Presse immer wieder zur Beziehungsexpertin gekürt. Seit 1993 schreibt die Kölner Bestsellerautorin Romane, Kurzgeschichten und Drehbücher. Fünf ihrer Werke wurden für die ARD und das ZDF verfilmt.

Annegrit Arens veröffentlichte bei dotbooks bereits folgende Romane: »Der Therapeut auf meiner Couch«, »Die Macht der Küchenfee«, »Aus lauter Liebe zu dir«, »Die Schokoladenkönigin«, »Die helle Seite der Nacht«, »Ich liebe alle meine Männer«, »Wenn die Liebe Falten wirft«, »Bella Rosa«, »Weit weg ist ganz nah«, »Der etwas andere Himmel«, »Der geteilte Liebhaber«, »Venus trifft Mars«, »Süße Zitronen«, »Karrieregeflüster«, »Wer liebt schon seinen Ehemann?«, »Suche Hose, biete Rock«, »Kussecht muss er sein«, »Mittwochsküsse«, »Liebe im Doppelpack«, »Lea lernt fliegen«, »Lea küsst wie keine andere«, »Väter und andere Helden«, »Herz oder Knete«, »Verlieben für Anfänger«, »Liebesgöttin zum halben Preis«, »Schmusekatze auf Abwegen«, »Katzenjammer deluxe«, »Ein Pinguin zum Verlieben«, »Absoluter Affentanz«, »Rosarote Hundstage«, »Die Liebesformel: Ann-Sophie und der Schokoladenmann«, »Die Liebesformel: Anja und der Grüntee-Prinz«, »Die Liebesformel: Tamara und der Mann mit der Peitsche«, »Die Liebesformel: Susan und der Gentleman mit dem Veilchen«, »Die Liebesformel: Antonia und der Mode-Zar« und »Die Liebesformel: Ann-Sophie und il grande amore«.

Die Autorin im Internet: www.annegritarens.de

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eBook-Neuausgabe Oktober 2015

Copyright © der Originalausgabe 2004 by Verlagsgruppe Lübbe GmbH & Co. KG, Bergisch Gladbach

Copyright © der Neuausgabe 2015 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/MArza, Ellegant, Helen Cingisiz

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-95824-388-0

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Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected]. Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

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Annegrit Arens

Wer hat Hänsel wachgeküsst

Roman

dotbooks.

1. KapitelDie italienische Badeordnung

Die Villa Rosa Antica liegt auf einem Hügel und gilt als erste Adresse für Hochzeiten und Taufen. Als Angie noch ein kleines Mädchen war, hatte sie davon geträumt, eines Tages im Turmzimmer der Villa inmitten ihrer Brautjungfern zu stehen, sich ihr wunderschönes weißes Brautkleid mit der meterlangen Schleppe anziehen zu lassen und wenig später am Arm ihres Vaters im Normannendom zu Cefalù über einen roten Teppich auf den Mann zuzuschreiten, der sie für den Rest ihres Lebens auf Händen tragen würde.

Ihr imaginärer Bräutigam trug generell einen weißen Smoking zu leicht gewellten, aber keinesfalls pomadisierten Haaren. Gegen Männerköpfe, die mit in Olivenöl schwimmenden Salatstrünken konkurrieren, war Angie schon damals allergisch. An das zu der fettfreien Frisur und dem hellen Smoking gehörende Gesicht konnte sie sich nicht mehr erinnern, es spielte wohl auch keine besonders große Rolle für den Aufbau des Films in ihrem Kopf und das unweigerlich folgende Glücksgefühl in ihrer Mädchenseele und ein gutes Stück tiefer an jener Stelle, die – wenn es nach ihrem Vater ging – nur der liebe Gott, ihr Frauenarzt und eines Tages ihr Ehemann kennen durften.

Damals stand für Angie fest, dass sie lange vor ihrer vier Jahre jüngeren Schwester Paula heiraten würde, zumal sie nach einhelliger Überzeugung der Antonucchos die weitaus Hübschere war. Bellissima Angelina! Sie war noch immer hübscher und – wenn man den in Deutschland erworbenen Schulnoten Glauben schenkte – sogar klüger als ihre Schwester; trotzdem war es Paula, die nun in diesem Pulk wild durcheinander schnatternder Frauen stand, um sich für den schönsten Tag im Leben einer Frau herrichten zu lassen.

Paula stand dort in der neuen Unterwäsche, die Tante Pia aus ihrem piekfeinen Dessousladen beigesteuert hatte. Nostalgische Spitze vom Büstenhalter bis zum Höschen, darüber Strapse, an denen gerade hauchzarte Nylons mit handbreiter Spitzenbordüre befestigt wurden. Was zur Folge hatte, dass der Strumpfhaltergürtel und Bauch und Hüften der Braut zeitgleich nach unten gezogen und gepresst wurden. Angie wandte den Blick ab. Mamma mia! Musste das wirklich sein?

»Angie! Angie, glaubst du, das geht so?«

Angie löste sich notgedrungen wieder von der Aussicht auf malerische Orangenhaine, denen niemand auf solch schreckliche Weise Gewalt antat, und fixierte erneut jene Fleischwülste, die das Ergebnis eines Wäschestücks waren, in dem allenfalls taufrische Gazellen eine gute Figur machen. Ihre Schwester hingegen war mollig – Marke Birnenform –, und ganz so jung war sie auch nicht mehr.

»Wenn du dich wohl darin fühlst!«, antwortete Angie diplomatisch.

»Aber ich fühle mich so ... so nackt darin«, jammerte Paula, »und auch irgendwie eingezwängt.«

»Und warum ziehst du das Zeug dann an?«, fragte Angie zurück.

Sie hätte sich ihre Ehrlichkeit besser verkneifen sollen, denn schon fielen ihre fünf Mitstreiterinnen über sie her. Gerade so, als ob Angie soeben Gott gelästert oder die Jungfräulichkeit Marias bestritten hätte. Angie schoss die Frage durch den Kopf, ob ihre Schwester wirklich und wahrhaftig noch Jungfrau war. Zuzutrauen wäre es ihr!

Es dauerte eine Weile, bis die Braut den Tumult um sie herum mit einer Stimme durchdrang, die schon an ganz gewöhnlichen Tagen Mühe hatte, sich durchzusetzen. Gemessen an der Statur ihrer Besitzerin auffällig zart, fast schon piepsig, was wohl vor allem daran lag, dass Paula seit beinahe sechs Jahren im Dunstkreis ihres Bräutigams und der italienischen Badeordnung lebte – aus Angies Sicht eine tödliche Kombination.

Ursprünglich hatte Paula nach Abschluss der Schule nur für ein paar Wochen die zahlreiche Verwandtschaft auf Sizilien besuchen wollen, dann hatte man ihr Enzo vorgestellt, und schon nahmen die Dinge ihren Lauf Paula besann sich auf ihre italienischen Wurzeln und verinnerlichte die Regeln einer Region, wo laut Paragraf 1174 der Badeordnung bis zum heutigen Tag Ballspielen im Bikini oder Handy-Klingeln zur Mittagszeit mit einem gesalzenen Bußgeld geahndet werden.

Immerhin, resümierte Angie, war ihre Schwester noch nicht ganz so blind wie die italienischen Cousinen um sie herum; das bewies Paulas Bitte, sie ganz kurz mit Angie allein zu lassen. Der Abgang der fünf Jungfern vollzog sich stumm, doch auch Stummheit kann bekanntlich Bände sprechen. In diesem Fall hatte Angie nicht die geringste Mühe, die Körpersprache ihrer Cousinen in. Worte zu übersetzen: Wie kann Angelina es nur wagen? Ausgerechnet am schönsten Tag im Leben ihrer Schwester! Bestimmt ist sie nur neidisch, weil sie selbst noch immer keinen Mann abbekommen hat! Welcher Mann würde auch schon eine Frau haben wollen, die sich mit achtundzwanzig Jahren einen Teufel in den Bauchnabel piercen lässt?

Angie strich über das Mieder aus blassrosa Taft – alle sechs Brautjungfern trugen Roben aus rosa Taft mit höchst albernen Puffärmelchen –, um den kleinen Diabolo zu ertasten, der ein Dankeschön war. Ein Dankeschön von Julian dafür, dass sie einen Dieb daran gehindert hatte, seinen Stand auf dem Flohmarkt in Covent Garden zu plündern. Aus eigenem Antrieb hätte Julian ihr allerdings wohl nie den Nabelschmuck angeboten, den hatte sie sich selbst ausgesucht und insgeheim gehofft, er würde ihn an Ort und Stelle bewundern wollen. Fehlanzeige! Julian war »very british«.

Schade eigentlich, dachte Angie ...

»Angie, ich habe dich jetzt schon zweimal gefragt, was du von dieser Wäsche hältst. Ich meine, was du wirklich davon hältst, mal ganz abgesehen von Tante Pia. Schließlich trage ich das da ja nicht nur in der Kirche und bei der Hochzeitsfeier, sondern auch ... hinterher.«

»Sag doch gleich, dass du eure Hochzeitsnacht meinst.«

»Du bist immer so direkt, Angie. Aber wenn du so willst ... garantiert hast du mehr Ahnung von dem, was Männern in dieser Hinsicht so gefällt ...«

»Ich würde die Männer, die ich kenne, nicht unbedingt mit meinem Schwager in spe gleichsetzen. Du willst ihn doch heiraten? Ich meine wirklich heiraten! Das ist jetzt deine letzte Chance, Paula, es dir nochmal anders zu überlegen. Es bringt gar nichts, wenn du darauf vertraust, ihn mit diesem Strumpfhalter in die Flucht zu schlagen. Dann ist es nämlich schon zu spät und die Mausefalle erst mal zugeschnappt.«

»Red nicht so lästerlich daher, Angie, auch nicht im Spaß!«

»Wieso Spaß?«, konterte Angie.

»Weil du das unmöglich ernst meinen kannst. Enzo ist ein wunderbarer Mann, das sagen alle.«

»Alle müssen nicht den Rest ihres Lebens zusehen, wie er sich ständig mit seinem Zahnstocher in den Zähnen herumpult oder sich eine halbe Flasche Olivenöl in die Haare schmiert oder aus seinen Unterhosen steigt. Trägt er eigentlich noch Unterhosen mit Eingriff?«

»Das weiß ich nicht.« Paula wurde schlagartig puterrot, sogar ihr Bauch wies nun rote Sprenkel auf.

»Ich hab’s befürchtet«, seufzte Angie. »Du kaufst die Katze im Sack.«

»Papa hat uns immer gesagt ...«

»Unser Vater ist ein geschiedener Patriarch, das fällt in dieselbe Kategorie wie munter bechernde Antialkoholiker oder fensterlnde Pastore oder ...«

»Angie!!! Papa steht seit über zwanzig Jahren im Dienst der Banca Catholica.«

»Da siehst du mal, wie viel Geld zusammenkommt, wenn man im katholischen Imperium jeden Sonntag den Klingelbeutel rundgehen lässt. Kleinvieh macht halt auch Mist. Bei Hochzeiten und Taufen sind sogar mehr Scheine als Münzen drin.«

»Papa würde nie auch nur einen Cent für sich selbst nehmen.«

»Nicht direkt jedenfalls, er kassiert lieber vornehm über sein Gehaltskonto.«

»Er spendet auch viel.«

»Ja, vorzugsweise unseren beiden entzückenden Halbbrüdern, die noch Windeln tragen und trotzdem schon jeder einen Elektro-Roller und die Generalabsolution für alle Schandtaten besitzen. Wenn diese kleinen Ungeheuer mir gleich noch ein einziges Mal den Stinkefinger zeigen, ertränke ich sie im Taufbecken.«

»Dio mio! Die Hochzeit, und ich stehe hier noch immer in der Unterwäsche. Nun sag schon, Angie, soll ich sie anlassen oder nicht?«

»Ich finde, dass du dich wohl darin fühlen solltest, und das ist ganz offensichtlich nicht der Fall. Also runter damit!«

»Aber es ist die kostbarste Wäsche, die ich je hatte. Und Tante Pia würde bestimmt zu Tode beleidigt sein, wenn ich sie heute nicht trage.«

»Du ziehst ja noch ein Kleid drüber an, oder? Also wird sie es gar nicht sehen, und was sie nicht weiß, macht sie nicht heiß.«

»Ich weiß nicht.«

»Hast du Angst, dein Bräutigam könnte sie hinterher darüber informieren, was er dir in der Nacht der Nächte vom Leib geschält hat? Einschließlich Nennung der Marke?«

»Glaubst du wirklich, dass Enzo mich heute Nacht eigenhändig ausziehen will?«

»Wohl nur, wenn du dich zusätzlich mit seinen geliebten Salsicce dekorierst.«

Angie hatte die Szene vom Vorabend, wie ihr zukünftiger Schwager sich diese fettigen Würste aus der eigenen Produktion einverleibte, noch lebhaft vor Augen. Würste, welche die Sizilianer so gern zu ihren in Olivenöl gebackenen Kartoffeln essen. Eine Vorliebe, die Enzo mit seinen Landsleuten teilte und obendrein noch gut daran verdiente.

Dank der väterlichen Wurstfabrik zählte Enzo zu den begehrtesten Junggesellen der Insel, man war fast so stolz auf ihn wie auf Mimmo, der aus demselben Ort wie Enzo stammte.

Mimmo ist der Spitzname von Domenico Dolce, dem sizilianischen Part von Dolce&Gabbana und Schöpfer des Hochzeitsstaats, in den Paula sich ein paar Minuten später hineinhelfen ließ. Beide Arme zuerst waagerecht nach vorn und dann kerzengerade in die Luft gereckt, was die von Tante Pia geschenkten Dessous – nunmehr unsichtbar – erneut zum Folterinstrument an den darunter liegenden Weichteilen werden ließ. Der Härtetest schlechthin! Nichts riss, zumindest die Qualität der Ware stimmte.

Die anderen fünf Brautjungfern, Tante Pia, die restliche Familie und letztlich der Bräutigam hatten gesiegt. Die Braut unterwarf sich dem, so zumindest sah Angie das, was an diesem Vormittag geschah.

***

Der Hochzeitszug näherte sich dem Dom von zwei Seiten. Die Braut kam – mit ihrem weiblichen Gefolge von der Villa Rosa Antiqua und benutzte die landschaftlich reizvolle Küstenstraße, wogegen die Männer im Konvoi über die Autobahn, die Palermo und Messina verbindet, heranbrausten. Allen voran in einem roten Ferrari, der allerdings nur geleast war, der Bräutigam mit seinem Vater und den beiden männlichen Trauzeugen.

Als Enzo ausstieg, wetteiferten seine Wangen, der Nacken und sogar die Ohren mit dem leuchtenden Rot der Nobelkarosse. Sein sonst leicht hölzerner Gang wirkte geradezu dynamisch, die dunklen Augen glänzten siegessicher. Was wiederum Angie zu der ketzerischen Bemerkung veranlasste, manche Männer brauchten eben einen Ferrari, um in Fahrt zu kommen. »Schade nur, dass er ihn heute Abend nicht mit ins Schlafzimmer nehmen kann!«, schloss sie.

Eine von Angies noch unverheirateten Cousinen erlaubte sich daraufhin ein Kichern, das allerdings umgehend mit einem strafenden Blick von Tante Pia geahndet wurde. Angie zuckte die Schultern. Wozu setzte sie sich eigentlich ständig in die Brennnesseln? Ihre Schwester wollte es nicht anders, die Familie war glücklich und zufrieden, der liebe Gott und seine Gehilfen hienieden waren es auch, und sie selbst würde in nicht mal vierundzwanzig Stunden ebenfalls happy sein. Dann flog sie heim. Amen alleluja!

Während Angie beobachtete, wie ihr eigener Vater und der Vater des Bräutigams einträchtig in der Manier von zwei Zeremonienmeistern die wild durcheinander schnatternden Hochzeitsgäste zur Räson brachten und schubweise durch das Portal zu ihren Plätzen schleusten, hüpften ihre eigenen Gedanken in Überschallgeschwindigkeit zwischen aktuellen Schnappschüssen und kraft der Fantasie vorweggenommenen Bildern des nächsten Tages hin und her. Hier ein kneifender Strumpfhalter und die gebündelte Allmacht der Familie, dort die grenzenlose Freiheit.

Nun ja, grenzenlos war vielleicht übertrieben; schließlich hatte man Tante Pia zumindest stundenweise zur Wächterin über Anstand und Moral ausgeguckt. Zwei Wochen lang sollte die Witwe in Köln dafür sorgen, dass Angie wenigstens einmal am Tag etwas Vernünftiges aß und nicht dem Schlendrian anheim fiel, während ihre Mutter mit einem Jahr Verspätung die Hochzeitsreise mit Papas Nachfolger nachholte – dies pikanterweise mit dem Ziel Venedig, wo Angies Vater nun mit Mamas Nachfolgerin und diesen beiden kleinen Nervensägen lebte.

Anscheinend genügte bereits der Gedanke an ihre Halbbrüder, um das Duo anzulocken. Diesmal pirschten sich die beiden auf allen vieren und von hinten an, was weder den maßgefertigten winzigen Samtanzügen noch Angies Taftkleid gut tat. Nicht etwa, dass es ihr um die rosa Pracht Leid täte, deren Scheußlichkeit kaum zu überbieten war. Es ging Angie ums Prinzip. Gerade als sie den Wichten ausmalte, wie »Zia Angelina« sie gleich als Klöppel in der Kirchglocke aufknüpfen und solcherart erstmals einer nützlichen Betätigung zuführen würde, kam Anna angerannt. Die Glucke wie sie im Buch stand. Allerdings vermied sie es, ihre beiden Goldstücke allzu nah an sich herankommen zu lassen, während sie tröstend über die Lockenköpfe strich und gleichzeitig ihre erwachsene Stieftochter maßregelte, weil sie angeblich zwei unschuldige kleine Kinder zu Tode ängstigte.

Phhh! Es war dem aufklingenden Orgelspiel zu verdanken, dass Angie nicht die Schandtaten der angeblichen Unschuldswürmer gegenrechnete. So begnügte sie sich mit einem »Sissi, Mamma!« und registrierte zufrieden, wie ihre nur fünf Jahre ältere Stiefmutter bei dieser Anrede zusammenzuckte. Dann griff Angie getreu ihrer Aufgabe als Brautjungfer nach der Schleppe und zog wenig später im Kielwasser ihrer Schwester und ihres Vaters in die Kirche ein, wo sich ihnen alle Köpfe zuwandten und diverse Tanten gleich das erste Tränchen wegtupften und der Bräutigam erneut seine Ohren aufglühen ließ. Die Farbe war jetzt fast so intensiv wie am Steuer des Ferraris.

Enzo hatte noch mehr zu bieten. In einer Mischung aus Faszination und Ekel – dieselbe Triebfeder, die sie früher zugucken ließ, wenn es auf der Straße vor ihrem Elternhaus gekracht hatte – starrte Angie auf seinen hektisch auf und ab hüpfenden Adamsapfel und hoffte für Paula, dass es in der Hochzeitsnacht und all den folgenden Nächten dunkel genug im Zimmer war, um diese Zeichen der Erregung nur gedämpft mitbekommen zu müssen. Gerade als Angie sich einen weiteren, möglicherweise noch viel scheußlicheren Erregungszustand ausmalte, blieb die Braut stehen. Ebenso Angies Mitstreiterinnen, lediglich sie selbst war weitergegangen, was eine Schieflage der Schleppe, ein Quieksen von Paula und ein mehrstimmiges »Angelina!« aus der ersten Reihe links, wo die Antonucchos saßen, zur Folge hatte.

»Habt euch nicht so!«, grummelte Angie zwischen zusammengebissenen Zähnen, trat zwei, drei Schritte zurück und drapierte ihren Anteil an der weißen Stoffbahn – weiß wie die Unschuld, Paula würde es noch leidtun! – dem Beispiel der fünf anderen Jungfern folgend auf dem roten Teppich, der an der für das Brautpaar bestimmten Kniebank endete. Dann setzte sie sich auf den für sie reservierten Platz zwischen ihrer Mutter und Tante Pia.

Die Musik verstummte, dafür trat nun der Geistliche auf, gefolgt von vier Messdienern, die alle etwas gemeinsam hatten: viele Pickel und die Ohrenform des Bräutigams. Leicht abstehend, ziemlich groß und im Zustand der Erregung zu einer intensiven Rötung neigend. Die Verwandtschaft mit Enzo war nicht zu übersehen, es lag auf der Hand, dass dieses Erbgut auch von ihm weitergegeben werden würde, sofern er die Chance dazu bekam. Nun bekam er sie und den Segen der Kirche obendrein.

»Povre Paula!« Angie war fest davon überzeugt, dass die an ihre Schwester gerichtete Beileidsbekundung stumm erfolgt war, trotzdem knuffte ihre Mutter sie kräftig in die Seite. Vielleicht weil Mama bereits ein kurzer Blick ins Gesicht ihrer Ältesten genügte, um etwas von dem zu erahnen, was sich hinter Angies noch glatter Stirn tat? Leider ging Mamas Sensibilität nicht so weit, ihre jüngste Tochter beizeiten vor einem Schritt zu warnen, an dem solche Ohren und noch mehr Absonderliches hingen.

Die Zeremonie nahm eingebettet in eine komplette Messe ihren Lauf, die Minuten zogen sich wie Kaugummi, die Texte taten es auch. Wortlaut und Körperpositionierung waren bis ins Kleinste vorgeschrieben, alle hielten sich brav an die Regievorgabe, setzen-hinstellen-knien-murmeln-singen und dasselbe von vorn; die anstrengenden Sachen kamen am häufigsten vor, logisch. Aus Angies Sicht handelte es sich um eine ziemlich unerträgliche Kombination von gymnastischen Übungen und auswendig zu lernenden Antworten. Es war wie beim Unterricht früher in der Schule, fand sie, nur noch langweiliger, weil garantiert keiner sich meldete und fragte, ob er mal austreten dürfe; auch flogen keine Papierkügelchen durch die Luft, ebenso wie niemand im Schutz des Gesangbuchs »Schiffe versenken« spielte. Eine rundum langweilige Geschichte. Nicht mal die kleinen Monster ihres Vaters sorgten für etwas Abwechslung. Angie hätte Stein und Bein schwören können, dass dieses Bravsein mit der Aussicht auf etwas noch Tolleres als die nagelneuen Elektro-Roller erkauft worden war. Vielleicht zwei Ferraris en miniature?

Angie schnaubte verächtlich, was glücklicherweise im zarten Bimmelimm der Glöckchen unterging. Dann machte sich wohltuende Stille breit. Angie schloss die Augen. Sie war hundemüde – ihre ganz persönliche Reaktion auf Stress.

Wunderbare Bilder, die sie da plötzlich zum Greifen nah vor sich sah. Bilder, auf denen sie die Nacht zum Tag machte – und umgekehrt. Sie sah sich am helllichten Tag gemütlich in ihrem Bett daheim in Köln liegen und endlos lange lesen, fernsehen, ihr Outfit für den Abend checken und nebenbei Unmengen von Ravioli aus der Dose futtern – in den Augen der Antonucchos ein Sakrileg, trotzdem absolut köstlich und vor allem praktisch. Dazu trank sie Spezi, und irgendwann gegen Mittag stand sie auf, verkaufte sodann ein paar Stündchen unter Tante Pias Oberaufsicht mega-teure Dessous und verdiente sich solcherart das nötige Kleingeld für die »Piste«.

Angie war wild entschlossen, jeden einzelnen der vierzehn familienfreien Abende voll auszunutzen. Ihre beste Freundin war schon entsprechend informiert, und Marga kannte sich aus, was nicht weiter verwunderlich war, weil es für Marga schon lange kein »Wo gehst du hin?« oder »Wann kommst du zurück?« mehr gab. Ihre Familie kam ja auch nicht aus Sizilien. Einmal Sizilianer, immer Sizilianer! Mit weiblicher Endung hintendran wurde eine Katastrophe daraus, bis zum Ringwechsel galten weibliche Antonucchos als ähnlich schutzbedürftig wie ein Säugling, daran änderte das Geburtsjahr wenig. In jüngster Zeit fühlte Angie sich immer öfter wie ein überdimensionierter, achtundzwanzigjähriger Säugling, an dem das pralle Leben vorbeirauschte.

Aber jetzt! Sie würde Cocktails trinken, grundsätzlich nur in die letzte Kino-Vorstellung gehen und durchmachen bis zum Umfallen, das vor allem. Sie tanzte für ihr Leben gern, auch wenn sie sonst nicht besonders sportlich war. Hoffentlich würde das Geld reichen. Rumhexen bis in den frühen Morgen war garantiert nicht billig, ob dreißig Euro pro Abend wohl langten? So viel oder so wenig bezahlte die Tante ihr nämlich pro Tag. Es hätte nicht viel gefehlt, und Angies Arbeitskraft wäre gratis zur Verfügung gestellt worden: »Aber das macht Angie doch gern, dafür brauchst du ihr doch kein Geld zu geben. Sie hat doch alles, was sie braucht!«

»Schön wär’s!«, dachte Angie, vielleicht sagte sie es auch laut, angeblich redete sie ja auch im Schlaf. Jedenfalls erwischte sie erneut der spitze Ellbogen ihrer Mutter in Rippenhöhe. Angie riss die Augen auf und sah Geld, viel Geld, genug Geld für eine Million galaktische Events in der City. Angie gehorchte einem Impuls, streckte die Hand aus und griff zu. Ein gutes Gefühl, zumindest bis das Zischen an ihrer linken Ohrmuschel einsetzte. Links kommt vom Herzen, heißt es, doch in diesem Fall kam es von ihrer Mutter und hörte sich alles andere als nett an.

»Tu das Geld sofort zurück, Angelina! Subito!«

Angie gehorchte. Die Gegenwart hatte sie just in diesem Moment wieder eingeholt, ihre gute Erziehung desgleichen, sie war drauf und dran gewesen, sich an der Kollekte – tatsächlich nichts als große Scheine – zu vergreifen. Schuldbewusst bekreuzigte Angie sich und leistete Abbitte, indem sie einen weiteren Schein aus ihrer eigenen knappen Barschaft in den Samtsack stopfte.

Wenig später erfuhr sie, dass ihre Spende dem neuen Taufbecken zugute kam. Bei der Abnahme des Eheversprechens kam der Monsignore noch einmal auf dieses Becken zu sprechen und gab der Hoffnung Ausdruck, das junge Paar, das soeben vor ihm kniete, möge recht bald in den Genuss dieses Glanzstücks kommen und nach dem ersten noch viele weitere kleine Maranellos darüber halten, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Eifriges Nicken gab Monsignore Recht, der Flügel der Maranellos nickte sogar noch lebhafter als die Fraktion der Antonucchos.

Angie sah, wie zur Abwechslung ihre Schwester puterrot anlief Povre, povre Paula! Die hielten sie hier wohl für eine Art Gebärmaschine, programmiert auf die Fließbandproduktion von Maranello’schen Rotohren, synchron zu den Maranello’schen Würsten, die Paula ihrem Enzo nach Feierabend servieren durfte. Sie durfte noch mehr, beispielsweise die Pomade aus den von ihm benutzen Kopfkissen waschen und am Sonntagmorgen neben ihm in der Kirche beten und am Sonntagabend unter ihm im Ehebett ihre Pflicht tun und immer so fort, bis sie eines Tages resignierte oder das Handtuch warf, aber dann war es bestimmt zu spät. Ähnlich wie es für unsere Mamma zu spät für einen Neuanfang war, sinnierte Angie. Im Grunde hatte die zweite Ehe ihrer Mutter keine wesentliche Veränderung gebracht. Höchstens, dass sie an der Seite eines deutschen Mannes jetzt obendrein im gemeinsamen Friseursalon mitarbeiten und den Haushalt nebenbei machen durfte.

Da war ja fast schon Tante Pia besser dran, die verwitwet und nur noch für ein halbes Dutzend Katzen und jede Menge Dessous zuständig war. Den Laden hatte sie von dem Verblichenen geerbt, die Miezen waren ihre eigene Passion. Es kursierte das Gerücht, dass jeder neue Fehltritt des Onkels eine neue Katze zur Folge gehabt hatte. Lorenzo Costa war allergisch gegen Katzenhaare gewesen ...

Rund um Angie wurden nun Taschentücher gezückt. Keine Papiertaschentücher, sondern solche aus feinem Batist, die meisten sogar mit Monogramm, vereinzelt war auch leises Schniefen zu hören. Das war ja schlimmer als im Kino, wenn zum Ende hin auf die Tränendrüse gedrückt wurde. Angie wäre liebend gern aufgesprungen, um ihre jüngere Schwester doch noch zu warnen. Sie traute sich nicht, und dann war es sowieso zu spät, die Ringe waren gewechselt, das Treuegelöbnis abgelegt. Erneut jubilierte die Orgel, und diesmal verpasste Angie ihren Einsatz nicht, sondern griff rechtzeitig nach ihrem Teil der Schleppe. Dabei fühlte sie sich, wie die Gehilfen des Henkers sich anno dazumal bei einer Hinrichtung gefühlt haben mussten.

So etwas würde ihr selbst nie passieren. Neuer! Eher verzichtete sie komplett auf das, was sich so Liebe nannte. Eine Mausefalle, die just dann zuschnappte, wenn man aus irgendeinem Grund den Drang verspürte, mehr als nur den Rücksitz eines Fiats oder die Loge im letzten Kölner Plüschkino oder den Sonnenaufgang am leer gefegten Strand von Parkstone Pool zu teilen. So gesehen, resümierte Angie, ist es wahrscheinlich sogar ein Glück, dass Julian »very british« und weit vom Schuss ist. Daran änderte auch eine Postkarte aus London mit dem verheißungsvollen Satz »We need a Christmas Market, too!« nichts. Mit Speck fängt man bekanntlich Mäuse! Angie fand es besonders ärgerlich, dass sie nicht mal wusste, ob Julians Karte überhaupt als Köder gemeint war.

Während der Fahrt zum Flughafen redete Zia Pia in einem fort, ihre Sätze verschmolzen mit dem Schnaufen und Ruckeln des altersschwachen Gefährts, das sich Komfortbus nannte. Auf diese Weise blieben Angies Ohren die Einzelheiten der endlos wiedergekäuten Hochzeitsfeierlichkeiten, deren Höhepunkt traditionell das Werfen des Brautstraußes bildete, erspart. Bedauerlicherweise hob die Tante just bei der Erwähnung dieses Straußes die Stimme und wechselte vom Erzählen zur Frageform über.

»Angelina, ich weiß ganz genau, dass du den Strauß absichtlich fallen gelassen hast ...« Bedeutungsvolles Pausieren mit kaum falsch zu verstehendem Aufforderungscharakter, sich bitte jetzt zu äußern.

Als Angie trotzdem nicht reagierte, sondern weiter voller Hingabe die mannshohen weißen und gelben Kamillenstauden, den Klatschmohn, die wilden Wicken, die kniehohen Luzerne und die kindergroßen gelben und blauen Disteln am Straßenrand fixierte, schlug die Tante jenen Tonfall an, den Angie schon bei ihrem Vater nicht ausstehen konnte. Die Fähigkeit, einen andere Menschen allein kraft der Intonation an den Pranger zu stellen, war eine ausgesprochen unangenehme Gemeinsamkeit zwischen den Geschwistern.

»Angie Angelina, ich rede mit dir!«

»Ich weiß, Zia Pia«, erwiderte Angie leicht verdrossen.

»Dann antworte mir gefälligst, wie es sich gehört!«

»Angenommen es wäre so, wie du meinst, hat sich meine Cousine jedenfalls mächtig gefreut. Hast du ihre Augen gesehen? So selig wie sonst nach einer Suppenschüssel voll mit Zabaione. Es würde mich nicht wundern, wenn Carla den Tag schon mit Zabaione oder Tiramisu anfinge. Beim Nachtisch hat sie dreimal nachgenommen, und von der Hochzeitstorte hatte sie auch mindestens zwei Stücke ...«

»Lenk nicht ab, Angelina!«

»Warum sollte ich das tun, Zia Pia?« Angie erprobte jenen Unschuldsblick, bei dem ihr seit jeher ihre ungewöhnlich großen, samtbraunen Augen zugute kamen. Kulleraugen, denen kaum jemand widerstehen konnte, die sogar »il papà« hin und wieder nachsichtig stimmten ...

»Genau darüber würde ich gern mit dir reden! Es kommt mir so vor, als ob du Angst vor der Ehe hättest, und das, obwohl du schon stramm auf die dreißig zugehst. Du musst nicht glauben, bloß weil die Ehe deiner Eltern gescheitert ist, müsste das bei dir so ähnlich ablaufen. Sieh mich an! Meine Ehe hat bis zum Tod deines Onkels gehalten. Beinahe dreißig Jahre lang waren wir glücklich miteinander.«

Glücklich? Nannte man das so, wenn der Ehemann das Personal in seinem Dessousladen danach auswählte, wie gut es sich in der neuen Kollektion machte? Und wenn die Ehefrau sich im Gegenzug Kätzchen hielt, die sie kastrieren ließ, noch bevor diese wenigstens einmal in ihrem Katzenleben als Kater aktiv werden durften? Sechs Affären hier, sechs Kastrationen dort, auf solch ein Glück verzichtete Angie gern.

Nur laut sagen konnte sie das schlecht, weil sie davon ja offiziell gar nichts wusste und nichts wissen durfte. Pikante Details taugten nun mal nicht für jungfräuliche Ohren da Sicilia. Phhh! Wahrscheinlich waren die Ohren außer ihren Zehen das einzig Jungfräuliche an ihr, und das auch nur deshalb, weil Angie hier extrem kitzlig war. Was nichts daran änderte, dass sie in ihrer Familie weiter als la piccina galt. Tu dies! Lass jenes! Und ein Ende war nicht absehbar. Es sei denn, sie fände endlich den Mut, die allzu engen Familienbande zu kappen ... Es ging nicht. Das Liebsein saß wohl in ihr drin, gemästet mit Baci und Pasta und dem tröstlichen Gefühl, nie wirklich allein zu sein.

Wenn Angie vor etwas Angst hatte, dann vor dem Alleinsein. Und vor Spinnen und der Dunkelheit. In ihrem schlimmsten Albtraum krabbelte eine Spinne mit kilometerlangen haarigen Beinen des Nachts über ihren nackten Körper. Der Horror dieses Körperkontakts ließ sich nur durch die Vorstellung toppen, jemand wie ihr Schwager oder dessen Bruder Pietro legte sich auf sie drauf womöglich mit dem Segen der Kirche.

Brrr! Angie schüttelte sich, was vermutlich ein Fehler war, weil ihre Tante dies sofort auf das soeben von ihr thematisierte Eheglück mit Lorenzo-Gott-hab-ihn-selig bezog.

»Du musst nicht glauben, dass unsere Ehe, nur weil sie kinderlos geblieben ist, nicht glücklich war. Außerdem kann man bei Männern wie Enzo oder Pietro so gut wie sicher sein, dass sie viele Kinder haben werden. Schau dir doch nur die verheirateten Brüder von den beiden an. Bei denen stellt sich fast jedes Jahr neuer Nachwuchs ein, obendrein Söhne. Jeder Mann sehnt sich danach, wenigstens einen Stammhalter zu zeugen, das liegt so in ihnen drin. Und wenn es nicht klappt, brechen sie aus, ähnlich wie dein Vater. Er musste sich und den anderen einfach beweisen, dass es nicht an ihm liegt. Jetzt hat er zwei Söhne und ist glücklich und zufrieden. Also ich an deiner Stelle ...«

Angie sprang von ihrem Sitz auf. Das war ja nicht zum Aushalten! Bei dieser ruckartigen Bewegung stieß sie mit dem Kopf gegen die voluminöse Tasche, die das Gepäcknetz nach unten drückte. Ganz zuletzt hatte Zia Pia noch zwei Dutzend von diesen fettigen Würsten darin verstaut, die Hälfte war für Angie bestimmt. Der Hund in der Parterrewohnung würde sich freuen und garantiert nicht kläffen, wenn sie erst im Morgengrauen heimkam und damit wedelte. Guck mal, Caruso, was ich dir Leckeres mitgebracht habe? Caruso, welch bescheuerter Name für einen Köter, dessen Gejaule Angie regelmäßig an das Quietschen eines Fensterleders erinnerte. Bei der bloßen Vorstellung sträubten sich ihr die Haare über der Beule, die gerade an ihrem Hinterkopf wuchs.

»Angie, was treibst du denn jetzt schon wieder?«

»Wir müssen so langsam unsere Siebensachen zusammensuchen, Zia Pia, wir sind gleich da.« Das war zwar leicht übertrieben, aber immerhin gab es Mitreisende, die nun ebenfalls aufstanden und mit ihren Gepäckstücken hantierten und die Stimmen hochschraubten, was Angie sehr gelegen kam. So konnte sie einfach tun, als ob sie gar nicht mehr mitbekäme, wie die Tante das unliebsame Thema weiter einkreiste und ihm sogar einen Namen zuordnete: Pietro wie Petrus, der Fels und Verräter.

Pietro war ganz eindeutig der Kandidat, den die Familie diesmal für Angie auserkoren hatte, aber lieber trieb sie es mit einem »vagabondo« oder ging ins Kloster. Suora Angelina, bei dieser Vorstellung musste Angie laut lachen.

»Ich finde nicht, dass irgendetwas an Pietro lächerlich ist, Angelina. Er ist ein sehr ehrenwerter junger Mann und ausgesprochen fleißig, wie es allgemein heißt.«

»Ich habe nicht über ihn gelacht.« Wenn man wenigstens über ihn lachen könnte, ergänzte Angie stumm. Lachen aus voller Seele tat fast so gut wie guter Sex und gute Pasta, vorzugsweise solche, die man nicht selbst herstellen musste. Bei der Vorstellung ihres altbewährten Märchenprinzen – zur Abwechslung statt im weißen Smoking nackt bis auf eine Küchenschürze, mit einem Nudelholz statt Feigenblatt und einem schelmischen Lächeln um die Lippen – platzte sie laut heraus, der reinste Lachkoller. Wenn Angie einmal anfing, konnte sie gar nicht mehr aufhören; das war allerdings nicht nur beim Lachen so. Ihre Familie nannte das »maßlos«.

»Angelina!«

Angie zwang sich, an ihre arme Schwester zu denken, die inzwischen genau wusste, wie Enzos Unterhosen und deren Inhalt beschaffen waren. Der Trick wirkte, das Lachen verging Angie auf der Stelle. Jetzt galt es nur noch, die Tante davon zu überzeugen, dass ihre Nichte ihr volles Vertrauen verdiente. Heute, morgen, übermorgen ...

Beflügelt von der Aussicht auf zwei Wochen Freiheit am Stück verwandelte Angie sich auf der Stelle zurück in jenes Lieb-lieb-Wesen, dem niemand lange böse sein konnte. Sie half ihrer Tante aus dem Bus, schleppte das gesamte Gepäck und organisierte im Flugzeug unaufgefordert eine Decke und ein Kissen für die Tante. Der Trick wirkte, Zia Pia schlief ein, noch bevor die vorgeschriebene Flughöhe erreicht war.

***

Die Maschine landete in Düsseldorf, wo Angie und ihre Tante von Sonja Ziems abgeholt wurden: eine Frau Anfang bis Mitte vierzig, sehr gepflegt, sehr ladylike. Bei ihrem Anblick wurde Angie sich ihrer zerzausten Frisur, des an zwei Fingern abgesplitterten Nagellacks und des fehlenden Büstenhalters nur zu bewusst.

Wetten, dass die Geschäftsführerin ihrer Tante sich niemals so schlampig präsentieren würde? Nicht wenn das Dach über Sonja Ziems Kopf in Flammen stünde, nicht mal ganz allein im stillen Kämmerlein, darauf schwor Angie jeden Eid. Kaum vorstellbar, dass diese Frau sich von Onkel Lorenzo jahrelang »Maß nehmen« ließ. Mit dieser Formulierung hatte die Familie das heimliche Tun des Verstorbenen umschrieben und allen Ernstes geglaubt, Angie käme nicht dahinter, was gemeint war.

Es wäre nahe liegend gewesen, dass Zia Pia die Ehebrecherin nach der Beerdigung auf der Stelle entließ, doch das hatte sie nicht getan. Ganz im Gegenteil räumte sie Sonja alle möglichen Vollmachten ein, überließ ihr den gesamten Einkauf und, wenn sie selbst verreiste, sogar das Blumengießen, die sechs Katzen und den Transfer zum und vom Flughafen.

Staunend beobachtete Angie, wie die Frauen einander umarmten und sogar küssten. Irgendwie erschien ihr das noch unanständiger als die Nummer, die ihr Onkel nachweislich geschoben hatte. Fast wie ein flotter Dreier. Sie war bestimmt nicht prüde, aber zu dritt ...?

Erleichtert nahm Angie zur Kenntnis, dass das Küssen und Herzen nunmehr aufhörte. Sie räusperte sich und schob den Gepäckwagen näher an den Kofferraum heran. Das Duo dort sollte langsam Gas geben, es ging schon auf acht Uhr zu; bis sie daheim war, verging gut und gern eine weitere Stunde, Mindestens genauso lange brauchte sie zum Stylen vor dem Spiegel. Einen Happen essen und für den – höchst unwahrscheinlichen, siehe »very british« – Fall der Fälle in den Briefkasten schauen musste sie auch noch, und dann ging’s los.

Ungeduldig schob Angie den Rollwagen vor und wieder zurück. Was war denn jetzt schon wieder? Sie verstand nur »Du böser Junge!« Dabei war weit und breit kein männliches Wesen zu sehen. Hoffentlich war das nicht ansteckend!

Die neckisch-vorwurfsvolle Stimme ihrer Tante klang gedämpft, was daran lag, dass sie bis zur Leibesmitte im Fond verschwunden war; von der anderen Seite her begegnete ihr Sonja. Es sah aus, als ob die Köpfe der beiden jeden Augenblick in der Mitte zusammenstoßen würden. Nach einem weiteren »Du böser, böser Junge!« trennten sie sich wieder, das füllige Hinterteil der Tante schob sich zurück ins Freie, der Oberkörper folgte, und zuletzt erschien das hochrote Gesicht.

»Angie, hast du das gehört?«

»Hm!«

»Ist er nicht ein ganz böser junge?«

»Wer?«, fragte Angie vorsichtig.

»Natürlich Archimedes. Stell dir vor, er hat Sonja so heftig gekratzt, dass sie sich sicherheitshalber eine Tetanusspritze geben lassen musste, und ohne lange Ärmel kann sie sich vorläufig auch nicht mehr zeigen. Dabei fliegt sie doch morgen in aller Frühe nach Afrika, wo es jetzt noch heißer ist als bei uns auf Sizilien.«

Angie begann zu begreifen. Archimedes war der »böse junge« und zudem der älteste Kater der Tante. Wie es aussah, war er zum Abholen mitgekommen und thronte nun auf dem Rücksitz. Warum, das wussten allein die Götter.

Ein paar Sekunden später wusste Angie es auch. Archimedes litt an Diabetes und musste täglich gespritzt werden. Bei einer dieser Aktionen hatte er sich heftig gewehrt, und weil seine nächste Spritze nunmehr fällig war, Sonja sich aber vor weiteren Kratzern fürchtete, war er mitsamt Spritzbesteck mitgekommen. Was für ein Aufwand!

Während Zia Pia gurrte und spritzte und Sonja aus sicherer Entfernung lobte und ein Leckerli versprach, verstaute Angie schon einmal die Taschen im Kofferraum, brachte den Gepäckwagen zurück und unterbrach das Getue auf der Rückbank mit der Frage, ob sie nicht der Einfachheit halber chauffieren solle.

»Dann könnt ihr alle beide hinten bei Archimedes bleiben«, meinte sie diplomatisch.

Die Tante willigte ein. Es war ihr Wagen, ein in die Jahre gekommener Mercedes und einst der ganze Stolz des Onkels. Mit dem Tuscheln und Gurren der beiden Frauen und dem zufriedenen Schnurren des Katers im Nacken steuerte Angie die Autobahn an. Ab und zu warf sie einen Blick in den Rückspiegel. Zwei Frauen, wie sie verschiedener nicht sein konnten, liebkosten das alte Katzentier in der Mitte. Seltsame Assoziationen drängten sich Angie auf; dieses Spektakel war gleichzeitig zum Lachen und Heulen.

»Lieber Junge! Du bist ein ganz, ganz lieber Junge! Angie, findest du nicht auch, dass Archimedes ein ganz besonders lieber und tapferer Junge ist?«

Angie nickte ergeben. Sollte sie etwa protestieren und laut herausposaunen, dass der Name des Erfinders der Kreisberechnung ihr schon in der Schule unsympathisch gewesen war, sie allerdings in Katzenform noch mehr abschreckte? Liebkosungen mit dem »bösen lieben Jungen« hinter ihr fielen etwa in dieselbe Kategorie wie der Zärtlichkeitsaustausch mit Zweibeinern à la Enzo & Co. Unter dem Vorwand, unbedingt noch die Blumen gießen und dem Hund aus dem Parterre sein Mitbringsel geben zu müssen, entging sie der Einladung zu einem Abendessen zu dritt.

2. KapitelBellissima Angelina

Cocktails boomen, das weiß mittlerweile jedes Kind. Angie wusste es auch, logisch. Frau absolvierte das Warm-up für eine lange Nacht in einer der zahlreichen Cocktailbars, von denen in Köln mittlerweile fast jede Woche eine neue aufmachte. Mit Namen so ausgefallen wie die Mixgetränke, die hier ausgeschenkt wurden. Exotik statt Tradition, Mai Thai statt Kölsch.

Während Angie sich von ihrer Tante, Sonja Ziems und notgedrungen auch von dem zuckerkranken Kater verabschiedete, sodann hastig aus dem Auto sprang und das Haus ansteuerte, in dem sie schon gewohnt hatte, als ihr Vater und Paula noch bei ihnen lebten, memorierte sie die Zutaten jenes Getränks, das – wie es hieß – gute Chancen hatte, Caipirinha und Piña Colada den Rang abzulaufen. Verschiedene Rumsorten gehören in einen Mai Thai hinein, des weiteren Mandelsirup, Apricot-Brandy, Lime Juice, Orangen- und Zitronensaft. Marga hatte ihr die Zutaten von dem Luxusliner, auf dem sie als Dompteuse für Reiche & Zickige fungierte, gemailt, sozusagen als Einstimmung auf zukünftige gemeinsame Freuden im Schatten der Domtürme. Die Rezeptur war ein Geheimtipp des Barkeepers, mit dem Marga offenbar mehr als nur ein paar Mai Thais geteilt hatte. Nun, wo sie mal wieder alle beide in Köln waren, würde endlich die praktische Erprobung folgen. Hoffentlich, so Angies nächster Gedanke, fiel sie nicht betäubt vom Barhocker, wenn sie den neuen Lieblingsdrink ihrer Freundin probierte. Sie würde die Sache lieber vorsichtig angehen.

Mist! Warum ging denn die verdammte Haustür nicht auf? Irgendetwas blockierte, und zu allem Überfluss schlug nun auch noch der Köter im Parterre an. Fehlte nur noch, dass Carusos Frauchen herauskam und die Gelegenheit beim Schopf ergriff, um Details von der Hochzeit abzurufen. Grauenhafte Vorstellung! Angie stocherte immer nervöser im Schlüsselloch herum, drehte und drückte und hatte schon Schwielen an den Fingern, nur die Tür bewegte sich keinen Zentimeter. Das tat dafür der Schlüssel, vielmehr der gerundete hintere Teil davon: Plötzlich knickte er zur Seite weg. Diesmal fluchte Angie lauthals.

Es kam, wie es kommen musste. Die Tür wurde von innen geöffnet, und schon sprang das frisch getrimmte Hundemonster an Angie hoch und ließ seine rosa Zunge vor- und zurückschnellen, während gleichzeitig tausend Fragen auf Angie niederprasselten. Allerdings ging es Signora Sansone zumindest fürs Erste nicht um Paulas »schönsten Tag«, sondern um das Schlüssel-Tür-Desaster.

Weil handwerkliche Kleinreparaturen gern Männern zugeordnet werden, tauchte wenig später auch Carusos Herrchen Caruso auf Bewaffnet mit seinem Werkzeugkoffer, aus dem er eine Zange nahm, befreite er in Zeitlupe Angies hoffnungslos verbogenen Schlüssel und stellte endlich die fachmännische Diagnose: Nicht das Schloss war schuld, nein, der Fehler lag allein bei Angie. Sie hatte in der Eile Wohnungs- und Haustürschlüssel verwechselt. Es bedurfte keines besonderen Sachverstands, um zu sehen, dass sich mit diesem krummen Ding keine Tür mehr aufschließen ließ.

»Und wie komme ich jetzt in unsere Wohnung rein?« Angie war nach Heulen zumute. Das hatte sie jetzt davon.

»Tzzz!« Signor Sansone schnalzte mit der Zunge, was Caruso-Caruso zu missfallen schien, denn er jaulte und geiferte so schrill, dass eine Weile lang rein gar nichts mehr zu verstehen war. Lediglich das Wort »Schlüsseldienst« drang zu Angie durch. Das war’s. Warum war sie darauf nicht selbst gekommen?

»Okay, dann rufe ich halt den Schlüsseldienst. Dürfte ich wohl mal kurz bei Ihnen telefonieren?«

Angie durfte. Besser gesagt, sie durfte eintreten und auf dem Sessel neben dem Telefon Platz nehmen, wo zuvor – den perlgrauen Kräusellöckchen auf dem grünen Samtpolster nach zu urteilen – Caruso geruht hatte. Auch das Branchenverzeichnis durfte sie noch aufschlagen, dann allerdings wurde sie erneut abgebremst.

»Ich hoffe«, meinte der Hausherr, »dass du nicht vergessen hast, dass heute Sonntag ist?«

»Natürlich nicht«, murmelte Angie und beugte sich weiter vor, weil sie jetzt bei dem verheißungswollen Wort »Schlüssel« angelangt war. Schlüsseldienste ohne Ende, ihr reichte ein einziger. Hauptsache, sie kam rasch in die Wohnung rein. Marga wartete schließlich nur bis maximal elf Uhr im »Spirits« auf sie.

»Dann weißt du ja bestimmt auch, dass ein normaler Schlüsseldienst dir gar nichts nützt.«

»Wie?« Angie sah auf, ihre Fingerkuppe verrutschte und verlor jenen Anbieter wieder, welcher der Telefonnummer nach zu urteilen gleich hier in der Nähe beheimatet sein musste.

»Nach Feierabend und am Wochenende kommt nur noch der Notdienst.«

»Okay, nehme ich halt den Notdienst.« Angie blätterte zurück zu »N«, mit ärztlichen Notdiensten ging es los ...

»Ich hoffe du weißt, was das kostet?«

Angie schüttelte den Kopf. Woher bitteschön sollte sie das wissen? So etwas Dämliches war ihr noch nie zuvor passiert. Warum ausgerechnet heute? Das war ungerecht wie nur sonst was und fast, als ob ihr Schutzengel sich zusammen mit ihrer Familie gegen sie verschworen hätte. Dein Schutzengel sieht alles und weiß alles, Angelina!

Auch dass ich heute Abend meinen ersten Mai Thai testen will? Die stumme Frage weckte das, was man gemeinhin als schlechtes Gewissen bezeichnet, und verwandelte Angie sekundenlang zurück in jenes kindliche Wesen, das bei jeder Beichte insgeheim fürchtete, ihr Engel könne es dem Pastor verraten, wenn sie gerade schummelte und jene Dinge ausließ, von denen feststand, dass sie mit mehr als drei »Vater unser« oder »Gegrüßet seist du Maria« geahndet wurden. Wer aus dem Beichtstuhl kam und niederkniete, um den kompletten Rosenkranz abzubeten, war für alle anderen als »großer Sünder« erkenntlich, so was machte in der italienischen Gemeinde blitzschnell die Runde ...

»Es gäbe natürlich noch einen anderen Ausweg aus deinem Dilemma, Angelina.«

Ausweg war immer gut. Angie nickte eifrig und realisierte zu spät, worauf sie sich einließ. Signor Sansone wollte höchstpersönlich versuchen, den Schlüssel gerade zu biegen, oder aber, wenn das nicht klappte, das Türschloss oben aus- und ein anderes aus seinem Altbestand einbauen. Allerdings erst nach dem Essen und der Übertragung jener italienischsprachigen Show, die bei den Sansones den Abschluss eines jeden Sonntagabends bildete. Angie war selbstverständlich herzlich dazu eingeladen, und wer jemals die Gastfreundschaft einer sizilianischen Familie genossen hat – die Sansones kamen aus dem sizilianischen Ort Prizzi, der durch den Mafiafilm »Die Ehre der Prizzis« bekannt geworden ist – weiß, dass es kein Entkommen gibt, sofern man die Gastgeber nicht tödlich beleidigen will.

So trank Angie also billigen Vino statt Mai Thai, stopfte sich mit Lasagne voll und merkte zu spät, dass die Spinatfüllung mit Knoblauchzehen gespickt war. Der Abend war in jedem Fall gelaufen. Angie resignierte endgültig, half der Signora beim Abräumen, trocknete ab, führte Caruso Gassi und bedankte sich kurz nach Mitternacht völlig erschöpft für die Bezwingung ihrer Haustür. Die Spuren im Holz und am ehemals weißen Lack dürften den Einsatz eines Handwerkers erforderlich machen, der kaum weniger teuer als der Schlüssel-Notdienst war. Mit dieser Erkenntnis quälte Angie sich in einen ausgesprochen unruhigen Schlaf.

***

Der Engel in Angies Traum bestand hartnäckig darauf, er kenne die Rezepturen der dreißig beliebtesten Cocktails und sei soeben zum Sprecher der »Deutschen Barkeeper Union« gekürt worden. Für Angie stand fest, dass der himmlische Spitzel sie auf diese Weise testen wollte. Wenn sie zugab, die verschiedenen Mixturen ebenfalls zu kennen, war sie dran. Angie versuchte also abzulenken, doch ihr Schutzengel gab wieder mal keine Ruhe; er war schon immer einer von der hartnäckigen Sorte gewesen. Seitdem er es nicht mehr schaffte, sie am helllichten Tag kleinzukriegen, versuchte er sein Glück zunehmend nachts. Ihr Engel wollte gerade aus ihr herauslocken, was sie denn von einem »Melon Sour« mit Melonenlikör und Zuckerwasser hielte, als das Telefon ihn unterbrach.

Das Schrillen eines Telefons passt genauso wenig wie das Shaken eines Cocktails zu diesen geflügelten Besserwissern, die ja bekanntlich aus einer Ära stammen, in der Manna und Honig das höchste der Gefühle waren. Weshalb Angie auch zunächst gar nicht reagierte. Erst als das durchdringende Geräusch partout nicht aufhören wollte und Angie sogar unter ihre kuschelig warme Decke verfolgte, verabschiedete sie ihren Engel endgültig und wachte auf.

Ein Blick auf den Wecker neben ihrem Bett zeigte Angie, dass es genau sechs Uhr in der Frühe war. Sozusagen mitten in der Nacht für jemanden, der wie sie bis mittags liegen bleiben durfte, ohne dass jemand Anstoß daran nahm.

Mit einem Fluch schlug Angie das Steppbett zurück und stolperte zum Telefon, das in der Diele stand. Um ein Haar wäre sie dabei über das Antennenkabel gefallen, das nun aus dem Wohnzimmer in ihr Zimmer führte. Zum Auftakt ihrer vierzehntägigen Freiheit hatte sie sich in der Nacht wenigstens schon mal den großen Fernseher rübergerollt. Das Kabel war reichlich knapp und befand sich deshalb ungefähr in Kniehöhe.

Angie war noch immer nicht ganz wach, als sie den Hörer abnahm und »Si?« in die Sprechmuschel nuschelte.

Eine ihr unbekannte Frauenstimme meldete sich und redete auf sie ein.

»Wer sind Sie?«, unterbrach Angie die Wortsalve.

»Ich bin Frau Meier-Wölfing und ...«

»Kenne ich nicht« Angie legte auf Frechheit! Sie machte sich auf den Weg zurück in ihr Bett, doch sie kam nicht weit, denn schon klingelte es erneut.

»Sie haben sich verwählt, wann kapieren Sie das endlich?« Diesmal war Angie cleverer und legte den Hörer des Standtelefons auf die Brokatdecke der reichlich mit Intarsien verzierten Truhe, die ihre Mutter vor Jahrzehnten zur Aussteuer geschenkt bekommen hatte. Das moosgrün und mattrosa gemusterte und goldfarben gesäumte Deckchen darauf dämpfte die Stimme der hartnäckigen Person, die noch immer nicht zu reden aufhörte. Zwei Wörter fanden dennoch ihren Weg in Angies schlaftrunkenes Hirn und explodierten dort: »Tante« und »Schuss«.

Dio mio! Angie riss den Hörer hoch und presste ihn ans Ohr. »Wer hat auf meine Tante geschossen? Meinen Sie wirklich Zia Pia?«

»Ja, ich rede von Frau Pia Costa. Sie ...«

»Ist es sehr schlimm? Schwebt sie in Lebensgefahr? Wo liegt sie?«

»Ihre Tante liegt im Bett, aber ...«

»Das denke ich mir, dass sie im Bett liegt, wenn auf sie geschossen wurde.«

»Aber es hat ja niemand auf sie geschossen.«

»Das haben Sie doch gerade selbst gesagt.«

»Ich habe gesagt, dass Ihre Tante diese Nacht bei dem Versuch, ihren Kater einzufangen, einen Hexenschuss erlitten hat. Sie kann sich praktisch nicht mehr rühren, deshalb hat sie mich gebeten, Sie anzurufen, damit Sie den Laden pünktlich aufmachen.«

»Ich soll allein ...?«

»Ja, es geht nicht anders, zumal Ihre Tante heute eine größere Lieferung aus Mailand erwartet. Sie sollen sich ein Taxi nehmen und zuerst hier vorbeikommen und den Schlüssel und die frisch gereinigten Vorhänge für die Umkleidekabinen mitnehmen.«

Angie nickte und schwankte zwischen Lachen und Weinen. Um sechs Uhr aus dem Bett gerissen zu werden war alles andere als lustig, wogegen die Aussicht, ihr Verkaufstalent einen ganzen Tag lang ungehindert ausleben zu dürfen, statt lediglich Hilfsarbeiten unter Zia Pias Aufsicht zu verrichten, gar nicht so übel war. Selbstverständlich würde sie nie im Leben einer Frau mit normalen Maßen zu einem völlig überteuerten Keuschheitsgürtel von der Art, wie ihre arme Schwester ihn am Sonnabend getragen hatte, raten. In einem solchen Fall hätte eindeutig die Nächstenliebe Vorrang vor dem Kommerz ...

»Haben Sie mich verstanden?«, drängte die nunmehr fast schon vertraute Stimme am anderen Ende der Leitung.

»Logisch!«, sagte Angie leicht verärgert. Hörte sie sich etwa an, als ob sie kein Deutsch verstünde?

»Dann ist es ja gut. Ich kann Ihrer Tante also sagen, dass Sie pünktlich kurz nach acht hier sein werden.«

»Können Sie. In der Zeit schaffe ich das dreimal.«

»Einmal reicht. Also bis gleich.«

Gleich war gut! Angie fragte sich, warum sie um sechs aus dem Bett gejagt wurde, wenn sie erst um neun das altmodische Rollgitter hochfahren sollte, das die Auslage von »La Donna« vor Langfingern schützte. Sei’s drum! Angie beschloss, die überschüssige Zeit zu nutzen, um nach der üblichen Morgentoilette erst mal gut zu frühstücken und dann vor dem Spiegelschrank im Elternschlafzimmer ein paar professionell wirkende Verkaufsposen als stellvertretende Chefin einzustudieren.

Das Frühstück fiel in Ermangelung frischer Brötchen nicht besonders opulent aus, und Angie war zu faul, um extra zum Bäcker zu laufen. So begnügte sie sich mit einem Becher Kakao, in den sie ihren Zwieback stippte und erst abbiss, wenn das jeweilige Stück so voll gesogen war, dass es jeden Moment in die Tasse zu platschen drohte. Angies Timing war perfekt, den einzigen Ausreißer fing sie im Absturz ein. Na bitte!

Beim Posieren à la Fachfrau für teure Dessous vor dem Spiegel – genau genommen waren es sogar sechs Spiegel, einer pro Schranktür – hatte Angie schon mehr Mühe. Als besonders hinderlich erwies sich ihr eigenes Konterfei, an dem normalerweise nichts auszusetzen war: Schlichtes weißes T-Shirt, dazu schmal geschnittene Jeans – sie war nun mal ein Jeans-Typ –, die schulterlangen Haare hatte sie hochgesteckt, kein Make-up außer Wimperntusche und etwas Glanz auf den Lippen, so weit so gut. Doch wie sollte sie einer Lady klar machen, dass deren Oberweite erst mit der richtigen Hebebühne voll zur Wirkung kam, wenn sie selbst überhaupt keinen Büstenhalter trug? Angie verabscheute das Gefühl, auch noch an ihrem eigenen Körper eingezwängt zu werden, und solange nichts hing ...

Sicherheitshalber schob Angie rasch den Bleistifttest ein, um sich davon zu überzeugen, dass die Hochzeit ihrer Schwester der Standfestigkeit ihrer Brüste nicht geschadet hatte. Es war ja nicht auszuschließen, dass auch Brüste auf extremen Stress mit einem Tief reagierten. Zum Glück blieb der Stift nirgends klemmen, sondern fiel, wie es sich gehörte, ruckzuck zu Boden und strafte solcherart auch die Unkenrufe ihrer Mutter Lügen. Angeblich leiert nämlich der Brustmuskel aus, wenn man halterlos durchs Leben geht.

Von wegen! Nichts leierte, gar nichts. Zufrieden rollte Angie ihr T-Shirt wieder nach unten, bevor sie sich erneut an die Arbeit machte und eine imaginäre Kundin empfing, sie beriet und ganz zuletzt ein hübsches Sümmchen für ihre Dienste kassierte. Vielleicht obendrein ein Trinkgeld? Nur mal angenommen sie verhalf einer Kundin vom Typ ihrer Schwester zu so viel Selbstbewusstsein, dass sie auf diese überteuerten Folterinstrumente verzichtete und sich für ein womöglich viel preiswerteres Teil entschied, in dem sie sich obendrein wohl fühlte, so sollte das der betreffenden Person doch wohl ein paar (gesparte) Euro extra wert sein, oder etwa nicht?

Angies Lächeln gewann an Wärme, ihre Bewegungen wurden immer fließender; es machte auch gar nichts, dass die Kundschaft vorläufig unsichtbar blieb. Bei ihrem Schutzengel war das nicht anders, trotzdem wusste Angie ihn mittlerweile zu nehmen. Als sie an der Stelle ankam, wo die imaginäre Kundin ihr versicherte, noch nie zuvor in ihrem Leben so fachkundig und zugleich menschlich behandelt worden zu sein, kamen Angie fast selbst die Tränen.

Spätestens seitdem sie zugesehen hatte, wie ihre eigene Schwester sich bei der Anprobe ihres Hochzeitsstaats zum Narren machte, war Angie klar, wie labil und folglich gefährdet Frauen sind, wenn es um die Verpackung ihrer Schönheit geht. Eine veritable Herausforderung! Für Angie stand fest, dass Zia Pia dieser nie und nimmer gewachsen war, selbst dann nicht, wenn sie zu finanziellen Einbußen bereit wäre. Seine Geldgier kann man vielleicht bezwingen, nicht aber die sizilianische Schere im Kopf, die schlimmer und in jedem Fall verlogener als jede Kastration ist.