Verlag: FISCHER E-Books Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

Wer hat meinen Vater umgebracht E-Book

Édouard Louis  

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E-Book-Beschreibung Wer hat meinen Vater umgebracht - Édouard Louis

Ein zorniger junger Autor auf Erfolgskurs – ein emotionales, persönliches und hochpolitisches Buch»Literatur muss kämpfen - für all jene, die selbst nicht kämpfen können.« Édouard Louis»An meine Kindheit habe ich keine einzige glückliche Erinnerung« lautet der erste Satz in Édouard Louis‘ Roman »Das Ende von Eddy«. In seinem neuen Buch »Wer hat meinen Vater umgebracht« sieht Louis das anders, mittlerweile versteht er die Gewaltausbrüche seines Vaters, der unter der sozialen Ungerechtigkeit einer Gesellschaft leidet, die für Menschen wie ihn keinen Platz hat. Louis erinnert sich an einen liebevollen und fürsorglichen Vater, der seinem Sohn wünscht, aus den einfachen Verhältnissen auszubrechen. Édouard Louis hat es geschafft. Eine überwältigende Hommage an den eigenen Vater und dessen gescheiterte Träume.

Meinungen über das E-Book Wer hat meinen Vater umgebracht - Édouard Louis

E-Book-Leseprobe Wer hat meinen Vater umgebracht - Édouard Louis

Leseprobe zu:

Édouard Louis

Wer hat meinen Vater umgebracht

Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel

FISCHER E-Books

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Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.

© S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Inhalt

WidmungEinleitungIIIIII

I

Danach befragt, wofür in ihren Augen der Begriff »Rassismus« steht, antwortet die amerikanische Intellektuelle Ruth Gilmore, er bedeute für bestimmte Teile der Bevölkerung das Risiko eines verfrühten Todes.

Diese Definition gilt ebenso für männliche Vorherrschaft, für Homophobie, Transphobie, Herrschaft einer Klasse über eine andere, für alle Phänomene sozialer oder politischer Unterdrückung. Begreift man Politik als die Regierung von Lebewesen über andere Lebewesen, und gehören die Individuen jeweils Gemeinschaften an, denen sie zugewiesen wurden, dann besteht Politik in der Abgrenzung jener Bevölkerungsteile, die ein komfortables, geschütztes, begünstigtes Leben genießen, von solchen, die Tod, Verfolgung, Mord ausgesetzt sind.

Letzten Monat habe ich dich in der kleinen Stadt im Norden besucht, wo du jetzt wohnst. Es ist eine hässliche, graue Stadt. Das Meer ist nur wenige Kilometer entfernt, du fährst aber nie hin. Ich hatte dich einige Monate lang nicht gesehen – es ist lange her. Als du die Tür aufmachtest, erkannte ich dich erst nicht wieder.

Ich sah dich an, versuchte, die Jahre, die ich fern von dir verbracht hatte, aus deinem Gesicht zu lesen.

Später erzählte mir die Frau, mit der du jetzt lebst, dass du fast gar nicht mehr gehen kannst. Und auch, dass du nachts ein Gerät benötigst, um Luft zu bekommen, ohne das dein Herz stehenbleibt, denn es kann ohne Hilfe, ohne die Unterstützung eines Apparates nicht mehr schlagen, will nicht mehr schlagen. Als du aufstandst, um zum Klo zu gehen, und dann wieder zurückkamst, da konnte ich es sehen, da brachten diese zehn Meter dich zum Keuchen, du musstest dich hinsetzen, um wieder Atem zu schöpfen. Du entschuldigtest dich. Von dir Entschuldigungen zu hören, das ist neu, daran muss ich mich erst gewöhnen. Du erklärtest, du littest unter einer schweren Form von Diabetes, dazu noch das erhöhte Cholesterin, du könnest jederzeit einen Herzstillstand erleiden. Allein schon mir all das zu beschreiben brachte dich außer Atem, deine Lungen verloren den Sauerstoff, als hätten sie ein Leck, sogar das Reden war eine zu große, zu umfassende Anstrengung. Ich sah dich gegen deinen Körper kämpfen, aber ich versuchte, so zu tun, als würde ich es nicht bemerken. In der Woche davor hattest du dich wegen etwas operieren lassen müssen, das die Ärzte einen Eingeweidevorfall in der Bauchhöhle nannten – davon hatte ich noch nie gehört. Dein Körper ist für sich selbst zu schwer geworden, dein Bauch hängt zu Boden, er zerrt zu stark, zu heftig an sich selbst, so stark, dass er innerlich zerreißt, dass er unter seinem eigenen Gewicht, der eigenen Masse zerreißt.

Du kannst dich nicht mehr hinters Steuer setzen, ohne dich selbst in Gefahr zu bringen, darfst keinen Alkohol mehr trinken, kannst dich nicht mehr allein duschen, ohne dass das ein enormes Risiko bedeuten würde. Du bist gerade mal über fünfzig. Du gehörst zu jener Kategorie von Menschen, für die die Politik einen verfrühten Tod vorgesehen hat.

 

Meine ganze Kindheit über hoffte ich, du würdest verschwinden. Wenn ich nachmittags gegen fünf Uhr aus der Schule kam, hielt ich nach deinem Wagen Ausschau, danach, ob er vor unserer Tür stand oder nicht. War er nicht da, so hieß das, dass du in der Kneipe warst oder bei deinem Bruder und erst spät zurückkommen würdest, vielleicht nach Einbruch der Nacht. Wenn ich deinen Wagen nicht auf dem Bürgersteig vor dem Haus sah, wusste ich, dass wir ohne dich essen würden, dass unsere Mutter uns das Essen schulterzuckend hinstellen und ich dich nicht vor dem nächsten Tag zu Gesicht bekommen würde. Wenn ich mich unserer Straße näherte, dachte ich jeden Tag an deinen Wagen, und ich betete in meinem Kopf: Lass ihn nicht da sein, lass ihn nicht da sein, lass ihn nicht da sein.

 

Richtig kennengelernt habe ich dich erst später durch Zufall. Oder auf dem Umweg über andere. Vor gar nicht langer Zeit fragte ich meine Mutter, wie sie dir begegnet war, warum sie sich in dich verliebt hatte. Sie sagte: sein Duft. Er trug Parfüm, und du musst wissen, zu der Zeit war das nicht wie heute, Männer trugen kein Parfüm, das war nicht üblich. Dein Vater schon. Er schon. Er war anders. Er roch so gut.

 

Und weiter sagte sie: Er hat mich gewollt. Ich hatte mich gerade von meinem ersten Mann scheiden lassen, war ihn endlich losgeworden und war viel glücklicher so, ohne Mann. Frauen sind ohne Mann immer viel glücklicher. Aber er hat nicht lockergelassen. Er kam jedes Mal mit Pralinen oder Blumen. Am Ende habe ich nachgegeben. Ich habe nachgegeben.

 

2002 – Eines Tages erwischte meine Mutter mich, wie ich alleine in meinem Zimmer tanzte. Ich hatte mich möglichst leise bewegt, wollte keinen Lärm machen, nicht zu laut atmen, die Musik war auch nicht besonders laut eingestellt, aber sie hatte wohl von der anderen Seite der Wand etwas gehört und wollte nachschauen, was los war. Ich zuckte zusammen, außer Atem, das Herz schlug mir im Hals, meine Lungen stiegen mir in den Hals, ich drehte mich zu ihr um und wartete – Herz im Hals, Lungen im Hals. Ich erwartete Vorwürfe, aber sie sagte lächelnd, wenn ich tanzte, ähnelte ich dir am meisten. Ich fragte sie: »Papa hat getanzt?« – dass dein Körper schon einmal etwas so Freies, so Schönes und mit deinem Männlichkeitswahn so wenig Vereinbares getan hatte, sagte mir, dass du früher vielleicht einmal ein anderer Mensch gewesen warst. Meine Mutter nickte: »Dein Vater hat bei jeder Gelegenheit getanzt! Überall. Und dann sahen alle ihm zu. Ich war so stolz, dass das mein Mann war!« Ich rannte durchs Haus auf den Hof, wo du für den Winter Holz hacktest. Ich wollte wissen, ob das stimmte. Ich wiederholte, was meine Mutter gesagt hatte, und du schlugst die Augen nieder und murmeltest, sehr langsam: »Du musst nicht jeden Scheiß glauben, den deine Mutter erzählt.« Aber du wurdest rot. Ich wusste, du logst.

*

Eines Abends, als ich allein im Haus war, ihr wart zu Freunden essen gegangen, ich hatte nicht mitkommen wollen – die Erinnerung an den Holzofen, der im ganzen Haus seinen Aschengeruch und das träge orange Licht verbreitete –, fand ich in einem alten, von Insekten und Feuchtigkeit halbzerfressenen Album Fotos von dir, als Frau verkleidet, als Majorette. Seit meiner Geburt hatte ich immer nur gesehen, wie du auf sämtliche Merkmale von Weiblichkeit bei Männern mit Verachtung reagiertest, du sagtest, ein Mann dürfe sich nie wie eine Frau verhalten, nie. Auf den Fotos warst du wohl um die dreißig Jahre alt, ich glaube, ich war schon auf der Welt. Bis zum Morgen betrachtete ich diese Bilder deines Körpers, deines in einem Rock steckenden Körpers, die Perücke auf dem Kopf, Lippenstift, unter dem T-Shirt den künstlichen Busen, den du wohl mit Watte und einem BH gebastelt hattest. Am meisten erstaunte mich, wie glücklich du aussahst. Du lächeltest. Ich nahm das Foto, versteckte es in einer Schublade, aus der ich es mehrmals pro Woche hervorholte und versuchte, aus ihm klug zu werden. Dir sagte ich nichts davon.

 

Einmal schrieb ich in ein Heft über dich: Die Geschichte seines Lebens erzählen heißt, die Geschichte meiner Abwesenheit schreiben.

 

Ein anderes Mal überraschte ich dich dabei, wie du dir im Fernsehen die Direktübertragung einer Oper ansahst. Das hattest du noch nie getan, nicht vor mir. Bei der verzweifelten Arie der Sängerin sah ich, dass deine Augen anfingen, feucht zu glänzen.

Am unbegreiflichsten ist, dass selbst diejenigen, denen es nicht immer gelingt, die von der Welt auferlegten Normen und Regeln zu respektieren, so hartnäckig auf deren Befolgung drängen, so wie du, wenn du sagtest, ein Mann dürfe niemals weinen.

Ob du darunter gelitten hast, unter diesem Paradox? Ob du dich schämtest zu weinen, wo du immer sagtest, ein Mann dürfe nicht weinen?

Ich hätte gerne zu dir gesagt: Ich weine auch. Oft sogar sehr.

 

2001 – an einem anderen Winterabend, du hattest Gäste zum Essen eingeladen, viele Freunde, das machtest du nicht oft, und ich hatte die Idee, für dich und die anderen Erwachsenen eine Vorführung zu organisieren. Ich schlug den anderen am Tisch sitzenden Kindern, außer mir noch drei weitere Jungs, vor, zum Proben in mein Zimmer zu gehen – ich hatte beschlossen, das Konzert einer später aufgelösten Popband namens Aqua nachzustellen. Mehr als eine Stunde lang erfand ich Choreographien, Bewegungen, Gesten, ich gab die Anweisungen. Ich wollte die Sängerin sein, die anderen drei Jungs sollten die Backgroundsänger geben und auf unsichtbaren Gitarren spielen. Ich kam als Erster ins Esszimmer, die anderen folgten mir, ich gab das vereinbarte Signal, und wir fingen an, doch du wandtest sofort den Kopf ab. Ich begriff es nicht. Alle Erwachsenen schauten uns zu, nur du nicht. Ich sang lauter, tanzte mit exaltierten Bewegungen, damit du mich bemerktest, aber du schautest weg. Ich sagte, Papa, schau mal, schau mal, ich kämpfte, aber du sahst nicht hin.

 

Beim Autofahren sagte ich zu dir: Mach den Formel-1-Fahrer!, und du tratst das Gaspedal durch, fuhrst mit mehr als 150 Stundenkilometern über die kleinen Landsträßchen. Meine Mutter hatte Angst, sie schrie, nannte dich einen Verrückten, doch du schautest mich im Rückspiegel mit einem Lächeln an.

[...]

Über Édouard Louis

Édouard Louis wurde 1992 geboren. Sein autobiographischer Debütroman ›Das Ende von Eddy‹, in dem er von seiner Kindheit und Flucht aus prekärsten Verhältnissen in einem nordfranzösischen Dorf erzählt, sorgte 2015 für großes Aufsehen. Das Buch wurde zu einem internationalen Bestseller und machte Louis zum literarischen Shootingstar. Sein zweiter Roman ›Im Herzen der Gewalt‹ erschien in über 20 Sprachen und wird verfilmt sowie fürs Theater adaptiert. Édouard Louis lebt in Paris.

 

Hinrich Schmidt-Henkel übersetzt seit 1987 Belletristik und Theaterstücke aus dem Französischen, Italienischen und Norwegischen, darunter Werke von Jon Fosse, Henrik Ibsen, Jean Echenoz, Louis-Ferdinand Céline, Stefano Benni und Massimo Carlotto. Er ist u.a. Träger des Jane-Scatcherd-Preises der Ledig-Rowohlt-Stiftung, des Paul-Celan-Preises und des Deutschen Jugendliteraturpreises.

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Über dieses Buch

Édouard Louis ist der interessanteste Intellektuelle unserer Zeit, er ist jung und zornig und erhebt seine Stimme gegen jede soziale Ungerechtigkeit. Sein Credo lautet: »Literatur muss kämpfen, für all jene, die selbst nicht kämpfen können.« Louis weiß, wovon er spricht. Als Kind hat er miterlebt, wie sein Vater nach einem Arbeitsunfall Opfer der Sozialkürzungen wurde und nur noch als Straßenfeger arbeiten konnte. Richtete sich Louis‘ Wut in seinem ersten Buch »Das Ende von Eddy« gegen seine Eltern, ist er in »Wer hat meinen Vater umgebracht« voller Mitgefühl für seinen Vater, Louis versteht nun dessen Wutausbrüche und Verzweiflung. Eine tief bewegende Hommage an den eigenen Vater und dessen gescheiterte Träume.

 

Impressum

Erschienen bei S.Fischer

Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel Qui a tué mon père bei Éditions du Seuil, Paris

© 2018, Édouard Louis. All rights reserved.

Für die deutschsprachige Ausgabe: © 2019S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

ISBN 978-3-10-491031-4