Verlag: Mitteldeutscher Verlag Kategorie: Fremdsprachen Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Erhalten Sie Zugriff auf dieses
und über 80000 weitere Bücher
ab EUR 4,99 pro Monat.

Jetzt testen
7 Tage kostenlos

Sie können das E-Book in Legimi-App für folgende Geräte lesen:

Tablet  
Smartphone  
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Seitenzahl: 400

Das E-Book kann im Abonnement „Legimi ohne Limit+“ in der Legimi-App angehört werden für:

Android
iOS
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Das E-Book lesen Sie auf:

Kindle MOBI
E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Wer lebt in Russland froh und frei? - Friedemann Weckbach-Mara

Das klassische Panorama des russischen Volkslebens im 19. Jahrhundert in neuer Übersetzung Nekrassows Poem ist ein in Russland zum Klassiker gewordenes ideenreiches Versepos (Mitte 19. Jh.) mit märchenhaften, grotesken Zügen. Sieben Bauern begeben sich darin auf die Reise durch Russland, um herauszufinden, wem von allen Menschen das beste Los beschieden ist. Sie wollen nicht eher nach Hause zurückkehren, bis sie die Antwort gefunden haben. Kurzweilige, witzige Verse, die sich vielfach reimen, gespickt mit groben, unverstellten Charakteren und teils derben Scherzen machen den Charme des Werkes aus. Märchenhaftes bringt die Handlung in Gang – ein sprechender Vogel, der Wünsche erfüllt, und eine Art Tischlein-deck-dich. Schon damals gingen die Meinungen über Nekrassows Werk weit auseinander. Während die einen ihn sogar über Puschkin und Lermontow stellten, kritisierten und verrissen ihn andere wegen angeblicher stilistischer Schwächen. Doch wer ihn liest, wird spüren, mit welcher Liebe und sprachlichen Kraft Nekrassow das Leben seines Landes und seines Volkes besang.

Meinungen über das E-Book Wer lebt in Russland froh und frei? - Friedemann Weckbach-Mara

E-Book-Leseprobe Wer lebt in Russland froh und frei? - Friedemann Weckbach-Mara

Nikolai A. Nekrassow

Wer lebt in Russland froh und frei?

Zweisprachige Ausgabe

Deutsch von Christine Hengevoß

mitteldeutscher verlag

PROLOG

Es war einmal ich weiß nicht wann,

es war einmal in einem Land.

An einem Postweg trafen sich

einst sieben Bäuerlein:

auf Zeit Frondienstverpflichtete,

vom Hungertuchgouvernement,

dem Landkreis Niederklagenburg,

dem Amtsbezirke Sorgenfeld,

aus Dörfern mancherlei:

aus Kummerow und Leidenstedt,

aus Nothweiler, Kleinelendsdorf,

Brandstade und aus Flickenhof,

und aus Großlöcheritz.

Sie trafen sich und stritten gleich:

Wer lebt in Russland froh und reich,

wer hat das beste Los?

Der Gutsbesitzer, sprach Roman.

Nein, der Beamte, sprach Demjan.

Der Pope, sprach Luka.

Die Brüder Gubin meinten dann

(Iwan und Mitrodor),

der Kaufmann sei’s, der fette Wanst.

Pachom, der Alte, angespannt,

den Blick der Erde zugewandt,

raunt’: der Bojar, der Würdenmann,

Minister unsrer Majestät.

Prow sagte glatt: der Zar …

Stur wie ein Ochs der Bauer ist,

starrköpfig wie ne Zick. –

Was er sich in den Schädel setzt,

kriegst du nicht raus: so stemmt er sich,

geht keinen Schritt zurück!

Wer da vorbeigeht, hört den Streit

und denkt bei sich darauf:

Die haben einen Schatz entdeckt

und teilen ihn jetzt auf …

Ein jeder losgegangen war

in Dingen, in geschäftlichen:

Mit Honig ging Pachomuschka,

wollt auf dem Markt verkaufen ihn,

der Nächste lief zur Schmiede hin,

ein Dritter nach Iwankowo

zur Kindstaufe den Popen holn,

Vater Prokophius.

Mit einem Halfter unterm Arm

warn beide Brüder Gubin grad

zu ihrer Herde unterwegs,

zu fangen dort ein Ross.

Für alle wär’s längst höchste Zeit,

den Heimweg anzutreten, doch

das tun die sieben nicht!

Je weiter, desto schneller gehn

sie, so als sei’n die Wölfe schon,

die grauen nicht mehr weit.

Sie laufen, schreien laut umher!

Ach, sie besinnen sich nicht mehr!

Und schnell verrinnt die Zeit.

Bei all dem Streiten sehn sie nicht

die rote Sonne untergehn.

Die Dämmerung bricht an.

Sie würden wohl die Nacht hindurch

so weiterrennen, wärn sie nicht

begegnet jenem Weib,

der knorrigen Durándicha,

die ihnen zuruft: „Meine Herrn!

Wohin des Wegs, die Nacht beginnt,

wo wollt ihr denn noch hin?“

Die Hexe fragt, lacht laut und hell,

peitscht ihren Gaul, der dreht sich schnell.

Davon geht’s im Galopp …

„Wohin?“ – die sieben Tröpfe schaun

sich ganz entgeistert an.

Da stehen sie, ganz still und klein

die Köpfe tief gesenkt …

Am Himmel ganz hoch oben strahlt

bereits der Sterne Flut.

Das Mondlicht schwarze Schatten wirft

auf ihren Weg. Unheimlich schon

ist ihnen jetzt zumut.

O Schatten, o ihr schwarzen, ihr!

Wem lauft ihr immer hinterher?

Wen überholt ihr nimmermehr?

Ihr Schatten, euch wohl nie ein Mann

umarmen, greifen kann!

Den Waldrand und den Weg besieht

Pachomuschka sich jetzt.

Er schaut, er schweigt, denkt lange nach

und spricht zu guter Letzt:

„Da hat uns einen Schabernack

der Waldgeist wohl gespielt

und hat uns an die dreißig Werst

vom Wege fortgeführt!

Es ist zu weit zurück nach Haus –

wir können nichts mehr tun.

Drum setzt euch! Bis der Tag beginnt,

wolln wir ein wenig ruhn.“

Die Schuldfrage entschieden ist,

und unverdrossen lassen sie

am Waldrand nieder sich.

Ein paar Kopeken sammeln sie;

ein Feuer ist entzündet schnell,

zwei Männer laufen Wodka holn.

Auch Becherchen aus Birkenrind’

geschwind gefertigt sind.

Und bald schon ist der Wodka ran,

und bald schon ist ein Imbiss ran,

die Zecherei beginnt!

Drei Becher Wodka, und erneut

wolln’s wissen unsre Bäuerlein:

Wer lebt in Russland sorgenfrei,

wer hat das beste Los?

„Der Gutsbesitzer“, schreit Roman.

„Nein, der Beamte“, schreit Demjan.

„Der Pope“, schreit Luka.

Es schreien auch die Brüderlein

(Iwan und Mitrodor),

der Kaufmann sei’s, der fette Wanst.

Pachomuschka schreit: „Der Bojar,

Minister unsrer Majestät“,

und Prow schreit laut: „Der Zar!“

Noch hitziger als wie zuvor

aufs Schimpflichste beschimpfen sich

die zänkischen Geselln.

Schon ziehn einander sie am Bart

und werden handgreiflich …

Sieh da, die Kerle prügeln sich!

Roman, der haut Pachomuschka,

Demjan, der haut Luka.

Die Gubin – Brüder, seht doch nur,

versohln den starken Prow sogar,

und jeder brüllt umher!

Schon ist aus seinem Schlaf erwacht

das Echo voller Übermut.

Hallt durch den Wald, lacht durch die Nacht;

ganz tückisch heizt das Echo ein

den sturen Bäuerlein.

„Der Zar! Der Zar!“ – von rechts es schallt.

„Nein, der Bojar, Bojar, Bojar!“ –

von links es widerhallt.

Ganz aus dem Häuschen ist der Wald:

die Vögelchen, die fliegenden,

die Tiere mit den Füßen flink,

die Kriechtiere, die kriechenden;

Gedröhn, Geheul, Gestöhn!

Als Erstes Meister Lampe flitzt

wie nie zuvor so ungestüm

aus dem Gebüsche blitzeschnell

heraus, und weg ist er.

Ganz oben in der Birke fängt

ein scheußliches Getschilpe an:

Das sind die jungen Dohl’n.

Ein Laubsänger im Baume weint:

Vor lauter Schreck ein Küken klein

ist aus dem Nest gefalln.

Er zwitschert, weint, er findet’s nicht,

er ruft nach seinem Kind.

Von dem Geschrei und all dem Krach

wird nun der alte Kuckuck wach

und fängt zu rufen an.

Wohl zehnmal klingt sein Kuckuck-Ruf,

und zehnmal bricht er wieder ab

und fängt aufs Neue an …

Ruf nur, du kleiner Kuckuck, du!

Dein Ruf erstickt von selbst,

wenn das Getreide Ähren trägt,

und reift im Sommerfeld.

Auch sieben Uhus sind jetzt da,

auf sieben Bäumen sitzen sie,

die Mitternachtsgeselln,

sich weidend an der Schlägerei.

Und ihre Augen brennen hell

wie vierzehn Kerzen in der Nacht

aus reinem Bienenwachs.

Ein Rabe ist herbeigeeilt,

sitzt auf dem Baum, das kluge Tier,

ganz nah am Feuer hier.

Sitzt da und ruft den Teufel an,

sie mögen doch zu Tode haun

von denen einen da!

Von dem Geschrei herbeigelockt,

mit einem Glöckchen um den Hals,

kommt eine Kuh heran.

Die Herde sie verloren hat

am Tag zuvor. Jetzt steht sie da

und glotzt die Bauern an.

Den wirren Reden lauscht sie nun,

und sie beginnt, die Gute, sie,

Zu muhn, zu muhn, zu muhn!

Das dumme Rindvieh muht und muht,

die Dohlenkinder tschilpen laut,

die wilden Kerle schreien laut.

Das Echo äfft sie nach.

Das Echo hat nur eins im Sinn –

zu necken Leute ehrliche,

zu schrecken Weib und Kind.

Kein Mensch hat’s Echo je gesehn,

jedoch gehört hat’s jeder schon.

So körperlos – und doch, es lebt,

so sprachlos – doch es ruft!

Die Eule – die durchtriebene

Herzogin aller Vororte –

auch sie ist längst schon da.

Und Boden, Sträucher streifend, schwebt

laut rufend sie umher …

Und auch die schlaue Füchsin hat,

neugierig wie sie sind, die Fraun,

herangeschlichen sich.

Sie horcht und horcht, geschwinde dann

läuft sie davon, sie sagt sich wohl:

„Dies dauert mir zu lang.“

Es könnten selbst die Streitenden

wohl kaum noch sagen, was sie da

zum Streit bewogen hat …

Nachdem die sieben ordentlich

einander grün und blau gehaun,

besinnen sie sich jetzt.

Vom Pfützenwasser trinken sie,

machen sich frisch, und beinah dann

der Schlaf sie übermannt …

Inzwischen hat, so nach und nach,

halb hüpfend, halb im Flugversuch,

jenes verlorne Küken sich

dem Feuerchen genähert.

Dort fängt es ein Pachomuschka,

schaut’s an im hellen Feuerschein,

und raunt: „Du Piepmatz winziger,

so klein, und doch oho!

Pust ich – schon kullerst runter du,

nies ich – schon rollst ins Feuer du,

ein Stups – schon bist du tot!

Und dennoch bist du, Vögelchen,

viel stärker noch als wir!

Bald sind erstarkt die Flügelchen,

und, hast du nicht gesehn, du Matz,

fliegst du, wohin du magst!

Ach Vögelchen, du kleines, du,

leih uns doch deine Flügelchen,

dann flögen wir umher!

Dann blickten, hörten wir uns um,

befragten Leute allerlei:

Wer lebt in Russland sorgenfrei,

wer hat das beste Los?“

„Auch ohne Flügel würden wir

durchmessen Russland-Mütterchen,

erkunden ihren Schoß,

bekämen nur zu essen wir

pro Tag ein Brot aus Sauerteig“,

meint Prow: „Schön frisch und groß!“

„Ein Eimer Wodka wäre recht“, –

werfen, dem Wodka zugeneigt,

noch schnell die Brüder Gubin ein,

Iwan und Mitrodor.

„Und Salzgurken wär’n auch nicht schlecht,

so Stücker zehn zum Frühstück schon“, –

scherzen die Bäuerlein.

„Und mittags je ein Krügelein

vom schönen kühlen Kwas.“

„Und abends dann ein Kesselchen

mit schönem, heißem Tee …“

Indes sie munter fabeln, kommt

ganz aufgeregt der Laubsänger

herangeflattert, setzt sich dann

mit an das Feuerchen.

Er hüpft, den Schnabel öffnet er,

mit Menschenstimme redet er

Pachom auf einmal an:

„Ich bitt dich, lass das Küken klein

hier frei, und ich verspreche dir,

dein Schade soll’s nicht sein.“

„Was gibst du uns?“ –

„Brot geb ich euch,

ein halbes Pud am Tag.

Auch Wodka, Gurken, sauren Kwas,

und Tee, so dass ihr wandern könnt

durch unser ganzes großes Land

und leidet keine Not.“

„Wie willst für sieben Kerle du,

du winzig-kleines Vogeltier,

denn abends, morgens jeden Tag

besorgen so viel Brot?“

„Besorgen müsst alleine ihr’s,

ich bin ja nur ein Vögelchen,

ich sage euch nur, wie.“

„Ja, sag!“

„Geht dort lang, durch den Wald,

ab Wegstein dreißig müsst ihr dann

wohl eine Werst noch gehn:

Auf eine Lichtung kommt ihr bald.

Auf jener Lichtung seht ihr schon

zwei alte Kiefern stehn.

Und unter jenen Kiefern liegt

ein Kästchen, ein vergrabenes.

Grabt’s aus und nehmt es mit.

Das Kästchen ist von Wunderkraft:

drin liegt ein feines Zaubertuch.

Dies Tuch euch Speis und Trank beschafft,

nur bitten müsst ihr es!

Sagt einfach nur ganz leise: ‚He!

Du, Zauberlaken! Aufgetischt

für uns, die Bauersleut!‘

Befehl sei euer Wille mir:

Wie ihr es wünscht, so soll es sein,

der Wunsch wird euch erfüllt.

Und jetzt – jetzt lasst mein Küken frei!“

„Halt, halt! Wir sind doch arme Leut,

und unser Weg ist noch sehr weit.“ –

sagt ihm Pachom darauf.

„Ich bitt dich noch, du weises Tier,

auf unsre alten Kleider hier

üb deinen Zauber aus!“

„Dass unsre Bauernröcke nicht

gar allzu schnell verschleißen sich!“,

bittet Roman sich aus.

„Und dass die Schuh aus Lindenbast

uns nicht kaputtgehn immerzu!“, –

bittet Demjan sich aus.

„Dass Laus und Floh so lästiglich

im Hemde nicht vermehren sich!“, –

bittet Luka sich aus.

„Die Fußlappen nicht stinken mehr“,

rufen die Gubins noch geschwind …

Darauf das Vögelchen:

„Auch waschen, flicken, trocknen kann

das Laken dann für sieben Mann …

Komm, lass mein Küken frei …“

Er öffnet seine breite Hand

und lässt das Küken los.

Kaum los und frei, da flattert schon

das kleine Küken Stück für Stück,

halb hüpfend, halb im Flugversuch

zur Baumhöhle zurück.

Der Laubsänger fliegt hinterdrein.

Doch halb im Flug schon, fügt er noch

hinzu: „Doch merkt euch eins!

Soviel der Wanst vertragen kann,

bestellt euch Speis und Trank,

vom Wodka aber fordert euch

nur einen Eimer stets.

Denn wollt ihr mehr an einem Tag,

bekommt ihr’s einmal und noch mal.

Doch fordert ihr’s zum dritten Mal,

wird Unheil euch zuteil!“

Von dannen fliegt das Vögelchen

und nimmt sein kleines Küken mit,

im Gänsemarsch beginnen sie

nun ihre Wanderung.

Den Wegstein dreißig finden sie

schon bald! – Die Bauern gehen still

mit wachem Sinn schön geradeaus,

und jeden Schritt durch jenen Wald

zähln sie ganz leise mit.

Als eine Werst vermessen ist,

erblicken sie die Lichtung schon,

und auf der Lichtung sehen sie

zwei alte Kiefern stehn …

Schnell graben sie an jenem Ort,

das Zauberkästchen finden sie,

und öffnen es – Darinnen liegt

dann auch das Zaubertuch,

Kaum haben sie’s, schon rufen sie:

„He, Zauberlaken! Aufgetischt

für uns, die Bauersleut!“

Sieh da – das Laken breitet sich

schnell aus, und dank dem Zauberwort

zwei Riesenhände haben schnell

den sieben, wie es abgemacht,

das Brot und Wodka hingestellt,

und sind schon wieder fort.

„Und gibt es keine Gurken heut?“

„Gibt’s keinen schönen kühlen Kwas?“

„Gibt’s keinen schönen heißen Tee?“

Und alles wird gebracht …

Das Festmahl kann beginnen nun,

sie binden ihre Stricke ab

und setzen sich ans Tuch.

Sie schlemmen und sie küssen sich

vor Freude, und versprechen sich,

wenn wieder Streit und Zwietracht droht,

sich nicht zu prügeln ohne Not,

ohne Verstand und Sinn,

sondern hingegen achtungsvoll,

so wie es Christenmenschen tun,

den Streit zu lösen ohne Groll,

nach Hause nicht zurückzugehn

zu Vater, Mutter, Frau und Kind,

und nicht zu rasten, nicht zu ruhn,

bevor sie es nicht klärn,

die Antwort nicht gefunden ist,

die Wahrheit, die wahrhaftige:

Wer lebt in Russland unbeschwert,

wer hat das beste Los?

Nachdem den Streit sie beigelegt,

den Eid geschworen, schlafen sie

frühmorgens endlich ein …

ERSTER TEIL

Kapitel 1

Der Pope

Es zieht der breite Postweg sich

bis in die weite Ferne hin,

umsäumt von Birken beiderseits,

ist sandig er und öd.

Und rings, so weit das Auge blickt,

erheben sanfte Hügel sich

mit Heuschlägen und Ackerland,

doch wirken meist verlassen sie,

verwahrlost und verwaist.

Durch alte Dörfer kommen sie,

durch neue Dörfer kommen sie,

mit Bächlein und mit Teich …

Die Wälder und die Auen sind

jetzt überschwemmt, die Landschaft ist

sehr hübsch zur Frühjahrszeit.

Doch können unsre Wanderer

sich heute nicht daran erfreun:

Die junge Saat steht schlecht!

„Der Winter war zu lang dies Jahr“,

bemerken unsre Pilger da:

„Und jeden Tag gab’s Schnee!

Im Frühjahr rächt der Schnee sich nun!

Zuerst ist er ganz still:

und fliegt und schweigt, und liegt und schweigt,

dann stirbt der Schnee, er greint und weint.

Es fließt, wohin du blickst.

Voll Wasser stehn die Felder jetzt,

kein Weg führt hin, um Mist zu fahrn,

doch dabei wird es höchste Zeit –

es naht der Monat Mai!“

Die alten Dörfer anzuschaun

tut weh, doch noch mehr schmerzt es sie,

die neuen dann zu sehn.

Ach, Katen, neue Katen ihr!

Ihr bietet zwar ein hübsches Bild,

doch nicht der Wohlstand baute euch,

nein, Unheil, Not und Leid!

Viel kleines Volk begegnet schon

frühmorgens unsern Wanderern:

Soldaten, Kutscher, Handwerksleut

und Bastschuhbauern, so wie sie,

und Bettler überall.

Den Bettlern, den Soldaten nun

stelln sie die Frage gar nicht erst,

wie wohl ihr Los in Russland sei,

ob schwer oder ob leicht.

Soldaten wärmen sich am Rauch,

mit Kohldampf fülln sie ihren Bauch –

für’s Glück das wohl nicht reicht …

Der Abend übern Tag sich legt,

die sieben gehen ihren Weg,

ein Pope kommt gefahrn.

Sie nehmen ihre Mützen ab,

verbeugen sich recht tief vor ihm

und stellen sich dann auf.

Vor seinem falben Wallach stehn

sie so in Glied und Reih.

Sein Haupt der Diener Gottes hebt,

verwundert mit dem Blick er fragt,

was ihr Begehr wohl sei.

„Seid unbesorgt, Hochwürden!“, sagt

zum Popen da Luka.

(ein stämmiger, ein Bauersmann

mit einem großem, breiten Bart,

redselig, dumm und stur.

Ein Kerl wie eine Windmühle,

die wie ein Vogel Flügel hat

und mit den Flügeln wedelt, doch

die niemals fliegen wird.)

„Wir sind solide Bauersleut,

auf Zeit Frondienstverpflichtete,

vom Hungertuchgouvernement,

dem Landkreis Niederklagenburg,

dem Amtsbezirke Sorgenfeld,

aus Dörfern mancherlei:

aus Kummerow und Leidenstedt,

aus Nothweiler, Kleinelendsdorf

Brandstade und aus Flickenhof

und aus Großlöcheritz.

In einer Angelegenheit

sind wir nun unterwegs:

Es treibt uns eine Sorge um,

die ist so groß, dass kurzum wir

verließen Haus, Familie, Hof,

zu klären diesen Punkt.

Gib, Pope, uns dein Manneswort,

dass du uns Bauern aufrichtig,

vernünftig und gewissenhaft,

ganz ohne Spott und Hintersinn

die Antwort geben wirst.

Sonst müssen mit der Frage wir

zu einem andern hin …“

„Ich gebe euch mein Manneswort:

sofern sich eure Frage mir

erschließt, will ich gewissenhaft,

und ohne Spott und Hintersinn

erwidern, wie sich’s ziemt.

Amen …!“

„Hab Dank. So höre nun!

Auf unsrem Weg der Zufall hat

zusammen uns geführt.

Wir trafen uns – und stritten gleich:

Wer lebt in Russland froh und reich,

wem geht’s am besten hier?

Dem Gutsbesitzer, sagt’ Roman,

nein, dem Beamten, sagt’ Demjan,

dem Popen, sagt’ ich selbst.

Die beiden Brüder meinten dann

(Iwan und Mitrodor),

dem Kaufmann wohl, dem fetten Wanst.

Pachom, der sagte: der Durchlaucht,

am besten ging’s dem Würdenmann,

Minister unsrer Majestät,

Prow sagte dann: dem Zarn …

Stur wie ein Ochs der Bauer ist,

starrköpfig wie ’ne Zick –

was er sich in den Schädel setzt,

kriegst du nicht raus: so stritten wir

und einigten uns nicht!

Wir stritten und wir zankten uns,

wir zankten und wir rauften uns,

wir rauften und besannen uns

und wir beschlossen dann,

nach Hause nicht zurückzugehn,

und unsre Frauen nicht zu sehn,

und unsre kleinen Kinder nicht,

und unsre alten Eltern nicht,

bevor die Frage wir nicht klärn,

nicht lösen diesen Streit,

gefunden nicht die Antwort wir

die Wahrheit, die wahrhaftige:

Wer lebt in Russland froh und reich,

wer hat das beste Los?

Nun sag uns ehrlich, halt dein Wort:

Wie ist das Popenleben so?

Lebst du, Hochwürden, süß und frei

und glücklich immerfort?“

Den Kopf geneigt, der Pope sitzt

im Wagen und denkt nach,

und spricht alsdann: „Ach, Sünde wär’s,

zu hadern mit dem Herrn!

Mit viel Geduld trag ich mein Kreuz

und lebe … aber wie? Hört zu!

Die wahre Wahrheit sag ich euch,

mit euren Bauernschädeln dann

denkt nach!“

„Fang ruhig an!“

„Worin besteht das Glück denn wohl?

Aus Ehre, Wohlstand, Ruh?

Nun, was meint ihr – ist dies das Glück?“

Die sieben: „Ja, gewiss …“

„Nun ja, dann schauen wir doch mal,

wie steht es um die Ruh?

Ich müsste, will ich ehrlich sein,

mit der Geburt beginnen schon,

erzählen, wie ein Popensohn

das Wissen für sein Amt erwirbt,

und welchen Preis der Popensohn

für seine Priesterwürde zahlt,

Doch nein, das lass ich sein!

Groß ist das Kirchspiel, ausgedehnt,

der Weg beschwerlich oft,

der Kranke und der Sterbende,

der Neugeborne fragen nicht,

ob’s passt: zur Mahd- und Erntezeit,

zu finstrer Nacht im trüben Herbst,

wenn winters man vor Frost erstarrt,

wenn alles, so wie dieses Jahr,

im Frühjahr überflutet ist,

man ruft dich – also geh!

Und ohne Murren gehst du hin,

doch – wenn’s doch nur die Knochen wärn,

die schmerzen, nur das Kreuz!

Nein! Jedes Mal zerreißt es dir

inwendig auch das Herz.

Ach, Rechtgläubige, glaubt es mir,

der Mensch ist ein Gewohnheitstier,

doch ist er’s nur begrenzt:

Kein Herz erträgt ganz ohne Pein

das letzte Röcheln vor dem Tod,

die Klagen Hinterbliebener,

der Waise Herzensnot!

Amen …! Nun überlegt einmal,

Wie ruhig ist mein Tag …?“

Die sieben überlegen nicht

sehr lange, sondern warten kurz,

verbeugen sich und fragen ihn:

„Erzählst du uns noch mehr?“

„Nun ja, dann sag ich euch noch mehr:

Wie steht es um die Ehr?

Doch ist dies Thema unbequem,

und nicht sehr angenehm …

Sagt, Rechtgläubige, ehrlich mir,

wer ist stets eurer Häme Ziel,

wen nennt ihr heimlich Mähnenhengst?

Na? Mit der Wahrheit her!“

Sie drucksen, stottern, schweigen dann,

und auch der Pope schweigt …

„Wen fürchtet abergläubisch ihr,

begegnet er euch unterwegs?

Na? Mit der Wahrheit raus!“

Von einem Bein aufs andere

treten sie schweigend.

„Ei der Daus!

Und über wen wohl fallen euch

frivole Lieder, Possen ein,

zerreißt ihr euch das Maul? …

Des Popen Gattin würdevoll,

sein unschuldiges Töchterlein

Seminaristen – sagt mir nur:

wie ehrt ihr sie denn so?

Wem ruft ihr boshaft, schadenfroh

stets nach: Hoho – hoho …?“

Da schweigen sie, den Kopf geneigt –

und auch der Pope schweigt …

Die Bauern denken vor sich hin,

der Pope fächelt Luft sich zu

mit seinem großen, breiten Hut

und schaut den Wölkchen nach.

Die spielen wie die Enkelchen

mit ihrer Sonnen – Babuschka

zur schönen Frühjahrszeit.

Dort rechts hat sich der Himmel schon

mit einer Wolke riesengroß

verhangen und ganz zugedeckt,

und fängt sogleich zu weinen an.

Die grauen Fäden reichen schon

bis an die Erde ran.

Direkt über den Männern hier,

seht, zwischen den zerrissenen,

doch frohgelaunten Wölkchen lugt

die Sonne lachend – rot hervor

wie aus dem Stroh die Magd.

Die schwarze Wolke zieht heran,

und schnell bedeckt der Gottesmann

den Kopf mit seinem Hut.

Der Regen naht, doch rechts schon wird

es wieder heiter und ganz hell,

dort hört der Regen auf.

Die Landschaft dort durchwoben scheint

mit tausend Fäden goldenen.

Welch Gotteszauberwerk …

„Das haben wir … gedankenlos …

Das war doch schließlich immer so …“ –

erwidert Prowka dann.

Und eilig stimmen alle ein:

„Das war ganz einfach immer so!“

Der Pope „Amen!“ sagt.

„Verzeiht, ihr Christenmenschen, mir!

Ich wollte euch nicht maßregeln,

hab eurer Bitte wegen nur

die Wahrheit euch gesagt.

So ehren ihren Gottesmann

die Bauern. Doch die Gutsherrn sind …“

„Die kennen zur Genüge wir,

das, Vater, lass nur sein!“

„Dann schauen wir mal, Brüderlein,

wo eures Popen Wohlstand denn

so seinen Ursprung hat! …

Im Russischen Imperium

fand vor nicht allzu langer Zeit

man Adelsgüter weit und breit

von guter alter Art.

Dort lebten Gutsherrn vornehme,

von namhaftem Geschlechte, wie

es sie heut kaum noch gibt!

Sie lebten üppig von der Fron,

bekamen Kinder noch und noch,

so viele, dass auch wir dabei

gut leben konnten. Feierten

so manch ein Hochzeitsfest …

Zwar unnachgiebig, streng und hart,

so übten diese Herren doch

auch oft Barmherzigkeit,

sie mieden die Gemeinde nicht,

wir tauften ihre Kinder hier,

wir führten ihre Trauung durch,

zum Beichten kamen sie zu uns,

und wir begruben sie.

Selbst wenn der Herr nur in der Stadt

noch wohnte, nicht mehr auf dem Land,

so kam er doch mit Sicherheit

zum Sterben heim ins Dorf.

Und starb der Herr doch unverhofft,

so hatte er gewiss verfügt,

ihn zu begraben hier.

Die Hinterbliebnen brachten ihn

zur Kirche in sein Heimatdorf

auf einem Trauerwagen dann,

sechs Pferde vorgespannt.

Der Pope wurde gut bezahlt,

die Leute hatten mal ein Fest …

Das gibt es heut nicht mehr!

So wie der Stamm der Juden einst,

sind unsre Gutsherrn überall

in fernen Landen weit verstreut,

und auch in unserm Land.

Ihr Stolz gebietet’s heut nicht mehr,

bei ihren Ahnen auf dem Gut

zu finden ihre letzte Ruh,

und oft gehörn die Güter jetzt

ja auch den Wucherern.

Oh, ihr verwöhnten Knochen, ihr,

ihr russischen, ihr adligen!

Wo liegt ihr nicht begraben heut?

Wo findet man euch nicht?

Ein Posten waren sonst ja auch

die Altgläubigen – doch zum Glück

braucht ich von denen nichts zu holn,

war nie in Not: denn gottseidank

gehörn in meinem Pfarrbereich

zwei Drittel der Bevölkerung

dem rechten Glauben an.

Wie aber soll in Gegenden,

wo lauter Altgläubige sind,

ein Pope existiern?

Seht, alles ist veränderlich,

und selbst die Welt vergeht …

Gesetze harte gab es einst

gegen den alten Glauben, doch

die sind gemildert – so entgeht

dem Popen manch Verdienst.

Fort sind die Gutsbesitzer jetzt,

sie leben auf dem Land nicht mehr

und kommen selbst im Alter nicht

zum Sterben mehr hierher

Die wohlbetuchten Herrinnen,

die frommen alten Weiber, die

bei Klöstern Obdach fanden einst,

gibt’s heute kaum noch mehr.

Und niemand schickt dem Popen mehr

ein zart besticktes Altartuch,

ein gutes, neues Leinenhemd

zu tragen unterm Messgewand …

Leb von den Bauern nur!

Treib den Gemeindegroschen ein,

Piroggen zu den Festtagen,

zu Ostern mal ein Ei!

Der Bauer gäbe gern, jedoch –

er leidet selber Not …

Und manchmal schäme ich mich dann,

dass ich den Bauerngroschen nehm.

Karg sind die Ländereien hier,

nur Sumpf und Moos und Sand.

Halbhungrig läuft das Vieh umher,

das Korn trägt nur gering Ertrag,

und falls die Ernte doch gedeiht,

die feuchte Erde gnädig ist,

dann bringt das auch kein Glück:

Der Bauer wird das Korn nicht los,

und drückt die Not, verkauft er es

für’n Ei und Butterbrot.

Doch gibt es eine Missernte,

dann heißt es: Zahl das Dreifache

oder verkauf das Vieh!

Drum betet, betet, Christen ihr!

Denn Not und Unheil drohen uns

hier auch in diesem Jahr:

Gar grimmig war die Winterszeit,

verregnet ist das Frühjahr nun,

das Korn müsst längst im Boden sein,

doch steht das Wasser da.

Erbarm dich unser, großer Gott,

schick einen Regenbogen steil,

das Unheil wende ab!

(Er zieht den Hut, bekreuzigt sich,

die andern tun’s ihm nach.)

Arm sind die Dörfer überall,

arm sind die Bauern, krank und schwach,

und nur die Frau – Fürbitterin,

und Hüterin, und Sklavin – müht

und plagt sich, schuftet immerfort,

die Bäurin ist’s, die uns ernährt.

Gott, gib den Frauen Kraft!

Kopeken zu empfangen ist

sehr schwer aus einer solchen Hand!

Zum Kranken gehst du manches Mal,

und dich sorgt nicht der Sterbende,

nein, die Familie ängstigt dich

in jenem Augenblick, wo den

Ernährer sie verliert!

Den Abschiedssegen gibst du ihm,

versuchst, den Hinterbliebenen

soweit wie möglich beizustehn

und Trost zu spenden! Plötzlich dann

kommt des Verstorbnen Mutter an,

und streckt dir hin die knochige

und schwielenreiche Hand.

Erschüttert dreht die Seele sich:

ein Kupfermünzchen reicht sie dir,

ein Zehnkopekenstück!

Und das ist rechtens – weise ich

das Entgelt ab fürs Abendmahl?

Ich lebe doch davon!

Doch frieren auf den Lippen mir

nun alle Trostesworte ein,

als hätt mich jemand schwer verletzt,

geh ich nach Hause … Amen …“

. . . . .

Er nimmt die Peitsche und treibt leicht

den Wallach an. Das war’s.

Die Bauern gehn beiseite schnell,

und sie verbeugen sich nochmal,

das Pferd zieht langsam an.

Die andern sechse fallen jetzt

sogleich, als sei es abgemacht,

über Luka, den Ärmsten, her,

beschuldigen, beschimpfen ihn

auf das Erlesenste:

„Da hast du’s! Holzkopf, störrischer!

Du Bauerntölpel, dämlicher!

Behauptest, Popen lebten ganz

feudal, und nur in Saus und Braus,

das Popenhaus sei voller Pracht,

ganz wie im Paradies!

Der Kirchenglocken voller Klang,

der künde von der Popen Macht

in Gottes weiter Welt!

Drei Jahre hast du, Lügenbold,

im Popenhause Dienst getan?

Das Leben – fett und reich?

Die Popengrütz mit Butter nur,

Piroggen stets mit Fülle nur,

im Popenhaus die Kohlsuppe

sei stets mit Fleisch gekocht?

Schön kugelrund die Popenfrau,

schön weiß das Popentöchterlein,

das Popenpferd sei wohlgenährt

und satt des Popen Bienenvolk,

summt wie der Glocken Klang?

Da hast du die gepriesene

und fette Popenwelt!

Was hast du Kerl nur großgetan,

dich aufgebläht, verdammt noch mal?

Hast wohl geglaubt, dein Ziegenbart

hat dir das Recht gegeben, ja?

Der Ziegenbock hat seinen Bart

vor Stammväterchen Adam schon

zur Schau getragen. Trotzdem weiß

doch jedermann, dass so ein Bock

ein großer Dummkopf ist!“

Luka, der schweigt, steht reglos da

und hofft nur, dass die anderen

nicht windelweich ihn haun.

Die hätten es vielleicht getan,

doch hat er Glück – der Postweg macht

da oben einen Bogen – streng

zeigt in der Kurve sich nochmal

des Popen Angesicht …

Kapitel 2

Das Volksfest

Die sieben Pilger haben sich

ja nicht von ungefähr beschwert:

zu kalt sei’s und zu nass!

Es klagt und stöhnt das Bauernvolk:

Nur wenn das Frühjahr freundlich ist,

füllt Scheune es und Fass.

Die liebe Sonne wärmt noch nicht,

und schwere Milchkuhwolken ziehn

da droben. Dauernd werden sie

gemolken. Weh und Ach!

Der Schnee ist weg, das Wasser steht,

es zieht sich einfach nicht zurück!

Kein Blatt, kein frischer Grashalm hat

in grünen Samt das Land bisher

gekleidet. Nichts erfreut den Blick.

Das Land liegt nackt und kalt und fremd,

als trüge es ein Leichenhemd,

unter dem trüben Dach.

Leid tut der arme Bauer uns,

doch noch mehr tut’s das Vieh; es sind

die Tröge leer, der Bauer hat

das Vieh mit seiner Gerte schon

zur Weide raus gejagt.

Doch da wächst auch nichts. Alles schwarz!

Im Mai erst, zu Sankt Nikolaus,

kommt schönes Wetter, nun genießt

das Vieh auf seiner Weide erst

das frische grüne Gras.

. . . . .

Der Tag ist heiß. Die sieben gehn

durch einen kleinen Birkenhain

und wundern sich gar sehr:

„Im ersten Ort kein Mensch zu sehn,

dann kommen wir durchs nächste Dorf,

und wieder alles leer!

Wo können denn am Feiertag

nur all die Leute sein?“

Nur kleine Kinder sehen sie,

und ein paar alte Weiber noch,

und manch ein Hof ist ganz versperrt:

am Hoftor hängt ein Schloss.

Ein Schloss ist doch ein guter Hund:

Es bellt nicht, beißt nicht, dennoch lässt

es niemanden hinein.

Schon bald sind sie im nächsten Ort,

mit einem Dorfteich mittendrin:

ein Spiegel, grün umrahmt.

Dort jagen Schwalben hin und her,

und Wasserläufer fein und zart

wie Mücken, springen, wie auf Land,

lebendig, munter und gewandt

auf diesem Teich umher.

Ein kleiner Wachtelkönig knarrt

am Teich im Weidenbusch.

Mit Wäschebleuel, den Rock geschürzt,

ganz wie ein Schober dick und rund,

auf einem langen Schwimmsteg sehn

des Popen Tochter sie.

Ein Entchen mit acht Küken schläft

gleich neben ihr auf jenem Steg.

Doch horch! Da schnaubt ein Pferd!

Wie auf Kommando blicken sie

sich um und sehen auf dem Teich

zwei Köpfe schwimmen: da ein Kerl,

ein braungebrannter Lockenkopf,

im Ohr ’nen weißen Silberring,

der in der Sonne blinkt;

und dort an einem Strick ein Pferd,

der Strick zehn Meter lang.

Zwischen die Zähne nimmt der Mann

den Strick und schwimmt, das Pferd schwimmt auch.

Der Mann schnaubt laut, das Pferd schnaubt auch.

Man kann die beiden weithin hörn.

Es schwankt und schaukelt vehement

der Steg samt Weib und Ente.

Er hat das Pferd, er zieht es raus,

greift in die Mähne, springt dann auf

und ab zur Weide hin.

Von Ross und Kerl das Wasser rinnt;

was für ein Mannsbild: braun der Hals,

der Körper weiß wie Schnee!

„Was ist bloß los im Ort bei euch,

nicht Kind noch Kegel, Jung noch Alt,

hier aufzufinden sind?“

„Die sind heut in Kusmínskoje

und feiern unser Kirchenfest

zu Ehren von Sankt Nikolai,

und Jahrmarkt nebenbei!“

„Ist’s weit dahin?“ – „Nun, so drei Werst.“

„Nun denn, auf nach Kusmínskoje,

zum Jahrmarkt und zum Kirchenfest!“,

beschließen sie sofort

und denken: Vielleicht hat’s ja den,

der glücklich ist in unserm Land,

verschlagen an den Ort …

Ein reicher Handelsort ist das,

vor allem aber dreckig ist

dies Dorf Kusmínskoje.

Es zieht an einem Hang sich hin,

und dann in eine Schlucht hinein,

und rauf auf einen Berg sodann –

das muss ja dreckig sein!

Zwei alte Kirchlein hat das Dorf:

für’n alten Glauben eine und

die andre orthodox.

Verriegelt und vernagelt steht

ein Haus mit Inschrift: „Lernanstalt“,

am Fenster einer Hütte dann

ein Bild, das zeigt den Medikus

bei einem Aderlass.

An einem Gasthof kommen sie

vorbei, der ist so schmuddelig

wie dieser ganze Ort.

Ein Aushang vor dem Gasthof hängt

(ein Kellner mit Tablett, darauf

ein Teekessel mit Rüsselchen,

umringt von kleinen Tässelchen

wie eine Gans von Gösselchen).

Und Marktstände in langer Reih

als wenn’s ein Kaufhof sei …

Der Markt ist mitten in dem Ort:

was sieht man nicht für Waren dort,

und Menschenmengen noch und noch!

Doch sollte es Vergnügen sein,

und keine Prozession!

Was stehen die denn alle rum,

als stünden vor Ikonen sie,

die Mützen in der Hand?

Seht nur, wovor die Kerle da

so demutsvoll die Mützen ziehn:

Denn neben Wirts – und Gasthäusern

mit Ausschank, einem Weinlager,

und Schnapsbudiken dutzendweis,

und einem Weingeschäft im Ort

(doch nur mit Außer – Haus – Verkauf),

ein paar Spelunken, haben doch

elf Kneipenwirte in dem Dorf

allein für dieses große Fest

elf Zelte aufgestellt.

Fünf Kellner unter jedem Zelt;

Prachtburschen – pfiffig, flink, jedoch

kaum schaffen können sie’s!

Statt Geld zu geben, streckt als Pfand

den Burschen manche Bauernhand

den Handschuh hin, den Hut.

Oje, wie bist du groß, du Durst,

du rechtgläubiger, russischer!

Das Fest begießen wollen sie,

der armen Seele Trost gewährn.

Sie lösen ihre Handschuhe

und Mützen später wieder aus,

wenn der Basar dann schließt!

Auf all den trunknen Köpfen tanzt

die Frühlingssonne unbeschwert …

Bunt, laut und festlich alles rings,

berauschend und berauscht!

In bunten Streifenwesten stehn,

und Samthosen, die Burschen da

und reden groß daher.

Die Weiber tragen Kleider rot,

die Mädchen Bänder in den Haarn,

wie Schwäne stolz und schön.

Und eine Krinoline bläht

sich auf und schwingt und plustert sich

heut unter manchem flotten Rock,

wie man ihn in der Hauptstadt trägt.

Trittst du mal drauf versehentlich,

dann plustert sich die Schöne auf.

Die Mode Zorn erregt:

Die Frauen schaut ein altes Weib

mit scheelem Blicke an:

„Die Fischfangtakelage seht,

Blamage auch, dort unterm Rock!

Mich überkommt das Grauen schon:

denn bald droht eine Hungersnot!

Kein Wunder, dass die Saat erstickt,

das Hochwasser bis Petri bleibt!

Denn seit das Weibsvolk sich so putzt,

und rote Baumwollkleider trägt,

seither wachsen die Wälder nicht,

das Korn will nicht gedeihn!“

„Was hat der rote Baumwollstoff

denn mit dem Hochwasser zu tun?

Das werd ich nicht gewahr!“

„Französisch ist der rote Stoff,

mit Hundeblut ist der gefärbt!

Na … ist es dir jetzt klar?“

Sie schieben sich den Weg hinauf

am Hang, wo allerlei Gerät,

wie Pflüge, Eggen, Hakenstangen

Karkassen, Äxte, Reifen man

feilbietet zum Verkauf.

Welch muntres Handelstreiben dort,

sie klopfen Sprüche, schwören laut

und schütten sich vor Lachen aus.

Wie kann es anders sein?

Was macht der kleine Mann denn da?

Will eine Felge kaufen, scheint’s:

probiert, ob sie auch biegsam ist,

und biegt sie jetzt mit ganzer Kraft,

die Felge aber springt zurück,

knallt an den Schädel ihm!

Er heult, sitzt wie ein Krüppel da,

beschimpft als Ulmenknüppel dann

die Übeltäterin.

Mit einer Ladung Holzgeschirr

kommt einer, doch die Fuhre kippt!

Der ist total bezecht!

Die Wagenachse ist kaputt,

er will sie reparieren, doch

dabei zerbricht er auch die Axt,

nun sitzt er da und sinnt.

Dann schimpft er auf die Axt wie toll,

so ganz, als trüge sie die Schuld:

„Du falsches, faules, mieses Stück,

stets tückisch, voller Hinterhalt,

machst ständig lauter dummes Zeug,

hast dich dein Lebtag nur verbeugt,

doch zärtlich warst du nie!“

Die Pilger gehn die Stände ab,

bestaunen all die Waren dort:

Aus Kimry Zaumzeug, neue Schuh,

und schöne Spitzen sind zu sehn,

und Tücher aus Iwanowo.

Bei einem Schuster gibt es dann

mal was zu lachen: Kaufen will

ein Kerl da Ziegenlederschuh

fürs Enkeltöchterchen.

Welch gute Ware, erste Wahl!

Er dreht sie hin, er dreht sie her,

fragt nach dem Preis fünf Mal.

„Zwei Zwanziger gib, Onkelchen,

ansonsten troll dich, mach dich dünn!“

„Nun warte doch einmal!“

Der Mann fängt fast zu heulen an,

kann sich nicht trennen von den Schuhn:

„Verzeihen wird die Tochter mir,

auf ihren Kerl, da pfeife ich,

und keifen soll die Frau!

Jedoch die Kleine tut mir leid!

Ach Djeduschka, bring mir was mit!

Der Wildfang an den Hals sich hängt,

stupst ihren alten Djeduschka

mit seinem hübschen seidnen Kopf,

und küsst mich alten Mann.

Pass auf, sag ich, du Wirbelwind,

für deine nackten Füßchen kauf

ich hübsche Ziegenschuh.

So prahle ich, Wawiluschka:

Ich bringe allen etwas mit

vom Jahrmarkt dieses Jahr!

Versoffen hab ich’s ganze Geld,

wie kann ich der Familie jetzt

noch in die Augen sehn? …

Ich pfeif auf meinen Schwiegersohn,

und keift die Frau, das krieg ich schon,

die Kleine tut mir leid!“ Er weint,

weiß weder ein noch aus.

Die Leute lachen längst nicht mehr,

sie schaun ihn voller Mitleid an;

gern würden sie ihm helfen, teiln

ihr letztes Brot mit ihm!

Nur Geld ihm keiner geben kann,

sie hätten selber dann nichts mehr.

Doch einen gibt es da:

Pawluscha Weretennikow.

(Woher er stammt, wes Sohn er ist,

ist keinem hier bekannt,

jedoch ihn nennen alle „Herr“,

er trägt ein rotes Russenhemd,

und einen Bauernkittel auch,

und Sämischlederschuh.

Er liebt den Plausch im Manneskreis,

des Volkes Liedern lauscht er gern,

die er selbst trefflich singt.

Man sieht den Weretennikow

in Schenken und in Gasthöfen,

wo er mit vielen Leuten spricht.)

Der rettet den Wawiluschka,

kauft ihm die Schühchen kurzerhand;

der Alte greift sie sich.

Und fort ist er, vor lauter Glück

bedankt er sich nicht mal.

Die andern Bauern, die dabei

gestanden haben, sind jedoch

erleichtert und so glückselig,

als hätt der Herr da jedem Mann

ein Rubelchen verehrt!

In einer andern Bude gibt

es Bilderchen und Bücherchen,

dort decken sich Hausierer ein,

fülln ihre Kiepen auf.

„Wollt ihr denn Generäle auch?“,

fragt dieser Fuchs, der Händler, sie.

„Gib her, du Gauner, aber leg

uns bloß nicht rein, das müssen dann

schon echte, furchterregende

und schöne dicke sein!“

Mit leisem Spott der Handelsmann:

„Es kommt nicht auf den Körperbau –

aufs Innere kommt’s an …“

„Auf was? Was führst im Sinn du, Schelm?

Wo sollen wir denn hin damit?

Den Schund verkaufen willst du bloß!

Du Schlitzohr! Vor dem Bauern sind

doch wie ein Ei dem andern Ei

die Generäle alle gleich.

So einen unscheinbaren Kerl,

den kauft mir nur ein Kenner ab,

den dicken, schrecklichen jedoch,

den werd ich spielend los …

mit vielen Sternen, Glotzaugen,

so richtig imposant und groß,

den kaufen Leute gern!“

„Und Zivilisten wollt ihr nicht?“

„Geh weg! Was soll ich denn damit!“

Für billig Geld dann nehmen sie

letztendlich eine Amtsperson

mit Weinfassbauch, die selbstbewusst

trägt siebzehn Orden auf der Brust.

Ein Spitzbube der Händler ist,

weiß, was das Herz begehrt,

und vom Ljubjanka – Billigmarkt

besorgt er alles, was gut läuft.

Schon hat er hundert Bilderchen

vom Räuber Sipko, Blücher und

vom Nowgoroder Klosterabt

verkauft. Auch manchen andren Ramsch:

Komarows „Englischer Milord“

landet im Korb, auch „Peters Narr“.

Der Schund und Ramsch, der wandert so

durchs große, weite Zarenland,

und findet seine letzte Ruh

an mancher Bauernstubenwand …

Der Teufel weiß, wozu …

Wann endlich – ach! – kommt jene Zeit,

(seit langem sehn ich sie herbei!)

wo unsre Bauern wissen, dass

doch Bildchen nicht gleich Bildchen ist,

und Büchlein nicht gleich Buch?

Wo dann der Bauer Blücher nicht,

nicht den Milord, den dämlichen,

nein!, Gogol und Belinski sich

hier auf dem Jahrmarkt sucht!

Ach, Russen, Bauern, Christen, ihr,

habt ihr denn diese Namen schon

mal irgendwann gehört?

Die Namen sind tatsächlich groß!

Die Leute haben unserm Volk

die größte Ehre schon gemacht,

sich für uns eingesetzt!

Kauft deren Bilder auf dem Markt,

lest ihre Bücher, hängt ihr Bild

in euren Stuben auf!

„Ich würd gern rein ins Paradies,

wo ist die Tür?“, erklingt’s da laut.

„Wie? Was? Wo möchtest du hinein?“

„Ins Kasperletheater. Horcht!

Hört ihr denn die Musike nicht …?“

„Komm mit, ich zeig es dir.“

Musik? Theater? Puppenspiel?

Das lassen sie sich nicht entgehn!

Die sieben hinterher …

Und schon geht’s los, schon sehen sie

Petruschka, jenen russischen

Hanswurst, die Trommlerziege auch,

und nicht mit Leierkasten, nein!

Mit richtiger Musik!

Ein jeder Tropf versteht das Stück,

und dennoch ist das Stück nicht dumm:

Da endlich kriegt der Wachtmeister

sein Fett ab, was für’n Spaß!

Das trifft den Nagel auf den Kopf,

die Menschen stehen dicht an dicht,

sie knacken Nüsse nebenbei,

so manch ein Spruch fliegt hin und her,

auch Wodka fehlt hier nicht.

Voll bei der Sache sind sie jetzt,

sie trinken, amüsieren sich.

Auf einmal kommt ein Kommentar,

so witzig und so messerscharf:

Selbst wenn ich meine Feder fress,

nein, besser könnt ich’s nicht!

Komödienfreunde gibt’s, die stehn,

sobald die Aufführung vorbei,

hinter der Trennwand eins – zwei – drei,

dort bei den Musikern.

Sie küssen sich, verbrüdern sich:

„Wo seid ihr her?“ – „Wir haben einst

als Leibeigne für unsre Herrn,

den Gutsherrn nur gespielt.

Jetzt sind wir Freie, Reisende,

Wer uns bewirtet, uns ernährt,

der ist jetzt unser Herr!“

„Und gut so, Jungs, genug habt ihr

für Herrensöhne Spaß gemacht,

jetzt sind wir Bauern dran!

He, Kellner, komm, wir feiern heut!

Wein! Schankbier! Tee und Wodka hol!

Likör! Los, halt dich ran!“

In Strömen fließt der Alkohol.

Spendabler sind die Bauern heut

als ihre Herren einst.

. . . . .

Wer hat denn sowas schon erlebt!

Es scheint, als ob die Erde bebt,

als ob ein Sturm hier tost!

Doch nein! Das Volk, es wankt und schwankt;

es trinkt und singt, es zetert, zankt,

es prügelt sich und küsst sich dann

an diesem Feiertag.

Vom Hügel unsre Bauern schaun

hinab auf das Geschehen dort.

Bei all dem Tosen, hat’s da nicht

den Kirchturm angehoben grad?

Sehn sie den alten Glockenturm

nicht schwanken hin und her im Sturm?

Wer nüchtern ist, fühlt sich heut nackt.

Die sieben sehn sich auf dem Markt

noch etwas um, verlassen dann

alsbald den wilden Ort …

Kapitel 3

Die trunkene Nacht

Die sieben Wandrer sehen hier

am Ortsrand keine Schankwirtschaft,

auch Speicher, Mühle, Scheuer nicht,

wie man sie sonst in Russland sieht.

Am Ende dieses Dorfes sehn

ein Blockhaus sie, ein niedriges,

mit Gitterfensterchen.

Ein Nachtgewahrsam ist dies Haus

für Arrestanten, die man weg,

weit fort in die Verbannung treibt.

Es führt ein breiter Birkenweg

vom Blockhaus fort aus diesem Ort.

Der Weg ist alltags trist und leer,

doch heut herrscht Leben dort!

Da fahren, taumeln, seufzen laut,

da liegen, wälzen lallend sich,

soweit das Auge reicht,

Besoffne auf dem großen Weg,

und auf den Seitenwegen auch,

und überall Gestöhn!

Die voll beladnen Wagen knarrn,

auf jedem Wagen obendrauf

nickt kläglich mit dem Kopf und schwankt

in trunknem Schlaf ein Bauersmann,

so wie im Wind ein Rohr.

Die Leute gehn, die Leute falln,

als würden Feinde hinterrücks

belauern sie, mit Büchsen knalln,

beschießen sie mit Schrot.

Schon senkt sich still die Nacht herab,

den dunklen Himmel jetzt betritt

Frau Luna. Auf den blauen Samt

malt Gott der Herr mit Purpurgold

schon die geheimnisvolle Schrift,

die doch kein hochgelehrter Mann

und auch kein dummer Dummerjan –

die keiner lesen kann.

Mit hundert Stimmen summt der Weg!

Die Stimmenflut erhebt sich mal,

und zieht sich wie das blaue Meer

dann schnell wieder zurück:

„Der Schreiber hat für’n Fünfziger

ne Bittschrift an den Gouverneur

für uns verfasst …“

„He, pass doch auf,

Du hast nen Sack verlorn!“

„Wo willst du hin, Oljonuschka?

Bleib hier, ich schenk nen Kuchen dir,

du Floh hast dich hier sattgesaugt,

noch nicht mal streicheln konnt ich dich –

schon haust du wieder ab!“

„Des Zarn Ukas, uns zu befrein,

ist gut und schön, doch hat man uns,

die Bauern, nicht befragt.“

„Iwan Iljitsch, ich seh das so:

der Besen ist zwar zu nichts nütz,

doch wirbelt Staub er hoch!“

„Habt acht!“ (Da fliegen vom Basar

mit Schellenklang und Blechschildern

vom Steueramt die Herren schon

in schnellem Trab vorbei.)

„Behüte Gott, Paraschenka,

geh bloß nicht nach Sankt Petersburg!

In Piter ist das so:

Tags dienst du dem Beamten zwar

am Herd als Küchenmagd, doch nachts,

da will er dich im Bett!“

„He, Sawwuschka, wohin so schnell?“

(Zum Polizeigehilfen, der

auf seinem Pferd vorüberprescht,

ein Pope ruft’s) – „Kusminskoje,

zum Kommissar! Da drüben hat

man einen Bauern abgemurkst.“

„Welche Sünde …! Na, dann los!“

„Bist abgemagert, Darjuschka!“

„Ich schinde mich auch Tag für Tag!

Ich bin ja keine Spindel nicht,

die runder, aufgeblähter wird,

je länger sie sich dreht …“

„Komm her, du abgerissenes,

verkommnes dummes Kerlchen, du,

komm her und Liebe schenk

mir altem und besoffnem Weib,

ba–arhäuptig und

befle–eeckt!“

. . . . .

Die sieben gehn den Weg entlang

und schauen nüchtern allem zu,

und hörn sich alles an.

Da hat ein Kerl doch auf dem Weg

ein Loch gegraben, sitzt davor

ganz still, weint vor sich hin.

„Nun sag doch mal, was tust du da?“

„Beerdige mein Mütterchen!“

„Du Dummkopf, welches Mütterchen?

Was du da grad verbuddelt hast,

das ist dein Kittel, Mann!

Den Rüssel in den Graben häng,

trink Wasser, Unglücksrabe du,

dann lässt dein Rausch auch nach!“

Dort einigen zwei Bauern sich,

die Kräfte messen wollen sie:

Sie setzen sich auf einen Stein,

sie stoßen mit dem Fuß sich ab

sie stemmen sich, versuchen so,

den Gegner wegzuschiebn.

Und die Gelenke knirschen schon.

Doch so gefällt es ihnen nicht.

„Versuchen wir es mit dem Bart!“

Nachdem einander ordentlich

sie ihre Bärte ramponiert,

kralln sie sich in den Wangen fest.

Ein jeder keucht, brüllt wie ein Stier,

vor Schmerzen krümmen beide sich.

„Ihr beide seid viel schlimmer noch

als Kletten, gottverdammt!“

Zwei Weiber in dem Graben dort,

die zanken laut, wem’s schlechter geht:

„Bei mir zu Haus ist’s schlimmer noch

als Zwangsarbeit!“ – „Du lügst ja wohl,

am schlimmsten habe ich’s!

Der ältste Schwiegersohn brach mir

die Rippe, und der zweite stahl

ein Knäuel mir – das wär nicht schlimm,

doch war mein Geld darin.

Der jüngste mit dem Messer droht,

sticht irgendwann mich tot …!“

„Genug, genug, mein Liebling, Schluss!

Nicht zürnen, Liebster, hör jetzt auf“,

ist hinterm Wall zu hörn.

„Schon gut … Komm, lass uns weitergehn!“

Oh, was für eine wilde Nacht!

Egal ob links, egal ob rechts,

wohin die sieben blicken, sehn

sie Liebespärchen überall.

Wo wollen die denn alle hin?

Zu jenem Wäldchen streben sie –

denn stimmgewaltig, wunderschön

singt dort die Nachtigall …

Je später, desto schlimmer wird’s,

und widerlicher auf dem Weg:

Verdroschene, Besoffene –

kaum krauchen können die.

Manch einer liegt wie tot umher,

die sieben Bauern hören nur

Gefluche und Krakeele noch,

unflätig und obszön.

Vor allen Schenken Fuhrwerke,

verkeilt, vertauscht. Als würden sie

verfolgt von Bremsen, rasen da

verschreckte Gäule panisch los,

benommen und ganz irr.

Die Kinder brüllen, greinen laut,

die Weiber flehn die Kerle an,

doch mitzukommen, heimzufahrn –

verzweifelt sind die Frauen! …

An einem Wegpfahl horchen dann

die Bauern auf: die Stimme da

kommt sehr bekannt den sieben vor:

Das ist doch Weretennikow!

(Der hatte doch Wawiluschka

die Ziegenschuh geschenkt!)

Der redet von der Leber weg

mit allen Leuten frisch und frei.

Die Bauern leihen diesem Mann

ihr Ohr und auch ihr Herz.

Wenn Pawelchen ein Lied gefällt,

dann singen sie es fünfmal vor,

gefällt ihm eine Volksweisheit,

ein Bauernwort: „Schreib’s auf!“

Er schreibt es auf, doch sagt er dann:

„Ach, klug sind Russlands Bauern zwar,

doch eines ist nicht gut:

Sie saufen, bis sie blöde sind,

sie liegen in den Gräben dann –

Das schmerzt und kränkt doch sehr!“

Die Bauern hören sich das an

und stimmen ihm sogar noch zu.

Pawluscha nickt und schreibt noch schnell

was in sein Heft hinein.

Direkt vor ihm liegt auf dem Bauch

die ganze Zeit ein alter Mann.

Bezecht ist der, wie alle schon,

guckt ihm ins Auge, schweigt.

Doch dann auf einmal springt er hoch,

springt auf den Herrn zu, reißt ihm – zack –

den Bleistift aus der Hand!

„Hör auf, du Wicht, du Hohlkopf, du!

Verbreite nicht solch schändliches

gewissenloses Zeug!

Worum beneidest du uns denn?

Dass wir mal feiern dann und wann?

Gewiss, wir trinken manchmal viel,

doch arbeiten wir noch viel mehr,

betrunkne Bauern sieht man oft,

doch nüchterne noch mehr!

Hast du dich schon mal umgesehn

in unsren Dörfern? Lass uns doch

zusammen durch die Hütten gehn

mit einem Eimer Schnaps:

In mancher Hütte wird man sich

drauf stürzen, in der nächsten dann

wird Schnaps nicht angerührt.

Es kommt auf jede trinkende

Familie eine, die nicht trinkt.

Nur: besser sind die auch nicht dran,

auch jene hätten Grund genug,

den Gram mal wegzuspüln!

Und seltsam: wie die anderen,

sucht Not und Unheil oftmals auch

solide Hütten heim!

Nicht anzusehen! Warst du schon

zur Erntezeit in einem Dorf?

Hast du in einer Schenke da

schon einmal Bauern sitzen sehn?

Ach, groß sind unsre Felder hier,

doch fruchtbar sind sie leider nicht.

Und wessen Hände, sage mir,

kleiden das Feld im Frühjahr ein,

entkleiden es im Herbst?

Trafst du den Bauern abends mal,

nachdem die Scheune er gefüllt?

Was er dann selbst zu fressen kriegt,

ist wahrlich nicht der Rede wert.

Pass auf, du Recke! Dich werf ich

mit einem Strohhalm um!

Du kennst den Spruch: Die Säge frisst,

zu beißen aber hat sie nichts.

Es schmeckt dem Bauche alles wohl,

wenn er nur hungrig ist.

Nicht das jedoch beklagen wir …

Der Bauer arbeitet allein,

doch ist er fertig, halten schon

drei Teilhaber die Hände auf:

Gott, Gutsbesitzer, Zar.

Es gibt noch einen vierten Dieb,

der schlimmer ist als ein Tatar,

der teilt erst gar nicht, der zerstört,

verschlingt alles allein!

Aus Moskau einer kürzlich gab

uns keine Ruh, schrieb Lieder auf,

und Sprichwörter, und Rätsel auch,

war unnütz, so wie du.

Und einmal kam so einer an,

der wollte wissen, was wir so

pro Tag verdienen, ob wir denn

zu fressen hätten, hätt wohl gern

die Bissen noch gezählt.

Der Nächste zählt die Einwohner

an seinen Fingern ab!

Die Landstücke, die messen sie,

doch wer zählt, was zur Sommerzeit

pro Jahr von unsrer Arbeit Schweiß

die Feuersbrunst so frisst? …

In Russland hat der Suff kein Maß.

Doch sag, wer misst in Russland denn

die Arbeit und das Leid?

Der Schnaps reißt uns die Füße weg,

doch tut’s das Leid nicht auch?

Und schuftet bis zum Umfalln nicht

der Bauer Tag für Tag?

Der Bauer misst das Unglück nicht,

er kommt mit jedem Unheil klar,

er überlegt beim Arbeiten

ja auch nicht, ob die Kraft noch reicht.

Warum wohl sollte überm Glas

er überlegen, ob er dann

in einem Graben liegt?

Wenn er sich dann im Graben wälzt,

geniert ihr euch: Wie anstößig!

Doch ist es nicht auch anstößig,

wie dort im Sumpf der Bauer Heu

auf seiner Wiese macht?

Das schwere, nasse Heu sodann

hinausschleppt, wo nicht mal ein Pferd

hindurchkommt, wo’s auch ohne Last

zu Fuß gefährlich ist?

Da robbt und kriecht die Bauernschar

mit ihren Heukörben durchs Moor,

der Boden schwankt, vor Anstrengung

zerreißen sie sich fast.

Sind wir denn hübscher anzusehn,

wenn in der Sonne ohne Hut

wir unsre Arbeit tun,

schön durchgeschwitzt bis obenhin,

vom Riedgras und von Stechmücken

gepeinigt bis aufs Blut?

Und wenn du Mitleid kundtun willst –

tu’s richtig, miss den Bauern nicht

mit herrschaftlichem Maß!

Die Hände sind nicht weiß und zart,

beim Arbeiten und Saufen sind

jedoch die Größten wir!

Die Seele jedes Bauern ist

wie ’ne Gewitterwolke – schwarz,

bedrohlich, zornig – müsste da

nicht Regen prasseln blutiger,

nicht Donner grollen laut?

Der Zorn ertrinkt, ersäuft im Schnaps.

Wenn der so durch die Adern fließt,

die gute Bauernseele wärmt,

fängt die zu lachen an!

Komm, sieh dich um, zur Trauer ist