Wer Schatten küsst - Marc Levy - E-Book

Wer Schatten küsst E-Book

Marc Levy

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Beschreibung

Was wäre, wenn das Kind, das Sie waren, der Person begegnen würde, die Sie heute sind ...

Er stiehlt die Schatten derer, die seinen Weg kreuzen – Freunde, Feinde und seine erste Liebe. Und er erhält so Einblick in ihre Träume, Wünsche und Sorgen. Was soll er aber mit dieser Gabe anfangen, die ihn so verwirrt? Jahre später ist aus dem Schattendieb ein Arzt geworden. Hat er immer noch die Fähigkeit, die Sehnsüchte derer zu erahnen, die ihn umgeben? Erneut wird er mit der Frage konfrontiert: Kann er den Menschen dabei helfen, ihre Träume zu leben, statt ihr Leben zu träumen, und selbst das Glück und die Liebe finden?

Eine Hymne auf die Kindheit, die Träume und die Fantasie.

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Marc Levy

Wer Schatten küsst

Roman

Aus dem Französischen

von Eliane Hagedorn

und Bettina Runge

Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel »Le voleur d’ombres«

bei Editions Robert Laffont, Paris.

© der Originalausgabe 2010 by Marc Levy/Susanna Lea Associates, Paris

© der deutschsprachigen Ausgabe 2012 by Blanvalet Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, München

ISBN 978-3-641-07305-3

www.blanvalet-verlag.de

Für Pauline, Louis und Georges

»Mancher achtet Schatten wert,

dem ist Schattenheil beschert ...«

Der Kaufmann von Venedig

2. Aufzug, 9. Szene

William Shakespeare

In der Übersetzung

von August Wilhelm von Schlegel

»Wer nur Schatten küsst und Schein,

der hat Schattenglück allein ...«

In der Übersetzung von

Johann Heinrich Voß und dessen Söhnen

»Jeder von uns muss all seine Fantasie

und all seine Kraft aufbieten, um den anderen

zu erfinden, und darf der Wirklichkeit

keine Handbreit an Terrain abtreten.

Wenn sich dann zwei Fantasien begegnen ...

gibt es nichts Schöneres.«

Romain Gary

Les Enchanteurs

Ich hatte Angst vor der Nacht, Angst vor den Silhouetten, die sich in die abendlichen Schatten einschlichen, die mal in den Falten der Vorhänge, mal auf der Tapete des Schlafzimmers tanzten. Sie sind mit der Zeit verblasst. Doch sobald ich an meine Kindheit zurückdenke, tauchen sie erneut auf – grauenhaft, bedrohlich.

Ein chinesisches Sprichwort sagt, ein höflicher Mensch würde nie auf den Schatten seines Nachbarn treten. Das wusste ich an meinem ersten Tag in der neuen Schule nicht. Meine Kindheit war dort in diesem Pausenhof. Ich wollte sie vertreiben, erwachsen werden, doch sie klebte an meiner Haut, an diesem beengten und für meinen Geschmack viel zu kleinen Körper.

»Du wirst schon sehen, alles wird gut gehen ...«

Schulbeginn nach den Sommerferien. An eine Platane gelehnt, beobachtete ich, wie sich Grüppchen zusammenfanden. Ich gehörte zu keiner von ihnen. Ich hatte kein Anrecht auf ein Lächeln, auf ein Schulterklopfen, auf das geringste Anzeichen von Freude, mich nach Ende der Ferien wiederzusehen. Es gab auch niemanden, dem ich von meinen hätte berichten können. Jeder, der einmal die Schule gewechselt hat, wird diese Septembermorgen kennen, an denen man, die Kehle zusammengeschnürt, nicht weiß, was man seinen Eltern antworten soll, die einem versichern, alles würde gut gehen. Als würden sie sich an irgendetwas erinnern! Die Eltern haben alles vergessen, das ist nicht ihre Schuld, sie sind nur gealtert.

Unter dem Vordach des Pausenhofs ertönte die Glocke, und die Schüler reihten sich vor den Lehrern auf, die sie einzeln aufriefen. Drei von uns trugen eine Brille, nicht viele also. Ich gehörte der 5c an, und wieder war ich der Kleinste. Man hatte die dumme Idee gehabt, mich im Dezember zur Welt zu bringen, und meine Eltern freuten sich, dass ich immer ein halbes Jahr »Vorsprung« hatte, das machte sie stolz, mich dagegen quälte es bei jedem Schulbeginn.

Der Kleinste der Klasse zu sein, bedeutete: Tafel wischen, Kreide wegräumen, Matten in der Sporthalle ordnen, Basketbälle im obersten Fach des Regals aufreihen und, das Schlimmste von allem, für das Klassenfoto ganz allein in der ersten Reihe im Schneidersitz posieren. Wenn man zur Schule geht, kennen die Demütigungen keine Grenzen.

All das wäre ohne Folgen gewesen, hätte es in der 5c nicht einen gewissen Marquès gegeben, das krasse Gegenteil von mir und für mich ein wahres Gräuel.

Ich war – zum großen Stolz meiner Eltern – einer der Jüngsten meines Jahrgangs, Marquès dagegen war zweimal sitzen geblieben, was seine Eltern völlig gleichgültig ließ. Solange die Schule ihren Sohn beschäftigte, er in der Kantine zu Mittag aß und erst gegen Abend wieder auftauchte, waren sie zufrieden.

Ich trug eine Brille, Marquès hatte Augen wie ein Luchs. Ich war zehn Zentimeter kleiner als die Jungen meines Alters, Marquès dagegen um zehn größer, was einen gewaltigen Unterschied zwischen uns beiden ausmachte. Ich hasste Basketball, Marquès musste sich nur recken, um den Ball sicher in den Korb zu befördern. Ich liebte die Poesie, er den Sport, nicht dass beide unvereinbar wären, aber dennoch. Ich liebte es, Heuschrecken an den Baumstämmen zu beobachten, Marquès wiederum, sie zu fangen und ihnen die Flügel auszureißen.

Und doch hatten wir zwei Dinge gemeinsam, das heißt eines: Elisabeth! Wir waren in sie verliebt, und sie interessierte sich für keinen von uns beiden. Das hätte zu einer Art Verbundenheit zwischen Marquès und mir führen können, leider aber gewann die Rivalität die Oberhand.

Elisabeth war zwar nicht das hübscheste Mädchen der Schule, wohl aber das bei Weitem charmanteste. Sie hatte eine ganz eigene Art, ihr Haar zusammenzubinden, ihre Bewegungen waren einfach und anmutig, und ihr Lächeln erhellte die traurigsten Herbsttage, wenn es ununterbrochen regnete und die Schuhsohlen pitsch, patsch auf dem Asphalt machten, jene Tage, an denen die Laternen morgens und abends den Schulweg erhellten.

Dort verlief meine triste Kindheit, in dieser kleinen Provinzstadt, wo ich verzweifelt darauf wartete groß zu werden.

TEIL 1

Ein Tag genügte, um Marquès gegen mich aufzubringen. Ein kleiner Tag, um mich den nicht wiedergutzumachenden Fehler begehen zu lassen. Unsere Englischlehrerin Madame Schaeffer hatte uns gerade erklärt, das Präteritum sei eine Tempusform, die ausdrücke, dass ein Geschehen abgeschlossen, von der Gegenwart losgelöst sei und in diesem Sinne der Vergangenheit angehöre. Aha!

Kaum hatte Madame Schaeffer das erläutert, deutete sie auch schon auf mich und forderte mich auf, diesen Sachverhalt anhand eines Beispiels meiner Wahl zu veranschaulichen. Als ich daraufhin zum Besten gab, wie schön es doch wäre, würde das Schuljahr bereits dem Präteritum angehören, brach Elisabeth in herzhaftes Lachen aus. Da mein Scherz nur uns beide amüsierte, kam ich zu dem Schluss, dass die restliche Klasse nichts vom Sinn des Präteritums im Englischen verstanden habe, während Marquès folgerte, ich hätte mir mit der Bemerkung Pluspunkte bei Elisabeth geholt. Damit war das Halbjahr gelaufen. Von diesem Montag, dem ersten Schultag nach den Sommerferien an, noch genauer, von dieser meiner ersten Englischstunde an, sollte ich die wahre Hölle durchleben.

Madame Schaeffer verdonnerte mich auf der Stelle zum Nachsitzen, einer Strafe, die ich am folgenden Samstagmorgen antreten sollte. Drei Stunden im Schulhof Laub kehren. Ich hasse den Herbst!

Am Dienstag und Mittwoch stellte mir Marquès immer wieder ein Bein. Und je öfter ich der Länge nach am Boden lag, umso mehr holte er bei dem Spiel auf: »Wer bringt die anderen am meisten zum Lachen?« Er erzielte sogar einen gewissen Vorsprung, außer bei Elisabeth, die das gar nicht lustig fand, sodass sein Rachedurst alles andere als gestillt war.

Am Donnerstag wurde Marquès noch dreister, und ich verbrachte den Anfang der Mathestunde in meinem Spind, in den er mich gewaltsam hineinbefördert und dann die Tür verriegelt hatte. Ich sagte dem Hausmeister, der gerade den Umkleideraum ausfegte und mich gegen die Tür trommeln hörte, die Zahlenkombination. Um nicht als Petzer zu gelten und mir dadurch noch mehr Ärger einzuhandeln, schwor ich, dass ich mich beim Versteckspiel ungeschickterweise selbst eingeschlossen hätte. Der Hausmeister erkundigte sich neugierig, wie ich das Vorhängeschloss denn von innen hätte verriegeln können, doch ich tat so, als hätte ich seine Frage nicht gehört, und rannte davon. Ich kam zu spät zum Namensaufruf. Und so wurde das Nachsitzen am Samstag vom Mathematiklehrer um eine Stunde verlängert.

Der Freitag wurde für mich der schlimmste Tag der Woche. Marquès probierte an mir die Hauptelemente des newtonschen Gravitationsgesetzes aus, die wir um elf Uhr im Physikunterricht erläutert bekommen hatten.

Dieses Gravitationsgesetz, entdeckt von Isaac Newton, besagt in groben Zügen, dass zwei Massenpunkte einander mit einer Kraft anziehen, die proportional zum Produkt der beiden Massen und umgekehrt proportional zum Quadrat des Abstands der beiden Massen ist. Diese Kraft folgt der Geraden zwischen den Gravitationszentren der beiden Körper.

So kann man es im Handbuch nachlesen. In der Praxis aber liegen die Dinge anders. Nehmen wir das Beispiel eines Individuums, das in einer Kantine eine Tomate stibitzt, und zwar mit einer anderen Absicht, als diese zu verzehren. Warten wir, bis sich sein Opfer in angemessener Entfernung befindet und selbiges Individuum eine Schubkraft aus seinem Unterarm auf besagte Tomate ausübt, und wir werden sehen, dass sich das newtonsche Gesetz bei Marquès nicht wie erwartet auswirkt. Der Beweis: Die eingeschlagene Richtung der Tomate folgte nicht der Geraden zwischen den beiden Gravitationszentren, vielmehr landete sie auf meiner Brille. Im darauffolgenden Gejohle, das die Kantine erfüllte, erkannte ich das so herzhafte und so hübsche Lachen von Elisabeth, und das stimmte mich unendlich traurig.

Als mir meine Mutter an jenem Freitagabend in ziemlich rechthaberischem Tonfall wiederholte: »Na siehst du, ist alles gut gelaufen«, legte ich die »Benachrichtigung zur Nacharbeit unter Aufsicht« auf den Küchentisch, verkündete, ich hätte keinen Hunger, und verschwand in meinem Zimmer.

Während meine Kameraden an besagtem Samstagmorgen ihr Frühstück vor dem Fernseher einnahmen, ging ich zur Schule.

Der Pausenhof war leer, der Hausmeister entfaltete meine unterzeichnete Benachrichtigung zur Nacharbeit und schob sie in die Tasche seines grauen Kittels. Er reichte mir eine Heugabel, ermahnte mich zur Vorsicht, damit ich mich nicht verletzte, und deutete auf einen Laubberg und eine Schubkarre unter dem Basketballkorb, dessen Netz mir vorkam wie das Auge von Kain oder, eher noch, wie das von Marquès.

Ich kämpfte schon eine gute halbe Stunde mit meinem Blätterhaufen, als mir der Hausmeister zu Hilfe kam.

»Ach, jetzt erkenne ich dich. Du bist doch der Junge, der sich in seinem Spind eingeschlossen hat, stimmt’s? Sich gleich am ersten Samstag im neuen Schuljahr eine Nachsitzstrafe einzuhandeln, das ist fast so stark wie die Sache mit dem von innen verriegelten Vorhängeschloss«, sagte er und nahm mir die Heugabel ab.

Mit sicherer Hand stieß er sie in das Laub und hob mit einem Schlag mehr Blätter an, als es mir in der gesamten Zeit gelungen war.

»Was hast du verbrochen, um diese Strafe zu verdienen?«, fragte er und füllte die Schubkarre.

»Einen Konjugationsfehler!«, murmelte ich.

»Daraus kann ich dir keinen Vorwurf machen, denn Grammatik war nie meine Stärke. Aber zum Harken scheinst du auch nicht besonders begabt. Gibt es denn irgendetwas, das du gut kannst?«

Seine Frage bereitete mir größtes Kopfzerbrechen. Doch wie angestrengt ich auch nachdachte, ich konnte nicht das geringste Talent an mir entdecken. Und plötzlich wurde mir klar, warum meine Eltern dem besagten halben Jahr »Vorsprung« derart viel Bedeutung beimaßen: Ihr Sprössling hatte nichts anderes vorzuweisen, auf das sie hätten stolz sein können.

»Es muss doch etwas geben, das dich so richtig begeistert, etwas, das du unbedingt machen möchtest, einen Traum vielleicht, den du dir gern erfüllen würdest.«

»Die Nacht bezwingen!«, stammelte ich.

Das Lachen von Yves, das war der Vorname des Hausmeisters, hallte derart laut wider, dass die Spatzen von ihrem Ast aufflogen und das Weite suchten. Was mich betraf, so lief ich, den Kopf gesenkt, die Hände in den Hosentaschen, ans andere Ende des Pausenhofs. Yves holte mich auf halbem Weg ein.

»Ich wollte mich nicht über dich lustig machen, deine Antwort war nur ein wenig überraschend, das ist alles.«

Der Schatten des Basketballkorbs zog sich drohend über den Hof. Die Sonne stand noch lange nicht im Zenit, und also war meine Strafe auch noch lange nicht beendet.

»Und warum möchtest du die Nacht bezwingen? Das ist wirklich eine sonderbare Idee!«

»Als Sie in meinem Alter waren, hat sie Ihnen auch schreckliche Angst gemacht. Sie wollten sogar die Fenster läden geschlossen haben, damit die Nacht nicht hineinschlüpfen konnte.«

Yves musterte mich verblüfft. Seine Züge hatten sich verändert, der freundliche Gesichtsausdruck war daraus gewichen.

»Erstens ist es nicht wahr, und zweitens: Woher weißt du das?«

»Wenn es nicht wahr ist, was macht es dann schon?«, erwiderte ich und setzte meinen Weg fort.

»Der Hof ist nicht besonders groß, du kommst also nicht weit«, sagte Yves, der mir folgte. »Außerdem hast du meine Frage nicht beantwortet.«

»Ich weiß es, das ist alles.«

»Nun gut, es stimmt, ich hatte schreckliche Angst vor der Nacht, doch das habe ich niemandem erzählt. Also wenn du mir sagst, woher du es weißt, und mir schwörst, das Geheimnis für dich zu behalten, dann lasse ich dich um elf Uhr statt mittags gehen.«

»Einverstanden!«, sagte ich und streckte ihm meine Hand entgegen.

Yves schlug ein und sah mir geradewegs in die Augen. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, woher ich wusste, dass sich der Hausmeister, als er ein kleiner Junge war, vor der Nacht gefürchtet hatte. Vielleicht hatte ich nur einfach meine eigenen Ängste auf ihn übertragen. Warum brauchen Erwachsene bloß immer für alles eine Erklärung?

»Komm, wir wollen uns setzen«, meinte Yves mit einem Blick auf die Bank in der Nähe des Basketballkorbs.

»Ich glaube, ich würde lieber anderswo sitzen«, erwiderte ich und deutete auf die Bank ganz am anderen Ende des Hofs.

»Na gut, gehen wir zu deiner Bank!«

Wie sollte ich ihm erklären, dass er mir kurz vorher, während wir noch mitten auf dem Hof standen, plötzlich wie ein Junge in meinem Alter erschienen war? Ohne zu verstehen, was sich genau zugetragen hatte, wusste ich, dass die Tapete seines Zimmers vergilbt war und das Parkett des Hauses, in dem er wohnte, knarrte und dass ihn auch das in panische Angst versetzte.

»Ich habe keine Ahnung«, sagte ich etwas nervös, »ich glaube, ich habe es mir nur vorgestellt.«

Wir blieben eine Weile schweigend auf der Bank sitzen. Dann seufzte Yves, tätschelte mein Knie und erhob sich.

»Du kannst jetzt gehen, wir haben einen Pakt geschlossen, und es ist elf Uhr. Du behältst dieses Geheimnis für dich, denn ich will nicht, dass sich die Schüler über mich lustig machen.«

Ich verabschiedete mich von dem Hausmeister, begab mich eine Stunde früher als vorgesehen auf den Heimweg und fragte mich, was Papa wohl sagen würde. Er war am Vorabend spät von einer Geschäftsreise zurückgekommen, und inzwischen dürfte ihm Maman erklärt haben, warum ich nicht zu Hause war. Welche weitere Strafe erwartete mich dafür, dass ich gleich am ersten Samstag nach Schulbeginn hatte nachsitzen müssen? Während ich auf dem Heimweg immer wieder diese finsteren Gedanken durchging, fiel mir plötzlich etwas Verblüffendes auf. Die Sonne stand hoch am Himmel, und ich fand meinen Schatten sonderbar groß und sehr viel stämmiger als gewöhnlich. Ich blieb einen Moment stehen, um ihn aus der Nähe zu betrachten. Seine Konturen stimmten nicht mit meinen überein, als wäre das, was mir auf dem Bürgersteig vorausging, gar nicht mein Schatten, sondern der eines anderen. Ich musterte ihn erneut genau und durchlebte plötzlich eine Kindheitserinnerung, die nicht die meine war.

Ein Mann zerrte mich in einen Garten, der mir unbekannt war, löste seinen Gürtel und verpasste mir eine Tracht Prügel.

Selbst wütend hätte mein Vater nie die Hand gegen mich erhoben. Mit einem Mal glaubte ich zu erahnen, welchem Gedächtnis diese Erinnerung entsprang. Was mir da in den Sinn kam, war ganz und gar unwahrscheinlich, um nicht zu sagen völlig unmöglich. Ich beschleunigte den Schritt, halb tot vor Angst und fest entschlossen, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen.

Mein Vater erwartete mich in der Küche. Als er mich meinen Ranzen im Wohnzimmer abstellen hörte, rief er mich zu sich, seine Stimme klang ernst.

Wenn ich schlechte Noten mit nach Hause gebracht, mein Zimmer nicht aufgeräumt, Spielzeug zerbrochen, nachts den Kühlschrank geplündert oder im Bett, Mamans kleines Radio ans Ohr gepresst, mit der Taschenlampe gelesen hatte, oder, schlimmer noch, als ich mir in der Süßwarenabteilung des Supermarkts, während Maman, im Gegensatz zu dem Aufseher, gerade nicht hinsah, die Taschen gefüllt hatte, war es mir gelungen, ein paar nennenswerte väterliche Donnerwetter auszulösen. Doch ich kannte so manche Hinterlist, zum Beispiel ein unwiderstehliches zerknirschtes Lächeln, das die heftigsten Stürme zu besänftigen vermochte.

Diesmal aber musste ich auf keine List zurückgreifen, Papa war nicht erbost, nur traurig. Er bat mich, ihm gegenüber am Küchentisch Platz zu nehmen, und nahm meine Hände in die seinen. Unser Gespräch dauerte zehn Minuten, nicht länger. Er erklärte mir alles Mögliche über das Leben, was ich verstehen würde, wenn ich so alt wäre wie er. Ich behielt nur eines: Er würde uns verlassen. Wir würden uns weiter sooft wie möglich sehen, doch er war außerstande, mir mehr über das zu sagen, was er unter »möglich« verstand.

Er erhob sich und bat mich, Maman in ihrem Schlafzimmer zu trösten. Vor diesem Gespräch hätte er »unser« Schlafzimmer gesagt, fortan würde es nur noch das von Maman sein.

Ich gehorchte umgehend und stieg die Treppe in den ersten Stock hinauf. Auf der letzten Stufe drehte ich mich um. Papa trug einen Koffer bei sich. Er machte mir ein kleines Handzeichen zum Abschied und zog die Tür hinter sich zu.

Ich musste warten, bis ich erwachsen war, um meinen Vater wiederzusehen.

*

Ich verbrachte das Wochenende mit meiner Mutter und tat so, als würde ich ihren Kummer gar nicht bemerken. Maman sagte nicht viel, seufzte nur bisweilen. Und jedes Mal füllten sich ihre Augen dann mit Tränen, und sie wandte sich rasch ab, um sie vor mir zu verbergen.

Am Nachmittag gingen wir in den Supermarkt. Mir war schon früher aufgefallen, dass Maman, wenn sie deprimiert war, immer einkaufen ging. Warum eine Schachtel Cornflakes, frisches Gemüse oder eine neue Strumpfhose einen aufmuntern können, habe ich nie begriffen ... Ich sah, wie sie sich an den Regalen zu schaffen machte, und fragte mich, ob sie noch wusste, dass ich sie begleitete. Mit vollem Einkaufswagen und leerem Portemonnaie machten wir uns schließlich auf den Heimweg. Maman verbrachte eine Ewigkeit damit, die Vorräte in die Schränke zu räumen.

An jenem Tag hat Maman einen Kuchen gebacken, einen Apfelkuchen, gesüßt mit Ahornsirup. Anschließend deckte sie den Küchentisch für zwei, trug Papas Stuhl in den Keller und setzte sich dann mir gegenüber hin. Sie öffnete die Schublade neben dem Gasherd, nahm das Paket mit den Kerzen heraus, die ich an meinem letzten Geburtstag ausgeblasen hatte, steckte eine in die Mitte des Kuchens und zündete sie an.

»Dies ist unser erstes Tête-à-Tête-Essen«, sagte sie und lächelte. »Das müssen wir beide immer in Erinnerung behalten.«

Wenn ich zurückdenke, wimmelte meine Kindheit nur so von »ersten Malen«.

Dieser Apfelkuchen, gesüßt mit Ahornsirup, war unser Abendessen. Maman nahm meine Hand und drückte sie.

»Und erzählst du mir jetzt, was in der Schule nicht geht?«, sagte sie.

*

Mamans Kummer hatte meine Gedanken derart beschäftigt, dass ich mein eigenes Missgeschick vom Samstag darüber vergessen hatte. Auf dem Weg in die Schule erinnerte ich mich wieder daran und hoffte, dass Marquès ein besseres Wochenende verbracht hätte als ich. Wer weiß, mit etwas Glück bräuchte er keinen Prügelknaben mehr.

Unter dem Dach des Pausenhofs standen die Schüler der 5c schon in Reih und Glied und warteten darauf, einzeln aufgerufen zu werden. Elisabeth war direkt vor mir, sie trug einen marineblauen Pullover und einen karierten knielangen Rock. Marquès drehte sich um und warf mir einen drohenden Blick zu. Im Gänsemarsch betraten wir das Schulgebäude.

Während Madame Henry uns im Geschichtsunterricht die Umstände, unter denen Tutanchamun sein Leben verloren hatte, so detailliert erläuterte, als wäre sie Augenzeugin seines Todes gewesen, dachte ich, nicht ohne Schrecken, an die bevorstehende Pause.

Die Glocke würde um halb elf klingeln, und die Vorstellung, mich mit Marquès auf dem Schulhof zu befinden, war mir alles andere als angenehm. Trotzdem würde mir nichts anderes übrigbleiben, als meinen Klassenkameraden zu folgen.

Ich ließ mich abseits auf der Bank nieder, wo ich mich am Samstag beim Nachsitzen mit dem Hausmeister unterhalten hatte, bevor ich daheim erfuhr, dass mein Vater uns verlassen würde. Nach einer Weile kam Marquès herangeschlendert und nahm neben mir Platz.

»Nimm dich in Acht«, sagte er und packte mich an der Schulter. »Komm bloß nicht auf die Idee, für das Amt des Klassensprechers zu kandidieren, ich bin der Älteste, dieser Posten steht mir zu. Wenn du deine Ruhe haben willst, dann halte dich gefälligst zurück und geh Elisabeth aus dem Weg. Das sage ich nur zu deinem Besten. Du bist zu jung, du hast überhaupt keine Chance, also mach dir gar nicht erst Hoffnungen, das erspart dir unnötige Enttäuschungen, kleiner Trottel.«

An diesem Morgen schien die Sonne auf den Schulhof. Daran erinnere ich mich ganz genau, und das aus gutem Grund!

Unsere beiden Schatten berührten sich auf dem Asphalt. Der von Marquès war einen guten Meter länger als meiner – eine Frage der Proportionen, das steht nun mal fest. Ich bewegte mich kaum merklich, damit mein Schatten die Oberhand gewann. Marquès bemerkte nichts davon, mich dagegen belustigte das kleine Spiel. Dieses eine Mal war ich der Stärkere, man kann ja mal träumen. Marquès, der meine Schulter noch immer in seinem eisernen Griff hatte, sah Elisabeth vorübergehen, ganz in der Nähe unter dem Kastanienbaum. Er stand auf, befahl mir, mich nicht vom Fleck zu rühren, und ließ endlich von mir ab.

Yves kam aus dem Schuppen, in dem er seine Geräte verstaute. Er trat auf mich zu, sah mich mit so ernster Miene an, dass ich mich fragte, was ich wohl dieses Mal verbrochen hatte.

»Das mit deinem Vater tut mir leid«, sagte er. »Aber weißt du, mit der Zeit kommen manche Dinge wieder ins Lot.«

Wie konnte er das jetzt schon wissen? Der Auszug meines Vaters hatte schließlich keine Schlagzeilen in der Stadtzeitung gemacht.

Aber es ist nun einmal so, dass sich in kleinen Provinznestern alles sofort herumspricht. Versessen auf das Leid der anderen, stürzen sich die Leute auf jedes Gerücht. Als mir das bewusst wurde, legte sich die Realität ein zweites Mal wie eine schwere Last auf meine Schultern. Noch am selben Abend würde in allen Familien meiner Klasse darüber gesprochen, da war ich mir ganz sicher. Die einen würden meiner Mutter die Schuld geben, die anderen meinen Vater verantwortlich machen. Auf jeden Fall wäre ich der Sohn, der nicht in der Lage gewesen war, seinen Vater am Fortgehen zu hindern.

Das Schuljahr fing wirklich schlecht an.

»Hast du dich gut mit ihm verstanden?«, fragte mich Yves.

Ich nickte nur und starrte dabei auf meine Fußspitzen.

»Das Leben ist ungerecht, mein Vater war ein Dreckskerl. Ich hätte mir damals so gewünscht, dass er das Haus verlässt. Ich bin vor ihm gegangen, um nicht zu sagen seinetwegen.«

»Papa hat nie die Hand gegen mich erhoben!«, sagte ich, um gleich jedes Missverständnis auszuräumen.

»Meiner auch nicht«, entgegnete der Hausmeister.

»Wenn Sie wollen, dass wir Freunde werden, müssen wir uns die Wahrheit sagen. Ich weiß, dass Ihr Vater Sie geschlagen hat. Er zerrte Sie ans Ende des Gartens, um Ihnen mit seinem Gürtel eine Tracht Prügel zu verpassen.«

Welcher Teufel hatte mich geritten, das zu sagen? Ich wusste selbst nicht, wie mir diese Worte über die Lippen gekommen waren. Vielleicht hatte ich einfach das Bedürfnis, Yves zu gestehen, was ich an besagtem Samstag auf dem Heimweg vom Nachsitzen gesehen hatte. Er musterte mich.

»Wer hat dir das erzählt?«

»Niemand«, erwiderte ich verwirrt.

»Entweder bist du ein Schnüffler oder ein Lügner.«

»Ich bin kein Schnüffler! Und wer hat Ihnen überhaupt das von meinem Vater gesagt?«

»Ich war gerade im Zimmer der Frau Direktorin, um ihr die Post zu bringen, als deine Mutter anrief, um ihr Bescheid zu geben. Die Direktorin war so fassungslos, dass sie, nachdem sie aufgelegt hatte, mehrmals laut wiederholte: ›Was für Dreckskerle, diese Männer, echte Dreckskerle.‹ Als ihr klar wurde, dass ich mich im Raum befand, fühlte sie sich genötigt, sich zu entschuldigen. ›Sie nicht, Yves‹, sagte sie. ›Ich meine natürlich nicht Sie.‹ Von wegen, sie denkt genauso über mich, sie denkt genauso über uns alle. In ihren Augen sind wir Dreckskerle, mein Kleiner, es reicht, ein Mann zu sein, um dem üblen Clan anzugehören. Wenn du gesehen hättest, wie unglücklich sie war, als dies eine gemischte Schule geworden ist. Jeder weiß, dass Männer ihre Frauen betrügen, man fragt sich nur, mit wem? Mit wem, wenn nicht mit Frauen, die wiederum ihre Männer betrügen? Und ich weiß, wovon ich rede. Wirst schon sehen, wenn du groß bist.«

Ich hätte gerne so getan, als verstünde ich nicht, wovon er sprach, doch ich hatte Yves gerade gesagt, unsere Freundschaft könnte nicht auf der Lüge beruhen. Ich wusste genau, was er meinte, seit dem Tag, als Maman in Papas Manteltasche einen Lippenstift gefunden und dieser behauptet hatte, keine Ahnung zu haben, wie er dorthin gelangt sei, und einen schlechten Scherz seiner Kollegen vorgeschoben hatte. Papa und Maman hatten sich die ganze Nacht gestritten, und ich hatte innerhalb eines Abends mehr über die Untreue erfahren als in den Serien, die Maman im Fern sehen sah. Ohne Bild ist es sehr viel authentischer, wenn die Schauspieler des Dramas im Schlafzimmer nebenan agieren.

ENDE DER LESEPROBE