Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Der Autor steht für einen unverwechselbaren Schreibstil. Er versteht es besonders plastisch spannende Revolverduelle zu schildern und den ewigen Kampf zwischen einem gesetzestreuen Sheriff und einem Outlaw zu gestalten. Er scheut sich nicht detailliert zu berichten, wenn das Blut fließt und die Fehde um Recht und Gesetz eskaliert. Diese Reihe präsentiert den perfekten Westernmix! Vom Bau der Eisenbahn über Siedlertrecks, die aufbrechen, um das Land für sich zu erobern, bis zu Revolverduellen - hier findet jeder Westernfan die richtige Mischung. Lust auf Prärieluft? Dann laden Sie noch heute die neueste Story herunter (und es kann losgehen). Trommelnder Hufschlag brach sich an den roten Felswänden des Grand Canyon. Aus rauhen Männerkehlen drangen Schreie. Schüsse peitschten durch das wildzerklüftete Tal. Eine Overland-Postkutsche sprang wie ein wildes Tier über den steinigen Fahrweg. Die gelben Holzspeichen der Räder ächzten, die Lederhalterungen der Federn waren bis zum Zerreißen gespannt. Aber Merlin Hall hieb wie ein Wahnsinniger auf das Vierergespann ein. »Hoiii!« gellte sein Ruf in den Ohren der schweißnassen Pferde. Sie rissen an den Strängen und gaben das letzte ihrer Kräfte her. Schaum flog wie Schneeflocken von ihren Mäulern. Sie hatten die Köpfe weit vorgestreckt, die Augen schreckhaft aufgerissen. Doch die Verfolger waren schneller. Merlin Hall nahm die lange Peitsche zwischen die Zähne und zog seinen Colt. Es war ein alter langläufiger Armeerevolver. Er stammte noch von seinem Vater, der bei den Blauröcken gedient hatte. Doch vom Fahrersitz der schwankenden Overland aus war es kaum möglich, eine Kugel ins Ziel zu tragen. Und das Ziel waren zwei Männer, die auf galoppierenden Pferden hinter der Überlandkutsche herhetzten. Es waren John und Tom Alagna. Banditen, Verbrecher, kaltblütige Mörder. Vor kurzem waren sie aus dem Vorlager von Sescattewa entsprungen, aus den Steinbrüchen des ewigen Schweigens.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 142
Veröffentlichungsjahr: 2019
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Trommelnder Hufschlag brach sich an den roten Felswänden des Grand Canyon.
Aus rauhen Männerkehlen drangen Schreie. Schüsse peitschten durch das wildzerklüftete Tal.
Eine Overland-Postkutsche sprang wie ein wildes Tier über den steinigen Fahrweg. Die gelben Holzspeichen der Räder ächzten, die Lederhalterungen der Federn waren bis zum Zerreißen gespannt.
Aber Merlin Hall hieb wie ein Wahnsinniger auf das Vierergespann ein.
»Hoiii!« gellte sein Ruf in den Ohren der schweißnassen Pferde. Sie rissen an den Strängen und gaben das letzte ihrer Kräfte her. Schaum flog wie Schneeflocken von ihren Mäulern. Sie hatten die Köpfe weit vorgestreckt, die Augen schreckhaft aufgerissen.
Doch die Verfolger waren schneller.
Merlin Hall nahm die lange Peitsche zwischen die Zähne und zog seinen Colt. Es war ein alter langläufiger Armeerevolver. Er stammte noch von seinem Vater, der bei den Blauröcken gedient hatte.
Doch vom Fahrersitz der schwankenden Overland aus war es kaum möglich, eine Kugel ins Ziel zu tragen.
Und das Ziel waren zwei Männer, die auf galoppierenden Pferden hinter der Überlandkutsche herhetzten.
Es waren John und Tom Alagna.
Banditen, Verbrecher, kaltblütige Mörder.
Vor kurzem waren sie aus dem Vorlager von Sescattewa entsprungen, aus den Steinbrüchen des ewigen Schweigens. Ihnen war es gelungen, was bisher kaum ein Gefangener fertiggebracht hatte.
Die Flucht aus Sescattewa!
Und nun, erst wenige Tage der Hölle des Straflagers entronnen, begingen sie schon wieder ein Verbrechen.
Was hatte damals der Sheriff von Yankton zum Richter gesagt?
»Ihr hättet sie hängen lassen sollen, Euer Gnaden.«
Der Mann hatte recht gehabt.
Auch Sescattewa hatte nicht vermocht, die beiden Verbrecher auf eine andere Bahn zu bringen. Sie hatten die gnadenlose Sonne ertragen, den grausamen Durst, die eisige Kälte und die langen Bullpeitschen der Wächter.
Doch Sescattewa hatten sie bereits vergessen.
John Alagna war ein breiter, wuchtiger Mann. Er ritt etwas hinter seinem jüngeren Bruder. Sein Pferd hatte Mühe, mit dem anderen Tier Schritt zu halten.
Tom dagegen war sehnig und schlank. Das glatte Gegenteil seines Bruders. An seinem Körper war kein Gramm Fett zuviel. Ihm hatten die Jahre in den Steinbrüchen wenig ausgemacht. Er war dunkelhäutig wie ein Mexikaner, hatte stechende Kohlenaugen und einen schmallippigen Mund. In allen Teilen war er seinem älteren Bruder überlegen: Er war schneller, wenn es galt den Colt zu ziehen – und im Faustkampf hatte ihn bisher noch kein Mann auf den Boden bringen können.
John Alagna hatte einen dumpfen Geist. Wo sich auch nur eine Gelegenheit dazu ergab, betrank er sich. Im übrigen befolgte er die Befehle seines jüngeren Bruders.
Allein wäre John niemals der Hölle von Sescattewa entronnen. Die Flucht war einzig und allein das Werk seines Bruders gewesen.
Es war Zufall, daß sie jetzt hinter der Overland herjagten. Ihre Taschen waren leer, sie besaßen keinen lausigen Cent.
In den Steinbrüchen hatten sie nur die beiden Pferde und die Waffen stehlen können – und seitdem waren sie wie vom Teufel gehetzt über die Mountains geritten.
»Ich habe noch zwei Kugeln!« schrie Tom seinem Bruder zu.
John Alagna stieß einen Fluch aus.
»Ich habe noch drei!«
»Dann wird es Zeit!« rief Tom zurück und hieb seinem Pferd die Sternradsporen in die Weichen.
Das Tier wieherte schmerzhaft auf und sprang mit einem gewaltigen Satz nach vorn. Mehr Kraft konnte es bestimmt nicht aus seinen Sprunggelenken herausholen.
Fünfzig Yards waren noch zwischen der Overland und den beiden Banditen.
Merlin Hall schoß, was sein Colt hergab, aber die Kugeln verfehlten ihr Ziel. Und er hatte auch nur für Sekunden die Fahrstraße aus den Augen lassen können.
Straße?
Es war ein in den Fels gehauener Weg. Tief unten floß der Colorado River. Dunkel glänzten seine Wasser zur Höhe hinauf. In vielen Windungen schlängelte sich dieser Weg durch die farbenglühenden Schluchten des Grand Canyon.
Über diesen Höhenpfad wurden die Rinderherden aus dem Süden hinauf nach Utah und Wyoming getrieben. Die bleichen Gerippe der Longhorns am Wegrand zeugten von diesem Trail.
Und die Kutscher der Overlands, die diese Strecke befahren mußten, ließen ihre Pferde im Schritt laufen, denn der Fels hatte den Weg an den Abgrund gedrängt, zwei Wagen konnten nur mit Mühe aneinander vorbeigelangen.
Doch diesmal war es eine Fahrt mit dem Tod, ein spukhafter Tanz am Rande des Verderbens.
Die Kutsche schleuderte hin und her. Manchmal hing das rechte Hinterrad über dem Abgrund. Der Wagen schwankte und war nahe daran, abzustürzen. Aber die vier rasenden Pferde zerrten ihn wieder auf den Weg.
Drei Männer saßen in dem schwankenden Gehäuse der Overland. Sie klammerten sich an den Sitzen fest und schlugen sich an den Wänden die Köpfe wund.
Für die drei Passagiere war diese Höllenfahrt schlimmer als für den Fahrer. Sie waren wehrlos eingesperrt. Es hätte ihren Tod bedeutet, wenn sie jetzt abgesprungen wären.
Der Älteste von ihnen mochte das siebzigste Lebensjahr schon überschritten haben. Sein Haar war schlohweiß. Es war Oliver O’Sullivan, ein Mann, der im Auftrag der Regierung durch die Staaten fuhr, um Landvermessertrupps aufzustellen.
Das war eine harte Arbeit für einen Mann von über siebzig Jahren. Die Roten wehrten sich verzweifelt gegen diese Einpferchung, und es war oft zu blutigen Kämpfen gekommen.
Diesmal war er auf dem Weg nach Fillmore in Utah.
Es war sein letzter Auftrag. Dort sollte er sein Amt einem jüngeren Mann übergeben.
Würde er die Stadt jemals erreichen?
Der zweite Mann war ein Trailboß, der oben in Salt Lake City eine Herde übernehmen sollte, um sie nach Hamilton in Nevada hinüberzutreiben. Die Longhorns waren in Nebraska verladen und bis Salt Lake mit der Bahn transportiert worden. Bob Wilmot hieß der Rindermann. Er war groß, starkknochig und roch nach Pferdeschweiß und Rinderausdünstung. Sein Gesicht war vom rauhen Leben der Prärie gezeichnet. Frost und Hitze, Regen und Staub hatten tiefe Furchen in das lederne Antlitz gegraben. Sein Leben war ein einziger, endloser Ritt über die Trailwege des alten Westens gewesen.
Ein hartes Leben.
Und in dieser Minute verfluchte Bob Ullmot sich selbst. Weshalb hatte er diese elende Overland genommen?
Aber zu diesen Überlegungen war es jetzt zu spät.
»Wenn dieser verdammte Narr da vorn doch anhalten würde!« brüllte er kaum verständlich dem dritten Passagier zu, der gerade versuchte, seinen Kopf durch die Fensteröffnung zu bringen. Der Mann hatte einen Colt in der Hand. Schon seit vielen Stunden war die Overland unterwegs, aber bisher hatte dieser Mann nicht ein einziges Wort gesprochen. Er hatte in seiner Elle gelehnt, meistens geraucht und zum Fenster hinausgesehen.
O’Sullivan und Wilmot hatten sich anfangs unterhalten, waren dann aber schließlich auch stumm geworden.
Der dritte Fahrgast, jener schweigsame Mann mit den eisblauen Augen und dem scharfgeschnittenen Gesicht, hatte irgendwie bedrückend auf die beiden anderen gewirkt. Wer mochte er sein? Vielleicht ein Anwalt?
O’Sullivan war zu keinem Ergebnis gekommen. Nur die beiden schweren Revolver waren ihm aufgefallen. Es mußten wertvolle Waffen sein, die Kolben waren mit kostbarem Elfenbein ausgelegt.
Yeah, es waren wertvolle Waffen, aber sie hatten eine weit bemerkenswertere Eigenschaft, wenigstens in den Händen des Mannes, der sie trug: Da waren sie von tödlicher Sicherheit.
Denn der Mann, der es inzwischen mit Mühe fertiggebracht hatte, sich aus dem Fenster der schwankenden Kutsche zu beugen, war Doc Holliday.
»Damned, halten Sie doch die Pferde an!« schrie er zu Merlin Hall hinauf.
Aber der Ruf war vergeblich. Der Fahrer verstand kein Wort. Seine Ohren waren taub vom Gerassel des schweren Wagens und dem donnernden Hufschlag des Vierergespanns.
Doc Holliday gab es auf und blickte nach hinten.
In diesem Moment sprengten die beiden Banditen um eine Wegbiegung. Sie hatten ihren Abstand verringern können.
Dreißig Yards!
Zu weit für den Colt!
Der Georgier zog den Abzugbügel durch und feuerte aufs Geratewohl.
Fünfmal übertönte der peitschende Knall der Sixguns das tosende Gerumpel der Overland.
John Alagna schrie auf und griff sich ans Knie. Eine Kugel hatte das Gelenk durchschlagen.
»Der Hund hat mich getroffen!« rief er seinem Bruder zu.
Tom wandte sich gar nicht um.
»Weiter, solange du im Sattel bleiben kannst.«
Der Abstand verringerte sich mehr und mehr.
Aber dann geschah es…
*
Doc Holliday hatte den Colt ins Halfter gestoßen. Er wollte seine andere Waffe ziehen, aber dazu kam er nicht mehr.
Wie von einer Riesenfaust gepackt, wurde er zu Boden geschleudert. Hart schlug er mit dem Kopf auf die Bodenplatte auf. Für Sekunden wurde es Nacht um ihn.
Auch die beiden anderen Männer wurden durch die Kutsche gewirbelt. Am härtesten traf es den alten Landmesser. Er schlug mit dem Hinterkopf gegen den metallenen Türgriff.
Nur der Trailboß hatte Glück, daß heißt, wenn man unter diesen Umständen noch von Glück reden konnte. Er war auf Holliday geflogen, der Sturz war durch den Körper des Georgiers abgemildert worden.
Was war geschehen?
Das rechte Hinterrad der Kutsche war an einem kopfgroßen Stein zersplittert. Dreißig, vierzig Yards hielt der schwere Wagen sich noch im Gleichgewicht. Aber dann neigte er sich zur Seite. Der schmiedeeiserne Achsenstumpf bohrte sich in den felsigen Boden. Funken stoben auf, ein ohrenbetäubendes Kreischen zerriß die Luft, schleifender Stahl auf hartem Fels.
Die Overland überschlug sich. Die Stränge rissen, die verängstigten Pferde stürmten in panischer Angst davon.
Merlin Hall wurde wie ein Geschoß durch die Luft geschleudert und stürzte in den Abgrund.
Die Kutsche überrollte den Rand der Fahrstraße, über dem Abhang schwankte sie noch einen Sekundenbruchteil, doch dann kippte sie unendlich langsam über und torkelte tanzend wie ein Ball den Abhang hinunter.
*
Bleierne Ruhe lastete über dem Grand Canyon.
Es war die Ruhe der Jahrtausende, die diese bizarre Bergwelt geschaffen hatte. Ein Geierpaar kreiste über dem Abgrund. Mit majestätischem Flügelschlag zog es seine Spiralen in den blauen Himmel Arizonas.
Zwei Männer standen am Wegrand der Straße und blickten in den Abgrund hinunter.
Neben ihnen standen schweißnasse Pferde mit fliegenden Flanken.
Einer der Männer hatte sich mit dem Rücken gegen den Sattel seines Pferdes gelehnt. Er hielt das linke Bein gegen den Körper gepreßt.
»Damned, das haben wir nun davon! Keinen Cent und ein Loch im Fell.«
»Pech, John«, sagte der andere rauh.
»Was soll jetzt werden?«
Tom Alagna beugte sich weit vor, um besser in die Tiefe blicken zu können.
»Es hat keinen Zweck!«
»Was?«
»Da kommt keiner hinunter.«
»Kannst du die Overland sehen?«
Tom schüttelte den Kopf. »Ich sehe nichts. Ein überhängender Fels versperrt die Sicht hinunter.«
John biß sich auf die wulstigen Lippen.
In seinem zerschmetterten Knie bohrte der Schmerz.
»Es ist wohl besser, wenn wir jetzt verschwinden.«
»Weshalb hast du es so eilig? Ich muß dich verbinden.«
»Das hat Zeit bis später. Stell dir vor, wenn uns hier jemand sieht!«
Tom Alagna lachte blechern.
»Na und? Was gibt es denn hier zu sehen außer uns beiden?«
John war schwer von Begriff.
»Aber die Overland…«
Das hämische Grinsen auf dem Gesicht des anderen vertiefte sich.
»Wo ist denn hier eine Overland?«
Da grinste auch John. Doch plötzlich schien ihm ein Gedanke zu kommen.
»Und was ist mit den vier Pferden?«
»Die können nicht reden.«
Da irrten sich die beiden Verbrecher, das Vierergespann redete seine eigene Sprache.
Die Pferde trugen an ihren Geschirren die Zeichen der Wells Fargo Company – und sie schleppten an zerfetzten Strängen eine Deichsel hinter sich her, an der ein Wagen fehlte.
Aber John Alagna war beruhigt. Er ließ sich auf den Boden nieder.
»Dann sieh mal nach der Wunde, Tom.«
Die Kugel des Georgiers hatte die Kniescheibe zertrümmert und war im Gelenk steckengeblieben.
»Du brauchst einen Arzt«, meinte der Hagere.
»Woher sollen wir einen Arzt nehmen?«
»Wir werden schon einen finden. Ich war zwar noch niemals in dieser verdammten Gegend, aber wo eine Overland fährt, muß es auch bald eine Stadt geben.«
Als er dann die Wunde verband, stöhnte John.
»Verdammt, paß doch auf!« stieß er hervor.
»Stell dich nicht so an. Wenn die Kugel raus ist, kannst du in ein paar Wochen wieder laufen wie vorher!«
John Alagna sollte nie wieder wie ein normaler Mensch laufen können; sein Bein würde steif bleiben.
Der Hagere half seinem Bruder in den Sattel.
»Mit dem Reiten wird’s ja noch gehen.«
John sagte nichts. Er schob den linken Fuß mit schmerzverbissenem Gesicht in den Steigbügel. Dann warf er einen Blick nach der Sonne.
»Es ist Mittag vorbei. Laß uns zusehen, daß wir weiterkommen. Mir knurrt der Magen!«
Dann ritten sie los, und kein Gedanke der Verbrecher blieb bei den Menschen zurück, die sie ins Verderben gestürzt hatten.
*
Am Rand eines Felsplateaus auf der gegenüberliegenden Seite des Canyons stand ein Indianer. Unbeweglich stand der Rote da. Sein bronzefarbenes Gesicht war so steinern wie die Felsen unter ihm. Der Bergwind spielte mit seinem blauschwarzen Haar, das ihm tief über die Schultern fiel.
Es war ein Navajo-Indianer. Einer der wenigen, die ihr Land noch nicht verlassen hatten.
Er haßte die Reservate. Er wollte ein freier Mann bleiben.
Mit beiden Händen stützte er sich auf eine lange Kentuckybüchse.
»Die Bleichgesichter sind räudige Hunde«, sagte er leise. »Sie zerfleischen sich untereinander.«
Der Indianer hatte den Überfall mitangesehen. Die Schüsse hatten ihn an den Rand des Canyons gelockt.
Von dort aus, wo er stand, konnte er auch die zertrümmerte Overland sehen.
Ein Felsvorsprung hatte die Kutsche vor dem endgültigen Sturz in die Tiefe bewahrt, aber sie hing zur Hälfte bedrohlich über dem Abgrund.
»Dort ist kein Leben mehr«, führte der Rote sein Selbstgespräch weiter, und dann hob er den Blick und sah die kreisenden Geier. »Ihr werdet sie holen«, murmelte er.
Der Navajo wandte sich ab und ging zu seinem Pferd zurück. Er hatte das Tier hinter einem Felsturm zurückgelassen, als die ersten Schüsse gefallen waren. Jetzt schwang er sich in den Sattel und ritt davon.
*
Der donnernde Hufschlag riß Gerry Warms vom Tisch hoch. »Was, die Overland? Jetzt schon?« Dann nahm er seinen Hut, stülpte ihn auf und lief nach draußen.
Das Vierergespann bog schon in die Hofeinfriedgung ein, und die Tiere blieben mit röhrend keuchendem Atem vor dem Haus stehen.
Warms hatte die Augen weit aufgerissen. Aber er schloß sie wieder und rieb sie mit Daumen und Zeigefinger. Dann öffnete er sie.
Es hatte sich nichts verändert: Dort standen vier abgetriebene Pferde – aber der Wagen fehlte.
Gerry Warms ging um die zitternden Tiere herum und sah die gelben Messingschilder an den Geschirren. Er hätte die Pferde auch so erkannt, denn noch vor vier Tagen hatten sie in seinem Korral gestanden.
»He! Was ist da passiert!« stieß er heiser hervor, während er die Tiere zum Korral führte.
»Was ist los?« klang da eine Frauenstimme vom Haus her.
Warms wandte sich nicht um.
»Mit der Overland muß etwas geschehen sein.«
»Das sehe ich auch«, gab die Frau zurück. »Wo ist sie denn geblieben?«
»Wenn ich das wüßte«, versetzte Warms und kratzte sich im Nacken.
Der Wells Fargo Mann war von kleiner, untersetzter Gestalt. Ein halbes Jahrhundert hatte er hinter sich gebracht, man sah es an den tiefen Furchen, die sich in sein Gesicht eingegraben hatten.
Das Leben hatte die beiden Warms nicht gerade mit Samthandschuhen angefaßt. In Nebraska war der Mann als Siedler gewesen, ein Rancher hatte ihn von seinem Land vertrieben. Dann war er als Digger in die Berge gegangen, um nach dem gelben Staub zu suchen. Da waren es Banditen gewesen, die ihn um den Ertrag zweier mühevoller Jahre gebracht hatten.
Es gab noch mehr Stationen im Leben dieses Mannes. Als Railroader, als Holzfäller und auch als Cowboy war er geritten, bis er dann endlich bei der Wells Fargo Company gelandet war. Jahrelang war er selbst mit der schweren Overland durch die Staaten gefahren, bis ihm die Company diese kleine Station gegeben hatte.
Hier saß er nun seit drei Jahren.
Die Station lag in den Trumbull Mountains; ein trostloses Bergland in dem man meilenweit nach einem grünen Grashalm suchen mußte. Es gab dem Namen des Staates Arizona alle Ehre. Arida zona hatten die Spanier dieses Land genannt: Dürrer Landstrich.
Die Trumbullstation war viele Meilen von jeder Ansiedlung entfernt, aber ohne ihr Bestehen hätte in den Bergen keine Overland Linie unterhalten werden können. Es war die Strecke Presscott – Cerbat – Fillmore – Salt Lake City.
Selbst ein Jahrhundert später hatte es noch keine Railway Company zustande gebracht, eine Bahnlinie durch das Colorado-Plateau zu führen. Die turmhohen Felsen bildeten ein unüberwindliches Hindernis.
Die Außenwelt kam nur alle vier Tage zu der einsamen Station in den Bergen, und dann geschah es, daß sich ein Reiter hier hinauf verirrte.
Nur einmal im Jahr kamen die Rindermänner mit ihren ausgemergelten Herden.
Aber sonst verlief das Leben der beiden Warms in monotoner Eintönigkeit. Doch sie hatten dieses Leben lieben gelernt. Jahrzehnte waren sie ruhelos durch die Staaten gezogen, jetzt endlich hatten sie Ruhe.
Bis zu diesem Tag!
»Was willst du tun?« Fragte die hagere Frau mit dem gutmütigen Gesicht und den verarbeiteten Händen.
»Ich werde – sie suchen«, sagte Warms stockend.
»Aber Gerry, in einer Stunde ist es dunkel!«
Der Mann nickte. »Da hast du recht, aber ich muß trotzdem raus. Ich werde Fackeln mitnehmen.«
»Kannst du nicht bis zum Morgen warten, Gerry?«
Der Mann schüttelte den Kopf.
»Mattie, ich habe selbst viele Jahre auf dem Bock gesessen, und ich kenne auch den verdammten Weg durch den Canyon. Merlin Hall war ein guter Fahrer. Es muß schon mit dem Teufel zugegangen sein, daß ihm etwas zugestoßen ist.«
»Tu, was du willst«, sagte die Frau ärgerlich und ging ins Haus.
Warms spannte die völlig erschöpften Pferde aus.
