Verlag: dtv Verlagsgesellschaft Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

Werwölfe zu Weihnachten E-Book

Charlaine Harris  

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E-Book-Beschreibung Werwölfe zu Weihnachten - Charlaine Harris

Höchst ungewöhnliche WeihnachtenWilde Weihnachten – mit 15 spannenden, gruseligen, witzigen Geschichten über Werwölfe, geschrieben von ausgewiesenen Experten auf dem Gebiet. Am besten bei Vollmond zu lesen, aber die Türen gut verschlossen halten! Die Autorinnen und Autoren: Donna Andrews, Keri Arthur, Patricia Briggs, Dana Cameron, Karen Chance, Alan Gordon, Simon R. Green, Charlaine Harris, Toni L. P. Kelner, J. A. Konrath, Nancy Pickard, Kat Richardson, Dana Stabenow, Rob Thurman, Carrie Vaughn.

Meinungen über das E-Book Werwölfe zu Weihnachten - Charlaine Harris

E-Book-Leseprobe Werwölfe zu Weihnachten - Charlaine Harris

Werwölfe zuWeihnachten

Herausgegeben vonCharlaine Harrisund Toni L.P. Kelner

Den haarigen Viechern gewidmet, die unser Leben so viel reicher gemacht haben, und das nicht nur bei Vollmond: Pudel, Frettchen, Boxer, Mäuse, Meerschweinchen und große weiße Katzen. Ihnen allen einen Leckerbissen!

Vorbemerkung

Begeistert über den großen Anklang, den ›Happy Bissday!‹ fand, konnten wir beide es kaum erwarten, eine weitere Anthologie zusammenzustellen. Beim letzten Mal hatten wir den Autoren für ihre Erzählungen zwei Motive (Vampire und Geburtstage) vorgegeben. Dieses erfolgreiche Konzept griffen wir wieder auf, und schon die Suche nach den beiden Motiven für unsere neue Anthologie hat uns sehr viel Spaß gemacht. Vielleicht sogar zu viel Spaß, wenn man bedenkt, wie viel Zeit wir allein mit dem Hin-und-her-Schicken von E-Mails voll verrückter Ideen verbracht haben. »Zombies und Tag des Baumes«, um nur ein Beispiel zu nennen.

Nachdem wir uns auf die vernünftigere Idee »Werwölfe und Weihnachten« geeinigt hatten, stellten wir mit fast noch größerem Vergnügen eine Wunschliste von Autoren zusammen. Zu unserer großen Freude sagten fast alle zu. J.K. Rowling war mit irgendetwas anderem beschäftigt, doch die meisten der von uns angeschriebenen Autoren konnten noch eine Erzählung für diesen Band in ihrem Zeitplan unterbringen.

Möge diese Anthologie unseren Lesern genauso gut gefallen wie die erste. Wir jedenfalls sind immer wieder begeistert darüber, was kreativen Schriftstellern unterschiedlichster Genres alles einfällt, wenn sie dieselben zwei Bausteine für eine Geschichte bekommen. Viel Spaß beim Lesen!

Charlaine Harris

Toni L.P. Kelner

CHARLAINE HARRISEin unvergessliches Weihnachtsfest

Es war Heiligabend. Und ich war ganz allein.

Klingt das nun traurig und mitleiderregend genug, dass alle gleich »Arme Sookie Stackhouse!« rufen? Nicht nötig. Ich gab mich bereits ausgiebig meinem Selbstmitleid hin, und je mehr ich über meine Einsamkeit zu dieser festlichen Zeit des Jahres grübelte, desto stärker flossen die Tränen und zitterte mir das Kinn.

Die meisten Menschen verbringen die Feiertage mit der Familie und mit Freunden. Ich habe eigentlich einen Bruder, aber wir reden nicht miteinander. Und vor kurzem erst habe ich erfahren, dass einer meiner Urgroßväter noch lebt, doch der dürfte vermutlich nicht mal bemerken, dass Weihnachten ist. (Nicht, weil er senil wäre, ganz und gar nicht – er ist bloß kein Christ.) Tja, und außer den beiden habe ich niemanden, keine nahen Verwandten jedenfalls.

Freunde habe ich natürlich, aber die hatten dieses Jahr irgendwie alle was anderes vor. Amelia Broadway, die Hexe, die im oberen Stockwerk meines Hauses wohnt, war nach New Orleans gefahren, um mit ihrem Vater Weihnachten zu feiern. Mein Freund und Boss Sam Merlotte hatte sich auf den Weg nach Texas gemacht, wo er seine Mutter, seinen Stiefvater und seine Geschwister besuchte. Meine Jugendfreunde Tara und JB verbrachten den Heiligabend bei JBs Familie; und außerdem war es ihr erstes Weihnachten als verheiratetes Paar. Wer wollte sich da schon aufdrängen? Ich hatte auch noch andere Freunde … Freunde, die mir nah genug standen, um mich sofort einzuladen, wenn ich sie nur treuherzig angeblickt hätte, als sie von ihren Weihnachtsplänen erzählten. Doch in einem Anfall von Dickköpfigkeit hatte ich auf keinen Fall wegen meines Alleinseins bemitleidet werden wollen. Ach, vermutlich wollte ich einfach bloß ganz allein damit zurechtkommen.

Sam hatte einen Barkeeper gefunden, der ihn vertrat, doch das Merlotte’s machte am Heiligabend nachmittags um zwei zu und blieb bis zwei Uhr am Tag nach Weihnachten geschlossen. Ich musste also nicht mal zur Arbeit, sodass mich wirklich gar nichts herausriss aus diesen wunderbar ungestörten Tagen der Trübsal.

Die Wäsche war gewaschen, das Haus geputzt, und die Weihnachtsdekoration meiner Großmutter, die ich zusammen mit dem Haus geerbt hatte, hatte ich letzte Woche schon angebracht. Als ich die Schachteln voll Weihnachtsschmuck öffnete, hatte ich meine Großmutter noch viel schmerzlicher als sonst vermisst. Sie war schon fast zwei Jahre lang tot, doch ich hätte am liebsten immer noch mit ihr über alles Mögliche geredet. Mit Gran konnte man nicht nur jede Menge Spaß haben, sie war richtig gewitzt und gab oft gute Ratschläge – wenn sie meinte, dass jemand einen Ratschlag brauchte. Sie hatte mich aufgezogen, seit ich sieben war, und sie war der allerwichtigste Mensch in meinem Leben gewesen.

Meine Großmutter hatte sich so gefreut, als ich mit dem Vampir Bill Compton auszugehen begann. So inständig hatte sie sich gewünscht, auch ich möge einen Freund finden, dass ihr sogar ein Vampir recht war. Es ist nämlich nicht gerade einfach, mit normalen Typen auszugehen, wenn man Gedanken lesen kann, so wie ich. Das erklärt sich von selbst, oder? Die Menschen denken dauernd alles Mögliche, von dem ihre Freunde und Liebsten nichts wissen sollen, und schon gar nicht die Frau, die sie zum Abendessen oder ins Kino eingeladen haben. Die Gedanken der Vampire dagegen sind auch für mich wunderbar still – die der Werwölfe übrigens auch, fast jedenfalls, denn von meinen zeitweise fellbesetzten Freunden schnappe ich immer wieder mal einen Schwall Gefühle oder gelegentlich auch Gedankenfetzen auf.

Und da ich schon an Grans Freude über Bill dachte, fragte ich mich als Nächstes natürlich, was Bill wohl gerade tat – verdrehte aber gleich selbst die Augen über meine Dummheit. Es war Nachmittag und noch hell draußen. Bill schlief natürlich irgendwo in seinem Haus, das in dem Wald südlich von meinem Grundstück stand, auf der anderen Seite des alten Friedhofs. Ich hatte mit ihm Schluss gemacht, war aber sicher, dass er wie ein geölter Blitz angeschossen käme, wenn ich ihn anrufen würde – sobald es dunkel war, natürlich.

Zur Hölle mit dir, Sookie Stackhouse, wenn du ihn anrufst. Oder irgendwen sonst.

Doch unwillkürlich warf ich jedes Mal, wenn ich am Telefon vorbeikam, einen sehnsüchtigen Blick darauf. Ich musste dringend hier raus, sonst würde ich tatsächlich noch jemanden anrufen.

Ich brauchte eine Herausforderung. Ein Projekt. Eine Aufgabe. Etwas, das mich ablenkte.

Mir fiel ein, dass ich in den frühen Morgenstunden einmal kurz aufgewacht war. Ich hatte im Merlotte’s die Spätschicht gehabt und war gerade erst fest eingeschlafen. Es hatte nicht lang gedauert, eine halbe Minute etwa, gerade lang genug, um mich zu fragen, was mich aus dem Schlaf gerissen hatte. Ich glaubte, irgendwas draußen im Wald gehört zu haben. Aber weil das Geräusch sich nicht wiederholte, fiel ich zurück in den Tiefschlaf wie ein Stein ins Wasser.

Jetzt spähte ich aus dem Küchenfenster zum Wald hinüber. Er bot denselben Anblick wie immer, was mich nicht allzu sehr wunderte. »Verschneit, dunkel, tief die Wälder, die ich traf«, murmelte ich und versuchte mich an das Gedicht von Robert Frost zu erinnern, das wir in der Schule auswendig lernen mussten. Oder hieß es »anheimelnd, dunkel, tief«?

Mein Wald war natürlich weder anheimelnd noch verschneit – in Louisiana schneit es nie zu Weihnachten, nicht mal im Norden von Louisiana. Aber es war kalt (was hier bei uns eine Temperatur um die fünf Grad Celsius bedeutete). Aber dunkel und tief war der Wald eindeutig – und feucht. Also zog ich meine derben Schnürstiefel an, die ich vor Jahren gekauft hatte, als mein Bruder Jason und ich noch zusammen auf die Jagd gingen, und schlüpfte in meinen wärmsten Mantel, der endlich mal kaputtgehen könnte und sowieso eher einer dickwattierten langen Jacke glich. Er war hellrosa – und schon so einige Jahre alt. Tja, hier in Louisiana dauert es ziemlich lange, bis ein warmer Mantel aufgetragen ist. Und ich bin inzwischen siebenundzwanzig und eindeutig über die Hellrosa-Phase hinaus. Ich stopfte mein langes Haar unter eine Strickmütze und zog die Handschuhe an, die ich in einer der Manteltaschen gefunden hatte. Diesen Mantel hatte ich wirklich schon sehr, sehr lange nicht mehr getragen. Verwundert zog ich ein paar Dollarscheine und einige abgerissene Eintrittskarten aus den Taschen und dann noch einen Kassenbon über ein kleines Weihnachtsgeschenk für Alcide Herveaux, einen Werwolf, mit dem ich kurz mal etwas hatte.

Manteltaschen sind wie kleine Orte der Erinnerung. Seit ich Alcide das Sudoku-Buch gekauft hatte, war sein Vater im Kampf um das Amt des Leitwolfs gestorben und er selbst nach ein paar weiteren gewalttätigen Auseinandersetzungen zum Leitwolf aufgestiegen. Wie die Angelegenheiten des Rudels in Shreveport wohl liefen, fragte ich mich. Ich hatte schon seit zwei Monaten keinen der Werwölfe mehr gesprochen. Ehrlich gesagt, wusste ich nicht mal, wann der letzte Vollmond gewesen war. Letzte Nacht?

Jetzt hatte ich bereits an Bill und an Alcide gedacht. Wenn ich nicht bald was unternähme, würde ich auch noch anfangen, über Quinn nachzugrübeln, der seit kurzem mein Exfreund war. Höchste Zeit, nach draußen zu gehen.

Meine Familie wohnte bereits seit über hundertfünfzig Jahren in diesem bescheidenen Haus, das schon oft umgebaut worden war und mitten auf einer Lichtung im Wald jenseits der Hummingbird Road lag, nicht weit von der Kleinstadt Bon Temps im Landkreis Renard entfernt. Im östlichen Waldstück an der Rückseite meines Hauses stehen die Bäume dicht an dicht, weil dort schon seit fünfzig Jahren kein Holz mehr geschlagen wurde. Auf der südlichen Seite, wo der alte Friedhof liegt, ist der Wald dagegen viel lichter. Die Landschaft wellt sich sanft, und ganz am anderen Ende meines Grundstücks fließt ein Bach, doch den weiten Spaziergang dorthin hatte ich schon seit Urzeiten nicht mehr gemacht. Dazu war mein Leben viel zu hektisch gewesen mit Kellnern im Merlotte’s, Telepathisieren (gibt’s das Wort überhaupt?) für Vampire, unfreiwilliger Verstrickung in die Machtkämpfe der Vampir- und Werwolfgemeinden und anderen magischen wie auch banalen Dingen.

Es tat gut, hier draußen im Wald zu sein, auch wenn die Luft kalt und feucht war. Und es tat gut, sich zu bewegen.

Mindestens eine halbe Stunde lang strich ich durchs Unterholz, immer darauf gefasst, einen Hinweis auf die Ursache meiner nächtlichen Unruhe zu finden. Im Norden von Louisiana sind viele Tiere beheimatet, doch die meisten sind eher still und scheu: Beutelratten, Waschbären, Rotwild. Ein paar andere sind nicht ganz so still, aber immer noch recht scheu, Kojoten zum Beispiel und Füchse. Und es gibt noch weitere eindrucksvolle Lebewesen hier in der Gegend. Im Merlotte’s höre ich dauernd irgendwelches Jägerlatein. Ein paar von den leidenschaftlicheren Jägern hatten in einem privaten Jagdrevier zwei Meilen von meinem Haus entfernt mal einen Schwarzbären gesichtet. Und Terry Bellefleur hatte mir geschworen, dass er vor knapp zwei Jahren sogar einen Panther gesehen habe. Razorbacks und andere Wildschweine waren den meisten der begeisterten Jäger schon öfter über den Weg gelaufen.

Natürlich rechnete ich nicht damit, auf irgendetwas dergleichen zu treffen. Trotzdem hatte ich mein Handy in die Manteltasche gesteckt, nur für den Fall, auch wenn ich nicht wusste, ob ich hier draußen im Wald überhaupt Empfang haben würde.

Als ich mir durch den dichten Wald endlich einen Weg bis zum Bach gebahnt hatte, war mir in meinem wattierten Mantel ziemlich warm geworden. Eine kurze Pause konnte nicht schaden, und so ging ich ein, zwei Minuten lang in die Hocke und nahm den weichen Boden am Ufer in Augenschein. Der Bach, der sonst nie viel Wasser führte, war nach den letzten Regenfällen bis an die Ufer getreten. Auch wenn ich nicht gerade ein Naturkind bin, konnte ich erkennen, dass Rotwild hier gewesen war; außerdem Waschbären, und ein Hund vielleicht. Oder auch zwei. Oder drei. Das ist gar nicht gut, dachte ich mit leichtem Unbehagen. Ein Rudel Hunde konnte jederzeit gefährlich werden. Ich hatte nicht annähernd genug Ahnung, um zu beurteilen, wie alt die Spuren waren. Aber sie hätten wohl trockener ausgesehen, wenn sie schon älter als einen Tag gewesen wären.

Aus dem Unterholz zu meiner Linken drang plötzlich ein Geräusch. Ich erstarrte, zu verängstigt, um auch nur den Kopf zu heben und in die Richtung zu schauen, aus der es kam. Vorsichtig zog ich mein Handy aus der Manteltasche. KEIN EMPFANG prangte auf dem kleinen Display. Scheiße, dachte ich. Obwohl auch das eigentlich noch viel zu milde ausgedrückt war.

Da, wieder das Geräusch. Es war ein Stöhnen, entschied ich. Ob von einem Menschen oder einem Tier, konnte ich allerdings nicht sagen. Ich biss mir fest auf die Unterlippe und zwang mich aufzustehen, sehr langsam und bedächtig. Nichts geschah. Auch das Geräusch wiederholte sich nicht. Ich riss mich zusammen, drehte mich vorsichtig nach links und schob die Blätter eines großen Lorbeerbuschs beiseite.

Dort auf dem Erdboden lag ein Mann, mitten im kalten, feuchten Dreck. Er war splitterfasernackt – aber immerhin bedeckt von bizarren Mustern getrockneten Bluts.

Nur zögernd näherte ich mich ihm, denn selbst nackte, blutbeschmierte, dreckige Männer können äußerst gefährlich werden; vielleicht sogar besonders gefährlich.

»Äh«, sagte ich, was als Auftakt einiges zu wünschen übrig ließ. »Äh, brauchen Sie Hilfe?« Okay, das konnte es in der Liste der dämlichsten Gesprächsauftakte sogar mit »Wie fühlen Sie sich?« aufnehmen.

Er öffnete die Augen – goldbraune Augen, wild und rund wie die einer Eule. »Gehen Sie«, bat er eindringlich. »Die könnten zurückkommen.«

»Dann sollten wir uns besser beeilen«, erwiderte ich. Ich hatte nicht die geringste Absicht, einen Verletzten dort, wo er verwundet worden war, einfach liegen zu lassen. »Sind Sie schwer verletzt?«

»Nein, Sie sollten weglaufen«, sagte er beschwörend. »Es wird bald dunkel.« Unter Schmerzen streckte er eine Hand aus, um meinen Knöchel zu ergreifen. Er wollte wohl unbedingt, dass ich auf ihn höre.

Es fiel mir ziemlich schwer, mich auf seine Worte zu konzentrieren, denn ich konnte meine Augen kaum von all der Nacktheit abwenden. Entschlossen fixierte ich mit meinem Blick eine Stelle oberhalb seiner Brust. Die bedeckt war mit dunkelbraunem, nicht zu dichtem Haar. Eine sehr breite Brust. Nein, ich sah gar nicht hin!

»Ach was«, sagte ich und kniete mich neben den Fremden. In der matschigen Erde um ihn herum waren jede Menge Spuren zu sehen, hier musste ganz schön was los gewesen sein. »Wie lange liegen Sie hier schon?«

»Ein paar Stunden«, erwiderte er und keuchte, als er versuchte, sich auf einen Ellbogen zu stützen.

»In dieser Kälte?« Herrje. Kein Wunder, dass seine Haut einen bläulichen Schimmer hatte. »Sie müssen ins Warme«, sagte ich. »Sofort.« Ich sah von der blutenden Wunde an seiner linken Schulter an seinem übrigen Körper herab auf der Suche nach weiteren Verletzungen.

Ein echter Fehler. Sein Körper war – obwohl verdreckt, blutbesudelt und starr vor Kälte – wirklich richtig …

Was war bloß los mit mir? Hier kniete ich neben einem völlig (nackten und gut aussehenden) Fremden und verspürte … ja, Lust, während er zerschrammt und verletzt dalag. »Los«, sagte ich und versuchte, resolut, entschlossen und sachlich zu klingen. »Legen Sie einen Arm um meinen Hals und stützen Sie sich erst mal auf die Knie. Danach können Sie sich ganz aufrichten, und wir machen uns auf den Weg.«

Er hatte zwar am ganzen Körper blaue Flecken, aber keine weiteren blutenden Verletzungen. Einige Male protestierte er noch, doch der Himmel wurde immer dunkler, da es langsam auf den Abend zuging, und so schnitt ich ihm einfach das Wort ab. »Jetzt machen Sie schon«, mahnte ich. »Wir wollen doch nicht länger als unbedingt nötig hier draußen bleiben. Es wird sowieso noch knapp eine Stunde dauern, bis wir Sie ins Haus geschafft haben.«

Der Mann verstummte. Schließlich nickte er. Mit einiger Anstrengung gelang es uns gemeinsam, ihn auf die Beine zu bringen. Erschrocken zuckte ich zusammen, als ich sah, wie zerschrammt und dreckig sie waren.

»Also los«, ermunterte ich ihn. Er machte einen Schritt, und jetzt war er derjenige, der zusammenzuckte. »Wie heißen Sie?«, fragte ich, um ihn ein wenig von seinen Schmerzen beim Gehen abzulenken.

»Preston«, sagte er. »Preston Pardloe.«

»Woher kommen Sie, Preston?« Mittlerweile gingen wir schon ein wenig schneller, sehr gut. Denn im Wald wurde es rasch immer dunkler.

»Aus Baton Rouge.« Er klang etwas überrascht.

»Und was machen Sie dann hier in meinem Wald?«

»Nun …«

Ich wusste, was sein Problem war. »Sind Sie ein Werwolf, Preston?«, fragte ich und spürte sofort, wie sich sein Körper entspannte. Ich hatte es an seinem Gedankenmuster natürlich längst erkannt, wollte ihn aber nicht gleich mit meiner kleinen Behinderung verschrecken. Prestons Gedanken hatten – wie soll ich es beschreiben? – eine weichere, dichtere Struktur als die anderer Werwölfe, die ich kannte. Aber es war sowieso jedes Hirn verschieden.

»Ja«, gab er zu. »Dann wissen Sie wohl Bescheid?«

»Ja«, erwiderte ich. »Ich weiß Bescheid.« Ich wusste sehr viel mehr, als ich je hatte wissen wollen. Vampire waren an die Öffentlichkeit getreten, als die Japaner begannen, das von ihnen erfundene synthetische Blut zu vermarkten, wodurch die Ernährung der Untoten sichergestellt war. Doch andere Gestalten der Nacht- und Schattenwelt hatten diesen großen Schritt noch nicht getan.

»Zu welchem Rudel gehören Sie denn?«, fragte ich, nachdem wir über einen am Boden liegenden Ast gestolpert waren und uns eben wieder gefangen hatten. Er hatte sich mit seinem ganzen Gewicht auf mich gestützt, so dass ich schon fürchtete, wir würden beide hinfallen. Wir mussten unbedingt schneller vorwärtskommen. Das Gehen schien ihm schon nicht mehr ganz so schwerzufallen, jetzt, da seine Muskulatur sich etwas erwärmt hatte.

»Zum Rotwildjäger-Rudel, südlich von Baton Rouge.«

»Was machen Sie dann hier oben in meinem Wald?«, fragte ich erneut.

»Gehört das Land Ihnen? Tut mir leid, dass wir es einfach so betreten haben«, sagte er und hielt die Luft an, als ich ihn um eine Herkuleskeule herumführte. Die Dornen dieser Büsche sind wirklich schrecklich, einer verfing sich in meinem hellrosa Mantel, und ich bekam ihn kaum wieder heraus.

»Das ist meine geringste Sorge«, erwiderte ich. »Wer hat Sie angegriffen?«

»Das Klauen-Rudel aus Monroe.«

Werwölfe aus Monroe kannte ich nicht.

»Und warum waren Sie hier?« Früher oder später würde er die Frage schon beantworten, dachte ich, wenn ich sie immer wieder stellte.

»Wir wollten uns auf neutralem Boden treffen«, erzählte er mit schmerzverzerrter Miene. »Ein Werpanther aus dieser Gegend hat uns angeboten, dass wir uns hier auf halbem Weg treffen können, in einer Art Niemandsland sozusagen. Unsere Rudel … liegen in Fehde miteinander. Er sagte, das wäre ein guter Ort, um unsere Streitigkeiten beizulegen.«

Mein Bruder hatte Werwölfen mein Land als Verhandlungsort überlassen? Schweigend kämpften der Fremde und ich uns voran, während ich darüber nachdachte. Mein Bruder Jason war tatsächlich ein Werpanther, auch wenn er erst durch Biss dazu geworden war; seine von ihm getrennt lebende Ehefrau war Werpantherin von Geburt, es lag in ihren Genen. Was hatte Jason sich dabei gedacht, ein so gefährliches Zusammentreffen auf meinem Land zu erlauben? An mein Wohlergehen dachte er jedenfalls nicht, so viel stand fest. Okay, wir beide kamen nicht gerade gut miteinander aus, aber der Gedanke, dass mein Bruder mir schaden wollte, schmerzte mich dennoch. Noch mehr schaden als bisher schon, meine ich.

Ein schmerzerfülltes Stöhnen riss mich aus meinen Gedanken. Ich sollte den verletzten Preston stärker stützen, dachte ich. Also legte ich ihm einen Arm um die Taille, und er schlang seinen Arm um meine Schulter. Auf diese Weise kamen wir zum Glück tatsächlich schneller voran. Fünf Minuten später konnte ich schon das Licht sehen, das ich auf der hinteren Veranda hatte brennen lassen.

»Gott sei Dank«, sagte ich. Wir legten noch einen Schritt zu und erreichten das Haus, als es dunkel wurde. Einen Augenblick lang krümmte und verkrampfte sich mein Begleiter, doch er verwandelte sich nicht. Ein Glück.

Das Hinaufsteigen der Verandastufen wurde zu einer wahren Geduldsprobe, aber schließlich hatte ich Preston ins Haus geschafft und an den Küchentisch gesetzt. Besorgt sah ich ihn an. Obwohl es komischerweise nicht das erste Mal war, dass ein blutender nackter Mann in meiner Küche saß. Einen Vampir namens Eric hatte ich mal in einem ähnlichen Zustand aufgelesen. War das nicht unglaublich seltsam, sogar für das Leben einer Sookie Stackhouse? Aber darüber konnte ich jetzt natürlich nicht lange nachdenken, denn dieser Mann hier erforderte all meine Aufmerksamkeit.

Ich versuchte, mir im hellen Küchenlicht seine Wunde an der Schulter näher anzusehen, doch er war so schmutzig, dass ich kaum etwas erkennen konnte. »Glauben Sie, Sie schaffen es, unter die Dusche zu gehen?« Oje, hoffentlich klang das nicht so, als würde er irgendwie stinken. Obwohl, ein wenig ungewöhnlich roch er schon, aber es war kein unangenehmer Geruch.

»So lange kann ich wohl stehen«, erwiderte er knapp.

»Okay. Warten Sie kurz«, sagte ich und holte die alte Häkeldecke, die über der Rückenlehne des Wohnzimmersofas lag. Vorsichtig drapierte ich sie um ihn herum. So, jetzt konnte ich mich schon besser konzentrieren.

Dann lief ich ins große Badezimmer im Erdgeschoss und drehte die Dusche auf, die in die Badewanne mit den Klauenfüßen integriert ist und erst lange nach dieser eingebaut worden war. Ich wartete, bis das Wasser warm wurde, und nahm zwei frische Handtücher aus dem Schrank. Amelia hatte Haarshampoo und Pflegespülung in der Ablage liegen lassen, und Seife war auch genug da. Ich hielt noch mal die Hand unter das Wasser. Richtig schön warm.

»Okay!«, rief ich. »Ich komme Sie jetzt holen!«

Mein unerwarteter Besucher sah mich erschrocken an, als ich wieder in die Küche trat. »Wohin?«, fragte er – und ich fragte mich, ob er im Wald wohl auch eins über den Schädel bekommen hatte.

»Unter die Dusche. Hören Sie nicht das Wasser laufen?« Ich versuchte, so sachlich wie möglich zu klingen. »Solange Sie so schmutzig sind, kann ich nicht sehen, wie schlimm Ihre Wunden sind.«

Also machten wir uns wieder auf den Weg, und ich fand, er konnte schon viel besser gehen als zuvor. Als hätten die Wärme im Haus und der ebene Fußboden dazu beigetragen, dass seine Muskeln sich entspannten. Die Häkeldecke hatte er einfach auf dem Küchenstuhl liegen lassen. Wie die meisten Werwölfe hatte er mit Nacktheit kein Problem, stellte ich fest. Okay, war doch gut, oder? Seine Gedanken waren für mich undurchdringlich, aber das war oft so bei Werwölfen. Nur eine aufblitzende Angst konnte ich wahrnehmen.

Auf einmal stützte er sich so schwer auf mich, dass ich gegen die Wand taumelte. »Entschuldigung«, sagte er und schnappte nach Luft. »Mir ist gerade ein stechender Schmerz durchs Bein gefahren.«

»Nichts passiert«, meinte ich. »Die heiße Dusche wird Ihnen sicher guttun.« Schließlich hatten wir das Badezimmer erreicht. Es ist schon wirklich sehr altmodisch. Mein eigenes Bad, das direkt an mein Schlafzimmer anschließt, ist viel moderner. Doch das wäre mir etwas zu intim gewesen.

Preston schien die schwarz-weiß gemusterten Kacheln gar nicht zu bemerken. Mit unverkennbarem Verlangen betrachtete er das warme Wasser, das in die Badewanne rauschte.

»Äh, soll ich Sie einen Augenblick allein lassen, ehe ich Ihnen unter die Dusche helfe?«, fragte ich und deutete mit dem Kopf in Richtung Toilette.

Verständnislos sah er mich an. »Oh«, sagte er, als er es schließlich begriff. »Nein, schon gut.« Und so gingen wir gleich bis zur Badewanne weiter, die recht hoch war. Nach einigen unbeholfenen Verrenkungen gelang es Preston, ein Bein über den Rand zu hieven, und ich stützte ihn, so dass er auch das zweite Bein heben und ganz in die Wanne steigen konnte. Ich wartete noch, ob er allein stehen konnte, dann begann ich den Duschvorhang zuzuziehen.

»Lady«, sagte er, und ich hielt inne. Er stand unter dem warmen Duschstrahl, das Haar klebte ihm am Kopf, Wasser trommelte auf seine Brust, lief an ihm herab und tröpfelte von seinem … Okay, ihm war am ganzen Körper wärmer geworden.

»Ja?« Ich versuchte, mir nicht anmerken zu lassen, dass mir fast die Luft wegblieb.

»Wie heißen Sie eigentlich?«

»Oh! Entschuldigung.« Ich schluckte schwer. »Ich bin Sookie. Sookie Stackhouse.« Ich schluckte noch einmal. »Da ist Seife und dort Shampoo. Ich lasse die Badezimmertür offen, okay? Rufen Sie mich einfach, wenn Sie fertig sind. Dann helfe ich Ihnen wieder aus der Badewanne heraus.«

»Danke«, sagte er. »Ich rufe, wenn ich Sie brauche.«

Und dann zog ich den Duschvorhang ganz zu, nicht ohne Bedauern. Ich sorgte noch dafür, dass die Handtücher an einer Stelle lagen, wo Preston sie gut erreichen konnte, und ging zurück in die Küche. Was würde er trinken wollen? Kaffee, heiße Schokolade, Tee? Oder vielleicht Alkohol? Ich hatte einen Bourbon da, und im Kühlschrank standen ein paar Flaschen Bier. Besser, wenn ich ihn fragte. Aber Suppe, er brauchte eine heiße Suppe. Ich hatte nichts Selbstgekochtes vorrätig, aber eine Dosensuppe von Campbell’s mit Huhn, Reis, Bohnen und Gemüse. Und so gab ich die Suppe in einen Topf auf dem Herd, bereitete alles für einen Kaffee vor und setzte Wasser auf, falls er sich für heiße Schokolade oder Tee entscheiden sollte. Ich vibrierte quasi vor vorausschauender Planung.

Als Preston aus dem Badezimmer kam, hatte er sich Amelias großes blaues Badehandtuch um die Hüften gebunden. Nie hatte dieses Handtuch besser ausgesehen. Und weil sein Haar noch tropfte, hatte er sich auch ein Handtuch um den Hals gelegt, das auch die Wunde an seiner Schulter verdeckte. Bei jedem Schritt zuckte er leicht zusammen, seine Füße mussten wohl ziemlich wund sein. Hatte ich bei meinem letzten Einkauf bei Wal-Mart nicht aus Versehen ein Paar Herrensocken erwischt? Ich fand sie in meiner Kommode und gab sie Preston, der sich in der Zwischenzeit wieder an den Küchentisch gesetzt hatte. Er betrachtete sie aufmerksam, was mich verwirrte.

»Sie müssen Socken überziehen«, ermunterte ich ihn und fragte mich, ob er zögerte, weil er dachte, er bekäme von mir die Sachen eines anderen Mannes. »Es sind meine«, versicherte ich ihm. »Ihre Füße sind bestimmt ganz wund.«

»Ja«, sagte Preston und beugte sich ziemlich langsam vor, um sie anzuziehen.

»Soll ich Ihnen helfen?« Ich schüttete die Suppe in eine Schale.

»Nein, danke«, erwiderte er, das Gesicht verborgen von seinem dicken schwarzen Haar, während er mit Sockenanziehen beschäftigt war. »Was riecht denn hier so gut?«

»Ich habe Ihnen eine Suppe heiß gemacht«, sagte ich. »Möchten Sie Kaffee, Tee oder …«

»Tee, bitte.«

Ich selbst trank nie Tee, aber Amelia hatte welchen. Ich sah ihre Auswahl an Sorten durch und hoffte, dass keine dieser Mischungen Preston in einen Frosch oder Ähnliches verwandeln würde. Amelias Hexenkünste hatten in der Vergangenheit schon zu so einigen unerwarteten Resultaten geführt. Aber alles, wo LIPTON draufstand, war doch sicher okay, oder? Ich goss den Teebeutel mit kochend heißem Wasser auf und hoffte mal das Beste.

Preston aß die Suppe sehr vorsichtig. Vielleicht hatte ich sie zu heiß gemacht. Er löffelte sie, als hätte er noch nie zuvor Suppe gegessen. Vielleicht hatte seine Mama ihm immer nur selbstgemachte serviert. Ich war ein wenig verlegen. Und weil ich nichts Besseres zu tun hatte, starrte ich ihn an. Als er aufsah, trafen sich unsere Blicke.

Wow. Das ging alles viel zu schnell. »Wobei wurden Sie denn eigentlich verletzt?«, fragte ich hastig. »Hat es einen richtigen Kampf zwischen den beiden Rudeln gegeben? Und warum hat Ihr Rudel Sie zurückgelassen?«

»Ja, es gab einen Kampf«, erzählte er. »Die Verhandlungen haben zu nichts geführt.« Er wirkte ein wenig unsicher und bekümmert. »Irgendwie haben sie mich im Dunkeln aus den Augen verloren.«

»Glauben Sie, die kommen zurück, um Sie zu holen?«

Er aß die Suppe auf, und ich stellte ihm den Teebecher hin. »Entweder mein eigenes Rudel oder das aus Monroe«, erwiderte er mit grimmiger Miene.

Das klang nicht gut. »Okay, ich sehe mir jetzt besser erst mal Ihre Wunde an«, sagte ich. Je eher ich wusste, wie fit er war, desto eher konnte ich entscheiden, was zu tun sein würde. Preston nahm das Handtuch vom Nacken, und ich betrachtete seine Wunde genauer. Sie war fast verheilt.

»Wann wurden Sie verletzt?«, fragte ich.

»Im Morgengrauen.« Der Blick seiner goldbraunen Augen traf meinen. »Ich habe stundenlang dort gelegen.«

»Aber …« Plötzlich fragte ich mich, ob es klug gewesen war, einen Fremden mit in mein Haus zu nehmen. Doch es war sicher auch nicht klug, Preston merken zu lassen, dass ich an seiner Geschichte zweifelte. Die Wunde hatte ausgefranst und abstoßend gewirkt, als ich ihn im Wald fand. Und jetzt heilte sie, seit er im Haus war, innerhalb weniger Minuten? Was hatte das zu bedeuten? Die Verletzungen von Werwölfen heilen schnell, aber so schnell nun auch wieder nicht.

»Was ist los, Sookie?«, fragte er. Es war ziemlich schwierig, sich auf irgendetwas anderes zu konzentrieren, solange sein langes feuchtes Haar so über seine nackte Brust hing und das blaue Handtuch immer tiefer rutschte.

»Sind Sie wirklich ein Werwolf?«, stieß ich hervor und trat zwei Schritte zurück. Seine Gedankenströme hatten den typischen Werwolf-Rhythmus, dieses ausfasernde, dunkle Wogen, das mir sehr vertraut war.

Preston Pardloe war völlig entsetzt. »Was sonst?«, fragte er und streckte einen Arm aus, der sich freundlicherweise sogleich mit Fell überzog, während die Finger zu Klauen wurden. Es war die müheloseste Verwandlung, die ich je gesehen hatte, und ich hatte einige mit eigenen Augen gesehen. Sogar das Geräusch, das den Transformationsprozess normalerweise begleitete, war kaum zu hören gewesen.

»Sie müssen irgendeine Art Superwerwolf sein«, sagte ich.

»Meine Familie ist von der Natur mit außergewöhnlichen Gaben bedacht worden«, erwiderte er stolz.

Er stand auf, und sein Handtuch glitt zu Boden.

»Allerdings«, sagte ich mit erstickter Stimme. Ich spürte förmlich, wie meine Wangen rot wurden.

Draußen ertönte ein Heulen. Es gibt keinen gruseligeren Laut, vor allem nicht in einer dunklen, kalten Nacht. Und wenn dieser gruselige Laut auch noch von dort kommt, wo der eigene Hof in den Wald übergeht, tja, dann stellen sich einem tatsächlich die Haare auf den Armen auf. Ich warf einen Blick auf Prestons Wolfsarm, um zu sehen, ob das Heulen auf ihn dieselbe Wirkung hatte. Doch sein Arm hatte schon wieder seine menschliche Gestalt angenommen.

»Sie sind zurückgekommen, um mich zu suchen«, sagte er.

»Ihr Rudel?«, fragte ich in der Hoffnung, dass seine Artgenossen ihn nach Hause holen wollten.

»Nein.« Seine Miene war düster. »Das Klauen-Rudel.«

»Dann rufen Sie Ihre Leute an. Sie sollen herkommen.«

»Sie haben mich aus einem bestimmten Grund zurückgelassen.« Er wirkte beschämt. »Ich wollte eigentlich nicht darüber reden. Aber Sie sind so freundlich zu mir.«

Das Ganze begann mir immer weniger zu gefallen. »Und was war das für ein Grund?«

»Es war der Preis für ein Vergehen.«

»Erklären Sie mir das in weniger als zwanzig Worten.«

Er starrte zu Boden, und ich merkte, dass er in Gedanken zählte. Dieser Typ war wirklich eine Marke für sich. »Schwester des Leitwolfs wollte mich, ich sie nicht, sie sagte, ich hätte sie beleidigt, meine Qual war der Preis.«

»Warum sollte der Leitwolf so etwas zulassen?«

»Muss ich wieder mit weniger als zwanzig Wörtern antworten?«

Ich schüttelte den Kopf. Preston war vollkommen ernst geblieben. Na ja, vielleicht hatte er einfach eine äußerst tiefsinnige Form von Humor.

»Ich bin nicht gerade der Liebling meines Leitwolfs, und er hat bereitwillig an meine Schuld geglaubt. Er selbst ist hinter der Schwester des Leitwolfs vom Klauen-Rudel her, und aus Sicht unseres Rudels wäre das eine gute Partie. Also hat man mich ganz einfach meinem Schicksal überlassen.«

Dass die Schwester des Leitwolfs scharf auf ihn gewesen war, glaubte ich sofort. Und der Rest der Geschichte klang nicht so ungeheuerlich, wenn man wie ich viel mit Werwölfen zu tun hatte. Klar, nach außen hin sind sie alle Menschen und vernünftige Lebewesen, aber in ihrer Wolfsgestalt sind sie ganz anders.

»Die sind also gekommen, um Sie zu schnappen und weiter zu verprügeln?«

Er nickte finster. Ich traute mich nicht, ihm zu sagen, dass er das Handtuch wieder umbinden solle, und so atmete ich einmal tief durch, wandte den Blick ab und beschloss, dass ich jetzt besser das Gewehr holen ging.

Ein Heulen nach dem anderen hallte wie ein sich endlos fortsetzendes Echo durch die Nacht, als ich das Gewehr aus dem Wandschrank im Wohnzimmer nahm. Die Klauen-Werwölfe hatten Prestons Spur offensichtlich bis zu meinem Haus zurückverfolgt. Es gab keine Möglichkeit, ihn zu verstecken und zu behaupten, dass er gegangen wäre. Oder doch? Wenn sie nicht ins Haus kämen …

»Sie müssen sich im Ruheort für Vampire verstecken«, sagte ich. Preston wandte den Blick von der Hintertür ab, und seine Augen weiteten sich, als er das Gewehr sah. »Der ist im Gästezimmer.« Dieser Ruheort stammte aus der Zeit, als ich mit Bill Compton zusammen gewesen war. Wir hatten es für klüger gehalten, auch in meinem Haus einen Platz zu haben, in den kein Lichtstrahl eindringen konnte, für den Fall, dass er mal von der Morgendämmerung überrascht wurde.

Weil der große Werwolf sich nicht rührte, packte ich ihn am Arm, eilte mit ihm die Treppe hinauf und zeigte ihm den Klappmechanismus des Bodens im Wandschrank. Preston begann zu protestieren – jeder Werwolf will lieber kämpfen als fliehen –, doch ich schob ihn hinein, ließ den »Boden« herab und warf all den Krempel und die Schuhe wieder hinein, damit es wie ein echter Wandschrank aussah.

In diesem Moment klopfte es laut an die Vordertür. Ich prüfte, ob das Gewehr geladen war und ich jederzeit schießen konnte, dann ging ich leise hinunter ins Wohnzimmer. Mein Herz schien etwa tausendmal die Minute zu schlagen.

Werwölfe tendieren in ihrem menschlichen Dasein zu Berufen mit schwerer körperlicher Arbeit, auch wenn manche von ihnen über die Jahre wahre Geschäftsimperien aufbauen in ihrem Metier. Ich spähte durch den Türspion. Der Werwolf, der da vor meinem Haus stand, musste ein halbprofessioneller Ringer sein. Er war geradezu massig. Das Haar fiel ihm in exakt gegelten Wellen auf die Schultern, und einen ordentlich gestutzten Bart hatte er auch. Er trug eine Lederweste, Lederhosen und Motorradstiefel. Um die Handgelenke hatte er breite Lederbänder gebunden, und die Oberarme waren mit dicken Lederriemen umwickelt. Er sah aus wie jemand aus einem Fetisch-Magazin.

»Was wollen Sie?«, rief ich durch die Tür.

»Lassen Sie mich hinein«, sagte er mit überraschend hoher Stimme.

Liebes, gutes kleines Schwein, lass mich doch zu dir hinein!

»Warum sollte ich das tun?« Bin ganz allein, bin ganz allein, ich lass dich nicht ins Haus herein.

»Weil wir die Tür auch aufbrechen können, wenn wir müssen. Mit Ihnen haben wir keinen Streit. Das hier ist Ihr Land, das wissen wir, und Ihr Bruder hat uns auch gesagt, dass Sie über uns Bescheid wissen. Wir suchen bloß einen Typen und müssen herausfinden, ob er in diesem Haus ist.«

»Heute war so ein Typ hier, an der Hintertür«, rief ich. »Aber er hat bloß telefoniert, und dann kam einer und hat ihn abgeholt.«

»Hier ist er nicht raus«, erwiderte der massige Werwolf.

»Nein, durch die Hintertür.« Dort würde Prestons Geruch hinführen.

»Hmmmm.« Ich presste das Ohr an die Tür und konnte den Werwolf etwas murmeln hören. »Überprüf das mal«, befahl er einem großen dunklen Geschöpf, das sofort davonsprang. »Ich muss trotzdem zu Ihnen reinkommen. Wenn er sich in Ihrem Haus befindet, sind Sie womöglich in Gefahr«, sagte er dann zu mir.

Na, das hätte er mal früher sagen sollen, um mich davon zu überzeugen, dass er mich doch bloß zu retten versuchte.

»Okay, aber nur Sie«, erwiderte ich. »Und Sie wissen sicherlich, dass ich eine Freundin des Shreveport-Rudels bin. Wenn mir irgendwas zustößt, müssen Sie denen Rede und Antwort stehen. Rufen Sie Alcide Herveaux an, falls Sie mir nicht glauben.«

»Oooo, da fürchte ich mich aber«, sagte Mr Massig in einem vermeintlichen Falsett. Doch als ich die Tür aufriss und er in den Lauf meines Gewehrs blickte, sah ich, dass er sich die Sache jetzt doch noch mal ernsthaft durch den Kopf gehen ließ. Sehr gut.

Ich trat zur Seite, hielt die Benelli aber weiterhin auf ihn gerichtet, um ihm zu zeigen, dass mit mir nicht zu spaßen war. Während er durchs Haus stiefelte, schnüffelte er die ganze Zeit mit der Nase. Sein Geruchssinn würde in seiner Menschengestalt nicht annähernd so ausgeprägt sein, und sollte er anfangen, sich in einen Wolf zu verwandeln, würde ich drohen, ihn zu erschießen, wenn er nicht sofort damit aufhörte.

Mr Massig ging die Treppe hinauf, und ich hörte, wie er Wandschränke öffnete und unter die Betten schaute. Er ging sogar auf den Dachboden. Ich hörte die alte Tür quietschen, als sie aufschwang.

Dann polterte er in seinen großen schweren Stiefeln die Treppe wieder herunter. Er war unzufrieden mit dem Ergebnis seiner Suche, das war nicht zu übersehen, denn er schnaubte geradezu. Ich hielt das Gewehr weiterhin im Anschlag.

Da warf er plötzlich den Kopf in den Nacken und stieß ein Heulen aus. Ich zuckte zusammen. Es kostete mich meine ganze Kraft, die Stellung zu halten. Langsam wurden mir die Arme schwer.

Von seiner vollen massigen Größe herab starrte er mich an. »Sie bescheißen uns doch irgendwie, Lady. Wenn ich es herausgefunden habe, komme ich wieder.«

»Sie haben alles durchsucht, und er ist nicht hier. Zeit zu gehen. Es ist Heiligabend, Herrgott noch mal. Gehen Sie nach Hause und packen Sie Geschenke ein.«

Ein letztes Mal ließ er den Blick durchs Wohnzimmer schweifen, dann ging er hinaus. Ich konnte es nicht glauben. Der Bluff hatte funktioniert. Ich ließ das Gewehr sinken und stellte es vorsichtig zurück in den Wandschrank. Meine Arme zitterten richtig, weil ich es so lange im Anschlag gehalten hatte. Dann schloss ich die Haustür hinter Mr Massig und verriegelte sie.

Mit besorgter Miene kam Preston die Treppe herunter, nur mit Socken bekleidet.

»Halt!«, rief ich, ehe er das Wohnzimmer erreichte. Die Vorhänge waren offen. Ich lief durchs ganze Haus und zog sie überall zu, nur um auf der sicheren Seite zu sein. Dann suchte ich auf meine spezielle Art noch die Gegend ums Haus herum ab, so viel Zeit musste sein. Doch es waren keine lebenden Wesen mehr da. Ich war nie ganz sicher, bis auf welche Entfernung meine Begabung reichte, aber zumindest wusste ich, dass die Werwölfe des Klauen-Rudels weg waren.

Als ich gerade den letzten Vorhang geschlossen hatte und mich umdrehte, stand Preston direkt hinter mir, und dann schlang er die Arme um mich und küsste mich. Ich versuchte mich zusammenzureißen und murmelte: »Ich sollte wohl nicht …«

»Tu so, als hättest du mich als Geschenk verpackt unter dem Weihnachtsbaum gefunden«, flüsterte er. »Tu so, als hättest du einen Mistelzweig bekommen.«

Es war ziemlich leicht, so zu tun, als hätte ich diese beiden Dinge gekriegt. Viele Male. Stunde um Stunde.

Als ich am Morgen des ersten Weihnachtstages erwachte, war ich so entspannt, wie eine Frau nur sein kann. Es dauerte eine Weile, ehe ich merkte, dass Preston weg war; und obwohl es mir einen Stich versetzte, war ich irgendwie auch ein wenig erleichtert. Ich kannte den Typ schließlich überhaupt nicht, und sogar nachdem wir uns richtig nah gekommen waren und miteinander geschlafen hatten, fragte ich mich doch, wie ein Tag mit ihm allein wohl verlaufen wäre. Er hatte mir in der Küche eine kurze Nachricht hinterlassen.

»Sookie, du bist unglaublich. Du hast mir das Leben gerettet und mir den schönsten Heiligabend beschert, den ich je hatte. Ich will nicht, dass du durch mich noch mehr Schwierigkeiten bekommst. Aber ich werde nie vergessen, wie großartig du warst – in jeder Hinsicht.« Unterschrieben mit seinem vollen Namen.

Ich fühlte mich verlassen, doch seltsamerweise zugleich auch glücklich. Es war Weihnachten. Ich ging ins Wohnzimmer hinüber, machte die elektrischen Lichter am Weihnachtsbaum an und setzte mich in die alte Häkeldecke meiner Großmutter gehüllt, die noch leicht nach meinem Besucher roch, auf das alte Sofa. Zum Frühstück machte ich mir einen großen Becher Kaffee und aß von meinem selbstgebackenen Bananen-Nuss-Brot. Dann packte ich Geschenke aus. Und um die Mittagszeit herum begann das Telefon zu klingeln. Sam rief an, Amelia, und sogar Jason meldete sich, nur um »Frohe Weihnachten, Schwesterherz« zu sagen. Er hatte aufgelegt, noch ehe ich ihm vorhalten konnte, dass er mein Land einfach so zwei Wolfsrudeln zur Verfügung gestellt hatte. Doch als ich noch einmal die höchst befriedigenden Folgen seines Tuns bedachte, beschloss ich, zu verzeihen und zu vergessen – dieses eine Mal jedenfalls. Ich legte die Truthahnbrust in den Backofen, bereitete einen Auflauf aus Süßkartoffeln zu, öffnete eine Dose Cranberrysoße, machte etwas »Cornbread Dressing« und kochte Brokkoli, den ich mit Käse überbuk.

Etwa eine halbe Stunde, bevor mein etwas vereinfachtes Festmahl fertig war, klingelte es an der Tür. Ich trug ein neues hellblaues Veloursensemble aus Hose und Oberteil, ein Geschenk von Amelia, und fühlte mich unabhängig und souverän wie sonst was.

Ich staunte selbst, wie sehr ich mich freute, als ich meinen Urgroßvater vor der Tür stehen sah. Er heißt Niall Brigant und ist ein Elfenprinz. Eine lange Geschichte, aber so ist es nun mal. Ich hatte ihn erst vor wenigen Wochen kennengelernt und konnte nicht behaupten, dass wir uns richtig gut kannten, aber er war eben ein Verwandter. Niall ist etwa 1,85 Meter groß, trägt fast immer einen schwarzen Anzug mit einem weißen Hemd und einer schwarzen Krawatte und hat feines goldblondes, seidig schimmerndes Haar, das länger ist als meins und ihm schon bei der leichtesten Brise um den Kopf weht.

Ach ja, und mein Urgroßvater ist über tausend Jahre alt. Oder irgendwas um den Dreh. Vermutlich ist es ziemlich schwierig, nach all den Jahren noch den Überblick zu behalten.

Niall lächelte mich an. All die winzigen Fältchen, die seine feine Haut überzogen, verschwanden, wenn er lächelte, und irgendwie verlieh ihm das noch zusätzlich Charme. Er hatte einen ganzen Packen Geschenke dabei, ich kam aus dem Staunen gar nicht wieder heraus.

»Komm doch herein, Urgroßvater«, sagte ich. »Wie schön, dich zu sehen! Willst du nicht zum Weihnachtsessen bleiben?«

»Gern«, erwiderte er. »Deshalb bin ich eigentlich gekommen. Auch wenn ich«, fügte er hinzu, »nicht eingeladen bin.«

»Oh.« Ich kam mir furchtbar unhöflich vor. »Ich hätte nie gedacht, dass du überhaupt kommen möchtest. Ich meine, schließlich bist du doch gar kein …« Ich zögerte, weil ich nicht auch noch unverschämt erscheinen wollte.

»Kein Christ«, ergänzte er sanft. »Nein, meine Liebe, aber du magst doch Weihnachten, und da dachte ich, ich verbringe es gemeinsam mit dir.«

Das war einfach wundervoll, und ich konnte nicht anders als zu jubeln.

Ich hatte sogar Geschenke für ihn eingepackt, die ich ihm bei nächster Gelegenheit geben wollte (denn ich traf Niall nicht regelmäßig), und so schwelgte ich wirklich in vollkommenem Glück. Er schenkte mir eine Opalkette, und von mir bekam er neue Krawatten (dieses schwarze Ding musste weg) und einen Wimpel der Shreveport Mudbugs mit dem Emblem des Eishockeyteams.

Als das Essen fertig war, aßen wir gemeinsam zu Abend, und meinem Urgroßvater schmeckte alles hervorragend.

Ein wirklich unvergessliches Weihnachtsfest.

Der Mann, den Sookie Stackhouse als Preston kannte, stand im Wald und konnte sehen, wie Sookie und ihr Urgroßvater im Wohnzimmer umhergingen.

»Sie ist wirklich liebenswert und süß wie Nektar«, sagte er zu seinem Begleiter, dem massigen Werwolf, der Sookies Haus durchsucht hatte. »Ich musste nur einen Hauch Magie einsetzen, damit sie mich attraktiv fand.«

»Wie hat Niall dich dazu überredet?«, fragte der Werwolf. Er war wirklich ein Werwolf, im Gegensatz zu Preston, der ein Elf mit der Gabe der Verwandlung war.

»Oh, er hat mir mal aus einem Schlamassel geholfen«, sagte Preston. »Nur so viel, es waren ein Elf und ein Zauberer darin verwickelt. Niall sagte, dass er dieser Frau ein besonders schönes Weihnachtsfest bescheren wolle, dass sie keine Familie habe und dass sie es verdiene.« Sehnsüchtig blickte er zum Haus hinüber, als Sookies Gestalt am Wohnzimmerfenster vorbeiging. »Niall hat sich die ganze Geschichte maßgeschneidert für sie ausgedacht. Sie spricht nicht mehr mit ihrem Bruder, deshalb war er derjenige, der das Zusammentreffen der Werwölfe in ihrem Wald ›erlaubt hat‹. Sie hilft, wo sie kann, und beschützt gern andere Leute, darum war ich ›verwundet‹ und wurde ›verfolgt‹. Und sie hatte schon lange keinen Sex mehr, also habe ich sie verführt.« Preston seufzte. »Am liebsten würde ich es sofort nochmal tun. Es war wunderbar, falls man Menschen mag. Aber Niall hat mir jeden weiteren Kontakt untersagt, und sein Wort ist Gesetz.«

»Was glaubst du, warum tut er das alles für sie?«

»Keine Ahnung. Und wie hat er dich und Curt rangekriegt?«

»Oh, wir arbeiten für eine seiner Firmen als Kuriere. Er wusste, dass wir nebenbei so ein bisschen Laientheater machen.« Die Bescheidenheit des Werwolfs wirkte wenig überzeugend. »Und deshalb habe ich die Rolle des gefährlichen Brutalos bekommen und Curt die des anderen Brutalos.«

»Habt ihr prima hingekriegt«, sagte der Elf Preston anerkennend. »Na, dann nichts wie ab nach Hause. Bis bald, Ralph.«

»Tschüss«, erwiderte Ralph, und Preston löste sich einfach in Luft auf.

»Wie machen die das bloß?«, fragte sich Ralph und stiefelte durch den Wald zu seinem Motorrad und seinem Kumpel Curt. Er hatte die Taschen voller Geld und die strikte Anweisung, die Geschichte geheim zu halten.

In dem alten Haus spitzte Niall Brigant, der Elfenprinz und liebende Urgroßvater, die Ohren, als er die schwachen Geräusche von Prestons und Ralphs Aufbruch vernahm. Er wusste, dass sie nur für seine Ohren vernehmbar waren, und lächelte seine Urenkelin an. Weihnachten war ihm nach wie vor ein Rätsel, aber er hatte verstanden, dass es eine Zeit war, in der die Menschen einander Geschenke machten und die Familien wieder zusammenkamen. Und in Sookies glücklichem Gesicht sah er, dass er ihr ein unvergessliches Weihnachtsfest geschenkt hatte.

»Fröhliche Weihnachten, Sookie«, sagte er und küsste sie auf die Wange.

DONNA ANDREWSDas hār des thieres

»Warum um Himmels willen möchtest du ein Werwolf sein?«, fragte ich.

»Warum nicht?«, fragte Tom zurück. »Ich meine, denkst du nicht, das wäre cool?«

»Cool?«, echote ich. Ich bemühte mich um einen neutralen Tonfall, aber Geschwistern kann man nichts vormachen.

»Okay, du fändest es vielleicht nicht so gut, aber ich wäre begeistert«, sagte er, den Mund voll Spaghetti. »Stell dir doch mal vor, du kannst dich in einen Wolf verwandeln und frei durch den Wald streifen. Dein Geruchssinn ist plötzlich tausendmal schärfer als jetzt. Und du kannst bei Nacht sehen. Wölfe sind cool.«

Er schwenkte begeistert sein Bier, und ein ordentlicher Teil schwappte über.

»Wölfe laufen erst hoch oben in Kanada frei herum«, sagte ich, während ich versuchte, das Bier aufzuwischen. »Wenn du hier in Virginia einen Wolf siehst, steckt er entweder in einem Käfig oder liegt als Kaminvorleger auf dem Boden. Diese frei laufenden Wölfe werden wahrscheinlich ziemlich oft erschossen. Und wenn es nicht ganz anders zugeht als im Film, kann man sich nicht einfach spaßeshalber in einen Wolf verwandeln, sondern nur bei Vollmond – und dann passiert es einfach, ob man will oder nicht. Glaub mir, unausweichliche monatliche biologische Verwandlungen sind kein Vergnügen.«

»Wusste ich doch, dass du es nicht verstehen würdest«, sagte er und klang dabei ein wenig beleidigt. »Du hast halt keinen Sinn für Abenteuer.«

»Willst du es wirklich versuchen?«, fragte ich und deutete auf das zerlesene alte Buch, das zwischen uns auf dem Tisch lag. »Und wofür brauchst du eigentlich meine Hilfe?«

»Die Rezeptur für den Zauber ist in so einer wirklich uralten Sprache notiert«, sagte er. »Da dachte ich, du könntest mir vielleicht beim Übersetzen helfen.«

Ich schüttelte den Kopf – nicht ablehnend, sondern vielmehr genervt. Ich zog das Buch näher zu mir heran und rümpfte die Nase. Es roch modrig, mit einer feinen Note von Streichhölzern und faulen Eiern.

»Bekleckere es nicht mit Spaghetti-Sauce«, ermahnte er mich. »Professor Wilmarth bringt mich um, wenn ich das Buch versaue.«

»Erstaunlich, dass du es ausleihen durftest«, sagte ich. »Das heißt, durftest du es überhaupt?«

Tom schaffte es, den Mund ganz voll Spaghetti zu haben, als er meine Frage hörte, und ließ sich dann beim Kauen Zeit.

»Du hast es gestohlen«, sagte ich. »Also wirklich, Tom!«

»Ich habe es mir geborgt«, sagte er schließlich. »Er besitzt Tausende von diesen alten Zauberbüchern, da wird er das eine für die paar Tage nicht vermissen. Ich dachte, du könntest mir helfen, die entsprechende Stelle zu übersetzen. Ich meine, schließlich hast du fünf Jahre lang mit einem führenden Mediävisten zusammengelebt.«

Ich schluckte einen sarkastischen Kommentar herunter. Ich hatte auf die harte Tour gelernt, dass es keinen Sinn hatte, die Wahrheit über Phil, meinen Ex, zu erzählen – das klang nur nach gekränkter Eitelkeit. Daher nickte ich immer nur lächelnd, wenn mir jemand sagte, wie brillant er sei, wie gut seine Karriere laufe und wie glücklich er mit seiner neuen Freundin sei. Es würde mir ohnehin keiner glauben, wenn ich erzählte, dass ich einen beträchtlichen Teil der Recherchen für Phils Dissertation erledigt hatte. Ich war nicht mehr die belesene, aber naive junge Frau, die bereit gewesen war, ihn zu unterstützen, während er seinen Doktor machte, nur um dann abserviert zu werden, als ich selbst an der Reihe gewesen wäre. Die neue Freundin konnte ihn meinetwegen gerne haben – wahrscheinlich war sie eine intelligente junge Uni-Absolventin, die so wie ich früher für ihn recherchieren würde.

»Warum bittest du eigentlich nicht Phil, dir dabei zu helfen?«, fragte ich. »Wo er doch so ein führender Mediävist ist und alles.«

»Wenn ich noch mit ihm reden würde, würde ich das ja vielleicht tun«, antwortete er. »Aber wie schon gesagt – nach dem, was er dir angetan hat, versuche ich, ihm aus dem Weg zu gehen.«

Ja, das hatte er gesagt, aber ich hatte ihm nicht unbedingt geglaubt. Obwohl – wenn er mit dieser verrückten Idee zu mir kam, statt damit zu Phil zu gehen, sollte ich das vielleicht tun.

»Außerdem würde Phil einfach nur lachen und mir sagen, ich solle die Finger von Dingen lassen, die ich nicht verstehe«, fügte Tom hinzu.

Das klang nun allerdings wie etwas, das Phil wirklich gesagt haben könnte. Tatsächlich war ich mir sogar beinahe sicher, dass Tom ihn zitierte. Das erklärte zumindest eine Tatsache, die mich verwirrt hatte – wie Tom überhaupt ein Zauberbuch mit einem Werwolf-Zauber gefunden hatte. Phil also. Dieser Drecksack hatte Tom das Zauberbuch wahrscheinlich unter die Nase gehalten, ihm gerade so viel davon vorgelesen, dass dieser den Köder geschluckt hatte, und sich dann geweigert, ihm zu helfen. Phil hatte schon immer gewusst, wie man Tom zum Besten hält.

»Hör mal, wenn du es nicht übersetzen kannst …«, begann Tom.

»Ich kann es übersetzen«, erwiderte ich. »Aber nicht heute Abend – falls ihr Neulinge das noch nicht mitbekommen habt, werden am Montag die Erstsemesterzensuren bekannt gegeben, und wenn ich meine Stelle als Lehrassistentin behalten will, muss ich Seminararbeiten korrigieren und die Noten einreichen.«

»Aber du machst es«, sagte er.

»Ich werd’s versuchen.«

Toms gute Laune kehrte zurück. Ich holte den Teller mit den Brownies, die zu seinem Lieblingsgebäck zählten, und wir unterhielten uns über etwas anderes.

»Vergiss den Zauber nicht«, sagte er, als er seinen Mantel anzog. »Vielleicht könntest du ja einfach die entsprechenden Seiten fotokopieren, dann könnte ich das Buch schon zurückbringen?«

Wem? Professor Wilmarth? Oder Phil?

»Nein«, erwiderte ich. »Was ist, wenn ich den Zauber übersetzt habe, und dann steht da: ›Fügen Sie eine Prise Fledermauspulver hinzu – siehe Rezeptur Seite dreiundvierzig.‹«

»Ja, schon klar.«

»Jetzt im Ernst, bei so was muss man manchmal ein Wort oder einen Satz im Kontext betrachten. Und ein ganzes Buch ist ein wesentlich größerer Kontext als nur ein paar Seiten. Ich brauche das ganze Buch.«

»Okay«, sagte er. »Aber pass darauf auf.«

»Mach ich«, sagte ich. »Also bis Donnerstag.«

»Donnerstag?«

»Das Weihnachtsessen? Der Truthahn und so?«

»Ach stimmt«, sagte er. »Ich hätte fast vergessen, dass Weihnachten schon so bald ist. Also, dann bis Donnerstag.«

Hatte er wirklich vergessen, dass Weihnachten vor der Tür stand? Oder ignorierte er das Näherrücken des Fests, das erst das zweite Mal ohne unsere Eltern stattfand, absichtlich?

So, wie ich Tom kannte, war es natürlich auch möglich, dass er nur einfach schon mal den Boden bereitete für die Ausrede, er habe vergessen, mir ein Geschenk zu besorgen.

Ich sah ihm nach, wie er von meinem Apartment, das über der Garage lag, zur Straße zurückging. Im Haupthaus hörte Mrs Grogans boshafter kleiner Lhasa Apso – der Lhasa Raptor, wie wir ihn nannten – Toms Schritte und bellte mindestens eine Viertelstunde lang wie wild. Ich hoffte, dass Mrs Grogan nach draußen gespäht und gesehen hatte, dass es nur mein Bruder war. Zwar glaubte ich nicht, dass sie mir wegen nächtlichen Herrenbesuchs hätte kündigen können, aber wenn’s drauf ankam, konnte sie mir das Leben zur Hölle machen.

Ich machte mich wieder ans Benoten der Seminararbeiten. Nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigung an einem Freitagabend, aber wenn ich die Sache jetzt erledigte, konnte ich wenigstens den Rest des Wochenendes genießen. Gegen dreiundzwanzig Uhr war ich mit der letzten Arbeit fertig, kurz vor Mitternacht trug ich die letzten Daten in das Benotungsschema meiner Abteilung ein, dann ging ich zu Bett.

Aber leider konnte ich nicht einschlafen. Der Mond war noch beinahe eine Woche vom Vollmond entfernt, doch er schien direkt in mein Fenster, und als ich schließlich aufstand, um die Jalousie herunterzulassen, merkte ich, dass auch das nicht gegen meine Schlaflosigkeit helfen würde.

Ich ging wieder in die Küche und schlug erneut Professor Wilmarths Zauberbuch auf. Dabei empfand ich ein sonderbares Widerstreben, den fleckigen Ledereinband zu berühren, und vom leichten Schwefelgeruch wurde mir ein bisschen schlecht. Vielleicht hätte ich doch die einschlägigen Seiten kopieren sollen, dann hätte Tom das scheußliche Buch wieder mitnehmen können.

Unsinn. Ich zwang mich, mir den Werwolf-Zauber vorzunehmen, und wie es so oft geschieht, war ich bald völlig in das Projekt versunken. Nachdem ich, wie ich glaubte, nur ein paar Minuten in dem Buch gelesen hatte, blickte ich auf und merkte, dass schon der neue Tag anbrach.

Na gut. Ich musste ohnehin einiges in der Universitätsbibliothek nachschlagen.

Am Samstagabend war ich mir ziemlich sicher, dass ich den Werwolf-Zauber korrekt ausgetüftelt hatte. Tatsächlich hatte ich beinahe alle Zauberanleitungen in dem Buch herausbekommen, von denen einige mir wesentlich nützlicher erschienen.

Das Zusammenmischen des für den Werwolf-Zauber benötigten Pulvers würde ziemlich schwierig werden, da die meisten Zutaten nicht von der Nahrungsmittel- und Medikamentenbehörde zugelassen waren. Ich hatte herausgefunden, dass es sich bei Dschinn-Eiern um die Wurzel der Mandragora-Pflanze beziehungsweise Alraune handelte. Die Engelstrompete war Datura, auch Stechapfel genannt. Und ich war mir einigermaßen sicher, dass »das hār des thieres« im Werwolf-Zauber nicht eine archaische Form der Wendung »Haar des Hundes« darstellte, sondern dass es sich dabei um echtes Wolfshaar handelte.

Das mit den Kräutern war schon schlimm genug, aber Wolfshaar klein mahlen und dann aufessen? Igitt.

Tom konnte wahrscheinlich einen Wolfspelz auftreiben, aber was, wenn es mit dem Haar eines toten Wolfs nicht funktionierte? Oder schlimmer, was, wenn er sich dann bei Vollmond in einen toten Wolf verwandelte?

Nicht dass ich unbedingt an den Zauber glaubte. Mindestens die Hälfte der für das Pulver benötigten Pflanzen waren starke Halluzinogene. Ein paar Prisen von dem Zeug, und man brauchte kein Werwolf zu sein, um den Mond anzuheulen.

Zu viel von dem Pulver wäre tödlich. Und obwohl mein Bruder mich manchmal ganz schön auf die Palme brachte – seinen Tod wollte ich eigentlich nicht.

Phil hingegen …

Okay, die Idee war verrückt, aber ich beschloss, Phil zu meinem Versuchskaninchen zu machen. Ich würde eine nicht tödliche Dosis der verschiedenen Gifte verwenden, und falls der Zauber nicht funktionierte und er nur Bauchweh bekam, konnte ich Tom erzählen, ich hätte es ihm ja gleich gesagt.

Falls es mit dem Zauber aber klappte, wäre es nicht Tom, der im Tierheim landen und vielleicht in einem Käfig aufwachen würde.

Sonntagnachmittag suchte ich meine Zutaten zusammen. Die meisten musste ich mir bei ein paar ehemaligen Studenten besorgen, die in den Sechzigerjahren ausgestiegen waren und heute zwanzig Meilen außerhalb der Stadt in den Bergen eine reichlich unkonventionelle Kräuterfarm betrieben.

Sonntagabend mischte ich das Pulver an und buk es in ein paar Brownies ein – die nicht nur zu Toms Lieblingsgebäck gehörten, sondern auch zu Phils. Da ich schon einmal dabei war, mischte ich außerdem auch noch einige andere nützlich klingende Tränke aus dem Zauberbuch zusammen. Falls das mit dem Werwolf-Zauber klappte, würde ich ein paar von denen ausprobieren.

Nachdem die Brownies abgekühlt waren, wickelte ich sie in Weihnachtsmann-Geschenkpapier und befestigte einen Geschenkanhänger mit der Aufschrift »Fröhliche Weihnachten, Herr Professor Phil« daran. Statt der i-Pünktchen malte ich Herzen. Wahrscheinlich würde er glauben, eine verliebte Studentin hätte ihm das Päckchen mitten in der Nacht auf die Veranda gelegt.

Als ich von meiner spätnächtlichen Tour zurückkam, räumte ich die Kräuter und Utensilien zusammen und versteckte alles in Mrs Grogans Garage. In der Angelkiste ihres verstorbenen Mannes, die seit zehn Jahren nicht mehr geöffnet worden war.

In den nächsten Tagen ließ ich das Radio nonstop laufen, damit ich die Meldung des Campus-Senders, ein beliebter Mediävistik-Professor sei einer Lebensmittelvergiftung erlegen, sofort mitbekäme. Doch ich hörte nur den üblichen Weihnachtslieder-Marathon.

Dann kam der Heiligabend und mit ihm der Vollmond. Allerdings wäre der Mondaufgang erst um sechzehn Uhr zweiundfünfzig. Das hatte ich nachgeschaut. Die Stunden krochen dahin.

Aber wenigstens hatte ich Ablenkung. Ich hatte Tom zum Essen eingeladen. Es war das übliche Festmahl – Truthahn mit Soße und Kartoffelbrei, das ganze Drum und Dran. Ich hoffte, Tom würde zu sehr mit dem Essen beschäftigt sein, um mich nach meinen Fortschritten mit dem Zauber auszuquetschen. Andernfalls würde ich ihm eben erzählen, was ich getan hatte. Vielleicht konnte ich ihn ja dazu bewegen, später mit mir in Phils Straße zu gehen und nachzuschauen, ob der Zauber wirkte.

Doch Tom war sonderbar abgelenkt. Nervös. Er rutschte ununterbrochen auf seinem Stuhl herum und kratzte sich an Armen und Beinen. Außerdem aß er nicht einmal viel.

»Was ist eigentlich mit dir los?«, fragte ich schließlich.

Er zuckte mit den Schultern. »Fühl mich nicht so gut«, meinte er.

»Möchtest du ein Bier?«, fragte ich. »Oder eine Cola?«

»Vielleicht ein Glas Wasser?«

Wenn Tom sowohl Bier als auch Cola ausschlug, musste er wirklich krank sein. Ich ging in die Küche und füllte ein Glas mit Eiswürfeln und Wasser.

Als ich zurückkam, wand Tom sich auf dem Boden.

Und heulte.

Da war mir mit einem Mal alles klar.

»Du hast Phil besucht, nicht wahr?«, fragte ich. »Du warst bei ihm und hast von seinen Brownies gegessen.«

Tom musste es wirklich schlecht gehen. Er versuchte nicht mal zu lügen, sondern nickte einfach nur und hielt sich den Bauch.

»Das geschieht dir recht«, sagte ich. »Ich wollte das Rezept für deinen dummen Zauber vorher an Phil ausprobieren, um zu sehen, ob es auch klappt.«

Ich sah, wie sein Gesicht trotz der Schmerzen aufleuchtete.

»Ist es das, was passiert?«, fragte er. »Verwandele ich mich in einen Wolf?«

»Nicht direkt.«

Er krümmte sich ein letztes Mal und schrie dann auf, als sein Körper sich verkrampfte und ganz eigenartig verzog. Ich zuckte zusammen und schloss eine Sekunde lang die Augen.

Als ich sie wieder aufschlug, sah ich auf dem Boden einen zitternden, ziemlich schmuddeligen Lhasa Apso, um den herum Toms Kleider lagen.

»Ich konnte so kurzfristig kein Wolfshaar auftreiben«, erklärte ich. »Da dachte ich, für den Test tut es auch Hundehaar.«

Tom öffnete ein Auge und starrte mich wütend an. Dann fletschte er die Zähne und knurrte leise. Selbst in Hundegestalt konnte man seine Miene ziemlich gut deuten.

»Fang jetzt nicht damit an«, sagte ich. »Das wäre nicht passiert, wenn du dich von Phil ferngehalten hättest.«

Er winselte. Mit ein wenig wackligen Beinen stand er auf und drehte sich in einem Halbkreis, als versuchte er, einen besseren Blick auf seinen Schwanz zu bekommen. Dann blickte er zu mir auf und jaulte.

»Ach, mach dir mal keine Sorgen«, sagte ich. »Das bring ich schon wieder in Ordnung.«

Er wedelte leicht mit dem Schwanz und legte den Kopf schief, als wollte er fragen wie.

»Ich habe eine Rezeptur für einen Trank gefunden, der den Zustand, in dem man sich gerade befindet, fixiert. Wir müssen also nur warten, bis der Mond untergeht. Das ist morgen früh gegen sieben. Dann wirst du wieder ein Mensch, kannst diesen Trank trinken und brauchst dir keine Sorgen mehr zu machen, dass du dich nächsten Monat wieder in ein Fellbündel verwandelst.«

Er wedelte begeistert mit dem Schwanz.

»Bleib also eine Weile hier«, sagte ich. »Iss zu Ende und schlaf ein bisschen.«

Ich warf ihm ein paar Kissen auf den Boden und stellte einen Teller mit Truthahn daneben.

»Ich komme schnellstmöglich zurück«, sagte ich.

Tom jaulte leise und versuchte, das Hosenbein meiner Jeans zu packen.

»Tut mir leid«, sagte ich und schob ihn so sanft wie möglich zurück. »Dir wird schon nichts passieren. Du darfst nur nicht bellen, sonst ruft Mrs Grogan beim Tierschutzverein an. Sei still und verhalte dich unauffällig, dann bringen wir morgen früh alles in Ordnung.«

Er winselte und legte wieder den Kopf schief.

»Was ich jetzt mache?«, sagte ich. »Ich gehe zu Phil. Er bekommt seine Dosis Fixiertrank ein bisschen früher als du.«

Auf dem Weg nach draußen ging ich in die Garage und schnappte mir eine alte Hundeleine. Mrs Grogan würde von ihrem Weihnachtsgeschenk ganz begeistert sein.

SIMON R. GREENLucy, alle Jahre wieder

Sein erstes Mal vergisst man nie. Bei mir war es Lucy.