WESTERN-COLT, Band 50: DIE WINTERLINIE - Christian Dörge - E-Book

WESTERN-COLT, Band 50: DIE WINTERLINIE E-Book

Christian Dörge

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Beschreibung

 Ein Jahr nach dem Start der Reihe  Western-Colt  erscheint mit Band 50 die erste Jubiläums-Ausgabe, die es zweifellos in sich hat: Für die Anthologie  Die Winterlinie  (zusammengestellt und herausgegeben von Christian Dörge)  wurden Kurzgeschichten und Erzählungen mehrerer  Western-Colt -Autoren zusammengetragen: Neben den vollständigen  Campfeuer-Stories  von Alfred Wallon und sämtlichen  Trail-Geschichten  von R. S. Stone enthält der Band das Juwel  Begegnung in San Francisco  von Leslie West sowie - jeweils als deutsche Erstveröffentlichung - die Erzählungen  Eine Falle für Lee Jackson  von John F. Beck und Marten Munsonius,  Dahkeya  von Aylin Carrington und die Kurzgeschichte  Die Winterlinie  von Christian Dörge.    Diese Anthologie (erhältlich als E-Book, Paperback und als exklusives Hardcover ) möchte die mitunter vernachlässigte Tradition von Kurzgeschichten und Erzählungen im Western-Genre neu beleben und neugierig machen auf die nächsten 50   Western-Colt  -Bände - auf weitere Abenteuer der härtesten Männer des Westens! 

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CHRISTIAN DÖRGE (Hrsg.)

 

 

Die Winterlinie

 

Kurzgeschichten und Erzählungen

 

 

 

 

Western-Colt, Band 50

 

 

NordheimBücher

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

 

EINE FALLE FÜR LEE JACKSON von John F. Beck & Marten Munsonius 

CAMPFEUER-STORIES von Alfred Wallon 

DAHKEYA von Aylin Carrington 

BEGEGNUNG IN SAN FRANCISCO von Leslie West 

TRAIL-GESCHICHTEN von R. S. Stone 

DIE WINTERLINIE von Christian Dörge 

 

 

Das Buch

 

Ein Jahr nach dem Start der Reihe Western-Colt erscheint mit Band 50 die erste Jubiläums-Ausgabe, die es zweifellos in sich hat: Für die Anthologie Die Winterlinie (zusammengestellt und herausgegeben von Christian Dörge) wurden Kurzgeschichten und Erzählungen mehrerer Western-Colt-Autoren zusammengetragen: Neben den vollständigen Campfeuer-Stories von Alfred Wallon und sämtlichen Trail-Geschichten von R. S. Stone enthält der Band das Juwel Begegnung in San Francisco von Leslie West sowie - jeweils als deutsche Erstveröffentlichung - die Erzählungen Eine Falle für Lee Jackson von John F. Beck und Marten Munsonius, Dahkeya von Aylin Carrington und die Kurzgeschichte Die Winterlinie von Christian Dörge.  

Diese Anthologie (erhältlich als E-Book, Paperback und als exklusives Hardcover ) möchte die mitunter vernachlässigte Tradition von Kurzgeschichten und Erzählungen im Western-Genre neu beleben und neugierig machen auf die nächsten 50 Western-Colt-Bände - auf weitere Abenteuer der härtesten Männer des Westens! 

EINE FALLE FÜR LEE JACKSON

von John F. Beck & Marten Munsonius

 

 

Als der Schuss fiel, schaute die mexikanische Köchin erschrocken auf, behielt das Schälmesser aber in der Hand, als sie aus dem Haus stürzte.

Die Farm von Lee Jackson lag etwas abgelegen, mehr als eine Meile von seinem nächsten Nachbarn und nicht weit dahinter von einem Armeeaußenposten entfernt, umgeben von saftigen Weidegras, und einer frischen Quelle, welche die Farmer in der Umgebung mit klarem Wasser versorgte.

Sie kam nicht weit – nur ein paar Schritte, dann starrte sie in die Mündung eines auf sie gerichteten Colts.

Sie war allein, der Stallbursche war im Auftrag von Mr. Jackson in die Stadt hinter den Hügeln im Osten geritten und Mr. Jackson selbst wurde von ihr erst in frühestens einer Stunde zurück erwartet.

Sie kannte den Mann nicht, dessen Waffenmündung direkt auf sie zeigte.

Er war groß und hager und hatte hervorstehende Wangenknochen, einen ungepflegten Oberlippenbart und tückisch blitzende Augen.

Er legte den Zeigefinger seiner linken Hand über die Lippen und schüttelte den Kopf.

»Einfach fallenlassen!«

Er hatte eine unangenehm tiefe Stimme, die ein bisschen heiser klang.

»Schrei ruhig, wenn Du magst.«

Er machte mit den Armen eine theatralische Geste.

»Hört dich ja doch keiner hier mitten im Nirgendwo.«

Der Colt zielte jetzt wieder ruhig auf ihren Oberkörper.

Sie ließ das Messer los.

»Gute Wahl.«

Er grinste dünn und riskierte einen Blick über die Schulter.

»Schaff das verdammte Vieh beiseite, Sam. Er muss ja nicht gleich wissen, was ihn anstatt einer warmen Mahlzeit erwartet, wenn er zurückkehrt.«

Sam, der nah bei der Scheune im Schatten stand, gluckste lachend.

Es klang schmierig. Hinterhältig.

Ein kleiner, fülliger Kerl löste sich aus seiner Deckung. Er hatte seinen Hut tief ins Gesicht gezogen. Er spuckte angewidert aus, bevor er den toten rotbraunen Mischlingshund packte und an seinen Hinterläufen über den staubigen und sonnendurchglühten Ranch-Vorhof hinter die Scheune zog.

Seine Waffe hatte er achtlos am Rücken in den Hosenbund geschoben. Er trug keinen Holster. Er kehrte zurück und verteilte den Sand über die Stellen, wo das Tier angefangen hatte zu bluten.

»Was... wollt ihr. Hier gibt es nicht viel zu holen?«, brachte die Frau mühsam über die Lippen.

Der Schrecken stand ihr noch ins Gesicht geschrieben.

»Nichts von Dir.«

Der Mann mit den hohen Wangenknochen hieß Jeff Bancroft und er packte die Köchin hart am Oberarm.

Er beugte sich vor.

»Mach keine Zicken. Zurück ins Haus – hinein mit dir in die Küche.«

Sein Atem roch unangenehm.

»Sei froh, dass unser Besuch nicht dir gilt, sondern dem ach so ehrenwerten Ex-Deputy Marshal Lee Jackson!«

Er lachte hämisch, obwohl es mehr wie ein Gackern klang.

Der ganze Mann war... einfach unangenehm. Und mit dem anderen stand es wohl nicht viel besser. Sie überlegte verzweifelt, was sie tun konnte, um Mr. Jackson zu warnen, aber der Mann mit der unangenehm tiefen Stimme hielt sie weiter fest gepackt und schob sie zurück ins Haus.

»Denke nicht nach – denke am besten überhaupt nicht. Dann bleibst Du...«

»...am Leben!«, vollendet der andere Kerl und wischte sich die blutigen Hände an ihrer Schürze ab.

Die Köchin war noch eine Spur blasser geworden.

Sie wehrte sich nicht, als Bancroft sie zurück in das niedrige, aus roh zugehauenen Balken gezimmerte Ranchhaus zur Feuerstelle zerrte.

Der andere Mann blieb im Türrahmen zurück.

Er hatte jetzt wieder seinen .45er Colt in der Hand und beobachtete seinen Kumpanen, wie er die Frau an einem Stuhl fesselte.

»Der Teufel wird ihn gleich holen«, zischte er und seine Augen nahmen einen wütenden Ausdruck an.

Bancroft schnürte sie hart. Und er stopfte einen Lappen in ihren Mund, ehe er ihr ein längliches Halstuch vor den Mund band.

Sie sollte keine Chance haben, einen Laut von sich zu geben und Lee Jackson vorzeitig zu warnen.

Der andere Mann namens Sam Gillespie blieb vor der Tür und seine Stimme klang gedämpft, als er sagte:« Er kommt, der Mistkerl.«

Der Reiter, den er meinte, Lee Jackson, war vielleicht noch eine Viertelmeile entfernt und ritt über eine leichte Anhöhe und war mit einer leichten Staubwolke hinter sich herziehend, gut sichtbar, vor dem blauen, fast wolkenlosen Himmel.

Die Sonne stand noch wenige Handbreit über den westlichen Horizont und es war immer noch so heiß, wie zur besten Mittagszeit.

Gillespie schwitzte.

Er schaute zu dem Windrad auf dem hohen Brunnengerüst, das sich nicht bewegte.

Kein Windhauch der Abkühlung am Nachmittag versprach.

Auf der Farm war es gespenstisch still.

»Hoffentlich entdeckt der den toten Köter nicht, bevor wir ihn in der Zange haben«, sorgte sich Gillespie.

»Er wird über den Koppelweg kommen, ehe er bei der Scheune ist. Das sollte dich nicht beunruhigen. Wir werden ihn gebührend empfangen.«

Bancroft lachte kurz und trocken.

»Er geht doch nicht hinter die Scheune. Was soll er dort? Pinkeln?«

Sie verteilten sich über den Hof um ihn von zwei Seiten in die Zange nehmen zu können, wenn er auf das Ranchhaus zuhielt.

Sie tauchten in die verschatteten Ecken des Nebengebäude und belauerten den Mann, der gemächlich einen langgestreckten grasbewachsenen Hang herabritt und seinem Braunen erwartungsgemäß zum Korral lenkte.

Ihre eigenen Pferde hatten sie im Stall versteckt.

Wenn er sie bemerkte, war es längst für ihn zu spät.

Lee Jackson war ein großer Mann, drahtig, der müde nach vorn geneigt im Sattel seines Braunen saß.

Seine Schläfen waren leicht angegraut. Er trug das immer noch volle dunkle Haar kurz und sein Gesicht war glatt rasiert.

Er trug die landestypische derbe Reiterkleidung: ein festes aber nicht zu dickes Baumwollhemd, vorn ein paar Knöpfe offen, eine Levishose und hochhackige Stiefel ohne Sporen.

Der Colt im Holster an seiner rechten Hüfte war etwas nach hinten gerutscht. So war sie nicht wirklich griffbereit, wenn es darauf ankam.

Ein weiteres Indiz für die beiden Kerle auf der Farm, das der Mann der da auf sie zukam, arglos war.

»Hab einen Bärenhunger, Dolores«, rief er quer über den Hof, als er nah genug war, dass sie ihn hören musste.

»Aber erst bringe ich meinen Vierbeiner in den Korral, ehe ich mir deine Mahlzeit schmecken lasse.

Ich mache mich am Trog nur noch kurz frisch.«

Gillespie, der sich kurz ins Haus zurückgezogen hatte, klapperte absichtlich laut mit dem Kochgeschirr.

Er beobachtete den Mann durch das Fenster und näherte sich wieder der Tür.

»Na endlich«, dachte er gehässig und frohlockte in seinem inneren Monolog weiter, »jetzt zahlen wir dir die Jahre heim, die wir in den Steinbrüchen verbrachten, bevor uns die Flucht nach Mexiko gelungen ist.«

Gillespie zog es nach draußen. Er versuchte stets im Schatten zu bleiben.

Ein paar Schritte weiter stand sein Partner.

»Pass auf, er führt seinen Gaul durchs Gatter«, flüsterte Bancroft, dessen Oberlippenbart voller glänzendem Schweiß war.

»Will ihn scheinbar später erst absatteln und versorgen. Knall ihn bloß nicht einfach ab. Keine Überraschung! Er soll wissen, wer ihn zur Hölle schickt.«

»Amen«, kicherte Gillespie und seine Wangen zitterten voller Vorfreude.

Ein halbes Dutzend Pferde befanden sich in der Umzäunung, alle von Lee Jackson gezüchtet und zugeritten, ein nicht zu verachtendes Zubrot für ihn und den Unterhalt der Ranch, wenn er sie an den Army-Außenposten verkaufte.

Die Männer dort kannten ihn und schätzten seine Tiere. Die Offiziere wussten, dass er ein fairer Handelspartner war.

Wiehernd und schnaubend drängten sich die Tiere um ihn und dem vierbeinigen Neuankömmling, sein Reitpferd, so dass von Jackson für die lauernden Mörder nur mehr die Hutkrone zu sehen war.

Als sich das Durcheinander endlich auflöste, war Lee Jackson aber verschwunden.

Sein breitkrempiger Stetson thronte festgestopft auf dem mit Jacksons Halstuch umwickelten Sattelhorn des Braunen, auf dem er gekommen war.

Sam öffnete lautlos den Mund, doch es war Bancroft, der fluchte: »Verdammt, wieso hat der Bastard Verdacht schöpfen können?«

»Er ist aus dem Korral gekrochen und abgehauen«, vermutete Sam, der seine Stimme wiedergefunden hatte.

»Der bestimmt nicht.«

Ihre Blicke suchten den Hof, die Scheune, den Korral, selbst das Brunnengerüst, das aber nur spärlich Deckung geben konnte – vergeblich. Selbst die Stallfront lag verlassen in der brütenden Hitze.

Schließlich hielt Gillespie die Stille und Reglosigkeit nicht länger aus.

»Gib mir Feuerschutz. Sobald sich irgendetwas rührt, halte drauf, was der Colt hergibt.«

»Bist du verrückt? Wir sollten lieber...«

Doch Sam Gillespie war ein Mann, der keine Geduld besaß. Das hatte ihn oft in Schwierigkeiten gebracht.

Ein Sprung brachte ihn in die Nähe des Stalls. Sofort ließ er sich fallen und robbte sich seitlich an der Wand entlang Richtung Ecke, ohne das etwas geschah.

»He, Jackson! Zeige dich, dann tragen wir beide das wie Männer aus.«

Auf der Ranch blieb es still – selbst die Pferde im Gatter verhielten sich abwartend, als wüssten sie, was auf der Ranch geschah.

Nichts rührt sich.

Sam überlegte, was er weiter tun konnte, um den Ex-Deputy Marshal aus der Reserve zu locken. Immerhin waren sie zu zweit und er war ein Mann jenseits seiner besten Jahre und aus der Übung.

Dann hörte Gillespie aus dem Ranchhaus ein Geräusch wie von einem dumpfen Fall. Sein Partner war nicht mehr zu sehen.

Sam vermutete, dass er sich ins Haus zurückgezogen hatte und über irgendetwas gestolpert war.

»Die Sache gerät außer Kontrolle«, dachte er wütend.

Ein Netz feiner Schweißperlen erschien auf seiner Stirn.

»Jeff, was ist los? Melde dich, verdammt noch mal!«

Im Haus blieb es jetzt ruhig.

Auf der Ranch lastete eine trügerische Stille. Sam versuchte seinen eigenen Atem zu kontrollieren, der seine Nervosität verriet.

Er beobachtete seine Umgebung genau und blieb regungslos im Schatten.

Eine weitere Minute verstrich, dann wiederholte er: »Jeff!«

Überrascht zuckte er zusammen als er Lee Jacksons kühle Stimme vernahm: »Jeff schläft.

Dein Kumpan hat nicht gut genug aufgepasst. Ich bin von der Rückseite in eines der hinteren Fenster eingestiegen und mein Colt war ein bisschen zu hart für seinen Kopf.

Immerhin hat er jetzt noch die Chance lebend vor ein Gericht zu kommen.

Es liegt an dir, ob du sie ebenfalls bekommst.«

»Leck mich.«

Sams Frustration war unüberhörbar.

Wütend gab Gillespie mehrere Schüsse ab. Aber woher genau Jacksons Stimme gekommen war, blieb ihm ein Rätsel.

Aus dem Haus selbst jedenfalls nicht. Da war er sich sicher.

Dieser Hundesohn musste geschmeidig wie ein alter Panther wohl dauernd die Stellung wechseln, um ihn zu verwirren.

Panik erfasste ihn. Er versuchte so wenig Geräusche als möglich zu machen, als er rasch seinen Colt nachlud.

Er leckte sich über die trockenen, rissigen Lippen. Er hatte sich entschieden und dann rannte er los.

Als wäre der Teufel selbst hinter ihm her und nicht ein ausrangierte Ex-Deputy Marshal.

Er rannte so schnell, wie man es ihm bei seiner Figur gar nicht zutrauen würde. Lief zu dem Stalltor, das halb offen stand.

Hineingeschlüpft – ein erleichterter Seufzer aus seinem Mund.

Wie gut, dass sie die Pferde nicht abgesattelt hatten.

Er kniff die Augen zusammen.

Nach der gleißenden Helligkeit brauchte Gillespie einen Moment um die Gestalt des Mannes zu erkennen, der ihn bereits erwartet hatte.

»Da bist du ja, Sam. Ich konnte mir denken, dass du nicht versuchen würdest, ins Haus zu kommen und deinen Partner zu retten – das du lieber feige abhauen willst!«

Die Verachtung in der Stimme des Ex-Deputy Marshal war nicht zu überhören.

Gillespie war drauf und dran den schlimmsten und sicher auch letzten Fehler zu begehen und zu versuchen, den Colt hochzureißen und abzudrücken.

Doch auch bei einem ruchlosen Mann wie ihm, macht das Herz manchmal was es will und in einem unerklärlichen Anfall von jäher Schwäche entglitt ihm die Waffe aus seinen kraftlos werdenden Fingern.

»Das ist gut so, Sam«, sagte Jackson mit ruhiger Stimme.

»Tritt noch einen Schritt zur Seite, weg vom Colt.«

Der Mann dem er eigentlich reinlegen und töten wollte, stand abwartend im Halbdunkel. Ein Schemen unter Schatten.

»Wie zum Teufel hast du gewittert, das hier eine Falle auf dich wartet?«

»Ein alter Freund hat mich nicht begrüßt – Rusty! Aber du weißt ja wahrscheinlich gar nicht, was ein echter Freund ist? Habe ich recht?«

In der Stimme Lee Jacksons schwang ein wenig Traurigkeit mit.

»Wer ist Rusty?«, fragte Gillespie begriffsstutzig.

»Mein Hund, den ihr Mistkerle einfach erschossen habt. Ein treuer Freund – bis in den Tod. Aber davon verstehst du nichts.«

 

 

 

ENDE

 

 

 

 

 

  CAMPFEUER-STORIES

  von Alfred Wallon

 

 

 

Ein eisiger Winter hat Texas fest im Griff. In der Brasada, am Rande des Comanchen-Landes, toben Schneestürme über das Land und lassen auch die Cowboys von Rancho Bravo ihre harte Arbeit unterbrechen. Während der Sturm seinen Höhepunkt erreicht, sitzen die Männer vor einem Feuer und erinnern sich an markante Geschichten aus ihrer eigenen Vergangenheit. Während sie auf des Ende des Sturms warten, erzählen sie sich gegenseitig folgende Geschichten:

 

Allein in der Wildnis

Cadburns Rückkehr

Dr. Ledbetters Wundermedizin

Todesschatten über Rose Hall

Isaac Hanrahans Racheschwur

 

Am späten Nachmittag hatte es zu schneien begonnen. Zuerst waren es nur einzelne, kleine Schneeflocken gewesen, die vom graublauen, wolkenverhangenen Himmel gekommen waren. Ein Wind kam auf, der wie tausend kleine Nadelstiche im Gesicht biss.

Bis zum Abend hatte sich schließlich ein dichter, weißer Teppich über die Brasada gelegt, und der Wind, der jetzt draußen um die Ranch pfiff, trug noch sein Übriges dazu bei, jeden Winkel mit weißem Pulver zu füllen, das dort nicht sehr schnell abtauen würde. Der Winter hatte seinen Einzug in Texas gehalten, und es würde ein strenger Winter werden.

Im Kamin des Ranchgebäudes brannte ein Feuer und erhellte den Raum, verbreitete behagliche Wärme – ganz im Gegensatz zu den eiskalten Temperaturen da draußen.

»So ein Hundewetter!«, schimpfte der rothaarige Gus, der gerade die Tür hinter sich zugeschlagen hatte und sich nun den nassen Schnee von der Kleidung klopfte. Wind war hereingekommen und hatte das Feuer im Kamin unruhig angefacht – jedoch nur so lange wie die Tür offen war. Es knisterte laut, und Gus war froh, dass er endlich im Gebäude war.

»Sieht wohl ganz danach aus, als wenn wir morgen früh eingeschneit sind«, meinte der blonde Tully, nachdem er einen nachdenklichen Blick aus dem Fenster riskiert hatte, wo dichte Schneeflocken tanzten und die Sicht nicht einmal mehr bis zu den Ställen reichte.

»Worauf du dich verlassen kannst«, meinte Gus und machte es sich nun am Kamin bei den anderen Cowboys gemütlich. Er nickte dem jungen John Calhoun kurz zu, der sich daraufhin erhob, nach dem Gewehr griff und dann das Ranchhaus verließ. Bis Mitternacht würde er draußen beim Palisadenzaun Wache stehen. Er beneidete den Mann nicht, doch die Arbeit musste getan werden.

John zog sich eine dicke Felljacke und Handschuhe über, denn der Wind war schneidend kalt. Aber darüber durfte sich auch John nicht beklagen, denn was für die Cowboys von Rancho Bravo galt, das galt auch für den Sohn des Ranchers. Tom Calhoun machte keine Unterschiede zwischen John und den Männern und verlangte von ihm das, was auch die übrigen Männer leisten mussten. Auch wenn sich die Männer im Ranchhaus etwas unwohl fühlten, so mussten sie sich zumindest in nächster Zeit damit abfinden, dass immer einer der Leute ein wachsames Auge hatte.

Angesichts der Comanchen-Gefahr hatte Tom entschieden, dass auch die Cowboys die Nacht im Ranchhaus verbrachten, denn die Ranch war von einem stabilen Palisadenzaun umgeben, den die Männer in harter Arbeit errichtet hatten. Ein sicherer Schutz gegen plötzliche Comanchen-Überfälle, von denen es in der Vergangenheit schon einige gegeben hatte. Der Boss war jetzt vorsichtiger geworden, zumal er und seine Männer letztendlich hier draußen auf sich allein gestellt waren. Zwar kamen die Texas Rangers regelmäßig vorbei und suchten nach Comanchen-Spuren in der Nähe der Ranch, aber darauf durfte sich Tom Calhoun nicht verlassen. Das düstere Schneetreiben verwischte vielleicht zu schnell ihre Spuren und im entscheidenden Moment waren sie allein.

Rio Shayne blickte hinüber zur Tür, wo sich der Boss in seinem Arbeitszimmer aufhielt. Tom Calhoun hatte sich zurückgezogen und hatte vorgegeben, noch einige Papiere durchsehen zu müssen. Aber Rio und seine Kameraden wussten, dass der Boss seinen Kummer vor den Männern nicht zeigen wollte. Jetzt, wo es draußen schneite und sich alle im Haus aufhielten, spürten sie, wie sehr ihnen der kleine Billy fehlte. Die Comanchen hatten ihn vor einigen Monaten entführt, und alle Versuche, ihn zu finden und wieder sicher zurückzuholen, waren bisher fehlgeschlagen.

Es nagte an den Männern. Zwar wussten Tom, John und die Cowboys mittlerweile, dass Billy noch am Leben war, aber das war auch schon alles. Wie es dem Jungen wirklich erging, darüber konnten sie nur Mutmaßungen anstellen – aber sie führten alle zu nichts, genau wie Toms Versuche, den Jungen suchen zu lassen. Dabei hatte es nur jede Menge Ärger gegeben, doch an den Jungen waren sie nicht wirklich herangekommen, noch hatten sie ihn befreien können. Es war einfach eine fatale, fast aussichtslose Situation.

Die Cowboys wussten, dass der Boß deshalb ab und zu mürrisch war. Er wirkte dann niedergeschlagen und wollte einfach einen Moment in Ruhe gelassen werden. Aber das hatten sie längst akzeptiert, denn sie wussten, was in dem Rancher vorging – und sie hofften, dass es den Rangers gelang, Billy wieder lebend zurückzuholen. Denn andere weiße Gefangene der Comanchen waren auch wieder bei ihren Angehörigen. Allerdings hatten sie viele Jahre bei den Comanchen zubringen müssen und sich in dieser Zeit sehr gewandelt. Sie sprachen nur noch den Dialekt der Comanchen und hatten ihre weiße Vergangenheit fast schon vergessen. Ein schrecklicher Gedanke, wenn so etwas auch mit Billy Calhoun geschah!

Dave Harmon hatte drüben in der Küche Kaffee gekocht und kam jetzt mit einer Kanne des dampfenden Gebräus zurück. Rio Shayne verschwand kurz im Arbeitszimmer des Ranchers, um auch ihm eine Tasse Kaffee zu bringen, doch er kam schon wenige Sekunden später wieder zurück, mit einem Achselzucken und Falten auf der Stirn. Das sagte den Männern mehr als viele Worte. Dann ließ auch er sich wieder in der Nähe des Kamins nieder und nahm einen Schluck von dem starken Kaffee ohne ein Wort zu sagen.

»Mein Gott, was für eine Brühe!«, beklagte er sich dann eine Minute später doch noch bei Dave. »Da bleibt einem ja fast das Herz stehen...«

»Umso wacher bist du, wenn du John nach Mitternacht da draußen ablöst«, grinste Dave zurück. »Du wirst mir noch dankbar sein dafür, Rio.«

Der weißblonde Texaner murmelte etwas vor sich hin, was die anderen nicht verstanden. Aber er trank den Kaffee, ohne sich darüber noch weiter zu beschweren.

»Dieses Wetter da draußen geht mir auf die Nerven – und der Winter beginnt erst...«, meinte Bob Rennington. »Nur hier sitzen und abwarten, bis es wieder Tag wird – Mann, ich wünschte mir, dass wir endlich mal wieder normal arbeiten können. Und alles wegen dieser Comanchen...«

Seine Stirn schien umwölkt. Er mahlte mit den Zähnen.

»Was ist in diesen Zeiten schon noch normal, Bob?«, erwiderte Rio Shayne daraufhin. »Immerhin haben wir ein Dach über dem Kopf und ein warmes Feuer, das unsere Knochen wärmt, oder?«

»Das ist aber auch alles«, gab der schwarze Cowboy zu bedenken, der als einer der letzten nach Rancho Bravo gekommen war. Er schaute zu Boden. »Ich will mich aber nicht beklagen – schließlich gibt es noch genügend andere, denen es noch dreckiger geht als uns...«

»Komisch«, murmelte Dave Harmon, nachdem er sich eine zweite Tasse Kaffee eingeschüttet hatte. »Manchmal gehen einem die eigenartigsten Dinge durch den Kopf, wenn man am Feuer sitzt und vor sich hin grübelt. Haltet mich jetzt nicht für verrückt, aber ich muss gerade wieder daran denken, wie sehr ich mich damals nach der Kälte sehnte, als ich im Backofen der kalifornischen Wüste schmorte. Verdammt komisch – wie die Welt sein kann.«

»Davon hast du uns ja bisher noch gar nichts erzählt, Dave«, meinte Gus erstaunt.

»Das ist mir eben erst jetzt wieder durch den Kopf gegangen«, antwortete Dave daraufhin. Er leckte sich mit der Zunge über die immer noch kältetrockenen Lippen. »Sind auch nicht gerade angenehme Erinnerungen, wisst ihr? Aber wenn ihr wollt, erzähle ich euch gerne davon.«

Er hob den Kopf und neigte ihn zum Feuer am Kamin. Seine Augen schweiften in die Ferne ab. Seine Finger zuckten, als durchlebte er einen Albtraum.

»Immer noch besser als die Gassenhauer von Gus ertragen zu müssen«, meinte Chris und handelte sich dafür einen wütenden Blick des rothaarigen Cowboys ein. »Also fang schon an, Dave. Spann’ uns nicht weiter auf die Folter.« Dann hielt er einen Moment inne. »Rede es dir von der Seele!«

Keiner der Cowboys sagte etwas. Alle starrten auf Dave. Im Kaminfeuer knackte es  – das Feuer loderte durch einen heftigen Windzug aus dem Kamin auf.

»Gut«, meinte Dave und lehnte sich etwas zurück. »Angefangen hat die ganze Sache viel früher – nämlich in einem kleinen Kaff in der Nähe von Phoenix, Arizona. Sechs Jahre ist das jetzt her, Frühsommer und schon ziemlich heiß für diese Jahreszeit, aber ich sehe wieder alles so deutlich vor mir, als wäre es erst letzte Woche passiert. Ich war so dumm und ließ mich auf eine Sache ein, die mich fast Kopf und Kragen gekostet hätte – aber hört selbst, was dann geschehen ist, dann werdet ihr es umso besser verstehen...«

 

 

 

Allein in der Wildnis

 

 

Er hatte Carrizo Springs am frühen Morgen verlassen und befand sich jetzt auf dem Weg nach Norden. Die dünnen Wiesenhalme waren noch feucht von der Nacht. Sein Ziel war der Süden Kaliforniens, wo er hoffte, einen Job finden zu können. Kalifornien war nach den Unruhen der letzten Jahre ein junges, aufstrebendes Land und brauchte Männer, die fest zupacken und hart arbeiten konnten. Dave Harmon war jung genug, um hier einen neuen Anfang zu wagen, und deshalb hatte er beschlossen, Arizona den Rücken zu kehren.

Sie hatten ihm gesagt, dass es ein gewisses Risiko war, jenseits der bekannten Wagenstraßen zu reiten, weil man in dieser Gegend immer mit Apachen rechnen musste, die einem das Leben zur Hölle machen konnten, wenn man nicht aufpasste. Aber Dave schien zum Glück einen guten Schutzengel zu haben, denn er war bisher in dieser Einöde noch keiner Menschenseele begegnet – geschweige denn den Apachen.

Das änderte sich aber schlagartig, als er weit oben am stahlblauen Himmel plötzlich die kreisenden Bussarde bemerkte. Neugierig geworden, dirigierte er sein Pferd auf die betreffende Stelle zu und hielt gleichzeitig seine Flinte schussbereit.

Das Land war ein wenig hügelig. Überall Steine. Das Gras wurde weniger. Er brauchte nicht lange, um die Stelle bei den Felsen zu erreichen, wo einige der Bussarde schon dabei waren, sich auf ihre Opfer zu stürzen und reiche Beute zu halten. Dave Harmon roch den süßlichen Geruch von Eisen, von Blut und von Rauch in der Hitze des aufkommenden Tages. Und er würgte, als sich seinen Augen ein Bild bot, das seinen Magen ziemlich durcheinander brachte.

Es war noch nicht einmal später Mittag. Er hatte noch keine Rast gemacht, nichts gegessen, nur ein paar Schlucke aus der Feldflasche.

Sein Magen begann sich zu rühren. Tote Tiere, Rinder, Schafe – das war das eine, aber wenn Cowboys starben... er hatte seine Augen weit aufgerissen und hielt sich die Hand vor dem Mund.

Es waren sechs Tote, die unweit voneinander im Staub lagen. Pfeile und Lanzen steckten in ihren geschundenen Körpern.

Überall war Blut! Auf dem Boden, an den Männern. Die Wagen, mit denen sie gekommen waren, hatte man ausgeplündert und dann in Brand gesteckt. Da das ganze Holz schon völlig verkohlt war, schloss Dave daraus, dass die Männer bereits einige Stunden tot sein mussten. Es musste noch vor Anbeginn der Morgendämmerung geschehen sein. Wahrscheinlich hatten sie gar nicht bemerkt, dass sie in einen Hinterhalt der Apachen geraten waren. Und als sie es mitbekommen hatten, da war es wohl schon zu spät für sie gewesen. Apachenkrieger kannten keine Gnade, wenn es darum ging, Weiße oder Mexikaner zu töten, denn dies hier war ihr Land, und sie verteidigten es mit allen Mitteln gegen Eindringlinge.

Hier konnte er nichts mehr tun. Die Toten unter die Erde zu bringen, würde nur zu viel Zeit kosten. Sinnlose Kraft die er hier verschwenden würde. Selbst das Pferd war unruhig und schnaubte und schüttelte seine Mähne. Er musste es fest an den Zügeln halten.

Dave Harmon war schon im Begriff, wieder in den Sattel zu steigen, als er das laute Stöhnen seitlich in den Büschen hörte. Zuerst glaubte er, sich getäuscht zu haben, aber dann hörte er es wieder – jetzt viel deutlicher.

Er riss die Augen auf. Das Pferd wieherte, und er hatte Mühe es zu bändigen.

»Socorro!«, erklang eine krächzende Stimme aus den Büschen. »Socorro – dios mios!« Socorro – das bedeutete Zu Hilfe! auf Spanisch.

Er band das Pferd an einen übrig gebliebenen Zaunpfahl und griff zu dem Holster seitlich seiner Satteltasche. Dave eilte jetzt mit der Flinte in der Hand in die Büsche und brauchte nicht lange, bis er den Mann gefunden hatte. Er wollte keine Überraschung erleben. Nicht mit den ganzen Haufen von Toten im Staub um ihn herum.

Es war ein Mexikaner, in dessen Brust eine Lanze steckte, und dem es wohl noch gelungen war, sich in die Büsche zu schlagen, bevor die Apachen ihr Werk der Vernichtung hatten vollenden können. Und – man hatte ihn nicht mehr entdeckt! Jedoch hatte das seinen Tod nur ein wenig verzögert, denn ein kurzer Blick auf die Wunde des Mexikaners sagte Dave, dass der Mann nicht mehr lange zu leben hatte.

Überall war Blut. Wie viel davon konnte noch in seinem Körper sein? Es grenzte an ein Wunder, dass er noch nicht tot war.

»Wasser, Señor...«, murmelte der Mexikaner mit flehender Stimme, die mit jedem Wort immer dünner und leiser wurde. Dave nickte nur, lief zurück zu seinem Pferd und holte die Canteenflasche. Er gab dem Sterbenden einige Schlucke und erntete dafür ein heiseres »Gracias».

Ein dünner Blutfladen begleitete das letzte Wort. Dann stöhnte der Mexikaner laut, weil die Schmerzen immer stärker wurden.

Dave spürte, dass der Tag sehr heiß werden würde. Er hörte das Pferd schnauben. Der Geruch des Todes. Der Mexikaner würde wohl nicht mehr lange unter den Lebenden weilen.

Dave spürte ein Kribbeln im Rücken. Die Situation war völlig verrückt. Lange Sekunden vergingen, bis sich der sterbende Mexikaner wieder so weit gefasst hatte, dass er wieder verständlich sprechen konnte.

Er versuchte etwas zu sagen – doch nur seine Lippen bewegten sich. Er wurde immer schwächer.

»Maria«, murmelte er ganz leise, so dass sich Dave ziemlich dicht über ihn beugen musste, um ihn überhaupt noch verstehen zu können.

Der Geruch von Eisen wurde überwältigend. Dave versuchte nur durch den Mund zu atmen. »Bring Maria... das Medaillon und... sag ihr, dass... ich sie geliebt habe...«

Er wollte sich bewegen. Doch man konnte sehen, wie das Leben in raschen Schritten diesen geschundenen Körper verlassen wollte.

Aus seinem Mund kamen weiße Schaumblasen, gefolgt von einem dünnen hellen roten Blutfaden, die das Ende ankündigten.

Er hob schwach die linke Hand und deutete auf einen glänzenden Gegenstand, der durch das aufgerissene Hemd deutlich zu sehen war.

»Versprich es mir, Señor...«, wandte sich der Mexikaner erneut an Dave. Seine Augen konnten ihn schon nicht mehr fixieren. Sie schweiften ab, rollten zum stahlblauen Himmel, wo man die Ewigkeit schon erahnen konnte.

»Maria muss... sie muss es... erfahren, dass ich... nicht mehr...«

In diesen Sekunden focht Dave Harmon einen inneren Kampf mit sich aus. Eigentlich hatte er ja weiter nach Norden reiten wollen. Aber konnte er denn so einfach einem Sterbenden diese letzte Bitte abschlagen? Nein, ein solch verkommener Hundesohn war Dave nicht, und deshalb nickte er nur.

Er beugte sich so nah wie möglich an den Mund des Sterbenden, und sein Ohr konnte das Platzen der einzelnen Blutblasen genau hören. Trotz der Frühsommerhitze bekam er eine Gänsehaut.

»Wo lebt deine Frau?«, wollte er von dem Mexikaner wissen.

»Agua Fria«, stammelte der Sterbende mit dünner Stimme. Dave hatte gute Ohren und trotzdem hatte er Mühe, auch nur ein paar Silben zu verstehen. Er beugte sich noch dichter an die Lippen des Mexikaners. »Ein Dorf... südwestlich von hier... Vier, fünf Tagesreisen...«

Dave konnte nichts weiter hören. Er wartete noch einen Moment. Selbst sein Pferd verhielt sich plötzlich ganz ruhig. Ein leichter Wind kam auf. Er war heiß und trocken. Dave richtete sich ein wenig auf.

Er schüttelte den Mexikaner und hob dann den Kopf, um ihn direkt in die Augen zu sehen. Er hatte noch mehr sagen wollen, aber ein plötzlicher Blutsturz beendete das Leben des tödlich verletzten Mannes, ohne dass Dave seinen Namen hatte erfahren können. Keine Zeit mehr.

Die Welt wurde still. Kein Windhauch! Alles, was jetzt noch geblieben war, das war seine letzte Bitte und das Medaillon, das Dave nun vom Hals des Toten entfernte.

Er griff in das blutverschmierte Hemd. Seine Lippen waren zusammengepresst und seine Augen zu schmalen Schlitzen verkniffen. Da musste er durch.

Er öffnete den Deckel und wurde von Wehmut erfüllt, als er darin das Bildnis einer jungen lächelnden Frau vorfand. Eine Frau, die noch nichts davon wusste, dass ihr Mann einen schrecklichen Tod gestorben war.

»Ich weiß zwar nicht, wie du heißt, Amigo«, sagte Dave, während er sich erhob und dem Toten noch einen letzten Blick schenkte, bevor er zurück zu seinem Pferd ging. »Aber deine Maria soll erfahren, wie du gestorben bist, und dass du auch noch in der letzten Sekunde deines Lebens an sie gedacht hast...«

Augenblicke später saß er auch schon im Sattel und verließ die Stätte des Todes. Dave hatte es eilig. Und während er durch die frühe Sommerhitze ritt, war auf seinen Oberarmen eine Gänsehaut. Er sah sich nicht mehr um.

Die Bussarde, die die Anwesenheit des Reiters noch zurückgehalten hatte, stießen nun wieder nach unten, um das zu vollenden, was sie bereits begonnen hatten.

 

*

 

Dave Harmons Glückssträhne schien von dem Augenblick erloschen zu sein, als er den sterbenden Mexikaner gefunden hatte. Denn nur eine Stunde später stieß er auf die Apachen. Oder besser gesagt – sie stießen auf ihn. Vielleicht hatten sie ihn schon erspäht, als er die Toten gefunden hatte und waren ihm die ganze Zeit über gefolgt, ohne dass Dave davon etwas mitbekam.

Vielleicht war er aber nur abgelenkt. Nicht jeden Tag sah man sechs Leichen – und gab ein Versprechen ab.

Immer noch ein stahlblauer Himmel und eine frühe Sommerhitze.

Es waren drei Krieger, die nun mit schrillen Kriegsschreien ihre Pferde antrieben und auf Dave zuritten. Sie griffen ihn nicht aus dem Hinterhalt, sondern ganz offen an – vielleicht weil sie wussten, dass sie in der Übermacht waren und der einzelne Weiße für sie überhaupt kein Risiko darstellte. Was war schon ein Weißer gegen drei tapfere Apachenkrieger?

Dave fluchte angesichts dieser brenzligen Situation und drückte seinem Pferd die Hacken in die Weichen. Fester als er sonst tat. Wahrscheinlich schien das Tier zu ahnen, was auf dem Spiel stand, denn es streckte sich und galoppierte los, als säße ihm der Teufel selbst im Nacken. Wobei das ein Vergleich war, der auf jeden Fall genügend mit der Wirklichkeit gemeinsam hatte!

Die Apachen schossen aus ihren alten Flinten auf Dave, erwischten ihn jedoch nicht, weil sie viel zu hastig abgefeuert hatten. Das konnte sich aber schon bald ändern!

Dave drehte sich um, aber die drei Rothäute zeichneten sich gegen den stahlblauen Himmel als schwarze Scherenschnitte ab, ein Begriff den Dave nicht kannte, aber selbst auf seinem Sterbebett schwor er noch, dass der leibhaftige Teufel in Gestalt von drei Indianern schießend auf ihn zugeritten kam. Sie würden ihn skalpieren und mit den Messern an ihren Gürteln ausweiden. Und sein Blut würde im Wüstensand versiegen. Ohne jede Hoffnung gab er dem Pferd die Sporen.

Dave wusste, dass sein Leben auf des Messers Schneide stand und riskierte deshalb alles. Im scharfen Galopp riss er seine Flinte aus dem Scabbard, drehte sich im Sattel um und zielte kurz auf einen der drei Verfolger.

Er dachte nicht – seine Hand und die Waffe waren eine Einheit.

Dann drückte er ab und stieß nur Sekundenbruchteile später einen triumphierenden Schrei aus, als seine Kugel ihr Ziel traf und einen der drei Apachenkrieger vom Rücken des Pferdes stieß und ihn in den rotgelben Staub der Ebene schleuderte, wo er dann reglos liegen blieb.

Mit nur einer Kugel, dachte Dave voller Unglauben und die Waffe fühlte sich immer noch wie ein Teil seines Armes an. Er trieb das Pferd zu weiteren Höchstleistungen an.

Die anderen Krieger brüllten jetzt vor Wut und versuchten, Dave nun einzuholen. Ihre Pferde verkürzten den Abstand zu Dave, und als sie jetzt wieder das Feuer auf ihn eröffneten, wurde es gefährlich für ihn.

Er spürte, dass sie ihn gleich eingeholt hatten. Ein paar weitere Schüsse – irgendwann würden sie auch ihn als Ziel treffen müssen.

Er wollte gerade einen zweiten Schuss auf seine Verfolger abgeben, als plötzlich etwas Hartes in den Körper des Tieres einschlug. Das Pferd geriet auf einmal ins Stolpern und knickte dann mit den Vorderläufen ein. Dave wurde im hohen Bogen aus dem Sattel geschleudert, kam zum Glück aber dann so auf, dass er sich gut abrollen und sofort wieder die Flinte hochreißen konnte.

Er zog den Abzug durch ohne zu denken. Gerade noch rechtzeitig, um einen der beiden Apachen in die Brust zu treffen, bevor dieser sein Kriegsbeil nach ihm schleudern konnte. Noch während der Apache mit einem gellenden Todesschrei vom Pferd stürzte, hatte der dritte Krieger nun Dave erreicht. Dave stolperte nach hinten. Es blieb ihm keine Zeit mehr, die Flinte nachzuladen und zu schießen, denn in diesem Moment sprang ihn der Krieger vom Pferd aus an und riss ihn zu Boden. In der Hand des Apachen blitzte ein Messer, mit dem er jetzt zum tödlichen Stoß ausgeholt hatte.

Zum Glück konnte das Dave abwehren, und nun begann ein verbissener Kampf ums Überleben. Der Krieger hatte seinen nackten Oberkörper mit Öl eingerieben, so dass Dave ihn kaum fassen konnte. Aber in ihm steckte der eiserne Wille zum Überleben, und das ließ ihn in diesen so entscheidenden Minuten über seine Kräfte hinauswachsen.

Seine Hand umschloss die Faust des Apachen, in der sich das scharfe Messer befand und drehte sie.

Der Apache stöhnte und seine Augen verdrehten sich.

Der Krieger, für den das zu überraschend kam, reagierte für einen winzigen Moment zu spät – und diese kurze Zeitspanne reichte für Dave aus, um dem Krieger das Messer zu entreißen und es ihm in den Bauch zu stoßen.

Beide Männer wälzten sich im Staub.

Ein ungläubiges Stöhnen entrang sich der Kehle des Apachen, während er beide Hände auf den Bauch presste und versuchte, das Messer aus der tödlichen Wunde zu ziehen. Aber das schaffte er nicht mehr, denn seine Kräfte ließen rasch nach. Er brach zusammen und starb einige Sekunden später.

Keuchend erhob sich Dave und tastete sofort wieder nach der Flinte, lud sie rasch nach. Er fühlte sich ausgelaugt und er schnappte nach Luft, als wäre er ein Fisch auf dem Trockenen. Doch dann richtete er den Lauf gleich wieder auf den Krieger, den er besiegt hatte. Aber der gab wirklich kein Lebenszeichen mehr von sich. Auch nicht der zweite Krieger, den Dave erwischt hatte. Und der dritte Apache lag gut zweihundert Yards weiter drüben.

Die Tiere der Apachen scheuten vor dem weißen Mann, bäumten sich mit schrillem Wiehern auf und galoppierten dann davon – wieder zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Dave wollte noch hinterher rennen, um wenigstens noch nach den Zügeln eines der Tiere zu greifen – aber das schaffte er nicht mehr, denn der Kampf hatte ihn zu sehr ausgelaugt. Er blieb stehen und musste ein halbes Dutzend Mal tief Luft holen.

Erst als er sich wieder umdrehte und das quälende Wiehern seines Pferdes vernahm, wurde ihm klar, was das bedeutete. Schwer waren seine Schritte, als er zu dem Tier ging und sah, dass die eine Apachen-Kugel das Pferd gut getroffen hatte. Es würde nicht mehr aufstehen können – es war am Ende!

Dave fühlte sich unendlich ermattet. Jede weitere Bewegung war eine Qual. Doch er lebte. Und er hatte sich gegen eine Übermacht von Drei zu Eins verteidigt.

Das Pferd röchelte und es klang verdammt menschlich.

Dave wollte die Qualen des Tieres nicht unnötig verlängern. Er zielte mit der Flinte auf den Kopf des Tieres und drückte dann mit einem tiefen Seufzer ab. Das Pferd zuckte nur noch kurz mit den Hinterläufen und bewegte sich dann nicht mehr.

Nun blieb ihm nichts anderes mehr übrig, als seinen Weg zu Fuß fortzusetzen. Den Sattel konnte er nicht mehr abschnallen, weil das Tier auf der Seite lag. Also nahm er nur die Flinte, die beiden Satteltaschen und die Canteenflasche an sich.

Er stieß einen Fluch aus, als er dann erst entdeckte, dass eine verirrte Kugel der Apachen die Flasche getroffen und ein Loch gerissen hatte. Natürlich befanden sich nur noch wenige Tropfen darin, und in einem Anfall von Galgenhumor schluckte Dave den letzten Rest der noch vorhandenen Flüssigkeit hinunter.

Und über ihn war nichts als der stahlblaue Himmel. Er warf die Flasche einfach beiseite. Rings um ihn nur Staub. Eine Einöde ohne Wasser, ohne Pferd und mehr als ein halben Dutzend Tote hinter ihm.

Er spürte den Geschmack von Feuchtigkeit. Aber es machte ihn nur noch durstiger.

Das musste reichen, bis er wieder auf Wasser stieß. Er beugte sich noch kurz über die toten Apachen und fand zum Glück bei einem der Krieger am Gürtel einen kleinen Ziegenlederschlauch, in dem sich noch etwas Wasser befand. Dave nahm das an sich und schwor, damit sehr sparsam umzugehen. Zumindest so lange, bis er seine knappen Wasservorräte wieder auffrischen konnte.

Carrizo Springs war nur einen knappen Tagesritt entfernt, aber irgendwo in dieser Richtung lauerten womöglich noch weitere Apachen. Diese drei hier waren vielleicht nur ein Teil eines größeren Spähtrupps gewesen, und Dave hatte keine Lust, sich mit weiteren Rothäuten anzulegen. Denn dann würde er mit Sicherheit den Kürzeren ziehen.

Also ging er genau in die entgegengesetzte Richtung. Irgendwo jenseits des Horizontes musste sich Agua Fria befinden, sofern der Mexikaner sich nicht versprochen hatte. Vier, vielleicht fünf Tage zu Pferd, aber zu Fuß eine halbe Ewigkeit!

Er ballte die Fäuste. Ihm blieb nichts anderes übrig und Dave war bereit, dieses Wagnis einzugehen, denn da war noch das Versprechen, das er dem sterbenden Mexikaner gegeben hatte.

 

*

 

Gegen Abend erreichte er eine Gruppe von Sandsteinfelsen, wo er eine kleine Ruhepause einlegte. Dann marschierte er weiter, denn die Hitze des nächsten Tages würde ihm noch genug Kraft abverlangen. Also wollte er lieber die Nacht durchmarschieren und am Tag ausruhen. So konnte er auch halbwegs sicher sein, dass er nicht doch noch Apachen begegnete, und darauf war er nun wirklich scharf.

Sie würden ihn gnadenlos töten. Erst recht, wenn sie die Späher gefunden hatten. Vielleicht würden sie sich auch viel Zeit lassen, ihn vom Diesseits ins Jenseits zu befördern. Und darauf war er nun gar nicht scharf.

Dave ging sparsam mit dem Wasser um, und er trank nur dann, wenn der Durst so stark wurde, dass er es kaum noch aushalten konnte. Er hatte deshalb mehr als Glück, als er bei Sonnenaufgang auf einmal die grünen Büsche in zweihundert Yards Entfernung bemerkte. Normalerweise waren Bäume und Sträucher in dieser Gegend eher verdorrt als grün, also musste das bedeuten, dass sich irgendwo dort  Wasser befand. Dave beschleunigte deshalb seine Schritte so gut es nach dem Gewaltmarsch ging und stellte schon wenige Augenblicke später fest, dass er mit seiner Vermutung recht gehabt hatte.

Es war zwar nur ein kleines Wasserloch, und das Wasser darin hatte eine bräunliche Farbe. Es war dreckig, aber es war Wasser. Und – er hatte Durst! Und –  für Dave bedeutete es die Rettung.

Er kniete nieder, nahm einige Schlucke und füllte dann den Ziegenlederschlauch wieder mit dem kühlen Nass auf. Anschließend suchte er sich ein schattiges Plätzchen hinter einem Strauch, wo er genügend Schutz vor der grellen Sonne hatte, um wenigstens ein paar Stunden schlafen zu können. Denn der lange Marsch war ziemlich mühsam gewesen, und Dave war nicht nur todmüde, sondern ausgemergelt von der gnadenlosen Sonne unter dem stahlblauen Himmel.

Deshalb schlief er auch rasch ein und wachte erst wieder auf, nachdem die Sonne ihren höchsten Stand schon eine Weile überschritten hatte.

Seine Knochen fühlten sich zerschlagen an. Alle Muskeln schienen zu schmerzen und die Sonne brannte gnadenlos in diesem immerwährenden stahlblauen Himmel, der nicht an einem der vergangenen Tage auch nur ein einziges schattenspendendes Wölkchen auf dem blauen Untergrund spenden wollte.

Es war später Nachmittag, und Dave entschied, jetzt schon aufzubrechen und nicht auf den kühlen Abend zu warten. Sein Ziel waren die Berge am fernen Horizont, aber da es bis dahin noch ein ziemliches Stück Weg war, wollte er jetzt schon losmarschieren und nicht erst den Einbruch der Dämmerung abwarten.

Seine Füße kamen ihm schwerer vor als Blei. Denn Dave war langes Marschieren gar nicht gewohnt. Er spürte bereits die Blasen, die sich gebildet hatten und wusste, dass er sehr bald Probleme bekommen würde. Aber jetzt ignorierte er das und ging stattdessen mit schweren Schritten weiter.

Doch nicht nur seine Füße, auch die Haut an den Armen und auf dem Kopf brannte wie Feuer. Immer öfter musste er den Hut abnehmen. Das Leder scheuerte an seiner Stirn.

Mittlerweile war die Sonne als glühender Feuerball am fernen Horizont untergegangen, und Dave fühlte, wie sich sein Magen auf unangenehme Weise bemerkbar machte. Kein Wunder, er hatte den ganzen Tag über noch nichts gegessen – und von Wasser allein ließ es sich schlecht leben. Obwohl das nach wie vor noch am wichtigsten war. Aber wenn er nicht bald etwas zwischen seine Zähne bekam, dann würden seine Kräfte allmählich schwinden. Und was das bedeutete – dazu bedurfte es keiner großen Phantasie.

Die nächsten Stunden vergingen wie im Fluge, obwohl er nicht viele Yards weiterkam. Es war ein klarer Nachthimmel, und die Sterne zeigten sich in einem unbeschreiblichen Lichtermeer.

Er hatte gar nicht bemerkt, wie der stahlblaue Himmel sich immer weiter zurückgezogen hatte, nachdem die Sonne sterbend hinter dem Horizont abgetaucht war, nur um am nächsten Morgen in unbarmherziger Brutalität wieder auf ihn herab zu scheinen.

Die Dämmerung versprach Linderung und Kühle, aber der Hunger, der Hunger der in seinen Eingeweiden nagte, der blieb, und er wurde schlimmer, wie ein Tiger, der in seinem Käfig wütete, bis man ihn endlich freilassen würde.

Schritt um Schritt. Dave sah nur Sand und manchmal, wenn er sich schwach umdrehte, seine Fußspuren, doch die Nacht brach herein und löschte sie gnadenlos aus.

Eine fahle Mondsichel war aufgegangen und spendete über der weiten Ebene ein zauberhaftes silbernes Licht, so dass Dave einigermaßen gut sehen konnte. Immer weiter marschierte er, bis er schließlich die Organpipe-Kakteen sah, die sich gegen den Sternenhimmel als lichtlose Silhouetten abhoben. Er erreichte sie eine gute Viertelstunde später, zog sein Messer heraus und machte sich damit dann an den Kakteen zu schaffen. Und immer, immer wenn Dave später an diese Nacht dachte, dann hätte er schwören können, dass die Kakteen sich wehrten, jeder Stachel in seinen Händen tat weh, schmerzte fast so, wie der Marsch durch das öde Land mit einer sengenden Sonne unter einem stahlblauen Himmel.

 

*

 

Das weißliche Innere schmeckte nicht besonders und war ziemlich bitter. Aber Dave war nicht wählerisch, sondern schluckte es hinunter. Wenigstens bekam er auf diese Weise etwas in den Magen, was seinen Hunger stillte. Das musste so lange ausreichen, bis er vielleicht hier draußen auf Wild stieß, das er mit einem Schuss erledigen konnte. Allerdings glaubte er nicht so recht daran, denn er hätte schon geradezu unverschämtes Glück haben müssen, um hier in dieser elenden Wüste auf Wild zu stoßen.

Deshalb aß er so lange von dem bitteren Kakteenfleisch, schluckte und würgte und machte sich dann weiter auf den Weg in Richtung Berge, die auch jetzt immer noch nicht näherkommen wollten. Die flimmernde Hitze des vergangenen Nachmittags hatte ihn wohl getäuscht und ihm Nähe vorgegaukelt.

Als die Nacht und dann auch der fahle Mond sich dem hereinbrechenden Morgen und dann schließlich der aufgehenden Sonne beugen musste, hatte Dave schon ein gutes Stück Weg zurückgelegt und war seinem Ziel nun doch etwas näher gekommen. Nun aber würde er erneut eine Pause einlegen und versuchen, zu schlafen. Allerdings hatte er diesmal nicht so viel Glück wie beim letzten Mal, denn noch bevor sich Dave hinlegen konnte, kam auf einmal Wind auf, der Sandkörner mit sich brachte. Erst dann sah Dave, dass der Horizont seltsam verschwommen und undeutlich wirkte. Ein Fluch kam über seine Lippen, als ihm klar wurde, was das bedeutete. Da war ein handfester Sandsturm im Anzug, und er musste nun zusehen, wo er am besten Schutz suchte.

Während der Wind nun immer stärker wurde und ihm noch mehr Sand entgegen blies, hielt Dave verzweifelt Ausschau nach einer schützenden Stelle. Aber alles, was er fand, waren zwei verkrüppelte Dornensträucher, auf die er zu eilte und sich hinter ihnen eng an den Boden presste, um so wenigstens etwas dem Wind und dem Sand entgehen zu können. Er schloss die Augen, atmete ganz flach und hoffte, dass der Sturm nicht lange anhielt.

Um ihn herum versank die Welt in einer wirbelnden Masse aus gelbem Staub und braunem Sand, der wie Schmirgelpapier auf seiner geröteten Haut auch die letzten Hautfetzen glattschleifen wollte.

Er presste sich hinter einem robusten Busch in eine natürliche Senke, zog sich das Hemd über den Kopf und atmete flach in eine Trichtermulde aus seinen Händen. Er hatte das Gefühl, dass die einzelnen Sandkörner jede Feuchtigkeit aus seiner Zunge zogen.

Wenn der Sturm noch lange anhielt, würde er wohl ersticken, erstickt von seiner eigenen Zunge, die sich wie ein Stück Leder anfühlte, was ihm die Indianer in den Mund gesteckt hätten, wären sie seiner lebend habhaft geworden.

Wie lange dieses Toben dauerte, konnte Dave nicht sagen, aber irgendwann ließ der Sandsturm nach und verschwand so plötzlich wie er gekommen war. In diesen Breiten war das aber nichts Besonderes.

Selbst das Liegen hatte ihn erschöpft.

Er wollte sich wieder erheben, als er plötzlich die Feuchtigkeit an seinem Hemd spürte. Kreidebleich stellte er Sekunden später fest, dass der Ziegenlederschlauch an seinem Gürtel ein Loch hatte und das Wasser ausgelaufen war. Wahrscheinlich hatte sich ein Zweig des Domgestrüpps in dem Lederschlauch verhakt und dann ein Loch gerissen. Und während der Sturm getobt hatte, war das Wasser ausgelaufen, ohne dass dies Dave bemerkt hatte.

»Gottverdammt«, murmelte Dave, weil er wusste, was das bedeutete. Ohne Wasser würde es ihm nie gelingen, die andere Seite der Berge zu erreichen – geschweige denn Agua Fria!

Nur eine einzige Träne der Wut stahl sich aus seinem linken Auge, mehr Flüssigkeit war sein Körper nicht mehr bereit zu opfern.

Verbittert nahm er Gewehr und Satteltaschen an sich und marschierte dennoch weiter. Er versuchte nicht daran zu denken, dass er kein Wasser mehr hatte, aber der Durst wurde immer stärker...

 

*

 

Die Satteltaschen hatte er irgendwann achtlos fallen lassen. Vielleicht vor ein paar Tagen – vielleicht auch erst vor ein paar Stunden. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern. Sie lagen irgendwo hinter ihm in der vor Hitze flimmernden Ebene. Und das Gewehr war so unendlich schwer, dass er es kaum noch tragen konnte. Es wurde heiß am Tag und war ein Klotz auf seiner Schulter, wenn die Dämmerung über ihn hereinbrach.

Trotzdem schleppte Dave die Waffe noch weiter, denn irgendwo in ihm existierte noch die vage Hoffnung, dass er sie bald gebrauchen konnte, um Wild zu erlegen.

Dave hatte die Augen zu schmalen Schlitzen zusammengekniffen und sich den Hut tief in die Stirn gezogen, um so nicht in die grelle Sonne blicken zu müssen. Sein Schädel fühle sich inzwischen an, als müsste der Hut einfach nur drei Nummern größer ein, um zu passen. Doch er spendete Schatten! Schnee, dachte Dave und leckte sich bei diesem Gedanken über die rissigen, aufgesprungenen Lippen. Was gäbe ich jetzt für dichten, weißen Schnee. Und Kälte, Schnee der seine Haut mit einem kühlen Verband ummanteln würde. Und Schneetreiben, das diesen elenden stahlblauen Himmel endlich ausradieren würde. Diese wabernde Hitze bringt mich noch ganz um den Verstand!

Er war so in seiner eigenen Wintergedankenwelt versunken, dass er nicht auf die Steine vor seinen Stiefeln achtete und ins Taumeln geriet. Dann fiel er schwer zu Boden, und es kostete eine Menge Kraft, um sich wieder aufzurappeln und dann den mühseligen Weg fortzusetzen. Aber irgendwie schaffte er es, wieder einen Fuß vor den anderen zu setzen, immer weiter in Richtung der Berge, die so nahe und doch gleichzeitig so unerreichbar fern für ihn waren.