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Diplomarbeit aus dem Jahr 2007 im Fachbereich VWL - Wettbewerbstheorie, Wettbewerbspolitik, Note: 2,0, FernUniversität Hagen, Sprache: Deutsch, Abstract: Die vorliegende Arbeit widmet sich insbesondere der ökonomischen Analyse der Interdependenzen zwischen Korruption und Wettbewerb. Nach einer konzentrierten und globalen Betrachtung des Korruptionsphänomens wird der Fokus anschließend auf den zu untersuchenden Hauptaspekt gelegt und dieser im Gesamtzusammenhang differenziert dargestellt. Um bei diesem komplexen Themengebiet den „roten Faden“ nicht zu verlieren, erfolgt an dieser Stelle zunächst die Erläuterung der genauen Vorgehensweise dieser Arbeit. Die direkt folgenden Zusammenfassungen der einzelnen Kapitel werden im Verlauf dieser Diplomarbeit dem jeweiligen Kapitel noch einmal vorangestellt, um die Orientierung zu erleichtern und die Stringenz der Vorgehensweise explizit zu unterstreichen. Im Anschluss an diese Agenda wird der komplexe Begriff des Korruptionsphänomens hergeleitet und für eine ökonomische Analyse definiert und von ähnlichen bzw. verwandten Disziplinen und Sachgebieten abgegrenzt. Eine Darstellung der unterschiedlichen Systematiken zur Einordnung der verschiedenen Korruptionsarten erfolgt, um die Komplexität und das große Spektrum des Auftretens des Korruptionsphänomens zu systematisieren. Durch eine kurze Vorstellung einiger typischer Fallbeispiele aus unterschiedlichen Bereichen wird das omnipräsente und facettenreiche Auftreten der Korruption unterstrichen. Nach einer Vorstellung der wichtigsten ökonomischen Analyseansätze werden die theoretischen und empirischen Erkenntnisse zu Ursachen, Folgen und Gegenmaßnahmen der Korruption erörtert und die allokative Ineffizienz und Schädlichkeit der Korruption untersucht Die Erkenntnisse zu den Interdependenzen zwischen Korruption und Wettbewerb in theoretischer und empirischer Hinsicht werden zunächst umfassend dargestellt. Anschließend werden die wichtigsten Aussagen der theoretischen und empirischen Literatur tabellarisch präsentiert, für die theoretische Literatur werden zusätzlich spezifische Prämissen dargestellt und kritisiert, für die empirische Literatur werden die zugrunde liegenden Datensätze aufgeführt. Abschließend werden die dargestellten Erkenntnisse diskutiert. Die Beiträge der einzelnen Wissenschaftler sind nach ihrem Erkenntnisobjekt den entsprechenden Unterkapiteln zugeordnet und werden dort in chronologischer Reihenfolge dargestellt. Der ihnen zugemessene Raum entspricht dem ihnen vom Verfasser dieser Arbeit zugesprochenen Erkenntnisgewinn.
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Veröffentlichungsjahr: 2007
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FACHBEREICH WIRTSCHAFTSWISSENSCHAFT
Diplomarbeit im wirtschaftswissenschaftlichen
Diplomstudiengang
Im Fach: Wirtschaftstheorie
Über das Thema: Wettbewerb und Korruption
Von: Mirko Heinrich
Abgabedatum: 24.07.2007
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Die vorliegende Arbeit widmet sich insbesondere der ökonomischen Analyse der Interdependenzen zwischen Korruption und Wettbewerb.
Nach einer konzentrierten und globalen Betrachtung des Korruptionsphänomens wird der Fokus anschließend auf den zu untersuchenden Hauptaspekt gelegt und dieser im Gesamtzusammenhang differenziert dargestellt.
Um bei diesem komplexen Themengebiet den „roten Faden“ nicht zu verlieren, erfolgt an dieser Stelle zunächst die Erläuterung der genauen Vorgehensweise dieser Arbeit. Die direkt folgenden Zusammenfassungen der einzelnen Kapitel werden im Verlauf dieser Diplomarbeit dem jeweiligen Kapitel noch einmal vorangestellt, um die Orientierung zu erleichtern und die Stringenz der Vorgehensweise explizit zu unterstreichen.
Im Anschluss an diese Agenda wird der komplexe Begriff des Korruptionsphänomens hergeleitet und für eine ökonomische Analyse definiert und von ähnlichen bzw. verwandten Disziplinen und Sachgebieten abgegrenzt. Eine Darstellung der unterschiedlichen Systematiken zur Einordnung der verschiedenen Korruptionsarten erfolgt, um die Komplexität und das große Spektrum des Auftretens des Korruptionsphänomens zu systematisieren. Durch eine kurze Vorstellung einiger typischer Fallbeispiele aus unterschiedlichen Bereichen wird das omnipräsente und facettenreiche Auftreten der Korruption unterstrichen. Nach einer Vorstellung der wichtigsten ökonomischen Analyseansätze werden die theoretischen und empirischen Erkenntnisse zu Ursachen, Folgen und Gegenmaßnahmen der Korruption erörtert und die allokative Ineffizienz und Schädlichkeit der Korruption untersucht. (Kapitel 1)
Die Erkenntnisse zu den Interdependenzen zwischen Korruption und Wettbewerb in theoretischer und empirischer Hinsicht werden zunächst umfassend dargestellt. Anschließend werden die wichtigsten Aussagen der theoretischen und empirischen Literatur tabellarisch präsentiert, für die theoretische Literatur werden zusätzlich spezifische Prämissen dargestellt und kritisiert, für die empirische Literatur werden die zugrundeliegenden Datensätze aufgeführt. Abschließend werden die dargestellten Erkenntnisse diskutiert. Die Beiträge der einzelnen Wissenschaftler sind nach ihrem Erkenntnisobjekt den entsprechenden Unterkapiteln zugeordnet und werden dort in chronologischer Reihenfolge dargestellt. Der ihnen zugemessene Raum entspricht dem ihnen vom Verfasser dieser Arbeit zugesprochenen Erkenntnisgewinn. Die vier bedeutendsten dieser Ansätze werden zusätzlich durch eine ausführlichere Darstellung im Anhang gewürdigt, um die extrahierten Erkenntnisse mit weiteren, für den Untersuchungsschwerpunkt dieser Arbeit nicht unmittelbar
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relevanten Erkenntnissen zu verknüpfen und die Einordnung in den Gesamtzusammenhang zu erleichtern (Kapitel 2).
Eine analysierende Synthese der erörterten Aspekte, eine kurze Darstellung der daraus resultierenden wirtschaftspolitischen Implikationen, eine kritische Würdigung des aktuellen Forschungs-standes und ein kurzer Ausblick auf potentielle zukünftige Forschungsschwerpunkte bilden den Abschluss dieser Diplomarbeit. (Kapitel 3)
Für die weitere Bearbeitung wird der komplexe Begriff des Korruptionsphänomens hergeleitet und für eine ökonomische Analyse definiert und von ähnlichen bzw. verwandten Disziplinen und Sachgebieten abgegrenzt.1
Das Wort Korruption stammt etymologisch betrachtet als Abstraktum des Adjektivs ‚korrupt‘ vom lateinischen zusammengesetzten Infinitivcorrumpere(verderben, verführen, vernichten, entkräften, entstellen, untergraben, bestechen) ab. Dieses setzt sich aus dem Präfixcor(ganz, völlig) und dem Verbrumpere(verletzen, vernichten, zerstören, zerbrechen) zusammen. Grundsätzlich bezieht sich das „Verdorben sein“ sowohl auf einen moralischen als auch auf einen physikalischen Zustand. Im Deutschen wird in erster Linie das moralische „Verdorben sein“ (bestechlich sein) mit dem Begriff assoziiert. Im Englischen bedeutetcorruptsowohl letzteres als auch das physikalische „Verdorben sein“ (unbrauchbar, verdorben, schlecht).
Häufig wird Korruption knapp als Missbrauch anvertrauter Macht zum privaten Nutzen oder Vorteil definiert.2
Das Spektrum der deutschen Übersetzungen verdeutlicht die Vielschichtigkeit dieses Begriffes und die Problematik der Definition.3
Die Soziologie4als interdisziplinäre Sozialwissenschaft beschäftigt sich in erster Linie mit der Frage, wie sich Korruption unter den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen entfalten und
1Eine Abgrenzung der einzelnen (Teil-)Disziplinen ist schwierig und nicht immer trennscharf. Dies wird auch an den unterschiedlichen Abgrenzungen in der einschlägigen Literatur deutlich. Die in dieser Arbeit getroffenen Abgrenzungen stellen somit immer nur eine mögliche und nicht die einzig denkbare oder richtige Vorgehensweise dar.
2Diese Definition wird u.a. von Transparency International benutzt und liegt auch dieser Arbeit zugrunde. Vgl. WIEHEN (2001), S. 15. Manche Definitionen beziehen sich dagegen explizit auf den Missbrauch öffentlicher Macht. Eine weitere Definition: „Korruption ist eine soziale Beziehung zwischen individuellen Akteuren in den Rollen von Amtswalter und Klient, die unter Missachtung der auf das Rollenhandeln gerichteten universalistischen Erwartungen um die partikularistische Komponente eines persönlichen Austauschverhältnisses erweitert wird.“ Vgl. HÖFFLING (2002), S. 25, WELTBANK (1997).
3Vgl. GNEUß (2002), S. 9.
4Die Soziologie erhebt den Anspruch mit soziologischen Methoden und Theorien das soziale Zusammenleben in Gemeinschaften und Gesellschaften zu erforschen und zu beschreiben. Dazu fragt sie nach dem Sinn und den
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gestalten kann. Dabei wird die Funktion der Beziehungen im Zusammenspiel sozialer Deutungen, Erwartungen, Handlungen, Normen und Institutionen betrachtet. Die Dimensionen sind hierbei die Korruption als symbolische Verdichtung des Unmoralischen, Korruption als qualifizierter Normenverstoß und Korruption als Form der Kriminalität5. Sozialwissenschaftlich lässt sich Korruption individualethisch als persönlicher Defekt eines Einzelnen, institutionenethisch als Interaktionsfeld dieser Individuen bei Vorhandensein institutioneller Strukturen oder moralisch als individueller Normenverstoß herleiten.6
Die Kriminologie als interdisziplinäres Forschungsgebiet aus Soziologie, Philosophie, Pädagogik, Psychologie, Ethnologie und (Straf-) Rechtswissenschaften beschäftigt sich mit den Ursachen, Formen und Möglichkeiten der Prävention von kriminellen Handlungen.7Wichtige Korruptionsfelder bilden Straftaten wie Bestechung, Unterschlagung, Veruntreuung, Berichtsfälschung, Schmuggel, Patronage und Nepotismus.8
Die ethische Perspektive dagegen beschäftigt sich anstelle der Dimensionen Recht und Legalität mit den Dimensionen Moral und Legitimität.9
Für die wirtschaftswissenschaftliche Betrachtung lässt sich Korruption als ein Austauschprozess von Gütern auf einem Markt zwischen mindestens zwei ihre Wohlfahrt maximierenden Personen oder Gruppen definieren. Eine der beteiligten Parteien handelt dabei entgegen allgemeiner gesellschaftlicher Normen, den Akteuren ist bewusst, dass sie im Falle der Aufdeckung mit Sanktionen rechnen müssen.10Für das Zustandekommen von Korruption muss auf der einen Seite subjektive Korruptionswilligkeit und auf der anderen objektive Korruptionsfähigkeit vorhanden sein.11Da es sich bei dem Markt regelmäßig um einen unvollkommenen Markt handelt, fallen entsprechende Transaktionskosten12an. Korruption kann außerdem auch als illegales und unproduktives Rent-Seeking bezeichnet werden. Beim Rent-Seeking wird nach (Monopol-)Renten gesucht, die ein
Strukturen des sozialen Handelns und den damit verbundenen Werten und Normen. Sie untersucht die Gesellschaft als Ganzes sowie gesellschaftliche Teilgebiete wie soziale Systeme, Institutionen, Gruppen und Organisationen.
5Vgl. HÖFFLING (2002).
6Vgl. AHLF (2003), S. 143f, GNEUß (2002), S.67, HÖFFLING (2002), S. 15.
7Vgl. BAUMANN/WEBER/MITSCH (2003), BOCK (2000), EISENBERG (2000), ALBRECHT (1999), BOTTKE (1998), KAISER (1997), BERCKHAUER (1981).
8Vgl. HEBERER (2001), S. 5. Aus kriminalistischer bzw. kriminologischer Perspektive ist bemerkenswert, dass der Begriff ‚Korruption‘ im Deutschen Strafrecht nicht verwendet wird. Die Delikte der §§ 331-335 werden nichtsdestotrotz im allgemeinen Sprachgebrauch ‚Korruptionsdelikte‘ genannt. Stattdessen werden in diesem Zusammenhang die Begrifflichkeiten ‚Vorteilsannahme‘ und ‚Bestechlichkeit‘ bzw. ‚Vorteilsgewährung‘ und ‚Bestechung‘ verwendet. Eine Einstufung der Korruptionsdelikte erfolgt durch das Gesetz anhand der Merkmale Unrechtsgehalt der Tat und der Aktivität/Passivität bzw. Geber-/Nehmerrolle der Tatbeteiligten. Die Straftatbestände der Bestechung (§ 334), Bestechlichkeit (§ 332), Vorteilsgewährung (§ 333), Vorteilsannahme (§ 331), Unterschlagung (§ 246), Begünstigung (§ 257), Untreue (§ 266), Betrug (§ 263ff), Submissionsbetrug (§ 263), Geldwäsche und Verschleierung unrechtmäßiger Vermögenswerte (§ 261), Wählerbestechung (§ 108b) und Abgeordnetenbestechung (§ 108e) werden im StGB geregelt. Vgl. HÖFFLING (2002), S. 17f, SCHREIER (2002), S. 10, HARDT (2001), S. 12, CREMER (2000), S. 21ff, BORNER/SCHWYZER (1999), S. 22, KRUG (1997), S. 10, VOGT (1997), S. 17.
9Vgl. PIES (2003), PIES (2001), HOMANN/PIES (2000), PIES (2000), HOMANN (1997b).
10Vgl. MAAK/ULRICH (1999), S. 105.
11Vgl. RICKS (1995), S. 193ff.
12Dem Transaktionskostenansatz liegt der Gedanke zugrunde, dass die Benutzung der Koordinationsinstrumente Markt und Hierarchie Transaktionskosten verursacht. Diese entstehen bei der Bestimmung, Übertragung und Durchsetzung von Verfügungsrechten und können ein Maß für die Effizienz einer Organisation sein. Vgl. STEINRÜCKEN (2003), S. 125ff, GRAF LAMBSDORFF (1999), S. 59.
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Einkommen ohne Leistung am Markt generieren. Wohlfahrtsökonomisch handelt es sich hierbei um Ressourcenverschwendung, da die Einkommen nicht aus der Produktion von Gütern oder Dienstleistungen stammen und häufig hohe Transaktionskosten anfallen.13Die Renten werden aufgrund von Transaktionskosten, Eintrittsbarrieren, und Koordinierungsproblemen nicht vollständig in Schmiergeldzahlungen transferiert.14
Interessengruppen und Lobbyisten betreiben im Gegensatz zu den Korrumpeuren im Normalfall legales Rent-Seeking, wenn sie versuchen politische Entscheidungsträger zu beeinflussen und Transferleistungen zu erhalten.15
Bei Nepotismus (lat.nepos,der Neffe) bzw. Vetternwirtschaft handelt es sich um eine Sonderform der Korruption. Hierbei werden bestimmte Gruppen, insbesondere Familienangehörige, Glaubensbrüder und Parteimitglieder, mit denen ausgeprägte soziale Beziehungen bestehen normwidrig bevorzugt. Es erfolgt eine monetäre Leistung oder es werden Gegenansprüche nichtmonetärer Art begründet, die im Zeitverlauf eingefordert werden. Begründet kann dieses Verhalten in traditionellen familiären Solidaritätsverpflichtungen oder dem Bestreben nach der Absicherung der eigenen Stellung sein.16
Bei der Parteibuchkorruption bzw. Ämterpatronage werden Personen aufgrund ihrer Partei- bzw. Verbandszugehörigkeit bei der Vergabe öffentlicher Posten gegenüber besser qualifizierten anderen Konkurrenten bevorzugt.17
Unter Anfüttern wird eine mehrfache Beschenkung insbesondere eines Beamten mit kleineren Geschenken zum Zwecke der Einforderung einer späteren Gegenleistung aufgrund des schleichenden Eingehens eines Abhängigkeitsverhältnisses verstanden.18
Eine Darstellung der unterschiedlichen Systematiken zur Einordnung der verschiedenen Korruptionsarten erfolgt, um die Komplexität und das große Spektrum des Auftretens des Korruptionsphänomens zu systematisieren.
Korruption lässt sich in situationsbedingte, strukturelle und netzwerkartige Korruption untergliedern.19Die Einordnung erfolgt nach den quantitativen Kriterien zeitliche Ausdehnung und
13Vgl. KRETSCHMER (2002), S. 12, OBINGER (2000), S. 97 DIETZ (1998), S. 20, NITZAN (1994), HILLMAN/KATZ (1987).
14Vgl. RASMUSEN/RAMSEYER (1994), TULLOCK (1990), TULLOCK (1980).
15Vgl. HARSTAD/SVENSSON (2006), GAWANDE/KRISHNA (2005), PEROTTI/VOLPIN (2004), DAMANIA/FREDRIKSSON/MANI (2003), SCHMIDT (2003), S. 94, STEINRÜCKEN (2003), S. 160ff, GRAF LAMBSDORFF (2002), BARDHAN/MOOKHERJEE (2000).
16Vgl. CREMER (2000), S. 26, DIETZ (1998), S. 38, HUTCHCROFT (1991).
17Vgl. SCHMIDT (2003), S. 89, SCHMIDT-HIEBER (2003), S. 86ff, RÖBER (2001), S. 6.
18Vgl. BANNENBERG (2003), S. 46, GNEUß (2002), S. 10ff, DIETZ (1998), S. 39.
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Umfang des Teilnehmerkreises. Unter situationsbedingter Korruption ist die typische Gelegenheitskorruption oder Bagatellkorruption mit eng begrenztem zeitlichem Ausmaß zu verstehen, die Begegnung der Akteure geschieht häufig zufällig und einmalig (z.B. Polizistenbestechung bei einem Verkehrsdelikt oder Bestechung zur Erlangung von behördlichen Genehmigungen).20Charakteristisch für strukturelle Korruption sind dauerhafte, geplante Transaktionen mit hohen Bestechungsleistungen und größerem Beteiligtenkreis insbesondere in den Bereichen hoheitliches Verwaltungshandeln (z.B. illegaler Verkauf von Führerscheinen) und privatrechtliche Beziehungen öffentlicher Verwaltungen (Manipulation bei der Auftragsvergabe im öffentlichen Bausektor/Submissionsbetrug).21Kennzeichnend für korrupte Netzwerke ist eine große Anzahl systematischer und dauerhafter Beziehungen mit hohem Organisationsgrad. Die Übergänge zu Korruptionskartellen, Bestechungssyndikaten und der organisierten
Wirtschaftskriminalität22sind fließend. Typische Fälle sind hier umfassende Bauaufträge.23
In Abhängigkeit des Grades der Institutionalisierung (gering ausgeprägt: Korruption als abweichendes Verhalten/isolierte Korruption, stark ausgeprägt: Korruption als konformes Verhalten/systemische Korruption) und der Beziehungsstabilität (gering ausgeprägt: Korruption als flüchtige Interaktion/situative Korruption, stark ausgeprägt: Korruption als auf Dauer gestelltes Beziehungssystem/strukturelle Korruption) lässt sich Korruption in riskante Korruption (geringe Ausprägung beider Merkmale), intime Korruption (hohe Beziehungsstabilität/geringer Institutionalisierungsgrad), alltägliche Korruption (geringe Beziehungsstabilität/hoher Grad der Institutionalisierung) und expansive Korruption (starke Ausprägung beider Merkmale) unterteilen.24
Korruption lässt sich in Entlastungskorruption (corruptionwith theft)und Belastungskorruption (corruptionwithout theft)unterteilen. Bei der sozialschädlichen Entlastungskorruption entsteht der Korruptionsgewinn durch Entwendung von Gütern des Prinzipals oder durch Befriedigung der Nachfrage des Prinzipals25zu einem überhöhten Preis bzw. durch Verkauf des Angebots zu einem
19Vergleichbar ist eine Unterteilung in individuelle, institutionelle und systemische Korruption. Vgl. HEBERER (2001), S. 5. Ebenfalls vergleichbar ist eine Unterteilung inspot-market-und relationale Korruption. Vgl. SCHRAMM/TAUBE (2001), S. 4f.
20Vgl. BANNENBERG (2003), S. 45, HÖFFLING (2002), S. 32ff, LAMBERT-MOGILIANSKY (2002).
21Vgl. BANNENBERG (2003), S. 45, HÖFFLING (2002), S. 32ff.
22Teilweise wird die Auffassung vertreten, dass mindestens ein Funktionsträger des öffentlichen Sektors involviert sein muss, teilweise wird auch die umfassendere Sicht vertreten, dass auch in rein privatwirtschaftlichen Beziehungen Korruption auftreten kann. Vgl. BUSCAGLIA/VAN DIJK (2005), KRETSCHMER (2002), S. 9, BORNER/SCHWYZER (1999), S. 22ff, MÜLLER/WABNITZ/JANOVSKY (1997),
23Vgl. BANNENBERG (2003), S. 47f, HÖFFLING (2002), S. 46ff.
24Vgl. HÖFFLING (2002), S. 78ff.
25In der Prinzipal-Agent-Theorie (Teilgebiet der Neuen Institutionenökonomik) beauftragt der Prinzipal den Agenten mit der Erfüllung einer Aufgabe. Dies entspricht der Arbeitsteilung und Spezialisierung in der modernen Welt. Aufgrund asymmetrischer Informationen ist der Prinzipal den Auswirkungen opportunistischen Verhaltens des zur Aufgabenerfüllung mit Handlungsspielräumen ausgestatteten Agenten ausgesetzt. Vgl. DHAMI/AL-NOWAIHI (2005), PICOT (1990), S. 150, WENGER/TERBERGER (1988). Risiken aus vorvertraglichen Informationsasymmetrien können zuadverse selection(Beauftragung eines ungeeigneten Agenten) führen, Informationsasymmetrien nach Vertragsschluss können zumoral hazardführen. Vgl. WOLFF (1995), S. 64f, BESLEY/MCLAREN (1993), ARROW (1985), S. 39.Moral hazardsetzt sich in Abhängigkeit von der Einflussart der Informationsasymmetrie aushidden action(der Prinzipal kann die Handlungen des Agenten aufgrund vertragsendogener Einflüsse nicht beobachten) undhidden information(Möglichkeit der Informationsmanipulation durch den Agenten aufgrund exogener Einflüsse, dieseinfluence activitiesstellen eine verbreitete Möglichkeit innerbetrieblichen rent-seekings dar) zusammen. Vgl.6
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künstlich gesenkten Preis. Klient und Agent entlasten sich somit auf Kosten des Prinzipals. Erstere bilden somit eine harmonische Interessensgemeinschaft. Entlastungskorruption setzt dezentral an und wird daher auch alsbottom-up-Phänomenbezeichnet. Bei der Belastungskorruption bereichert sich der Agent erpresserisch zu Lasten des Klienten. Der Korruptionsgewinn entsteht durch Befriedigung der Nachfrage des Prinzipals zu einem künstlich niedrigen Preis und der Nichtweitergabe dieser Differenz zum üblichen Preis oder durch den Verkauf einer Leistung zu einem überhöhten Preis. Der Agent eignet sich Teile der Produzenten- bzw. Konsumentenrente an, dies bedingt die vorherige Schaffung einer künstlichen Knappheit. Die Belastungskorruption setzt außerdem eine Involvierung übergeordneter Hierarchieebenen voraus, da der Klient einen Denunziationsanreiz hat und wird auch alstop-down-Phänomenbetitelt.26
Die Korruption lässt sich auch in Abhängigkeit ihres Zieles klassifizieren. Bei der Erzielung eines höheren Ertrages versucht der Korrumpeur als Verkäufer (Käufer) einer Leistung einen höheren (niedrigeren) Preis durchzusetzen oder die Produkteigenschaften bzw. Liefer/Zahlungsbedingungen zu beeinflussen und somit seinen Ertrag zu maximieren.27Bei der Sicherstellung der Abnahme oder Zuteilung wird versucht, diese bei Knappheit der Leistung und ggf. fehlenden objektiven Voraussetzungen zu garantieren.28Bei der Vermeidung von Zeitkosten steht die Beschleunigung der Entscheidungsprozesse im Vordergrund um Zeitkosten zu minimieren.29Außerdem kann versucht werden eine illegale Handlung durch Korruption zu verdecken bzw. die Bestrafung zu verhindern.30
Eine Klassifizierung der Korruptionsziele in Zeitersparnis/Umgehung von Regulierungen, Beeinflussung des Rechts-/Verordnungsverfahrens, Reduzierung öffentlicher Abgaben, Erlangung staatlicher Leistungen und Erlangung staatlicher Verträge ist ebenfalls denkbar.31
Eine Unterscheidung in Groß- und Kleinkorruption,32sowie in Elitenkorruption (Beteiligung der politischen Elite und gesellschaftlicher Kerngruppen) und Alltagskorruption33(Beteiligung der mittleren und unteren Beamtenschaft) ist außerdem denkbar.
MILGROM/ROBERTS (1992), S. 271ff. Als Maßnahmen zur Eindämmung der Risiken ausadverse selectionundmoral hazardwerdensignalling-undscreening-Mechanismenrespektivemonitoring-Mechanismenund die Implementierung eines Anreizsystems zur Vereinheitlichung der Interessen und Betroffenheiten von Prinzipal und Agent empfohlen. Ist eine Institution vollständig durch Anreizeffiziente Vertragsmechanismen organisiert, so ist sie effizient (die Agency-Kosten sind minimiert). Im Gegensatz zumhold-up(einseitige Abhängigkeiten, die auch bei Informationssymmetrie möglich sind) resultieren Agency-Probleme aus Informationsasymmetrien. Vgl. JENSEN/MECKLING (1976), S. 308.
26Vgl. PIES (2003), S. 3ff, PIES (2002), S. 13ff, SHLEIFER/VISHNY (1993).
27Vgl. VOGT (1997), S. 54, NEUGEBAUER (1978), S. 11f.
28Vgl. NEUGEBAUER (1978), S. 11f.
29Vgl. NEUGEBAUER (1978), S. 11f. Die Frage, ob Prozesse von den Bürokraten bewusst verzögert werden, wird in der Literatur kontrovers diskutiert. Vgl. ANDVIG (1991), S. 87, LUI (1985), S. 778, MYRDAL (1968a), S. 954f, SHANTANAM (1964), S. 9f.
30Vgl. KUGLER/VERDIER/ZENOU (2004), NEUGEBAUER (1978), S. 12.
31Vgl. GRAY/KAUFMANN (1998), S. 7f. Dies ähnelt der Unterscheidung in reine Korruptionsgeschäfte und Korruptionsgeschäfte als Zusatzgeschäfte. Vgl. ENGERER (1998), S. 2, SCHMIDT/GARSCHAGEN (1988), S. 567.
32Vgl. ROSE-ACKERMAN (1999).
33Vgl. BÖRNER/HAINZ (2004),VANRIJCKEGHEM/WEDER (2001), GROENENDIJK (1997), HEBERER (2001), S.5. Diese Unterteilung entspricht der Differenzierung in politische Korruption (grandcorruption)und administrative Korruption7
