What If - Melina Coniglio - E-Book
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What If E-Book

Melina Coniglio

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Beschreibung

»Aber Happy-Ends sind nur Geschichten, die noch nicht beendet sind, richtig?« Pangea, 2121: Der Alltag der Menschheit wird von den Soulchips bestimmt. Diese sorgen dafür, dass jedes Individuum sein genetisch perfekt passendes Gegenstück trifft. Virginie Duchannes ist dabei nur eine unter Millionen, die ihren Seelenpartner bereits getroffen hat. Seit zwei Jahren lebt die 20-Jährige mit ihrem Freund Ilay in einer glücklichen Beziehung und kann sich ein Leben ohne ihn längst nicht mehr vorstellen. Als sie dann jedoch zufällig dem unscheinbaren Joah begegnet, dem Jungen mit den vielen Wunden, wird plötzlich ihr komplettes Leben auf den Kopf gestellt und ein schicksalhaftes Spiel um Leben und Tod beginnt.

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Seitenzahl: 280

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Inhaltsverzeichnis

Playlist

Eine Nachricht für die Nachwelt

Als die Welt sich noch drehte

Der Moment, der alles veränderte

Zwei ist einer zu viel

Die Ruhe vor dem Sturm

Verbotene Küsse

Das Herz will, was das Herz will

Geister der Vergangenheit

Die letzte Rettung

Die Wahrheit und ihre Konsequenzen

Sein wahres Gesicht

Alle guten Dinge enden

Ein Neuanfang

Danksagung

Die Autorin

Besuchen Sie uns im Internet:

https://www.talawah-verlag.de/

https://www.facebook.com/talawahverlag

erschienen im Talawah Verlag

1. Auflage 2019

© Talawah Verlag

Text: Melina Coniglio

Umschlaggestaltung:Jaqueline Kropmanns

https://jaqueline-kropmanns.de/

Lektorat: Sandra Florean

https://sandraflorean-autorin.blogspot.com/

Satz / Layout: Grittany Design

https://www.grittany-design.de/

unter Verwendung von:

© Shutterstock - pro500 | Pogorelova

ISBN: 978-3-947550-38-8

What If – SafetySuit

Supergirl (Acoustic Version) – Anna Naklab, Alle Farben

Streets Of Gold – 3OH!3

Far Too Young To Die – Panic! At The Disco

White Tiger – Our Last Night

Witchcraft – Pendulum

Denied – Sonic Syndicate

A Mark On My Soul – Imminence

The Heart Wants What It Wants (Cover) – The Animal In Me

The Night We Met – Lord Huron

End Of Me – A Day To Remember

Just Say You´re Not Into It – Mayday Parade

We Still Believe (Acoustic Version) – Stick To Your Guns

End Of A Good Thing – Cory Wells

Chang – PNL

Für Sarah, die Erschafferin von Virginie. Ohne dich wäre ich nicht die Autorin, die ich heute bin. Danke, dass du mich damals auf Fanfiktion.de angeschrieben hast.

Es war später Abend, als sich Cassandra zum wiederholten Mal an ihren Schreibtisch setzte. Sie hatte bereits Feierabend, was sie jedoch nicht daran hinderte, erneut ihren Rechner hochzufahren. Etwas ließ ihr keine Ruhe. In ihrer Brust klaffte eine gähnende Leere, die sie von innen heraus zu zerfressen drohte, und sie wusste nicht, woher sie kam. Es war ein instinktives Gefühl, die Vermutung, dass etwas nicht stimmte. Sie ahnte längst, welche schlimmen Dinge in der Zukunft passieren würden. Oh, wie recht sie doch damit hatte.

Sie holte tief Luft und sah mit ernstem Blick in die integrierte Kamera ihres Computerbildschirms, ehe sie die Videoaufnahme startete und ihre Stimme erhob.

»Hallo, mein Name ist Cassandra Callahan, und wir schreiben das Jahr 2121. Dies ist eine Nachricht für die Nachwelt: Meine Geschichte beginnt vor ungefähr hundert Jahren, als die verschiedenen Kontinente zu einem Superkontinent verschmolzen, den wir Pangeatauften. Die Erde war in der Vergangenheit schon lange kein friedlicher Ort mehr gewesen, jedoch wurden die zuvor bestehenden Konflikte durch die plötzliche räumliche Nähe der Nationen noch verstärkt. Wie es von Anfang an zu erwarten war, folgten daraufhin Krieg, Zerstörung und Tod.

Ich war damals eine ambitionierte Forscherin in den späten Dreißigern, die einen Masterabschluss in Anthropologie und zwei Doktortitel in Soziologie und Neurobiologie vorzuweisen hatte, mit deren Hilfe ich versuchte, mich für eine bessere Welt einzusetzen. Hand in Hand arbeitete ich mit den Oberhäuptern der damaligen Regierungen und ihren Völkern zusammen, um eine friedliche Lösung für Pangea zu finden.

Und tatsächlich, nach vielen Jahren des Krieges wurde mein Vorschlag für eine neue Regierung endlich wahrgenommen und angehört. Die Folge davon war, dass das alte System auf null zurückgesetzt wurde. Die ehemaligen Ländergrenzen wurden aufgehoben und die Oberhäupter abgesetzt. Stattdessen wurden sieben neue Staaten gegründet, in denen die Amtssprache Englisch eingeführt wurde. Daraufhin wurde ein Rat aus acht großen Wissenschaftlern ins Leben gerufen, von denen sieben über jeweils einen Staat regieren sollten. Ich war die achte im Bunde. Bis heute bin ich eines der Ratsmitglieder und lebe in dem Staat Mytilena, dem ehemaligen Europa. Durch hochentwickelte Klonforschung ist es den Ratsmitgliedern möglich, ewig zu leben und unser Vermächtnis weiterzuführen.

Anstatt über einen eigenen Staat zu herrschen, rief ich zusammen mit meinem Team die Kartei ins Leben: ein modernes Gesellschaftssystem, um die Geburtenrate von Pangea wieder zu erhöhen, da unsere Bevölkerung aufgrund der Kriege und Naturkatastrophen, die einst zur Verschmelzung der Kontinente geführt hatten, bedrohlich geschrumpft war. Gemeinsam entwickelten wir den sogenannten Soulchip, der Neugeborenen seit Anbeginn der Kartei eingepflanzt wird. Diese mit künstlicher Intelligenz ausgestatteten Chips verschmelzen mit der DNS und speichern die genetischen Codes ihrer Wirte. Wenn der Wirt auf die Person mit dem perfekt zu ihm passenden genetischen Code trifft und sie berührt, reagiert der Chip und erwählt die andere Person zu seinem Seelenpartner, der denjenigen fortan das restliche Leben über begleiten wird. Sobald ein Mensch seinen Seelenpartner getroffen hat, erscheint ein gut sichtbares individuelles Mal auf seinem Unterarm oder seiner Hand, um so der Gesellschaft zu signalisieren, dass derjenige seinen Gefährten bereits gefunden hat. Jeder Mensch hat einen für ihn geschaffenen Seelenpartner und nur den einen. Sie alle sind in dem System der Kartei registriert und werden zu ihrer eigenen Sicherheit überwacht.

Es gibt jedoch einen Haken: Wenn ein Mensch es nicht bis zu seinem einundzwanzigsten Geburtstag schafft, seinen Seelenpartner ausfindig zu machen, beginnt der Soulchip damit, ein langsam wirkendes Gift in den Körper zu injizieren, das sich schleichend ausbreitet. Anfangs verspürt der Wirt nur leichte Beschwerden, welche sich über die Jahre jedoch verschlimmern. Der Wirt hat ab dem Zeitpunkt der ersten Injektion bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr Zeit, seinen Seelenpartner zu finden, andernfalls stirbt er an dem Gift. Natürlich klingt das im ersten Moment grausam, aber es ist ein notwendiges Übel, das wir eingehen müssen, um so diejenigen auszulöschen, die sich gegen das System der Kartei auflehnen wollen.

Abgesehen von diesem, sagen wir mal: unangenehmen Beigeschmackverläuft der Werdegang Pangeas Gesellschaft und Regierung beinahe reibungslos. Es gibt keine Kriege mehr, keinen Hunger und auch keine Armut. Die Welt ist gut besiedelt, aber nicht überbevölkert, und die Wirtschaft boomt. Man könnte durchaus behaupten, dass wir das nahezu perfekte Utopia erschaffen haben.

Aber ich weiß, dass jedes System seine Fehler und Schwächen aufweist, so natürlich auch unseres. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis die Ära der Kartei schließlich ihr Ende findet.«

Cassandra stieß einen schweren Seufzer aus, bevor sie ein letztes Mal ernst in die Kamera schaute und mit einem gezielten Tippen auf das moderne Touchpad die Videoaufnahme beendete. Sie schloss die Augen und strich dabei ihre langen, schwarzen Haare nach hinten, um einen kühlen Kopf zu bewahren. Als sie sich wieder einigermaßen gesammelt hatte, erhob sie sich von ihrem schicken Chefsessel und wanderte langsam durch ihr beachtliches Büro, das sich im obersten Stockwerk des Geschäftsgebäudes der Kartei befand. Zielstrebig ging sie auf das große Panoramafenster zu, das die beste Aussicht auf die Hauptstadt Sona bot, und blieb vor diesem stehen. Fröstelnd schlang sie ihre Arme um sich und sah dabei nachdenklich nach draußen.

»Wieso hast du diese Nachricht aufgenommen?«, sprach eine raue Männerstimme aus den Schatten ihres Büros.

Ein verhaltenes Lächeln huschte über Cassandras Lippen. Kians Anwesenheit überraschte sie nicht.

»Du hast mich also beobachtet«, stellte sie mit ruhiger Stimme fest und musterte weiterhin die Menschen, die unten auf der Straße wie kleine Ameisen an dem fünfzig stöckigen Gebäude vorbeizogen.

»Ja, das habe ich tatsächlich. Du legst in letzter Zeit ein seltsames Verhalten an den Tag …«, erwiderte er mit kühlem Unterton, während er aus den Schatten an sie herantrat. »Ich mache mir Sorgen um dich, Cassandra.« Er schloss die starken Arme um ihren Bauch und schmiegte sich mit seinem warmen Körper an ihren Rücken, um ihr Halt zu geben.

»Ja, vielleicht hast du recht …«, murmelte sie halbherzig und legte ihren Kopf in den Nacken.

Kian Alvane wusste genau, wie er zu Cassandra durchdringen, wie er ihre tiefsten Gedanken und Gefühle aus ihr herauskitzeln konnte, denn er war ihr Seelenpartner, ihr Gegenstück. Er war ein paar Jahre jünger als sie, doch Alter war in ihren Augen schon immer nur eine Zahl gewesen. So hatte sie ihn damals im Alter von achtunddreißig Jahren kennengelernt, da war er gerade einmal achtundzwanzig geworden. Dank der Klonforschung waren sie bereits seit mehreren Jahrzehnten zusammen und sahen dennoch aus wie das blühende Leben. Er war das Licht und sie die Dunkelheit. Auch wenn Cassandra eine der mächtigsten Frauen ihrer Zeit war, so gab es durchaus Dinge, die sie nicht mit sich vereinbaren konnte, die aber trotzdem getan werden mussten. Und genau für diese Dinge war Kian da.

»Rede mit mir.«

Cassandra zögerte einen Moment. »Ein Sturm zieht auf, Kian. Ich spüre es.«

An jenem Punkt beginnt unsere Geschichte. Eine Geschichte, die von Anfang an dazu bestimmt war, in einer Tragödie zu enden.

»Behind every exquisite thing that existed,

there was something tragic.«

Oscar Wilde

Mit einer schweren Papiertüte bewaffnet, die bis oben hin mit Lebensmitteln und anderen Utensilien gefüllt war, stand Virginie Duchannes vor dem Ein-Zimmer-Apartment ihres besten Freundes Casper Altringham und suchte in den endlosen Weiten ihrer Handtasche nach ihrem Schlüsselbund. Mehrere Minuten verstrichen, die sie damit verbrachte, sich angestrengt durch den überflüssigen Kleinkram zu wühlen, den sie in großen Mengen in ihrer Tasche aufbewahrte, bis sie das Gesuchte glücklicherweise fand. Ihre Mundwinkel zuckten, während sie das unhandliche Metallbündel in ihrer Hand für einen kurzen Moment musterte.

Es beherbergte unter anderem den Schlüsselchip für ihre eigene Haustür, oder besser gesagt: für die von Ilays Eigentumswohnung, und zusätzlich die Chips für die Wohnungen ihrer besten Freunde Casper und Georgina, die noch aus der Zeit stammten, als sie jung und obdachlos gewesen war. Virginie hatte auf diese sogar ihre Namen gravieren lassen, denn obwohl jeder einzelne eine individuelle Passform besaß, so sahen sie für das bloße Auge alle gleich aus.

Seit zwei Jahren wohnte sie mit ihrem Seelenpartner zusammen, und doch hatte sie den beiden diese Ersatzschlüssel immer noch nicht zurückgegeben. Andererseits hatten sie auch nie darum gebeten. Vermutlich, damit Virginie sie im Krankheitsfall bemuttern konnte, so wie am heutigen Tag.

»Klopf, klopf!«, kündigte sie sich an, bevor sie Caspers gemütliche Wohnung betrat. »Ich hoffe, ich störe nicht?« Sie ließ die Tür ins Schloss fallen und spazierte durch den großen Wohnraum.

»Ginny, endlich bist du da!«, meldete sich Casper japsend zu Wort. »Ich sterbe hier!«

Ein amüsiertes Lächeln schlich sich auf Virginies volle Lippen, während sie Caspers wehleidigem Gejammer lauschte. Dieser lag halbtot und leichenblass in seinem Bett, umringt von zahlreichen benutzten Taschentüchern. Virginie erschrak zunächst bei seinem Anblick, konnte sich jedoch nach dem ersten Schock ein herzhaftes Lachen nicht verkneifen. Ja, sie lachte ihn regelrecht aus.

Casper hingegen war nicht sonderlich erfreut darüber, dass sich seine beste Freundin über seine schwere Männergrippe lustig machte.

»Ja, ja, lach du nur«, erwiderte er beleidigt, ehe er nach einem Taschentuch griff und sich damit kräftig die Nase putzte. »Du bist wirklich kaltherzig, Ginny.«

»Ach, du stellst dich an. Es ist doch nur eine Erkältung«, entgegnete sie und verdrehte die Augen. Sie schnappte sich Caspers Schreibtischstuhl, drehte ihn in Richtung Bett und machte es sich darauf gemütlich. Ihre Handtasche und die volle Einkaufstüte stellte sie neben ihren Füßen auf dem hellen Laminatboden ab.

»Außerdem war ich extra in der Apotheke und habe für dich eingekauft. So kaltherzig bin ich also nicht«, verteidigte sie sich und fischte dabei diverse Medikamente aus der Einkaufstüte, die sie neben Casper auf das Bett legte.

Dieser schnappte sich die Päckchen und nahm sie unter die Lupe.

»Oh, das gute Zeug also. Ich nehme alles zurück, was ich gesagt habe, denn du bist eindeutig die Beste!«, stieß er erleichtert aus, bevor er jeweils zwei Tabletten der unterschiedlichen Präparate in seine Hand schüttete und sie mit einem Glas Whiskey herunterspülte.

Virginie beobachtete ihn dabei missbilligend.

»Denkst du wirklich, dass es eine so gute Idee ist, Medizin mit hartem Alkohol zu mischen?«, fragte sie mit spitzer Stimme. Ihre hochgezogenen Augenbrauen verrieten, dass sie mit seiner Vorgehensweise überhaupt nicht einverstanden war.

»Meine Güte, du kannst manchmal so verklemmt sein! Lass mir doch auch einmal meinen Spaß, ja?«, erwiderte Casper. Erschöpft ließ er sich zurück in die weichen Kissen fallen und rieb sich die schmerzenden Schläfen.

»Ich mache mir doch nur Sorgen um dich«, beschwichtigte Virginie ihn. »Du kümmerst dich um absolut nichts, nicht einmal um die Suche nach deiner Seelenpartnerin. Dabei wirst du nächstes Jahr schon einundzwanzig! Dir ist schon klar, was das bedeutet, oder?«

»Du klingst ja schon wie meine Mutter, Ginny. Ich will mich einfach noch nicht binden, klar? Ich habe schließlich noch mein ganzes Leben vor mir. Außerdem kann nicht jeder so ein Glück haben wie du, seinem Seelenpartner direkt in die Arme zu laufen«, gab Casper zurück.

»Aber du bemühst dich ja nicht einmal, sie zu finden!«, rief Virginie entrüstet. Ihre hohe Stirn war in tiefe Zornesfalten gelegt, während sie ihre azurblauen Augen wütend zusammenkniff und dabei angespannt ihre Hände zu Fäusten ballte. Sie war ein temperamentvoller und vor allem launischer Mensch, der schnell aus der Haut fuhr und der häufig Streitereien provozierte. Es hatte keinen Sinn mit ihr zu diskutieren, vor allem nicht, wenn sie sich im Recht fühlte, da sie so stur war, dass man bei ihr grundsätzlich auf Granit biss. Gleichzeitig spielte sie häufig nur die starke, unnahbare Zicke, um ihre Unsicherheiten zu verbergen, was nach all dem, was ihr widerfahren war, nicht wirklich verwunderlich war.

Casper wusste das, da er Virginie kannte, seit er klein war. Sie waren in demselben konservativen Kuhkaff aufgewachsen und hatten praktisch ihr ganzes Leben miteinander verbracht. Dementsprechend hatte er über die Jahre gelernt, mit ihrer sturen Persönlichkeit umzugehen. Ihre wechselnden Launen und Wutausbrüche waren unter anderem der Grund dafür, warum er und Ilay sie hinter ihrem Rücken Vulkan Virginie nannten.

»Okay, okay, ist schon gut. Du hast ja recht, Vul–« Er stoppte sich, ehe er den Satz zu Ende gesprochen hatte.

»Wie bitte?«, fragte sie unvermittelt und warf ihm einen giftigen Blick zu.

Casper schluckte.

»Ähm, ich wollte nur sagen, dass du recht hast! Ich werde mich mehr bemühen, nicht schon mit dreißig abkratzen zu müssen«, lenkte er gekonnt vom Thema ab, was Virginie halbwegs zufriedenstellte. Sie warf ihm einen letzten misstrauischen Blick zu, bevor sie ihre Verteidigung fallen ließ und tief durchatmete. Casper fiel ein Stein vom Herzen, als sie seine Antwort akzeptierte und nicht weiter nachbohrte. Er wusste, dass sie es ihm und Ilay niemals verziehen hätte, wenn sie gewusst hätte, welchen Spitznamen sie ihr hinter ihrem Rücken gegeben hatten. Virginie war nämlich nicht nur unheimlich streitlustig, sondern auch nachtragend.

»Ich hoffe jedenfalls, dass die Tabletten helfen und du morgen wieder fit fürs Training bist. Ilay zählt auf dich«, sagte sie nach einer Weile.

»Ich weiß, er spammt mich schon die ganze Zeit mit Nachrichten zu, in denen er mir die Ohren vorheult und schreibt, dass ich morgen unbedingt wieder zur Arbeit erscheinen muss. Ich werde also mein Bestes geben. Versprochen«, erwiderte Casper grinsend, woraufhin auch Virginie lächeln musste.

»Gut, ich lasse dich jetzt wieder allein, denn ich muss heute noch ein paar Dinge erledigen. Hausarbeit und Kochen, das Übliche eben, du verstehst«, entgegnete sie, ehe sie aufstand und sich ihre Handtasche unter den Arm klemmte. Ihr lustloser Gesichtsausdruck sprach Bände. Sie war eine miserable Hausfrau, das wussten sowohl sie als auch alle anderen in ihrem Umfeld. Dennoch versuchte sie, den Haushalt ohne Hilfe zu schmeißen, um sich nicht vollkommen nutzlos zu fühlen.

»Ich hätte mir dich wirklich niemals als häusliches Weibchen vorgestellt, Ginny.«

»Ich genauso wenig … und ich hoffe auch, dass sich das ändert, sobald ich endlich weiß, was ich mit meinem Leben anfangen soll.«

»I have the simplest tastes.

I am always satisfied with the best.«

Oscar Wilde

Konzentriert flog Ilay Hunters Blick über den Computerbildschirm. Er versuchte, jede noch so banale Information zu erhaschen und an sein Gehirn weiterzuleiten. Derweil steuerte er mit der Maus seinen Spielcharakter und ließ ihn mit Hilfe der Tastatur verschiedene Fähigkeiten ausüben.

Zusammen mit seinen vier Kollegen zockte er in dem Wohnzimmer eines geräumigen Apartments, das die Sponsoren ihres Teams extra für ihre regelmäßigen Trainingseinheiten gemietet hatten. Sie saßen in gemütlichen Chefsesseln an ihren Schreibtischen, direkt vor ihren teuren Computern, vollkommen vertieft in das virtuelle Spiel, mit dem sie ihre Brötchen verdienten. In der Mitte des Raumes stand ihr Coach Max und verfolgte den Verlauf des Spiels aufmerksam.

Ilay hatte seine Liebe zu Videospielen bereits in seiner Kindheit entdeckt. Schon früh hatte er damit angefangen, verschiedene Konsolen zu sammeln, sich seine Computer eigenständig zusammenzubauen und einen Großteil seiner Zeit in virtuellen Welten zu verbringen. Im Alter von zwölf Jahren hatte er an den ersten Amateur-Spielen teilgenommen und jedes einzelne von ihnen gewonnen. Dementsprechend war es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis der junge Ilay in die Profi-Liga aufgestiegen war.

Mit vierzehn war er schließlich auf das Computerspiel Omba aufmerksam geworden, ein Multiplayer, bei dem zwei sechsköpfige Teams gegeneinander antraten und versuchten, die Basis des gegnerischen Teams einzunehmen. Er hatte sich schnell als wahres Naturtalent bewiesen und auch dort früh bei den Profis mitgemischt. Als er gerade sechzehn geworden war und seinen Schulabschluss in der Tasche hatte, entschied er sich dazu, sein eigenes Profi-Team Hunters zu gründen, das er natürlich nach sich, dem Team-Kapitän, benannte. Es dauerte nicht lange, bis sie sich als Team bewiesen hatten, und die Sponsoren ihnen die Türen einrannten. Nun war Ilay einundzwanzig Jahre alt, erfolgreich und steinreich. Doch all dieser materielle Besitz bedeutete ihm insgeheim nichts, denn das, was ihn wirklich glücklich machte, war einzig und allein seine Seelenpartnerin Virginie.

»Leute, wenn ihr jetzt nicht endlich mal eure Arschbacken zusammenkneift, dann verlieren wir das hier noch!«, knurrte er in das Mikrofon seines Headsets.

»Das passiert eben, wenn Cas nicht da ist und wir ihn beim Training durch eine künstliche Intelligenz ersetzen müssen«, erwiderte sein Teamkollege Joe.

»Er wird morgen wieder fit sein, das hat er mir versprochen. Ginny hat ihm wohl bereits einen Besuch abgestattet und ihn mit Drogen vollgepumpt, zumindest behauptet er das«, entgegnete Ilay schmunzelnd, woraufhin sein Sitznachbar Trevor leise lachte.

»Dann kann ja nichts mehr schiefgehen«, entgegnete er breit grinsend.

»Das ist auch besser so, schließlich ist das nächste Turnier schon in zwei Wochen. Bis dahin können wir uns keine Trainingsausfälle mehr erlauben«, mischte sich nun ihr Coach Max mit ernster Miene ein.

Ilay zog sich die Kopfhörer vom Kopf, legte sie auf seinem Schreibtisch ab und verließ die Partie, ehe er sich von seinem Stuhl erhob.

»Schon klar, Coach. Joe hat aber auch recht damit, dass das Training so nichts bringt«, murmelte er. »Ich mache jetzt Pause«. Daraufhin schnappte er sich seine Lederjacke und verließ das Apartment.

Draußen angekommen, lehnte er sich gegen die mitgenommene Häuserwand und zauberte eine Schachtel Zigaretten aus seiner Jackentasche hervor. Entspannt klemmte er sich eine Kippe zwischen seine vollen Lippen und zündete sie an. Er inhalierte den milden Rauch, gewährte ihm Einlass in seine Lungen und legte entspannt den Kopf in den Nacken. Nach einigen genussvollen Sekunden atmete er den silbergrauen Nebel wieder aus. Seine Mundwinkel zuckten bei dem Gedanken daran, dass Virginie ihn dafür tadeln würde, dass er mal wieder nach Zigarettenrauch stank. Sie hasste diesen Geruch abgrundtief, aber noch mehr störte sie die Tatsache, dass er mit dem Rauchen seine Gesundheit gefährdete. Sie machte sich Sorgen um ihn, genauso wie um die anderen Menschen, die ihr am Herzen lagen, auch wenn sie das nicht gern zugab.

Ilay hatte die Situation bereits bildlich vor Augen: Sie würde ihn anschreien, und er würde zurückschreien, weil sie das eben so machten. Und danach würden sie zusammen im Bett landen, so wie nach jedem Streit. Sie waren zwei Hitzköpfe, zwei dominante Alphatiere, die ständig aneinander gerieten, doch Ilay konnte sich nicht beschweren, da er diese explosive Chemie ehrlich schätzte, die ihre Beziehung ausmachte. Er liebte Virginie mehr als sein eigenes Leben. Sie war der Mittelpunkt seines Daseins, seine Göttin, der er alles zu Füßen legte. Ilay hätte dies zwar niemals vor seinen Kumpels zugegeben, da er irgendwo doch ein stolzer Macho war und seine weiche Seite nicht gern zeigte, aber er vergötterte Virginie wahrlich. Und manchmal provozierte er sie sogar absichtlich, nur um mit ihr zu streiten und sie danach zu ficken – mindestens genauso oft, wie sie ihn absichtlich provozierte.

»Ich will am Wochenende ausgehen. Mit dir und Cas, wenn er bis dahin wieder fit ist.« Ohne dass Ilay es bemerkt hatte, hatte sein Freund und Teamkollege Trevor Smith sich an ihn herangeschlichen und sich neben ihn gestellt. Dieser grinste schief und zündete sich ebenfalls eine Zigarette an.

Ilay öffnete wieder die Augen und musterte den großgewachsenen Mann, der optisch an einen Wikinger erinnerte, neugierig von der Seite.

»Gibt es einen Anlass?«, fragte er.

Trevor schüttelte langsam den Kopf. »Ich will auf die Pirsch gehen, etwas mit meinen Kumpels trinken. Ich möchte tanzen, ein Mädchen aufreißen und vielleicht meine Seelenpartnerin dabei finden. Das will ich.«

Ilay grinste breit.

»Das lässt sich einrichten. Ginny muss sowieso am Wochenende arbeiten«, erwiderte er. »Außerdem wird es bei dir und Cas auch wirklich langsam Zeit, dass ihr eure Partnerinnen endlich findet, schließlich werdet ihr auch nicht jünger.«

»Ach, das wird schon werden, da mache ich mir keinen Kopf. Und selbst wenn nicht, dann hatte ich wenigstens ein erfülltes, wenn auch kurzes Leben.«

Zu jenem Zeitpunkt ahnte Trevor noch nicht, dass die Begegnung mit seiner Seelenpartnerin nicht mehr in allzu weiter Ferne lag.

»To live is the rarest thing in the world.

Most people exist, that is all.«

Oscar Wilde

Verschlafen schlug Joah Armstrong die schweren Lider auf, gähnte laut und streckte sich dabei halbherzig. Gleißendes Licht fiel durch das große Fenster in sein Schlafzimmer und raubte ihm für einen Moment die Sicht. Ein missmutiges Grummeln entwich seiner Kehle, während er mit zusammengekniffenen Augen orientierungslos nach seinem Handy tastete. Ein kurzer Blick auf das zerkratzte Display verriet ihm, dass es bereits nach vierzehn Uhr war.

Er verbrachte die Tage, an denen er nicht in die Uni musste, gern im Bett, denn auch wenn seine chronische Vergiftung noch nicht derart ausgeprägt war, dass ihre Auswirkungen sein Leben spürbar beeinträchtigten, so fühlte er sich dennoch häufig schlapp und ausgelaugt, sodass er nicht wirklich motiviert war, an freien Tagen sein Bett zu verlassen.

Abgesehen von der Tatsache, dass er erst vor kurzem seinen dreiundzwanzigsten Geburtstag gefeiert hatte und trotzdem praktisch schon im Sterben lag, wusste er nicht, was er mit seiner Freizeit anstellen sollte. Viele Freunde hatte er nicht, nur seinen besten Freund Vaith, der mindestens genauso sonderlich und eigenbrötlerisch war wie er. Eine üppige Auswahl an möglichen Aktivitäten gab es da also nicht.

Seufzend setzte sich Joah auf und rieb sich mit beiden Händen die Augen, bevor er hinter sich griff, sich seinen Laptop von der Fensterbank schnappte und diesen sorgfältig auf seinen angewinkelten Beinen platzierte. Ein melodisches Klingeln ertönte, als er ihn aufklappte und sich in sein Benutzerkonto einloggte. Konzentriert checkte er seine E-Mails und informierte sich über die Geschehnisse des Tages, bevor er auf dem anonymen Blog vorbeischaute, den er seit ein paar Jahren führte.

Wieder einmal hatten ihn dort zahlreiche Kommentare und Nachrichten von Leuten erreicht, die ihn mit ihren lieben und zusprechenden Worten aufmuntern wollten, doch Joah hatte jetzt weder die Zeit noch die Lust, sich damit zu beschäftigen. Er führte diesen Blog für sich, und zwar ausschließlich für sich. Jene Plattform bot ihm die Möglichkeit, seine tiefsten Gedanken niederzuschreiben, sie zu verarbeiten und mit der Welt zu teilen. Er tat es, um sich besser zu fühlen, und nicht, um Rückmeldung von fremden Menschen zu erhalten.

Seufzend klappte er den Laptop wieder zu. Er spielte ernsthaft mit dem Gedanken, die Kommentar- und Nachrichtenfunktion auszustellen, damit ihn niemand mehr belästigte. Dazu überwinden konnte er sich jedoch nicht, auch wenn ihm das vermutlich gutgetan hätte.

Es kostete ihn viel Kraft und Überwindung, sich aus der warmen Decke zu schälen und das Bett zu verlassen, und auch wenn es ihn innerlich quälte, so schaffte er es letztendlich trotzdem aufzustehen. Bekleidet mit einem weißen T-Shirt und einer grauen Jogginghose tapste er barfuß über den kalten Fußboden. Sein Handy hatte er in seiner Hosentasche verschwinden lassen, damit er keine Anrufe und Nachrichten verpasste.

In der Küche angekommen, schnappte er sich eine saubere Tasse aus dem Schrank und befüllte sie mit kaltem Kaffee vom gestrigen Tag. Er schmeckte furchtbar, war aber trotzdem besser als nichts. Um frischen aufzusetzen, war Joah zu faul, also musste er nehmen, was er kriegen konnte. So stand er da, gegen seine Küchenzeile gelehnt, mit einer Tasse ekelhafter, brauner Brühe in der Hand, und starrte gedankenlos ins Leere. Er driftete gedanklich so stark ab, dass er beinahe einen Herzinfarkt erlitt, als sein Handy plötzlich klingelte.

»Hallo?«, brummt er.

»Hallo, Joah, hier ist deine Mutter«, meldete sich Emma Armstrong mit spitzer Stimme, woraufhin er schwer ausatmete. Er und seine Mutter hatten ein schwieriges Verhältnis zueinander, sodass er sich über ihre Anrufe nie wirklich freute.

»Hallo, Mutter. Was gibt’s?«, erwiderte er träge. Er hatte kein Interesse daran, unfreiwillig über den neusten Dorfklatsch informiert zu werden.

»Ich wollte nur mal hören, wie es dir so geht.«

»Mir geht es gut, danke.«

»Das ist schön. Wie läuft es mit deiner Masterarbeit?«

»Es geht voran, wenn auch langsam.«

»Das ist gut zu hören. Betest du denn regelmäßig?«

Joah unterdrückte ein genervtes Stöhnen. Seine Mutter war schon immer sehr religiös gewesen, aber seit sein Vater gestorben war, hatte sich ihr christlicher Aktivismus verschlimmert. Auch wenn Joah überzeugter Atheist war, hatte er keine Lust, mit ihr darüber zu diskutieren, da er genau wusste, dass sie seine Meinung sowieso nicht akzeptieren wollte. Aus diesem Grund vermied er das Thema Religion in ihrer Gegenwart stets, zumindest so gut es ging.

»Aber natürlich, Mutter«, log er, wobei er absichtlich das Wort Mutter in die Länge zog, um seinen Unmut ihr gegenüber auszudrücken.

Sie hatten sich noch nie sonderlich gut verstanden, selbst als Joah noch zu Hause in seinem streng christlichen Heimatdorf gewohnt hatte.

»Stör ich dich etwa? Du wirkst so abwesend«, stellte sie fest.

»Ja, das tust du in der Tat. Ich habe gleich noch einen Termin«, antwortete er, woraufhin Emma scharf die Luft einsog.

»So ist das also. Was denn für einen Termin?« Ihrer Stimme war anzuhören, dass er ihre Neugier geweckt hatte. Sie war schon immer ein Kontrollfreak gewesen, das hatte sich sogar nach Joahs Auszug nicht geändert. Dass sie auf ihre eigene verschrobene Art nur das Beste für ihren Sohn wollte, daran dachte er natürlich nicht.

»Tut mir leid, Mutter, aber das geht dich wirklich nichts an«, entgegnete er mit fester Stimme und legte auf.

Mit gesenktem Blick verließ er das Mehrfamilienhaus, in dem er wohnte, und trat auf die Straße. Die Kapuze seiner Jacke zog er sich tief in die Stirn, und seine Hände vergrub er in den Taschen, bevor er zielstrebig losging. Er drehte eine Runde um den Block und erreichte kurz darauf den versteckten Hinterhof seiner Häusersiedlung. Den Ort, wo die Drogendealer abhingen und ihr Zeug vertickten, denn obwohl die Bevölkerung Pangeas zum Großteil ein glückliches und zufriedenes Leben führte, so war die Gier nach Rauschmitteln nach wie vor existent.

Bereits aus der Ferne sah Joah den Kerl, mit dem er verabredet war. Dieser wartete geduldig auf ihn.

»Hey, Michael«, begrüßte er den unscheinbaren Mann, der ungefähr in seinem Alter war. Er sah nicht unbedingt zwielichtig aus, was Joah sehr an ihm mochte.

Michael warf seine Zigarette weg und schüttelte ihm freundlich die Hand. Er hatte sich längst an den schrägen Vogel gewöhnt, der sich gegen Geld von ihm verprügeln ließ, auch wenn er bei ihrem ersten Treffen zugegeben äußerst skeptisch gewesen war.

»Schön, dich zu sehen, Joah. Dasselbe wie immer?«

Joah nickte als Antwort und drückte ihm ein dickes Geldbündel in die Hand, das Michael sofort in seiner Jackentasche verschwinden ließ. Er musste nicht extra nachzählen, da Joah im Gegensatz zu seinen anderen Kunden vertrauenswürdig und zuverlässig war.

»Alles klar, dann wollen wir mal«, sagte Michael, ehe er zum Schlag ausholte.

Ein stechender Schmerz durchzuckte Joahs Körper, als die Faust auf seinen Brustkorb traf. Was jedoch für die meisten nach ernsthafter Körperverletzung aussah, war für Joah in Wahrheit ein erfüllendes Erlebnis, denn es gab ihm das Gefühl, lebendig zu sein.

Ich bin wieder da!«, kündigte sich Ilay an, als er von der Arbeit nach Hause kam und die modern eingerichtete Diele betrat. Bei dem Anblick des Chaos, das Virginie in ihrem Eifer dort hinterlassen hatte, grinste er amüsiert in sich hinein. Vor der Treppe, die in die obere Etage führte, befand sich ein großer Eimer mit Schmutzwasser, umzingelt von unzähligen Kügelchen aus benutzter Küchenrolle. Daneben standen auf dem teuren Parkettboden diverse Putzmittel, deren Namen er nicht einmal aussprechen konnte.

Ilay liebte Virginie, dennoch konnte er nicht leugnen, dass sie eine furchtbar schlechte Hausfrau war. Sie konnte zwar ausgezeichnet kochen, aber in der Führung des Haushaltes war sie außerordentlich schlecht. Er hatte deswegen bereits mehrmals vorgeschlagen, eine Putzfrau zu engagieren. Sie hingegen hatte es immer wieder abgelehnt, da sie sich, wenn sie sich schon nicht an ihren gemeinsamen Kosten beteiligen konnte, zumindest irgendwie nützlich machen wollte. Und Ilay hatte zu große Angst vor ihr, um ihr ehrlich zu sagen, dass sie dadurch in Wahrheit nur noch mehr Unordnung verursachte.

Er summte leise, während er durch den Flur schlenderte und dabei geradewegs auf den länglichen Tisch aus Mahagoniholz zusteuerte, auf dem er seinen Schlüsselbund in die dazugehörige Schüssel zu dem von Virginie legte. Direkt daneben befand sich seine Post, die er sich schnappte und sichtete. Er runzelte verwirrt die Stirn, als er unter den zahlreichen Werbebriefen eine Kreditkartenabrechnung fand. Er öffnete den Briefumschlag und erlitt einen Schock. Mit offenem Mund starrte er auf die enorm hohen Summen, die auf der Rechnung abgedruckt waren.

»Oh, du bist zu Hause. Ich habe dich nicht so früh erwartet«, rief Virginie, die in diesem Moment aus der Küche kam. Eine Mischung aus positiver Überraschung und Verlegenheit klang in ihrer Stimme mit. Es war ihr unangenehm, dass sie nicht rechtzeitig fertig geworden war, obwohl sie den ganzen Tag dafür Zeit gehabt hatte. »Keine Sorge, ich räume das gleich noch weg, ehe ich mich mit Georgi treffe. Das Essen dauert aber noch etwas.« Sie machte Anstalten, auf Ilay zuzugehen und ihn zur Begrüßung zu küssen, doch als sie sah, dass er dreckige Spuren auf dem gerade geputzten Boden hinterlassen hatte, schwang ihre zuvor gute Laune schlagartig um.

»Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du deine verdammten Schuhe ausziehen sollst, bevor du hereinkommst?«, schrie sie. Mit vor Wut glühenden Augen baute sie sich vor ihm auf.

»Ich habe den ganzen Tag geputzt, und obwohl du weißt, wie sehr ich Putzen hasse, trittst du meine Arbeit mit Füßen, indem du mit deinen verdammten Schuhen wieder alles dreckig machst! Wer zur Hölle denkst du, wer du bist, Ilay Hunter?!«

Verdutzt sah er von seiner Post auf und verstand im ersten Moment die Welt nicht mehr. Als er jedoch begriff, was Virginie ihm soeben an den Kopf geworfen hatte, wurde auch er wütend.

»Was? Geputzt? Das könnte ja meine neunzigjährige, halbblinde Uroma ja besser als du!«, brüllte er zurück.

Hätten Blicke töten können, wäre Ilay bereits tausend Tode gestorben.

»Du bist so ein blöder Idiot«, zischte sie mit gefährlich leiser Stimme, bevor sie wortlos ins Wohnzimmer stürmte.

Ilay wollte die Sache jedoch nicht auf sich sitzen lassen und folgte ihr.

»Ja, vielleicht bin ich das, aber wenigstens benutze ich keine fremden Kreditkarten, um mir Unterwäsche im Wert von mehreren hundert Coins zu kaufen!«, blaffte er Virginie an und wedelte demonstrativ mit der Rechnung vor ihrem Gesicht herum.

»Bin ich dein beschissener Sugardaddy, oder was?«, fluchte er weiter, woraufhin sich Virginies goldener Teint schlagartig in dunkles Rot verfärbte. Einerseits war sie beschämt, da Ilays Anschuldigungen stimmten, andererseits war sie so wütend auf ihn, dass sie ihm am liebsten eine geklatscht hätte.

»Nein, da ich mir niemals einen Sugardaddy suchen würde, der ein so schrecklich hässliches Kuhfell in seinem Wohnzimmer liegen hat!«, fauchte sie und deutete dabei mit ihrem Zeigefinger demonstrativ auf das Tierfell unter ihren Füßen.

»Dieses hässliche Kuhfell ist wunderschön!«, entgegnete Ilay.

Virginie schnaubte. »Von wegen. Am liebsten würde ich es jetzt sofort vor die Tür setzen, so wie dich.«

»Das wagst du nicht! Außerdem vergisst du, dass das hier immer noch meine Wohnung ist. Wenn überhaupt bist du diejenige, die vor die Tür gesetzt wird.«

»Fein, dann zieh ich eben aus.«

»Fein!«

Für eine gefühlte Ewigkeit sagte niemand ein Wort, stattdessen sahen sie sich einfach nur vor Wut kochend in die Augen. Die Luft im Raum war zum Zerschneiden dick und knisterte gleichzeitig vor hitziger Anspannung. Für einen Außenstehenden sah es so aus, als würden sie sich jeden Moment an die Gurgel gehen.

Überraschenderweise versuchten sie jedoch nicht, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen, sondern fielen stattdessen wie zwei hungrige Raubtiere übereinander her – ihre übliche Methode, um einen Streit aus der Welt zu schaffen.

Ilay umschlang Virginies Hüfte und zog sie so nah wie möglich an sich heran. Währenddessen umfasste sie sein kantiges Gesicht mit ihren filigranen Händen und versenkte ihre Fingernägel in seinem Drei-Tage-Bart. Ihre Lippen krachten aufeinander und verschmolzen zu einer Einheit. Sie küssten sich gierig, als könnten sie nicht ohne einander leben.

Virginie biss in Ilays Unterlippe, ehe sie über die blutende Stelle leckte.

»Du bist so ein verdammtes Arschloch«, murmelte sie in den Kuss hinein und vergrub ihre Finger in seinen aschblonden Haaren.

»Und du bist eine grottige Hausfrau«, erwiderte er. Er packte Virginie am Arsch, hob sie hoch und drückte sie ungehalten auf das überraschend weiche, aber trotzdem schrecklich hässliche Kuhfell. Sie stöhnte, als Ilays Zunge sich ihren Weg in ihren Mund suchte. Rhythmisch bewegte er seine Hüfte und schmiegte seine Männlichkeit an ihren Schritt, was ihre Lust nur steigerte. Er wusste, dass sie es wild und stürmisch mochte, und gab ihr genau das, was sie brauchte.