Widersetzt euch! Ein Kampf gegen das Vergessen - Harald Schirge - E-Book

Widersetzt euch! Ein Kampf gegen das Vergessen E-Book

Harald Schirge

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Beschreibung

Die jüdische Journalistin Rahel Jakob erkennt im Rahmen eines journalistischen Projekts mit Bestürzung, dass die Haltung einiger Persönlichkeiten ihrer Stadt gegenüber aufkommenden neonazistischen Hassparolen und Aktionen zumindest fragwürdig ist. Als schließlich die vier »Stolpersteine« aus Messing, die zum Gedenken an ihre in Konzentrationslagern des NS-Regimes ermordeten Vorfahren vor deren letztem Wohnhaus ins Trottoir verlegt worden waren, herausgerissen werden, entschließt sie sich, den Kampf gegen das Vergessen der nationalsozialistischen Verbrechen und das erneute Aufflammen braunen Gedankenguts in ihrer Stadt aufzunehmen. Schon bald wird ihr klar, dass Zeitungsberichte allein nicht ausreichen ...

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HARALD SCHIRGE

Widersetzt euch!

Ein Kampf gegendas Vergessen

Roman

Karin Fischer Verlag

1

Der Marktplatz war nicht nur außergewöhnlich groß, er bestach auch durch eine vielfältige Gebäudearchitektur. Von welcher Seite man sich ihm auch näherte, stets überraschte die Sicht auf markante Bauten mehrerer Jahrhunderte, unterbrochen von modernen Fassaden und dem alles bestimmenden Turmensemble mit der spätgotischen Kirche als Blickfang. Wer sich die Zeit nahm und genauer hinschaute, konnte darüber hinaus weitere Kleinode entdecken, die dieser Stadt ihr unverwechselbares Flair gaben.

Am Tag pulsierte auf diesem Platz das Leben, herrschte ein geschäftiges Treiben an Marktständen, in Kaufhäusern, Straßencafés und Gaststätten. Da eilten Menschen vorüber, von Terminen getrieben, andere warteten auf die Straßenbahnen, mit denen man in alle Stadtgebiete gelangen konnte. Und für einige galt der Markt als ein beliebter Treffpunkt schlechthin, der nicht zu verfehlen und selbst für Ortsunkundige ein Begriff war. Doch jetzt spürte man von all dem nichts. Ein feuchtkalter Winterabend hatte frühzeitig die Menschen vertrieben. Der Wind spielte auf der weiten Fläche mit achtlos weggeworfenen Papierresten. Ein Taxifahrer wartete vergeblich auf einen Kunden. Nur die großen erleuchteten Fensterfronten und die angestrahlten Türme hinterließen einen großstädtischen Eindruck.

Eines der prächtigsten Gebäude am Platz war das Stadthaus, in der Gründerzeit als ein Erweiterungsbau für das Rathaus gedacht, ausgestattet mit repräsentativen Sitzungssälen. Die Blicke wurden sofort von einer manieristischen Fassade angezogen, deren Renaissance- und Gotikelemente an die Stadtgeschichte erinnern sollten. Große Bleiglasfenster konnten auf eine prunkvolle Ausstattung im Inneren schließen lassen. Jetzt, in der abendlichen Stimmung, verstärkte sich durch das Licht in den Räumen die Farbigkeit der Glasfront und ließ den Wunsch aufkommen, hinter diese Fassade blicken zu können. Und genau das sollte sich an diesem Abend für Rahel Jakob erfüllen. Schon mehrfach hatte sie sich vorgenommen, mit eigenen Augen zu sehen, was sich in diesem imposanten Gemäuer an Kostbarkeiten verbirgt. In den Monaten, die sie nun in dieser Stadt lebte, hatte sich noch keine konkrete Gelegenheit ergeben, gehörte sie doch nicht zu den Stadtverordneten, die das Haus mit Leben erfüllten. Und Anlass, das Standesamt aufzusuchen, das ebenfalls in dem Gebäude untergebracht war, bestand für sie auch nicht.

Aber nun war es so weit! Erwartungsfroh blickte sie noch einmal zu den Fenstern empor, bevor sie durch den Torbogen das Haus betrat. In dem breiten, aufwendig gestalteten Treppenaufgang mit Decken- und Wandverzierungen waren bereits mehrere festlich gekleidete Menschen auf dem Weg in die obere Etage. Schließlich war es etwas Besonderes, Gast des Oberbürgermeisters bei seinem Neujahrsempfang zu sein! Für Rahel bedeutete es eine Premiere, wobei ihr unklar war, wem sie diese Auszeichnung zu verdanken hatte. Amt und Würde hatten sie jedenfalls nicht in diese Situation gebracht! Aber das sollte ihr in dem Moment gleichgültig sein.

An der Garderobe legte sie ihren Mantel ab und warf noch einen flüchtigen Blick in den Spiegel. Sie war mit sich zufrieden! Sie fühlte sich wohl in ihrer schwarzen Hose, in der weißen Bluse und dem gestreiften Blazer. Ihre langen, dunklen Haare, die sich locker über den Schultern wellten, komplettierten das Bild einer attraktiven jungen Frau. Langsam ging sie in Richtung der bereits weit geöffneten Türen des hell erleuchteten Saales. Hier also tagten sonst die Stadtverordneten! Dass er auch für festliche und repräsentative Anlässe geeignet war, ließ sich bereits aus dieser Perspektive erkennen. Aus der Beschreibung im Stadtführer wusste Rahel, worauf sie besonders achten sollte. Deshalb ging beim Betreten des Saales ihr Blick sofort zu den großflächigen Bildern an den Seitenwänden. Das Deckengewölbe bestach durch Stuckverzierungen, die ein zentrales Gemälde umgaben. Die gegenüberliegende Seite wurde von den Rundbogenfenstern dominiert, deren Buntglasscheiben durch das Licht prächtiger Lüster ein beeindruckendes Leuchten auslösten. Die Sicht vom Marktplatz hatte nicht zu viel versprochen! Dann bemerkte Rahel die mannshohe Holztäfelung an den Wänden, die mit Schnitzereien und Intarsien versehen war und mit dem Parkettfußboden den festlichen Gesamteindruck des Raumes ergänzte.

Noch in die Betrachtung der Wandbilder vertieft, hörte sie plötzlich ihren Namen und wandte sich rasch um.

»Ah, Herr Gollmer! Welch eine Überraschung! Oder sollte ich besser sagen: Es war zu erwarten, dass Sie hier anzutreffen sein werden?«

»Nicht unbedingt! Aber ich gebe zu, dass ich schon mehrfach das Vergnügen hatte, bei dieser Gelegenheit den Verlag zu vertreten. Das gehört auch zu meinem Job und ist ja nicht die schlechteste Art, den Abend zu verbringen.«

»Habe ich etwa Ihnen diese Einladung zu verdanken? Ich gehöre doch wirklich nicht zu den Honoratioren dieser Stadt.«

»Nun, das Auswahlprinzip ist denkbar einfach. Wie jedes Jahr gibt es eine Setzliste. Dann müssen Personen aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport berücksichtigt werden, die im letzten Jahr besonders aufgefallen sind. Schließlich bleiben Freikarten übrig, die auf die verschiedenen Ressorts verteilt werden. Ich bekam auch eine davon. Doch bevor ich eine Neiddiskussion in der Redaktion auslöse, habe ich für mich entschieden, Ihren Namen ins Stadtbüro zu geben. Das ist doch eine gute Wahl, nicht wahr?«

»Wenn Sie das so sehen, will ich Ihnen nicht widersprechen. Zumindest habe ich dadurch endlich die Möglichkeit, dieses interessante Haus von innen kennenzulernen. Dieser Saal übertrifft bereits all meine Erwartungen.«

»In dieser Region können Sie noch weit mehr entdecken, schließlich ist sie die Wiege deutscher Geschichte mit außergewöhnlichen Menschen.«

»Auch ein Grund, hierhergekommen zu sein! Vielleicht ist unter den vielen heutigen Gästen auch ein Krösus des Geistes, der einmal in die Annalen eingeht. Wer will das jetzt wissen?«

Während sich der Saal langsam füllte, grüßte Gollmer freundlich nach verschiedenen Seiten, was Rahel aufmerksam verfolgte. ›Ein interessanter Mann!‹, stellte sie nicht zum ersten Mal fest. ›Und mit seinem Äußeren – große, sportliche Statur, elegant gekleidet, wie selbstverständlich wirkende lässige Gesten – muss er Aufsehen erregen. So ist es nicht verwunderlich, dass er auch hier auf viele Bekannte trifft. Doch was verbirgt sich wirklich hinter der hohen Stirn dieses Chefredakteurs?‹

Sie hatte bald nach ihrer Ankunft den Kontakt mit ihm gesucht, versprach sie sich doch gerade von ihm bei der Suche nach Verdienstmöglichkeiten einiges. Der Sprung aus dem Rheingebiet nach Mitteldeutschland war schließlich keine Augenblickslaune gewesen, zudem ohne eine gesicherte finanzielle Zukunft. Sie wollte sich selbst beweisen, dass sie als freischaffende Journalistin ihren eigenen Weg gehen kann. Und ihr thematisches Gebiet, zugleich der eigentliche Grund für ihren Schritt, lag klar vor ihr, auch wenn sie sich ihm noch nicht entscheidend hatte nähern können. Mit zwei Reportagen über ihre Eindrücke als zugezogene Bürgerin hatte sie es vorerst geschafft, Gollmers Interesse zu wecken. Warum also nicht die Gelegenheit nutzen und sich mit einer Idee ins Spiel bringen, die ihr soeben eingefallen war?

»Das scheint eine illustre Gesellschaft zu werden. Jeder Einzelne repräsentiert doch einen Mosaikstein dieser Stadt. Und nur wenige sind sich dessen bewusst. Ich könnte mir vorstellen, dass Leistung und Charisma von vielen hier im Saal es wert sind, ans Licht der Öffentlichkeit gebracht zu werden. Wie wäre es, wenn ich von solchen Personen Porträts oder Reportagen schreibe, vielleicht als Fortsetzungsreihe unter dem Titel ›Menschen von heute in dieser Stadt‹?«

»Das klingt nicht schlecht, dürfte aber recht anspruchsvoll sein. Was ich von Ihnen kenne, zeigt schon Ihr Potential und so traue ich Ihnen ein solches Projekt durchaus zu. Nur müssen Sie sich in Ihrem provokanten Stil zügeln, sonst werden Sie Probleme bekommen. Sie wissen, worauf ich anspiele!«

»Das war doch eine besondere Thematik, die hier wahrscheinlich keine Rolle spielen dürfte. Beim flüchtigen Blick in die Runde kann ich keine Extremisten sehen, die mich zu derartigen Formulierungen herausfordern würden.«

»Solche Leute gehören ganz gewiss nicht zu den Eingeladenen. Trotzdem wird es nicht einfach sein, geeignete Personen zu finden. Wie wollen Sie vorgehen?«

»Diesen Abend möchte ich natürlich nützen. Ich würde mir das Ziel stellen, möglichst vier Kandidaten anzusprechen. Bei dem Angebot sollte das möglich sein. Auch wenn, wie üblich bei solchen Gelegenheiten, Männer deutlich in der Überzahl sind, schwebt mir ein paritätisches Verhältnis mit den Frauen vor. Es sollte von Vorteil sein, eine Auswahl aus Unbekannten vornehmen zu können, denn nur wenigen dürfte ich schon einmal begegnet sein. So bin ich völlig unvoreingenommen.«

»Nun gut, lassen wir es auf einen Versuch ankommen. Ich schicke Ihnen in den nächsten Tagen ein Vertragsangebot zu. In vier Wochen sollte das erste Porträt fertig sein können. Wäre das von Ihnen zu akzeptieren?«

»Ich denke schon. Ausstiegsklausel und eine Option zur Fortsetzung der Serie hätte ich gern mit dabei.«

»Das ist doch selbstverständlich. Und nun einen angenehmen Abend mit viel Glück beim Finden der richtigen Kandidaten!«

Sie reichten sich die Hände, gleichsam als Bestätigung ihrer soeben getroffenen Absprache. Dann war Gollmer schnell inmitten der inzwischen zahlreichen, in Gespräche verwickelten Gästegruppen ihrem Blick entschwunden.

Nun hatte Rahel für diesen Abend ein konkretes Ziel! Das war ihr weit lieber, als nur die Zeit zu verbringen und am Bankett den Magen zu füllen, zumal sie nicht erwarten konnte, sogleich auf ihr bekannte Personen zu stoßen. Jetzt musste sie mit offenem, aber doch kritischem Blick in der Vielzahl der Menschen die herausfinden, mit denen sie ins Gespräch kommen könnte. Sie hatte nun einmal die Idee in die Welt gesetzt, jetzt musste sie etwas daraus machen. Sie wusste, dass der Medienmarkt kein Garten Eden war, und sich darin zu behaupten machte den besonderen Reiz aus. Sie spürte, wie sich in ihr eine leichte Spannung aufbaute. ›Also, Rahel, beweise, dass du es kannst!‹, sagte sie sich und schaute mit wachen Augen in die Runde. Erneut fiel ihr die Männerdominanz auf. Auch wenn Senioren trotz ihrer sicher nachgewiesenen Verdienste nicht unbedingt zu ihrer Zielgruppe gehörten, gewann sie bei ihrem Rundblick rasch den Eindruck, dass die mittleren bis jüngeren Jahrgänge überwogen. ›Das sollte meine Chancen erhöhen‹, war Rahels Fazit.

Auf der Suche nach einem günstigen Beobachtungsstandort schob sie sich langsam durch die noch freien Zwischenräume. Dabei fiel ihr ein kleinerer, leicht korpulenter Mann auf, mit lebhaften Gesten seine Zuhörer unterhaltend, verschmitzt lächelnd, sich seiner Ausstrahlung bewusst. Er kam Rahel bekannt vor, doch woher? Sie schaute nochmals hin, und dann war sie sich sicher, dass es der hiesige Theaterintendant sein musste. Alles, was sie über ihn gehört und in der Zeitung gelesen hatte, bestätigte immer wieder seine unbestrittenen Meriten für sein Haus und die Stadt. Und doch kursierten zugleich seltsame Berichte von Streitigkeiten und Zerwürfnissen, die nur mit Mühe wieder geglättet werden konnten. Wenn Rahel ihn von der Seite betrachtete, schien er eher verträglich als kampflustig zu sein. Doch wer kann schon in einen Menschen hineinschauen? Und ohne die Argumente der Gegenseite lassen sich solche Situationen ohnehin nicht objektiv bewerten. Als Mann der Öffentlichkeit kam er jedenfalls für ein Porträt, wie ihr es vorschwebte, nicht in Frage.

Allmählich schien der Beginn des offiziellen Empfangs bevorzustehen, denn die Besucher richteten ihre Blicke zur Fensterfront, vor der ein Podium angeordnet war. Wie Rahel durch die wenigen Besucherlücken erkennen konnte, hatte ein Streichquartett Platz genommen und eröffnete den Abend mit einem Stück von Beethoven. Von diesen Klängen ließ sich Rahel sogleich gefangen nehmen. Für sie war Musik mehr als nur Unterhaltung. Mal suchte sie das transzendentale Erlebnis, dann einen Zufluchtsort für ihre zuweilen aufgewühlte Seele. Schon als Kind hatte sie am Klavierspiel Freude gefunden, es jedoch leider nicht konsequent weiterbetrieben, so dass nur die Begeisterung am Zuhören geblieben war. Das genoss sie, wann immer sich eine Gelegenheit dazu ergab.

Während Beifall den Musikern dankte, schweiften Rahels Augen durch die Reihen der Umstehenden und trafen auf den Blick einer Frau, die ihr von der Ferne freundlich zunickte und dabei wie zum Gruß ein wenig die Hand hob. Rahel erwiderte diese Geste, obgleich sie einen Moment gebraucht hatte, um sich an die Begegnung anlässlich einer Galerieeröffnung zu erinnern. Damals waren sie ins Gespräch gekommen, hatten ähnliche Ansichten zu den ausgestellten Bildern der Brücke-Maler herausgefunden und doch am Ende versäumt, sich bekanntzumachen oder ein nächstes Treffen zu vereinbaren. Jetzt überwog die Überraschung, trotz der kurzen Zugehörigkeit zu dieser Stadt auf ihr bereits bekannte Personen zu treffen. Diese Frau könnte sie sich als Porträtkandidatin vorstellen, doch wollte sie sich ja auf die Unbekannten orientieren. Also zunächst weitersuchen! Auf sie konnte sie immer noch zurückgreifen.

Inzwischen galt die Aufmerksamkeit der überwiegenden Zahl der Gäste dem Oberbürgermeister, der mit seiner Begrüßungsrede begonnen hatte. Daran schienen sich die jungen Menschen in Rahels Nähe nicht zu halten, die sich zwar weiterhin in gedämpftem Ton unterhielten, aber durch häufiges Lachen für Unruhe sorgten. Aus der Kleidung, ihrer athletischen Statur und den gelegentlich zu verstehenden Wortfetzen vermutete Rahel in ihnen eine Sportlergruppe. Um ihre Unbekümmertheit waren sie zu beneiden, aber ihr Auftreten grenzte schon an Respektlosigkeit. Rahel sagte sich, dass es wohl ein Vorrecht der Jugend war, auch mal übermütig zu sein. Aber musste es an diesem Ort sein? ›Vielleicht wäre ein jugendlicher Kandidat gar nicht verkehrt, dann würde ich mehr von solchen Verhaltensweisen erfahren‹, ging es ihr durch den Kopf. Doch noch konnte sie sich nicht entscheiden.

Also erweiterte sie ihr Blickfeld und stieß auf eine Ansammlung jüngerer Männer, Managertypen in Nadelstreifenanzug, mit weißem Hemd und dezenter Krawatte. Es könnte deren Dienstkleidung sein. Dazu auffällig gegelte Haare und gewiss schwarze Markenschuhe, die im Moment nicht zu sehen waren. Auch ohne Firmenzeichen lag die Vermutung nahe, dass sie aus der Banken- und Versicherungsbranche kamen. Diszipliniert und karrierebewusst hörten sie dem OB zu. ›Sind das die typischen Menschen von heute?‹, fragte sich Rahel. Vielleicht, aber sie wollten nicht so recht in ihr Bild passen. War sie zu wählerisch? Konnte sie mit solchen Vorstellungen überhaupt eine geeignete Person finden? Sie nahm sich vor, beim nächsten Blickfang größere Bedenken zurückzustellen und einen Anfang zu machen.

In unmittelbarer Nähe, von ihr bisher übersehen, stand ein Mann, der ein helles samtartiges Jackett trug, darunter ein dunkles Hemd mit dezent gestreiftem Binder. Rahel gefiel sein volles, leicht gewelltes, dunkles Haar, das bis in den Nacken reichte. Auch das, was sie aus ihrer seitlichen Perspektive von seinem Gesicht sehen konnte, machte auf sie einen sympathischen Eindruck: glatte Haut, kräftige Augenbrauen, eine ebenmäßige Nase über einem ausdrucksstarken Mund, darunter ein markantes Kinn. Noch hatte er nicht bemerkt, dass er beobachtet wurde. Nur die Augen waren ihr bisher verborgen geblieben. Da half nur, sich bemerkbar zu machen und das Gespräch zu suchen. Aufkommender Beifall während der Rede des OB erleichterte es ihr, die Initiative zu ergreifen.

»Der OB ist ein guter Rhetoriker, finden Sie nicht auch?«

Um sich zu überzeugen, ob er gemeint sei, wandte der von Rahel Ausgewählte seinen Kopf zu ihr. Nach einem Moment des Blickkontaktes, der genügte, um Rahel seine dunklen, ausdrucksstarken Augen zu erkennen zu geben, ging er auf ihre Frage ein.

»Durchaus. Das macht ihn sympathisch. Aber ich höre ihn zu selten, um mir wirklich ein Urteil erlauben zu können.«

»Aber Sie gehören doch zu den VIPs der Stadt, wenn Sie hier dabei sind!«

»Das mag Zufall sein. Ich selbst nehme mich jedenfalls nicht so wichtig. Und Erfolge sind auch relativ und meistens sehr kurzlebig.«

»Auf die Sie doch sicher verweisen können! Darf ich fragen, auf welchem Gebiet Sie tätig sind?«

Der Mann stutzte, ließ seinen Blick auf Rahel ruhen und sagte mit einem zögernden Unterton: »Das klingt wie ein Interview! Lassen Sie uns lieber über die Stadt, das Wetter oder das gerade begonnene Jahr reden.«

»Entschuldigen Sie meine Aufdringlichkeit! Doch ich bin in der Tat hier auf der Suche nach Menschen, über die ich für die Zeitung ein Porträt schreiben möchte. Und Sie sind mir in der Masse von Leuten aufgefallen. Meine innere Stimme sagte mir, dass ich den Kontakt suchen sollte. Nun hoffe ich, dass Sie mir keine Abfuhr erteilen.«

»Ich glaube nicht, dass mein Leben ausreichend interessanten und berichtenswerten Stoff liefert. Und das wenige Verbleibende möchte ich nicht in die Öffentlichkeit tragen.«

»Das verstehe ich durchaus, aber lassen Sie uns gemeinsam herausfinden, ob Sie recht haben oder nicht doch Stoff für ein allgemeines Interesse darin enthalten ist. Ein Blick von außen lässt manches in einem anderen Licht erscheinen.«

Rahel spürte die Skepsis des Mannes, der lächelnd, aber doch zweifelnd seinen Kopf hin- und herwiegte.

»Überlegen Sie es sich noch einmal in aller Ruhe. Ich möchte mich gern mit Ihnen unterhalten. Rufen Sie mich an! Ich würde mich freuen, wenn ich nicht zu lange auf Ihre Entscheidung warten muss.«

Rahel reichte ihm ihre Visitenkarte und nickte ihm aufmunternd zu. Inzwischen hatte der OB seine Ansprache beendet und die Gäste zum Buffet in den Nebenräumen eingeladen. Wie von einer nahenden Gefahr getrieben, geriet die Menschenmenge im Saal in Bewegung und drängte zu den an den Seitenwänden sich öffnenden Türen. Rahel sah, wie der Mann im samtenen Jackett von dem Strom erfasst wurde, und rief ihm noch zu: »Jetzt beginnt ›Die heiße Schlacht am kalten Buffet‹. Reinhard Mey lässt grüßen!« Ein Schmunzeln war seine Antwort, mehr nicht.

Dann versuchte Rahel, sich aus der schiebenden Menschenmenge herauszuhalten und gelangte an der Fensterfront in eine bereits beruhigte Zone. Kopfschüttelnd registrierte sie das, was immer wieder geschieht und durch Menschen ausgelöst wird, von denen sie es nie erwartet hätte. Dieser Reinhard Mey hatte wohl gut beobachtet, als er schrieb: »Gemurmel dröhnt drohend wie Trommelklang/ Gleich stürzt eine ganze Armee/ Die Treppe herauf und die Flure entlang/ Dort steht das kalte Buffet!«

Schade, dass sich dieser ihr aufgefallene Mann dem Trommelklang nicht entzogen hatte. Nun wurde ihr auch bewusst, dass sie völlig von ihm abhängig war, ob es zu einem weiteren Gespräch kommt. Sie kannte weder Namen noch Telefonnummer von ihm. Das durfte ihr ein zweites Mal nicht passieren! Dafür hatte sie jetzt Zeit, das zu tun, was ihr bei solchen Gelegenheiten am meisten zusagte: Menschen beobachten! Hielten sich doch nun im Saal nur noch diejenigen auf, die ähnlich Rahels Einstellung das Gedränge am Buffet mieden, sich in Gruppen angeregt unterhielten oder allein ihren Gedanken nachgingen.

Da fiel Rahels Blick auf eine Frau, die vor einem der Wandbilder stand und offensichtlich Details studierte. Sie trug ein sehr legeres, wadenlanges Kleid, unterhalb der Brust leicht gerafft, die Ärmel fledermausartig geweitet. Ihre Handgelenke schmückten mehrere dünne Armreifen, den Halsausschnitt zierte eine wuchtige Holzkette, die im Nacken von langen schwarzen Haaren verdeckt wurde. Ihr Gesicht wohlproportioniert, die Wangen leicht gerötet, von Weiblichkeit geprägte sanfte Rundungen – Rembrandt hätte in ihr ein neues Modell gefunden! Ja, dieses Äußere, aber auch ihre Art, wie sie die dargestellten Figuren und Landschaften betrachtete, erweckten bei Rahel den Eindruck, dass es sich um eine Künstlerin handeln könnte. Irgendetwas Anziehendes lag in dieser Situation. Noch ließ sich diese Schöne nicht von ihrer Bildbetrachtung ablenken, und so näherte sich Rahel ihr nur langsam. Ein unbeabsichtigtes Räuspern bewirkte, deren Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

»Es tut mir leid, wenn ich Sie in Ihrer Bildbetrachtung gestört habe.«

»Das macht nichts. Mich interessierte nur die technische Ausführung. Solche großen Leinwandbilder sind nicht so leicht zu handhaben.«

»Aus Ihnen spricht die Künstlerin. Habe ich recht?«

»Nun ja, ich beschäftige mich damit. Eine solche Einstufung ist ein hoher Anspruch. Ich möchte sie für mich nicht bewerten.«

»Warum diese Bescheidenheit! Darf ich fragen, ob Sie Malerin sind?«

»Ja, und das aus Leidenschaft! Ich bin glücklich, das tun zu können, wovon ich schon als Kind geträumt habe. Ich kenne nichts anderes als Malen.«

»Dann ist bestimmt schon ein beachtlicher Fundus an Bildern entstanden.«

»Man sollte nie mit sich zufrieden sein, das behindert Kreativität und die Suche nach dem eigenen Stil. Ich möchte meine Gedanken in Form und Farbe umsetzen, das ist meine Welt. Allerdings bin ich häufig ernüchtert, wenn ich wieder in der Realität ankomme.«

»Verwundert Sie das? Wunschvorstellung und Wirklichkeit passen doch nur selten zueinander.«

»Sie haben recht. Die gelegentliche Ernüchterung über das reale Leben habe ich mir wohl selbst zuzuschreiben. Aber ich hadere nicht damit, schließlich bleibt mir immer der Rückzug in die Malerei.«

»Aber könnte nicht gerade sie ein guter Vermittler sein?«

»Vielleicht. Aber sehen Sie, dieses Wandbild hier stellt allegorisch die Gerechtigkeit dar. Der Künstler wollte damit den Stadtvätern die Mahnung mit auf den Weg geben, danach zu handeln. Doch die Geschichte hat gezeigt, dass in vielen Epochen ganz andere Grundsätze zum Maßstab wurden. Was also kann Kunst bewirken? Die Realität geht eigene Wege!«

»Der Abend wird nicht ausreichen für unser Thema. Aber ich würde gern das Gespräch mit Ihnen fortsetzen. Allerdings steckt auch ein weiteres Anliegen dahinter. Ich bin nämlich im Moment auf der Suche nach Menschen, über die ich für die Regionalzeitung Porträts oder Geschichten schreiben möchte, die mehr beinhalten sollen als übliche Interviews. Mir schwebt vor, über die Arbeit dieser Personen zu berichten, über deren Ansichten und Lebensziele. Ich bin mir sicher, dass Sie gut in mein Konzept passen. Ich würde mich wirklich freuen, wenn Sie Gefallen an diesem Vorschlag finden könnten.«

Erstaunt blickte die Malerin zu Rahel und nach einer kurzen Zeit des Nachdenkens sagte sie: »Ich bin kein Mensch der schnellen Entschlüsse. Doch unser Gespräch sollten wir fortsetzen, dann ergibt sich vielleicht eine Entscheidung zu Ihrem Vorhaben von selbst.«

»Wie kann ich Sie erreichen?« Zugleich legte Rahel ihre Visitenkarte in die ihr entgegenkommende Hand der Malerin.

»Ich habe leider keine Karte bei mir, jedoch will ich deswegen nicht anonym bleiben. Ich bin Brigitte Schöne. Sie können sicher sein, dass ich mich bei Ihnen melden werde.«

»Ich hoffe es sehr! Sollten wir uns nicht doch noch das Buffet anschauen? Oder zumindest das, was davon übrig geblieben ist?«

»Ich bin weder hungrig noch erpicht auf solche Tafeln. Aber sie gehören wohl zu solchen Veranstaltungen. Für uns wird es allemal reichen.«

»Die größte Schlacht um die besten Brocken wird doch schon geschlagen sein. Dazu passen Reinhard Meys Verse vom kalten Buffet so wunderbar. Sind sie Ihnen bekannt? Unter anderem heißt es da: ›Mit feurigem Blick und mit Schaum vor dem Mund/ Kämpft jeder für sich allein/ Und schiebt sich in seinen gefräßigen Schlund/ Was immer hineinpasst, hinein.‹«

»Klingt ja ziemlich boshaft. Aber so sind die Menschen wohl.«

Langsam gingen sie in einen der Nebenräume. Stimmengewirr und dicht umlagerte Stehtische empfingen sie, und nur mühsam konnten sie sich einen Weg zum Buffet bahnen. Als Rahel vor der langgestreckten Tafel stand, beeindruckte trotz der bereits etwas ramponierten Ordnung und Sauberkeit das vielfältige Angebot, das offensichtlich weiterhin nachgeliefert wurde. Es schien an nichts zu fehlen, und jedes Gourmetherz musste beim Anblick höherschlagen.

›Aber warum dieses Übermaß?‹, ging es Rahel durch den Kopf. ›Könnte es nicht etwas bescheidener sein, zumal die Stadtkassen leer sind und die vielen Armen und von Arbeitslosigkeit Betroffenen von solcher Fülle nur träumen können?‹ Sie sah sich um, denn sie wollte gern mit Brigitte Schöne darüber reden. Doch die war nicht zu sehen. War sie ihr nicht gefolgt, oder hatte sie Bekannte getroffen? Ganz umsonst wollte Rahel den Gang zum Buffet jedoch nicht gemacht haben. Also wählte sie Kostproben aus, die ihrem Geschmack entsprachen, und wollte sich gerade auf die Suche nach einem günstigen Stehplatz begeben, als ein Stoß gegen ihren Arm Fleischröllchen, Garnelenbällchen, Bambussprossen, gefüllten Champignon, Tomate und Pfirsich von ihrem Teller springen ließen. Entsetzt entfuhr ihr ein Schrei, während der Verursacher entschuldigend, aber doch vergeblich versuchte, den Schaden zu begrenzen. Er wollte sogleich für Ersatz sorgen, doch Rahel wehrte ab. Verlegen biss sie in die ihr verbliebene Toastscheibe und bat mit bedauernder Geste einen Bediensteten, das auf dem Parkett Verstreute rasch zu beseitigen. Für Aufsehen hatte sie damit wahrlich gesorgt! Der Abend, der bisher so vielversprechend verlaufen war, verwandelte sich für Rahel plötzlich zu einem Albtraum. Auf diese Weise wollte sie nicht in der Stadt auffallen! Gerade mit zwei hoffnungsvollen Bekanntschaften gestartet, war sie voller Zuversicht gewesen, weitere Kandidaten zu finden. Und nun das! Ihre euphorische Stimmung sank auf den Nullpunkt.

Da sprach sie erneut der Auslöser des Malheurs mit einer Heiterkeit an, die keinerlei Bedauern verriet.

»Ich hätte Sie lieber auf anderem Wege kennengelernt. Vergessen wir das Geschehene und betrachten es als schicksalhaften Glückstreffer, im wahrsten Sinne des Wortes aufeinandergestoßen zu sein.«

Das veranlasste Rahel, diesen Mann genauer zu betrachten. Er war kleiner als sie, was ihn in ihren Augen nicht gerade interessanter machte. Sofort fiel der glattrasierte Kopf auf! Das ließ bei ihr jeden Mann in der Sympathieskala in den Keller rutschen, auch wenn ein solches Outfit heute in allen Altersklassen fast als Markenzeichen galt. Dazu dann als Kontrastprogramm ein Wochenbart, bereits graumeliert! Das Gesicht wurde dominiert von einer wuchtigen Nase, buschigen Augenbrauen und lebhaft umherblickenden Augen, zu denen Rahel keinen Zugang fand. Auffallend auch die bunt gepunktete Schleife, die sich vom weißen Hemd und dem dunklen Anzug besonders abhob. Da Rahel ein Faible für Schuhe hatte, war ihr die übermäßig dicke Plateausohle nicht entgangen, die diesen Mann aber auch nicht wirklich größer machte. Eine auffallende Person, das konnte er für sich verbuchen!

Unter normalen Umständen hätte Rahel ihn niemals in die engere Auswahl für ihr Vorhaben genommen. Doch nun drängte er sich durch diesen kuriosen Zufall wie von selbst auf. Noch war sie sich unschlüssig, ob Abneigung oder nüchternes Kalkül überwogen, jede Gelegenheit zu nutzen, die Kandidatenliste aufzufüllen. Da ergriff er bereits erneut die Initiative zur Unterhaltung.

»Wie kann es sein, dass mir eine solch schöne Frau wie Sie noch nicht aufgefallen ist? Dabei kenne ich wirklich viele in dieser Stadt.«

»Nicht alle Wege müssen sich kreuzen! Außerdem bin ich erst vor Kurzem zugezogen, das macht die Wahrscheinlichkeit einer Begegnung noch kleiner.«

»Wenn Sie hier zu den Auserlesenen der Stadt gehören, können Sie sicher auf einige Meriten verweisen. Darf ich erfahren, auf welchem Gebiet das ist?«

»Nicht, bevor ich nicht weiß, mit wem ich es zu tun habe.«

»Oh, sehr gut! Dann sind wir auf Augenhöhe. Ich will mir nämlich auch nicht so leicht in die Karten schauen lassen und bin es gewöhnt, bei anderen nachzuforschen und Fragen zu stellen.«

»Umso mehr ist Vorsicht geboten! Aufzuklären gibt es bei mir nichts, und in juristische Fänge will ich auch nicht geraten.«

»So ganz falsch liegen Sie mit Ihren Vermutungen gar nicht. Aber warum so abweisend? Sie haben doch nichts zu verlieren.«

»Weil ich mich lieber über das informiere, was um mich herum geschieht. Das will ich verstehen und daraus meine Schlussfolgerungen ziehen.«

»Das klingt sehr nach Presse! Hoffentlich gerate ich nicht in Ihr Fadenkreuz.«

»Auch das kommt der Sache schon recht nahe. Immerhin sei so viel gesagt, dass ich gerade auf der Suche nach Menschen bin, mit denen ich ein Projekt realisieren möchte. Vielleicht könnten Sie darin eine Rolle übernehmen.«

»Bei Rollenspielen bin ich möglichst der Regisseur! Ansonsten ließe sich noch über eine Beraterfunktion reden.«

Mit einem Schmunzeln reichte er Rahel seine Visitenkarte. Ein kurzer Blick genügte, um zu wissen, wen sie vor sich hatte.

»Meine Vermutung war gar nicht so falsch. Überlegen Sie sich nochmals mein Angebot. Ich werde Sie anrufen, um Ihnen Ihre mögliche Rolle zu erläutern.«

Damit verabschiedete sich Rahel mit einem kurzen Kopfnicken und verschwand schnell zwischen den unvermindert diskutierenden Gruppen an den Stehtischen. Verwundert stellte Rahel dabei fest, dass Reinhard Meys »Gefräßige Schlünde« immer noch nicht gesättigt waren!

Sollte Rahel ungewollt auf einen weiteren Kandidaten gestoßen sein? Ganz gewiss entsprach er nicht ihren Vorstellungen, aber vielleicht ergaben gerade diese Kontraste eine brisante Mischung. Immerhin war es ihr gelungen, zunächst anonym zu bleiben und selbst bestimmen zu können, den Kontakt mit diesem Homo inconsensus aufzunehmen. Was sich hinter dieser Fassade verbarg, war schwer vorherzusehen. So, wie er sich hier dargestellt hatte, musste sie wohl ständig auf der Hut sein, nichts Verfängliches zu sagen. Auf juristisches Glatteis wollte sie sich jedenfalls nicht begeben. Andererseits könnte es eine Herausforderung sein, sich beim Klingenkreuzen zu behaupten. Suchte sie nicht solche Gelegenheiten? Also darüber schlafen und dann entscheiden! Obgleich die Ausbeute des Abends für Rahel nicht schlecht war, hatte sie kein Verlangen mehr nach einem neuen Anlauf. Das Buffeterlebnis hatte seine Spuren hinterlassen! Gern hätte sie sich noch mit Brigitte Schöne oder dem sympathischen Mann (wie er wohl hieß?) unterhalten, aber sie suchte vergeblich. So ging sie langsam zur Garderobe, streifte ihren Mantel über, und während sie die Treppen hinabging, verstummten allmählich die aus den Nebenräumen des Saales dringenden Stimmen.

Als wohltuend empfand Rahel die sie umgebende Ruhe, nur unterbrochen von dem hellen Klang ihrer Absätze auf den steinernen Stufen. Plötzlich wurden diese Töne von dem Gang einer an ihr vorbeieilenden Frau überlagert. Mit einem knielangen Mantel aus weichem, hellbraunem Leder bekleidet, die Taille durch einen Gürtel betont, der hochgeschlagene Kragen von edlem Fuchspelz besetzt, die Haare unter einer Kappe aus gleichem Fell verborgen – das Treppenhaus ließ Rahel genügend Zeit, das Äußere dieser auffallenden Frau zu betrachten, auch wenn kein Blick in ihr Gesicht gelungen war. Dann signalisierten die verhallenden Schritte, dass sie bereits das Eingangstor erreicht haben musste. Als Rahel dort angekommen war und die schwere gusseiserne Tür öffnen wollte, fiel ihr Blick auf ein im Schein einer Deckenlampe sichtbares Lederetui am Rande des Türrahmens. Sie bückte sich und schon beim Öffnen wurde der wertvolle Inhalt erkennbar: Ausweis, Kreditkarte, Geldscheine – ein schwerwiegender Fund! Aus dem Passbild konnte Rahel keine Schlussfolgerungen ziehen. Der Straßenname sagte ihr zunächst wenig, sie vermutete ihn eher am Stadtrand. Material und Farbe des Etuis passten jedoch gut zu der Frau, die soeben das Haus verlassen hatte. Vielleicht war sie noch zu sehen! Schnell trat Rahel auf den Marktplatz hinaus, der sich zu dieser späten Stunde weitgehend menschenleer zeigte. Auch von einer Frau im hellen Ledermantel keine Spur. Was also tun? Eine Chance könnte das Internet sein! Rasch aktivierte Rahel ihr Handy und hatte bald eine Webseite mit gleichlautendem Namen gefunden. Mit einiger Fantasie ließ sich auch das Foto dem Ausweisbild zuordnen, der Hinweis auf ein Landtagsmandat überraschte aber doch. Die Kontaktadresse mit einer Telefonnummer gehörte wahrscheinlich zu ihrem Büro, denn jene stimmte nicht mit der Ausweisanschrift überein. Der Versuch, eine Verbindung herzustellen, mündete, wie erwartet, beim Anrufbeantworter. Rahel beließ es daher bei einer kurzen Nachricht, das Etui mit den Ausweisen gefunden zu haben und es ihr morgen übergeben zu wollen.

Da stand sie nun an dem kühlen Winterabend allein auf dem Marktplatz, in einer Stadt, die so reich an Geschichte, an Architektur und Kultur war, dass sie wohl noch Monate brauchte, um das bereits Gelesene auch gesehen zu haben und das Gefühl zu bekommen, hier wirklich angekommen zu sein. Natürlich gehörten auch die Menschen dazu, die in den letzten Jahrzehnten eine bewegte Vergangenheit durchlebt hatten. Gerade vom Umgang mit zwei Diktaturen waren sie geprägt, gab es immer noch einen Nährboden insbesondere für den Rechtsextremismus. Genau diese Wurzeln und ihr aktuelles Aufblühen wollte sie ergründen, deshalb war sie hierhergezogen. Dieses Ziel durfte sie nicht aus den Augen verlieren, auch wenn dieser Abend keine Impulse in diese Richtung gesetzt hatte.

Rahel benutzte in solchen Fällen die Straßenbahn, um zu ihrer Wohnung zu gelangen. Das geschah meistens aus Zeitgründen, vielfach aber, sie musste es ehrlich eingestehen, scheute sie den mehr als halbstündigen Fußweg. Doch jetzt waren diese Gründe nicht stichhaltig, nichts drängte sie, niemand wartete auf sie. So bot sich eine gute Gelegenheit, einmal die abendliche Stimmung in den altehrwürdigen Gassen zu erleben.

Erwartungsvoll bog sie in eine der Straßen ein, die schon auf den ältesten überlieferten Stadtplänen eingezeichnet waren. Einst der Handelsweg nach Süden, reihte sich auch jetzt noch zu ebener Erde ein Geschäft an das andere, darüber hinter spätgotischer Fassade zwei bis drei Etagen für die Wohnungen der damals gut betuchten Bürger. Auffallend auch die hoch aufragenden Satteldächer, die viel Raum zum Lagern der gehandelten Waren boten. Als Rahel an einem Renaissancehaus die große Toreinfahrt entdeckte, konnte sie sich gut vorstellen, wie einst die Pferdefuhrwerke den dahinter liegenden Ausspannhof genutzt hatten. Wenn die Erinnerung von der Stadtführung nicht trog, der sich Rahel gleich am ersten Wochenende nach ihrer Ankunft angeschlossen hatte, musste in diesem Gebäude zugleich das älteste Gasthaus der Stadt seine Gäste bewirtet haben. Gastronomie gab es darin nicht mehr, aber immerhin war das Haus erhalten geblieben und wurde jetzt für Ateliers genutzt. Doch zu dieser Abendzeit wirkte die Gegend ziemlich leblos. ›Ein Restaurant in historischem Gemäuer, noch dazu in Marktnähe, könnte hier für Abhilfe sorgen‹, dachte Rahel. Da hörte sie plötzlich eine von Bassrhythmen dominierte Musik, die offensichtlich aus einer Nebenstraße zu ihr drang. Neugierig geworden, folgte sie den Klängen, auch wenn ihr die Enge dieser Gasse fast bedrohlich vorkam. Hier dürfte selbst ein Pferdegespann Schwierigkeiten mit dem Durchkommen gehabt haben! Doch bald erweiterte sich der Weg und Rahel sah wie aneinandergereiht eine Vielzahl von Gaststätten in gut restaurierten Häusern aus der Gründerzeit. Hier war sie also, die Kneipenmeile, von der sie schon gehört hatte! Menschengruppen unterhielten sich rauchend vor den Türen, von drinnen war deutlich die Musik, gelegentlich auch ein diffuses Stimmengewirr wahrzunehmen. Rahel freute sich über ihre Entdeckung, dass die Stadt ein Abend- und Nachtleben führte. Es war nicht das Wichtigste für sie, aber kennenlernen wollte sie es schon einmal.

Rahel bog nach rechts ab, um in die Richtung ihrer Wohnung zu gelangen. Schnell wurde es wieder ruhiger, die Beleuchtung spärlicher. Sie stieß auf einen kleinen Platz, in dessen Mitte ein steinernes Monument auffiel und in merkwürdigem Kontrast zu den modernen viergeschossigen Wohnbauten stand, die das begrünte Karree umgaben. Rahel wusste, dass in dieser Gegend einmal die Synagoge gestanden hatte. Nun mahnte dieses Portal in Anlehnung an das Original, die Verbrechen des Nationalsozialismus nicht zu vergessen. Auch jetzt wühlte dieser Anblick so vieles in Rahel auf, insbesondere die Geschichte ihrer Familie. Und er erinnerte Rahel an die Aufgabe, die sie sich selbst gestellt hatte. In ihren Gedanken tauchten Bilder aus der Vergangenheit auf, und die Ereignisse des bisherigen Abends verblassten. Sie wollte allein mit sich sein, also rasch nach Hause! So suchte sie mit dem sicheren Gespür für die einzuschlagende Richtung den kürzesten Weg und kam dabei durch Straßen, die ihr noch unbekannt waren. Die Betrachtung der Gebäudefassaden hatte sie aufgegeben, zumal sie das Gebiet des historischen Stadtkerns längst hinter sich gelassen hatte. Hier fügten sich schmucklose Wohnblöcke aus der Zeit der Industrialisierung im letzten Jahrhundert aneinander, überwiegend in gutem Zustand. Nur gelegentlich fiel ein verfallenes, leer stehendes Haus auf. Doch die Graffitischmierereien nahmen zu, untrügliches Zeichen für Jugendliche, die im Konflikt mit der Gesellschaft standen. Dieses kriminelle Potential, Flächen jeder Art zu verunstalten, besonders wenn sie frisch renoviert waren, schien im Vergleich zu anderen Städten außergewöhnlich groß zu sein, ein Umstand, den Rahel schon bald nach ihrer Ankunft festgestellt hatte.

Die nächtlichen Straßen waren hellhörig, und so fiel Rahel bereits frühzeitig ein Gegröle auf, das immer näher zu kommen schien, je weiter sie ging. Menschen konnte sie in der Dunkelheit nicht erkennen, doch nach einer scharfen Rechtsbiegung stand sie plötzlich vor einer Gruppe Jugendlicher, die den Bürgersteig belagerten, einige mit Bierflaschen in der Hand. Soweit Rahel die Situation überblicken konnte, vermittelten die ähnliche Kleidung und die vielen Glatzköpfe den Eindruck einer Gesinnungsclique, die nicht gerade vertrauenerweckend wirkte. Wie würden diese Burschen reagieren? Desinteressiert oder aggressiv? Rahel wurde etwas mulmig, zu oft hörte man immer wieder von Überfällen, ohne dass Motive sichtbar gewesen wären. Umdrehen wollte sie auch nicht, das reizte die Kerle vielleicht noch eher. Andererseits sollten solche Typen nicht vorverurteilt werden. Also mutig an ihnen vorbeigehen, keine Angst zeigen! Mit Freundlichkeit waren sie eventuell am leichtesten zu entwaffnen. Als sie sich schon entschlossen hatte, auf die andere Straßenseite zu wechseln, hörte sie aus dem Hintergrund eine resolut klingende Stimme: »Also Leute, macht Platz! Und lasst die Frau in Ruhe!«

Sofort bildete sich eine kleine Gasse. Nun kam Rahel nicht umhin, durchzugehen. Flüchtig sah sie noch zwei am Boden liegende Hunde, ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Dann sagte sie in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war, ohne dass sie den Sprecher ausmachen konnte: »Danke, sehr freundlich!«

Als sie die Gruppe hinter sich gelassen hatte, geschah zu Rahels Überraschung nichts. Selbst das Gegröle war verstummt! Doch erst als sie den Rosenweg erreicht hatte und ihr Haus sah, in dem sie eine ausreichend große 2-Zimmer-Wohnung gemietet hatte, beruhigte sie sich. War ihre Angst vor jugendlichen Aggressionen unbegründet? Oder hatte es diesmal der Zufall nur gut mit ihr gemeint? In solchen Situationen fragte sich Rahel, was in den Köpfen dieser Leute ablief. Um sie zu verstehen, müsste das Gespräch mit ihnen gesucht werden. Aber nicht nachts und allein gegen ein ganzes Rudel! Ein solches Risiko wollte Rahel nicht eingehen. Trotzdem war es eine gute Erfahrung, die sie an diesem Abend gemacht hatte. Mit der Aussicht auf einige Porträtkandidaten hatte er begonnen – bei etwas Glück könnten es sogar die gewünschten vier Gesprächspartner werden – und mit einer Reihe unterschiedlichster Eindrücke von ihrer neuen Wahlheimat war er zu Ende gegangen. Sie spürte, dass etwas vor ihr lag, was sie nur ergreifen musste. An Neugier und Entdeckerlust fehlte es ihr jedenfalls nicht!

2

Der Morgen hatte wie gewohnt für Rahel begonnen. Der Wecker, den sie wegen seines sanft beginnenden und dann immer lauter werdenden Weckrufes erworben hatte, holte sie aus einem erholsamen Schlaf. Schnell warf sie die Bettdecke zur Seite, um nicht der Versuchung zu erliegen, noch einmal in die wärmende Geborgenheit zurückzukehren. Am weit geöffneten Fenster sog sie die kühle Winterluft ein, hörte in der Ferne das kreischende Geräusch einer Straßenbahn, rekelte sich ausgiebig, bis sie glaubte, nun wirklich wach zu sein. Sie warf ihr Nachthemd von sich und ging mit federndem Schritt ins Bad. Der Wasserstrahl der Dusche vertrieb letzte Wünsche nach einer Rückkehr ins Bett. Ausgiebig genoss sie den Schaum vom Duschgel auf ihrem Körper, dann das Abspülen von ihrer brünetten Haut. Zum Abschluss, der jedes Mal Überwindung kostete, ließ sie einen Schwall kalten Wassers vom Gesicht über den Körper rieseln, begleitet von wohltuendem Prickeln. Schnell umhüllte sie sich mit einem Badetuch, frottierte ihren ganzen Körper und zog ein pinkfarbenes Negligé über. Nun fühlte sie sich wohl, und der Tag konnte beginnen.

Bald durchzog Kaffeeduft die Räume, ergänzt vom Geruch gerösteter Toastscheiben. Rahel wollte es sich gerade in ihrer kleinen gemütlichen Küchensitzecke bequem machen, als ihr Blick auf dieses Etui mit dem gewichtigen Inhalt vom gestrigen Abend fiel. Wird es die Besitzerin inzwischen bemerkt haben? Wie könnte deren Reaktion ausgefallen sein? Rahel hatte beim flüchtigen Hinsehen auf das Ausweisbild noch keinen bleibenden Eindruck von dieser Frau gewinnen können. Sie wirkte zweifellos attraktiv, ihr Alter war jedoch schwer einzuschätzen. Entgegen Rahels Vorstellung, keine Personen der Öffentlichkeit auszuwählen, weckte eine Landtagsabgeordnete natürlich ein ganz besonderes Interesse, gerade für eine Journalistin. Dazu kam: Sie war eine Frau! So könnte es wirklich noch gelungen sein, bei diesem Empfang vier Personen gefunden zu haben, die für das Projekt in die engere Auswahl kommen könnten. Die Visitenkarte neben dem Etui erinnerte Rahel zugleich daran, durch welch kuriosen Zufall sie auf diesen Rechtsanwalt Jürgen Schwarz gestoßen war. In ihm sah Rahel eher den Karrieremann, bei dem sie sich, wenn sie sich nicht sehr täuschte, auf manche Kontroverse gefasst machen musste. Aber das konnte die Sache auch spannend werden lassen. Ganz anders dagegen die beiden anderen! Hier hatte das Gefühl in den wenigen Momenten Sympathie signalisiert und Rahel stellte sich bereits vor, mit ihnen etwas gestalten zu können. Noch blieb alles fragwürdig, fehlte jegliche Zusage, aber mit einigem Abstand betrachtet, war der Einstieg in die neue Aufgabe recht vielversprechend verlaufen.

Während Rahel genüsslich einen Honigtoast aß, traf ihr Blick erneut auf das Abbild dieser Annemarie Reimann. Nun schaute Rahel genauer hin, fühlte sich in gewisser Weise angezogen. Es war ein freundliches Gesicht mit großen Augen, deren Anziehung durch markante Jochbeine noch mehr verstärkt wurde. Die Wangen traten ein wenig zurück und ließen volle, ausdrucksstarke Lippen zur Wirkung kommen. Schulterlange blonde Haare vervollständigten den Gesamteindruck und bestätigten mit der Erscheinung vom Vorabend das Bild einer modernen Frau mit Ausstrahlung. Rahel war gespannt auf die erste Begegnung, die durch den Fund des Etuis bevorstand.

›Das Beste sollte sein, gleich jetzt anzurufen. Doch ein Abgeordnetenbüro beginnt wahrscheinlich seinen Dienst nicht zu solch früher Stunde. Zudem habe ich meine Nummer hinterlassen, also könnte ich auf den Anruf warten. Schließlich müsste doch diese Annemarie Reimann daran interessiert sein, so schnell wie möglich ihr Etui wiederzubekommen.‹ Mitten hinein in Rahels Gedanken überraschten die melodischen Töne des Telefons. Als sich Rahel meldete, bestand für sie kein Zweifel, wen sie am anderen Ende der Leitung erwartete. Und so war es auch!

»Reimann. Soeben habe ich von meinem Büro die Nachricht bekommen, dass Sie mein Etui gefunden haben.«

»Ja, ich fand es gestern Abend am Stadthausausgang. Sie überholten mich im Treppenhaus, doch als ich auf den Marktplatz kam, konnte ich Sie leider nicht mehr sehen.«

»Ich hatte es eilig. Als ich zu Hause den Verlust feststellte, habe ich sofort die Kreditkarte sperren lassen und die Polizei informiert. Man weiß ja nie, in welche Hände diese Dokumente gelangen. Doch es ist zum Glück noch einmal gut gegangen. Wäre es Ihnen möglich, am Vormittag in mein Büro in der Sternstraße zu kommen? Es befindet sich im Haus mit den imposanten Portalfiguren Herkules und Atlas – nicht zu verfehlen! Ich werde in etwa zwei Stunden dort sein.«

»Zunächst habe ich noch einen Termin wahrzunehmen. Aber ich versuche, rechtzeitig da zu sein.«

Dann beendeten sie das Gespräch, schließlich war das Notwendige gesagt. Rahel schien die Stimme nicht unsympathisch zu klingen. Die Tonlage hätte allerdings auch zu einem Mann gehören können! Zugleich ließ sich die Erleichterung heraushören, dass der sicher viel beschäftigten Abgeordneten nun mancher Ärger erspart blieb. Das war nur allzu verständlich. Nach diesem ersten Kontakt hatte sich bei Rahel die Erwartung erhöht, dass ihr eigenes Anliegen, diese Frau für ein Porträt zu gewinnen, gelingen könnte, vorausgesetzt, sie bringt die Zeit zum Zuhören und für weitere Gespräche auf. Immerhin war sie zu gewissem Dank verpflichtet, das könnte die Situation erleichtern!

Rahel genoss noch die Reste ihres Frühstücks, kleidete sich nach sorgfältiger Auswahl für den Tag an und verließ das Haus, um bei der städtischen Sonntagszeitung eine zukünftige Mitarbeit zu besprechen. Mit einem guten Gefühl über die Möglichkeiten bei dieser Zeitung lief sie von dort zu der nicht weit entfernten Sternstraße und staunte, als sie vor den Sagengestalten der Antike stand. Annemarie Reimann hatte nicht zu viel versprochen, sie waren wirklich imposant und nicht zu übersehen! Leicht fand Rahel in der ersten Etage das Büro und merkte bereits beim Eintreten, dass sie erwartet wurde.

»Sie sind ganz sicher Frau Jakob. Frau Reimann wird erfreut sein. Einen Moment bitte.«

Die Mitarbeiterin öffnete die Tür zum Nebenraum, holte sich mit einem Kopfnicken ins Innere des Zimmers das Einverständnis und gab Rahel mit einer einladenden Handbewegung das Zeichen, hineinzugehen.

Nun stand sie dieser Frau gegenüber, die ihr bisher nur durch Ledermantel und Fuchspelz bekannt war. Auch jetzt bestach sofort die Eleganz, die von Hosenanzug und Schuhen bestimmt war. Vielleicht verdeckte der Blazer einige zu starke Rundungen, doch die Lebhaftigkeit der Bewegungen, das Leuchten in den Augen überspielten alle Gedanken an ein mittleres oder gar vorgerücktes Alter. Vom Äußeren her brachte diese Frau jedenfalls alle Voraussetzungen zum Repräsentieren mit. Nun reizte es Rahel, hinter diese schöne Fassade sehen zu können.

Mit ausgestreckten Armen kam Annemarie Reimann Rahel entgegen, lud zum Sitzen in einer Sesselecke ein und sagte freudestrahlend: »Welch ein Glück, dass das Etui in die richtigen Hände gelangt ist. Frau Jakob, ich danke Ihnen sehr für Ihre Ehrlichkeit und die uneigennützige Hilfe, mich gleich benachrichtigt zu haben und nun hierhergekommen zu sein. Wie kann ich mich bei Ihnen erkenntlich zeigen? Eventuell im Zusammenhang mit Ihrem Job als Journalistin, wie ich aus dem Internet ersehen konnte?«

»Was ich getan habe, war doch selbstverständlich. Journalisten sind ja immer auf der Suche nach Geschichten, die sich auch verkaufen lassen. Da ich erst seit Kurzem in der Stadt lebe, brauche ich dafür natürlich Kontakte. Sie würden mir sehr entgegenkommen, wenn Sie sich auf eine Zusammenarbeit mit mir einließen. So war ich gestern Abend unterwegs, in der illustren Gesellschaft Personen zu finden, über die ich Porträts oder Reportagen für die hiesige Regionalzeitung schreiben könnte. Deren Lebensläufe, Arbeitswelten und Ansichten zu Gott und der Welt sollten dabei im Mittelpunkt stehen. Sie hätten doch als Abgeordnete auf diesem Feld eine Menge einzubringen.«

»Ein interessantes Projekt! Welche Klientel gehört denn schon zu Ihren Auserwählten?«

»Über erste Kontakte bin ich noch nicht hinausgekommen. Aber ich bin guten Mutes, mit drei Kandidaten aus dem Intellektuellenmilieu beginnen zu können. Und ich glaube, Sie würden exzellent in diese Reihe passen.«

»Das müsste sich erst herausstellen. Aber abgeneigt bin ich natürlich nicht. Das Abgeordnetenleben bietet viele ungewöhnliche Facetten, die dem Normalbürger unbekannt und vielfach unverständlich sind. Meistens werden nur die Diäten und amüsante Debatten im Landtag wahrgenommen, wo häufig leere Bänke zu sehen sind. Es wäre gut, wenn dieses Bild korrigiert würde.«

»Auch das gehört sicher dazu. Aber ich will keine Wahlhilfe für Sie oder Ihre Partei betreiben. Ich möchte Ihr reales Leben mit allen Höhen und Tiefen erfassen und dabei das Besondere und Vorbildhafte in den Mittelpunkt rücken. Gerade die raue Wirklichkeit, aber ebenso Orientierungspunkte und Leuchttürme braucht die Jugend von heute. Davon ist bei jedem Menschen etwas vorhanden, man muss es nur an die Oberfläche bringen!«

Auf Annemarie Reimanns Gesicht zeigten sich zweifelnde Züge. Die Augen verengten sich und schmallippig geworden, meinte sie: »Die Jugend braucht in der Tat Vorbilder, und das ohne Wenn und Aber. Nicht Probleme interessieren die Leser, davon haben sie selbst genug. Sie wollen sich am Erfolgreichen orientieren, wollen sehen, was man erreichen kann. Das ist die richtige Motivation!«

»Sie werden auf diesem Gebiet Ihre Erfahrungen haben. Was sind denn Ihre Schwerpunkte im Landtag?«

»Inzwischen ist es die Finanzpolitik. Gerade in Zeiten von Schulden und leeren Kassen ist nicht viel Lob zu ernten. Vorher war Bildung mein Ressort. Daher weiß ich, was die Jugend braucht. Wenn wir ins Geschäft kommen wollen, müssen Sie auf meine Vorstellungen eingehen.«

»Natürlich geht es um Sie, um Ihre Lebensansichten. Das soll auch authentisch rüberkommen. Aber wir kennen zu wenig unsere Meinungen, um jetzt eine Entscheidung treffen zu können. Lassen Sie uns einen Versuch machen und das Gespräch miteinander suchen. Nur, an meinen Schreibstil müssen Sie sich gewöhnen. Der ist nicht jedermanns Sache!«

»Das wird sich sehr schnell zeigen. Meine Zeit ist jedoch außerordentlich begrenzt. Zum Beispiel könnte ich Ihnen keinen freien Termin für die nächsten Tage nennen.«

»Das verstehe ich. Sie brauchen dabei nicht wählerisch zu sein. Auch spätabends ist für mich kein Problem. Aber vielleicht beginnen wir mit einem Kompromissvorschlag: Ich schicke Ihnen per E-Mail als Einstieg einen Fragenkatalog, den Sie nach Belieben schriftlich oder im Gespräch beantworten können. Danach wird sich zeigen, ob wir überhaupt zueinander finden können und welcher Umfang an Abstimmung nötig ist.«

Das Gesicht von Annemarie Reimann hatte sich aufgehellt. Offensichtlich war sie nun überzeugt, ihre Interessen verwirklichen zu können, und so ging sie gut gelaunt auf diesen Vorschlag ein.

»Gut, versuchen wir es. Wenn sich auf diese Weise der Aufwand minimieren lässt, soll es mir recht sein. Und Öffentlichkeitsarbeit gehört nun einmal zu meinem Job. Doch jetzt entschuldigen Sie mich, der nächste Termin wartet!«

Damit griff sie nach dem bereitliegenden Etui, blickte wie beiläufig hinein (war es Misstrauen?), bedankte sich nochmals freundlich, was Rahel bereits zu geschäftsmäßig erschien, und erhob sich als Zeichen, das Gespräch beenden zu wollen. Sie begleitete Rahel zur Tür und verabschiedete diese mit dem Satz: »Ich höre dann von Ihnen.«

Als Rahel auf der Straße stand, war ihr nicht so recht klar, ob sie auf dem Weg zu ihrem Projekt vorangekommen war oder auf der Stelle trat. Immerhin kannte sie nun diese Annemarie Reimann als Einzige der bisher in Frage kommenden Kandidaten etwas genauer und hatte eine halbe Zusage für ein Porträt. Sie hatte sicher das Zeug für eine interessante Reportage, aber diese Frau war gewöhnt, im Rampenlicht zu stehen, bei jeder Gelegenheit Werbung für sich und ihre Partei zu machen. Da ließen sich Konflikte mit Rahels Vorstellungen kaum vermeiden. Doch was verbarg sich hinter der Abgeordnetenfassade? Wie lebte diese Annemarie Reimann, wenn sie nicht auf der Bühne der Öffentlichkeit stand? Auch wenn Rahel diesen möglichen Konflikt nicht in die Zeitung bringen wollte und konnte, interessierte er sie und gehörte zum Verstehen und Bewerten der Person dazu. Sie war zuversichtlich, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen, wenn sie erst einmal wirklich ins Gespräch kommen würden. Schon das Mienenspiel und einige wenige Sätze hatten angedeutet, dass auch diese Frau ein Mensch mit allen Facetten und nicht nur eine perfekte Schauspielerin war. Ein interessantes Feld für Rahel!

Sie hatte ihr Auto in einem nahegelegenen Parkhaus abgestellt, da es in den angrenzenden Straßen unmöglich gewesen war, eine Parklücke zu finden. Nun wollte sie nach Hause fahren, um den vereinbarten Artikel für das Sonntagsblatt zu schreiben und sich anschließend dem Fragenkatalog zu widmen. Nicht zum ersten Mal stellte sie fest, dass es einem Roulettespiel glich, auf direktem Weg in die Südstadt zu ihrem Rosenweg zu gelangen. Ständig wechselnde Umleitungen oder Baustellen mit Stauungen brachten bei jeder Fahrt neue Überraschungen. Erst wurde sie in Richtung Bahnhof geleitet, dann folgten in kurzen Abständen Ampelregelungen, die beim Heranfahren stets auf Rot wechselten. Als sie schließlich nach Süden abbiegen konnte, folgten auch hier Absperrungen, die sie erneut zu einem Umweg zwangen. Umso überraschter war sie, als sie plötzlich in die Blumenstraße einbiegen musste. Die kannte sie bereits von einem ihrer ersten Spaziergänge, als sie das Wohnhaus ihrer Urgroßeltern kennenlernen wollte. Sie hatte sich damals nicht überwinden können, hineinzugehen und sich die Wohnung anzusehen. Doch diesmal wollte sie die Gelegenheit nutzen.

Rahel parkte an der gegenüberliegenden Straßenseite. Bevor sie ausstieg, blickte sie auf die Fassade mit dem Erker in der ersten Etage, der von aufwendigem Stuckwerk umgeben war, die lange Fensterfront, die zu einem Balkon mit gusseisernem Ziergitter hinführte, und alles eingebettet in eine rotbraune Backsteinwand. An den Giebelseiten rankte das jetzt blattlose Geäst des wilden Weins, das sich im Herbst in ein schillerndes Farbwunder verwandeln würde. Zumindest das Äußere war offensichtlich seit den damaligen Zeiten erhalten geblieben, denn Rahel kannte es aus den bildreichen Berichten des Großvaters. Doch wie mochte es im Inneren nach drei Generationen aussehen?

Ein Erkerfenster war geöffnet und so hoffte Rahel darauf, jemanden anzutreffen, der ihr das Betreten der Räume ermöglichte. Als sie vor dem Klingeltableau stand, irritierte sie, dass für die drei Etagen sechs Namen angegeben waren. Also mussten aus den Etagenwohnungen aus Urgroßvaters Zeiten jeweils zwei Wohnbereiche geworden sein. ›Ob ich etwas wiederfinde, was an Großvaters Erzählungen erinnert?‹, fragte sich Rahel.

Auf ihr Klingeln war bald eine Frauenstimme zu hören, und ohne viel erklären zu müssen, ertönte der Türsummer. Neugierig schaute sich Rahel im Treppenhaus um, das als Wendelgang in der Gebäudemitte ohne Fenster neu gestaltet war. Dadurch entstand in jeder Etage Platz für zwei Wohnungseingänge und zusätzlichen Wohnraum unter Nutzung der Fenster von Straßen- und Hofseite.

Vor einer der beiden Türen in der ersten Etage erwartete sie eine junge Frau mit fragendem, aber freundlichem Blick.

»Entschuldigen Sie, dass ich so unangemeldet vor Ihnen stehe. Mein Name ist Jakob, Rahel Jakob. Mein Anliegen wird Sie verwundern und ist eigentlich eine lange Geschichte. Meine Vorfahren haben vor über siebzig Jahren hier gewohnt. Nur Erzähltes und Überliefertes von deren damaligem Leben ist übrig geblieben, und jetzt, als ich vor dem Haus stand, wünschte ich mir, einmal durch die Räume gehen zu können. Ließe sich dieser Wunsch erfüllen? Ich komme auch gern zu einem anderen Zeitpunkt, wenn es jetzt unpassend ist.«

»Wenn Sie nun einmal hier sind und sich nicht an der Unordnung stoßen, die mein Krabbelkind gerade mit viel Eifer verbreitet, dann schauen Sie sich die Wohnung an. Ich gehe mal voraus. Ich kann Ihnen allerdings nicht sagen, wie es früher ausgesehen haben mag.«

»Meine Urgroßeltern bewohnten damals mit ihren drei Kindern die gesamte Etage. Für jedes von ihnen soll ein Zimmer zur Verfügung gestanden haben. Und dann noch vier weitere Räume, die nicht gerade klein gewesen sein dürften. Das war zu jener Zeit in gutbürgerlichen Familien nichts Ungewöhnliches.«

Während sie durch den Flur gingen, öffnete die junge Frau die Türen zu Küche und Bad und ließ Rahel einen Blick hineinwerfen.

»Das könnte die alte Raumaufteilung sein. Ich weiß nur, dass vor den Fenstern eine Kastanie im Innenhof gestanden haben soll, und das scheint auch heute noch so zu sein. Dann müsste gegenüber das Esszimmer liegen.«

»Für uns erfüllt es heute mehrere Funktionen, ist sozusagen der Lebensmittelpunkt. Meine Kleine wirft zurzeit alles durch die Gegend, was sie in die Hände bekommt. Aber auf diese Weise ist sie beschäftigt und zum Glück nicht weinerlich, wenn sie mal allein im Raum ist. Kommen Sie ruhig rein.«

Rahel strich dem Mädchen über den Kopf und schob einige Bauklötze in dessen Reichweite. Dann blickte sie um sich, und trotz der jetzigen modernen Einrichtung konnte sie sich in der Mitte des Raumes gut den großen Esstisch von damals vorstellen, der neben der Familie sicherlich auch manchen Gästen Platz geboten hatte. Zwischen den Fenstern dürfte das Büfett gestanden haben, an der Wand zum Flur die oft erwähnte Kredenz, in der sich die wertvollen Porzellan- und Glasbestände befanden, die zu besonderen Feiertagen oder feierlichen Anlässen auf den Tisch gekommen waren. Wie Großvater berichtet hatte, durften die Kinder diese Stücke nicht transportieren, das blieb ausschließlich deren Mutter vorbehalten, wenn nicht zu größeren Festen eine Küchenhilfe engagiert worden war. Zu Kindergeburtstagen dagegen wurde ohnehin nur das Geschirr aus der Küche verwendet. Rahel wähnte sich in der Vergangenheit angekommen. Hätte nicht die Familiengeschichte so weitergehen können? Doch für jene Generation war es die falsche Zeit am falschen Ort. Rahel blieb nur, die Erinnerung wachzuhalten.

»Hinter dieser Tür muss das Erkerzimmer liegen, groß und lichtdurchflutet, in dem sich das Familienleben abgespielt haben soll, wo musiziert und getanzt wurde. Für die Kinder war wohl die Weihnachtszeit am beeindruckendsten gewesen, denn dort hat der geschmückte Baum gestanden, um den eine elektrische Eisenbahn kreiste, von der Großvater immer geschwärmt hat.«

»Da hat sich vieles verändert. Der Erker gehört noch zu unserem Zimmer, doch eine Wand teilt es, und dahinter beginnt die nachbarliche Wohnung. Wie Sie sehen, ist das unser Familienschlafraum. In ein paar Jahren wird unsere Tochter das Zimmer neben der Küche beziehen …«

»… das früher das elterliche Schlafzimmer gewesen sein muss. Und in der Fortsetzung des Erkerzimmers dürfte sich das einstige Heiligtum des Urgroßvaters angeschlossen haben: ein großer Raum mit Balkon, in dem er nur in Ausnahmefällen gestört werden wollte. Dort soll er häufig bis spätabends gearbeitet, ja sogar Schriften mit politischem Inhalt verfasst haben. Doch sie sind nicht erhalten geblieben. Nur ein Tagebuch hat die Zeit überlebt.«

»Das Leben Ihrer Vorfahren muss wirklich sehr interessant gewesen sein.«

»Leider nur viel zu kurz. Es hat ein schlimmes Ende gefunden. Aber nun will ich Sie nicht weiter belästigen. Sie haben mir einen sehr wertvollen Dienst erwiesen. Jetzt kann ich besser mit der Vergangenheit umgehen und mir lebensnaher vorstellen, wo das alles geschehen ist. Die damaligen Kinderzimmer gehören ja offensichtlich auch zu der anderen Wohnung. Schade, aber ich glaube, ich habe genug gesehen.«

An der Flurtür verabschiedeten sich die beiden Frauen, die eine beeindruckt von der bisher unbekannten Geschichte des Hauses, in dem sie wohnte, die andere erleichtert, den Spuren ihrer Vorväter ein Stück näher gekommen zu sein. Das bestärkte Rahel darin, sich bald mit den Aufzeichnungen zu beschäftigen, die der Vater ihr mit auf den Weg gegeben hatte.

Aus dem Auto warf Rahel noch einen Blick auf das ihr nun vertrautere Haus. Es überraschte sie nicht, am geöffneten Erkerfenster die junge Frau mit der Tochter auf dem Arm zu sehen. Es musste bei ihr Neugier zurückgeblieben sein, wer sie, Rahel, wirklich war; zu wenig Einblick in ihr Leben hatte sie gewährt. Doch Rahel hatte dieser Abstecher in die Vergangenheit erleichtert, und so nahm sie auch weitere Baustellen gelassen hin. Da der Zufall sie bei der Wohnungssuche in den Stadtteil ihrer Vorväter gebracht hatte, fuhr sie inzwischen durch ihr bekannte Straßen und erreichte bald den Rosenweg. Hier gab es vor den Häusern kleine Vorgärten, weitestgehend gepflegt, wenn ihnen auch zu dieser Jahreszeit die blühenden Pflanzen fehlten. Rahel stellte ihren Wagen auf dem Mieterparkplatz an der Giebelseite des Hauses ab, leerte ihren Briefkasten von unvermeidlichen Werbeschriften und ging leichten Schrittes die Treppen zu ihrer Wohnung in der dritten Etage hinauf.

Ein Kaffee ließ keine Müdigkeit aufkommen. Während sie mit angezogenen Beinen in der kleinen, aber gemütlichen Essecke saß, sich die Hände an der Tasse wärmte, bereitete sie in Gedanken den Beitrag für das Sonntagsblatt vor, der den Eindruck von dieser Stadt bei ihrer ersten Ankunft schildern sollte. Er war als Test und Einstieg für ihre spätere Berichterstattung über kulturelle Ereignisse vereinbart worden. Dieses Betätigungsfeld kam ihr sehr entgegen. Und so setzte sie sich sogleich an den Schreibtisch im Wohnzimmer, von dem der Blick in den Hinterhof, über die Dächer der Stadt bis zu den Turmspitzen am Marktplatz reichte – und von dort in den grenzenlosen Himmel gleiten konnte, wenn ihr zum Träumen zumute war. Doch jetzt begann bereits der trübe Wintertag in Dämmerung überzugehen, die Konturen der Gebäude verschwammen, und so konzentrierte sich Rahel ganz auf den Text, der in ihrem Kopf schon klare Formen hatte. Sie tippte ihn routiniert und ohne größere Stockungen in den Computer, überlas ihn nochmals und sandte ihn ohne zu zögern an die Redaktion des Sonntagsblattes.

Nun konnte sich Rahel ungestört dem Fragenkatalog zuwenden. Fremd war ihr diese Thematik keineswegs. Frühzeitig hatte sie sich für Interviewtechniken interessiert und verschiedene Fragen gesammelt. Hier sollte das Ergebnis aber ein Porträt, eigentlich eher eine Reportage sein. Ein Frage-Antwort-Spiel konnte da sicher ein Anfang sein, aber nur das Gespräch würde ihr wirklich weiterhelfen, um das, worüber sie berichten wollte, mit Leben zu füllen. Für Rahel waren ihre Kandidaten erst einmal die großen Unbekannten, und was aus dem Internet herauszulesen sein würde, dürfte allenfalls eine Art Begleitmusik sein. Sie vermutete, dass mit Ausnahme der Abgeordneten das Interesse der anderen an der elektronischen Kommunikation eher gering sein würde. Aber auch hier waren Überraschungen nicht auszuschließen. Also mit einem Standardfragebogen beginnen und dann weitersehen! Schließlich waren all diese Vorstellungen Schall und Rauch, wenn die vier nicht mitspielten.

Rahel suchte in ihren Unterlagen den Ordner mit den Fragestellungen für Interviews und zum Herausfinden von Wahrheiten, aufgeteilt nach Sachgebieten. Sie überflog die Seiten und erkannte bald, dass sie nichts komplett kopieren konnte, sondern nach ihrem angestrebten Ziel auswählen musste. Zugleich wurde ihr klar, dass sie sich im Umfang zu beschränken hatte, um nicht sofort ein Abwehrpotential bei den Kandidaten aufzubauen, die dafür mit einem »Leider habe ich keine Zeit!« leicht eine Erklärung finden würden. ›Am ehesten ist wahrscheinlich eine solche Reaktion bei Annemarie Reimann zu erwarten, am wenigsten wohl bei der Malerin. Doch der wichtigste Schritt ist ohnehin, ein gegenseitiges Vertrauen aufzubauen und dadurch zu mehr Offenheit zu gelangen‹, sagte sich Rahel. ›Das rein Private sollte ich deshalb zu Beginn ausklammern, dafür aber gezielt ihre Einstellungen zu wichtigen Lebensfragen und zur Konfliktbewältigung zu ergründen versuchen, um charakterliche Besonderheiten herauszufinden. Etwas Psychologie gehört schließlich auch dazu, und so könnte es reizvoll sein, die vier in die Welt der Wünsche und Träume zu entführen. Aber ob sie sich darauf einlassen?‹

Rahel wusste, dass die Fragen zu mehr als nur Ja-/Nein-Antworten führen sollten. Also mit was, wie, warum – den bekannten W-Fragen – zum Erzählen herausfordern! Das wiederum auf Themen wie Glück, Schönheit, Konfliktbewältigung, Sieg und Niederlage angewandt, ergab bereits ein Bündel an Einstiegsmöglichkeiten. Natürlich gehörte auch dazu, wie sich jeder Einzelne als Teil der Gesellschaft sieht, wie er auf die zeitgemäßen Herausforderungen reagiert, ob er sich als Getriebener oder Treiber seines Umfeldes fühlt, folglich nur Nutzer oder Gestalter sein will. Rahel spürte, wie sich die Themenfelder ausweiteten, und noch war sie nicht an ihrem Interesse nach persönlicher Motivation und Einstellung zum aktuellen politischen Geschehen angelangt. Sie musste sich einschränken, das war zumindest für den ersten Fragenkatalog unvermeidlich. An welcher Stelle also streichen? Wenn Rahel verwertbare Antworten bekommen wollte, sollte sie wahrscheinlich die gesellschaftspolitischen Gewissensfragen auf spätere Gespräche verschieben. Die eigene Gesinnung trägt selten jemand auf dem Präsentierteller vor sich her! Auch konkrete Lebenssituationen dürften in dieser frühen Phase kaum geeignet sein. Sie zu offenbaren erfordert ein gewisses Maß an Vertrauen, das sich, wenn überhaupt, erst allmählich aufbauen kann.

Im Moment schien es Rahel, als würden die vier Kandidaten sehr unterschiedliche Voraussetzungen für diese Ansprüche mitbringen. Bei der Malerin und dem »Adonis« (wie kam sie nur dazu, diesen Mann nach dem kurzen Wortwechsel so zu glorifizieren?) konnte sie sich das Annähern vorstellen, aber bei den beiden anderen? Zweifel waren zumindest angebracht. Doch vielleicht täuschte sie sich bei allen, und es kam ganz anders. Noch standen ohnehin die Zusagen für eine Zusammenarbeit aus. Also erst einmal beginnen und den ersten Schritt tun!