Wie Bildung gelingt - Harald Lesch - E-Book

Wie Bildung gelingt E-Book

Harald Lesch

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Beschreibung

Wie gelingt Bildung? Neue Impulse in einer wichtigen Gesellschaftsdebatte

„Wir müssen uns bilden und nicht ausbilden lassen!“ - „Wir sollten Menschen und nicht Fächer unterrichten!“ An diesen provokanten Forderungen erkennt man sofort: Harald Lesch brennt für das Thema Bildung. Der Physiker, Wissenschaftsjournalist und Fernsehmoderator deckt in seinem Diskussionsbuch „Wie Bildung gelingt. Ein Gespräch“ die Ursachen der seit fast zwei Jahrzehnten bestehenden Bildungskrise auf.

Zusammen mit den Philosophen Ursula Forstner und Wilhelm Vossenkuhl entwickelt Lesch neue Ideen und überraschende Impulse für ein Umdenken in Schulen und Universitäten.

  • Naturphilosoph und exzellenter Erklärer: Lesch vermittelt zentrale Thesen der Bildungsdebatte unterhaltsam und pointiert
  • Bildung statt Ausbildung: Warum die Persönlichkeitsentwicklung Vorrang vor reiner Informationsweitergabe haben sollte
  • Wege aus der Bildungskrise: Wie können wir Fehlentwicklungen, wie etwa aus der Bologna-Reform, rückgängig machen
  • Ungewöhnliche Erzählform: Dialog zwischen Lesch und dem britischen Philosophen Alfred North Whitehead - ganz in sokratischer Tradition!
  • Reform-Forderungen an die Bildungspolitik: konkrete Vorschläge für eine zukunftsfähige Schulpolitik
  • Erweiterte Neuauflage: Vom Präsenzunterricht zum digitalen Unterricht - neue Erkenntnisse

Streitschrift für einen Perspektivwechsel in der Bildungsdebatte

Intensiv, kurzweilig und anregend diskutieren Lesch, Forstner und Vossenkuhl Whiteheads Thesen zur Erziehung und Bildung des Menschen und erörtern didaktische Zusammenhänge. Sie fordern ihre Leser dazu auf, das Schul- und Bildungssystem grundsätzlich in Frage zu stellen und neu zu denken.

Die Autoren sehen großes Potential in der Förderung von Neugier, Originalität, Fantasie und Risikobereitschaft. Daher sind nicht nur MINT-Fächer, sondern auch Kunst, Musik und Sport mit ihren kreativ-sozialen Eigenschaften zentrale Bestandteile von Bildung.

Dieses Buch richtet sich nicht nur an Pädagogen und Wissenschaftler. Es liefert wichtiges Hintergrundwissen und überzeugende Argumente zur aktuellen Bildungsdebatte für alle bildungspolitisch interessierten Leser!

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Harald Lesch / Ursula Forstner

Wie Bildung gelingt

Ursula Forstner studierte an der Hochschule für Philosophie in München. Dort lernte sie den Philosophen Alfred N. Whitehead (1861–1947) kennen und bringt nun seine »modern« anmutenden Überlegungen zur Bildung ins Gespräch mit Harald Lesch ein.

Harald Lesch ist nicht nur Professor für Astronomie und Astrophysik an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Dozent für Naturphilosophie an der Hochschule für Philosophie München. Durch seine Präsenz in Funk und Fernsehen ist er darüber hinaus als hervorragender »Erklärer« bekannt: In Sendungen wie »alpha Centauri«, »Leschs Kosmos« oder dem Youtube-Kanal »Terra X Lesch & Co« vermittelt er komplizierte Phänomene und Fakten leicht verständlich an ein großes Publikum.

wbg Paperback macht die wichtigsten Titel großer Autor:innen aus dem Programm der wbg in einer jungen und wertigen Edition für alle neugierigen Leser:innen zugänglich. Als wbg Paperback auch erhältlich:

Klaus-Jürgen Bremm, 1866. Bismarcks deutscher Krieg

Leoni Hellmayr, Der Mann, der Troja erfand. Das abenteuerliche Leben des Heinrich Schliemann

Douglas A. Howard, Das Osmanische Reich. Vom Mittelalter bis zum 1. Weltkrieg

Arne Karsten, Volker Reinhardt, Kardinäle, Künstler, Kurtisanen.

Wahre Geschichten aus dem barocken Rom

Philip Matyszak, Legionär in der römischen Armee. Der ultimative Karriereführer

Alle Titel und weitere Informationen zu wbg Paperback finden Sie unter www.wbg-wissenverbindet.de/paperback.

Lieber Willi (Vossenkuhl), ganz, ganz großen Dank, ohne Dich wäre das Buch nicht entstanden!

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.

Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen,

Mikroverfilmungen und die Einspeicherung in und Verarbeitung durch elektronische Systeme.

wbg Paperback ist ein Imprint der wbg.

© 2021 by wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt

2. erweiterte Aufl. 2021 (1. Aufl. 2020)

Die Herausgabe des Werkes wurde durch die Vereinsmitglieder der wbg ermöglicht.

Lektorat: Redaktionsbüro Diana Napolitano, Augsburg

Satz: Melanie Jungels, TYPOREICH – Layout- und Satzwerkstatt,

Nierstein

Einbandabbildung: Porträt von Harald Lesch, Foto: Gerald von Foris

Umschlaggestaltung: Andreas Heilmann, Hamburg

Gedruckt auf säurefreiem und alterungsbeständigem Papier

Printed in Europe

Besuchen Sie uns im Internet: www.wbg-wissenverbindet.de

ISBN 978-3-534-27351-5

Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:

eBook (PDF): ISBN 978-3-534-74698-9

eBook (epub): ISBN 978-3-534-74699-6

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Innentitel

Inhaltsverzeichnis

Informationen zum Buch

Impressum

Inhalt

Vorwort zur (Corona-)Neuauflage oder »Seither …«

Die Welt war eine andere

Im Dialog mit der Bildungsforschung

Guter Unterricht ist der Schlüssel

Prolog

Bildung soll unser Thema sein!

Und Whitehead?

Gespräche über Bildung

Gott oder Bildung?

Whitehead weiß gar nicht, was Bildung ist

Vossenkuhl und Lesch wissen nicht, was Wissen ist

Totes Wissen? Ich protestiere!

Exkurs: Fußnoten zu Platon

Lasst uns Menschen verbessern! Oder besser nicht?

Ein besserer Mensch durch Griechisch und Latein?

Kinder lernen durch Kontakt

Naturwissenschaften, denn das hilft gegen das Schicksal

Wissen ist nützlich, wenn es nützlich ist

Wissen ist Macht! Also macht man einfach irgendwas?

Bildungsphilosophie im Anflug

Vorsicht vor dem Schüler: Lebendig!

Erzieherische Gebote oder »Weniger ist mehr!«

Mathematik? Da kannste mich mit jagen!

Für Bildung ist es nie zu spät – oder doch?

Das Beste kommt vor der Schule: Sprechenlernen

Schule mit Erfolgsgarantie: Geht das?

Mathematik? Da führt kein Weg dran vorbei

Von Hebammen, Ärzten und Adalbert Stifter

Wider den dummen Ernst: Spielerische Korridore

Freiheit oder Disziplin: Was macht schlau?

Und die Universitäten? – Ach du je!

Romantiker oder Techniker?

Genauigkeit und Seele

Lebenshunger plus Wissen gleich Universität

Wir brauchen ideenreiche Lehrer

Der gebildete Mensch I

Experten? Aber bitte mit Vielfalt und Stil!

Der gebildete Mensch II – fast schon fromm

Prüfungen, Prüfungen, Prüfungen

Prüfungen? Ohne mich!

Epilog – für unsere Lehrerinnen und Lehrer

Nachwort zur (Corona-)Neuauflage oder »Was getan werden muss«

Wie Bildung gelingt. Ein Plädoyer für lebendige Vielfalt

Bildungsziel I: Hilfe zur Selbstentwicklung oder »Weniger ist mehr!«

Bildungsziel II: Verstehen der Gegenwart oder »Wann nützt Wissen?«

Zum Beispiel Mathematik

Exkurs: Sport, Musik, Kunst

Bildungsziel III: »Experten« mit Vielfalt – Allgemeinbildung und Spezialisierung

Fazit: Mehr Mut zu Vielfalt und Lebendigkeit!

Dank

Literatur

… über Whitehead

… von Whitehead

Anmerkungen

Anhang

Gebet des heiligen Franziskus

Grußwort an meine Schule

Die Gesprächspartner

… des echten Dialogs

… des fiktiven Dialogs

Bildnachweis

Vorwort zur (Corona-)Neuauflage oder »Seither …«

»Ich freue mich sehr, Ihnen mitteilen zu können, dass Sie heute auf Platz 25 der Spiegel-Bestseller-Liste stehen.« Diese Nachricht erreichte uns am 10. März 2020. Mit White-head auf der Spiegel Bestsellerliste – wer hätte das gedacht! Seither …

Die Welt war eine andere

Es scheinen Welten dazwischen zu liegen, zwischen dem Erscheinen der ersten Auflage unseres Buchs im Februar 2020 und dem Nachdenken über eine Neuauflage für den Herbst 2021. Was wir Ihnen, unseren Leserinnen und Lesern, im noch sehr jungen 2020 anboten, waren zwei Themen, die uns besonders am Herzen liegen: Bildung im Gespräch mit Alfred North Whitehead (1861–1947), unserem »Lieblingsphilosophen«.

Warum wir mit einem toten Philosophen sprechen? Noch dazu mit einem wenig bekannten? Weil Whitehead zeitlos ist; weil er eine Philosophie von allem und jedem entworfen hat, die immer noch gilt und immer mehr gilt, je komplexer unsere Welt wird; weil er nie nach einfachen Lösungen gesucht hat; weil wir ihm eine Stimme geben wollten; weil wir ihn gern gekannt hätten; weil wir diese »Weil-Liste« noch sehr lange fortsetzen könnten …

Wir fingen also an, mit Whitehead zu reden, zunächst über das Thema Zeit1 – naheliegend, mussten wir doch der Zeit und dem ewigen Vergehen ein Schnippchen schlagen, um White-head wieder auferstehen zu lassen. Nun ist das Phänomen Zeit in vielerlei Hinsicht so zeitlos, dass sich bei einem Philosophen, der sich mit allem und jedem befasste und sich noch dazu mit moderner Physik – die seither nicht wesentlich moderner geworden ist – hervorragend auskannte, sicher etwas zeitlos Modernes zur Zeit finden ließ.

Wie aber sieht das bei konkreten, aktuellen Themen aus? Denn das ist es, worum es Whitehead immer ging: das Konkrete, das Individuelle, das Lebendige. Hat Whitehead zu aktuellen Themen des 21. Jahrhunderts wirklich noch etwas zu sagen? Unbedingt, meinen wir! Also redeten wir: miteinander, mit Wilhelm Vossenkuhl und mit Alfred North Whitehead über Bildung, ein Thema, das uns aus vielerlei Gründen unter den Nägeln brannte. Was wir in Whiteheads Schriften zur Bildung2 fanden, las sich erstaunlich aktuell, als hätte er Pisa-Studien und Bologna-Reformen vorhergesehen.

Was er geschrieben hat, passte – jedenfalls zur Zeit vor März 2020. Dann begann unsere Welt eine andere zu werden. Es gibt nun eine Welt vor Corona, und es wird – so hoffen wir – eine Welt nach Corona geben. Dummerweise befinden wir uns derzeit in einer Welt mit Corona. Was gilt in dieser Welt (noch)? Was nicht (mehr)? Von heute auf morgen wurde aus dem hoch aktuellen Thema Bildung ein höchst aktuelles – ausgelöst durch die Schließung sämtlicher Bildungseinrichtungen im März 2020. Statt Präsenzunterricht gab es Distanzunterricht für alle, für den Erstklässler ebenso wie für die Informatikstudentin im letzten Semester. Und mit dem Distanzunterricht gelangte ein Thema, das bislang nur eins von vielen war, wenn es um Bildung ging, auf die Pole Position: die Digitalisierung der Bildung.

Hätten wir da nicht passen müssen? Auf welcher Basis sollte Whitehead, ein Vertreter einer durch und durch analogen Welt, die gerade mal Telefon und Radio kannte, da mitreden können? Ob wir einfach so tun, als sei Corona nur ein Intermezzo, nach dem wir die Dinge wieder so sehen können wie davor? Nach dem wir Bücher wieder so lesen können wie davor? Also für eine Neuauflage nichts verändern und auf Beständigkeit hoffen? Das wäre schön – und einfach. Aber so ist die Welt nicht! Nichts, was in der Welt geschieht – und es geschieht ständig etwas –, bleibt ohne Folgen: Das ist die eigentliche Kernaussage von Whiteheads »Philosophie von allem und jedem«. Kurz, eine neue Auflage unseres Buches muss aktuelle Erfahrungen aufgreifen, sonst dürften wir uns gar nicht anmaßen, im Sinne Whiteheads sprechen zu wollen. Muss also ein zusätzlicher Dialog mit Whitehead über Homeschooling, Digitalisierung etc. pp. her? Aber wohin damit? Vornedran, hintendran, mittenrein? Egal wo, es wäre Flickwerk geworden und hätte die ursprünglichen Dialoge entstellt und entwertet. Denn – das sehen wir immer noch so – sie sind zeitlos, also »corona-unabhängig«. Wir haben uns daher dafür entscheiden, sie einzubetten in ein neues Vor- und Nachwort.

Aufgreifen wollten wir auch die unterschiedlichen Reaktionen auf die erste Auflage: »Ja, schon irgendwie gut, aber doch längst Mainstream, eben das gute alte humanistische Bildungsideal.« Aber auch: »Das sollte Pflichtlektüre für alle Lehrerinnen und Lehrer werden.« Oder »Oh, hätte ich Alfred White-head nur schon zu meiner Schulzeit gekannt! Ich hätte ihn mit Freuden zitiert!«3

Ja, was denn nun? »Längst Mainstream!« oder »Warum nicht so?« Oder gar beides? Haben wir es womöglich mit Wissen über das Wie und Warum von Bildung zu tun, das wenigstens hundert Jahre alt, im Jahr 2020 durchaus Allgemeingut, aber immer noch nicht umgesetzt ist? Schon der erste Teil der Frage bringt neue Fragen: Ist das, was wir zusammen mit Whitehead in unserem Buch vertreten, denn wirklich Allgemeingut? Gilt es unabhängig vom philosophischen Hintergrund und vom humanistischen Menschenbild? Ist es mehr als ein schönes Ideal? Wie viel Realität steckt darin?

An dieser Stelle sind wir Whitehead tatsächlich ein Stück voraus, denn wir haben etwas, das es zu seiner Zeit so noch nicht gab: die Bildungsforschung. Eine vergleichsweise junge Disziplin, die aber bereits eine unüberblickbare Menge an Einzelstudien hervorgebracht hat – leider nur zu oft mit widersprüchlichen Ergebnissen. Je nach Fragestellung und Stichprobe lässt sich scheinbar fast jede Aussage zur Bildung rechtfertigen. So sieht das offenbar auch John Hattie4.

Im Dialog mit der Bildungsforschung

Den neuseeländischen Bildungsforscher John Hattie treibt seit über 25 Jahren die Frage um, was Lernenden wirklich hilft. Seither sammelt er Studien zur Bildung, analysiert diese und arbeitet unterschiedlichste Einflussfaktoren heraus. Seine Forschung umfasst derzeit mehr als 1.600 Meta-Analysen, die ihrerseits auf knapp 100.000 Einzelstudien mit weltweit über 300 Millionen Schülerinnen und Schülern basieren.5 Mittlerweile hat er 277 Faktoren gefunden, denen unterschiedliche Effekte auf die Leistungen der Lernenden zugeordnet werden können: vom hohen positiven Einfluss, über wenig bis kaum nachweisbaren Einfluss, bis hin zum negativen Einfluss. Eine Studie mit solch breiter Datenbasis schien uns geeignet zu sein, um zu prüfen, ob Whiteheads Ansatz für gelingende Bildung mehr ist als ein schönes Ideal, nämlich wissenschaftlich belegbar.

Auch auf die Frage, welcher Stellenwert digitalem Unterricht zukommt, erhofften wir uns Antworten von Hattie. Denn trotz aller Weitsicht konnte Whitehead unmöglich die Forderung, den Unterricht in kürzester Zeit zu digitalisieren, vorausahnen. Obwohl – Whitehead konnte zwar nichts von Covid-19 wissen, aber dafür erlebte er die Spanischen Grippe, die sich vor knapp hundert Jahren in drei Wellen über die Welt verbreitete und mehr Todesopfer forderte als der eben zu Ende gehende Erste Weltkrieg. Whitehead war damals Professor für angewandte Mathematik in London. Inwieweit er seine Vorlesungen und Kurse im Pandemiejahr 1918/1919 geben konnte, dazu weiß leider keiner von Whiteheads Biographen etwas. Vermutlich nicht im gewohnten Umfang, zumal – anders als an Covid-19 – besonders junge Leute an der Spanischen Grippe starben, mit einiger Wahrscheinlichkeit auch Studierende von Whitehead.

Was wir dagegen genau wissen: Whitehead war kein Freund des Homeschoolings. Zu viel hatte er davon abbekommen, zu viel lebendiges Miteinander hat er dadurch verpasst. Denn obwohl sein Vater Schulleiter war, wurde er zu Hause unterrichtet bis er fast 15 Jahre alt war. Seine Eltern waren der Meinung, er sei für den regulären Schulbesuch von zu zarter Gesundheit …6 Was wir auch wissen: Whitehead war alles andere als ein Technikskeptiker, von denen es zu seiner Zeit nicht gerade wenige gab – man denke nur an Heidegger. Whitehead hätte digitale Medien neugierig eingesetzt, aber sicher nicht als Ersatz für Präsenzunterricht, sondern um diesen lebendig zu halten – und damit wären wir wieder bei Hattie und seinen Forschungsergebnissen.

Da Hattie laufend aktuelle Forschungsergebnisse in seine endlose Meta-Studie einbezieht, kommen immer wieder neue Faktoren dazu, während bekannte Faktoren neu gewichtet werden. Hattie ist so stets auf dem neuesten Stand. Die neuesten Entwicklungen im Unterricht haben zweifelsohne mit digitalen Medien zu tun. Entsprechend finden sich bei Hattie inzwischen eine ganze Reihe von Faktoren, die sich auf die Digitalisierung des Unterrichts beziehen, etwa Online- und digitale Hilfsmittel, web-basiertes Lernen, Laptops für jeden Schüler, und ganz aktuell der Einsatz von Technologie im Distanzunterricht. Doch keiner dieser Faktoren schafft es aus dem Mittelfeld heraus. Damit kann ihnen bestenfalls, wenn überhaupt, ein kleiner positiver Einfluss auf das Lernen attestiert werden.

Welche Faktoren sind es nun aber, die Hatties »Hitliste« anführen? Sein Spitzenreiter heißt: »Teacher estimates of achievement«7. Auf deutsch leider nicht weniger sperrig übersetzt mit »Leistungseinschätzung durch die Lehrperson«8. Was damit gemeint ist, ist sehr nah an Whitehead, denn es geht um das konkrete Handeln von Lehrerinnen und Lehrern9, und um jede einzelne Schülerin und jeden einzelnen Schüler. Es geht darum, dass die Lehrperson jeden einzelnen Lernenden so sieht, wie er ist, mit all seinen Stärken und Schwächen, und das als Grundlage nimmt für eine individuelle Förderung. Zu einer realistischen Einschätzung der Lernenden kann eine Lehrperson aber nur kommen, wenn sie ihre Schülerinnen und Schüler auch kennt; sie muss die Möglichkeit haben, sie zu beobachten, sie zu befragen; muss sehen, wie sie arbeiten und wie sie mit neuen Herausforderungen umgehen; kurz, muss sie in natura erleben. Dazu ist direkter persönlicher Kontakt die Grundvoraussetzung. Kein digitales Medium kann das leisten – zumindest keins, das derzeit auf dem Markt ist.

Spannend auch der zweite Platz auf Hatties Liste: »Collective teacher efficacy«, damit ist gemeint, dass die Lehrpersonen einer Schule an das glauben, was sie tun; dass sie daran glauben, eine positive Rolle im Leben junger Menschen zu haben. Schließlich der dritte Platz: »Self-reported grades«. Dahinter versteckt sich die Selbsteinschätzung der Lernenden: Wer seine Stärken und Schwächen kennt, kann gezielt daran arbeiten und das ihm Mögliche daraus machen. Auf einem weiteren Spitzenplatz findet sich: »Teacher credibility«, also die Glaubwürdigkeit einer Lehrperson in den Augen der Schülerinnen und Schüler. Sie können dann optimal lernen, wenn sie einen Menschen gegenüber haben, dem sie vertrauen können, an den sie sich wenden können für Feedback, für Hilfe, für Wissen; der sie versteht und sich um sie sorgt. Schülerinnen und Schüler sind dann in ungleich höherem Maße bereit, Aufgaben und Anforderungen zu erfüllen, die von ihnen verlangt werden.

Was brauchen wir demnach, damit Bildung gelingt? Im Wesentlichen »nur« unser Erleben und Wahrnehmen: die Wahrnehmung der Lernenden durch die Lehrperson, die Selbstwahrnehmung der Lehrpersonen, die Selbstwahrnehmung der Lernenden und schließlich die Wahrnehmung der Lehrperson durch die Lernenden – und nichts dabei, bei dem uns die Technik helfen kann, sondern nur das direkte, beobachtende, wohlwollende Umgehen miteinander und mit sich selbst.

Nichts anderes – und auf keinen Fall weniger – fordern wir zusammen mit Whitehead in unseren Gesprächen – oder mit anderen Worten: Whitehead ist auf dem aktuellen Stand der Bildungsforschung!

Guter Unterricht ist der Schlüssel

Was bedeutet das nun für die Digitalistisierung der Schule? Nun zunächst einmal, dass nichts, aber auch wirklich gar nichts, das unmittelbare leibhaftige Miteinander von Schülerinnen und Schülern mit Lehrerinnen und Lehrern ersetzen kann. Dieses Miteinander ist es, das den jungen Menschen wirklich hilft, ihren Weg durch die Schule zu gehen und zwar so, dass es ein guter Weg wird. Und wenn unmittelbares Miteinander nicht möglich ist, so wie in Zeiten einer Pandemie? Dann muss man sich erst einmal klarwerden, dass man sich damit sehr weit von dem, was Schule ausmacht, entfernt, und dass es daher auch nicht möglich ist, in solchen Zeiten all das zu leisten, was in normalen Zeiten erreichbar wäre. Klar muss man alle verfügbare Technik einsetzen, die geeignet scheint, die große Lücke bei den persönlichen Kontakten wenigstens ansatzweise zu überbrücken. Dazu muss diese Technik auch vorhanden sein (Laptops bzw. Tablets etc. pp. für alle Schüler) und sie muss funktionieren (schnelles Internet, WLAN etc. pp.), keine Frage – hier hat Deutschland zweifelsohne Nachholbedarf. Aber man muss auch ganz klar die Grenzen des Möglichen und vor allen Dingen des Wünschenswerten erkennen. Whitehead fordert schon für normale Zeiten »Weniger ist mehr« – in Ausnahmezuständen gilt das erst recht.

Was Hattie zeigt und was Whitehead nicht müde wurde zu predigen, ist, dass wir es im gesamten Bereich Bildung mit Lebendigem zu tun haben: mit Kindern und Jugendlichen einerseits und mit Frauen und Männern andererseits, die sich der verantwortungsvollen Aufgabe verschrieben haben, die ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen auf ihrem Weg ins Erwachsenenleben zu begleiten. Die Rolle der Lehrerinnen und Lehrer kann gar nicht überbewertet werden. Nur wenn sie in der Lage sind, ihre Schützlinge so zu sehen, wie sie sind, und erkennen, was ihnen helfen kann, und wenn es ihnen zudem gelingt, das Vertrauen der Schüler zu gewinnen, dann kann Bildung gelingen. Und vor diesem Hintergrund sind dann auch sämtliche Medien bzw. Hilfsmittel zu sehen: Bücher oder Internet, Tafel oder Whiteboard, Hefte oder Tablets, Präsenz- oder Distanzunterricht; das alles kann nur so gut sein, wie die Lehrperson, die sie einsetzt. Guter Unterricht ist der Schlüssel. Mit welchen Medien er erreicht wird, ist dabei zweitrangig. Was für eine Aufgabe!

Wir laden Sie, liebe Leserinnen und Leser, nun dazu ein, unseren Lieblingsphilosophen Alfred North Whitehead und seine hochaktuellen Überlegungen zu Bildung näher kennenzulernen.

Ursula Forstner und Harald Lesch

im Frühjahr 2021

Prolog

Bildung, ein hochaktuelles Dauerthema in einer hochkomplexen, sich ständig wandelnden Welt. Ein Thema, das uns alle angeht. Und Whitehead, ein Philosoph aus dem verstaubten viktorianischen England. Auch wenn ihn heutzutage kaum jemand kennt – er hatte höchst interessante Ansichten zum Thema Bildung! So kamen wir dazu, uns mit seinen Ideen zu beschäftigen:

Bildung soll unser Thema sein!

Forstner: Ich kann mich an eine Mail von dir erinnern, wo du nur geschrieben hast: Bildung soll unser Thema sein! Keine Erklärung, keine Erläuterung, nichts.

Lesch: Ja, stimmt …

Forstner: Bildung soll unser Thema sein! Das scheint für dich so klar und offensichtlich gewesen zu sein, dass ich jetzt doch noch mal wissen will, warum das für dich so klar war.

Lesch: Als ich anfing, Whiteheads Thesen zur Bildung zu lesen, dachte ich: Meine Güte, das ist ja total modern! Dass jemand die Kinder und Jugendlichen als Persönlichkeiten mit ihrer eigenen Entwicklung ernst nimmt, dass er sie nicht als reine Objekte ansieht, die in einer Bildungsmaschinerie nach einer bestimmten Schablone geformt werden müssen. Sondern da ist jemand, der die Würde auch des kleinen, des jungen Menschen so anerkennt, dass er sagt: So, den werden wir jetzt da reinbringen. Wir haben natürlich unsere Vorstellungen, was jemand aus der Schule mitnehmen soll. Aber wie wir das unterrichten, und vor allen Dingen, wie diese Jugendlichen das dann von uns auch beigebracht kriegen, das muss doch sehr viel organischer werden. Das muss viel menschenfreundlicher, viel großzügiger sein. Und als ich seine Thesen las, dachte ich: Das ist eigentlich die ideale Art, wie man mit Schülerinnern und Schülern umgehen muss. Und ich fühlte mich, um ganz ehrlich zu sein, richtig beseelt. Ich dachte: Oh, ja, das ist aber schön, so etwas zu lesen. Ich hatte noch keinen Philosophen bis dahin gelesen, der so wohlwollend mit den jungen Leuten umgeht wie Whitehead. Das fand ich toll! Ich hatte ja selbst schon ein Video10 gemacht, wo ich mich darüber ausließ, dass das Schulsystem gerade mit Jungs in einem bestimmten Alter11 nicht mehr gerecht umgeht, denn da müssen die einfach anders behandelt werden. Anstatt sie einzusperren muss Sport her, es muss Kunst, es muss Musik her, die Ausdrucksmöglichkeiten müssen stärker werden! Und da fand ich eben, da müssen wir mal was drüber schreiben!

Forstner: Das heißt, das Thema Bildung und die Idee, dazu etwas zu schreiben, rumort schon viel länger in dir herum, also weit über die Idee mit Whitehead hinaus?

Lesch: Ja, stimmt. Meist fängt es bei mir so an: Ich hab eine Meinung, ich ändere die Meinung, ich hab dann Gespräche, es gibt viel zu diskutieren. Das Thema Schule und damit auch das Thema Bildung ist ja vor allen Dingen unter Eltern irgendwann Dauerthema, und in Bayern zumal …

Forstner: Wem sagst du das!

Lesch: Und man merkt, es gibt einen Konsens unter allen. Zum Beispiel die Sache mit der Zeit, dass man Kindern Zeit lassen muss. Aber in dem System ist es genau andersherum: Die kommen da rein, und dann ist festgelegt, was läuft, und zwar ohne Wenn und Aber. Besonders schlimm wurde es dann, als es auch noch beschleunigt wurde. Als man angefangen hatte, so richtig Gas zu geben. Da hatte ich erst mal ein logisches Problem damit, weil ich auf der einen Seite in den Statistiken hörte, wir werden immer älter, die Lebenserwartung wird immer größer. Und gleichzeitig beschleunigen wir die Schule und für die einen oder anderen dann sogar den Universitätszugang. Ja, warum denn bloß?

Forstner: Um immer früher fertig zu werden …

Lesch: Ja, genau!

Forstner: … für den Arbeitsmarkt letztlich.

Lesch: Warum denn bloß? Um dann wieder nach ein paar Jahren von zum Beispiel industrieller, also ökonomischer Seite zu hören: »Die Leute, die wir da kriegen, die haben ja gar keine Lebenserfahrung!« Also, wie soll man Lebenserfahrung machen, wenn man keine Lebenserfahrung machen darf? Und Schule soll ja auch darauf vorbereiten, mit Lebenserfahrung umzugehen. Sie soll eine Persönlichkeit so bilden, dass sie aus sich heraus, also aus ihren inneren Motiven heraus mit der Welt umgeht: Eine Person sollte wissen, wo sie herkommt, also die Tradition der eigenen Kultur kennen. Sie sollte aber auch wissen, dass die eigene Herkunft rein zufällig ist, sie hätte auch ganz woanders auf die Welt kommen können. Und sie sollte erkennen, was wichtig und was nicht wichtig ist: Prioritätensetzung! Das muss man ja alles erfahren, und nicht: Da, das ist jetzt das Wichtigste, schreib das mal auf!

Forstner: Das steht auch alles nicht wirklich im Lehrplan.

Lesch: Genau! Und ich fand, dass die Thesen von Whitehead genau darauf abzielen, einen »lebensfähigen« Menschen aus der Schule zu entlassen, der in der Lage ist, lebensweltlich vernünftig zu handeln. Als ich das zum ersten Mal las, dachte ich: Der hat in mein Hirn geguckt, ich hab’s nur nicht gewusst.

Forstner: Das kann Whitehead gut, die Themen, die in einem immer schon rumoren, auf den Punkt zu bringen. Auch wenn man ihm eigentlich vorwirft, dass er nicht besonders gut mit Sprache umgehen konnte, ich habe es immer anders empfunden.

Lesch: Ja, es ging mir mit Whitehead so: Ich wusste genau, was er sagt; ich verstand ihn nicht immer, aber das, was zwischen den Zeilen steht, sein Motiv, das schien mir auch mein Motiv zu sein. Und Bildung halte ich für eines der wichtigsten Themen. Ich glaube, dass Bildung und Gerechtigkeit ganz wichtige Stützpfeiler einer jeden Gesellschaft sind, insbesondere einer Gesellschaft, die so sehr unter technologischem, ökologischem Einfluss und Druck steht wie die westliche. Wenn es uns nicht gelingt, unsere jungen Leute wirklich ernst zu nehmen und ihnen zu helfen, so heranzuwachsen, dass sie immer noch und hoffentlich auch immer besser und nachhaltiger mit dieser ständig komplizierter und komplexer werdenden Welt umgehen können, dann weiß ich nicht, ob uns eine gedeihliche Zukunft für alle erwartet. Allein die »Mount Everests« Klimawandel und Energiewende, aber auch der zunehmende Einfluss der digitalen Technologien in Hard- und

Software sind gewaltige Herausforderungen, vor denen die nächsten Generationen stehen. Niemand ist geübt darin, in solche Höhen zu gehen und wir, also meine Generation, sind den steilen Weg zu einem zufriedenstellenden Umgang mit der immer drängender werdenden Bedrohung und zu Lösungen und Anpassungen nicht gegangen. Aber unsere Kinder und Enkel werden in diese Höhen gehen müssen, vielleicht sogar ohne Sauerstoffmaske. Und da möchte ich auf jeden Fall, dass sie die inneren Kräfte besitzen, um vor solchen Herausforderungen nicht zu kapitulieren. Eine Form der Kapitulation ist der Weg in nationalistische Abgrenzungsparteien, die einfach behaupten, es gäbe den Klimawandel nicht, und deshalb könne man einfach so weitermachen wie bisher. Aber auch diejenigen, die meinen, man sollte sich der Digitalisierung als einer völlig alternativlosen Entwicklung widerstandslos hingeben, sollten durch entsprechende Regulierungsmaßnahmen eingehegt und gebändigt werden. Für den Zustand einer liberalen, offenen demokratischen Gesellschaft ist es ganz wichtig, an die Verantwortung des Einzelnen, quasi an seine moralische Substanz zu erinnern, die die Grundbedingung für eine funktionierende, freiheitlich demokratische Grundordnung darstellt. Für mich hat es am deutlichsten der deutsche Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde formuliert: »Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.«12 Das ist das Wagnis der Freiheit, das er eingehen muss. Ansonsten wird er zum totalitären Staat. Dazu, dieses Wagnis einzugehen, gehört nicht nur Mut, sondern auch die Souveränität – dass man weiß, wofür man steht als Demokratin und Demokrat. Und zu einer erfolgreichen Demokratie gehören moralisch handelnde, aufgeklärte Individuen, mit anderen Worten: gebildete Menschen. Deswegen halte ich das Thema Bildung für eins der wichtigsten Themen, die es überhaupt gibt.

Und Whitehead?

Forstner: Und Whitehead stand für uns eigentlich immer fest, nicht!?

Lesch: Ja, klar!

Forstner: Wollen wir dazu noch ein paar Sätze verlieren? Weil Bildung für viele – und wahrscheinlich für alle, die Kinder haben – ganz selbstverständlich ein Thema ist. Aber warum Whitehead?

Lesch: