Wie ein Siegel auf dein Herz Teil 2 - Máire Bruening - E-Book
Beschreibung

Venedig 1254 Als ihr stummer Ziehsohn Tarun entführt wird, folgt die junge Burgherrin Ravena einer Spur, die nach Venedig führt. Zur Seite steht ihr der Medikus Nael, der mehr über Taruns Verschwinden zu wissen scheint, als er preisgeben will. Bald häufen sich Hinweise, die in Ravena einen erschreckenden Verdacht erwachsen lassen: Besteht eine Verbindung zwischen der Entführung des Jungen und Naels dunkler Vergangenheit? Ravena und Nael werden in ein skrupelloses Ränkespiel verstrickt und müssen sich eines Feindes erwehren, der vor nichts zurückschreckt. Dabei kann Ravena sich nur einer einzigen Sache sicher sein: Sie wird nicht aufgeben, bis sie ihren Sohn gefunden hat.

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Das Buch
Die Autorin
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
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Impressum

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Wie ein Siegel auf dein Herz Teil 2

Máire Brüning

Máire Brüning

c/o Papyrus Autoren-Club,

R.O.M. Logicware GmbH

Pettenkoferstr. 16-18

10247 Berlin.

Covergestaltung:© Copyright Viktoria Petkau, www.gedankengruen.de

Auflage 1 2016

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Das Buch

Venedig 1254

Als ihr stummer Ziehsohn Tarun entführt wird, folgt die junge Burgherrin Ravena einer Spur, die nach Venedig führt. Zur Seite steht ihr der Medikus Nael, der mehr über Taruns Verschwinden zu wissen scheint, als er preisgeben will. Bald häufen sich Hinweise, die in Ravena einen erschreckenden Verdacht erwachsen lassen: Besteht eine Verbindung zwischen der Entführung des Jungen und Naels dunkler Vergangenheit? Ravena und Nael werden in ein skrupelloses Ränkespiel verstrickt und müssen sich eines Feindes erwehren, der vor nichts zurückschreckt. Dabei kann Ravena sich nur einer einzigen Sache sicher sein: Sie wird nicht aufgeben, bis sie ihren Sohn gefunden hat.

Die Autorin

Máire Brüning, geboren 1966 wuchs in einer Region auf, die reich an Zeugnissen staufischer Baukunst ist. Dadurch begeisterte sie sich schon als Kind für alte Ruinen, Sagen und Ritterrüstungen; ihre Leidenschaft für Geschichte und das Mittelalter führte sie schließlich zum historischen Roman. Nach einigen Wanderjahren als Floristin quer durch Deutschland lebt und arbeitet Máire Brüning in der Nähe von Frankfurt. Eine gelungene Verbindung zwischen Beruf und Leidenschaft gipfelte 2003 im Gewinn des Cadeaux-Wettbewerbs.

Von Máire Brüning sind bereits erschienen: Roana Tage der Trauer (Sequel 1 zu Roana) Wie ein Siegel auf dein Herz Teil 1 Die Braut des Medicus

Kapitel 1

Er durfte nicht weinen.

Er lag auf dem Rücken und der speckige Knebel machte es ihm unmöglich, durch den Mund zu atmen. Wenn er weinte, würden die Tränen seine Nase verstopfen und dann war es nur eine Frage der Zeit, bis er in ernsthafte Schwierigkeiten geriet. Das durfte er nicht zulassen.

Tarun spannte die Muskeln an, doch es gelang ihm nicht, sich in eine bequemere Lage zu bringen. Sein Entführer hatte ihn bis zum Hals in einen schmutzigen Mantel eingerollt und wie einen Tuchballen verschnürt. Die Fesseln ließen ihm keinerlei Spielraum. Im Gegenteil. Sein fruchtloses Herumwälzen hatte dazu geführt, dass sich der Mantel an einem scharfkantigen Gegenstand verfangen hatte, der ihm nun schmerzhaft in den Oberschenkel stach.

Du verfluchter Mistkerl!

Die Worte hallten in seinem Kopf wie Donner. Er dachte jedes Schimpfwort, jeden Fluch, den er je gelernt hatte und er erfand neue, ganz besondere Bosheiten für seinen Entführer, der ihn in diese Lage gebracht hatte. Er fluchte, um seiner Furcht Herr zu werden und vor allem, um nicht in Tränen auszubrechen. Er musste hart gegen sich selbst bleiben, wenn er sich nicht innerhalb kürzester Zeit in ein wimmerndes Häuflein Elend verwandeln wollte.

Um ihn herum war es finster. Ein modriger Geruch hing in der Luft, den er nicht einordnen konnte. Verstohlenes Trappeln und Rascheln drang an seine Ohren. Mäuse?

Tarun schloss die Augen und zwang seinen Verstand, sich auf die Geräusche zu konzentrieren. Etwas klatschte leise gegen die Seiten seines Gefängnisses. Seine Welt schaukelte. Holz knarrte. Seltsam vertraute Laute und Bewegungen. Wohin brachte man ihn?

Er konnte nicht schätzen, wie lange er schon hier lag, wusste nicht, wie viel Zeit tatsächlich vergangen war, seit man ihn an diesen Ort verfrachtet hatte. Es war dunkel gewesen, als er angekommen war, und seitdem war nicht ein Hauch von Licht zu ihm hereingedrungen. Inzwischen knurrte sein Magen und er hatte Durst. Seine Augen brannten. Nur nicht weinen!

Über seinem Kopf erklangen leichte Schritte. Kehrte sein Entführer zurück? Der Mann bewegte sich so leise und verstohlen wie ein Fuchs. Seine Männer nannten ihn Ash´abah, den Geist. Doch Tarun war sich sicher, dass er den Mann unter einem ganz anderen Namen kannte. Es wollte ihm nur nicht einfallen, woher. In seinem Kopf hörte er sogar die passende Stimme, weich und samtig, mit einem Anflug von Sarkasmus, obwohl sein Entführer kein Wort mit ihm gesprochen hatte. Warum waren seine Erinnerungen nur so schrecklich vage?

Über ihm ertönte ein Scharren, dann wurde eine Klappe geöffnet. Gleißendes Sonnenlicht stach ihm in die Augen und blendete ihn. Er blinzelte. Für einen kurzen Moment füllte eine dunkle Silhouette die Öffnung vollkommen aus. Ein Mann mit der Statur eines Bären kam polternd die Leiter herunter. Hände packten ihn an den Oberarmen und hievten ihn auf die Füße. Tarun betete, der Mann möge den Knoten des Lumpens lösen, mit dem man ihn geknebelt hatte. Doch der Ankömmling griff wortlos nach ihm, warf ihn sich über die Schulter wie einen Sack Getreide und stieg die Leiter wieder hinauf.

Tarun schoss das Blut in den Kopf. Im nächsten Moment packten die Pranken erneut zu, er wurde herumgewirbelt und unsanft auf die Füße gestellt. Tarun taumelte und fiel auf die Planken eines Bootes. Da er seinen Sturz nicht mit den Händen abfangen konnte, landete er auf der Brust. Schmerz schoss durch seine Rippen und für einen Moment konnte er sich nicht rühren. Sein Herzschlag raste.

»Zur Hölle, nun nimm ihm schon den Knebel aus dem Mund!«, sagte die Samtstimme.

Wieder wurde Tarun gepackt und auf die Füße gestellt. Im Handumdrehen löste der Seemann den Knoten und zog den Lumpen fort. Erleichtert schnappte Tarun nach Luft. Er wagte nicht, den Kopf nach dem Sprecher umzudrehen, aber er wusste instinktiv, dass Ash´abah hinter ihm stand. Plötzlich spürte er einen Schauer seinen Rücken hinabrieseln. Der Geist war ein Teil seiner Vergangenheit, an die er sich nicht erinnern konnte. Sein Leben, so wie er es kannte, hatte vor vierzehn Monaten begonnen, als er auf der Burg Rocca d´Aquila aus einem schweren Fieber erwacht war. Der Junge, der er einmal gewesen war, war verschwunden; verloren im Nebel, seiner Fähigkeit zu sprechen beraubt; ohne Erinnerung an das Gesicht seiner Mutter oder seines Vaters. Selbst der Name, den er jetzt trug, war nicht sein eigener.

Der Geist schlenderte näher. »Ist die Kette vorbereitet?«

Der Seemann nickte und deutete auf eine Stelle neben dem Mast des Bootes. »Ja, Herr. Die Krampe ist doppelt befestigt, die Kette mit einem Schloss gesichert, genau, wie Ihr befohlen habt.«

»Gut.« Der Geist öffnete seinen Beutel, zog ein Paar Fußeisen heraus und warf sie dem Mann zu. »Hier, leg ihm die an. Und dann häng ihn an die Kette. Meinetwegen kannst du ihm danach die Fesseln abnehmen. Wir wollen ja nicht, dass die Ware verdirbt, bevor sie bei ihrem Käufer ankommt.«

Der Seemann ging neben Tarun in die Hocke, legte ihm die Fußeisen an und befestigte die Kette am Verbindungsstück. Erst dann trat er hinter ihn und begann den Knoten seiner Fesseln zu lösen.

Tarun schüttelte den Mantel ab und starrte über das silbrig glitzernde Wasser auf die vorbeigleitenden Berghänge. Düstere Tannen stiegen von den Höhen fast bis zum Ufer hinab und ließen keinen Raum für menschliche Behausungen. Es war ein Fluss, wie er durch beinahe jedes Tal der Alpen fließen konnte, ohne besondere Erkennungsmerkmale, die ihm eine Orientierung möglich gemacht hätten.

Entsetzt sank er auf das Deck, schlang die Arme um die angewinkelten Knie und bettete den Kopf darauf. Er wollte nicht, dass der Geist die Feuchtigkeit in seinen Augen sah. Er war einsam und er fürchtete sich. Vor dem Ort, an den man ihn verschleppen würde, aber mehr noch vor den Andeutungen, die der Geist gemacht hatte. Wenn er verkauft wurde, verlor sich jede Spur von ihm. Weder Nael noch Ravena, seine Ziehmutter würden ihn dann jemals finden. Vielleicht war dieser Fall ja schon längst eingetreten, jede Spur seiner Entführung verwischt. Dann war er wahrhaft verloren. Die Panik war fast überwältigend. Tarun legte sich auf die Planken, rollte sich zusammen, bis seine Knie an sein Kinn stießen, und weinte lautlos.

Kapitel 2

»Warum ausgerechnet Tarun?«, fragte Ravena von Rocca d´Aquila. »Warum hat man gerade ihn entführt?« Sie wandte sich vom Fenster ihrer Kräuterkammer ab und rieb sich gedankenverloren die Arme, als ob sie fröstelte. »Was kann ein Junge mit seiner Beeinträchtigung schon wert sein? Wem kann er etwas wert sein?«

Nael hob die Hände zu einer Geste der Hilflosigkeit. »Ich habe keine Ahnung, um ehrlich zu sein. Er hat mir nie etwas über seine Vergangenheit erzählt …«

»Er erinnert sich nicht.« Ravena nahm die Unterlippe zwischen die Zähne und kaute nachdenklich darauf herum. »Seine Reisegruppe wurde zweifellos überfallen. Ich habe mir eingeredet, dass seine Eltern umgekommen sind, weil ich ihn behalten wollte. Aber ich hätte es besser wissen und nachforschen sollen, nicht wahr? Immerhin kann er lesen und schreiben …«

Nael schüttelte den Kopf, nahm Ravena beim Arm und führte sie zum Arbeitstisch zurück. »Komm, wir wollen uns setzen, ja?«

Ravena erhob keine Einwände, auch nicht, als Nael einen Becher aus dem Regal nahm, ihn mit Apfelmost füllte und ihr in die Hand drückte, ehe er ihr gegenüber auf einem Schemel Platz nahm.

Sie unterbrach Naels Schweigen mit der Frage: »Du hast eine schlechte Nachricht für mich, nicht wahr?«

Er nickte und hob gleichzeitig die Schultern. »In gewisser Weise.« Er griff in den Ärmel seiner Tunika und zog ein Stück Stoff hervor, das er auf dem Tisch ausbreitete. »Ich fürchte, die Sache ist komplizierter als wir ahnen. Hier.«

Sie setzte ihren Becher ab und zog den Stoff zu sich heran. »Grundgütiger. Der Löwe von San Marco, das Wappen von Venedig. Woher hast du das?«

»Ich habe es unter dem Baum gefunden, bei dem alle Spuren endeten.«

Ravena betrachtete den Stofffetzen mit einem verwirrten Kopfschütteln.

»Das … das begreife ich nicht. Tarun und Venedig? Was hat das zu bedeuten?«

»Er könnte aus Venedig stammen, Ravena. Zumindest versteht er die Mundart von San Marco.«

»Wie willst du das wissen?«, wandte Ravena ein. Sie steckte den rechten Daumennagel in den Mund, ließ ihn jedoch fast sofort wieder sinken. »Ich … ich verstehe, dass du mir helfen willst, Erklärungen zu finden. Aber Venedig ist groß. Du kannst keineswegs sicher sein, dass Tarun aus San Marco stammt.«

»Doch, Ravena. Das bin ich. Ich weiß, ich hätte dich nicht so lange im Unklaren lassen dürfen, aber es schien nie der richtige Zeitpunkt zu sein und ich…« Er verstummte.

Ihre Augen verengten sich ein wenig. »Der richtige Zeitpunkt? Wofür?«

»Um dir zu gestehen, dass ich Venezianer bin«, erklärte er. »Ich habe Tarun auf mehr Proben gestellt, als er je gemerkt hat. Ich glaube, er erinnert sich durchaus an die Stadt - auch wenn ihm anscheinend nicht klar ist, an was genau er sich da erinnert.«

Ravena antwortete nicht sofort. Sie schien genau abzuwägen, was sie sagen sollte. Nael konnte ihrem Gesicht ansehen, wie Ärger und Sorge miteinander rangen. Schließlich verschränkte sie die Arme vor der Brust. »Warum hast du mir von deinen Nachforschungen nichts gesagt, Nael? Sollte es einer Mutter nicht zustehen, solche Dinge zu erfahren?«

Nael hob ergeben die Hände. »Du hast ja recht. Es ist nur … über Venedig zu reden fühlt sich an, als ob man absichtlich eine offene Wunde berührt.« Er blickte an ihr vorbei, hinüber zu den Regalen mit den säuberlich beschrifteten Tiegeln und Dosen. »Ich versuche, es möglichst zu vermeiden.«

»Warum?«, fragte sie.

Er richtete seinen Blick wieder auf sie, auf ihre blassen Wangen, die gequälten Augen. »Ich bin ein Verbannter, Ravena. Ich darf meine Heimatstadt nie mehr betreten. Es könnte mich den Kopf kosten.«

»Oh Nael.« Sie hob die Hände zu einer hilflosen Geste. »Hätte ich nur geahnt … auf einen Schlag alles zu verlieren … wie verloren musst du dich gefühlt haben.« Sie beugte sich zu ihm hinüber und legte ihm eine Hand auf den Arm. »Es tut mir sehr leid.«

»Schon gut«, murmelte er. »Ich denke gar nicht mehr die ganze Zeit daran.« Sonst hätte ich längst den Verstand verloren.

Ravena nickte. »Danke, dass du es mir gesagt hast.«

Er stand auf und trat zum Fenster. »Es war falsch, so lange damit zu warten. Aber manchmal kommt die Erinnerung hoch und schmerzt so sehr, dass man glaubt, es nicht aushalten zu können.«

»Ich weiß.« Sie trat zu ihm, nahm sein Gesicht zwischen ihre Hände und küsste ihn sanft.

Sie sieht so unglücklich aus, dachte er. Und bemüht sich trotzdem, mir Trost zu schenken. Er schluckte und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Ihr sanfter Kuss nahm ihm den Atem, doch gleichzeitig verkrampften sich seine Eingeweide. Sie hatte Trost viel nötiger als er, doch was er ihr geben konnte, war nichts als neuer Kummer. Unauffällig befreite er sich aus der innigen Umarmung.

Ravena ließ die Hände sinken und sah ihn an. »Darf ich dich um etwas bitten?« Unvermittelt hielt sie inne und zuckte die Achseln. »Obwohl … lieber nicht.«

»Mach dir keine Sorgen. Ich werde dir helfen, Tarun zu finden. Irgendwie ist mir der vorlaute Bengel ans Herz gewachsen.«

Und du mir auch.

Für einen winzigen Moment weiteten sich ihre Augen und ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Doch Ravena scheuchte es gleich wieder fort, verwandelte es in einen ernsten Zug. »Das war es nicht, worum ich dich bitten wollte. Ich kann unmöglich von dir verlangen, mit mir nach Venedig zu reisen.«

Nael zog eine Braue in die Höhe. »Warum nicht? Du brauchst jemanden, der die Eigenarten der Venezianer kennt …«

»Mit diesen Krämerseelen werde ich schon fertig«, erklärte sie spitz.

Nael gab ein kurzes Schnauben von sich, das fast wie ein ungläubiges Lachen klang.»Warst du schon einmal in einer Stadt von der Größe Venedigs, Madonna? Kannst du dir vorstellen, wie es da zugeht?«

Sie schüttelte langsam den Kopf.

Nael ergriff ihre Hand und führte sie zu ihrem Schemel zurück. »In der Lagune leben beinahe so viele Bürger wie in Florenz. Ein Netz von Kanälen verbindet die einzelnen Stadtteile miteinander. Es gibt nur wenige Brücken und wer sich nicht auskennt, irrt vielleicht stundenlang durch die Gassen, ohne sein Ziel zu erreichen. Hast du das bedacht? Wie soll des denn …«

»Spar dir den Rest«, fiel sie ihm ins Wort. »Ich weiß es zu schätzen, dass du mich begleiten willst. Meine Aufgabe wäre ohne Zweifel um einiges leichter. Doch es ist besser, wenn du nicht …«

»Verstehe ich dich richtig?«, unterbrach er sie fassungslos. »Du willst meine Begleitung nicht?«

Sie sah zu ihm auf. »Ich verbitte sie mir. La Serenissima hat mir schon meinen Sohn genommen. Ich könnte es nicht ertragen, dich auch noch zu verlieren.«

Nael schüttelte fassungslos den Kopf und verspürte gleichzeitig eine eigentümliche Freude, eine Art heimelige Wärme, die so überwältigend war, dass er davon weiche Knie bekam. Er zog Ravena auf die Füße und küsste sie auf den Mund, ehe sie auch nur begriff, wie ihr geschah.

»Das Gleiche gilt umgekehrt, Ravena. Notfalls hefte ich mich an deine Fersen, ob es dir nun passt oder nicht.«

Sie schüttelte wortlos den Kopf und Nael bemerkte überrascht, dass sie mit einem Mal Tränen in den Augen hatte, die sie jedoch hastig wegblinzelte.

»Danke«, sagte sie mit dünner Stimme.

Er stieß den Atem scharf zwischen den Zähnen durch und sah sie an. Ursprünglich hatte er vorgehabt, ihr auch die mit eingetrocknetem Blut verkrustete Münze zu zeigen, die er zusammen mit dem Wappen gefunden hatte. Doch nun brachte er es nicht über sich. Der Anblick der Münze hatte ihn nicht nur erschreckt, sondern regelrecht schockiert. Er hatte gehofft, dass mit der Zeit Gras über die Vergehen seiner Vergangenheit wachsen würde. Es war erschütternd zu erkennen, wie trügerisch diese Hoffnung gewesen war. Jemand wusste Bescheid. Die Münze war ein Zeichen, dass die Jagd auf ihn begonnen hatte. Und Tarun war Mittel zum Zweck.

Er legte die Hände um Ravenas Oberarme und zog sie an sich. Obwohl sie sich wehrte, hielt er sie fest.

»Ich will nicht, dass du meinetwegen dein Leben riskierst.« Ich will gar nichts von dir. Lass mich los.«

»Nein.«

Plötzlich gab sie ihren Widerstand auf und schlang die Arme fest um ihn. »Oh, Nael, ich habe solche Angst. Es ist, als würde mir alles entgleiten, was ich jemals erreicht habe. Und ich weiß nicht einmal, warum.«

Er bettete ihren Kopf an seine Brust und drückte sein Gesicht in ihr Haar.

»Und jetzt heule ich auch noch deine Tunika nass.«

»Das macht nichts. Niemand sieht dich außer mir und ich kann schweigen.«

»Ich muss dauernd an Tarun denken. Wo er jetzt wohl ist? Bestimmt ängstigt er sich zu Tode.«

»Der Junge ist stärker, als du denkst.«

»Wenn es nach mir ginge, würde ich diese Stadt mit Flammen überziehen und in Tränen ertränken«, sagte sie mit zittriger Stimme.

»Ich fürchte, gegen deine Tränen würde keine Feuersbrunst lange bestehen können.«

»Dann benutze ich eben griechisches Feuer«, gab sie spitz zurück. »Das brennt auch auf dem Wasser.«

Nael lachte in sich hinein, aber das Gefühl, als habe sich ein Mühlstein auf sein Herz gelegt, blieb.

Kapitel 3

Helena Contarini stand neben ihre Zofe auf der Fondamenta am Canal Grande und sah dem Bootsführer entgegen, der die Gondel geschickt zu ihrem Liegeplatz an der Kanalmauer manövrierte und vertäute. Kaum dass er neben ihr auf die Fondamenta sprang, überfiel sie ihn schon mit ihren Fragen. »Paolo, warst du im Arsenal? War es dir möglich, mit Messèr Vitale zu sprechen?«

»Ja und ja, Madonna.« Er hob in einer bedauernden Geste die Schultern. »Von Messèr Renier gibt es nach wie vor keine Nachrichten. Allerdings habe ich sagen hören, dass in Kürze eine Eurer Galeeren im Hafen erwartet wird. Sie kommt aus Tripoli mit einer Ladung Gewürzwaren an Bord.«

Helena schüttelte enttäuscht den Kopf, forderte ihn aber mit einer knappen Geste auf, fortzufahren.

»Mehr weiß ich nicht, Madonna. Soll ich Euch benachrichtigen lassen, sobald die Galeere den Lido passiert?«

»Danke. Nicht nötig, Paolo. »Ich glaube nicht, dass Reni sich an Bord dieser Galeere befindet. Die Nachricht von seiner Rückkehr wäre dem Schiff um Tage vorausgeeilt, nicht war? Wir hätten längst davon erfahren.«

Paolo zuckte die Schultern. »Das Meer ist launisch, Madonna. Die Nachricht könnte verloren gegangen sein ...«

»Dazu kommt, dass mein Bruder schon immer die Nase gerümpft hat über den mächtigen Gestank, der einer Galeere anhaftet«, fuhr Helena fort. »Er sagt, diese Schiffe seien Brutstätten für alle möglichen Krankheiten und sollten von dicht bevölkerten Städten ferngehalten werden.«

»Nun, mit dem Gestank hat er leider recht, Madonna. Diese wird sogar ganz besonders unangenehme Düfte verströmen, denn sie war lange in Gebrauch und ist zudem mit drei Galeotti pro Bank bemannt.«

Die sich alle an Ort und Stelle erleichtern mussten, wenn sie das Bedürfnis überkam, wusste Helena. Jede Bewegung der Ruderpaare war aufeinander abgestimmt und die kleinste Unregelmäßigkeit konnte eine Abweichung vom Kurs bewirken. Kein Kapitän, der etwas auf sich hielt, konnte so etwas dulden. Natürlich erwähnte Helena ihre Gedanken mit keinem Wort. Solches Wissen war unschicklich, ganz und gar für eine Frau nobler Herkunft. Sie hatte ihrem älteren Bruder Gabriele, der das Amt eines Sopracomito begleitete, sehr zusetzen müssen, bis er bereit gewesen war, sie über das Leben an Bord aufzuklären. Hinterher wünschte sie sich beinahe, nicht gefragt zu haben. Mochte der Beruf des Ruderers den Männern auch Ansehen und ein gutes Auskommen bringen - die Freude an den stolzen Galeeren war ihr nach Gabrieles Bericht vergällt.

Helena stieß einen Seufzer aus. »Auch dieses Schiff wird mir meinen Bruder nicht zurückbringen, Paolo. Ich fühle es.«

»Wie Ihr meint, Madonna«, sagte der Bootsführer.»Ich werde dennoch die Augen offen halten.«

Die Glocken der Kirchen ringsum begannen zu läuten, zögernd zunächst, dann immer kräftiger, bis das Geläut wie ein einziger, von allen Seiten kommender, auf - und abschwellender Ton über der Stadt lag. Helena lauschte mit unwillig gerunzelter Stirn. Es war die Stunde der Komplet, des Abendgebets. Einmal mehr hatte sie über der Hoffnung auf eine baldige Heimkehr ihres Bruders die Zeit vergessen und nun würde sie ihren Vater nicht mehr in seinem Kontor antreffen. Dabei hatte sie ihm versprochen, heute die Listen mit den Warenbestellungen abzuschreiben. Florimond Contarini hatte eine beinahe unleserliche Handschrift. Diese für das Oberhaupt einer Compagnia äußerst lästige Tatsache hatte schon häufig zu Missverständnissen geführt. Helena erinnerte sich nur zu gut an das verblüffte Gesicht eines Kunden, der Safran bestellt und eine halbe Schiffsladung Olivenöl bekommen hatte. Seitdem erhob ihr Vater keine Einwände, wenn sie Lieferlisten, Warenbestellungen und Anweisungen an die Gehilfen für ihn abschrieb.

Obendrein brannten ihr schon seit Wochen eine ganze Reihe von Fragen auf der Zunge, die sie ihrem Vater stellen wollte. Wann immer sie bisher auf das unerwartete Verschwinden ihres Bruders zu sprechen gekommen war, hatten ihre Eltern das Thema gewechselt. Für ein junges Mädchen ziemte es sich nicht, zu widersprechen, und so waren ihre Fragen unbeantwortet geblieben. Doch inzwischen hatte sie ihren sechzehnten Namenstag begangen, und fand, es sei an der Zeit, Antworten zu erhalten.

»Lass uns hineingehen«, sagte sie zu ihrer Zofe und wandte sich der schmalen Gasse zu, die zum landseitigen Eingang des Hauses führte. Helena schickte ihre Zofe weiter zur Außentreppe, während sie selbst den Andron, den Wassersaal der Ca´Contarini, betrat. Von diesem gingen zu beiden Seiten Wirtschafts- und Lagerräume ab. Einige der Lagerräume waren mit schweren Schlössern gesichert. Darin lagerten die kostbarsten und teuersten Waren, wie Pfeffer, Muskat oder Gewürznelken. Nur ihr Vater besaß einen Schlüssel zu diesen Räumen, den er an einem Band um den Hals trug. Helena liebte den Duft nach exotischen Gewürzen, der in der Luft hing und für gewöhnlich hielt sie kurz inne, um die vielfältigen Gerüche in vollen Zügen zu genießen. Heute jedoch blieb ihr dazu keine Zeit. Bevor es zu dunkel wurde, wollte sie noch ihre Tintenvorräte überprüfen, neue Schreibfedern bereitlegen und die Warenlisten heraussuchen, die sie kopieren musste.

Helena betrat das Kontor des Hausherrn, einen großen, spärlich möblierten Raum. Schulterhohe Regale säumten die Wände, gefüllt mit den gebundenen Journalen und ungezählten Pergamentrollen, die im Haus eines Kaufmannes anfielen. Hier waren die Fenster breiter und mit Butzenscheiben verglast, durch die das rötliche Abendlicht schimmerte. An einem riesigen Tisch, der einmal in einem byzantinischen Kloster gestanden hatte und der mit Büchern und Schriftstücken vollgestapelt war, pflegte ihr Vater zu arbeiten. Sie selbst bevorzugte ein Schreibpult, das klein und handlich, aber dennoch geräumig genug war, um darin ihre Federn und Tinte aufzubewahren. Die fertig zugeschnittenen Pergamentbögen hingegen wurden neben Dokumenten und alten Abrechnungen in einer großen Truhe gelagert. Zwischen Fässern und Körben hindurch bahnte sie sich einen Weg zur gegenüberliegenden Wand und hob den Deckel der Truhe an. Sie wollte schon nach einem Stapel Bögen greifen, als sie mitten in der Bewegung innehielt.

Etwas stimmte nicht.

Auch wenn das Kontor des Hausherrn auf Außenstehende wie ein einziges großes Durcheinander wirkte, wurde doch in jedem Regalfach und jeder Truhe alles nach einem genauen Ordnungssystem abgelegt, von dem Florimond Contarini niemals abwich. Die Ordnung der Truhe war auf subtile Weise gestört worden.

Unschlüssig schaute Helena einen Moment auf den Inhalt herab, während sie überlegte, was sie tun sollte. Sie wollte nicht, dass einer der Kaufmannsgehilfen für eine Lappalie wie diese bestraft wurde – was unweigerlich geschehen würde, falls ihr Vater von ihrer Entdeckung erfuhr. Mit einem Seufzer lehnte sie den Deckel der Truhe an die Wand und machte sich daran, den Inhalt der einzelnen Fächer neu zu sortieren. Sie tat dies mit höchster Konzentration, aber gleichzeitig dachte sie unablässig darüber nach, wer die Truhe durchsucht haben konnte und worauf die Person aus gewesen war. Die Pergamente waren zwar durcheinander, es schien jedoch nichts zu fehlen. Oder?

Helena erinnerte sich, dass im untersten Fach die Berichte einer missglückten Handelsreise lagen, die ihren Vater vor fünf Jahren beinahe an den Bettelstab gebracht hatte. Sie war zu jung gewesen, um die Sache richtig zu begreifen. Niemand sprach darüber und ihre Fragen hatten ihr nichts eingebracht, außer einer zweitägigen Verbannung in ihre Kammer; eine Strafe, die ihr damals wie heute unverhältnismäßig streng erschien.

Wie so oft, hin - und hergerissen zwischen Unmut und Unverständnis für die überfürsorgliche Verschwiegenheit ihres Vaters, murmelte sie: »Jetzt oder nie.«

Sie hob das Fach mit den alten Dokumenten aus der Truhe und begann, darin herumzukramen. Die Lektüre erwies sich als nicht sonderlich erhellend, bis ihr auf einem der Blätter der Name ihres Bruders ins Auge stach.

Eilig glitt ihr Blick über die Zeilen, in der Hoffnung, endlich etwas über Reniers Verbleib zu erfahren. Doch was sie zu lesen bekam, ließ ihr das Herz bis in den Hals schlagen. Das konnte nicht sein. Mit gleichmäßigen Atemzügen kämpfte sie gegen ihre Panik an. Ihr Bruder, ihr geliebter Reni war kein kaltblütiger Mörder. Niemals. Sie trug die Pergamente zum Fenster, um mehr Licht zu haben, las sie erneut Wort für Wort, bis ihr die Buchstaben vor den Augen verschwammen. Alles passte. Renis plötzliches Verschwinden. Sein Schweigen. Die lange Abwesenheit von Venèzsia –, was ganz und gar untypisch für ihren Bruder war. Er hatte es nie lange auf dem Festland ausgehalten, war während seines Studiums immer wieder zu kurzen Besuchen auf die Insel gekommen oder hatte ihr geschrieben. Doch dann plötzlich – nichts mehr. Er sei auf eine wichtige Handelsreise gegangen, hatte man ihr erzählt und sie hatte es geglaubt, weil es ihr unvorstellbar erschien, dass ihre Eltern sie jemals belogen. Doch genau das war geschehen. Helena wurden die Knie weich und sie sank auf den Stuhl ihres Vaters. Ihre Kehle brannte. Sie starrte auf die Blätter in ihrer Hand, ohne etwas zu sehen. In ihr wogte ein Meer der Traurigkeit, dessen Tiefe sie nicht einmal ansatzweise auszuloten wagte.

Kapitel 4

»Und ich sage dir, du wirst nicht allein nach Venedig reisen, Ravena. Ich komme mit.« Nael eilte hinter ihr die Stufen ihres Turmes hinauf. Das Licht ihrer Lampe drang durch den dünnen Seidenstoff ihres Gewandes und betonte jedes vollendete Detail, jede sinnliche Kurve ihres Körpers. Sie warf ihm über die Schulter einen strengen Blick zu, und wieder war er beinahe schockiert darüber, wie sehr ihn das erregte. Dabei waren ihre Lippen noch rot und leicht geschwollen von der vergangenen Nacht.

Himmel! Nimm dich zusammen. Er wollte den anderen auf keinen Fall mit einer verräterischen Erektion gegenübertreten.

Ravena schob die Tür zu ihrer Kräuterkammer auf, die voller Menschen war, deren Blicke sich sofort auf sie richteten. Nael sah sich verstohlen um. Da waren Arel und Rollo, Madda und Peire, Cesare und Dinêl. Ravenas Freunde. Die loyalste Mannschaft, der er je begegnet war. Trotzdem waren es für seinen Geschmack zu viele Augenpaare, die sie unverhohlen neugierig anstarrten.

Der Medikus Arel saß auf der Kante des Arbeitstisches. Seine dunklen Augen unterzogen Ravena einer eingehenden Musterung. Anschließend bedachte er Nael mit einem missbilligenden Blick. »Ihr kommt spät.«

»Ravena brauchte den Schlaf«, sagte Nael.

Rollo schnaubte belustigt. »Wenn die Dame tatsächlich Schlaf abgekriegt hat, bist du wirklich zu nichts zu gebrauchen.«

»Puh«, machte Ravena. »Immerhin musste Nael die Nacht nicht im Stall verbringen, wie ein gewisser, großmäuliger Barbar. Mir scheint, die arme Jelscha war von deinen Liebeskünsten nicht sonderlich angetan.«

Rollo starrte sie entgeistert an. »Ähm … über so etwas spricht eine Dame nicht, richtig?«

»Nein, ich weiß. Bei solchen Themen schweigt eine Dame vornehm, um Anstand und Sitte zu wahren.« Ravena verzog spöttisch den Mund. »Ich bin nur keine vornehme Dame, Rollo. Ich sage, was mir passt. Und dir sage ich, dass ich mir deine dummen Seitenhiebe gegen Nael nicht länger anhören werde. Solltest du sie dir nicht verkneifen können, lasse ich dich aus der Burg werfen.« Ravena raffte ihr Gewand, durchquerte die Kammer und stellte sich ans Fenster.

»Herrgott noch mal, Rollo, wir haben Wichtigeres zu besprechen«, sagte Nael unwirsch. »Und zwar wir alle.«

Er sah sie der Reihe nach an. Ravena nickte ihm aufmunternd zu.

»Meister Arel, du hast die Dorfbewohner befragt. Konntest du etwas herausfinden?«

»Leider nicht. Niemand will etwas bemerkt haben.«

»Peire?«

Der Sänger zuckte die Achseln. »Nichts, was uns weiterhilft.«

»Dann ist es entschieden«, sagte Nael. »Ravena und ich reisen nach Venedig und versuchen herauszufinden, wer hinter Taruns Entführung steckt.«

Ravena schüttelte den Kopf, doch Nael fuhr unbeeindruckt fort. »Für die Zeit unserer Abwesenheit übernimmt Peire das Kommando. Die Burg ist gut zu verteidigen, und sobald die Wachstationen bemannt sind, kann die Straße ins Tal bei Gefahr rechtzeitig unpassierbar gemacht werden. Es sollte demnach keine Schwierigkeiten geben, bis wir …«

»Nein!«, unterbrach Ravena scharf. »Hörst du eigentlich, was du das redest, Nael? Du verfügst über meine Burg, meine Leute, als sei ich gar nicht vorhanden. Was bin ich, deine Marionette?«

Oha, dachte Nael. Hier gelangen wir an einen äußerst heiklen Punkt. »Ich bemühe mich, dir zu helfen, Ravena, nicht mehr und nicht weniger …«

»Ja, hab Dank, Nael, das ist mir bewusst«, fiel Ravena ihm ins Wort und etwas in ihrem Tonfall beendete die Debatte.

Ein paar Herzschläge lang war nichts zu hören bis auf das Zischen der Kienspäne in ihren Wandhaltern.

Schließlich fragte Arel: »Und was ist, wenn wir mit deiner Reise nicht einverstanden sind, Herrin?«

»Schlagt euch eure Bedenken aus dem Kopf«, befahl Ravena. »Es geht nicht anders.«

Arel stieß einen langen Atemzug aus. »Du könntest Nael schicken.«

»So einfach kann ich es mir nicht machen«, sagte Ravena ruhig.

»Ach ja? Warum nicht?«, fragte Madda. »Die Kinder brauchen dich hier.«

»Tarun ist ebenfalls mein Kind.«

»Tarun ist ein junger Mann und beinahe erwachsen. Alessa und Desi dagegen brauchen ihre Mutter.« Madda wandte sich halb um und machte eine weit ausholende Geste, die den ganzen Raum umfasste. »Und was soll aus Rocca d´Aquila werden, wenn die Herrin des Hauses, Gott weiß wie lange, nicht da ist? Wir haben zu dir gehalten, Ravena, in jeder Lage, egal welche Schwierigkeiten uns die Vorsehung in den Weg geschickt hat. Weil wir an dich geglaubt haben. Ich schätze, dafür bist du uns etwas schuldig.«

Nael war geneigt, seinen Ohren zu misstrauen. Diese für Maddas Verhältnisse schamlose Unverblümtheit erschien ihm so vollkommen untypisch, dass er sich fragte, ob zwischen den Frauen etwas vorgefallen war.

»Arel hat recht«, fuhr Madda fort. »Lass Nael gehen. Vielleicht kann er sich in Venedig nützlich machen. Zumindest ist er dann nicht mehr in deiner Nähe, um deinen Kopf mit diesen rebellischen Flausen zu füllen, die …«

Ravena wandte den Kopf ab und hob abwehrend die Rechte. »Halt, Madda, bitte. Sprich nicht weiter.« Sie kniff die Augen zu und rang einen Moment um Haltung. Nael trat zu ihr und legte ihr einen Arm um die Taille.

Ravena sah Madda an. »Ich weiß, dass es nicht böser Wille ist, der dich so sprechen lässt, sondern deine Sorge um mich. Trotzdem will ich kein Wort mehr davon hören.«

Sie löste sich von Nael, trat zwei Schritte nach vorne und sah ihn eindringlich an. »Hüte mir Rocca d´Aquila, Nael. Das ist mein Wunsch an dich. Damit ich mir wenigstens um die Burg keine Sorgen machen muss, während ich fort bin.«

Nael hatte mit einem Mal Mühe, normal und gleichmäßig zu atmen. Warum hatte er sich nur dazu verleiten lassen, ihr seine Herkunft zu offenbaren? Sie versuchte mit allen Mitteln, ihn vor seiner Vergangenheit zu retten. Was unmöglich war. Nun saß er zwischen einer Dornenhecke und dem Abgrund fest und wusste nicht, wie er sich aus seiner misslichen Lage befreien sollte.

»Dein Plan ist unvernünftig, Ravena. Das weißt du genau.«

»Ich weiß nichts dergleichen. Ich werde nach Venedig reisen. Du hast da nichts mitzureden.«

»Ich habe Bruno versprochen, dass ich auf dich aufpasse!«, donnerte Arel.

»Schön. Dann komm mit nach Venedig. Peire geht Nael zur Hand. Madda übernimmt die Kinder. Und jetzt lasst mich allein. Sofort.« Ravenas Stimme duldete keinen Widerspruch. Auch Nael machte Anstalten zu gehen. Sie legte ihm eine Hand auf den Arm. »Du bleibst hier«, sagte sie ruhig.

»Ach ja? Und wozu?«

»Weil ich dir meine Gründe erklären möchte.«

»Ich weiß schon, was du sagen willst. Erspare mir, es noch einmal hören zu müssen.«

»Nael. Lass uns bitte nicht wieder streiten.«

Nael stand still wie eine Statue, die Hände zu Fäusten geballt, während die anderen die Kammer verließen. Peire war der Letzte. Ravena schloss hinter ihm die Tür und legte den Riegel vor. Sehr langsam drehte sie sich zu Nael um und sah ihn an. »Ich weiß genau, was du vorhast«, sagte sie. »Aber es wird nicht funktionieren.«

Nael holte tief Luft und wappnete sich. Das würde jetzt hässlich werden. Ravena allein nach Venedig reisen zu lassen war zu gefährlich. Sein Feind war mächtig und hatte jahrelang Zeit gehabt, seinen Rachedurst zu nähren. Ravena würde in eine Falle laufen, von der sie nicht einmal ahnte, dass es sie gab.

»Ich habe durchaus Verständnis für deinen Wunsch, nach deinem Sohn zu suchen«, widersprach er grimmig. »Doch ich kann dir nicht erlauben, ohne mich nach Venèzsia zu reisen.«

»Darüber sind wir unterschiedlicher Auffassung, wie du weißt«, konterte sie.

Nael schüttelte den Kopf. »Es ist schlicht zu gefährlich. Das sage ich nicht, um deine Freiheit einzuschränken, sondern es ist eine Tatsache. Dir fehlt die Erfahrung, um die Tragweite deiner Entscheidung abschätzen zu können.«

»Ach? Aber du kannst es?«

Er atmete zitternd aus. »Dummerweise habe ich eine recht gute Vorstellung davon was und erwartet. Bitte erlaube mir, dich zu begleiten.«

Ihr Gesicht verzog sich kummervoll. »Oh Gott! Oh, Nael. Ich kann nicht. Du weißt, warum.«

Nael konnte nicht atmen. Seine Kehle fühlte sich heiß und eng an, als würde sein Hals in einer eisernen Jungfrau feststecken. »Ravena«, murmelte er heiser.

Sie machte ein paar zögernde Schritte auf ihn zu, dann breitete sie die Arme aus und flog ihm entgegen. Er drückte sie an sich und versank in ihrer Umarmung. Tarun, die Burg, Madda und Arel, die ganze Welt waren vergessen. Es gab nur noch Ravena, die ihn zitternd und voller Sehnsucht an sich drückte.

Er vergrub sein Gesicht in ihrem Haar und wagte kaum zu atmen. Er wusste, dass er zu fest zudrückte, konnte seine verkrampften Muskeln aber nicht lockern und nichts anderes denken als mein, mein, mein.

Er senkte den Kopf, küsste sie wie ein Verhungernder, und der Boden unter ihnen schien zu schwanken. Sein Puls dröhnte ihm in den Ohren und er hatte das Gefühl, als könne er ihr gar nicht nahe genug sein. Das hatte er nicht geplant.

Aber der leidenschaftliche Kuss überwältigte sie beide, sie wurden mitgerissen von dieser Naturgewalt. Er hob sie ein wenig an und sie schlang ihre Beine um ihn, rieb ihren Schoß an seiner Erektion, während sie seinen Kuss erwiderte, als hinge ihr Leben davon ab. Das Rauschen in seinen Ohren war überlaut. Er öffnete sich ihr, bot sich ihr dar, so sehr überwältigt von seinem Verlangen, dass er jede Zurückhaltung vergaß.

Gleichzeitig machte es ihn rasend, dass sein Körper diese hilflose, animalische Reaktion zeigte, sobald er Ravena berührte. Es verlieh ihr viel zu viel Macht über ihn.

So wie jetzt. Sie löste sich aus seinen Armen und schob ihn von sich. Er wollte schon protestieren, da griff sie nach dem Saum ihres Gewandes und zog es sich über den Kopf. Unterkleid und Hemd folgten. Nur in Schuhen und knielangen Strümpfen stand sie vor ihm. Ein leichter Schweißfilm überzog ihre rosige Haut, und die dunklen Löckchen ihrer Scham schimmerten feucht.

Er konnte nur dastehen und sie anstarren, weil ihm sämtliche Worte abhandengekommen waren.

Ravena hob die Arme und drehte sich mit vollendeter Grazie um die eigene Achse – den Rücken durchgedrückt, die Brüste vorgestreckt, in ihren Augen dieser sehnsuchtsvolle Blick, bei dem sich sein Herzschlag zu einem wilden Trommeln beschleunigte.

Nael räusperte sich. »So gern ich das Bett mit dir teile, Ravena - ich fürchte, jetzt ist gerade nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Wir sollten besser …«

»Wir sollten gar nichts. Aber du wirst dich betätigen. Auf die Knie mit dir. Mach mich feucht.«

Nael blieb einige Herzschläge lang der Mund offen stehen, während in seinem Kopf ein Vulkanausbruch stattfand. Dann grinste er. »Ich lebe, um dir zu dienen, Herrin. Wobei ich mich schon frage, wie mir diese hochmütige Herrin bisher entgehen konnte. Wo hatte sie sich nur versteckt?«

»Du redest zu viel. Ich schlage vor, du fängst mit deinem Mund etwas Sinnvolleres an.«

Er pfiff anerkennend durch die Zähne. »Herrin, ich gehorche.« Er war bei ihr und auf seinen Knien, bevor sie es sich vielleicht anders überlegte. Er umfasste ihren Po und rieb mit der Wange über die warme, seidige Haut ihrer Oberschenkel, während sein Mund sich gierig ihrer empfindlichsten Stelle näherte. Er öffnete ihre Schamlippen, damit seine geschickte Zunge sich kreisend über ihr schimmerndes, rosafarbenes Fleisch hermachen konnte. Ihre Atemzüge kamen schnell und flach. Halt suchend schob sie die Finger in sein Haar und gab sich stöhnend seinen lustvollen Liebkosungen hin.

Sie war köstlich, heiß und weich wie Samt. Das Dröhnen in seinen Ohren verstärkte sich, während er alles daransetzte, sie an den Punkt zu bringen, nach dem sie sich verzehrte. Ein Zittern ging durch ihre Muskeln und er konnte spüren, wie jede seiner Berührungen eine weitere Welle des Erschauerns auslöste.

Sie kam an seinem Gesicht, seinen Händen. Der Anblick berauschte ihn und das gnadenlose Feuer, das in seinen Landen brannte, wurde zu einer wahren Feuersbrunst, die sich so schnell in ihm verbreitete wie ein außer Kontrolle geratener Flächenbrand.

Nael stand auf und schob sie zum Tisch, aber sie leistete Widerstand, als er sie auf die Tischplatte drücken wollte.

»Warte«, befahl sie. »Nicht so.«

Es beeindruckte ihn, dass sie trotz des überwältigenden Höhepunktes nicht den hochmütigen Tonfall in ihrer Stimme verloren hatte. »Wie dann?«, fragte er.

»Zieh dich aus«, verlangte sie.

Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Hastig entledigte er sich seiner Kleider und schleuderte sie achtlos beiseite.

»Jetzt leg dich auf den Tisch«, befahl sie. »Auf den Rücken.«

Sein ganzer Körper schien sich in sinnlicher Erwartung zu verkrampfen, während er sich auf der Tischplatte ausstreckte. Ravena betrachtete in aller Seelenruhe sein steifes, gerötetes Glied, das sich an seinen Bauch schmiegte.

»Und was jetzt?«, fragte er heiser.

Ihre Augen schienen sich zu verdunkeln und noch glutvoller zu werden, als sie sich rittlings auf ihn setzte und genüsslich über seinen samtigen Schaft strich, bevor sie ihn mit der ganzen Hand umfasste und mit kreisenden Bewegungen von der Wurzel bis zur Spitze massierte.

Stöhnend bäumte Nael sich unter ihr auf. »Himmel, Ravena! Bitte!«

»Ich bin noch nicht mit dir fertig.« Ihre Stimme war kühl und bestimmt. Sie schloss die Faust um seinen Ständer und hielt ihn senkrecht. Sie erhob sich auf die Knie, positionierte sich über ihm und stützte sich mit einer Hand an seiner Brust ab. Ihre Hand führte seinen Schaft an ihren Schoß. Ihr heißes Fleisch strich gemächlich über seine pochende Eichel und bedeckte sie mit feuchten, neckenden Küssen, bis sie glänzte. Nael konnte seinen Blick nicht von ihr lösen. Was sie tat, war das Aufreizendste, was er je erlebt hatte.

Mit zurückgelegtem Kopf und geschlossenen Augen rieb sie sich an seinem Glied, einzig und allein auf ihr eigenes Vergnügen konzentriert. Und sie kannte kein Erbarmen. Sie bewegte die Hüften und ließ ihre schlüpfrigen Falten über seinen Schaft gleiten. Sie küsste ihn mit ihrer sinnlichen Hitze und stimulierte sich selbst. Plötzlich bekam er keine Luft mehr; sein Herz geriet ins Stottern, und jeder Muskel in seinem Körper spannte sich fast schmerzhaft an.

»Es ist höchst gefährlich, was du da treibst«, sagte er mit belegter Stimme.

Ravena leckte sich mit der Zunge über die weichen, vollen Lippen. »Armer Nael. Soll ich aufhören?«

Er stieß den Atem aus, den er angehalten hatte, ohne es zu merken. »Süßer Jesus, nein!« Er wollte mehr. Brauchte mehr. Glaubte zu sterben vor Verlangen. »Ich möchte in dir kommen.«

Mit einem weichen Lachen glitt sie endlich über ihn und er brachte sich in Position. Sie stöhnten wie aus einer Kehle, als sie ihn in sich aufnahm. Sie war bereit für ihn. Ein tiefer, genau dosierter Stoß, und sie kam. Ihr Schoß zuckte und pulsiert, während ihre inneren Muskeln ihn fest umschlossen. Sein Kopf war plötzlich wie leer gefegt. Ehe er sich versah, riss sie ihn mit und er stürzte direkt hinter ihr in die Tiefe.

Kapitel 5

Es war eine plötzliche Laune gewesen, die den Geist bewogen hatte, den Jungen für den letzten Teil der Reise in ein Fass zu stecken. Diese Laune versetzte Tarun in helle Panik. Zwar hatte der Geist Luftlöcher in das Fass stechen lassen, aber für Tarun bedeutete es dennoch, dass er stundenlang gegen das Gefühl ankämpfen musste, zu ersticken, ebenso lange den Schmerz seiner verkrampften Glieder zu ertragen hatte, und über allem stand die Frage, ob ihn am Ziel der Reise nicht noch Schlimmeres erwartete.

»Du da, sei vorsichtig mit dem Fass«, befahl der Geist und versetzte dem unachtsamen Schiffer einen Klaps hinter die Ohren. »Ich kann es nicht ausstehen, wenn meine Waren beim Transport Schaden nehmen. Also sieh zu, dass die Sachen ordentlich vertäut werden. Wenn ich sehe, dass mein Fass während der Fahrt an Deck herumrollt, kannst du was erleben.«

Während der nun folgenden Geschäftigkeit hatte Tarun kaum Zeit, dem bohrenden Angstgefühl in seinem Bauch Beachtung zu schenken. Sein Behältnis wurde über den Boden gerollt, dann hochgehoben und schließlich mit einem unsanften Ruck wieder abgestellt. Tarun fühlte sich wie erschlagen von den unzähligen schmerzhaften Stößen, die er hatte einstecken müssen.

Rufe ertönten, Stoff knatterte im Wind, Holz knarrte, woraus er schloss, dass er sich erneut auf einem Schiff befand. Doch wohin brachte es ihn? Warum war er plötzlich in dieses schreckliche Gefängnis gesteckt worden, nachdem der Geist ihn doch zuvor kaum beachtet hatte? Bestand die Gefahr, dass er auf diesem Teil der Reise etwas wiedererkennen könnte? Nur was?

Sich den Kopf über diese Frage zu zermartern, lenkte ihn ein wenig von seinen Schmerzen und seiner Angst ab. Irgendwann fielen ihm die Augen zu und er döste ein.

Ein leichter Nieselregen fiel auf die gesenkten Köpfe der Männer und benetzte die lautlos ins Wasser tauchenden Ruder. Auf dem Deck herrschte Totenstille, niemand sprach ein Wort. Das Festland, das vor ihren Augen auftauchte, lag unter einem Nebelschleier verborgen, der mit jedem Schlag der Ruder dichter zu werden schien. Hinter der Nebelwand erhob sich die Ehrfurcht gebietende Silhouette der Schneeberge. Das wusste er, weil ihn sein Onkel, der Doge einmal mit auf den Glockenturm von San Marco genommen hatte. Von dort hatte er weit über die Dächer von Venèzsia bis zum Festland blicken können. Die Berge füllten den Horizont vollkommen aus und schienen eine nahezu unüberwindliche Barriere zu bilden. Doch von seinem Lehrer wusste er, dass hinter den Bergen das Land der Tedeschi lag, mit seinen Handelsstädten Augsburg und Nürnberg.

In diesen Stunden auf dem Boot jedoch, irgendwo zwischen Dämmerung und Tag konnte er das Meer zwar hören und riechen, aber mehr ahnen als wirklich sehen.

Als der Kiel des Bootes endlich über den nassen Sand knirschte, war die Dämmerung einem trüben Morgen gewichen. Er sprang mit seinen Kameraden in die anrollende See und zog den Bootsleib noch ein paar Fuß weiter auf den Strand.

Dann ging alles sehr schnell. Die Männer luden einige Ballen und Kisten aus dem flachen Stauraum unter Deck und stapelten sie im Sand. Fünf der Männer schoben das Boot zurück ins Meer. Als das Wasser ihnen schon bis zur Hüfte reichte, gaben sie dem Boot einen letzten Stoß und zogen sich an Bord. Die Ruder wurden aufgenommen, senkten sich im Gleichtakt, das Boot nahm langsam Fahrt auf und war bald im Dunst verschwunden.

Ein Mann mit einem Eselskarren trat aus den Schatten heraus und kam auf sie zu. Mit einer Geste gab er ihnen zu verstehen, dass sie sich mit dem Aufladen beeilen sollten.

Wenig später setzte sich die kleine Kolonne in Bewegung.

Der Regen war stärker geworden; lautlos fiel er auf Karren und Esel und die sieben Männer, die zu Fuß nebenher liefen.

Während der nächsten Tage regnete es ununterbrochen. Vielleicht war dies der Grund, warum die Männer weniger aufmerksam waren - vielleicht war es auch der Anblick der Schneeberge, die bis in den Himmel zu reichen schienen, der sie über Gebühr ablenkte.

Als sie vom Talgrund aus einen Hügel hinaufstiegen und um eine Kurve bogen, brach vor ihnen eine Schar Vögel aus den Sträuchern, die die Böschung links und rechts bedeckten. Der Esel musste sie aufgeschreckt haben. Trotzdem beschlich Tarun ein seltsames Gefühl. Wenn jemand mitbekommen hatte, was sie mit sich führten …

Der Anführer ihrer Kolonne schien ähnliche Befürchtungen zu hegen. Mit einer Handbewegung forderte er die Männer auf, ihre Waffen bereitzuhalten. Der Karrenführer trieb seinen Esel zu einem holprigen Trott an. Die Männer folgten ihm im Laufschritt um die letzte Biegung der Kurve und sahen sich, völlig überraschend und wie aus dem Boden gewachsen, einer Schildwand gegenüber. Vermummte Gesichter über Panzerhemden, Speere, die sich ihnen bedrohlich entgegenreckten. Die Männer rissen ihre Waffen hoch, warfen sich brüllend auf die Angreifer und verwickelten sie in ein wildes Handgemenge, während er tat, was man ihm für einen Fall wie diesen eingeschärft hatte: Er schlug sich in die Büsche und rannte.

Doch sie bemerkten seine Flucht und drei der Vermummten setzten ihm eilig nach. Er schlug Haken und wandte jeden Trick an, den er gelernt hatte. Was ihm jedoch nicht viel nützte. Sie holten ihn ein und warfen ihn zu Boden. Er biss und trat um sich.

Jemand schrie. Das Geräusch ging ihm durch Mark und Bein. Farben wirbelten vor seinen Augen, zerflossen zu langen Bahnen. Schwarz und Silber, Rot und Schwarz, Silber und Rot.

Plötzlich stand ein Mann vor ihm. Braune Augen starrten ihn aus einer weißen, leeren Fläche an, dort wo das Gesicht hätte sein müssen. Langsam hob er eine Hand, griff nach einem Fetzen bleicher Haut, der lose von der Schläfe herabhing, und zog daran. Er hörte einen Laut, der klang wie zerreißendes Pergament. Als die Maske zu Boden fiel, wollte er schreien, doch er brachte keinen Ton hervor.

Schweig, Junge, donnerte die Stimme seines Vaters. Was immer sie mit dir tun: Schweig!

Donnernde Schläge rissen ihn aus seiner Benommenheit. Kühle Luft strömte über sein schweißnasses Gesicht und ließ ihn erschauern.