Verlag: beTHRILLED by Bastei Entertainment Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Wie ein stummer Schrei E-Book

Sharon Sala  

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E-Book-Beschreibung Wie ein stummer Schrei - Sharon Sala

Ermittler Trey Bonney steht vor einem Rätsel: Ein Kinderskelett wurde entdeckt - eingemauert in die Wand eines alten Hauses. Doch wer ist das Kind, das siebzehn Jahre lang keiner vermisst hat? Seine Untersuchungen führen Trey bald zur Familie Sealy. Dort trifft er auf seine alte Jugendliebe Olivia, die Tochter des Hauses. Und nur sie kann ihm helfen, Antworten auf die Fragen zu finden. Als Olivia kurz darauf Opfer eines Anschlags wird, merkt Trey, dass er auf der richtigen Spur ist. Aber auch, dass seine Ermittlungen die Frau, die er immer noch liebt, in Lebensgefahr bringen ... Weitere Romantic-Suspense-Romane von Sharon Sala bei beTHRILLED u.a.: "Im Zeichen der roten Rose", "Blutroter Schnee" und "Eine fast perfekte Lüge". eBooks von beTHRILLED - mörderisch gute Unterhaltung.

Meinungen über das E-Book Wie ein stummer Schrei - Sharon Sala

E-Book-Leseprobe Wie ein stummer Schrei - Sharon Sala

Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber die AutorinWeitere Titel der AutorinTitelImpressumZitatPROLOG1. KAPITEL2. KAPITEL3. KAPITEL4. KAPITEL5. KAPITEL6. KAPITEL7. KAPITEL8. KAPITEL9. KAPITEL10. KAPITEL11. KAPITEL12. KAPITEL13. KAPITEL14. KAPITEL15. KAPITEL16. KAPITEL17. KAPITEL18. KAPITEL19. KAPITEL20. KAPITEL21. KAPITELEPILOG

Über dieses Buch

Ermittler Trey Bonney steht vor einem Rätsel: Ein Kinderskelett wurde entdeckt – eingemauert in die Wand eines alten Hauses. Doch wer ist das Kind, das siebzehn Jahre lang keiner vermisst hat? Seine Untersuchungen führen Trey bald zur Familie Sealy. Dort trifft er auf seine alte Jugendliebe Olivia, die Tochter des Hauses. Und nur sie kann ihm helfen, Antworten auf die Fragen zu finden. Als Olivia kurz darauf Opfer eines Anschlags wird, merkt Trey, dass er auf der richtigen Spur ist. Aber auch, dass seine Ermittlungen die Frau, die er immer noch liebt, in Lebensgefahr bringen …

Über die Autorin

Sharon Sala veröffentlichte ihr erstes Buch 1991. Die New-York-Times-Bestsellerautorin schreibt sehr erfolgreich in fünf unterschiedlichen Genres und ist besonders bekannt dafür, dass sie in ihren Romanen gekonnt sinnliche Romantik und fesselnde Spannung miteinander verknüpft. Sie wurde unter anderem mit dem Career Achievement Award des Romantic Times Magazine ausgezeichnet. Ihre Fans kennen sie auch unter dem Namen Dinah McCall.

Weitere Titel der Autorin:

Eine fast perfekte Lüge

Blutroter Schnee

Der ohne Sünde ist

Tief unter die Haut

Im Zeichen der roten Rose

SHARON SALA

WIE EINSTUMMER SCHREI

Aus dem Amerikanischen von Ralph Sander

beTHRILLED

Digitale Erstausgabe

»be« – Das eBook-Imprint von Bastei Entertainment

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2005 by Sharon Sala

Titel der amerikanischen Originalausgabe: »Bloodlines«

Originalverlag: Mira Books, Toronto

All rights reserved including the right of reproduction in whole or in part in any form. This edition is published by arrangement with Harlequin Books S.A.

This is a work of fiction, Names, characters, places and incidents are either the product of the author’s imagination or are used factiously, and any resemblance to actual persons, living or dead, business establishments, events or locales is entirely coincidental.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30131 Hannover

Für die deutschsprachige Erstausgabe:

Copyright © der deutschen Übersetzung 2006 by MIRA Taschenbuch

Verlag: Cora Verlag GmbH & Co. KG, 20350 Hamburg

Für diese Ausgabe:

Copyright © 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln

Lektorat/Projektmanagement: Johanna Voetlause

Covergestaltung: Massimo Peter-Bille unter Verwendung von Motiven © shutterstock: Yanchous | andreiuc88 | Aleshyn_Andrei | Paolo Sartorio

eBook-Erstellung: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-4223-9

www.be-ebooks.de

www.lesejury.de

Sie spürte, wie ein Beben durchTreys Körper ging, als er sich vorbeugte,um sie zu küssen.

»Olivia Sealy, du bist mein Ein und Alles.«Sie seufzte, und dann gab sie sichdem Unausweichlichen hin.

Auf jedes gewollte Baby, das geboren wird,kommt ein anderes, das niemals die liebevolleBerührung seiner Mutter erfahren wird.

Jenen Kindern widme ich diese Geschichte,aber auch unserer kleinen Christina Carol,die mit zwei Daumen an einer Handzur Welt kam und schon früh lernen musste,ohne die Liebe ihrer Mutter zu leben.

Gewidmet ist dieses Buch auchmeiner Mutter Diane, die viel zu frühvon uns ging – lange bevor ihr Werkauf dieser Welt vollendet war.

PROLOG

Lake Texoma, im Norden von Dallas, Texas

Marshall Baldwin benutzte den Vorschlaghammer mit dem gleichen kaum vorhandenen Feingefühl, das sein ganzes Leben prägte. Er war stets ein Mann gewesen, der die Dinge in die Hand nahm, und daran konnte auch die Tatsache nichts ändern, dass er vor kurzem in den Ruhestand gegangen war. Genaugenommen war es seitdem nur noch schlimmer geworden, denn ihn trieb die Angst an, jemand könnte ihn für »zu alt« halten, um sein Leben noch selbst zu regeln. Jetzt lief ihm der Schweiß in Strömen übers Gesicht, während das Mauerwerk unter den Schlägen des Hammers allmählich nachgab.

Nach den alten Kabeln und der mangelhaften Wärmedämmung in dem alten Cottage zu urteilen, das er erst vor kurzem gekauft hatte, war eine gründliche Renovierung längst überfällig. Außerdem hielt ihn diese Arbeit hervorragend davon ab, ständig darüber nachzudenken, dass man ihn wie einen alternden Zuchtbullen auf die Weide geschickt hatte, der sein Geld nicht mehr wert war. Für Marshall stellte der fünfundsechzigste Geburtstag kein Problem dar, aber er hasste es wie die Pest, deswegen auch gleich als alt angesehen zu werden. Seinen Frust darüber ließ er an den Wänden aus, die er mit dem Vorschlaghammer einriss.

Gerade holte er zum nächsten Schlag aus, als seine Frau Pansy hereinkam, mit der er seit dreiundvierzig Jahren verheiratet war. Einen Moment lang stand sie da, betrachtete das Gesicht ihres Ehemanns, dann seufzte sie.

»Marshall, ist dieser Lärm denn wirklich nötig?«

Er hielt in seiner Bewegung inne und versuchte, ihr keinen verärgerten Blick zuzuwerfen. Schließlich war es nicht Pansys Schuld, dass man ihn in den Ruhestand getrieben hatte.

»Ja«, gab er zurück und schlug wieder auf die Wand ein.

»Maaarrsshhaaall!«

Während ein Regen aus zerschlagener Rigipsplatte und Mauerwerk auf seine leuchtend grüne Kappe niederging, presste Marshall die Lippen zusammen. Warum konnte sie nicht einfach einkaufen gehen oder irgendetwas anderes unternehmen? Wie sollte er den Rest seines Lebens ertragen, wenn sie ihn keinen Moment mehr aus den Augen ließ?

Gerade wollte er erneut ausholen, als Pansy sein Handgelenk packte und ihn stoppte. »Marshall, ich versuche, mit dir zu reden.«

Der Hammer rutschte ihm aus der Hand und fiel mit lautem Knall auf den Holzboden. Ehe Marshall seinem Ärger Luft machen konnte, geriet irgendetwas in der Wand in Bewegung und rutschte zwischen den Holzbohlen ein Stück weit nach unten, bis es aus seinem Blickfeld verschwunden war. Er konnte nur noch erkennen, dass es sich um etwas Rechteckiges, Braunes handelte.

»Hast du das gesehen?«, fragte er.

Pansy nickte. »Was glaubst du, was das war?« Dann packte sie wieder Marshalls Arm, diesmal jedoch vor Begeisterung. »Oh, Marshall! Stell dir vor, wir haben vielleicht einen Schatz entdeckt! Müssen wir den dann zurückgeben?«

Stirnrunzelnd versuchte Marshall, einen Blick in die Öffnung zu werfen. »Auf keinen Fall. Wir haben das Haus wie besichtigt gekauft. Was wir hier finden, gehört uns.«

»Kannst du irgendetwas erkennen?«

»Nur einen Umriss.«

»Versuch doch mal, ob du rankommst«, rief sie aufgeregt.

Er schob einen Arm in die Öffnung in der Mauer, griff nach unten und strich über eine Kante des Objekts, bis er auf der ledernen Struktur etwas Metallenes ertastete. »Das könnte ein Koffer sein.«

Pansy stieß einen begeisterten Schrei aus und hüpfte hin und her. Das hätte zwar besser zu einem jungen Mädchen gepasst, doch es gelang ihr auch mit ihren über sechzig Jahren noch recht gut. Ihre Begeisterung war sogar so ansteckend, dass Marshall unwillkürlich lächeln musste.

»Freu dich nicht zu früh«, warnte er sie. »Vielleicht ist der Koffer leer.«

»Ganz sicher nicht«, erwiderte sie. »Warum sollte sich denn jemand die Mühe machen, einen leeren Koffer in einer Wand zu verstecken?«

Er musste ihr Recht geben, sagte aber nichts, da er versuchte, den Koffer zu fassen. Dann endlich hatte er den Griff gefunden, doch als er zu ziehen begann, musste er einsehen, dass die Öffnung in der Mauer nicht groß genug war. Widerwillig ließ er los.

»Das Loch ist zu klein«, murmelte er.

Pansy zeigte auf den Vorschlaghammer, den sie ihm eben noch aus den Händen hatte reißen wollen. »Dann mach es größer.«

Genau das tat er auch, und als er ein paar Minuten darauf einen erneuten Versuch wagte, bekam er den Koffer frei.

»Oh, Marshall! Ich möchte zu gern wissen, was da drin ist. Mach ihn auf, schnell!«

»Es geht nicht«, antwortete er nach dem ersten erfolglosen Versuch. »Die Schlösser sind eingerostet.«

»Dann brich ihn auf«, forderte sie ihn auf und reichte ihm ein Stemmeisen.

Er grinste, als er hörte, dass Pansy mit einem Mal wie ausgewechselt war. Er nahm das Stemmeisen und schob es in den Spalt neben einem Schloss, das nach einer raschen Drehung nachgab.

Pansy begann begeistert zu kichern. »Er könnte voller Geld sein, ist dir das klar?«

»Wir werden es gleich wissen.« Er widmete sich dem zweiten Schloss, das genauso schnell aufsprang.

Sekundenlang sah er Pansy an, um die Spannung zu erhöhen, dann klappte er den Deckel hoch.

Es folgte ein langes Schweigen, schließlich stöhnte Pansy auf, legte die Hände vors Gesicht und begann zu weinen.

Marshall betrachtete nach wie vor den Inhalt des Koffers, unfähig zu begreifen, was er da sah. Es war … ein Skelett. Das Skelett eines Kindes! Das konnte nicht sein! Sein Herz begann heftiger zu schlagen, und er befürchtete fast, er könnte jetzt und hier einen Herzinfarkt erleiden. In diesem Moment krabbelte ein kleiner schwarzer Käfer aus einer der leeren Augenhöhlen, woraufhin Marshall so sehr erschrak, dass er zurückwich und den Deckel losließ, der nach hinten wegklappte.

»Oh mein Gott«, flüsterte er und zog Pansy hoch, als er selbst aufstand. Er drückte ihren Kopf gegen seine Brust, und eine Weile standen sie beide einfach nur da, ohne ein Wort über die Lippen zu bringen. Dann endlich bekam er sich unter Kontrolle und fasste seine Frau an den Schultern. »Na komm, Pansy, beruhige dich. Hast du dein Handy dabei?«, fragte er. Während sie zu ihrer Handtasche ging, fuhr er sich mit zitternder Hand übers Gesicht.

Wortlos reichte sie ihm den Apparat, Marshall holte tief Luft, dann tippte er die Notrufnummer ein.

Pansy sah zum Koffer. »Wer kann denn bloß so etwas tun?«

»Keine Ahnung, und ich danke Gott dafür, dass ich nicht derjenige bin, der das herausfinden muss.«

Eine Frauenstimme meldete sich: »Neun-eins-eins. Welchen Notfall möchten Sie melden?«

Wieder atmete er tief durch. »Mein Name ist Marshall Baldwin. Ich habe ein Haus gekauft, das vier Meilen westlich des Fish Shack nahe dem Steg Nummer vier am Lake Texoma gelegen ist. Sie müssen sofort die Polizei herschicken.«

»Und welche Art von Notfall liegt vor?«

»Ich habe gerade eben einen Koffer mit einem Skelett darin gefunden.«

Es folgte eine kurze Pause, dann fragte die Frau am anderen Ende: »Entschuldigen Sie, Sir, aber habe ich richtig verstanden, dass Sie ein Skelett in einem Koffer gefunden haben?«

»Ja.«

»Wie groß ist der Koffer?«

»Nicht sehr groß«, antwortete Marshall leise. »Und das Skelett ist auch nicht sehr groß. Es ist ein Kind, das heißt … es sind die sterblichen Überreste eines sehr kleinen Kindes.«

1. KAPITEL

Detective Trey Bonney betrat das Polizeirevier in Dallas, hielt in einer Hand seinen zweiten Becher Kaffee an diesem Morgen, und versuchte, nicht über die Arbeit nachzudenken, die sich auf seinem Schreibtisch stapelte. Er war ein hervorragender Detective, aber wenn es darum ging, Berichte zu schreiben, versagte er auf der ganzen Linie.

»Morgen, Trey.«

Er nickte Lisa Morrow von der Anmeldung zu, ohne sie anzusehen. Ihr Tonfall signalisierte ihm deutlich, dass ihr Interesse an ihm kein ausschließlich berufliches war. Als ungebundener Mann hatte er genug One-Night-Stands erlebt, um die Zeichen zu erkennen. Bis vor drei, nein, sogar noch bis vor zwei Jahren wäre er auf ihre Einladung vermutlich eingegangen, doch das hatte nun ein Ende. Er fühlte sich nun als reifer, erwachsener Mann, und damit gehörten kurze Abenteuer ohne jegliche Verpflichtungen auf beiden Seiten der Vergangenheit an. Der Wandel hatte sich schleichend vollzogen, und er war sich noch immer nicht sicher, wann und wieso er ausgelöst worden war. Eines war jedoch klar: Trey fühlte sich seitdem einsamer als erwartet.

Dennoch war Lisas verführerische Stimme nur ein kleines Hindernis auf dem Weg zu seinem Schreibtisch. Erst als er eine andere Frau »Hey, Trey« rufen hörte, drehte er sich um und schaute seine Kollegin Detective Chia Rodriguez an, während er den Kaffeebecher abstellte. Wenn sie sich streckte, schaffte sie es auf eine Größe von eins fünfundfünfzig. Der äußere Eindruck täuschte jedoch, denn Chia war extrem zäh und hatte etwas Unbändiges an sich. Ihre kurzen, wüsten Locken taten ein Übriges, und Trey schätzte ihre Einstellung zum Job. Mit ihrem Mann Pete Rodriguez, der eine Gärtnerei besaß, ging er hin und wieder fischen.

»Was gibt’s?«, fragte er.

»Lieutenant Warren hat gesagt, er will dich sehen, sobald du hier auftauchst.«

Trey betrachtete den Stapel Papiere auf seinem Tisch und verzog den Mund. »Bestimmt will er mich am Schreibtisch anketten, bis ich das da erledigt habe.«

Chia grinste und zeigte nur auf das Büro ihres Vorgesetzten.

»Ja, ja, ich bin schon unterwegs.« Er trank noch einen Schluck Kaffee, dann machte er sich darauf gefasst, von seinem Boss zusammengestaucht zu werden. Das war das Mindeste, was ihn erwartete.

Er hob das Kinn, zog nervös an seiner Sportjacke, dann ging er hinüber und klopfte einmal an, öffnete die Tür einen Spaltbreit und steckte den Kopf in das Büro. »Sie wollten mich sehen, Lieutenant?«

Harold Warren sah von seinem Schreibtisch auf und winkte Trey herein.

»Wenn es um den Papierkram geht …«

»Sie sollten besser nicht raten«, unterbrach ihn Warren. »Damit handeln Sie sich bloß immer wieder Schwierigkeiten ein. Kommen Sie rein, und machen Sie die Tür zu.«

»Ja, Sir.«

»Setzen Sie sich.« Warren deutete auf einen Stuhl.

Wieder gehorchte Trey, wünschte sich aber, er hätte seinen Kaffee mitgebracht.

»Wie alt sind Sie?«, wollte sein Chef wissen.

»Im September werde ich dreißig.«

»Oh, dann sind Sie zu jung, um sich daran zu erinnern«, sagte Warren mehr zu sich selbst.

»Um mich an was zu erinnern?«

»Die Sealy-Entführung.«

Trey zuckte unwillkürlich zusammen, was Warren nicht entging. »Was ist?«

»Ich weiß einige Dinge, die die Entführung betreffen«, sagte er.

»Woher?«

»Ich … ich kenne Olivia Sealy persönlich.«

Harold legte erstaunt die Stirn in Falten. »Mir war gar nicht bewusst, dass Sie sich in derart exklusiven Kreisen bewegen.«

»Wir sind zusammen zur Highschool gegangen«, gab Trey zurück. »Sie war sozusagen eine Berühmtheit. Ihre Eltern tot, sie aufgewachsen bei einem stinkreichen Großvater, der sich bei Schulaufführungen in einer Limousine vorfahren ließ.«

»Sie ging auf eine öffentliche Highschool?«

Trey zuckte mit den Schultern. »Marcus Sealy hielt nichts davon, sie auf eine Privatschule zu schicken. Olivia sollte so normal wie möglich aufwachsen.« Er wollte nur nicht, dass ich in ihre Nähe kam.

»Sie scheinen einiges über sie zu wissen. Möchten Sie mir noch irgendetwas erzählen, bevor ich fortfahre?«

Er musste an den Streit denken, als sie die Beziehung zu ihm beendete. Auch jetzt erinnerte er sich nur zu gut an den beschämten Ausdruck in ihren Augen, als sie ihm sagte, sie könnten sich nicht mehr treffen, weil sein Vater ein Trinker war und seine Mutter als Kellnerin arbeitete.

»Nein.«

»Gibt es zwischen Ihnen noch eine Beziehung, die für Sie einen Interessenkonflikt darstellen könnte?«

Nun wurde Trey hellhörig. »Ich habe sie seit Jahren nicht mehr gesehen«, erwiderte er leise. »Was ist passiert?«

»Vor zwei Tagen stieß ein Mann bei Texoma beim Renovieren seines Hauses auf einen Koffer, in dem sich das Skelett eines Kleinkinds befand.«

»Mein Gott«, stieß Trey aus. »Aber was hat das mit den Sealys zu tun?«

»Vielleicht gar nichts. Trotzdem möchte ich, dass Sie sich mit dem Sheriff von Grayson Country treffen. Blue Jenner heißt er, und er ist ein Freund von mir. Ihm ist da eine Verbindung aufgefallen.«

»Eine Verbindung, Lieutenant? Was hat ein Babyskelett mit Olivia Sealys Entführung zu tun? Sie wurde doch lebend gefunden.«

»Kann sein, muss aber nicht«, sagte Warren. »Die Sealy-Entführung fiel in die Zuständigkeit dieses Police Departments. Als sich der Fall abspielte, war ich gerade mal drei Monate im Dienst. Die halbe Mannschaft war darauf angesetzt, und ich war dabei, als einer der Entführer das Lösegeld an sich nahm. Foster Lawrence hieß er. Wir verfolgten ihn, da wir hofften, er würde uns zu der Kleinen führen. Aber dann verloren wir ihn, und als wir ihn endlich wiedergefunden hatten, fehlte jede Spur vom Geld und von dem Kind. Wir waren uns sicher, unsere große Chance vertan zu haben, das Kind lebend zurückzubekommen, als die Kleine auf einmal im Schlafanzug durch ein Einkaufszentrum spazierte.«

Trey musste an die Olivia denken, die er kennen gelernt hatte. Als Teenager war sie so hübsch und selbstbewusst gewesen. Obwohl jeder von ihrer Vergangenheit wusste, war es ihm nie in den Sinn gekommen, sie sich als Kleinkind vorzustellen, das allein und verängstigt durch ein Einkaufszentrum lief. Hatte sie den Mord an ihren Eltern mitangesehen? Konnte sie sich an irgendetwas erinnern?

»Und was hat das Skelett in Texoma mit Olivia Sealy zu tun?«, wollte Trey wissen.

»Die Kleine konnte damals so einwandfrei als Olivia Sealy identifiziert werden, weil sie an der linken Hand zwei Daumen hatte … eine genetische Besonderheit, die wohl bei allen Sealys vorkommt.«

Er schüttelte den Kopf. »Aber Olivia hatte keine …«

»Wenn ich das richtig verstehe, wird ein überzähliger Daumen operativ entfernt, sobald klar ist, welcher von beiden der funktionsfähigere ist. Sogar Marcus Sealy hat eine kleine Narbe, die das beweist.«

»Und?«

»Und nachdem der Gerichtsmediziner in Grayson County die Knochen untersucht und Blue Jenner Bericht erstattet hatte, rief der mich umgehend an.«

»Aus welchem Grund?«

»Nun, der Gerichtsmediziner ist der Ansicht, dass es sich um die Leiche eines etwa zwei Jahre alten Mädchens handelt. Ob Mord im Spiel war, kann er noch nicht sagen, aber er schätzt, dass der Zeitpunkt des Todes zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre zurückliegt.«

»Ich sehe noch immer keinen Zusammenhang zu …«

»Olivia Sealy wurde vor fünfundzwanzig Jahren entführt, und … so wie es aussieht, hat das tote Baby ebenfalls zwei linke Daumen.«

Trey beugte sich vor. »Wollen Sie damit sagen, Olivia ist gar nicht …«

»Ich will damit gar nichts sagen«, entgegnete Warren. »Ich will nur, dass Sie sich mit Blue Jenner treffen, mit dem Gerichtsmediziner reden, sich diese Hütte ansehen und das tun, was Sie am besten können: Herumschnüffeln. Finden Sie alles über die Vorbesitzer heraus.«

»Wird gemacht«, sagte Trey und stand auf. An der Tür angekommen, blieb er stehen und drehte sich um.

»Gibt’s noch was?« Lieutenant Warren sah ihn an.

»Wissen die Sealys davon?«

»Falls sie es noch nicht wissen, werden sie es in allernächster Zeit erfahren.«

»Von wem?«, wunderte sich Trey.

Warren schlug die Zeitung auf und zeigte auf eine Schlagzeile: Verbindung zwischen Sealy-Entführung und Skelettfund?

»Wir wissen noch überhaupt nichts, aber sie drucken es schon. Wie kommen die damit bloß immer wieder durch?« murmelte Trey.

»Es kommt nur darauf an, wie man es formuliert«, gab Warren zurück und deutete auf das Fragezeichen am Ende der Schlagzeile. »Vielleicht wissen wir ja die Antwort, nachdem Sie mit Jenner gesprochen haben.«

2. KAPITEL

Der Duft von frischen Waffeln, der ihm aus der Küche entgegenkam, ließ Marcus Sealy das Wasser im Mund zusammenlaufen. Als er das ausgelassene Glucksen seiner Enkelin hörte, musste er lächeln. Vermutlich stibitzte sie seiner Haushälterin Rose schneller Frühstücksspeck, als sie die Scheiben in die Pfanne legen konnte.

Nach drei Wochen Urlaub in Europa, den sie sich mehr als verdient hatten, gab es ihm ein gutes Gefühl, wieder zu Hause zu sein. Am Abend zuvor waren er und Olivia am Flughafen Dallas-Fort Worth angekommen und erschöpft auf sein Anwesen zurückgekehrt. Der lange Flug war so anstrengend gewesen, dass sie sich weder um den Anrufbeantworter noch um den Stapel Eingangspost kümmerten und auch nicht die Koffer auspackten. Sie hatten sich einfach nur noch schlafen legen wollen.

Die Reise war Olivias Geschenk zu seinem siebzigsten Geburtstag gewesen, und es war eine wunderbare und unvergessliche Zeit gewesen. Als er an diesem Morgen aufgestanden war, musste er immer wieder daran denken, wie viel Spaß die Reise ihnen beiden bereitet hatte – und was Olivia ihm bedeutete. Nachdem man seinen Sohn Michael und seine Schwiegertochter Kay vor vielen Jahren ermordet hatte, war ihm seine einzige Enkelin wichtiger als alles andere. Er wusste, er hatte sie stärker behütet, als es für sie gut war, doch für ihn wäre es undenkbar gewesen, nicht unentwegt um ihr Wohl besorgt zu sein. Sie war seine einzige Angehörige, die ihm wirklich etwas bedeutete. Sollte ihr etwas zustoßen, dann würde er das nicht überleben, dessen war er sich ganz sicher.

Schritte rissen ihn aus seinen Gedanken, und einen Moment später sah er Olivia, die soeben aus der Küche kam.

»Grampy! Ich wusste nicht, dass du schon auf bist. Ich dachte, nach dem Flug würdest du ausschlafen wollen.«

Marcus lächelte und gab ihr einen Kuss auf die Wange, während sie die Arme um seinen Hals legte.

»Du hast doch auch nicht ausgeschlafen«, erwiderte er.

»Ich weiß, aber es ist so schön, wieder zu Hause zu sein.«

Er legte einen Arm um ihre Schultern und ging mit ihr zusammen in die Küche. »Hast du mir noch etwas Speck übriggelassen?«, fragte er, als sie sich an den Esstisch setzten.

Olivia verzog das Gesicht und beteuerte: »Natürlich, Grampy. Ich würde dir nie etwas wegessen, auch wenn es noch so köstlich schmeckt.«

Rose brachte einen Teller Speck und eine flache Schüssel Rührei an den gedeckten Tisch. Obwohl nur noch Marcus und Olivia im Haus lebten, geriet er trotz seines Reichtums nie in Versuchung, etwas Extravagantes auftischen zu lassen. Stattdessen legte er stets großen Wert darauf, ein schlichtes, hausgemachtes Essen serviert zu bekommen, weil ihn das an die bescheidenen Verhältnisse seiner Kindheit erinnerte.

»Rose, es sieht wie immer wunderbar aus und es duftet einfach köstlich«, lobte er seine Haushälterin, die ihm eine Tasse Kaffee einschenkte. Es tut gut, wieder zu Hause zu sein und so aufmerksam umsorgt zu werden.

Rose Kopecnick reagierte mit einem Lächeln, dann zwinkerte sie Olivia zu. »Und außerdem schmeckt es auch noch gut, nicht wahr?«

»Das kann ich nur bestätigen«, sagte sie. »Kann ich bitte den Speck haben?«

»Wenn du nichts dagegen hast, bediene ich mich zuerst, damit ich auch noch etwas abbekomme«, gab Marcus zurück. »Der Rest ist dann ganz allein für dich.«

»Geht klar.« Olivia nahm sich eine großzügige Portion Rührei und beobachtete aufmerksam, wie viel Speck Marcus auf seinen Teller legte.

Schweigend stillten beide den größten Hunger, dann begannen sie, sich während des Essens beiläufig zu unterhalten.

»Was hast du für heute geplant?«, fragte Marcus, als er seine Serviette zur Seite legte.

Olivia nahm den letzten Schluck Kaffee aus ihrer Tasse und lehnte sich nach hinten. »Koffer auspacken.«

»Und danach?«

»Danach werde ich die wichtigsten Anrufe erledigen und mich dann wieder schlafen legen, bis ich den Jetlag hinter mir habe. Das solltest du auch machen.«

»Ich werde erst dann tagsüber schlafen, wenn ich zu alt für alles andere bin«, gab Marcus zurück.

»Ach, Grampy, du wirst nie zu alt sein.« Olivia verdrehte die Augen, während sie sprach.

Er dachte an die siebzig Jahre seines Lebens, die nun hinter ihm lagen, doch gleichzeitig weigerte er sich beharrlich, darüber zu spekulieren, wie viele Jahre ihm wohl noch blieben. »Geistig vielleicht nicht. Aber wir werden schon noch sehen, was mein Körper dazu zu sagen hat.«

Gerade wollte Olivia nach seiner Hand greifen und sie drücken, als das Telefon klingelte.

»Ich gehe ran«, erklärte sie und eilte aus dem Zimmer.

Marcus stand auf und ging in Richtung Bibliothek, als er hörte, wie Olivia lauter wurde, während sie mit dem Anrufer sprach. »Ich weiß nicht, was Sie da reden«, sagte sie, dann wurde der Hörer aufgeknallt.

Sie hatte die Stirn in Falten gelegt, als sie sich zu Marcus umdrehte, der zu ihr gekommen war. »Olivia … Darling … Was ist los?«, rief er besorgt.

»Seltsam«, murmelte sie. »Das war ein Reporter, der von mir wissen wollte, ob ich etwas zur heutigen Schlagzeile zu sagen hätte.«

»Welche Schlagzeile denn?«

»Ich weiß nicht. Ich habe noch nicht in die Zeitung gesehen. Du?«

Marcus schüttelte den Kopf. »Vermutlich hat Rose alle Zeitungen zusammen mit der Post in die Bibliothek gebracht. Komm, lass uns nachsehen.«

Tatsächlich lag auf seinem Schreibtisch ein Stapel Tageszeitungen, daneben befand sich die Post in der Reihenfolge ihres Eingangs. Die aktuelle Zeitung lag zuoberst, und Marcus sah sofort, welche Schlagzeile gemeint war.

»Was soll denn das? ›Verbindung zwischen Sealy-Entführung und Skelettfund?‹ Was hat das zu bedeuten?« Er versuchte, den Artikel zu lesen, doch die Buchstaben verschwammen vor seinen Augen. »Ich brauche meine Lesebrille.«

»Lass mich es doch lesen, Grampy«, sagte Olivia und nahm ihm die Zeitung aus der Hand.

»Was steht da?«, wollte er wissen, während sie stirnrunzelnd die Zeilen überflog.

»Irgendjemand hat in Texoma in einem Koffer das Skelett eines kleinen Mädchens gefunden.«

»Oh nein.« Marcus ließ sich auf einen Stuhl sinken. »Das ist ja schrecklich! Aber wieso sollte das etwas mit uns zu tun haben?«

Mit zitternden Händen gab sie ihm die Zeitung zurück. »Weil der Gerichtsmediziner sagt, dass das Mädchen zwei linke Daumen hatte.«

Marcus ließ die Zeitung zu Boden fallen, griff nach Olivias Hand und rieb gedankenverloren über die winzige Narbe an der Stelle, an der sich ihr zweiter Daumen befunden hatte.

»Wir sind nicht die einzige Familie, bei der eine solche Anomalie auftaucht. Warum suchen sie sich ausgerechnet uns heraus?«

Olivia zeigte auf die Zeitung, musste sich aber erst räuspern, ehe sie etwas sagen konnte. »Die Polizei glaubt, das Mädchen wurde vor etwa fünfundzwanzig Jahren getötet … zu der Zeit, als man mich entführt hatte.«

Nach einer kurzen Pause drückte er Olivias Hand noch etwas fester, dann sagte er barsch: »Das beweist doch nur, dass Tragödien jeden treffen können.«

Lange Zeit schwiegen sie beide, schließlich sagte Olivia leise: »Grampy?«

»Was denn?«, erwiderte er automatisch, während seine Gedanken immer noch um den Zeitungsartikel kreisten.

»Warst du dir sicher?«

Verdutzt blickte er auf. »Sicher? Wie meinst du das?«

»Als die Kidnapper mich freiließen … warst du dir da sicher, dass ich es wirklich war?«

Er stand abrupt auf und nahm sie in die Arme. »Aber, Olivia. Natürlich war ich mir sicher. Du bist mein Enkelkind. Deine Eltern kamen jeden Sonntag zum Essen zu mir. Du und ich, wir beide fütterten nachmittags die Goldfische im Teich. Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, an dem ich dich die Blüten von allen Begonien abpflücken ließ, weil die sich auf deiner Haut so sanft anfühlten. Ich wusste, du bist es, Darling. Und ich weiß es immer noch. Du darfst niemals glauben, du könntest nicht mein Fleisch und Blut sein.«

Olivia musste ihre Tränen zurückhalten, während sie sich an ihn drückte.

»Es tut mir leid, dass ich das gefragt habe. Aber wir haben nie darüber gesprochen, und ich wusste nicht …«

Marcus fasste sie an den Schultern und schob sie ein Stück weit nach hinten, bis er ihr ins Gesicht sehen konnte.

»Darling, wir reden nie darüber, weil es nichts zu reden gibt. Du warst noch so klein, gerade mal zwei Jahre alt. Zum Glück kannst du dich nicht daran erinnern, wie deine Eltern ermordet wurden und wo du von wem festgehalten wurdest. Das ist das einzig Gute an dieser schrecklichen Sache. Und ich möchte nicht darüber reden, weil ich fürchte, es könnte dir schaden.«

»Grampy, es tut mir leid. So habe ich das nie gesehen.«

Lächelnd legte er die Hände um ihr Gesicht. »Du weißt, wer du bist. Überall in diesem Haus gibt es Fotos, die dich und deine Eltern zeigen. Außerdem holen wir doch mindestens einmal im Jahr die alten Alben hervor und sehen sie uns gemeinsam an, nicht wahr?«

Sie nickte bestätigend. »Und die alten Filmaufnahmen«, fügte sie dann an.

»Ja, genau. Dein Vater war völlig vernarrt in dich. Er hat dich immer gefilmt. Ich möchte fast sagen, du bist in deinen ersten beiden Lebensjahren auf mehr Aufnahmen festgehalten worden als manche Menschen in ihrem ganzen Leben. Und es gibt keinen Zweifel daran, dass du das Baby bist, das auf den Fotos und in den Filmen zu sehen ist.«

»Als die Entführer mich freigelassen hatten … war ich da glücklich, dich wiederzusehen?«, fragte sie.

»Du warst überhaupt nicht glücklich, Darling«, antwortete er ernst. »Und das hatten die Ärzte auch nicht anders erwartet. Du hast tagelang geweint und immer nur nach deiner Mutter gerufen. Das hat mir fast das Herz gebrochen.«

Olivia legte den Kopf an die Brust ihres Großvaters, da sie Trost suchte. »Wie hast du es ausgehalten?«

»Ich stellte ein Kindermädchen ein, weißt du noch? Anna Walden. Sie schaffte es, dass du langsam wieder zu Kräften kamst und irgendwann auch wieder ein Lächeln über deine Lippen huschte.«

»Da fällt mir ein, es ist ewig her, seit ich Anna das letzte Mal besucht habe.« Auf einmal legte sie die Stirn in Falten. »Glaubst du, die Reporter werden sie wegen dieses Kindes belästigen?«

»Ich weiß nicht, aber wenn einer von ihnen auf diese Gedanken kommt, wird man ihr keine Ruhe lassen«, antwortete Marcus. »Ich werde mir mal ein paar Stunden freinehmen und mit dir raus nach Arlington fahren, doch das muss noch ein wenig warten. Ich möchte zwar keine Minute unseres Urlaubs missen, allerdings fürchte ich, dass sich sehr viel Arbeit angesammelt hat, die erledigt werden will.«

Olivia deutete auf die Zeitung, die auf dem Boden lag. »Und was machen wir damit?«

»Es hat nichts mit uns zu tun, also unternehmen wir auch nichts, okay?«

»Okay«, stimmte sie ihm zu, dann schlang sie noch einmal die Arme um den älteren Mann. »Ich habe dich lieb, Grampy.«

Während er die Umarmung erwiderte, kniff er die Augen zu. »Und ich habe dich lieb, meine Kleine.« Dann ließ er Olivia los und drückte ihr einen Stapel Telefonnotizen in die Hand. »Ich glaube, die sind alle für dich. Verabrede dich nicht zu viel. Auf meine alten Tage werde ich nämlich egoistisch und möchte auch etwas Zeit mit dir verbringen.«

»Versprochen«, gab sie zurück und ging mit den Notizzetteln in der Hand aus dem Zimmer.

Marcus und Olivia Sealy waren an diesem Morgen nicht die Einzigen, die beim Anblick der Zeitung stutzten. Dennis Rawlins – ein Mann mit düsteren Geheimnissen – las die gleiche Schlagzeile, reagierte auf sie aber aus anderen Gründen.

Ohne sich den Details zu widmen, kam er rasch zu einem Urteil und befand, dass die Sealys sich einer tödlichen Indiskretion schuldig gemacht hatten. Er beschloss, sie dafür bezahlen zu lassen.

Es würde umfangreiche Planungen erforderlich machen, doch er war entschlossen, etwas zu bewegen.

Trey parkte seinen Wagen vor der Wache von Grayson County und stellte sich der sommerlichen Hitze von Texas, die nach der Fahrt in einem klimatisierten Fahrzeug umso schlimmer wirkte. Auf dem Weg zum Eingang kam ihm eine ältere Frau entgegen, die ihre Haare rosa gefärbt hatte, die damit genau auf das Fell des kleinen Hundes auf ihrem Arm abgestimmt waren.

Nur mit Mühe gelang es ihm, die Frau nicht anzustarren, als er an ihr vorbeiging. Er wurde aber sofort wieder ernst, als er daran dachte, wie unbehaglich er sich fühlte, dass er an einem Fall arbeitete, der mit Olivia Sealy zu tun hatte. Es kam ihm so vor, als würde er sie hintergehen. Dabei war es lächerlich, Schuldgefühle zu empfinden, schließlich hatte er sie seit elf Jahren nicht mehr gesehen. Und nach ihrer letzten Begegnung waren sie zudem im Streit auseinandergegangen. Er schuldete ihr nichts, erst recht keine Loyalität.

Und doch regte sich unablässig sein Gewissen, als er zum Empfang ging. Dort stand eine Frau, die ihm den Rücken zugewandt hatte und Akten sortierte. Da sie ihn nicht zu bemerken schien, räusperte sich Trey und sagte dann: »Entschuldigung.«

Die Frau zuckte zusammen und fuhr herum.

»Liebe Güte, da bleibt einem ja das Herz stehen! Ich habe die Türglocke gehört, aber ich dachte, das wären Mama und Cujo. Die sind gerade eben nach draußen gegangen.«

»Die Dame mit den rosa Haaren ist Ihre Mutter?«

Grinsend antwortete die Frau: »Ja, und die kleine Ratte auf ihrem Arm ist ihr Hund Cujo.«

»Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht …«

»Ist schon in Ordnung«, wurde er unterbrochen. »Sie ist stolz darauf, so … individuell aufzutreten, wie sie es nennt. Aber Cujo ist wie ausgewechselt, seit Mama sein Fell rosa färben ließ.«

»Das kann ich mir gut vorstellen.«

Die Frau musste lachen. »Und wie kann ich Ihnen behilflich sein?«

»Detective Trey Bonney, ich möchte zu Sheriff Jenner. Ich glaube, er erwartet mich bereits.«

Nach einem kurzen Blick auf den Terminplaner sah die Frau wieder hoch. »Ja, Detective Bonney, der Sheriff ist auch da. Aber im Moment telefoniert er. Sobald er aufgelegt hat, lasse ich ihn wissen, dass Sie hier sind.«

Trey nickte und wollte sich eben auf einen der Stühle setzen, da ging die Tür zum Büro des Sheriffs auf, ein Mann kam heraus.

»Sheriff Jenner … Detective Bonney ist hier.«

Blue Jenner hielt inne und sah zu ihm, dann streckte er ihm die Hand entgegen. »Detective, ich habe gehört, dass Sie hergeschickt wurden.«

»Nach dem Fund am Lake Texoma ließ sich der Lieutenant nicht davon abbringen«, gab Trey zurück.

»Ich bin froh über jede Hilfe, die ich bekommen kann«, sagte Jenner und fuhr sich durchs Haar. »Ich habe ein Verbrechen, das lange zurückliegt, und nicht die kleinste Spur. Wer weiß, ob die Täter überhaupt noch leben. Falls nicht, kann ich nur hoffen, dass sie in der Hölle schmoren. Es ist schon lange her, dass mir ein Fall so zu schaffen gemacht hat.«

»Dann steht also fest, dass das Skelett bereits seit fünfundzwanzig Jahren in dem Koffer liegt?«, fragte Trey.

Sein Gegenüber nickte. »Reden wir doch in meinem Büro weiter«, sagte Jenner dann und führte den Besucher in sein Zimmer. Er setzte sich an seinen Schreibtisch, dann schlug er die Akte auf und schob sie Trey hin. »Da ist alles drin, was wir wissen.«

Aufmerksam blätterte Trey die Unterlagen durch, bis er auf den Autopsiebericht stieß. Nur mit Mühe konnte er seine Fassung bewahren, als er die Zeichnungen sah, die der Gerichtsmediziner von den winzigen Knochen angefertigt hatte, ausführlich versehen mit Anmerkungen zum Alter und zur Art der Verletzungen, die dem Mädchen zugefügt worden waren. Obwohl Trey seit Jahren als Polizist arbeitete, konnte er sich nicht an Fälle gewöhnen, bei denen Kinder betroffen waren.

»Wie sicher ist das Datum des Todes?«, wollte er wissen.

»So sicher, wie es nur geht.«

Dann war dieses Kind also tatsächlich in etwa zu der Zeit umgekommen, als Olivia entführt worden war. Dass zwei kleine Mädchen mit einem zusätzlichen Daumen an der linken Hand zur gleichen Zeit im Großraum Dallas verschwinden sollten, ohne dass zwischen ihnen ein Zusammenhang bestand, war so gut wie unmöglich.

»Was haben Sie bislang herausgefunden?«, fragte Trey.

»Wir suchen nach den Vorbesitzern des Hauses. Leider war das in den letzten fünfundzwanzig Jahren eine ganze Reihe.«

Trey überlegte, was er machen sollte, doch Lieutenant Warrens Anweisungen ließen eigentlich keinen Entscheidungsspielraum. »Mein Chef will Gewissheit haben, dass alle Aspekte dieses Falls abgedeckt werden. Deshalb würde ich mir gern die Stelle ansehen, an der der Leichnam gefunden wurde.«

»Kein Problem«, erwiderte Jenner. »Waren Sie schon mal in Texoma?«

»Ja, allerdings ist das schon ein paar Jahre her.«

Blue nahm ein Blatt und einen Stift. »Ich zeichne Ihnen den Weg auf.«

»Das wäre nett, danke.«

Nachdem er ihm einige markante Punkte auf der Zeichnung erklärt hatte, brachte Jenner seinen Besucher zur Tür. »Hören Sie, Bonney. Wenn das wirklich mit dem Sealy-Fall zu tun haben sollte, dann macht es mir nichts aus, wenn Ihre Abteilung die Untersuchung übernimmt. Halten Sie mich dann nur auf dem Laufenden.«

»Wenn es einen Zusammenhang gibt«, erwiderte Trey mit einem Schulterzucken, »dann werden wir wohl alle den Fall dem FBI überlassen müssen. Das hat schon beim ersten Mal die Leitung gehabt. Die Jungs vom FBI waren auch diejenigen, die den Kerl schnappten, der das Lösegeld abholte. Fisher Lawrence hieß er, glaube ich. Nein, Foster. Foster Lawrence.«

Nachdenklich sah Blue ihn an. »Ich glaube nicht, dass ich jemals etwas von einer Lösegeldzahlung gehört habe. Das ist alles lange vor meiner Zeit passiert.«

»Mir geht es nicht anders«, pflichtete Trey ihm bei. »Allerdings bin ich mit Olivia Sealy zur Schule gegangen.«

»Ehrlich? Wie war sie denn so?«

»Reich«, gab er knapp zurück.

Blue grinste, wechselte dann aber das Thema: »Hat dieser Lawrence eigentlich die Namen der anderen Entführer verraten?«

»Ich habe gestern die alten Berichte durchgelesen, aber so wie es aussieht, hat er dem FBI gar nichts gesagt.«

»Wie konnte man ihn denn dann mit dem Verbrechen in Verbindung bringen?«

»Er wurde beobachtet, als er das Lösegeld abholte. Als man ihn kurz aus den Augen verlor, versteckte er das Geld irgendwo. Er beteuerte, nichts davon zu wissen, dass irgendjemand getötet werden sollte.«

»Oh ja, sie sind immer völlig ahnungslos, nicht wahr?«

Trey nickte zustimmend, dann reichte er Jenner die Hand: »Danke für die Informationen. Lassen Sie es mich wissen, wenn Sie eine Übersicht über alle ehemaligen Eigentümer des Hauses haben?«

»Auf jeden Fall.«

Die Wegbeschreibung, die Jenner ihm aufgezeichnet hatte, war sehr präzise, so dass Trey keine Mühe hatte, das Haus zu finden. Letzte Zweifel wurden ausgeräumt, als er die Einfahrt erreichte, die zu besagtem Anwesen führte. Er fuhr vor und erkannte, dass er nicht allein war. Ein großer grauhaariger Mann war damit beschäftigt, einen Karton zu einem Umzugswagen zu tragen. Als er Trey sah, wurde er misstrauisch.

»Tut mir leid, Mister, aber Sie befinden sich auf Privatbesitz«, rief der Mann. »Ich muss Sie bitten, das Grundstück zu verlassen.«

Trey hielt ihm seine Dienstmarke entgegen. »Detective Bonney, Dallas Police Department«, sagte er.

Der Mann stellte den Karton in den Wagen. »Marshall Baldwin«, erwiderte er dann. »Ich bin der Eigentümer. Was hat denn die Polizei von Dallas mit dem Fall zu tun?«

»Möglicherweise gar nichts, Sir. Aber ich muss mich trotzdem damit befassen. Sie haben den Koffer gefunden?«

Marshall nickte langsam und schob die Hände in die Hosentaschen. »Ja, und es war entsetzlich, einfach schrecklich. Pansy und ich werden das niemals vergessen.« Gequält sah er sich um. »Das hier sollte unser Traumhaus werden, aber jetzt ist daraus ein Albtraum geworden.« Tränen liefen ihm über die Wangen, als er weiterredete: »Dieses arme kleine Mädchen.«

Trey musste tief durchatmen, da der Mann ihm die Arbeit keineswegs erleichterte. »Da Sie ja nun noch hier sind«, zwang er sich zu sagen, »könnten Sie mir vielleicht mit Ihren eigenen Worten schildern, wie sich das Ganze abgespielt hat.«

»Ich schätze, es wird mich nicht umbringen, wenn ich es noch ein weiteres Mal erzähle.« Er stutzte, dann verdrehte er die Augen und fügte an: »Ich wollte nicht …«

»Schon gut, Mr. Baldwin. Ich möchte es nur lieber von Ihnen hören, anstatt mich ausschließlich auf den Polizeibericht zu verlassen.«

Während er Trey ins Haus führte, schilderte er ihm, wie sie bei der Renovierung auf den Koffer gestoßen waren. »Pansy dachte, wir hätten einen Schatz gefunden.«

»Das muss hart für Sie gewesen sein«, sagte Trey.

»Hart ist gar kein Ausdruck dafür«, gab der Mann zurück. »Pansy bricht noch immer ständig in Tränen aus. Wir haben selbst fünf Enkel, müssen Sie wissen. Ich kann mir nicht erklären, wie jemand einem kleinen Kind so etwas Schreckliches antun kann.«

»In meinem Beruf bekomme ich zwar ständig schreckliche Dinge zu sehen«, pflichtete Trey ihm bei. »Aber wenn es Kinder betrifft, dann geht einem das immer an die Nieren.«

Der alte Mann nickte. »Kann ich gut verstehen.« Er deutete auf ein großes Loch in der Wand. »Da haben wir den Koffer gefunden. Wenn’s Ihnen nichts ausmacht, möchte ich jetzt lieber die Reste einladen. Ich habe keine Lust, noch einmal herkommen zu müssen.«

»Sicher, Sir, und vielen Dank.« Er gab Marshall Baldwin die Hand, der sich sofort zurückzog, während Trey das Loch musterte. Er versuchte, sich in denjenigen hineinzuversetzen, der so etwas gemacht hatte. War das Kind gestorben, und jemand hatte es in Panik in den Koffer gesteckt und dann eingemauert? Oder sollte ein Mord vertuscht werden?

Er beugte sich vor und betrachtete den beim Einreißen der Mauer heruntergekommenen Schutt, dann sah er nach oben, wo der Koffer versteckt gewesen war. Schließlich ging er ein paar Schritte nach hinten und ließ die völlige Stille auf sich wirken. Durch das geöffnete Fenster fiel ein Sonnenstrahl, in dem Staubpartikel tanzten. Auch wenn Trey der Typ Mensch war, der Arbeit sachlich anging, konnte er doch fühlen, wie das Gewicht dieses Verbrechens auf ihm lastete. Das Rechtssystem hatte dieses Kind einmal im Stich gelassen, doch er bekam nun die Chance, für Gerechtigkeit zu sorgen.

»Wir finden deinen Mörder, kleines Mädchen«, versprach er leise. »Ich garantiere dir, ich lasse ihn nicht ungeschoren davonkommen.«

Foster Lawrence hatte einen bitteren Geschmack im Mund, als er sich dem Ausgang des Staatsgefängnisses in Lompoc näherte. Er würde erst dann tief durchatmen können, wenn er wirklich in Freiheit war und sich die Gefängnistore hinter ihm geschlossen hatten.

Als er endlich draußen war, atmete er die Luft tief ein, die außerhalb der hohen Mauern sogar anders roch.

Zum ersten Mal seit einem Vierteljahrhundert begann er zu zittern, während ihn Euphorie erfüllte. So unglaublich es auch schien, doch es war vorüber. Er war wieder ein freier Mann.

Dann jedoch korrigierte er sich. Er war zwar ein freier Mann, aber vorüber war es noch längst nicht. Es würde so lange nicht vorüber sein, bis er das in Händen hielt, was man ihm schuldete. All die Jahre hatte er als verurteilter Entführer hinter Gittern gesessen, während der wahre Täter unbehelligt geblieben war. Zwar hatte er zugegeben, das Lösegeld an sich genommen zu haben, doch er war getäuscht worden. Er hatte nichts davon gewusst, dass bereits ein Mord geschehen und dass Rachsucht im Spiel gewesen war. Doch als das Urteil gesprochen wurde, da war es für ihn bereits zu spät, seine Beteiligung noch zu leugnen.

Rückblickend war es nicht so schlimm gewesen, von einem Mann Geld zu verlangen, der reich genug war, um es ihm zu geben. Mehr als etwas Geld für einen Neuanfang hatte er gar nicht gewollt.

Das Geld hatte er bekommen, und auch den Neuanfang, auch wenn der nicht in einem Staatsgefängnis hätte stattfinden sollen. Sicher, es wäre ihm möglich gewesen, gegen die andere beteiligte Person auszusagen, doch an seinem Strafmaß hätte das nichts geändert. Also hielt er aus einem Pflichtgefühl heraus den Mund und saß seine Strafe ab, weil er wusste, dass ihm anschließend das gesamte Geld gehören würde, das er versteckt hatte. Zum Teufel mit irgendwelchen Abmachungen, die vor fünfundzwanzig Jahren getroffen worden waren. Er war jetzt wieder auf freiem Fuß, und er würde sich holen, was er damals versteckt hatte. So wie er die Sache sah, war es nichts weiter als sein wohlverdienter Lohn.

Als sich ein freies Taxi näherte, winkte er es zu sich, stieg ein und nannte dem Fahrer sein Ziel.

3. KAPITEL

Treys Bericht war für Lieutenant Warren Grund genug, die Ermittlungen fortzusetzen. Es gab jedoch keine ausreichenden Anhaltspunkte, um eine Verbindung zwischen dem Skelett vom Lake Texoma und der Sealy-Entführung herzustellen. Warren war aber davon überzeugt, dass hier kein Zufall im Spiel sein konnte.

Sheriff Jenner hatte unterdessen eine Ergänzung zu seinem Bericht nach Dallas gefaxt und den Koffer mitsamt den Knochen ans Police Department geschickt. Damit lag nun eine komplette Liste aller Vorbesitzer des Hauses vor, und die Eigentümer, die zum Zeitpunkt der Ermordung des Kindes dort gewohnt hatten, waren identifiziert. Zwar bewies das nicht, dass das Kind auch in dem Haus umgekommen war, doch es war immerhin ein Anfang.

Zumindest schien das so, bis sich Warren den Bericht vornahm. Denn der Eigentümer zu der Zeit – David Lehrman – war bereits ein Jahr vor der Sealy-Entführung bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, und seine Frau Carol war gleich danach zurück nach Boston gezogen. Drei Jahre lang stand das Haus leer, bis Mrs. Lehrman es endlich versteigern ließ.

Damit wurde der Kreis der Verdächtigen keineswegs enger gezogen, denn in diesen drei Jahren konnte sich jeder Zutritt zum Haus verschafft haben. Als würde das nicht genügen, hatte Lieutenant Warren auch noch die Reportermeute am Hals, die unbedingt etwas erfahren wollte.

Schon jetzt wurde Tag für Tag in den Medien die alte Geschichte vom Mord an Olivias Eltern während der Entführung durchgekaut, und in jedem Bericht betonte man, wie sehr diese Ereignisse Marcus Sealy zu schaffen gemacht hatten. Es folgten Fotos und Filmaufnahmen von der Verhaftung von Foster Lawrence und natürlich vom Gerichtsverfahren gegen ihn. Erst gestern hatte der Fall eine ganz neue Wendung genommen, da einer der Reporter auf die Idee gekommen war, sich näher mit Lawrence zu befassen. Dass der erst vor kurzem aus der Haft entlassen worden war, nährte weitere Spekulationen, mit denen sich Warren auch noch befassen durfte.

Es war nicht auszuschließen, dass er nach Dallas kam, um das Lösegeld an sich zu nehmen, das man nie gefunden hatte. Eine Million Dollar mochten es durchaus wert sein, für fünfundzwanzig Jahre ins Gefängnis zu gehen.

Warren hatte ein ungutes Gefühl. Es wurde höchste Zeit, mit Marcus und Olivia Sealy zu reden. Er griff nach dem Telefonhörer.

In der vergangenen Nacht hatte Trey kaum geschlafen, und wenn es ihm doch einmal gelungen war, dann verfolgte ihn in seinen Träumen das Mädchen, in das er sich auf der Highschool hoffnungslos verliebt und das ihm das Herz gebrochen hatte. Seit Olivias Erklärung, es sei für sie beide besser, getrennte Wege zu gehen, war er ihr nicht mehr begegnet. Zu der Zeit war für ihn der Gedanke unerträglich gewesen, sie könnte sich mit einem anderen Mann treffen. Keine andere Frau war ihm seitdem jemals so unter die Haut gegangen wie Olivia. Dass ihn nur noch zehn Autominuten quer durch Dallas von einem Wiedersehen mit ihr trennten, hätte zweitrangig sein müssen, da er sie aus dienstlichen Gründen befragen musste. Doch das Gegenteil war der Fall, und er fühlte sich so nervös wie schon lange nicht mehr.

Auch Dennis Rawlins war nervös, allerdings mehr aus Vorfreude. Nicht mehr lange, dann würde die Welt wissen, was die Sealys mit dem toten Kind zu tun hatten. Ihm war es gleich, dass er dabei die Wahrheit verdrehte. Er brauchte den Protest als Ventil, um seinen Seelenfrieden zu wahren.

Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sich Olivia Sealy bedroht. Sie war einer Sache ausgesetzt, die sie nicht kontrollieren konnte. In ihrem Herzen fühlte sie, dass sie dort war, wo sie hingehörte. Sie kannte die Familienfotos, die Ähnlichkeit zu ihren Eltern konnte niemand leugnen. Die Augen hatte sie von ihrem Vater, ebenso das Lächeln, wie ihr Großvater immer wieder beteuerte. Trotzdem fiel es ihr schwer, die zeitliche Nähe zum Tod des Mädchens zu ignorieren. Das Gleiche galt auch für die Anomalie, die sie gemeinsam hatten. Sie betrachtete die kleine Narbe an ihrer linken Hand und rieb geistesabwesend über die Stelle, an der sich früher einmal der zusätzliche Daumen befunden hatte. Es war so gut wie unmöglich, diese Übereinstimmungen als Zufälle abzutun, doch sie musste glauben, dass nicht mehr hinter der Angelegenheit steckte.

Und nun würde auch noch ein Detective des Dallas Police Department vorbeikommen und Fragen zu ihrer Entführung stellen, an die sie sich nicht erinnern konnte.

Sie sah auf die Uhr, es war fast zehn. Zeit, sich fertig zu machen. Der Detective sollte nicht unnötig warten. Und je eher sie seine Fragen beantwortete, umso schneller würde dieser Albtraum enden. Mit einem leisen Seufzer zog sie ihre Schuhe an, drehte sich zum Spiegel und überprüfte ein letztes Mal ihr Aussehen.

Olivia war ein Stück größer als ihre Mutter – Marcus hatte ihr das gesagt –, aber ihr Vater war deutlich hoch gewachsener als sie selbst gewesen. Als sie an ihn dachte, wurde sie traurig, da ihr all die Jahre fehlten, die sie so gern mit ihren Eltern verbracht hätte. Dann aber kam sie sich egoistisch vor, so etwas zu denken, schließlich hatte sie immer noch Grampy.

Als sie die Bluse glattstrich und gedankenverloren wahrnahm, wie gut das Moosgrün zu der rostfarbenen Hose passte, musste sie sich unwillkürlich fragen, weshalb sie sich so viele Gedanken über ihre Kleidung machte. Die war doch nicht der Grund, weshalb der Detective zu ihr kam. Sie schluckte, da sie einen Kloß im Hals hatte, während sie gegen das Gefühl ankämpfte, jeden Moment in Tränen ausbrechen zu müssen.

In diesem Moment ging die Türglocke.

»Hoffentlich geht das ohne Probleme über die Bühne«, murmelte sie und ging zur Treppe.

Rose öffnete bereits die Tür, als Olivia sich dem Fuß der Treppe näherte. Der Mann trat ein, und fast gleichzeitig schien alles nur noch in Zeitlupe abzulaufen.

Oh mein Gott! Trey? Trey Bonney?

Aus dem Augenwinkel bemerkte sie ihren Großvater, der aus der Bibliothek kam und auf den Mann im Foyer zuging. Die Sonne fiel durch das bogenförmige Bleiglasfenster über der Eingangstür und zeichnete ein buntes Muster auf den blaugemaserten Marmorboden, das etwas von einem Gemälde von Monet hatte. Olivias Herz schien langsamer zu schlagen, während Erinnerungen wach wurden.

»Trey, ich habe solche Angst.«

»Es geht mir nicht anders, Livvie. Ich fürchte, ich könnte etwas verkehrt machen oder dich enttäuschen. Und ich weiß, es wird für dich schmerzhaft sein.«

Sie verschränkte die Hände hinter seinem Kopf, während sie ihm voller Leidenschaft in die Augen sah. Ein Dutzend Mal waren sie diesem Moment so nahe gewesen, und immer wieder hatten sie kurz davor einen Rückzieher gemacht. Miteinander zu schlafen, war eine große Sache, die noch bedeutender wurde, wenn es das erste Mal war. Olivia war noch Jungfrau, und Trey wusste das.

»Ich höre sofort auf, Livvie. Du musst es nur sagen, dann höre ich auf.«

Olivia bekam eine Gänsehaut. »Nein, Trey, ich will es … ich will dich. Ich liebe dich doch so sehr.«

Sie spürte, wie ein Beben durch Treys Körper ging, als er sich vorbeugte, um sie zu küssen.

»Olivia Sealy, du bist mein Ein und Alles.«

Sie seufzte, und dann gab sie sich dem Unausweichlichen hin.

Rose schloss hinter Trey die Tür und riss Olivia aus ihren Gedanken. Wie in Trance ging sie weiter und ertastete mit der Schuhspitze die nächste Stufe. Wegschauen wollte sie nicht, da sie fürchtete, Trey könnte sich in Luft auflösen. Am Fuß der Treppe angekommen, blieb sie stehen und dachte an die endlosen Nächte, in denen sie im Traum seine dunklen Augen und dieses markante, schiefe Lächeln gesehen hatte. Was hatte er mit diesem Chaos zu tun, das über ihr Leben hereingebrochen war?

Trey ertappte sich dabei, dass er gebannt den Atem anhielt, als er klingelte. Erst als die Tür aufging und er eine Frau sah, die die Haushälterin zu sein schien, riss er sich endlich zusammen.