Wie man den Verstand behält - Philippa Perry - E-Book

Wie man den Verstand behält E-Book

Philippa Perry

0,0
8,99 €

  • Herausgeber: Kailash
  • Kategorie: Ratgeber
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2012
Beschreibung

Kleine Bücher – GROSSE GEDANKEN

Alle Welt sorgt sich um die Gesundheit. Was aber ist mit dem Verstand? Philippa Perry identifiziert die häufigsten Ursachen für Stress, Panik, Kontrollverlust und Überforderung. Und sie zeigt anhand einer Fülle von leichten Übungen, wie wir uns unsere Gelassenheit und unseren Optimismus bewahren, auch wenn unsere Umwelt verrücktspielt. Ob mithilfe von Achtsamkeit oder Beziehungspflege – dieses Buch bringt uns seelisch in Topform.

Die etwas anderen Ratgeber der ›Kleinen Philosophie der Lebenskunst‹ – herausgegeben von Alain de Botton, Philosoph und Bestsellerautor

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 137

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Philippa Perry

Wie man den Verstand behält

Kleine Philosophie

der Lebenskunst

Herausgegeben von Alain de Botton und der SCHOOL OF LIFE

Aus dem Englischen von

Karin Schuler

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen. Die britische Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel »How to Stay Sane« bei Macmillan, einem Imprint von Pan Macmillan, London.

1. Auflage

Deutsche Erstausgabe

© 2012 der deutschsprachigen Ausgabe

Kailash Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München

© 2012 The School of Life

Lektorat: Rasha Khayat, Berlin

Umschlaggestaltung: WEISS WERKSTATT MÜNCHEN unter Verwendung verschiedener Motive von © Shutterstock

Illustrationen im Buch: © Marcia Mihotich

Foto von Alain de Botton: © Vincent Starr

Foto von Philippa Perry: © Tim Knowles

Satz: EDV-Fotosatz Huber/Verlagsservice G. Pfeifer, Germering

ISBN 978-3-641-08867-5V002

www.kailash-verlag.de

Für Mark Fairclough (Dad)

I Einleitung

Im Diagnostischen und statistischen Handbuch psychischer Störungen, auf das die meisten Psychiater und viele Psychotherapeuten zurückgreifen, um die Typen und Nuancen psychischer Erkrankungen zu definieren, findet man Dutzende Beschreibungen verschiedener Persönlichkeitsstörungen. Trotz dieser enormen Bandbreite und trotz der starken Zunahme definierter Störungen in den neueren Auflagen des Handbuchs bilden alle diese Definitionen nur zwei Hauptgruppen.1 In einer Gruppe sammeln sich all jene Menschen, die ins Chaos abgeglitten sind und deren Leben von einer Krise in die nächste taumelt, in der anderen jene, die sich selbst in eine starre Routine hineinmanövriert haben und mit einem beschränkten Repertoire veralteter, immer gleicher Reaktionen arbeiten. Manche von uns schaffen es sogar, gleichzeitig beiden Gruppen anzugehören. Wie also können wir dieses Problem lösen und verhindern, dass wir allzu starr auf die Welt reagieren oder uns so stark von ihr beeinflussen lassen, dass wir uns ständig in einem Zustand des Chaos befinden? Ich sehe da einen sehr breiten Trampelpfad mit vielen Gabelungen und Abzweigungen, nicht den einen »richtigen« Weg. Hin und wieder weichen wir vielleicht zu weit in Richtung der allzu starren Seite ab und haben das Gefühl festzustecken. Und nur wenige Menschen kommen überhaupt durchs Leben, ohne gelegentlich dem entgegengesetzten Rand zu nahe zu kommen und Chaos und Kontrollverlust zu empfinden. In diesem Buch geht es um die Frage, wie man sich auf diesem Trampelpfad in der Mitte zwischen den beiden Extremen hält, wie man stabil und doch flexibel bleibt, kohärent und doch bereit, Komplexität zuzulassen. Mit anderen Worten: In diesem Buch geht es darum, wie man psychisch gesund bleibt.

Es gibt allerdings keine einfache Anleitung, die psychische Gesundheit garantieren könnte. Jeder von uns ist das Ergebnis einer ganz einzigartigen Kombination von Genen und hat eine einzigartige Mischung prägender Beziehungen erlebt. Für jeden, der das Risiko eingehen muss, offener zu sein, gibt es einen anderen, der Zurückhaltung üben sollte. Für jeden, der lernen muss, mehr Vertrauen zu fassen, gibt es einen anderen, der an seinem Urteilsvermögen arbeiten sollte. Was mich glücklich macht, stürzt Sie vielleicht in Verzweiflung; was ich nützlich finde, nehmen Sie vielleicht als schädlich wahr. Genaue Anweisungen dazu, wie man denken, fühlen und sich verhalten sollte, liefern deshalb nur unzureichende Antworten. Stattdessen möchte ich eine neue Art und Weise vorschlagen, über das, was in unseren Gehirnen vorgeht, wie sie sich entwickelt haben und immer weiterentwickeln, nachzudenken. Ich glaube, dass wir unser Leben besser umgestalten können, wenn wir uns ein Bild davon machen, wie sich unser Denken bildet. Dieses Nachdenken über das Gehirn hat mir und einigen meiner Klienten geholfen, unser Leben besser in den Griff zu bekommen; es kann also durchaus sein, dass es auch bei Ihnen wirkt.

Platon vergleicht die Seele mit einem Streitwagen, der von zwei Pferden gezogen wird. Der Lenker ist die Vernunft, ein Pferd ist der Mut, das andere Pferd die Begierde. Die Metaphern, mit denen wir immer wieder neu über das Denken nachgedacht haben, folgten mehr oder weniger diesem jahrtausendealten Bild. Mein Ansatz ist im Grunde eine weitere Version, beeinflusst von den Neurowissenschaften in Verbindung mit anderen therapeutischen Erkenntnissen.

Drei Gehirne in einem

In den letzten Jahren wurde in der Wissenschaft eine neue Theorie des Gehirns entwickelt. Man geht jetzt immer mehr davon aus, dass es sich nicht um eine einheitliche Struktur handelt, sondern dass das Gehirn aus drei verschiedenen Einheiten besteht, die im Laufe der Zeit begonnen haben zusammenzuarbeiten, aber doch getrennt geblieben sind.

Die erste dieser Einheiten ist der Hirnstamm, manchmal auch als Reptiliengehirn bezeichnet. Er ist von Geburt an einsatzbereit und verantwortlich für unsere Reflexe und unabhängig arbeitenden Muskel, wie etwa das Herz. In gewissen Situationen kann er uns das Leben retten. Wenn wir geistesabwesend vor einen Bus laufen, sorgt unser Hirnstamm dafür, dass wir auf den Bürgersteig zurückspringen, noch bevor wir überhaupt merken, was los ist. Der Hirnstamm lässt uns blinzeln, wenn vor unseren Augen Finger geschnipst werden. Er wird ihnen nicht helfen, Sudokus zu lösen, doch auf einem grundlegenden, essenziellen Niveau hält er Sie am Leben, erlaubt Ihnen zu funktionieren und bewahrt Sie vor vielen Gefahren.

Die anderen beiden Einheiten des Gehirns sind das primitive Säugetiergehirn, oder rechtes Gehirn, und das fortgeschrittene Säugetiergehirn, oder linkes Gehirn. Beide entwickeln sich zwar unser ganzes Leben hindurch weiter, die grundlegende Entwicklung findet aber in den ersten fünf Jahren statt. Eine einzelne Gehirnzelle allein kann nicht arbeiten. Sie muss mit anderen Gehirnzellen verbunden sein. Unser Gehirn bildet sich aus, indem es einzelne Gehirnzellen zu neuronalen Bahnen verknüpft. Diese Verknüpfung geschieht als Folge unserer Interaktion mit anderen. Unsere Gehirnentwicklung hat also mehr mit unseren frühesten Beziehungen als mit der Genetik zu tun; mehr mit der Umwelt als mit den angeborenen Anlagen.

Das heißt, dass viele Unterschiede zwischen den Menschen mit ihren wiederkehrenden frühkindlichen Erlebnissen erklärt werden können. Unsere Erfahrungen formen tatsächlich unser Gehirn. Um einen extremen Fall aus der Sagenwelt heranzuziehen: Wenn wir in unseren ersten Lebensjahren keine Beziehungen zu Menschen haben, sondern etwa von einer Wölfin aufgezogen werden, sind unsere Verhaltensmuster eher wölfisch als menschlich.

In unseren ersten beiden Lebensjahren ist die rechte Gehirnhälfte sehr aktiv, während die linke ruht und weniger Aktivität zeigt. In den nächsten paar Jahren verschiebt sich die Entwicklung; sie verlangsamt sich rechts, während in der linken Gehirnhälfte eine Zeit auffälliger Aktivität beginnt. Unsere Art, Beziehungen zu anderen aufzubauen, unser Urvertrauen, wie wohl wir uns ganz allgemein in unserer Haut fühlen, wie schnell oder langsam wir uns nach einer Aufregung beruhigen – all das hat einen festen Grund in den neuronalen Bahnen, die in unseren frühen Jahren im primitiven Säugetiergehirn verankert wurden. Die rechte Gehirnhälfte kann man sich daher als den vorrangigen Sitz der meisten Emotionen und Instinkte vorstellen. Diese Einheit fühlt mit anderen mit, stellt sich auf sie ein und baut Beziehungen zu ihnen auf. Die rechte Gehirnhälfte entwickelt sich nicht nur zuerst, sondern bleibt auch verantwortlich. Mit einem Blick, einem kurzen Atemzug erfasst und bewertet sie jede Situation. Wie der Herzog von Gloucester in Shakespeares König Lear so schön sagt, als er sich umschaut: »Ich seh es fühlend.«

Das sogenannte fortgeschrittene Säugetiergehirn, die linke Gehirnhälfte, können wir uns als das ursprüngliche Sprach-, Logik- und Vernunftzentrum unseres Gehirns vorstellen. Wir nutzen es, um Erfahrung zu Sprache umzuwandeln, unsere Gedanken und Ideen uns selbst und anderen gegenüber zu artikulieren und Pläne umzusetzen. Die evidenzbasierte Wissenschaft hat sich durch die Fähigkeiten unserer linken Gehirnhälfte entwickelt, ebenso die sortierenden und ordnenden Fachrichtungen der Taxonomie, Philosophie und Philologie.

Wie gesagt entwickelt sich in den ersten zwei Lebensjahren diese linke Gehirnhälfte sehr viel langsamer als die rechte – deshalb sind die Fundamente unserer Persönlichkeit schon gelegt, bevor die linke Gehirnhälfte mit ihren sprachlichen und logischen Fähigkeiten sie beeinflussen kann. Vielleicht bleibt die linke Gehirnhälfte deshalb oft dominant. Sie sollten sich des Einflusses beider Einheiten, die ich als rechtes und linkes Gehirn bezeichne, bewusst sein, wenn Sie wieder einmal das vertraute Dilemma durchmachen und einerseits sehr gute Gründe hätten, das Vernünftige zu tun, dann aber doch plötzlich feststellen, dass Sie gerade das Unvernünftige machen. Ihr offenbar vernünftiger Teil (die linke Gehirnhälfte) verfügt über die Sprache, doch der andere Teil (die rechte Gehirnhälfte) scheint oft über die Macht zu verfügen.

Als Babys entwickeln sich unsere Gehirne im Umgang mit unseren frühesten Bezugspersonen. Alle Gefühle und Denkprozesse, die sie uns vermitteln, werden in unseren wachsenden Hirnen gespiegelt, erwidert und abgespeichert. Wenn alles gut geht, spiegeln und festigen unsere Eltern und Bezugspersonen ihrerseits unsere Stimmungen und Befindlichkeiten, indem sie anerkennen, was wir fühlen, und darauf reagieren. So verfügen unsere Gehirne schon mit etwa zwei Jahren über klar erkennbare und individuelle Muster. Zu dieser Zeit ist unsere linke Gehirnhälfte ausreichend gereift, um Sprache zu verstehen. Diese parallele Entwicklung ermöglicht uns, unsere beiden Gehirnhemisphären bis zu einem gewissen Grad zu verflechten. Allmählich gewinnen wir die Fähigkeit, unsere linke Gehirnhälfte zu nutzen, um die Gefühle der rechten Hälfte in Sprache zu fassen.

Falls allerdings unsere Bezugspersonen einige unserer Stimmungen ignorieren oder uns bewusst oder unbewusst ihretwegen bestrafen, können wir später Probleme bekommen, weil wir diese Gefühle, wenn sie wieder auftauchen, nicht so gut verarbeiten und mit Hilfe der Sprache auch nicht so gut verstehen können.

Wenn also unsere Bindungen zu frühen Bezugspersonen nicht ganz so ideal waren oder wir später ein so schweres Trauma erleiden, dass es das in unserer frühen Kindheit angelegte Urvertrauen zerstört, werden wir vielleicht in unserem späteren Leben mit emotionalen Schwierigkeiten konfrontiert. Dann ist es zwar zu spät für eine glücklichere Kindheit oder ein Verhindern des Traumas, aber es ist möglich, den Kurs zu ändern.

Psychotherapeuten verwenden den Begriff »Introjektion«, um die unbewusste Einverleibung von Eigenschaften einer Person oder einer Kultur in die eigene Psyche zu bezeichnen. Wir neigen dazu, die elterliche Fürsorge, die wir erfahren haben, zu introjizieren und dort weiterzumachen, wo unsere frühesten Bezugspersonen aufgehört haben – so vertiefen und verfestigen sich Gefühls-, Denk-, Reaktions- und Handlungsmuster. Das muss nicht schlecht sein: Vielleicht haben unsere Eltern ihre Sache gut gemacht. Wenn wir allerdings deprimiert oder in anderer Hinsicht unglücklich sind, möchten wir vielleicht Muster ändern, um gesünder und glücklicher zu werden.

Wie machen wir das? Es gibt kein Patentrezept dafür. Wenn wir immer tiefer in eine starre Routine oder ins Chaos verfallen, müssen wir unseren Fall unterbrechen – mit Medikamenten oder mit einem Satz anderer Verhaltensweisen: Vielleicht wollen wir einen neuen Fokus im Leben; vielleicht profitieren wir von neuen Ideen – oder von etwas ganz anderem. (Ich bleibe da absichtlich vage; was bei dem einen Menschen funktioniert, muss nicht beim anderen wirken.)

Allerdings bemerke ich in jedem erfolgreichen Psychotherapiekurs, dass sich Veränderungen auf vier Gebieten vollziehen: »Selbstbeobachtung«, »Beziehungen zu anderen«, »Stress« und die »persönliche Erzählung«2. Das sind Bereiche, in denen wir auch außerhalb der Psychotherapie an uns selbst arbeiten können. Sie helfen uns, jene Flexibilität zu bewahren, die wir für unsere psychische Gesundheit und Entwicklung brauchen, und diesen werden wir uns jetzt zuwenden.

1 Selbstbeobachtung

Schon Sokrates wusste: »Ein Leben ohne Selbsterforschung ist nicht wert, gelebt zu werden.« Das ist eine extreme Position, aber ich glaube wirklich, dass die ständige Entwicklung eines unvoreingenommenen, selbstbeobachtenden Teils unserer selbst entscheidend für unsere Weisheit und psychische Gesundheit ist. Wenn wir Selbstbeobachtung üben, lernen wir, uns von außen zu sehen, um Gefühle, Empfindungen und Gedanken zu erfahren, zu würdigen und zu bewerten, während sie auftreten und unsere Stimmungen und unser Verhalten bestimmen. Die Entwicklung dieser Fähigkeit erlaubt uns, anzunehmen und nicht zu urteilen. Sie gibt uns Raum zu entscheiden, wie wir handeln wollen, und ist der Teil, der auf unsere Emotionen hört und sie mit der Logik in Einklang bringt. Um ein möglichst großes Maß an psychischer Gesundheit zu erreichen, müssen wir die Selbstbeobachtung entwickeln, um die Eigenwahrnehmung zu steigern. Das ist eine nie endende Aufgabe.

2 Beziehungen zu anderen aufbauen und pflegen

Wir alle brauchen sichere, vertrauensvolle, verlässliche, stärkende Beziehungen. Dazu mag auch eine Liebesbeziehung gehören. Anders als manche Menschen glauben, ist eine Partnerschaft keine notwendige Voraussetzung für Glück; aber einige unserer Beziehungen müssen uns stärken: Eine stärkende Beziehung kann die zu einem Therapeuten, einer Lehrerin, einer Geliebten, einem Freund oder zu unseren Kindern sein – zu jemandem, der nicht einfach nur zuhört, sondern zwischen den Zeilen liest und uns vielleicht sogar sanft herausfordert. Wir werden in Beziehungen geformt, und wir entwickeln und verändern uns als ein Ergebnis aufeinanderfolgender Beziehungen.

3 Stress

Die richtige Art von Stress schafft positive Stimulation. Er drängt uns, neue Dinge zu lernen und kreativ zu sein, aber er überwältigt uns nicht so sehr, dass er uns in Panik verfallen lässt. Guter Stress führt zu neuen neuronalen Vernetzungen. Wir brauchen ihn für persönliche Entwicklung und Wachstum.

4 Nach welchen Geschichten leben wir? (Unsere persönliche Erzählung)

Wenn wir die Geschichten kennenlernen, nach denen wir leben, sind wir in der Lage, sie zu redigieren und zu ändern, falls es nötig ist. Weil ein so großer Teil unseres Selbst vorverbal geprägt ist, können uns die Überzeugungen, die uns leiten, verborgen sein. Wir haben vielleicht Überzeugungen, die mit »Ich bin der Typ Mensch, der …« oder mit »Das bin ich nicht, ich tue so etwas nicht …« beginnen. Wenn wir uns auf solche Geschichten konzentrieren und sie aus neuen Blickwinkeln heraus betrachten, können wir neue, flexiblere Wege finden, uns, andere und alles um uns herum zu definieren.

Obwohl die Inhalte unseres Lebens und die Methoden, mit denen wir diese Inhalte verarbeiten, bei jedem Menschen anders sind, bilden diese Bereiche unserer Psyche die Ecksteine unserer psychischen Gesundheit. Auf den folgenden Seiten habe ich diese vier Schlüsselbereiche genauer untersucht.

1Erstmals habe ich darüber in Daniel J. Siegels Buch Mindsight. Die neue Wissenschaft der persönlichen Transformation (München 2012) gelesen.

2Nach einer Idee aus Louis Cozolinos The Neuroscience of Psychotherapy (New York 2012), S. 26.

1 Selbstbeobachtung

Wenn ich für Selbstbeobachtung plädiere, halten die Leute das manchmal für eine Form ichbezogener Nabelschau. Selbstbeobachtung darf aber nicht mit Selbstbesessenheit verwechselt werden. Ganz im Gegenteil, sie ist ein Werkzeug, das es uns ermöglicht, weniger selbstbezogen zu werden, weil es uns lehrt, uns nicht von obsessiven Gedanken und Gefühlen vereinnahmen zu lassen. Mit Selbstbeobachtung entwickeln wir eine größere innere Klarheit und können uns dem Gefühlsleben der Menschen um uns herum besser öffnen. Diese neue Empfänglichkeit und das damit einhergehende größere Verständnis können unser Leben und unsere Beziehungen enorm verbessern.

Selbstbeobachtung ist ein uraltes Prinzip und hat schon viele Namen bekommen. Zu ihren Fürsprechern zählten unter anderem Buddha, Sokrates, Georges Gurdjieff und Sigmund Freud. Wenn wir in der Selbstbeobachtung geübt sind, ist es weniger wahrscheinlich, dass wir uns selbst ein Bein stellen, indem wir unsere verborgenen Gefühle ausleben oder selbstzerstörerische Muster wiederholen. Dagegen besitzen wir mehr Empathie für uns selbst und daher auch für andere.

Die Fähigkeit, Gefühle und Sinneseindrücke zu beobachten, ist von grundlegender Bedeutung für die psychische Gesundheit. Wir müssen in der Lage sein, unsere Gefühle zu nutzen, ohne von ihnen benutzt zu werden. Wenn wir unsere Gefühle leben, statt sie zu beobachten, werden wir auf einen chaotischen Zustand zusteuern. Wenn wir andererseits unsere Gefühle ganz unterdrücken, können wir in die andere Richtung umschwenken, in die Starre. Es gibt einen Unterschied zwischen den beiden Aussagen »Ich bin wütend« und »Ich verspüre Wut«. Die erste ist eine allem Anschein nach abgeschlossene Beschreibung. Die zweite ist die Rückmeldung eines Gefühls und definiert nicht das ganze Selbst. Ebenso nützlich wie die Trennung zwischen dem Selbst und den Gefühlen ist auch die Fähigkeit, seine eigenen Gedanken zu beobachten. Dabei können wir die verschiedenen Arten von Gedanken wahrnehmen, wir können sie untersuchen, statt von ihnen vereinnahmt zu werden. Das wiederum erlaubt uns zu erkennen, welche Gedanken uns guttun und ob irgendetwas in unserem inneren Gedankengeschwätz schlecht für uns ist.

Lassen Sie uns ein Beispiel betrachten, um die Theorie zu erklären: Wie beobachtet eine Mutter ihr kleines Kind, um es zu verstehen? Sie spiegelt dem Baby seine Äußerungen, seine Befindlichkeiten, und aus dem, was sie beobachtet, lernt sie, die jeweiligen Bedürfnisse zu verstehen. Es ist für die Bildung unserer Persönlichkeit, ja sogar für unser Überleben, von entscheidender Bedeutung, dass jemand uns so beobachtet, versteht und auf uns eingeht. Die Selbstbeobachtung spiegelt die Art, in der eine Mutter ihr Baby beobachtet und sich auf es einstellt. Selbstbeobachtung ist eine Methode, um uns selbst neu zu erziehen. Wenn wir uns selbst beobachten, hilft uns das, uns zu formen und umzustellen.