Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist - Pierre Bayard - E-Book

Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist E-Book

Pierre Bayard

0,0
8,99 €

Beschreibung

Wer auf Partys mit Geschichten von Reisen in exotische Länder auftrumpfen kann, hat schon gewonnen. Aber muss man dafür unbedingt dort gewesen sein? Keineswegs, meint Pierre Bayard, der uns schon mit seinem Bestseller »Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat« vergnüglich das Leben erleichterte. Wie fürs Plaudern über Ungelesenes gibt es auch für das entspannte Sprechen über nicht besuchte Orte berühmte Vorbilder: Karl May hat Winnetous Wilden Westen nie gesehen; Marco Polo, der angeblich jahrelang in China lebte, füllte sein Buch mit Fabelwesen. Selbst Jules Vernes Romanfigur Phileas Fogg trägt ein enzyklopädisches Wissen über die Welt zur Schau, die er in 80 Tagen wie im Blindflug umkreist hat. Auch Journalisten, Philosophen und Wissenschaftler schwadronierten munter über Erlebnisse aus zweiter Hand: Kant hob die Welt aus den Angeln, ohne Königsberg zu verlassen; Margaret Mead stellte mit weitgehend fiktiven Berichten über das Sexualleben auf Samoa die Anthropologie auf den Kopf. Bayards höchst unterhaltsame Typologie des Nichtreisens singt das Lob des sesshaften Reisenden: prak­tische Lebenshilfe für alle, die lieber zu Hause bleiben und trotzdem mitreden wollen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 209

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Pierre Bayard

WIE MAN ÜBERORTE SPRICHT, ANDENEN MAN NICHTGEWESEN IST

Aus dem Französischenvon Lis Künzli

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

 

 

 

 

 

EINE GESCHICHTE NEBRASKAS von Clinton York. Der Verfasser war ein Herr von siebenundvierzig Jahren, und er sagte, er wäre noch nie in Nebraska gewesen, aber er hätte sich schon immer für diesen Staat interessiert.

Schon als ich ein Kind war, war Nebraska mein ein und alles. Andere Kinder hörten Radio oder schwärmten stundenlang von ihren Fahrrädern. Ich las alles, was ich über Nebraska finden konnte. Ich weiß auch nicht, wodurch ich eigentlich drauf gekommen bin, aber auf jeden Fall ist das hier die vollständigste Geschichte Nebraskas, die jemals geschrieben wurde.

Es handelte sich um ein Werk in sieben Bänden, und er hatte sie in einer Tragtüte, als er in die Bibliothek kam.

RICHARD BRAUTIGAN, Die Abtreibung

INHALT

Tabelle der Abkürzungen

Vorwort

ARTEN DES NICHTREISENS

I. Orte, die man nicht kennt

II. Orte, die man überflogen hat

III. Orte, die man vom Hörensagen kennt

IV. Orte, die man vergessen hat

GESPRÄCHSSITUATIONEN

I. In der Anthropologie

II. Im Journalismus

III. Im Sport

IV. In der Familie

EMPFOHLENE HALTUNGEN

I. Die Grenzen öffnen

II. In der Zeit zirkulieren

III. Durch den Spiegel gehen

IV. Sich lieben

 

Nachwort

Glossar

TABELLE DER ABKÜRZUNGEN

UO

Unbekannter Ort

ÜO

Überflogener Ort

EO

Erwähnter Ort

VO

Vergessener Ort

++

sehr positive Einschätzung

+

positive Einschätzung

negative Einschätzung

sehr negative Einschätzung

VORWORT

ÜBER DIE UNANNEHMLICHKEITEN des Reisens ist schon so viel gesagt worden, dass ich mich nicht damit aufhalten werde. Der menschliche Körper, den wilden Tieren, Unbilden des Wetters und Krankheiten schutzlos ausgeliefert, ist ganz offenkundig in keiner Weise dafür geschaffen, seine vertraute Umgebung zu verlassen und sich in ferne Gefilde zu begeben, weit weg von dem Ort, an den Gott ihn gestellt hat.

Zu diesen natürlichen Elementen, auf die der Mensch wenig Einfluss hat, kommen noch die Widrigkeiten, die seiner eigenen Gewalttätigkeit geschuldet sind. Denn im Gegensatz zur Wunschvorstellung mancher Utopisten ist diese Welt kein bisschen sicherer geworden als früher, und ich, der ich mich glücklich schätzen darf, an einem relativ geschützten Ort zu leben, kann mir nur mit Mühe vorstellen, was mich dazu bringen könnte, ihn zu verlassen mit dem Risiko, mich in feindlichen Gebieten bösen Überraschungen auszusetzen.

Doch das ist noch nicht alles. Fokussiert man sich allzu sehr auf die Unannehmlichkeiten physischer Art, droht man die psychologischen Scherereien aus dem Auge zu verlieren, die mit dem Reisen einhergehen können. Dank der Arbeiten Freuds und anderer Psychiater, welche die unterschiedlichen Reisesyndrome studiert haben, wissen wir heute, dass das Reisen in die Ferne nicht nur psychische Störungen nach sich zieht, sondern man dabei geradezu verrückt werden kann.[1]

All diese Unannehmlichkeiten allein jedoch könnten mich nicht ans Haus fesseln, wäre da nicht noch ein anderes Moment, das für mich entscheidend ist und am Ausgangspunkt dieses Buches steht. Es ist nämlich keineswegs erwiesen, dass Reisen das beste Mittel ist, eine unbekannte Stadt oder ein Land zu erkunden. Zu vermuten ist eher das Gegenteil, und die Erfahrung zahlreicher Schriftsteller stützt diesen Eindruck: dass man, um über einen Ort zu sprechen, am besten zu Hause bleibt.

Um jedem Missverständnis vorzubeugen, eine wichtige Präzisierung gleich zu Beginn. Wenn dieses Buch in der Folge all jener anzusiedeln ist, die auf die verheerenden Konsequenzen des Reisens hingewiesen haben, dann geschieht dies nicht im Namen der von zahlreichen Autoren geteilten Ansicht, dass sich im Grunde alle Orte gleichen und es also nicht der Mühe wert ist, sie einzeln zu erkunden.

Diese These ist durch Baudelaires berühmtes Gedicht Die Reise populär geworden, in dem der bekannte Vers vorkommt: Mit welch bitterm Wissen Reisen uns erfüllt! Der Dichter entwickelt darin den Gedanken, dass die Begegnung mit fremden Ländern nichts als Langeweile einbringt und den Reisenden am Ende seiner Expedition nur mit der beängstigenden Leere seiner eigenen Person konfrontiert.

Meine Überzeugung ist eine ganz andere. Im Gegensatz zu Baudelaire, dessen Worte von einem gewissen Eurozentrismus geprägt sind, zumindest nicht von großer intellektueller Neugier zeugen, haben mich sämtliche Länder und Kulturen, denen zu begegnen ich die Gelegenheit hatte, persönlich bereichert, und ich habe die Anstrengung, die mit ihrer Erkundung verbunden ist, nie bereut.

Die Frage ist also nicht, was uns das Wissen über fremde Orte bringt, die zu besuchen für jeden aufgeschlossenen Menschen nur ein Gewinn sein kann. Die Frage ist, ob man sie tatsächlich aufsuchen muss oder ob es nicht weiser wäre, für die Begegnung andere Formen als die des physischen Ortswechsels zu wählen.

Dieses Buch ist somit einer essayistischen Figur gewidmet, die ich als den sesshaften Reisenden bezeichnen möchte. Im Unterschied zu Baudelaire jedoch ist dieser reisende Stubenhocker nicht der Auffassung, dass sämtliche Kulturen auf das eigene Ich zurückverweisen. Da er aber für Risiken wenig übrighat und eine gesunde Distanz zu seinem Forschungsobjekt wahren will, weiß er zwischen physischem und psychischem Ortswechsel zu unterscheiden und achtet tunlichst darauf, sich so wenig wie möglich fortzubewegen.

Es geht hier also in erster Linie um autobiografische Schriftsteller, die in großer Detailfreude über Orte geschrieben haben, an denen sie nie gewesen sind, was sie nicht daran hinderte, diese ausufernd zu schildern und sie uns kraft ihrer literarischen Fähigkeiten mitunter lebendiger zu machen als jene, die es für unerlässlich hielten, sich an Ort und Stelle zu begeben.

Doch nicht nur Schriftsteller kommen in diesem Buch zu Wort. Auch viele Berufs- oder Gelegenheitsessayisten – Anthropologen, Journalisten, Sportler – können zu bestimmten Augenblicken ihres Lebens in die Verlegenheit geraten, Orte zu beschreiben, an die sie sich aus unterschiedlichen Gründen nie begeben haben, sei es aus Angst vor Gefahren oder aufgrund ihrer Auffassung, dass die Reise ihnen ohnehin nichts bringt.

Wie wir sehen werden, gibt es über diese spezifischen Fälle hinaus auch im täglichen Leben – und häufiger, als man glaubt – Situationen, vom Seitensprung bis zu Diebstahl oder Mord, wo es sich als höchst nützlich, ja für die eigene Sicherheit oder das Überleben als unvermeidbar erweisen kann, über den Ort zu lügen, an dem man sich zu einem bestimmten Moment seiner Existenz befunden hat.

Von den praktischen Ratschlägen ganz abgesehen, möchte dieses Buch also nicht nur zum Nachdenken über das häusliche Reisen und das Verhalten in der Gesellschaft anregen, wenn sich die Notwendigkeit aufdrängt, über Orte zu sprechen, an denen man nicht gewesen ist; es verfolgt darüber hinaus den Ehrgeiz, die Beziehung zu hinterfragen, die die Literatur zur Welt und insbesondere zu den Orten unterhält, die sie beschreibt.

Die Tatsache, dass es Schriftstellern und auch zahlreichen Essayisten, wenn sie sich in bestimmten Situationen zur literarischen Erfindung genötigt sehen, gelingt, Orte, die sie nicht kennen, real erscheinen zu lassen und ihnen eine plausible Existenzform zu verleihen, wirft natürlich die Frage auf, von welcher Natur der Raum ist, mit dem es die Literatur zu tun hat, und wie er seinen Platz in der Sprache findet.

Im Zentrum der Auseinandersetzung mit dieser besonderen Beziehung zwischen Literatur und Raum steht der Akt der Beschreibung, von dem die Schriftsteller in ihrer täglichen Praxis gerne Gebrauch machen, stellt er doch einen privilegierten Ort der Beobachtung dar, wenn es darum geht, die Besonderheiten des fiktionalen Raums der Literatur und die beträchtlichen Unterschiede zu dem der wirklichen Welt zu studieren.

Über die Frage des literarischen Raums hinaus stellt sich somit über den Umweg der diskursiven Fiktionen das Problem der Wahrheit in der Literatur. Parallel zur wissenschaftlichen Wahrheit über die Orte, derer sich die Geografie annimmt, existiert noch eine weitere Form von Wahrheit über die Welt, eine Wahrheit, die von sesshaften Reisenden eruiert wird, ohne Ortswechsel auskommt und deren Voraussetzungen dieses Buch erarbeiten möchte.

Aus diesen allgemeinen Betrachtungen ergibt sich ein logischer Aufbau. In einem ersten Teil werde ich die unterschiedlichen Arten des Nichtreisens in Erinnerung rufen, auf die sich eine ganze Reihe von Schriftstellern und Denkern berufen haben, die wenig Neigung zeigten, sich für die Begegnung mit fremden Kulturen, die sie kennenlernen und beschreiben wollten, von ihrer Basis zu entfernen.

In einem zweiten Teil möchte ich ein paar konkrete Situationen zur Sprache bringen, in denen wir uns gezwungen sehen, über Orte zu sprechen, an denen wir nie gewesen sind. Tatsächlich sind diese Situationen viel zahlreicher, als man meint, und sollten daher gewissenhaft und in ihrer jeweiligen Besonderheit studiert werden, mit Blick auf ihre individuelle Komplexität und die Vielfalt von Lösungen, nach denen sie verlangen.

In einem dritten Teil werde ich, gestützt auf meine eigene Erfahrung, vor allem aber auf die zahlreicher anderer sesshafter Reisender, all jenen ein paar praktische Ratschläge geben, die fremde Kulturen kennenlernen möchten und begriffen haben, dass die größte Chance, sich intellektuell zu bereichern, nicht darin besteht, auf eigene Gefahr die Welt abzuklappern.

Dieses Buch schließt sich folgerichtig an den Essay Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat[2] an. Beide gehen von Situationen des praktischen Lebens aus, um zu zeigen, dass unsere partielle oder auch vollständige Unwissenheit über einen Gegenstand nicht ungedingt ein Handicap sein muss, um sachkundig über ihn zu reden, dass man sich diese vielleicht gar zugunsten einer besseren Weltkenntnis zunutze machen kann.

Wie in der vorangegangenen Arbeit gebe ich im Bestreben nach intellektueller Redlichkeit in Fußnoten zu jedem wichtigen, von einem Autor oder mir selbst erwähnten Ort den Grad meiner Kenntnis oder in den meisten Fällen meiner Unkenntnis an. Und in der Überzeugung, dass es keineswegs unabdingbar ist, sich physisch von der Stelle zu bewegen, um sich ein angemessenes Bild von der Welt zu machen, werde ich jedes Mal meinen persönlichen Eindruck über den jeweiligen Ort bekannt geben.

So hielt es auch Immanuel Kant, der seine Geburtsstadt Königsberg nie verließ, in der er auf seinem Spaziergang jeden Tag stur denselben Weg zurücklegte, ohne sich in fremde Länder vorzuwagen, die zu beschreiben oder zu kommentieren er sich jedoch nicht nehmen ließ.[3] Diesem Inbegriff des sesshaften Reisenden ist dieses Buch naturgemäß gewidmet.

 

1. Über die verschiedenen Formen des Reisesyndroms siehe insbesondere Graziella Magherini, Le Syndrome de Stendhal, Vincennes 1990, und Régis Airault, Fous de l’Inde: Délires d’Occidentaux et sentiment océanique, Paris 2002.

2. München 2007

3. »Wie ernst es Kant mit der Erweiterung seiner eigenen Denkungsart war, wird durch die Tatsache angezeigt, daß er an der Universität einen Kurs in physischer Geographie einführte und selbst abhielt. Er war auch ein eifriger Leser aller möglicher Reiseberichte, und obwohl er niemals Königsberg verlassen hat, kannte er sich in London und in Italien gut aus; er sagte, er hätte eben deshalb keine Zeit zum Reisen, weil er soviel über soviele Länder wissen wollte.« Hannah Arendt, Das Urteilen. Texte zu Kants Politischer Philosophie. Dritter Teil zu »Vom Leben des Geistes«. Aus dem Amerikanischen von Ursula Ludz, München 1985, S. 70.

ARTEN DES NICHTREISENS

 

Erstes Kapitel

ORTE, DIE MANNICHT KENNT

in dem man sehen kann, dass Marco Polos Erzählungen für das Studium der Lebensweise von Greifen und Einhörnern von großem wissenschaftlichen Interesse sind

ES GIBT IN DER Universalgeschichte des Reisens wohl kaum einen Namen, der so ruhmreich und symbolisch ist wie der Marco Polos. Stärker noch als Christoph Kolumbus oder Vasco da Gama mit Abenteuer und der Entdeckung unbekannter Länder verbunden, gilt er geradezu als Allegorie einer Verbindung von körperlichem Mut und großer Weltkenntnis.

Marco Polos Weltruhm hängt nicht nur mit seinen Reisen und ausgedehnten Aufenthalten im Ausland zusammen, sondern ebenso mit den akribischen Berichten, die er uns darüber hinterlassen hat. Dank gewissenhafter Kopisten über die Jahrhunderte überliefert, haben sie uns ein außerordentliches Wissen aus erster Hand über das asiatische Mittelalter und insbesondere das chinesische Imperium vermittelt, das im Okzident noch weitgehend unbekannt war, bevor Marco Polo es bereiste.

Marco Polo, ein venezianischer Händler, 1274 geboren und 1324 gestorben, hat ein höchst abenteuerliches Leben geführt. Er ist siebzehn, als sein Vater und sein Onkel, Handelsreisende aus Venedig, von einer langen Reise durch Zentralasien zurückkehren, wo sie dem Mongolenkaiser Kublai Khan, einem Enkel Dschingis Khans, begegnet sind, der ihnen einen Brief für den Papst anvertraute.

Als sie zwei Jahre später nach China[1] zurückkehren, begleitet er sie und lernt so seinerseits Kublai Khans Hof kennen. Er tritt in die Dienste des Mongolenkaisers ein, wird mit verschiedenen Missionen in China und anderen Ländern Asiens wie Iran und Russland betraut und übernimmt am Hof an der Seite des Souveräns zunehmend wichtigere Funktionen, die ihm einen außerordentlichen Einblick in das chinesische Imperium und seine Funktionsweise sowie die angrenzenden Länder ermöglichen.

Nach mehr als zwanzig Jahren in der Fremde kehrt er über eine lange Seereise in sein Heimatland zurück, wo er mit dem in China erworbenen Reichtum eine Galeere aufrüstet, um an dem Krieg teilzunehmen, den Venedig gerade gegen Genua führt. Er wird jedoch bei einer Seeschlacht gefangen genommen und in Genua eingekerkert. Hier diktiert er Rustichello da Pisa einen Bericht seiner Reisen in die Feder.

Der Originaltext, vermutlich 1298 in altem Französisch verfasst, ist nicht erhalten geblieben, doch im Mittelalter kursierten zahlreiche Abschriften, die eine recht klare Vorstellung von seiner Form und seinem Inhalt vermitteln. Dank dieser Manuskripte ist es uns heute vergönnt, die fabelhaften Reisen Marco Polos mit ebenso großer Bewunderung zu verfolgen wie seine ersten Leser.

Marco Polos Beitrag zur Kenntnis des mittelalterlichen Asiens ist in der Tat einschneidend. Er hat uns über sämtliche durchreisten Länder, Regionen und Städte – die er vom Nahen Osten bis nach Japan eine nach der andern ausführlich beschreibt – genaue Berichte vorgelegt, sowohl über die Lebensweise der Einwohner als auch über Geografie, Geld, Landwirtschaft bis hin zur Religion.

Seine Auskünfte sind umso wertvoller, als sie in Form eines objektiven, systematischen Verzeichnisses gehalten sind. Welche Stadt oder welches Land er auch durchreist, Marco Polo legt eine systematische Karteikarte an, auf der er mit größter Sorgfalt sämtliche wissenschaftlichen Daten festhält, um all jenen zu Hilfe zu kommen, die sich eines Tages auf seine Spuren begeben wollen.

Das Land, das er am ausführlichsten behandelt, ist natürlich China, in dem er siebzehn Jahre gelebt hat und das er daher vorzüglich kennt. Das Buch wartet entsprechend mit üppigen Informationen über die kaiserliche Hauptstadt auf, über ihre Befestigungen und den Palast des Großen Khan, die mongolische Armee und ihre Zusammensetzung, die Aufteilung der Befehlsgewalt oder auch die überraschenden Taktiken – darunter die der vorgetäuschten Flucht –, mit denen die Mongolen ihre Feinde bezwingen.

Nicht minder gesprächig zeigt sich Marco Polo über die mongolische Administration, in der er lange gearbeitet hat und deren Räderwerk er uns in allen Einzelheiten schildert. Man erfährt, dass sie sich auf zwölf Minister verteilt, dass sich die Gesandten mittels eines ausgeklügelten Relais-Systems zwischen der Hauptstadt und der Provinz durch das ganze Reich bewegen, wie der Kaiser das Volk vor Epidemien und Hungersnot schützt, und lernt die technischen Verfahren der Geldherstellung kennen.

Doch Marco Polos Beitrag ist nicht nur in Bezug auf Kenntnis der Armee und der kaiserlichen Verwaltung bahnbrechend. Sein Werk bietet darüber hinaus eine Fundgrube an stichhaltigen, sachkundigen Informationen über das praktische Leben und den Alltag, etwa über religiöse Praktiken, Feiern, Bekleidung oder Ernährung.

Über die Liebessitten in den Ländern, die er durchreist oder in denen er gelebt hat, bietet uns Marco Polos Werk beispielsweise ein einmaliges Zeugnis, das seine Kraft ebenso aus seiner erzählerischen Qualität wie aus den authentischen Informationen schöpft, die es uns vermittelt.

Das gilt insbesondere für das Land Xichang, dessen sexuelle Gewohnheiten uns Marco Polo unverblümt vor Augen führt:

Und nun vernehmt, nach welcher Sitte die Frauen behandelt werden. Ein Ehemann und Vater fühlt sich keineswegs in seiner Ehre verletzt, wenn ein Fremdling oder sonst ein Mann mit seiner Frau, seiner Tochter, mit seiner Schwester oder irgendeinem Weibe seines Haushalts zusammen schläft, sondern er schätzt es sogar. Die Leute glauben nämlich, auch der Gott und die Götzen hätten daran ein Wohlgefallen und würden solches Tun reichlich mit irdischen Gütern vergelten.[2]

So erfährt man, dass die Bewohner von Xichang, wenn sie einen Fremden empfangen, ihren Frauen befehlen, ihm in all seinen Bedürfnissen zu Diensten zu sein, um sich dann selbst aus dem Haus zu entfernen und nicht mehr zurückzukehren, ehe der Gast wieder gegangen ist. Das kann bisweilen drei, vier Tage dauern, während derer ihm sämtliche zum Haushalt gehörenden Frauen zur Verfügung stehen:

Das ist der Grund, warum die Männer den Fremden gegenüber so freizügig sind. Stellt euch vor, zu einem Gainduer kommt ein Fremder und will bei ihm Quartier nehmen, oder es betritt ein Mann sein Haus, ohne die Absicht zu übernachten. Sogleich verlässt der Besitzer seine Wohnstätte und befiehlt seiner Frau, dem Fremdling in allem und jedem zu Willen zu sein. Er geht allein seiner Wege; er verschwindet auf seinen Feldern oder in seinen Rebbergen und kehrt nicht zurück, solange der Fremde sich bei ihm zu Hause aufhält. Und glaubt mir, es geschieht öfters, daß Fremde drei Tage bleiben und mit den Frauen das Bett teilen.[3]

Damit die Zufriedenheit vollkommen ist, darf der Fremde natürlich bei seinen Vergnügungen nicht gestört werden. Daher haben die Bewohner von Xichang ein Benachrichtigungssystem von großer Einfachheit erfunden, das ihren Gästen die nötige Ruhe gewährleistet:

Folgendermaßen bekundet der Fremde seine Gegenwart: außen am Haus hängt er seinen Hut oder sonst etwas auf, damit jedermann über seine Anwesenheit im Bilde sei. Und der arme Kerl von einem Ehemann setzt keinen Fuß in seine Wohnung, solange er das Zeichen sieht. Der Brauch ist in der ganzen Provinz verbreitet.[4]

Xichang ist übrigens nicht der einzige Ort Chinas, der den Reisenden eine derartige sexuelle Gastfreundschaft gewährt. Nicht anders ist es in Tibet, wo der Wert der Frauen sich proportional zur Anzahl der Partner verhält, die sie vor der Heirat hatten, was sie dazu veranlasst, sich sämtlichen durchreisenden Gästen anzubieten und manchmal eine Sammlung von Gegenständen anzulegen, mit der sie ihren Ehemännern später ihr reges Sexualleben unter Beweis stellen können:

Die Frau mit dem reichsten Halsschmuck ist die beste und begehrteste; die Tebeter sagen, sie sei begnadet wie keine andere. Da der durch Liebesbeziehungen erworbene Halsschmuck ein Zeichen göttlicher Gnade ist, wird die Trägerin die allerbeste Gemahlin abgeben.[5]

So interessant Die Wunder der Welt also offensichtlich aufgrund ihrer unerwarteten Enthüllungen über die Gastfreundschaft und die sexuellen Gepflogenheiten der Einwohner sind, so interessant sind auch die Auskünfte über die Fauna der durchreisten Länder, von der das Buch in wissenschaftlicher Hinsicht unerreichte Darstellungen vorlegt.

Denken wir etwa an den Abschnitt, welcher der Schilderung der Tiere auf der Insel Java gewidmet ist, insbesondere des Einhorns, über dessen genaues Aussehen sich die Gemüter seit der Antike erhitzten, bis Marco Polo sein Äußeres definitiv festlegt und mit den legendären Darstellungen ein für allemal ein Ende macht:

Auf Klein-Java leben viele wilde Elefanten und Einhörner, die kaum kleiner als Elefanten sind. Ihr Fell gleicht jenem der Büffel, und Füße haben sie wie Elefanten. Mitten aus der Stirn wächst das dicke schwarze Horn. Mit dem Horn verletzen sie niemanden, hingegen mit der Zunge, denn diese ist voll langer Stacheln. […] Das Einhorn hat einen Kopf wie ein wilder Eber und neigt ihn unverwandt bodenwärts. Mit Vorliebe hält es sich im Morast und im Schlamm auf. Zum Ansehen ist es ausgesprochen hässlich. Diese Tiere haben mit unsern Einhörnern gar nichts gemein, von denen man ja erzählt, sie ließen sich von Jungfrauen einfangen. Von diesen Tieren ist in allen Beziehungen das Gegenteil zu sagen.[6]

Für die Wissenschaft nicht minder erhellend ist die Beschreibung der Angaman-Insel, deren Bewohner einige morphologische Besonderheiten aufweisen, die bis Marco Polo unbekannt waren:

Angaman ist eine große Insel. Das Heidenvolk hat keinen König und lebt wie die wilden Tiere. Ich will euch diese seltsame Rasse schildern. Die Menschen haben Köpfe wie Hunde und Zähne und Augen ebenfalls wie Hunde. Ihr könnt mir glauben: sie sehen aus wie Bulldogen. Es gibt viele Gewürze dort. Die Eingeborenen sind äußerst grausam. Sie sind Menschenfresser; jeden, der nicht ihres Stammes ist, verzehren sie.[7]

Dasselbe gilt für die Insel Mogadischu und einige ihrer Tiere, über die der Handelsreisende folgende Details liefert:

Sie berichten, der Vogel Greif sei riesig und stark, er vermöge einen Elefanten zu packen und hoch in die Luft zu tragen. Er lasse ihn dann irgendwo fallen; der Elefant bleibe auf dem Boden zerschmettert liegen; der Greif stürze sich darauf, reiße das Fleisch von den Knochen und verzehre die Beute ganz. […] Die Insulaner heißen ihn Rock, sie kennen keinen andern Namen und wissen nicht, daß er ein Greif ist. Aber wir sind sicher, es kann, aufgrund der geschilderten Größe, nichts anderes als ein Greif sein.[8]

Marco Polos Berichte über die Lebensweise der Einwohner und Tiere haben also das Verdienst, uns dazu anzuregen, unsere oft allzu strengen Denkgewohnheiten über Bord zu werfen und uns mit alternativen Welten vertraut zu machen, die anders gebaut sind und deren Entdeckung uns intellektuell nur bereichern kann.

So erstaunlich das ist, was uns Marco Polos Werk beschreibt, so erstaunlich ist auch, was es nicht beschreibt, ganz so, als hätte die Aufmerksamkeit des Erzählers bei gewissen Aspekten der bereisten Länder etwas nachgelassen.

Als erstes fällt seine Zurückhaltung auf, wenn der Forscher über China spricht, das Land, in dem er sich seiner Behauptung nach am längsten aufgehalten hat. So groß ist diese Verschwiegenheit, dass das kaiserliche Archiv, das sonst recht vollständig ist, keine einzige Spur seiner Reise enthält, während er nach seinen eigenen Angaben dort mit wichtigen Funktionen betraut war.[9]

Wundern muss man sich auch über manche Lücken in seinem Bericht, als ob der Autor hin und wieder blind oder zerstreut gewesen wäre. Verwunderlich ist etwa, dass man China über Dutzende von Seiten beschreiben kann, ohne ein Wort über die große Mauer und ihre Tausende Kilometer zu verlieren, die Marco Polo bei seiner Herumreiserei mehrfach überquert haben müsste.[10]

Marco Polo, der für jede Anekdote ein offenes Ohr hat, weiß nichts über die eingeschnürten Füße der Chinesinnen, die Zeremonie des Teetrinkens oder das Kormoranfischen[11] zu berichten, und so hellhörig er gewöhnlich ist für die linguistischen Besonderheiten der Länder, die er bereist, das Vorhandensein von Ideogrammen scheint ihm gar nicht aufgefallen zu sein.[12]

All diese Ungereimtheiten veranlassten kritische Autoren, unter ihnen die Sinologin Frances Wood in Marco Polo kam nicht bis China, den einen oder anderen Zweifel anzubringen, ob Marco Polo wirklich in China war. Wood bemerkt insbesondere, dass sich das Buch eher als eine Ansammlung von Daten denn als der Bericht einer Reise darstellt, deren einzelne Etappen im Übrigen anhand der unzusammenhängenden Informationen, die er von ihnen liefert, ziemlich schwer zu rekonstruieren wären.

Konsequent zu Ende gedacht, kommt Frances Wood zum Schluss, dass die meisten Reisen Marco Polos nie stattgefunden haben, und vertritt die These, dass er in Wahrheit nicht über Konstantinopel hinausgekommen ist, wo seine Familie ein Kontor unterhielt, an dem zahlreiche Reisende Station machten und durch ihre Berichte möglicherweise seine Träume beflügelten.[13]

In Wahrheit verfügt Marco Polo, der gewöhnlich für seinen Mut und die wissenschaftliche Qualität seiner Berichte gefeiert wird, ganz offensichtlich vor allen Dingen über eine Qualität, die von den Kommentatoren seines Werks bisher nicht hinreichend gewürdigt wurde[14] – über eine große Einbildungskraft.

Über den venezianischen Händler, seine jedem x-Beliebigen angebotenen Frauen und Menschen mit Hundekopf zeichnet sich hier ein erster Typus von Orten ab, die wir in diesem Essay untersuchen werden: der Ort, den man nicht kennt. Tatsächlich fällt es nach all dem, was Marco Polo erzählt beziehungsweise nicht erzählt, schwer zu glauben, dass er wirklich bis ins China des Kubilai Khan vorgedrungen ist.

Wäre er tatsächlich dort gewesen, wäre sein Text eine umso machtvollere Illustration der Tatsache, dass der Reisebericht ein privilegierter Ort der Fiktion ist, denn in diesem Fall hätte sein reales Reisen ihn nicht daran gehindert, hanebüchene Szenen zu erleben oder von Halluzinationen ergriffen zu werden, die stark genug waren, ihn noch bei Niederschrift seines Berichts zu beeinflussen. Szenen, wie wir sie aus Träumen kennen, in denen ständig die Sexualität anklingt, wenn sie nicht direkt dargestellt wird, in denen der bildliche Verdichtungsprozess bunt zusammengewürfelte Gestalten hervor bringt, Szenen, in denen eine von kindlicher Allmacht gelenkte ideale Welt in einer Art narrativer Euphorie eine deprimierende Alltagsrealität ersetzt.[15]

Aus diesem unauflöslichen Band zwischen Reisebericht und Fiktion folgt, dass man sich hier in einem anderen Wahrheitsregister bewegt als in traditionellen Berichten, die klar zwischen Wahrheit und Lüge entscheiden müssen. Einem Register, in dem die Fiktion – oder zumindest die Ungewissheit über die Echtheit der berichteten Ereignisse – als Teil der Erzählung zu betrachten ist und den Leser daher nicht über Gebühr schockiert, da er das Prinzip akzeptiert.

Denn es ist wichtig festzuhalten, dass der andere Schauplatz kein isoliertes, sondern ein plurales Konstrukt ist. Marco Polos Berichte funktionieren zu seiner Zeit deshalb so gut, weil sie einer bestimmten Erwartung entsprechen und sich in ein kollektives Imaginäres einschreiben, wo sich niemand wundert, bei seiner Lektüre auf Menschen mit Hundeköpfen zu stoßen. Und sie werden noch heute als glaubwürdige Dokumente aufgefasst, während sie ganz offensichtlich mit Imaginärem und Fantastischem nur so gespickt sind. Sie bieten eine Möglichkeit, außerhalb der Zwänge der Wissenschaft einen Raum des gemeinsamen Träumens aufzubauen.

Marco Polos Reisen rufen aber nicht nur den Anteil der Fiktion in Erinnerung, der in jedem Reisebericht steckt, sie werfen darüber hinaus die Frage nach der Grenze zwischen Reise und Nichtreise auf.