Wiederholte Verdächtigungen - Jutta Reichelt - E-Book
Beschreibung

Jutta Reichelt erzählt in ihrem schmalen, aber gewichtigen Roman (an dem sie gut sechs Jahre arbeitete) ganz unaufgeregt, fast beiläufig von Menschen, die sich oder anderen keine Auskunft geben, keine Antwort geben können – über sich selbst. Weil sie ihre eigene Geschichte nicht kennen. Weil ihnen die Worte fehlen oder weil sie den erlebten Schrecken niemandem zumuten wollen. Jutta Reichelt: eine einfühlsame, eine 'hintergründige' Wahrnehmerin. Eine Erzählerin mit Tiefgang. Und trotzdem nicht 'schwer'. Und ja doch: eine richtige literarische Entdeckung.

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Seitenzahl:183

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Jutta Reichelt

WiederholteVerdächtigungen

Roman

Das Schweigen ist keine Pausezwischen dem Reden,sondern eine Sache für sich.

Herta Müller

Inhalt

KAPITEL I

KAPITEL II

KAPITEL III

KAPITEL IV

KAPITEL V

KAPITEL VI

KAPITEL VII

KAPITEL VIII

KAPITEL IX

Impressum

I

Erst als sie die unbenutzte Teetasse auf dem Küchentisch stehen sieht, erinnert sich Katharina daran, dass sie Christophs Rückkehr schon vor zwei Stunden für möglich gehalten hat. Noch einmal überschlägt sie die Zeit, die er gewöhnlich braucht, um Finn zurück zu seiner Schwester nach Köln zu bringen, und wieder kommt sie zu dem Ergebnis, dass er bereits da sein könnte, mittlerweile eigentlich da sein müsste. Es ist sechs Uhr, sie kocht einen neuen Tee und fragt sich, warum er sich noch nicht gemeldet hat. Falls er im Stau steht oder es doch länger gedauert hat bei seiner Schwester.

Christoph ist jemand, der Bescheid sagt. Er sagt Bescheid, wenn er einkaufen geht und dabei jemanden trifft, mit dem er noch einen Kaffee trinken geht. Er könnte zwei Wochen mit einem Freund zum Wandern fahren und würde sich während der ganzen Zeit nicht melden, aber wenn sie den Zug verpassten und eine Stunde später als geplant ankämen, würde er Bescheid sagen. Nicht, weil Katharina das wollte oder erwartete oder gar forderte. Er findet es selbstverständlich.

Sie schreibt ihm eine kurze SMS und weiß, dass er sie nicht lesen wird, während er fährt.

Der Wasserkocher beginnt knackende Geräusche zu machen und Katharina überlegt, was passiert sein könnte, ohne dass etwas passiert ist. Geschichten zu erfinden ist ihr Beruf, ihre tägliche Praxis – es bereitet ihr keine Mühe, sich Unfälle vorzustellen, deren unbeteiligter Zeuge Christoph geworden ist. Sie sieht Männer in Schutzanzügen über ein demoliertes Auto gebeugt, sie sieht, wie sie versuchen, die Insassen zu befreien und sie sieht Christoph am Rand des Geschehens, bemüht, niemandem im Weg zu sein. Er ist sich nicht sicher, ob er wirklich noch gebraucht wird. Ein Polizist hat im Vorbeigehen gesagt, dass er warten solle, dass sie seine Angaben bräuchten und nun steht er da und wartet und möchte nicht drängeln und Umstände bereiten, wo es anderen doch so viel schlechter geht. Aber könnte er dann nicht anrufen?

Katharina gießt das kochende Wasser in die Kanne und bemerkt erst, als diese schon fast voll ist, dass sie vergessen hat, Tee in den Filter zu füllen. Kleine Pannen, denkt sie und sieht Christoph an einer Tankstelle den Ersatzreifen aus dem Kofferraum heben. Oder hat er jemanden getroffen? Einen Schulfreund oder einen früheren Fußballtrainer? Hat er ausnahmsweise mal die Zeit vergessen?

Sie überlegt, Anne anzurufen und zu fragen, wann Christoph in Köln aufgebrochen ist, aber sie hat keine Lust, mit Anne zu telefonieren und sie hat noch weniger Lust darauf, dass Anne den Rest des Abends alle halbe Stunde anrufen wird.

Oder hat sie Christoph nicht richtig zugehört? Hat er gesagt, dass er direkt zu dem Termin führe, den er mit einem Kollegen vom Institut hat? Ich komme sofort zurück, hat Christoph gesagt, weil ich mit Martin verabredet bin. Vielleicht sitzt Christoph schon längst mit Martin in irgendeiner Kneipe und hat sein Handy nicht an oder hört es nicht?

Katharina holt ihr Handy und drückt die beiden Tasten, die Christophs Nummer aktivieren. Er nimmt nicht ab. Sie schreibt ihm, dass sie vielleicht etwas falsch verstanden hätte, sich aber nun Sorgen mache – er solle sich bitte melden! Er meldet sich nicht.

Sie glaubt nicht, dass er direkt mit dem Auto zu der Verabredung gefahren ist. Ein kleiner Unfall, denkt Katharina. Eine Schürfwunde an der Stirn, vielleicht ein Schleudertrauma. Nichts Gravierendes. Aber zur Sicherheit haben sie ihn ins Krankenhaus gebracht. Und nun sitzt er da irgendwo, in einem langen Gang und darf nicht telefonieren. Oder kann jeden Moment aufgerufen werden. Zum Röntgen oder um einen Verband angelegt zu bekommen.

Es ist nun acht Uhr und sie schaltet den Fernseher an, vielleicht ist ja doch etwas Größeres passiert. Der Euro und ein Autozulieferer, der pleitezugehen droht, und ein Atomkraftwerk in Tschechien, das angeblich viel unsicherer ist als alles, was in Japan herumsteht.

Sie würde jetzt am liebsten Wein trinkend und rauchend mit Mechthild telefonieren. Aber sie möchte alle Verbindungswege frei halten. Vielleicht hat Christoph sein Handy verloren, dann wird er auswendig nur die Festnetznummer wissen.

Sie darf nicht telefonieren, sie sollte auch keinen Wein trinken – aber was kann sie unter diesen Umständen abhalten zu rauchen? Sicherlich nicht die Tatsache, dass sie vor drei Jahren damit aufgehört hat.

Der Zigarettenautomat steht schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite. Sie stellt das Telefon auf die lauteste Stufe, sie hat genug Münzgeld, sie lässt die Tür offen stehen und dann hat sie keine Karte dabei, die sie als Erwachsene identifiziert, die brauchte man vor drei Jahren noch nicht. Es sind zwanzig Meter bis zur Heerstraße und dort ist direkt auf der Höhe der Kreuzung ein Kiosk. Sie wird da jetzt hingehen, sie wird die Tür offen lassen, und wenn jemand einbricht und wenn das Telefon klingelt und sie nicht abnehmen kann und wenn sie nie wieder aufhören kann zu rauchen – dann ist das alles Christophs Schuld!

Niemand bricht ein und niemand hat angerufen. Nach einem Feuerzeug sucht sie vergeblich, aber Streichhölzer findet sie, und als sie auf dem Balkon an die Hauswand gelehnt steht, denkt sie, bestimmt ist überhaupt nichts passiert – außer dass ich idiotischerweise wieder mit dem Rauchen anfange!

Es schmeckt nicht, es wird ihr auf eine unangenehme Weise schwindlig, aber trotzdem hat Katharina das Gefühl, dass es ihr gut tut.

Sobald sie die Zigarette ausgedrückt hat, geht sie in die Küche. Im Kühlschrank liegt eine Zucchini, auch Tomaten. Christoph wird sich freuen, wenn sie ihn mit einem warmen Essen begrüßt. Als sie den fein gewürfelten Knoblauch vom Schneidebrett in ein kleines Glasschälchen umfüllen will, stößt sie mit dem Messer gegen das Glas. Das helle Klirren lässt sie an ihr Handy denken. Sie schaut auf das Display und kann nicht glauben, dass das Signal für eingehende Nachrichten ausgeschaltet ist.

»Habe mich idiotisch in eine Sache verrannt und brauche ein bisschen Zeit, da wieder rauszukommen. Mach dir nicht zu viel Sorgen – bin weder spielsüchtig, noch habe ich eine Straftat begangen und untreu war ich dir auch nicht. C.«

Was soll das, denkt sie, wählt verärgert Christophs Nummer und bekommt mitgeteilt, dass der Teilnehmer gerade nicht erreichbar sei.

Sie versucht es erneut, sie schreibt ihm auch, dass sie keine Ahnung habe, was das solle und später, dass sie diese Aktion unglaublich blöd fände. Er solle aufpassen, dass er bei seiner Ankunft nicht über eine nach Wein und Zigarettenqualm stinkende Freundin stolpern würde und er solle es unbedingt unterlassen, ihr deswegen irgendwelche Vorwürfe zu machen.

Am nächsten Morgen denkt sie für einen langen Moment, dass ihr gravierendes, aber vorübergehendes Problem darin besteht, dass sie furchtbare Kopfschmerzen hat. Dann erinnert sie sich und steht auf, um nach Christoph zu sehen, ob er sich in seinem Zimmer aufs Sofa gelegt hat. Sie flucht vor sich hin und bildet sich ein, dass eine Geräuschlosigkeit in dem kleinen Haus liegt, die ihr, bevor sie auch nur eine Tür geöffnet hat, schon verrät, dass er nicht da ist.

Was bin ich für ein Idiot, denkt sie und nimmt in der Küche eine Kopfschmerztablette und direkt noch eine zweite. Auf dem Küchentisch liegen die Zigaretten, sie wirft die nur noch halb volle Packung in den Abfalleimer. Auf dem Handy ist keine neue Nachricht.

Katharina liest die alte und versucht über den Text nachzudenken, aber sie denkt an eine andere Frau. Sie verflucht sich selbst, den billigen Rotwein und Christoph und fragt sich, warum Christoph so eine Nachricht schicken sollte, wenn es um eine andere Frau ginge. Das könnte er doch viel einfacher haben. Er könnte einen Tag oder auch zwei in Köln bei seiner Schwester und Finn bleiben. Anne geht es gerade nicht so gut. Anne braucht meine Hilfe. Natürlich. Und natürlich würde Anne ihm jedes Alibi geben, das er haben wollte. Und wenn Anne eine Grippe hätte oder eine Magenverstimmung oder irgendein anderes Stimmungstief, dann könnten auch schnell drei oder vier Tage daraus werden.

Sie geht ins Badezimmer, und während das heiße Wasser auf ihre Kopfhaut und ihre Schultern prasselt, kommt ihr die Situation auf einmal ganz unspektakulär vor. Christoph braucht eine Auszeit. Wahrscheinlich hat es überhaupt nichts mit ihr zu tun, sondern mit seinen unklaren Jobs oder Perspektiven oder mit dieser ständigen Hin- und Herfahrerei mit Finn. Wahrscheinlich will er nur mal in Ruhe über sein Leben nachdenken. Die Aufregung, der Ärger, auch die Nachrichten, die sie auf Christophs Mailbox gesprochen hat – das alles ist ihr nun ein bisschen peinlich.

Während ihr Blick auf Christophs Handtuch mit der Werder-Raute fällt, beschließt sie, ihm das zu sagen. Die Mailbox ist jetzt ausgeschaltet, also schreibt sie ihm. Dass die Situation seltsam sei, dass sie keine Ahnung habe, was mit ihm los sei, aber dass sie gestern wohl trotzdem etwas übertrieben habe und dass ihr das nun leidtue. Meld dich mal!, schreibt sie und löscht es dann wieder, bevor sie die Nachricht abschickt. Wenn Christoph Ruhe braucht, soll er sie bekommen.

Fred hat bereits den Tapeziertisch auf dem Bürgersteig aufgebaut, als Katharina im Antiquariat ankommt.

Ach Fred, begrüßt ihn Katharina. Bald bezahlst du mich nur noch fürs Nichtstun! Sie nimmt ihm die Bücherkiste ab, die er gerade nach draußen bringen will, und stellt sie so ab, dass für Fred der Zugriff auf die anderen Kisten blockiert ist. Du machst aus mir einen alten Mann, sagt Fred. Du hast eine viel zu gute Meinung von mir, entgegnet Katharina, ich brauche dringend einen Kaffee und möchte nicht, dass du deine Zeit mit Kistenschleppen verplemperst.

Fred kichert und wendet sich der Kaffeemaschine zu, die in dem kleinen Raum so überdimensioniert wirkt, als würde auf einem Karussell ein echtes Motorrad stehen.

Katharina hat er vor zwei Wochen nicht nur einen Kaffee, sondern seinen ganzen Laden angeboten und Katharina weiß nicht, was sie davon halten soll. Ob sie das Angebot, das ein echtes Geschenk zu sein scheint, annehmen kann. Oder will. Sie ist sich sicher, dass Fred keinerlei Hintergedanken damit verbindet und schämt sich, dass sie das manchmal dann doch für möglich hält. Zumal ihr noch nicht einmal einfällt, was er von ihr wollen könnte. Dass sie ihn pflegt, wenn er einmal alt und gebrechlich ist?

Ich stelle mir das so vor, hatte Fred gesagt: Alles bleibt, wie es ist. Wir arbeiten beide wie gewohnt, nur dass du etwas mehr Geld verdienst als bisher! Ich wünsche mir, dass das Antiquariat so lange wie möglich erhalten bleibt. Aber du entscheidest. Es soll dir kein Klotz am Bein sein!

Fred war klar, dass sie darüber nachdenken musste, dass sie überrascht war, aber Katharina befürchtet, dass er nicht so recht verstehen kann, warum sie ihm nicht allmählich zusagt. Sich bedankt. Obwohl sie weiß, dass er genug Geld hat. Das Haus, in dessen Erdgeschoss sich der Laden befindet, gehört Fred – so wie drei oder vier weitere Häuser. Große Häuser mit zahlreichen Mietern. Es ist eben eine höchst individuelle Form von Autorenförderung, hat Fred gesagt. So ist es jedenfalls gemeint. Wäre es dir lieber, wenn ich dich jeden Monat mit tausend Euro sponserte? Und du hier nicht zu arbeiten bräuchtest? Da hätte Katharina fast eingeschlagen.

Jetzt fragt sie sich, ob die Kaffeebohnen während des Mahlvorgangs immer so laut gegen das Gehäuse springen oder ob etwa schon die Wirkung der Schmerztabletten nachlässt.

Würdest du sagen, beginnt Fred, jedes Wort einzeln betonend, würdest du sagen, dass es sinnvoll ist, die Entstehung von Kunst, von Literatur den Märkten zu überlassen, wenn diese schon nicht in der Lage sind, mit so etwas Unbeseeltem wie Banken fertig zu werden?

Katharina nimmt eine neue Kiste, aber das beendet Freds Redelust kein bisschen. Natürlich wäre eine Stiftung eleganter. Aber dafür habe ich nicht genug Geld und nachher entscheidet sich die Kommission, die es dann natürlich geben müsste, für jemand anderen – das wäre doch wirklich ärgerlich, oder?

Katharina trägt die Kiste mit Taschenbüchern für zwei Euro raus. Kaum ist sie wieder im Laden, redet Fred weiter. Ich halte das für meine beste Idee seit Langem. Er strahlt Katharina so begeistert an, dass ihr ganz unangenehm zumute wird.

Christoph ist verschwunden, sagt sie dann und freut sich, als Fred den Themenwechsel sofort akzeptiert.

Wohin?, fragt er. Verschwunden, wiederholt Katharina. Verschwunden bedeutet: Ich weiß nicht, wo er ist.

Und was weißt du?

Katharina holt das Handy aus ihrer Jackentasche und drückt Christophs Nachricht auf das Display. Hier, sagt sie. Das weiß ich. Also eigentlich nichts. Aber vielleicht habe ich ja etwas übersehen. Vielleicht enthält der Text eine versteckte Information. Vielleicht fällt dir etwas auf?

Fred liest und schüttelt dann den Kopf. Ich glaube nicht, dass das irgendetwas zu sagen hat, außer dass es vermutlich die Verfehlungen sind, von denen er annimmt, dass sie dir als Erstes einfallen – oder dass sie dich am meisten beunruhigen. Untreue, Spielsucht, Kriminalität – das hätte ich ihm gar nicht zugetraut.

Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, sagt Katharina. Gestern hat es mich vollkommen verrückt gemacht, als wäre etwas wirklich Schlimmes passiert, heute Morgen kam es mir dann so vor, als wäre es ein kleines Rätsel, ein Kurzurlaub, ein Ausflug, den Christoph sich erlaubt und gerade bin ich mir wieder vollkommen unsicher, ob ich mir nicht doch Sorgen machen sollte?

Ein Rätsel – das gefällt Fred! Es ist genau das, was dir gefehlt hat. Unklarheiten, Beunruhigung, etwas Abenteuer – überhaupt Bewegung.

Für einen Moment denkt Katharina, als sie nach Hause kommt, dass durch den schmalen Streifen Glas in der Haustür das Deckenlicht schimmert, aber es ist nur eine Spiegelung. Keine Lampe brennt und kein Christoph ist im Haus, der sie angemacht haben könnte.

Auf dem Anrufbeantworter ist eine Nachricht von Martin, dem Kollegen, mit dem Christoph gestern verabredet war. Sehr freundlich. Dass es offenbar ein Missverständnis gegeben hätte. Er hätte gedacht, sie seien gestern Abend verabredet gewesen. Er rufe vor allem an, damit Christoph nicht heute oder morgen wiederum auf ihn warte. Oder ob er das bereits gestern getan hätte? In einer anderen Kneipe? Er, Martin, wäre sich sicher gewesen, dass sie im Karo verabredet gewesen wären. Ach, wie auch immer. Christoph solle sich einfach melden. Aber vielleicht komme er ja auch heute noch ins Institut.

Dann eine weitere Nachricht, von Anne. Hi Chris, du hast das vielleicht noch gar nicht bemerkt, aber dein Handy ist die ganze Zeit ausgeschaltet. Rufst du mich an?

Und nochmals Anne: Chris, was ist denn los bei dir? Du warst gestern schon so komisch und hast mir versprochen, dass du dich meldest, wenn du zu Hause bist. Hast du das vergessen?

Anne weiß auch nichts, denkt Katharina erleichtert und beunruhigt zugleich. Vielleicht rufe ich sie nachher doch mal an.

Sie geht in die Küche und betrachtet missmutig die Teetasse, die immer noch auf dem Tisch steht und auf Christoph zu warten scheint. Auf dem Boden der Tasse sieht sie einen dunklen Schimmer, den der schwarze Tee offenbar verursacht hat. Sie überprüft auch die Tassen im Hängeschrank. Alle haben diesen leichten Schimmer, der ihr bisher noch nicht aufgefallen war. Alle kommen in die Spülmaschine.

Die Nudeln von gestern wärmt sie in der Mikrowelle und geht mit dem heißen Teller auf den Balkon. Das Telefon klingelt, als sie gerade einen Schluck Wasser nehmen will, und sie springt so hektisch auf, dass das Wasser überschwappt und auf den Nudeln landet.

Sie hatte gehofft, dass es Christoph ist, sie hatte mit Anne gerechnet – aber tatsächlich ist es Christophs Freund Georg.

Er ist nicht da und ich weiß auch nicht, wann er wiederkommt, sagt sie und natürlich versteht Georg das auf genau die Weise falsch, die sie erhofft hatte.

Ob sie wisse, wo Christoph seine abgelaufene Werder-Dauerkarte habe. Sie hätten miteinander vereinbart, dass er, Georg, die neuen Karten besorge, morgen wolle er zum Stadion, das Vorkaufsrecht laufe Ende der Woche aus. Katharina verspricht, nach der Karte zu schauen, nein, auch telefonisch könne sie Christoph gerade nicht erreichen, würde sich aber melden, falls sie nichts fände. Wenn er nichts von ihr höre, könne er die Karte morgen abholen kommen.

Christophs Arbeitszimmer ist noch kleiner als Katharinas, dafür liegt es zum Hof hin und man hört kaum mal ein Geräusch von der Straße. Damit hat Christoph begründet, warum er lieber dieses Zimmer möchte. Katharina glaubt, dass er ihr das bessere Arbeitszimmer überlassen wollte, weil sie mehr Zeit am Schreibtisch verbringt. Oder überwiegend am Schreibtisch verbringt und nur zwischendurch aufsteht und aus dem Fenster auf die ruhige Seitenstraße schaut. Weil sie sich einbildet, dass sich in ihrem Kopf nur dann etwas bewegt, wenn sie sich ganz real bewegt.

Während Katharinas Blick langsam durch Christophs Arbeitszimmer wandert, Wand für Wand im Uhrzeigersinn, fragt sie sich, ob das normal ist, dieser selbstverständliche, völlig mühelose Respekt, den sie bisher gegenüber Christophs Privatsphäre hatte. War es Integrität oder Gleichgültigkeit oder vielleicht die Gewissheit, dass es hier nichts zu finden gäbe, das die Kosten einer solchen Übertretung lohnte? Stöbern andere in den Unterlagen ihrer Liebsten? Wäre das normal oder findet dieses ständige heimliche Lesen von Kurznachrichten und E-Mails nur in Filmen statt?

Katharina setzt sich auf Christophs Schreibtischstuhl, regungslos, als könne der Platz, der so sehr sein Platz ist, Erkenntnis ermöglichen, Einfühlung. Aber dann fällt ihr ein Fernsehkommissar ein, der das immer macht, und sie kommt sich lächerlich vor.

Stattdessen öffnet sie die oberste Schublade des schwarzen Containers, der unter seinem Schreibtisch steht, was Christoph nicht schön, aber praktisch findet. Auf einem dünnen Stapel Papier liegt ein gefalteter Karton. Grün und weiß. Die Werder-Dauerkarten.

Der Teller mit den Nudeln steht noch immer auf dem Balkon, Katharina hatte ihn vergessen. Unappetitlich schwimmen die Nudeln in der wässrigen Soße. Katharina öffnet den Mülleimer und sieht die Zigarettenpackung darin liegen. Feucht geworden sind sie nicht. Ob Bakterien durch eine geschlossene Packung gelangen? Sie ärgert sich, dass sie von so vielem nur Kindervorstellungen hat. Sollte sie über Bakterien nicht besser Bescheid wissen? Heute wird sie daran nichts ändern und heute wird sie nicht rauchen! Wenn Christoph sich bis morgen Mittag immer noch nicht gemeldet hat, wird sie sich eine neue Packung kaufen. Ohne jeden Skrupel.

Heute wird sie einen Krimi anschauen und noch einen und vielleicht noch einen dritten. Sie wird ständig Christophs spöttisches Gesicht vor sich sehen und sie wird sagen, was sie immer sagt, dass sie das entspannt.

Katharina schaltet den Fernseher ein und sieht Nachrichten. In Asien gibt es eine Überschwemmung, Hunderte Tote, und sie zwingt sich, erst weiterzuschalten, als der Beitrag beendet ist. Es ist ein Deal – sie schaut sich das Elend in der Welt an, wenn sie zufällig hineingerät, und dafür verzichtet sie auf Vorwürfe, wenn der Anblick der im Fluss treibenden Leichen sie kaum berührt. Ihr eigentlich nur auf eine Weise Unbehagen bereitet, über die sie nicht weiter nachdenken möchte.

Wenn mindestens vier Jahre vergangen sind, seit Katharina einen Krimi gesehen hat, kann sie ihn erneut sehen – ohne zu wissen, wie er ausgegangen ist. Sie erinnert sich dann manchmal an Details oder auch an ein Ende, aber sie ist sich nie sicher, ob es das tatsächliche Ende ist, oder das Ende, das sie damals erwartet hat. Der Krimi, den sie heute sieht, ist von 2002 und Katharina hält es für möglich, dass es bereits die zweite Wiederholung ist, die sie sieht. Christoph hat zugegeben, dass er sich selbst an Ergebnisse von Werder-Spielen aus der vergangenen Saison nicht unbedingt erinnern kann. Jedenfalls nicht auf Anhieb. Aber wenn er die ersten fünf Minuten sähe, dann schon.

Als es an der Haustür klingelt, fühlt sich Katharina für einen winzigen Moment gestört und dann durchzuckt sie der Gedanke, es ist Christoph. Aber warum sollte er klingeln, den Schlüssel wird er noch haben. Nein, er ist es bestimmt nicht, denkt sie während des Aufstehens und noch vor Erreichen der Wohnzimmertür dann wieder, er ist es doch, er will mich nicht erschrecken, es ist schließlich kein normales Nachhausekommen.

Vor der Tür steht Georg, dem mittlerweile eingefallen ist, dass er ja auch den Mitgliedsausweis braucht, und der Christoph zu gerne zu einem Bier überredet hätte, wenn er denn jetzt vielleicht wieder da wäre. Katharina bittet ihn herein, Georg möchte eigentlich nicht, dann klingelt das Telefon, Katharina stürzt los, Georg schließt hinter sich die Tür. Es ist nicht Christoph, sondern Anne, und Katharina geht mit dem Hörer zurück in den Flur, in dem Georg nun steht, sieht ihn an und sagt zu Anne ins Telefon: Christoph ist verschwunden. Ich rufe dich gleich zurück.

Georg weiß nichts von Christophs Aufenthaltsort, er weiß auch nichts von irgendwelchen Problemen, aber er findet, dass Christoph sich verändert hat. Wie, fragt Katharina ihn, wie hat er sich verändert. Positiv, sagt Georg. Wenn er jetzt nicht weg wäre, würde ich sagen, positiv. Er kam mir erwachsener vor. Ich habe ihn darum beneidet. Klarer. Verantwortungsbewusster. Als wisse er, was er wolle in seinem Leben, wo es hinführen solle. Finn tut ihm gut, habe er mehrfach gedacht. Ja, wahrscheinlich hätten die Veränderungen mit Finn zu tun.

Ist mit Finn denn alles in Ordnung?, fragt er dann und sieht Katharina ratlos und auch etwas vorwurfsvoll an, weil sie auf diese Frage keine Antwort hat. Wenn mit Finn etwas wäre, hätte sich Anne mit Sicherheit schon früher gemeldet. Ich würde da mal dranbleiben, sagt Georg und verabschiedet sich.

Nur ein einziges Klingeln, dann ist Anne am Apparat. Was ist denn eigentlich los bei euch, fragt sie und Katharina ärgert sich über den anmaßenden Ton und fragt zurück, was an Christoph komisch gewesen sei, als er Finn zurückgebracht hat. Eine Weile sagen beide nichts. Katharina wird klar, dass aus Annes Sicht ein Konflikt zwischen ihr und Christoph die plausibelste Erklärung für fast alles ist, was Christoph betrifft. Wir hatten keinen Streit, sagt sie dann. Ich habe jedenfalls nichts davon bemerkt.