Wiedersehen - Joachim Zelter - E-Book
Beschreibung

In mitreißend-komischen Bildern zeichnet Joachim Zelter – bekannt durch seinen Roman 'Schule der Arbeitslosen' – eine grotesk-aufschreckende Vision von Schule und Gesellschaft: zwischen Casting- und Samstagabendshow, zwischen Zirkus, Varieté, Panoptikum. Eine 'schöne neue Welt', die in ersten Anzeichen bereits heute schon Wirklichkeit ist.

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Joachim Zelter

Wiedersehen

Novelle

Für Gisela

Nicht für das Leben,sondern für die Schule lernen wir.

Irgendwann beschlossen sie, sich wiederzusehen: Thorsten Korthausen, der Deutschlehrer, und sein ehemaliger Schüler Arnold Litten. Beide betrachteten einander als Meilensteine ihres Lebens. Für Arnold war sein früherer Deutschlehrer ein Lieblingslehrer, weit über allen anderen Lehrern, so wie für Korthausen sein ehemaliger Schüler zweifellos ein Lieblingsschüler gewesen war. Sie hielten sich in bleibender Erinnerung: der Schüler den Lehrer, der Lehrer den Schüler.

Wenn sie dennoch mehr als zwanzig Jahre einander nicht mehr gesehen hatten, so geschah das in einem Gefühl wechselseitiger Befangenheit, die umso größer wurde, je mehr bei beiden eigentlich die Sehnsucht reifte, sich nach so vielen Jahren endlich einmal wiederzusehen.

Zum Abitur hatte Korthausen ihm noch einen Brief geschrieben: Welch famoses Gegenüber sein Schüler ihm all die Jahre gewesen war. Wie wunderbar sich beide während des Unterrichts die Bälle zugespielt hatten. Dass er noch nie von einem Schüler so viel profitiert und gelernt hatte. Sollte Arnold je seinen Rat brauchen oder einfach nur Lust auf ein Glas Wein haben, er sei ihm jederzeit willkommen. Jederzeit.

Und so entschlossen Arnold auch war, seinen Lehrer irgendwann einmal zu besuchen, so sehr vergingen wiederum die Jahre, in denen ihn der Mut dazu immer mehr verließ.

Bis eines Tages Korthausens Stimme auf Arnolds Anrufbeantworter war. Aus dem Nichts. Arnold konnte es kaum glauben, doch es war die Stimme seines ehemaligen Lehrers, und dies in einer Vertrautheit und Selbstverständlichkeit, als hätten sie gestern noch miteinander gesprochen.

»Hier Thorsten Korthausen.«

Er war es tatsächlich.

Er wolle sich endlich einmal bei ihm melden und ihm sagen, wie erfreut er über all das sei, was man von Arnold so höre. Das sei ja allerhand. Und es sei ihm in der Tat eine Genugtuung, einiges davon schon während seiner Schulzeit geahnt, vielleicht sogar ein wenig dazu beigetragen zu haben. Das wolle er einfach einmal sagen.

Arnold war völlig elektrisiert, allein schon Korthausens Stimme zu hören, nach so vielen Jahren. Und dazu noch diese warmen Worte. Und es war Arnold, der sich nun an seinen Schreibtisch setzte und an Korthausen einen langen Brief schrieb, einen Brief, den er schon seit Jahren hatte schreiben wollen. Jetzt endlich schrieb er ihn.

Er habe in der Tat lange nichts von sich hören lassen, viel zu lange, obgleich er sich eigentlich die ganze Zeit habe melden wollen – aber er habe es dann immer wieder aufgeschoben. Das sei zweifellos ein großes Versäumnis. Er möge das bitte nicht als Ausdruck von Gleichgültigkeit verstehen, sondern als reine Befangenheit. All die Jahre sei er, Korthausen, für ihn weit mehr als nur ein ehemaliger Lehrer gewesen; vielmehr der entscheidende Lehrer, der ihn nicht nur die Literatur, sondern die Sprache überhaupt hatte lieben gelehrt. »Was mehr als das kann ein Lehrer für seinen Schüler tun?« Und: »Seit einigen Jahren bin ich nun selber Lehrer, oder wenigstens eine Art von Lehrer, und wann immer ich in meinem Unterricht spreche, dann höre ich in meiner Stimme die Echos Deiner Stimme, die ich in Deinem Unterricht aufgesogen und zeitlebens in meiner Erinnerung bewahrt habe …«

In diesen Worten schrieb er ihm, und er schickte den Brief auch ab. Doch es dauerte noch einmal zwei Jahre, bis sie tatsächlich das erste Mal miteinander telefonierten. Ein Aufschrei – als Korthausen Arnolds Stimme am Telefon hörte. Dass er sich nach so langer Zeit bei ihm melde. Das sei ja großartig. Eine wunderbare Überraschung. Wie es ihm gehe? Wo er wohne? Was er mache? Sturzbachartig waren die Fragen und die Antworten. Korthausens Stimme klang genauso wie früher, über alle Maßen freundlich und anteilnehmend, an manchen Stellen auch amüsiert. Was immer Arnold auch sagte oder erzählte, Korthausen war mit seiner ganzen Aufmerksamkeit bei ihm: Er fragte, er staunte, er lachte, er lobte. Arnold berichtete – im Telegrammstil – von seinem Studium, seinem Magister, seinem Doktor, von Kafka und den neusten Forschungen der Germanistik …, und Korthausen reagierte darauf in einer Mischung aus Anerkennung und Begeisterung, aber auch mit dem Eingeständnis, dass er diese neusten Entwicklungen nur noch vage aus der Ferne verfolge – während für Arnold all das, was er an der Universität nun machte, eigentlich nur Fortsetzungen dessen waren, was Korthausen ihm damals alles auf den Weg gegeben hatte: an Aufgeschlossenheit und Geistesgegenwart und so vielem mehr. Woraufhin Korthausen erwiderte: Das sei ja völlig übertrieben. Doch Arnold bestand darauf, das alles einmal auszusprechen, spätestens jetzt, und Korthausen schien nun ernsthaft berührt.

Stundenlang unterhielten sich die beiden. Jeder von ihnen öffnete zur Feier des Abends eine Flasche Wein, und sie tranken und sprachen bis weit nach Mitternacht – keiner wagte es, das Gespräch abzubrechen.

Man endete mit der Feststellung, dass sie nun nicht mehr umhinkämen, sich endlich wiederzusehen. Schon sehr bald. Nach all den Jahren. Korthausen sprach von seinem Haus mit reichlich Platz. Gästezimmer zuhauf. Unbedingt solle er an einem Freitag kommen. Und das ganze Wochenende bleiben. Für Wein und gutes Essen werde gesorgt. Gerne würde er noch einige Leute dazuladen, vor allem Lehrer und Kollegen aus seiner jetzigen Schule. Später musste Korthausen gestehen, dass er diese Gäste nur deshalb einlud, weil er sie unbedingt mit Arnold zusammenführen wollte. Arnold zu Ehren. Und umgekehrt: auch den anderen Gästen zu Ehren. Weil es ihm ein Anliegen war, ihnen mit Arnold einen ganz besonderen Menschen vorzustellen. Nachdem er seinen Kollegen schon so oft und ausgiebig von ihm berichtet hatte: Was für ein herausragender Schüler er früher einmal gewesen war. Und was aus ihm in der Zwischenzeit geworden sei. Soviel Eitelkeit müsse erlaubt sein, so Korthausen.

»Darf ich meine Freundin mitbringen?«

»Wie bitte?«

»Ob ich meine Freundin mitbringen darf?«

Zwei Tage später hatte er noch einmal bei Korthausen angerufen, um ihn das zu fragen. Er wollte ihr unbedingt seinen wunderbaren Deutschlehrer vorstellen. Da er ihr in der Vergangenheit immer wieder von ihm erzählt hatte. Noch bevor Korthausen und er überhaupt miteinander telefoniert hatten. Und sie kaum glauben konnte, dass es solche Lehrer ernsthaft geben könnte. An ihrer Schule jedenfalls gab es weit und breit keine derartigen Lehrer. Also wollte er sie mitnehmen, und Korthausen hatte nichts dagegen. Im Gegenteil. Er sollte sie ruhig mitbringen. Er selbst habe auch schon reichlich eingeladen: nicht nur Lehrerkollegen, sondern auch Schüler und sonstige Leute. Alle schon sehr neugierig und gespannt. Der Abend schien mit jedem weiteren Telefonat immer noch voller zu werden. Dieser Kollege noch, und jener Künstler. Darunter auch einige wirkliche Skurrilitäten. Kleine menschliche Oasen. Und das entsprach ganz Korthausens Vorlieben, seiner Freude an außergewöhnlichen Menschen. Je ausgefallener, je ungewöhnlicher, desto besser.

Arnold reiste mit dem Auto, Anna, seine Freundin an seiner Seite, und es fiel ihm nun auf, dass eine solche Kombination womöglich befremdlich sein könnte: Arnold und eine Freundin. Warum jetzt plötzlich eine Freundin? Könnte Korthausen vielleicht denken. Oder das sogar offen fragen. War doch früher, während Arnolds Schulzeit, von Freundinnen nie die Rede gewesen. War er doch immer ein Einzelwesen gewesen: aus gutem Grund mit sich selbst allein, ohne eine Freundin. Jetzt also eine Freundin – das war wie aus einer anderen Welt.

Er erzählte ihr, so wie er lange nicht mehr erzählt hatte. Was Korthausen für ein Lehrer gewesen war. Unter welchen Umständen er seine Klasse (eine wirklich schwierige Klasse) übernommen hatte. Dass das keine gewöhnliche Schule gewesen war, die er besucht hatte, sondern ein Internat, in dem sich die aberwitzigsten Schüler versammelt hatten: Schulversager, Scheidungskinder, Mathematikverweigerer … Und, und, und … Schüler, die für die Ausnahmen bestimmt waren, und für keine Regel. Alles ausnahmebedürftige Wesen, die nur in Ausnahmen existieren konnten – an einem Ausnahmeort wie an dieser Schule.

Ihr aller Schreckwort hieß Staatsschule. Nicht Internat, denn man war ja schon im Internat, sondern Staatsschule. Wenn ein Schüler völlig aus dem Ruder lief, dann drohte man ihm mit der Staatsschule. Das klang wie Straflager, Sibirien – oder das Ende aller Möglichkeiten – und Unmöglichkeiten. Zumindest das Ende aller Ausnahmen.

Der Ausnahmelehrer Korthausen kam also an eine Ausnahmeschule voller Ausnahmeschüler. Er kam direkt von der Staatsschule, und das machte ihn zunächst einmal gefährlich, oder zumindest verdächtig. Warum sollte ein Staatsschulenlehrer freiwillig an eine solche Schule kommen? Ob dieser Mensch wahnsinnig ist? Oder völlig ahnungslos? Doch er wollte tatsächlich zum neuen Schuljahr kommen.

Er kam im Gefolge zahlreicher Umzugswagen, die man vor seinem Haus gesichtet hatte. Sie kamen von weither, aus Hamburg und anderen Städten des Nordens. Ein ganzer Lastwagen war anscheinend nur für den Transport seines Weinkellers bestimmt. Und das machte Eindruck. Da kommt ein Lehrer mit rollenden Weinkellern. Spezialgekühlt. Lastwagenladungen ausgesuchter Weine.

Von Anfang an war er ein Begriff. Ein Mann von Welt. In Amerika oder England studiert. Während seines Studiums sogar Reservetorwart beim HSV. Promoviert. Belesen. Von weit herkommend. Allein nur der Transport seines Weinkellers. All das hielt ihn im Gespräch, bevor er das Schulgelände überhaupt betrat.

An einem Montag stand er dann vor seiner neuen Klasse. Vor lauter ausnahmebedürftigen Schülern. Eine Ansammlung von Aufsässigkeit und Lustlosigkeit. Und man ließ ihn sogleich ins Leere laufen. Die Klasse ignorierte ihn. So wie man jeden neuen Lehrer erst einmal ins Leere laufen ließ. Zwei Schüler spielten Schach. Andere Poker oder Skat. Wie in einer Bahnhofskneipe. Da kommt einer rein und glaubt, das sei von irgendeiner Bedeutung. Man müsse sogleich aufschauen und ihn begrüßen. Doch die Klasse ignorierte ihn.

Er öffnete das Fenster und stellte sich vor: »Korthausen. Thorsten Korthausen.« In einem nasalen, norddeutschen Akzent. Wie ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt, der einen ins Sprechzimmer ruft. Und er wollte dann mit seinem Deutschunterricht beginnen – nur dass man ihn völlig ignorierte. Höchststrafe für jeden neuen Lehrer.

Das sei ja ziemlich aussichtslos.

»Was?«

Die Stellung von Schwarz.

Er meinte das Schachspiel, das er nun betrachtete. Die beiden Schüler saßen immer noch über ihrem Spiel, während Korthausen sich dazugestellt und bemerkt hatte, wie aussichtslos die Stellung von Schwarz sei. Ohne Dame und ohne Springer. Ziemlich verfahren. Die Partie wohl verloren. Keine zwanzig Züge gebe er Schwarz.

Es war Kühne, der sich nun umdrehte.

»Glauben Sie?«

»Ja.«

»Dann probieren Sie es aus.«

Sollte Korthausen die Partie für Weiß doch zu Ende spielen. Korthausen setzte sich und spielte für Weiß. Während Kühne sich an die andere Tischseite setzte und für Schwarz weiterspielte. Korthausen schien vom Schachspielen etwas zu verstehen. Er spielte wirklich gut. Doch er hatte keine Ahnung, gegen wen er da spielte. Gegen Kühne. Wenn Kühne etwas konnte, dann war es Schachspielen. Er hatte schon zahlreiche Lehrer in Grund und Boden gespielt. Matt in sechzehn Zügen. Blitzschach, Simultanschach, Einer-gegen-alle-Schach.

Die beiden waren bereits mitten im Spiel. Weiß in der Attacke – Schwarz in Hinhalte- und Ausweichmanövern. Freundlich lächelnd. Die ganze Klasse saß um die beiden herum. Man hörte Wetten, die abgegeben wurden. Zehn Mark auf Korthausen. Denn die Stellung von Schwarz war wirklich aussichtslos, und Korthausen spielte gar nicht schlecht. Er brachte die Überlegenheit von Weiß mit all seinen Figuren zur Geltung, während Schwarz zurückwich, Figuren abtauschte, an manchen Stellen Raum schuf, an anderen Orten die Lage immer weiter verkomplizierte. Die Taktik von Schwarz. Die Dinge immer weiter zu verkomplizieren.

Korthausen saß nun nach vorne gebeugt. Er brauchte für jeden weiteren Zug immer noch mehr Bedenkzeit. Denn welchen Zug er auch machte, die Partie wurde immer verworrener: Bedrohung, Gegenbedrohung, Gegengegenbedrohung … Irgendwann war seine Überlegenheit nur noch numerisch, für den Fortgang der Partie fast folgenlos – die zentralen Figuren seines Spiels schienen gebunden oder durch andere Figuren verstellt. Gebunden und verstellt – und das brachte ihn zunehmend aus dem Takt. Schon über eine Stunde saßen sich die beiden gegenüber. Als wären sie bereits eine Ewigkeit in diesem Spiel – oder wenn nicht in diesem Spiel, dann bereits im nächsten Spiel. Spiel auf Spiel. Und vielleicht war das genau Korthausens Absicht gewesen, ein Bild stoischer Vertrautheit herzustellen, die Schüler zu beruhigen, sie einerseits abzulenken und sie zugleich an ihn zu gewöhnen. Ablenken und gewöhnen. So saßen sie sich gegenüber. In wechselseitiger Versunkenheit und zunehmender Vertrautheit.

Bis Korthausen das Spiel irgendwann verloren gab. Er sagte das ohne jede Einschränkung, voller Hochachtung: Wie Schwarz sich aus der Affäre gezogen habe. Chapeau. Eine geniale Leistung. Die beiden Deutschstunden waren schon vorbei, doch alle saßen noch um das Schachspiel versammelt. Korthausens hanseatischer Tonfall war im ganzen Klassenzimmer zu hören: Was da gerade passiert sei. Mit welcher Taktik Schwarz eine aussichtslose Partie noch gedreht habe. Genial, atemberaubend, fulminant.