WIICCI - Das Erbe der Drachenreiter - Tara McGhee - E-Book
Beschreibung

Die Erde in einer nicht allzu fernen Zukunft: Vor Noleya liegt die Reise ihres Lebens. Und an deren Ende wird niemals wieder etwas so sein, wie sie es kannte. Dunkle Schatten ziehen über ein kleines, beschauliches Dörfchen in den Bergen. Minuten später liegt es in Schutt und Asche. Die Bewohner sind tot - bis auf Noleya. Es waren Drachen, die ihr alles genommen haben. Drachen, auf denen Reiter saßen. Voller Verzweiflung begibt sie sich in die Wüste, um ihr Dorf zu rächen. Doch in der Wüste erwarten sie nicht nur gefürchtete Gegner und neue Freunde. Ein Geheimnis, lange in ihrem Inneren verborgen, kommt zutage. Und dann ist da noch Kitsune - ihre beste Freundin, von der sie glaubte, sie wäre ebenfalls im Feuer umgekommen. In der Gläsernen Stadt entfachen prickelnde Gefühle, erwachen Ängste und Geheimnisse werden gelüftet. Begeben Sie sich mit Noleya auf eine Reise durch eine fremde Welt, in der die Drachen zurückgekehrt sind.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl:155

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Inhalt

Titelblatt

WIICCI - Das Erbe der Drachenreiter

Impressum

 

Tara McGhee

 

 

WIICCI

-

Das Erbe der Drachenreiter

 

He, pass doch auf!« Noleya wich lachend zurück. Die Wassertropfen beschrieben einen Bogen; das Licht der Sonne brach sich darin und ließ für einen Moment die Illusion eines Regenbogens entstehen. Dann fielen sie herab und benetzen Noleya im Gesicht und auf den Armen. Das Nass war angenehm kühl, eine Wohltat an diesem heißen Sommertag.

»Nun hab dich nicht so! Ein kleines Bad wird dir ganz gut tun. Eine Erfrischung gefällig?« Von neuem stob Kitsune mit beiden Händen in das Flusswasser und ließ es aufspritzen.

Noleya taumelte, mehr vor Überraschung als vor Schreck, rückwärts. »Aua!«, schrie sie, als sie mit dem Fuß gegen einen Stein schlug und umknickte. Mit den Armen rudernd landete sie in dem Flussbett.

»Sag ich doch: Du brauchst eine kleine Abkühlung!« Kitsune stand kichernd neben ihr und hielt sich den Bauch vor Lachen. »Ich bin ja froh, dass du das jetzt endlich eingesehen hast.«

Noleya lachte mit der Freundin und sah zum Himmel hinauf. Die Schmerzen waren vergessen. Doch auch ihre Fröhlichkeit schwand mit jedem Herzschlag. Nirgendwo war eine Wolke zu entdecken. Der Himmel war blau, makellos, und obwohl es unmöglich war, schien es ihr, als gäbe es die Sonne mit einem Male doppelt. Egal wohin sie schaute, überall stand dieser rote Feuerball und sendete seine sengenden Strahlen zur Erde hinab.

Wie lang hielt diese Dürreperiode mittlerweile an? Drei Mondphasen? Fünf? Noleya vermochte sich nicht mehr genau daran erinnern, wann das letzte Mal Regenwolken über Albia gezogen waren und ihre Fracht hatten fallen lassen. Sie wusste nur, dass es zu lange her war. Selbst der Fluss, der sonst ein reißender Strom war, war zu einem traurigen Rinnsal zusammengeschrumpft. Er war noch immer breit, etwa drei Manneslängen, aber an seiner tiefsten Stelle kaum kniehoch. Und genau dort saß sie jetzt. Sie meinte sich zu entsinnen, dass sie früher darin nicht hatte stehen können. Früher. Wie lange war das her? Wann kehrte endlich der Regen zurück?

Noleya betrachtete sich auf der spiegelnden Oberfläche, erkannte eine braun gewordene Wasserpflanze, die sich in ihrem goldfarbenen Haar verfangen hatte, und zog sie mit spitzen Fingernägeln heraus. »Du hattest doch Hunger, nicht wahr?«, erkundigte sie sich bei Kitsune. Kitsune, mit ihr war sie aufgewachsen. Sie waren wie Schwestern und konnten sich nicht daran entsinnen, jemals getrennt gewesen zu sein. »Hier, fang!«, rief sie der Frau zu, die gerade die Schwelle zum Erwachsenwerden betreten hatte, und warf ihr die verdorbene Pflanze entgegen.

»Ist das eklig.« Kitsune kicherte und sprang zur Seite. »Na warte, das zahle ich dir heim!« Sie griff mit beiden Händen in das Wasser hinein, schien etwas an dessen Grund zu suchen und hielt mitten in der Bewegung inne.

»Was tut ihr da?«, donnerte eine Stimme, die so mächtig war, dass selbst die Bäume vor ihr erzitterten.

Noleya blieb stocksteif stehen. Ihr Herz klopfte wie wild. Was hatte sie nun wieder angestellt? Sie zog den Kopf zwischen die Schulterblätter. Erst dann drehte sie sich langsam herum. »Nichts, Papa.« Noleya lächelte und watete zu dem Mann am Ufer. »Wir haben nur gespielt.« Sie drückte ihm einen Kuss auf die Wange und strich über sein schütteres Haar.

»Man könnte meinen, ihr wäret kleine Kinder«, tadelte er.

Das Zucken seiner Mundwinkel entging Noleya nicht. Er konnte nicht lange wirklich böse sein und dafür liebte sie ihren Vater. Er hatte sie allein großgezogen und trotz der Sorgen niemals seine innere Jugend verloren. Wahrscheinlich hätte er mit ihnen noch im Schlamm getollt, wären die anderen Bewohner von Albia nicht gewesen, um sich über ihn lustig zu machen.

»Ich brauche dich in der Schmiede.« Seine Hände packten nach den ihren und umschlossen sie zur Gänze.

Der Duft verbrannten Holzes stieg Noleya in die Nase. »Ich komme sofort«, erklärte sie und wandte sich dann Kitsune zu. »Mein Vater braucht mich«, rief sie der Freundin zu. »Kommst du mit der restlichen Wäsche allein klar?«

Kitsune warf einen Blick auf den Berg Kleidungsstücke, der ungewaschen am Ufer thronte. Eine Zornesfalte bildete sich zwischen ihren Augenbrauen und ließ sie älter wirken, als sie in Wahrheit war. Es war eine Menge Arbeit, die da vor ihr lag und wahrscheinlich würde sie nicht vor Sonnenuntergang damit fertig werden, doch Kitsune nickte. Endlich hellte sich ihre Miene auf. »Und was ich bis zum Abendessen nicht fertig habe, das übernimmst du«, sagte sie und lachte.

Hier drin war es heißer als in der Mittagssonne draußen. Rauchschwaden füllten den Raum und das Atmen fiel ihr schwer, gerade so, als ob sich ein eiserner Ring um ihre Brust gelegt hätte.

Die Kohlen in der Feuerstelle waren noch fast schwarz und damit nicht heiß genug. Wie schon tausende Mal zuvor, übernahm Noleya den Blasebalg. Der Schweiß rann ihr nach wenigen Minuten über den Leib und die Lohe züngelte nach mehr Nahrung. Diese Aufgabe war die ihre, schon seit Kindesbeinen an. Zu gern hätte sie selbst einmal etwas geschmiedet und wäre es noch so klein. Doch ihr Vater meinte stets, dass es keine Arbeit für Mädchen sei, und ließ sich nicht davon abbringen. Vielleicht, wenn er einmal auf Reisen war? Noleya verwarf den Gedanken wieder. Er würde es spätestens bei seiner Rückkehr merken und von ihr enttäuscht sein. Sie konnte ihm einfach nichts verheimlichen.

»Das machst du sehr gut.«

Er riss sie damit aus den Gedanken. Ihr Vater, der Dorfschmied, schaute nicht zu ihr hinüber und doch wusste sie, dass seine Worte ernst gemeint waren. Nie verschwendete er Atem für unnütze Reden, aber wenn ihm etwas gefiel, dann sparte er nicht mit Lob.

Noleya lächelte und strengte sich sogleich noch mehr an, das Feuer zu schüren. In wenigen Tagen wollte der Prinz des Landes Dobad vorbeikommen, um sein neues Schwert in Empfang zu nehmen. Es war für ihren Vater eine Ehre, solch eine bedeutende Waffe zu schmieden, das wusste sie. Wie oft hatte er das sich in seinen Träumen gewünscht? Wie oft hatte sie ihm des Nachts zugehört, wenn er im Schlaf gesprochen hatte? Dieses Schwert musste etwas Besonderes werden. Und das würde ihrem Vater mit Sicherheit gelingen.

»Noleya, kannst du noch Holz holen?«, erkundigte er sich, während er ein Stück Eisen mit dem Hammer bearbeitete.

»Sehr gern, Papa.« Noleya war froh, der Hitze des Feuers zu entkommen, selbst wenn es nur für wenige Minuten war.

Sie beeilte sich in dem Wissen, dass sich ihr Vater immer einen Sohn gewünscht hatte. Doch nachdem ihre Mutter bei ihrer Geburt gestorben war, hatte er sich keine neue Frau gesucht. Ein wenig war sie genau deswegen stolz auf ihn. Er brauchte kein Hausmütterchen an seiner Seite. Seine Kleidung wusch er als einziger Mann im Dorf allein - sehr zu Kitsunes Freude. Essen konnte er besser zubereiten, als manche Ehefrau, die den ganzen Tag nichts Besseres im Sinn hatte, mit den Nachbarinnen zu tratschen. Ihr Vater war etwas ganz Besonderes.

Mitten im Schritt machte sie einen Hüpfer. Sie fühlte sich mit ihm frei und froh und jederzeit gut beschützt. Vielleicht, so überlegte Noleya, würde sie sogar eines Tages die Schmiede ihres Vaters übernehmen, wenn sie sich nur recht anstrengte und ihm bewies, dass sie stark sein konnte wie ein Junge.

Sie stapelte das Holz auf einen Arm und winkte dann Kitsune zu, deren Gesicht inzwischen ebenso gerötet war wie die Glut der Kohlen.

»Ich möchte gern mit dir tauschen«, rief sie Noleya zu, doch diese schüttelte den Kopf.

Sie lächelte, schloss die Augen für einen Moment und legte den Kopf in den Nacken. Welches Glück sie mit ihrem Vater hatte! Wäre er nicht, so müsste sie ebensolche Hausarbeiten übernehmen, wie es alle Mädchen in ihrer Gemeinschaft taten. Tagein, tagaus Wäsche zu waschen, das stellte sie sich als schwere Arbeit vor. Lieber stand sie am Ofen und fütterte die Flammen.

»Ich frage mich, wer mich zur Wäscherin des ganzen Dorfes gemacht hat«, beklagte sich Kitsune, als sie nicht weitersprach, und tauchte ein Hemd in den Fluss.

»Wir alle müssen unser Erbe annehmen«, sagte Noleya und lachte.

»Du hast gut reden. Nicht jeder hat so einen Sonderposten wie du inne. Du solltest neben mir stehen und waschen und keine Männerarbeit erledigen«, fluchte Kitsune weiter, während Noleya wieder die Hütte betrat. Ihr Vater mochte bei vielen Dingen Nachsicht walten lassen, doch Trödelei dudelte er keinesfalls.

»Da bist du ja wieder.« Es zischte und weißer Qualm füllte die Hütte, als er das geschmiedete Stück ins Wasser tauchte. Mit einer Zange zog er es wieder empor. »Die Klinge ist beinahe fertig. Würdest du sie für mich schleifen? Ich muss noch einiges am …« Die letzten Worte sprach er nicht mehr aus. Für alle Ewigkeiten würden sie unausgesprochen bleiben, doch das wusste Noleya nicht, als ein Donnern erklang, das die Erde erzittern ließ.

Sie rannte aus der Hütte, schaute instinktiv in den Himmel, aber konnte dort keine Gewitterwolken erkennen. Nichts hatte sich in den letzten Minuten verändert. Die Sonne stand nach wie vor da oben und schickte ihre Strahlen herab. Ein Mädchen rannte an ihr vorbei. Es schrie. Noleya konnte nicht verstehen, was sie sagte und bevor sie es danach zu fragen vermochte, war es in einer Hütte verschwunden.

Sprachlos stand Noleya vor ihrer Hütte. Jetzt erst wurde sie all den Menschen gewahr, die umherrannten. Ziellos. Verwirrt. Sie ließ den Stapel Holz fallen, unfähig, sich nur eine Kieselsteinlänge zu bewegen. Ihr Blick huschte umher, versuchte in das Gesehene einen Sinn zu bekommen. Erfolglos. Erst, als ein ohrenbetäubendes Krachen zu vernehmen war, erwachte sie aus ihrer Starre. Schützend hielt sie die Hände über den Kopf und rannte in die Mitte des Dorfplatzes, um besser sehen zu können.

»Noleya! Komm zurück!« Sie hörte ihren Vater rufen, doch es war zu spät. Flammen leckten vom Himmel, verschlangen alles, was sich ihnen in den Weg stellte. Sie konnte nicht erkennen, woher dieser Feuersbrunst kam. Noleya drehte sich auf der Stelle. Nur ihr Unterbewusstsein schrie danach, dass sie laufen, sich verstecken musste. Doch gab es ein Versteck, wenn der Himmel einstürzte?

Wieder züngelte eine Lohe, traf die Hütte einer Witwe, die ihrem Vater schöne Augen bereitet hatte. Binnen eines Herzschlages war sie verschwunden. An dessen Stelle ragten die Reste kohlrabenschwarzer Balken wie ein Skelett aus der Erde. Rauch stieg von ihnen auf, der Noleya im Hals kratzte. Sie fiel auf die Knie nieder und schlug die Hände vor den Mund. Sie hatte diese Frau nicht leiden können, aber deswegen wünschte man niemandem solch ein Ende.

Augenblicke verstrichen, in denen sie nichts um sich herum wahrnahm; bis ein kleiner Junge auftauchte und sie sprichwörtlich über den Haufen rannte.

»Mama!«, kreischte dieser, stolperte über einen Tonkrug, den jemand liegengelassen hatte, und fiel der Länge nach hin. Er stand nicht wieder auf, sondern trommelte weinend mit den Fäusten auf den Boden.

Noleya stand auf, taumelte auf ihn zu. Sie musste ihm helfen. Wo war seine Mutter? Warum kam sie nicht? Hatte sie ihr Kind im Stich gelassen?

Nur noch wenige Schritte trennten sie und den Jungen, den sie zwar kannte, dessen Name ihr aber beim besten Willen nicht einfallen wollte.

»Kleiner, steh auf«, sagte sie, so ruhig, wie es ihr möglich war.

»Noleya! Lauf!«

Sie sah auf und drehte sich ruckartig herum. Es war ihr Vater, der mit unverhohlener Panik in der Stimme geschrien hatte. Lächelnd winkte sie ihm zu. »Es ist alles in Ordnung. Ich glaube, ihm ist nichts ...«

Rot. Hitze. Rote Hitze. Ein heißer Wind, der ihr den Atem nahm.

Noleya roch versengte Haare und stellte fest, dass es ihre eigenen waren, die sich dunkel kräuselten. Verständnislos strich sie über ihren Zopf, der nur noch halb so lang war, wie vor einem Moment. Träumte sie? »Papa, ich ...« Sie blickte in seine Richtung und verstummte. Es war ein Traum. Es musste ein Traum sein! Noleya sank auf die Knie. Dort, wo er vor Augenblicken gestanden hatte, befand sich nicht mehr als verbrannte Erde. Dieser Anblick ... Er war ihr schon früher einmal begegnet. Ein Früher, das nur wenige Augenblicke zurücklag und das doch Jahre entfernt war. Früher hatte ihr Vater noch gelebt. Früher hatte ihre Hütte existiert. Sie glich jetzt dem Nachbargebäude, ein in sich zusammengebrochenes, schwarzes Skelett.

Noleya blickte von der einen Hütte zur anderen, konnte keinen Unterschied entdecken und wusste in diesem Moment nicht mehr, wo sie einst gelebt hatte.

Das Knistern der Flammen riss sie aus ihrer Lethargie. Hinter den Hütten, am Rande des Waldes, hatten Bäume und Sträucher Feuer gefangen, leckten nun nach immer mehr Nahrung.

»Vater!«, kreischte sie und wusste zugleich, dass er sie nicht hören konnte; dass er ihr nie wieder antworten würde. Sie spürte die brennende Feuchtigkeit auf ihren Wangen, die Tränen, die ihr die Sicht verschleierten. Die Sonne! Die Sonne, sie musste vom Himmel gestürzt sein!

Noleya lief auf die Ruine zu, wollte retten, was nicht mehr zu retten war, und wich angesichts der Hitze, die dort herrschte, zurück. Unschlüssig blieb sie stehen, schaute nach links und rechts und erkannte weitere Dorfbewohner, die um ihr Leben rannten.

»Papa ...« Von Neuem tat sie einen Schritt auf die Reste der Hütte zu und hob schützend die Arme vor das Gesicht. Er konnte unmöglich überlebt haben und doch hoffte sie, dass er sich irgendwo hatte verstecken können. Er war Hitze gewöhnt, redete sie sich ein. Er musste solch einen Feuerstrahl aushalten! Schließlich hatte er nur einen Atemzug lang gedauert. »Papa!«

Keine Antwort. Nur das Prasseln des Feuers und die Stimmen der anderen Dorfbewohner waren zu hören.

Noleya starrte in die Flammen, versuchte darin ihr Liebstes zu erkennen, was längst verloren war.

Eine Ewigkeit stand sie vor den Trümmern ihres Lebens, bis sie es schaffte, sich von diesem Anblick zu lösen. Dann wandte sie sich dem Fluss zu, lief, so schnell die Beine sie tragen konnten. Sie stolperte, fing sich und rannte weiter. »Kitsune! Kitsune!«

Mitten im Lauf blieb sie stehen. Die Wäsche lag noch an ihrem Platz, aber Kitsune war verschwunden. Sekunden vergingen, in denen sie die Umgebung mit Blicken absuchte. Erfolglos. Schließlich eilte sie weiter, hoffte, die Freundin flussaufwärts im Wäldchen zu finden.

Jemand griff nach ihrem Arm und zog sie mit sich. Wieder strauchelte sie, fiel und rappelte sich sogleich auf. Der Mann, den sie als den Fischer Arned erkannte, wollte weiterlaufen, doch Noleya hielt ihn fest. »Wo ist Kitsune?«, schrie sie ihn an.

»Tot!«, kreischte er. »Sie sind alle tot!« Dann trat das Weiß in seinen Augen hervor und er stürzte, wie vom Blitz getroffen, zu Boden.

»Komm hoch!« Sie zerrte an seinen Sachen, ein Ärmel riss unter der Belastung.

Arned strampelte auf dem Boden, als würde er noch immer rennen.

»Oh, Arned.« Noleya zitterte, als sie erkannte, dass sie für ihn nichts mehr tun konnte. Vor einigen Monden, was ihr jetzt wie eine Ewigkeit erschien, hatte er um ihre Hand angehalten. Sie hatte ihn nicht gewollt und tagelang ihren Vater bekniet, bis er ihre Meinung akzeptiert hatte. Der Fischer war älter als der Schmied, auch wenn in seinen Augen noch immer der schelmische Ausdruck der Jugend stand. Noleya mochte ihn, doch ob seiner jugendhaften Ausstrahlung war er dennoch ein alter Mann gewesen, in den sie sich hätte niemals verlieben können. Arned hatte ihre Entscheidung vom ersten Moment an akzeptiert. Noch eher, als es ihr Vater getan hatte. Nun lag dieser freundliche Mann auf der Erde und schien sich in diese eingraben zu wollen, um dem Schrecken zu entgehen.

»Lauft um euer Leben!«, schrie ein Mütterchen mit schwacher Stimme und humpelte an ihnen vorbei.

Noleya sah der einzigen Heilerin ihrer Gemeinschaft nach und ließ von dem Fischer ab. Wohin sie auch blickte: Häuser in Schutt und Asche. Menschen lagen tot oder sterbend auf dem Boden, wandten sich unter den Schmerzen, die die Brandwunden verursachten.

Ein Schatten schob sich vor die Sonne und verfinsterte das Szenario, sodass Noleya die Geschehnisse nun wahrhaft wie ein Traum erschienen.

Selbst Arned hielt in seiner Bewegung inne, als müsse er nachschauen, was sich am Himmel tat. Vermutlich tat er dies für immer.

Noleya beschattete ihr Augen mit der Hand, taumelte einen Schritt zurück, fiel über den reglosen Leib des Fischers und fand sich im Staub wieder. Das konnte nicht möglich sein! Das war schier unmöglich! Laut pulsierte das Blut in ihren Ohren, als sie das Wesen zu erkennen glaubte.

Größer, als ein Dutzend Hirsche zusammen; Schuppen, die seinen Körper zur Gänze bedeckten, glänzten in einem Matten schwarz. Augen, so grün wie das Herz des Waldes, blickten voll Bosheit hinunter auf das Dorf. Und es waren seine gewalteigen Schwingen, die die Sonne verdunkelten.

Noleya schauderte und legte sich neben Arned, in der Hoffnung, der Drache würde sie nicht entdecken.

»Arned, wir müssen weg von hier«, flüsterte sie und rüttelte zugleich an seiner Schulter.

Doch seine Augen blickten ins Leere, kein Atem drang über seine Lippen. Er war bereits geflohen. In eine Welt, in die Noleya ihm nicht folgen wollte.

Noleya zog die Beine an, umschlang sie mit den Armen und weinte. Lautlos, um das Ungeheuer nicht auf ihre Spur zu lenken und dennoch benetzen ihre Tränen bald den Boden. Lange konnte sie hier nicht liegen bleiben. Sie musste laufen, um ihr Leben rennen, bevor der heiße Atem des Drachen sie erwischte.

Doch trotz des Wissens war es ihr unmöglich, sich zu bewegen. Sie wollte nicht länger an diesem Ort verweilen, an dem es nur noch den Tod gab und wünschte sich hinfort.

Aber niemand erfüllte ihr dieses Wunschdenken, keine Menschenseele kam ihr zu Hilfe. Sie lag neben dem toten Fischer, dessen Leib sie wie ein Schutzschild benutzte, und verfolgte den Drachen mit ihren Blicken.

Erneut züngelte eine Flamme aus seinem Maul, versengte die Erde und ließ das Wasser im Fluss brodeln. Fische schwammen augenblicklich mit den Bäuchen nach oben, ehe sie von der seichten Strömung davongetragen wurden.

Der Drache brüllte. Die letzte Hütte brach unter dem Beben, das er damit erzeugte, zusammen. Dann schlug er mit den Flügeln, wirbelte die Asche auf und stieg höher in den blauen Sommerhimmel.

Nur allmählich löste sich ihre Starre, und als sich Noleya aufsetzte, wünschte sie, ebenfalls von den Flammen verschlungen worden zu sein. Sie saß inmitten von Trümmern, Asche und Staub. An der Stelle, an der einst der Dorfplatz voll mit Leben war, konnte sie nur die kläglichen Überreste des Brunnens entdecken. Die Vögel waren verstummt, in der Ferne zirpte eine Grille. Nichts war von Albia übriggeblieben. Nichts, als Schrecken und Qual.

Noleya saß da und schaute in den Himmel. Ihr eigener Atem klang unnatürlich laut. Es waren keine Stimmen zu vernehmen. Von ihrem Platz aus konnte sie niemanden sehen, der das Inferno überlebt hatte. Langsam blickte sie sich um, erkannte die Leichen, die unter dem Schutt begraben lagen, und atmete den süßen Duft des Todes ein. Ihr Magen begann zu krampfen, rebellierte gegen die Pein, die man ihrer Seele angetan hatte.