Verlag: Bastei Entertainment Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Wildblumensommer E-Book

Kathryn Taylor  

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E-Book-Beschreibung Wildblumensommer - Kathryn Taylor

Ein unvergesslicher Sommer in Cornwall Zoe steht vor einer schweren Entscheidung: Eine hochriskante OP soll ihr Leben retten. Spontan beschließt sie noch einmal nach Cornwall zurückzukehren, denn dort erlebte sie vor vierzehn Jahren ihr größtes Glück - und ihren schlimmsten Albtraum. Nun endlich will sie die Geheimnisse jenes Sommers klären. Erneut trifft sie auf ihre große Liebe Jack, erneut schöpft sie Hoffnung auf ein Leben an seiner Seite. Aber die Schatten der Vergangenheit drohen auch ihre Zukunft zu zerstören ... Große Gefühle vor traumhafter Kulisse - der neue Roman von Spiegel-Bestsellerautorin Kathryn Taylor - jetzt vorab digital lesen!

Meinungen über das E-Book Wildblumensommer - Kathryn Taylor

E-Book-Leseprobe Wildblumensommer - Kathryn Taylor

Inhalt

Cover

Über die Autorin

Titel

Impressum

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Über die Autorin

Kathryn Taylor begann schon als Kind zu schreiben – ihre erste Geschichte veröffentlichte sie bereits mit elf. Von da an wusste sie, dass sie irgendwann als Schriftstellerin ihr Geld verdienen wollte. Nach einigen beruflichen Umwegen und einem privaten Happy End ging ihr Traum in Erfüllung: Bereits mit ihrem zweiten Roman hatte sie nicht nur viele begeisterte Leser im In- und Ausland gewonnen, sie eroberte auch prompt Platz 2 der Spiegel-Bestsellerliste.

Ihre Trilogie Daringham Hall über große Gefühle und lang verborgene Geheimnisse auf einem englischen Landgut etablierte sie endgültig in der Riege sicherer Bestsellerautorinnen.

Kathryn Taylor

WILDBLUMEN-SOMMER

Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Originalausgabe

Copyright © 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Ann-Kathrin Schwarz, Köln

Titelabbildung: © shutterstock/Maxim Kovich; shutterstock/Samburova Maria, shutterstock/Scisetti Alfio; shutterstock/Mrs. Opossum

Umschlaggestaltung: Sandra Taufer, München

eBook-Erstellung: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-7325-3993-2

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

1

Zoe rannte den schmalen gewundenen Pfad entlang über die grünbewachsenen Hügel und blieb erst stehen, als sie die Ruine des Steinturms am Rand der Klippen erreicht hatte. Völlig außer Atem hielt sie sich ihre stechenden Seiten und sah aufs Meer hinaus.

Die Sonne ging gerade auf, und die Luft war noch kühl, auch wenn Zoe die Wärme bereits spüren konnte, die der Tag bringen würde. Es roch nach Salz und den Wildblumen, die hier überall wuchsen, und der Duft erinnerte sie daran, wie oft sie schon mit Jack hier draußen gewesen war. Es war ihr geheimer Treffpunkt, der Ort, an den sie gingen, wenn sie allein sein wollten, und Zoe hatte gehofft, dass sie ihn hier finden würde. Doch sie entdeckte ihn nirgends, und ihre Verzweiflung wuchs.

Wo konnte er nur sein? Sie musste dringend mit ihm sprechen und hatte schon überall nach ihm gesucht. Aber er war weder in der Pension noch auf der Farm und auch sonst nirgends zu finden.

»Jack?«, rief sie, so laut sie konnte, und lauschte angestrengt, aber außer dem Rauschen der Wellen, die unten an den Gezeitenstrand schlugen, war nichts zu hören.

Erschöpft lehnte Zoe sich mit dem Rücken an die Steinmauer und rutschte daran herunter. Sie war so durcheinander, glücklich und unglücklich zugleich, und sie würde platzen, wenn sie Jack nicht bald fand und ihm sagen konnte, dass sie mit ihm nach Kanada gehen würde.

Zuerst war es nur einer seiner verrückten Pläne gewesen. Jack Gallagher war voller Ideen, er sprudelte über davon – und genau das war es, was Zoe so an ihm liebte. Doch er war kein Träumer, sondern ein Macher, er setzte um, was er sich vornahm, und jetzt war er fest entschlossen: Er wollte raus aus Cornwall, das ihm zu klein geworden war, und endlich etwas von der Welt sehen. Die Papiere hatte er bereits zusammen, und auch genug Geld für den Anfang. Bald schon sollte es losgehen, in nicht einmal zwei Wochen, und er wollte, dass Zoe mit ihm kam.

Jack, dachte sie und spürte, wie ihr Herz sich zusammenzog vor lauter Sehnsucht, obwohl sie ihn erst vor ein paar Stunden zuletzt gesehen hatte. Er war ihre große Liebe, und sie war jetzt bereit, etwas dafür zu wagen. Denn es würde schwierig werden, ihren Vater davon zu überzeugen, dass es ihr ernst war. George Bevan hielt nichts von Jack, der als Farmerssohn in seinen Augen nicht gut genug war für seine Tochter. Von Anfang an war ihr Vater gegen die Beziehung gewesen, und auch wenn Zoe in ein paar Tagen achtzehn wurde und dann tun konnte, was sie wollte, graute ihr ein bisschen vor den Auseinandersetzungen mit ihm. Ihre Mutter würde ihr vermutlich keine Hilfe sein. Sie stellte sich selten gegen ihren Mann, aber Zoe hatte gehofft, dass wenigstens ihr Bruder auf ihrer Seite wäre. Chris war gut mit Jack befreundet und wusste, was Zoe für ihn empfand.

Doch als sie Chris gestern Abend um Rat gefragt hatte, war seine Reaktion ganz anders ausgefallen als erwartet. Anstatt sie zu bestärken, hatte er ihr vorgeworfen, dass sie egoistisch sei und nicht daran denke, was es für die Familie bedeutete, wenn sie mit Jack wegging. Und er hatte gesagt, dass man im Leben eben nicht immer machen könne, was man wolle. Zoe war von seiner Reaktion furchtbar enttäuscht gewesen und hatte ihn angeschrien, dass er feige sei und sich bevormunden lasse von ihrem Vater, der ihr Leben für sie beide vorgezeichnet hatte, bevor sie wütend aus dem Zimmer gestürmt war. Erst in den Stunden danach, in denen sie sich in ihrem Bett gewälzt und über alles nachgedacht hatte, war ihr klar geworden, dass etwas anderes hinter Chris’ abweisender Reaktion stecken musste. Er verhielt sich sonst nie so, und sie nahm sich vor, ihn noch mal darauf anzusprechen und herauszufinden, was mit ihm los war. Aber erst musste sie Jack finden und ihm sagen, was sie beschlossen hatte. Denn egal, wie Chris dazu stand oder wie sehr ihr Vater wetterte – sie würde auf jeden Fall …

Zoe hob den Kopf, als ein Geräusch an ihr Ohr drang. Es war nur ganz leise über dem Rauschen der Wellen zu hören, aber es klang wie Stimmengewirr. Offenbar waren Leute unten in der Bucht.

Neugierig stand sie auf und ging das kurze Stück bis an den Rand der Klippe. Eine Sicherung gab es hier nicht, nur drüben am Hauptstrand, deshalb konnte sie direkt hinunterblicken auf den schmalen, von massigen Felsbrocken durchzogenen Sandstreifen. Er war sonst breiter, aber die Flut hatte eingesetzt, und das Wasser eroberte immer mehr davon, würde bald alles überspülen und erst bei Ebbe wieder freigeben.

Um diese Zeit, kurz bevor das Meer sich den Strand einverleibte, hielt sich normalerweise niemand mehr dort auf. Doch jetzt wimmelte es da unten vor Leuten, die in der Nähe eines großen Felsens etwas entdeckt zu haben schienen. Zoe versuchte auszumachen, was es war, und als es ihrem Gehirn endlich gelang, das Bild richtig zu deuten, sog sie scharf die Luft ein.

Jemand lag regungslos da unten im Sand, die Arme und Beine seltsam verdreht. Unmittelbar in der Nähe hielten sich mindestens ein Dutzend Menschen auf. Einige von ihnen trugen Polizeiuniformen, und sie liefen hin und her wie Ameisen, riefen sich gegenseitig etwas zu, das Zoe von ihrem Platz aus nicht verstand. Aber sie begriff, was das alles bedeutete. Offenbar war jemand von hier oben abgestürzt. Jemand, der eine Jeans trug. Und eine dunkle Lederjacke, die aussah wie Jacks …

Zoe schlug das Herz plötzlich bis zum Hals. Sofort wandte sie sich um und rannte zu der Stelle hinüber, von der aus man über einen schmalen, steilen Weg hinunter zum Strand gelangte. An dessen Ende waren Stufen in die nackten Steine geschlagen, die so rutschig waren, dass sie mehrfach beinahe ausglitt. Endlich kam sie unten an und lief blindlings auf die Leute zu, kämpfte sich durch den zähen nassen Sand, der sie nur quälend langsam vorankommen ließ. Die Brandung war jetzt lauter, genau wie die Stimmen der Helfer.

»Jack!«, rief sie immer wieder, und ihr Magen krampfte sich zusammen bei dem Gedanken, dass er es sein könnte, der dort lag. Bitte, lass es jemand anderes sein, flehte sie innerlich und rannte noch schneller.

Ihr Rufen schien bis zu den Leuten zu dringen, denn jemand löste sich aus der Gruppe und kam auf sie zu. Seine Silhouette wirkte vertraut, und als er nah genug war, erkannte sie seinen Gang und das rotbraune Haar …

»Jack!« Eine Welle der Erleichterung durchflutete sie, und sie flog ihm entgegen, fiel ihm um den Hals. »Ich dachte, du bist es«, stammelte sie und vergrub das Gesicht an seinem Hals, atmete seinen vertrauten Duft ein. Ihr Herzschlag beruhigte sich nur langsam.

Jack hielt sie einen langen Moment ganz fest, doch dann löste er sich wieder von ihr und starrte zurück zu der Stelle, wo die Leute standen.

»Ich hab ihn gefunden«, sagte er mit belegter Stimme, und Zoe schluckte, während sie seinem Blick folgte.

»Ist er von der Klippe gestürzt?«

Jack nickte. Er war leichenblass, und sein Gesicht wirkte wie versteinert.

Instinktiv trat Zoe ein bisschen näher an ihn heran und legte die Hände auf seine Brust, wollte ihn trösten und suchte doch gleichzeitig Schutz bei ihm. Er trug nur ein T-Shirt, und ihr fiel wieder ein, warum sie gerade noch solche Angst gehabt hatte.

»Ich war oben auf der Klippe und dachte, du würdest hier unten liegen.« Ein Schauer lief ihr über den Rücken. »Weil die Jacke, die er anhat, so aussieht wie deine.«

Sie reckte sich und versuchte, irgendetwas zu erkennen, aber die Leute verstellten ihr die Sicht. Was vermutlich ganz gut war, denn sie hatte noch nie einen Toten gesehen, und wenn der Anblick Jack so erschütterte, war sie nicht sicher, ob sie überhaupt näher gehen sollte. Vermutlich würde die Polizei sie ohnehin nicht vorlassen, schließlich war das alles schlimm genug. Sie brauchten keine Gaffer, die sich …

»Es ist meine Jacke, Zoe.«

Jacks Worte ließen sie überrascht aufblicken. Sein Gesicht war noch bleicher geworden, und seine Lippen zitterten.

»Was?«

»Ich habe sie ihm geliehen. Er war gestern bei mir, ganz spät noch, und er hatte keine dabei, deshalb habe ich sie ihm gegeben.«

Zoe schüttelte langsam den Kopf, weil sie nicht begriff. »Wem hast du sie gegeben?«

Es war die Art, wie er sie ansah. Die Leere in seinem Blick.

»Es tut mir so leid, Zoe.«

Plötzlich war ihr eiskalt.

»Nein!« Sie schüttelte den Kopf, heftiger jetzt, und versuchte, sich an ihm vorbeizudrängen. Doch er hielt sie zurück.

»Zoe, nicht!«

Mit einer heftigen Bewegung riss sie sich von ihm los und rannte an dem Mann vorbei, der gerade dabei war, ein Absperrband zu ziehen.

»Hey!«, rief er ihr nach, doch sie achtete nicht auf ihn, drängte sich auch an den anderen Leuten vorbei nach vorn, ließ sich nicht aufhalten. Bis sie vor dem Körper stand, der leblos im Sand lag.

Ihr Kopf war wie in Watte gepackt, und sie konnte nicht denken. Jemand schrie, hoch und schrill, und erst einen Augenblick später wurde ihr klar, dass sie selbst es war. Sie schrie, immer wieder, bis keine Luft mehr in ihren Lungen war und sie auch keine mehr holen konnte. Dann sackten ihre Beine weg. Sie spürte Arme, die nach ihr griffen, doch sie konnten sie nicht halten. Sie entglitt ihnen, fiel in tiefe, bodenlose Schwärze …

»Tut mir leid, dass Sie warten mussten.«

Abrupt setzte Zoe sich auf und starrte Dr. Kashrani an, der eben hereingekommen war und nun hinter seinem Schreibtisch Platz nahm. Er lächelte, als er ihren Gesichtsausdruck sah.

»Habe ich Sie erschreckt? Das wollte ich nicht.«

»Nein, ich … war nur in Gedanken.« Zoes Herz hämmerte, während sie versuchte, die Bilder zu vertreiben, die vor ihrem geistigen Auge aufgetaucht waren. Bilder von jenem schrecklichen Morgen auf den Klippen.

Vierzehn Jahre waren seitdem vergangen, und sie hatte es irgendwann geschafft, nicht mehr so oft daran zu denken. Doch nun drängten die Ereignisse von damals mit Macht zurück in ihr Bewusstsein. Immer wieder spielte ihr Gehirn ihr den Moment vor, der ihr Leben verändert hatte, so als wollte es sie zwingen, sich zu erinnern. Jetzt. So lange es noch ging …

Dr. Kashrani legte die Papiere, die er mitgebracht hatte, vor sich auf den Schreibtisch und schob sie auseinander, betrachtete sie einen Moment. Die Sonnenstrahlen, die durch das Fenster hinter ihm fielen, ließen sein tiefschwarzes, noch sehr volles Haar bläulich schimmern, und Zoe fand, dass er mit seinem dunklen Teint und dem fein geschnittenen Gesicht jünger wirkte als Anfang sechzig. Aber so alt war er, und das musste man vielleicht auch sein, um zu den renommiertesten Neurochirurgen des Landes zu gehören. Arrogant hatte ihn der Ruf, der ihm vorauseilte, jedoch nicht werden lassen, denn sein Lächeln war freundlich und vertrauenerweckend. Doch jetzt gerade lächelte er nicht.

»Die Untersuchungsergebnisse sind wie erwartet ausgefallen, und auch das MRT bestätigt leider meine Vermutung.« Sein leichter Akzent verriet seine indischen Wurzeln und machte seine Stimme melodiös, ließ das, was er aus den Tests folgerte, auf eine merkwürdige Weise unbeschwert klingen. »Wir müssen operieren.«

Also doch, dachte Zoe. Sie hörte das Blut in ihren Adern rauschen. Ihr Herz schlug immer noch viel zu schnell, und sie starrte auf die Kante des Schreibtischs, versuchte, sich zu beruhigen.

»Miss Bevan? Haben Sie mir zugehört?«

»Ja«, erwiderte sie leise. »Ja, natürlich.« Sie holte tief Luft und hob den Kopf, blickte den Arzt an. »Und was ist mit dem anderen Verfahren? Sie sagten, manchmal wäre eine Operation nicht notwendig.«

Er nickte. »Das stimmt. In Ihrem Fall bleibt uns durch die Lage und die Größe des Aneurysmas jedoch keine andere Möglichkeit.«

Zoe schluckte. »Und wenn es schiefgeht?«

Dr. Kashrani lehnte sich zurück, legte die Finger aneinander. »Ein solcher Eingriff birgt Risiken, darüber hatten wir ja bereits gesprochen. Es kann auch während der Operation zu einer Blutung kommen. Aber eine plötzliche Ruptur wäre deutlich gefährlicher. Deshalb sollten wir schnell handeln.«

Zoe starrte ihn an, während sich die Gedanken in ihrem Kopf überschlugen. »Und wenn es gut geht – wie lange wird es dann dauern, bis ich mich von der Operation erholt habe?«

Der Arzt zuckte mit den Schultern. »Schwer zu sagen. Im besten Fall sicher ein paar Wochen. Vielleicht aber auch länger.«

Zoe schüttelte den Kopf. »Das geht nicht«, sagte sie und dachte an die Projekte, an denen sie gerade arbeitete. »Ich kann im Büro nicht so lange fehlen.«

»Ich fürchte, Sie haben keine Wahl«, erwiderte Dr. Kashrani. »In Ihrem Kopf tickt eine Bombe, die jederzeit hochgehen kann. Sie können von Glück sagen, dass wir das Aneurysma überhaupt entdeckt haben. Die meisten bemerken es erst, wenn es zu spät ist.«

Glück?, dachte Zoe und unterdrückte ein bitteres Lächeln. Sollte sie sich etwa darüber freuen, dass sie in der vergangenen Woche mit ihren neuen Pumps umgeknickt und bei dem Sturz so heftig mit dem Kopf gegen den Konferenztisch geprallt war, dass sie sich eine Gehirnerschütterung zugezogen hatte? Und dass die Ärzte im Krankenhaus all die vielen Tests gemacht hatten, bei denen die Gefäßanomalie aufgefallen war? Sollte sie dankbar dafür sein, dass ihr Leben ganz plötzlich ein weiteres Mal aus den Fugen geriet?

»Und wenn ich nichts unternehme?« Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich habe doch bisher auch gut mit dem Ding in meinem Kopf gelebt. Vielleicht platzt es ja gar nicht.«

Dr. Kashrani seufzte. »Letztlich ist das Ihre Entscheidung, und ich verstehe Ihre Bedenken sehr gut. Aber das Aneurysma wird nicht von selbst wieder verschwinden. Sie werden sich dieser Sache stellen müssen, Miss Bevan. Ob Sie wollen, oder nicht.«

Zoe schwieg betroffen, weil sie wusste, dass er recht hatte. Sie konnte nicht so tun, als wäre nichts. Das würde nicht funktionieren. Diesmal nicht.

»Und wann …« Sie räusperte sich, weil ihre Stimme ihr nicht recht gehorchen wollte. »Ich meine, wann würde die Operation stattfinden?«

»Wenn es nach mir geht, so bald wie möglich. Allerdings ist mein OP-Plan schon relativ voll. Warten Sie kurz.« Dr. Kashrani drückte den Knopf der Gegensprechanlage, die ihn mit der Sprechstundenhilfe im Vorzimmer verband. »Alice, würden Sie bitte nachsehen, wann ich Miss Bevan für den besprochenen Eingriff einplanen kann?«

Seine Assistentin bestätigte, dass sie die Anweisung verstanden hatte, und vermeldete kurze Zeit später, dass sie Zoe erst Anfang September, also Ende der kommenden Woche, einen Termin anbieten konnte.

Dr. Kashrani runzelte die Stirn. »Geht es nicht früher?«

»Das ist schon okay«, sagte Zoe, bevor die Sprechstundenhilfe antworten konnte. »Mir … passt das ganz gut.«

Der Arzt musterte sie für einen Moment. »Dann tragen Sie Miss Bevan für Freitagmorgen ein«, bat er Alice und ließ den Knopf der Gegensprechanlage wieder los. »Vielleicht haben Sie recht«, fügte er nach kurzem Nachdenken hinzu. »Sie müssen bestimmt noch einiges regeln.«

Zoe rechnete nach. Knapp zehn Tage blieben ihr dafür nur noch, aber zumindest gab es eine Galgenfrist. Während sie dem Arzt zuhörte, der ihr noch einmal beschrieb, wie der Eingriff ablaufen würde, wuchs jedoch ihre Beklommenheit. Er hatte ihr das alles schon erläutert, als sie sich nach ihrer Diagnose an ihn gewandt hatte, und es klang auch diesmal wieder kompliziert und gefährlich.

Dr. Kashrani konnte ihr offenbar ansehen, wie sehr sie das alles ängstigte, denn als er sie zur Tür begleitete und sich von ihr verabschiedete, blickte er sie verständnisvoll an.

»Ich weiß, wie Sie sich fühlen«, sagte er. »Aber wenn die Operation erfolgreich ist, werden Sie danach ganz normal weiterleben.«

Zoe verzog das Gesicht in der Absicht höflich zu lächeln, doch ihr gelang nur eine Grimasse. Dr. Kashrani war ein sehr fähiger Arzt, schließlich zahlten seine Patienten nicht umsonst horrende Summen für sein medizinisches Urteil. Aber ein »Wenn« war keine Garantie, das wussten sie beide.

»Danke«, sagte sie und gab ihm die Hand. Als sie kurz darauf das Vorzimmer und den Flur mit den hohen, stuckverzierten Decken durchquerte und die Praxis verließ, sah sie nicht zurück.

Draußen auf der Harley Street blieb sie stehen und blickte die schmale Straße entlang. Es war kurz vor zehn Uhr morgens, aber der Himmel war wolkenlos, und es versprach, ein weiterer sehr warmer Augusttag zu werden. Kein so idyllischer Sonnentag wie in den Sommern, die sie mit ihren Eltern in Cornwall verbracht hatte, sondern ein Großstadtsommertag, an dem der Müll stärker stank als sonst und die Autoabgase die Luft flirren ließen. Na ja, nicht unbedingt in diesem Viertel, dachte Zoe und betrachtete die ruhige Straße mit den gepflegten Stadthäusern, in denen traditionell die renommiertesten Ärzte Londons residierten. Die Gegend war Zoe vertraut, sie war mit ihrer Mutter oft hier gewesen, bei sämtlichen Spezialisten für Neurologie. Auch bei Dr. Kashrani – ohne zu ahnen, dass sie bald selbst seine Patientin sein würde …

Der Klingelton ihres Handys drang aus ihrer Tasche, leise nur, aber vertraut genug, dass sie ihn trotz des Straßenlärms wahrnahm. Rasch holte sie das elegante flache Smartphone heraus und sah, dass es ihre Assistentin Maureen war.

»Ich soll Ihnen von Ihrem Vater ausrichten, dass er überraschend auf die Großbaustelle in Winchester fahren musste und vor heute Abend vermutlich nicht zurück ist. Deshalb sollen Sie für ihn um halb elf das Treffen mit den Leuten von Lombardi übernehmen«, berichtete Maureen in dem kühlen geschäftsmäßigen Ton, den sie immer anschlug, wenn es um etwas ging, das George Bevan gesagt hatte. Fast so, als müsste sie etwas von der Härte weitergeben, die häufig in seinen Anweisungen mitschwang.

Zoe blickte auf ihre Armbanduhr. Eine halbe Stunde, mehr blieb ihr nicht. Mit dem Taxi war das zu schaffen, wenn sie sich gleich auf den Weg machte. Aber bei dem Gedanken daran, ins Büro zurückzukehren, fühlte sie plötzlich eine bleierne Müdigkeit.

Sie können nicht einfach weitermachen wie bisher.

»Das geht nicht«, sagte sie, selbst erstaunt über ihre Antwort.

Bis vor Kurzem wäre so etwas noch undenkbar gewesen. Sie hätte alles darangesetzt, pünktlich zu dem Treffen zu erscheinen, weil sie wusste, wie viel Wert ihr Vater darauf legte. Die Firma immer zuerst – das war das Motto von George Bevan, und Zoe war darauf geeicht, es zu befolgen, seit sie nach ihrem Betriebswirtschaftsstudium bei Bevan Constructions eingestiegen war. Sie lebte für die Firma, steckte ihre ganze Energie in die Projekte, die sie betreute. Normalerweise jedenfalls. Aber normal war jetzt nichts mehr.

Sie seufzte. »Ich glaube, ich komme heute gar nicht mehr zurück ins Büro.«

»Was?« Maureen klang fassungslos. »Aber wer soll denn dann …«

»Philipp … ich meine, Mr Freeman kennt das Lombardi-Projekt. Er kann die Präsentation übernehmen«, unterbrach Zoe sie. »Und er soll sich auch bitte um meine anderen Termine kümmern.«

»Aber …«

»Bis dann, Maureen.« Zoe beendete das Gespräch und atmete zitternd aus. Dann steckte sie ihr Handy wieder ein.

Kurz überlegte sie, sich direkt in ein Taxi zu setzen und zurück in ihr Haus in Hampstead zu fahren. Aber sie hatte plötzlich Angst davor, allein zu sein. Deshalb ging sie, einer spontanen Eingebung folgend, in das kleine Café an der nächsten Straßenecke. Es war gut besucht, aber sie fand trotzdem noch einen Platz an einem kleinen Tisch am Fenster.

Als sie gerade bei der Kellnerin eine Tasse Tee und ein stilles Wasser bestellt hatte, klingelte ihr Handy erneut. Diesmal war es Philipp.

»Maureen sagt, du hast alle Termine für heute abgesagt.« Seine tiefe Stimme klang beunruhigt. »Ist was passiert?«

Zoe überlegte für einen Moment, ob sie ihm von ihrer Diagnose erzählen sollte. Eigentlich hätte sie das längst tun müssen, schließlich waren sie verlobt. Aber sie wollte ihn nicht aufregen, und ihren Vater, dem Philipp sicher davon berichten würde, erst recht nicht. Nein, es war besser, wenn sie das mit sich selbst ausmachte. So wie immer.

»Ich … habe starke Kopfschmerzen und fühlte mich nicht gut«, erklärte sie und tröstete sich damit, dass Letzteres zumindest stimmte. »Deshalb fahre ich lieber nach Hause und lege mich hin.«

Philipp schwieg für einen Moment, offenbar ähnlich irritiert wie Maureen. Kein Wunder, schließlich war Zoe in den letzten Jahren nie krank gewesen, hatte höchstens mal ein paar Stunden versäumt, wenn sie sich um ihre Mutter kümmern musste. Erst der Sturz in der vergangenen Woche hatte das geändert, und daran schien Philipp sofort zu denken.

»Vielleicht ist das noch eine Folge der Gehirnerschütterung. Ich habe dir gleich gesagt, dass du länger in der Klinik bleiben sollst.« Er klang jetzt ernsthaft besorgt. »Wo bist du denn? Immer noch bei diesem neuen Architekten in Shoreditch?«

»Ja, genau.« Zoe biss sich auf die Lippe, als er sie an die Lüge erinnerte, mit der sie ihren Arzttermin verschleiert hatte. »Aber ich rufe mir gleich ein Taxi. Würdest du dich auch um den Rest meiner Termine kümmern?«

»Natürlich«, versicherte er ihr sofort. »Ich erledige alles und komme dann heute Abend noch bei dir vorbei. Mein Flieger geht zwar morgen ganz früh, aber das schaffe ich sicher trotz …«

»Nein, schon gut«, unterbrach Zoe ihn hastig. »Das wird viel zu stressig für dich. Ich glaube, ich brauche einfach ein bisschen Ruhe. Dann geht es bestimmt bald wieder. Außerdem musst du doch fit sein für New York.«

Dort würde er für einige Tage geschäftlich unterwegs sein. Wenn er von der Operation erfuhr, würde er hierbleiben, und das wollte sie auf keinen Fall. Er hatte hart für den Deal gearbeitet, den er in New York sehr wahrscheinlich abschließen würde, und er verdiente diesen Erfolg. Deshalb war es besser, sie behielt ihren Zustand für sich.

»Wenn du meinst. Aber melde dich, falls ich etwas für dich tun kann.« Philipp klang immer noch besorgt, aber verständnisvoll. Er war überhaupt sehr zurückhaltend, drängte sich nie auf – etwas, das sie zu schätzen wusste.

Sie wollte auflegen, doch bevor sie sich verabschieden konnte, räusperte er sich noch einmal.

»Zoe, da ist noch was. Ich habe vorhin mit Simon Fielding telefoniert, du weißt schon, der Anwalt dieses Griechen, der an der Villa interessiert ist. Offenbar gibt es da ein Problem, das er gerne mit dir klären möchte.«

Zoes Magen zog sich zusammen.

»Sag ihm, ich melde mich.«

Philipp seufzte tief. »Er meinte, es wäre sehr eilig, Zoe, und dass er schon mehrfach vergeblich versucht hat, dich zu erreichen.«

Das stimmte, wie Zoe sich eingestehen musste. Sie hatte Fieldings Nachrichten von Maureen erhalten, aber stets einen guten Grund gefunden, nicht zurückzurufen. Und wenn die Nummer des Anwalts auf ihrem Handydisplay erschien, war sie nicht drangegangen.

»Ich weiß, du hast Bedenken wegen deiner Mutter, aber die Summe, die dieser Grieche bietet, liegt weit über dem Marktwert, und wir sollten wirklich …«

»Ich fühle mich nicht gut, Philipp«, unterbrach Zoe ihn. »Müssen wir das jetzt diskutieren?«

»Entschuldige.« Er klang zerknirscht, doch sie war sicher, dass er das Thema nicht ruhen lassen würde. Er redete schon sehr lange davon, dass sie endlich den Familiensitz in Hampstead aufgeben und zu ihm nach Chelsea ziehen sollte. Das Haus war viel zu groß für sie allein, und Philipp wohnte näher an der Firma, deshalb sah er keinen Grund, nicht auf das unerwartete, aber sensationell gute Kaufangebot einzugehen. Er war eben durch und durch pragmatisch und verstand einfach nicht, dass die Villa für Zoe viel mehr war als nur eine Immobilie.

Nachdem sie das Gespräch beendet hatte, sah sie sich im Café um. Sie war die Einzige, die allein an einem Tisch saß. Alle anderen waren mindestens zu zweit und in Gespräche vertieft. Manche lachten, wie die junge Frau am Nebentisch, die sich über eine Bemerkung ihres Begleiters amüsierte. Sie war höchstens Anfang zwanzig und hatte lange blonde Haare, genau wie sie selbst. Tatsächlich erinnerte sie Zoe an ihr jüngeres Ich. Allerdings bin ich in diesem Alter nicht mehr so unbeschwert gewesen, überlegte sie wehmütig und senkte den Blick, starrte in den Tee, den die Kellnerin ihr inzwischen gebracht hatte.

Fast sofort kehrten ihre Gedanken zurück zu dem Gespräch mit dem Arzt, und die Angst legte sich erneut wie eine kalte Hand um ihre Kehle.

In Ihrem Kopf tickt eine Bombe, hatte Dr. Kashrani gesagt. Doch es fühlte sich nicht an wie ein Ticken. Eher wie völliger Stillstand, so als würde es nicht mehr weitergehen. Sie hatte das Gefühl vor einer Wand zu stehen, ohne sehen zu können, was dahinterlag. Oder ob dort überhaupt noch etwas auf sie wartete.

In den letzten Tagen hatte sie alles über ihren Zustand gelesen, was das Internet und die Fachliteratur hergaben. Deshalb wusste sie, dass ein Aneurysma die krankhafte Aussackung einer Schlagader war. Die Gefäßwand wurde dadurch so dünn, dass sie reißen und zu einer heftigen inneren Blutung führen konnte, deren Folgen nicht absehbar waren – vor allem dann nicht, wenn, wie bei Zoe, das Gehirn davon betroffen war. Mit etwas Glück würde sie eine solche Gehirnblutung überleben, aber sie würde vielleicht nicht mehr laufen können. Oder sprechen. Oder sich erinnern. Und wie schlimm das war, führte der Zustand ihrer Mutter ihr immer wieder eindrücklich vor Augen.

Hastig trank Zoe von ihrem Tee und versuchte, das Gefühl der Hilflosigkeit zu unterdrücken, gegen das sie schon die ganze Zeit ankämpfte. Ihre Zeit lief ab, ihr blieben nur wenige Tage, und jeder einzelne davon war plötzlich kostbar. Sie müssen bestimmt noch einiges regeln. Damit hatte Dr. Kashrani sicher vor allem ihre beruflichen Verpflichtungen gemeint, aber Zoe wurde mit einem Mal klar, dass es etwas viel Wichtigeres gab, das sie klären musste. Etwas, das sie schon seit Jahren vor sich herschob.

Hastig holte sie das Tablet aus ihrer Tasche und gab den Namen, an den sie seit ihrer Diagnose ständig denken musste, in die Suchmaschine ein.

Penderak.

Fotos poppten auf von dem kleinen Ort in Cornwall, zusammen mit den Webseiten einiger Hotels und Pensionen.

Zoe klickte sich durch die Angebote, bis sie fand, was sie suchte. Da war es, das große, weißgetünchte Haus mit dem hübschen Reetdach und dem weitläufigen, von einer niedrigen Mauer eingefassten Garten. »Wild Flower Inn« stand in geschwungenen Lettern auf dem großen Emaille-Schild über dem Eingang, und die üppig blühenden Montbretien und Wildrosen, die am Haus wuchsen, machten dem Namen alle Ehre. Die Fensterrahmen waren blau gestrichen und der Garten wirkte zugewachsener, aber ansonsten sah alles noch genauso aus wie damals. Und wenn man den Informationen auf der Website glauben durfte, dann gehörte die Pension auch immer noch den Gallaghers.

Für einen kurzen Moment dachte Zoe daran, wie Chris mit verdrehten Gliedern vor ihr im Sand gelegen hatte, dann wurde das Bild überlagert von seinem lächelnden Gesicht.

Sein Tod war immer noch ein Rätsel. Niemand wusste, ob sein Sturz von der Klippe ein Unfall gewesen war oder ob er sich absichtlich in den Abgrund gestürzt hatte. Es gab keine Zeugen und auch keinen Abschiedsbrief, deshalb ließ sich weder das eine noch das andere ausschließen. Der Verdacht, dass ihn jemand gestoßen haben könnte, war anfangs ebenfalls aufgekommen. Zoes Vater hatte sich auf diese Möglichkeit regelrecht versteift, weil er in seinem Schmerz irgendjemandem die Schuld für den Tod seines Sohnes geben musste. Aber auch dafür fehlten am Ende die Beweise. Niemand konnte rekonstruieren, was in jener Nacht passiert war, deshalb waren die Ermittlungen recht bald eingestellt worden und der Fall ruhte seit Jahren.

Aber nicht für Zoe.

Auch wenn es leichter gewesen war, den Verlust ihres Bruders zu ertragen, indem sie die Erinnerungen wegschob, hatte sie die Ungewissheit nie verwunden und sich geschworen, eines Tages an den Ort seines Todes zurückzukehren und nach Antworten zu suchen. Sie hatte die Reise jedoch immer wieder aufgeschoben, zuerst, weil sie nicht wusste, ob sie schon stark genug dafür war, und später, weil sie immer so viel zu tun gehabt hatte. Aber nun lief ihr die Zeit davon.

Sie werden sich dieser Sache stellen müssen.

Das galt nicht nur für ihre Krankheit.

Nur einmal ganz kurz erlaubte sie sich, an Jack zu denken. Er war damals nach Kanada gegangen, genau wie er es vorgehabt hatte, das wusste sie aus den Briefen, die seine Schwester Rose ihr noch eine Weile geschrieben hatte. Also wird er nicht in Penderak sein, beruhigte sie sich. Aber ihre Hand zitterte trotzdem ein bisschen, als sie das Buchungsformular aufrief.

Rasch tippte sie ihre Daten in die Adressfelder, froh darüber, dass bei dieser Art der Anfrage außer einer kurzen Notiz, die sie in einem Feld mit dem Titel »Bemerkungen« hinterließ, keine persönliche Nachricht nötig war. Sie hatte keine Ahnung, wie die Gallaghers inzwischen zu ihr standen, schließlich hatte sie den Kontakt damals sehr abrupt abgebrochen. Deshalb fand sie es besser, ihre Anmeldung neutral zu halten.

Noch einmal betrachtete Zoe, was sie geschrieben hatte, dann klickte sie, bevor sie der Mut wieder verlassen konnte, auf »Senden«.

2

Rose starrte auf die Buchungsanfrage. Sie war gerade eingegangen, und die Nachricht, die dabeistand, klang drängend. Möglichst sofort wollte die Frau anreisen, am liebsten schon morgen, was an sich keine ungewöhnliche Bitte war. Solche spontanen Buchungswünsche kamen vor. Aber sie fragte ausdrücklich nach dem Strandhaus, das eigentlich gar nicht mehr zu ihrem Angebot gehörte. Und dann der Name. Das war doch nicht möglich. Konnte das …

»Mum?« Sarah riss die Tür zu dem kleinen Arbeitszimmer so abrupt auf, dass Rose erschrocken zusammenzuckte. »Kommst du mal? Henry findet seine Sportschuhe nicht.«

»Sie müssen in seinem Zimmer sein«, erklärte Rose geistesabwesend.

»Da sind sie aber nicht, sagt er.« Sichtlich genervt davon, die Botin für ihren kleinen Bruder spielen zu müssen, stemmte Sarah die Fäuste in die Hüften, und Rose musste ein Lächeln unterdrücken, weil diese Geste sie an ihre Mutter erinnerte. Daisy Gallagher war eine herzensgute Frau, aber auch sehr resolut, und wenn Sarah ihr mit dreizehn Jahren schon so ähnlich war, standen ihnen vermutlich noch recht turbulente Zeiten ins Haus.

»Dann soll er noch mal ein bisschen gründlicher suchen.«

»Das hat er schon«, beharrte Sarah. »Er sagt, du sollst kommen und …«

Ein Schrei tönte durch das Cottage, gefolgt von polternden Schritten auf der Treppe. Nur wenige Augenblicke später stürmte der siebenjährige Henry an seiner Schwester vorbei in das kleine Zimmer, dicht gefolgt von seinem zehnjährigen, sichtlich verärgerten Bruder Luke.

»Mummy, Henry hat mir meine Lok weggenommen!«, rief Luke aufgebracht. »Sag ihm, er soll sie mir wiedergeben.«

Henry, der eindeutig etwas in seiner geballten Faust versteckt hielt, hatte sich hinter Rose’ Stuhl verschanzt. Trotzig blickte er zu seiner Mutter auf.

»Das ist auch meine! Onkel Jack hat sie uns beiden geschenkt, und ich will auch mal damit spielen!«

Rose seufzte tief. Sie liebte ihre Kinder sehr, aber manchmal kam sie sich vor wie ein Zirkusdompteur. Henry und Luke verstanden sich eigentlich gut, doch um die alte Holzeisenbahnlandschaft, die sie erst vor ein paar Monaten zufällig auf dem Dachboden drüben im Haupthaus gefunden hatten, entbrannte immer wieder Streit. Meistens drehte es sich dabei um die brandneue, selbstfahrende Lokomotive, die Rose’ Bruder Jack ihnen kürzlich als Ergänzung für das Set mitgebracht hatte.

»Du kannst jetzt nicht spielen, du hast Fußballtraining«, erinnerte Rose ihren Jüngsten. »Also gib Luke die Lok wieder. Und später, wenn du zurück bist, lasst ihr sie gemeinsam fahren. Ja?«

Nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen, schien Henry diese Lösung nicht wirklich zu gefallen. »Aber ich kann nicht zum Training. Meine Schuhe sind weg!«, beschwerte er sich.

»Ich wette, sie stehen noch hinten auf der Terrasse«, entgegnete Rose. »Hast du da schon nachgesehen?«

Der Kleine schüttelte den Kopf, und Rose sah ihm an, dass ihm gerade wieder eingefallen war, dass er sie dort abgestellt hatte.

»Dann hol sie dir und mach dich auf den Weg.«

Henry nickte zerknirscht und legte die Lok zögernd in Rose’ fordernd ausgestreckte Hand, bevor er das Zimmer verließ.

Als er weg war, reichte Rose die Lok ihrem älteren Sohn. »Ihr sollt euch deswegen nicht immer streiten«, ermahnte sie ihn, dann lächelte sie, weil sie auch noch eine gute Nachricht für ihn hatte. »Onkel Jack hat übrigens vorhin angerufen und gefragt, ob du ihm helfen willst. William sollte das eigentlich tun, aber offenbar ist er mal wieder unauffindbar.«

Lukes Gesicht erhellte sich. »Auf der Farm?«

Rose lachte. »Na, sicher auf der Farm! Jack will Zäune ausbessern, und er sagt, er könnte deine Unterstützung gebrauchen. Hast du Lust?«

»Klar! Bin schon unterwegs«, rief Luke begeistert und sprintete los. Er bewunderte seinen Onkel sehr, und für ihn gab es im Moment nichts Schöneres, als mit Jack draußen auf den Feldern zu sein.

Rose blickte ihm lächelnd nach, dann wandte sie sich an ihre Tochter.

»Du weißt nicht zufällig, wo William sein könnte?«, erkundigte sie sich. Sarah und Jacks Sohn waren fast gleichaltrig und verstanden sich gut, deshalb war ihre Tochter die Einzige, die im Moment halbwegs an den verschlossenen Jungen herankam. Doch Sarah zuckte mit den Schultern.

»Keine Ahnung. Wahrscheinlich drüben bei den Klippen. Da ist er oft.«

»Wirklich?« Rose war ehrlich überrascht, denn sie war ziemlich sicher, dass ihr Bruder das nicht wollte. »Hat Jack ihm das nicht verboten?«

Sarah warf ihr einen vielsagenden Blick zu. »Ich glaube, genau deswegen geht er hin. Du kennst ihn doch.«

Ja, dachte Rose. Das ergab durchaus Sinn. Im Moment war ihr Neffe nämlich gar nicht gut auf seinen Vater zu sprechen. William nahm Jack übel, dass sie Kanada verlassen hatten und zurück nach Cornwall gegangen waren. Sie hatten alle geglaubt, dass es nur eine Phase wäre und dass der Junge sich schnell einleben würde. Doch er war während der vergangenen sechs Monate bei seiner sturen Abwehrhaltung geblieben, und sie konnten alle nur hoffen, dass sich das noch geben würde.

Sarah holte ihr Handy aus ihrer Hosentasche, das gerade einen melodiösen Ton von sich gegeben hatte, wie so oft. Als sie vom Display aufblickte, strahlte sie. »Debbie ist gerade bei Rachel. Kann ich schnell runter ins Dorf und mich mit den beiden treffen?«

»Ja, sicher, geh nur«, meinte Rose.

Als sie wieder allein war, lehnte sie sich seufzend auf ihrem Schreibtischstuhl zurück. Es war ein Glück, dass die Kinder sich hier so wohlfühlten und die Ferien genossen, obwohl sie auch in diesem Sommer wieder nicht wegfahren konnten. Natürlich lebten sie an einem Ort, an dem andere Urlaub machten. Trotzdem hätte Rose ihnen gerne etwas Abwechslung geboten, und sie selbst wäre auch dankbar für eine kleine Auszeit vom Alltag gewesen. Aber das Geld reichte nicht für eine Reise, weil Matt im Moment keinen Unterhalt zahlte.

Rose schüttelte den Kopf, als sie daran dachte, wie wenig ihr Exmann sich um seine Kinder kümmerte. Seine Besuche in Cornwall waren in letzter Zeit immer seltener geworden, und seit mehr als drei Monaten hatte er sich gar nicht mehr blicken lassen. Außerdem überwies er schon fast genauso lange den Betrag nicht mehr, zu dem er sich bei der Scheidung verpflichtet hatte und auf den Rose angewiesen war. Wenn sie mit ihm sprach, fand Matt immer neue Ausreden, und zuletzt war er gar nicht mehr ans Telefon gegangen – ein Zustand, den sie nicht mehr lange hinnehmen würde.

Wenn sie ihm wenigstens hätte glauben können, dass er nicht zahlen konnte. Viel wahrscheinlicher war jedoch, dass er es nicht wollte, denn er hatte sich schon oft darüber beklagt, dass ihm die finanzielle Belastung zu hoch war. Dabei verlangte Rose nur, was ihr zustand, und da er gut verdiente, konnte er das eigentlich auch aufbringen. Vermutlich lag es also eher daran, dass er gerade wieder eine neue Freundin hatte, der er viel zu teure Geschenke machte, um sie zu beeindrucken – während Rose sehen musste, wie sie über die Runden kam.

Ich bin eben keine knackige Blondine, dachte sie seufzend. Sicher, sie sah nicht schlecht aus mit ihren rotbraunen Locken und der zierlichen Figur, die sie trotz der drei Geburten behalten hatte. Aber insgeheim befürchtete sie, dass sie nie wirklich Matts Typ gewesen war. Er hatte es mit der Treue von Anfang an nicht so genau genommen, war immer wieder fremdgegangen – nur um Rose nachher zu beteuern, dass er sie liebte und um ihre Ehe kämpfen wollte. Sie hatte ihm das geglaubt, schon der Kinder wegen, doch irgendwann war ihr klar geworden, dass er sich niemals ändern würde. Sie hatte die Scheidung eingereicht und war mit den Kindern von Truro, wo sie gelebt hatten, nach Penderak zurückgekehrt, während Matt nach London gegangen war, um dort einen neuen Job als Investmentbanker anzunehmen. Vermutlich genoss er das Leben in der Metropole, während sie sich mit den Kindern in Cornwall gerade so durchschlug.

Das ging so nicht weiter, es musste endlich etwas passieren, aber Rose zögerte, ihn zu verklagen, auch wenn sie wusste, dass sie das konnte. Die Kosten für den Anwalt und der langwierige Prozess schreckten sie ab, und sie hätte die Sache viel lieber gütlich geregelt. Deshalb war sie auch schon mehrfach drauf und dran gewesen, zu Matt zu fahren und ihn zur Rede zu stellen. Doch London war weit, und gerade in letzter Zeit hatte sie so viel gearbeitet, dass ihr kaum eine freie Minute geblieben war.

Apropos London, dachte sie und wandte sich wieder dem Computer zu, starrte auf die Nachricht, die sie gelesen hatte, bevor die Kinder gekommen waren.

Zoe Bevan. Das war ein eher seltener Name. Und die Frau fragte außerdem gezielt nach dem Cottage, das die Bevans damals jeden Sommer für einige Wochen gemietet hatten. Das konnte kein Zufall sein!

Aber wieso schrieb Zoe nicht persönlicher und gab sich zu erkennen? Sie war gut mit Rose befreundet gewesen und hatte der ganzen Familie nahgestanden – bis zu jenem schrecklichen Morgen, an dem Zoes Bruder Chris tot am Strand aufgefunden worden war.

Rose spürte, wie ihr Magen sich zusammenkrampfte, als sie daran dachte. Es war ein großer Schock für sie alle gewesen, vor allem, weil die Todesumstände nie geklärt werden konnten. Der Kontakt zu Zoe und ihrer Familie war danach abgebrochen, und die Bevans waren nie mehr nach Penderak zurückgekehrt. Rose hatte noch eine Weile Briefe an Zoe geschrieben, aber da nie eine Antwort gekommen war, hatte sie es irgendwann aufgegeben.

Mit der Zeit war Gras über die Sache gewachsen, und man hörte im Ort nur noch ganz selten jemanden darüber reden. Aber vergessen hatte es niemand.

Wieder starrte Rose auf die Nachricht. Sie hatte sich oft gefragt, was aus ihrer früheren Freundin geworden war. Ein paar Dinge wusste sie, zum Beispiel, dass Zoe inzwischen in den Baukonzern ihres Vaters eingestiegen war. Erfolgreich, wie es schien, denn Matt war irgendwann in einem Wirtschafts-Newsletter, den er abonniert hatte, auf einen Artikel über sie gestoßen. Darin wurde berichtet, dass sie die Auszeichnung »Managerin des Jahres« für ihre Arbeit bei Bevan Constructions erhalten hatte. Rose konnte noch das Foto in dem Bericht vor sich sehen, auf dem Zoe wie eine Fremde gewirkt hatte. Die kühle Blondine mit dem reservierten Lächeln war Lichtjahre entfernt gewesen von dem fröhlichen Mädchen, an das Rose sich erinnerte. Deshalb war sie davon überzeugt gewesen, dass Zoe sie und alles, was in Penderak passiert war, längst hinter sich gelassen und vergessen hatte.

Aber offenbar stimmte das nicht, denn warum sonst wollte sie plötzlich zurück, und noch dazu so überstürzt?

Es gab nur einen Weg, das herauszufinden, und Rose war noch nie der Typ gewesen, der Dinge lange aufschob. Deshalb griff sie zum Telefon und wählte die Handynummer, die auf dem Kontaktformular angegeben war.

Nach zweimaligem Klingeln meldete sich eine Frauenstimme.

Rose räusperte sich. »Spreche ich mit Zoe Bevan?«

Die Frau bejahte es, und jetzt glaubte Rose, die Stimme zu erkennen.

»Hier ist Rose, Zoe. Rose Riley … ich meine, Gallagher.« Sie holte tief Luft. »Erinnerst du dich noch an mich?«

***

Zoe saß im Taxi und umklammerte ihr Handy, presste es dicht ans Ohr.

»Rose.« Zitternd holte sie Luft.

Natürlich hatte sie damit gerechnet, dass die Gallaghers auf ihre Mail reagieren würden. Aber nicht, dass es ausgerechnet Rose war, die zu ihr Kontakt aufnahm. Sie wusste selbst nicht, wieso sie davon ausgegangen war, dass ihre frühere Freundin nicht mehr in Penderak lebte. Vielleicht, weil auf der Homepage ein Foto gewesen war, das nur Rose’ Eltern, Daisy und Brian, zeigte. Oder hatte Zoe es einfach nur gehofft, weil sie immer noch ein schlechtes Gewissen plagte und weil sie keine Ahnung hatte, wie sie Rose begegnen sollte?

Mühsam zwang sie den Kloß aus ihrem Hals. »Geht es um meine Anfrage?«

»Ja. Ich meine, nein.« Rose klang immer noch freundlich, aber Zoes kühler Tonfall schien sie zu irritieren. »Ich wollte eigentlich nur sichergehen, dass du es wirklich bist. Wir haben eine Ewigkeit nichts voneinander gehört, deshalb konnte ich es zuerst gar nicht glauben, als vorhin deine Nachricht kam.«

Zoe spürte einen Stich und wusste nicht, was sie sagen sollte. Die Briefe fielen ihr wieder ein, die Rose ihr geschrieben und die sie nicht beantwortet hatte. Wie entschuldigte man sich dafür, dass man jemanden einfach aus seinem Leben gestrichen hatte?

»Das sollte kein Vorwurf sein«, ergänzte Rose besorgt, die Zoes Schweigen offenbar falsch deutete. »Im Gegenteil. Ich freue mich, dass du dich gemeldet hast. Es kam nur so … überraschend.«

»Ich weiß.« Zoe schluckte. »Es tut mir leid«, fügte sie leise hinzu und hoffte, dass Rose verstand, dass sie damit nicht nur ihre unpersönliche Mail meinte.

»Wie geht es dir denn?« Rose’ Stimme klang immer noch freundlich und wirklich interessiert. Es war nur die falsche Frage.

»Gut. Es geht mir gut«, antwortete Zoe ein bisschen zu hastig und beeilte sich mit der Gegenfrage. »Und dir? Führst du jetzt die Pension?«

»Nein, das macht immer noch meine Mutter. Ich kümmere mich nur um die Buchungen, die online eingehen, und auch um alles andere, was mit dem Computer zu tun hat. Damit steht Mum auf Kriegsfuß.« Zoe hörte das Lächeln in Rose’ Stimme. »Außerdem nähe ich viel. Taschen und Blusen hauptsächlich. Meine Schwester hat eine kleine Boutique unten am Hafen und verkauft die Sachen dort. Kommt bei den Touristen ganz gut an.«

»Das kann ich mir vorstellen.« Zoe musste nun ebenfalls lächeln, als ihr wieder einfiel, wie geschickt Rose schon als Teenager mit Handarbeiten gewesen war. Sie hatte sogar davon geträumt, eine berühmte Modedesignerin zu werden. Diesen Plan schien sie jedoch nicht verfolgt zu haben. Einen anderen dagegen schon. »Und du heißt jetzt Riley? Dann hast du Matt also geheiratet?«

Zoe dachte an den gutaussehenden Sohn des Hafenmeisters von Penderak. Er war fünf Jahre älter gewesen und hatte die beiden Freundinnen entsprechend wenig beachtet, aber Rose hatte dennoch aus der Ferne für ihn geschwärmt. Zoe hatte sie immer damit aufgezogen, weil sie Matt nicht mochte und davon überzeugt gewesen war, dass aus den beiden kein Paar werden würde.

»Da lag ich mit meiner Einschätzung wohl falsch.«

»Nicht ganz, wir sind nämlich schon seit einer Weile wieder geschieden.« Rose seufzte. »Wie sich herausgestellt hat, gehört Matt nicht zu den Männern, die einer Frau treu sein können. Im Moment lebt er in London und lässt kaum von sich hören. Jedenfalls hat er sich ewig nicht mehr bei mir und den Kindern gemeldet.«

»Du hast Kinder? Wie viele denn?«

Man konnte den Stolz in Rose’ Stimme hören, als sie von ihrer Tochter und ihren beiden Söhnen berichtete, und Zoe rechnete im Kopf nach. Ihre Freundin war wie sie selbst Anfang dreißig, und wenn ihr ältestes Kind dreizehn war, dann war Rose schon sehr früh Mutter geworden. Was Zoe eigentlich nicht wirklich wunderte. Rose hatte schon immer etwas Mütterliches gehabt. Als sie damals zufällig auf einen verletzten Jungvogel am Strand von Penderak gestoßen waren, hatte der Tierarzt ihm keine Chance gegeben. Rose hatte den Kleinen trotzdem hingebungsvoll gepflegt und es am Ende tatsächlich geschafft, ihn durchzubringen. Und bei jedem Picknick war sie es gewesen, die dafür gesorgt hatte, dass alle mit Essen und Getränken versorgt waren. So war Rose, sie kümmerte sich einfach gerne um andere. Auch, wenn man es gar nicht wollte. Oder ertragen konnte …

Als Rose geendet hatte, entstand ein Schweigen, und Zoe wusste, dass sie nun eigentlich an der Reihe war mit einer kurzen Zusammenfassung ihres Lebens.

»Das klingt schön«, sagte sie unverbindlich und tat das, was sie in hunderten von Geschäftsmeetings perfektioniert hatte: zum eigentlichen Anliegen zurückzukehren, wenn der Gesprächspartner unbequeme Fragen zu stellen drohte. »Wie steht es denn nun mit dem Strandhaus? Kann ich es mieten?«

Für einen Moment befürchtete sie, dass ihr Ablenkungsmanöver nicht funktionieren würde. Die alte Rose hätte sie nicht einfach so davonkommen lassen. Sie hätte nachgebohrt, bis sie erfuhr, was sie wissen wollte.

Jetzt zögerte Rose jedoch nur ganz kurz, bevor sie antwortete.

»Nein, leider nicht. Wir vermieten es nicht mehr. Nur noch die Zimmer in der Pension.«

»Oh.« Die Enttäuschung bohrte sich wie eine Faust in Zoes Magen. »Habt ihr das Haus verkauft?«

»Nein. Wir brauchten es selbst. Ich bin nach der Scheidung mit den Kindern dort eingezogen.«

»Du wohnst jetzt im Strandhaus?«

»Genau.«

Ratlos schwieg Zoe. Sie hatte sich in Gedanken so darauf versteift, noch einmal ins Strandhaus nach Penderak zu fahren, dass ihr für einen Moment keine Alternative einfiel. Aber es gab natürlich eine.

»Und in der Pension? Habt ihr da noch etwas frei?«

»Leider auch nicht«, meinte Rose bedauernd. »Es ist Hochsaison. Wir sind komplett ausgebucht. Aber ich trage dich gerne für den nächsten Termin ein. Das wäre …« Sie machte eine Pause, weil sie offenbar die Verfügbarkeit checkte. »Die erste Woche im Oktober. Soll ich da für dich ein Zimmer reservieren?«

»Nein«, sagte Zoe niedergeschlagen und fühlte, wie die bleierne Müdigkeit zurückkehrte. »Ich kann nur jetzt.«

Wieder entstand ein Schweigen, das Rose als Erste brach.

»Schade. Ich hätte dich gerne wiedergesehen.« Sie klang enttäuscht. »Aber wir könnten uns ja trotzdem mal treffen. In London. Ich muss bald sowieso hinfahren, weil ich etwas mit Matt zu klären habe, und dann könnten wir uns sehen. Was meinst du?«

Zoe presste die Lippen zusammen, bevor sie antwortete. »Ich weiß nicht, wie lange ich noch hier sein werde.«

»Oh. Wohin gehst du denn?«

»Ich … muss für eine Weile weg«, erwiderte Zoe vage, und in dem Schweigen, das auf ihre Antwort folgte, hatte sie plötzlich Sehnsucht nach der alten Rose, die all ihre Geheimnisse gekannt hatte.

»Na ja, dann. Es war sehr nett, mal wieder mit dir zu reden.« Rose war offenbar klar geworden, dass Zoe nichts preisgeben wollte über ihr Leben, und sie war zu höflich oder zu resigniert, um weiter zu versuchen, ihr etwas zu entlocken. »Leb wohl, Zoe. Ich hoffe …«

»Warte!« Zoe hatte plötzlich eine Idee. Sie war ein bisschen verrückt, und wahrscheinlich würde Rose ablehnen. Aber sie musste es einfach versuchen. »Ich hätte da einen Vorschlag.«

3

»Du willst Zoe Bevan im Strandhaus wohnen lassen?« Daisy Gallagher schüttelte den Kopf mit den grau gesträhnten Locken, so als könnte sie es immer noch nicht glauben, und stemmte entrüstet die Hände in die Hüften. »Und was ist mit den Kindern? Willst du die einfach ausquartieren?«

»Das ist alles schon geregelt«, verteidigte sich Rose. »Sarah zieht so lange zu ihrer Freundin Rachel, und Henry und Luke können bei Iris bleiben.« Hilfesuchend blickte sie ihre jüngere Schwester an, die neben ihr am großen Esstisch in der Küche der Pension saß.

»Genau«, bestätigte Iris. »Sarah ist ganz aus dem Häuschen deswegen, und die Jungs sind auch einverstanden. Und bevor du fragst: Die Boutique ist im Moment gut bestückt. Rose kann also sehr gut mal für ein paar Tage wegfahren, das ist gar kein Problem.«

Ihr Grinsen wirkte zufrieden, und Rose staunte immer noch ein bisschen darüber, wie sicher ihre Schwester war, dass dieser Trip nach London genau das war, was sie brauchte. Rose hatte nämlich durchaus Zweifel, ob der spontane Häusertausch, den Zoe ihr vorgeschlagen hatte, wirklich so reibungslos verlaufen würde.

Eigentlich klang es ganz einfach: Rose würde Zoe für eine Weile das Strandhaus überlassen und durfte im Gegenzug in deren Villa in Hampstead wohnen. Sie hatte Zoe dort früher ein paar Mal besucht und erinnerte sich noch gut an die Räume mit den hohen Decken und den schönen Antiquitäten. Es war dort viel besser – und günstiger – als in jedem Hotel, und der Gedanke, Matt endlich wegen der Unterhaltszahlungen zur Rede stellen zu können, hatte Rose spontan zustimmen lassen. Doch nun, nach ein paar Stunden Bedenkzeit, war sie wieder unsicher, und die Reaktion ihrer Mutter bestärkte sie in ihren Bedenken.

Iris dagegen war immer noch Feuer und Flamme für die Idee. »Mum, das ist doch eine tolle Gelegenheit für Rose! Sie müsste nicht mal den Zug nehmen, weil Zoe ihr auch ihren Wagen leihen will. Ich meine – so ein tolles Angebot kann man doch gar nicht ablehnen!«

Daisy starrte für einen Moment aus dem Fenster in den Garten, und man konnte ihr ansehen, wie wenig es ihr passte, was ihre Töchter sich da ausgedacht hatten.

»Aber ausgerechnet Zoe Bevan! Was will sie denn plötzlich wieder hier?«

Rose zuckte mit den Schultern. »Hat sie nicht gesagt. Sie wirkte ziemlich verschlossen am Telefon. Aber es schien ihr sehr wichtig zu sein, dass sie herkommen kann.«

Daisy schnaubte und wandte sich wieder dem Brotteig zu, der auf einem großen Holzbrett auf der Arbeitsplatte lag. Mit heftigen Bewegungen bearbeitete sie ihn – ein eindeutiges Zeichen, wie aufgewühlt sie war.

»Das ist keine gute Idee«, sagte sie, mehr zu sich selbst. »Wenn Zoe hier nach all den Jahren auftaucht, dann werden die Leute wieder anfangen zu reden, und das Letzte, was dein Bruder braucht, sind neue Gerüchte, von einer Begegnung mit Zoe ganz zu schweigen.« Daisy hielt inne, und in ihrem Blick lag plötzlich Sorge. »Weiß sie, dass er zurück ist?«

Rose schüttelte den Kopf. »Sie hat nicht nach ihm gefragt.« Das war ihr aufgefallen, aber sie hatte sich gesagt, dass ihr Bruder für Zoe vielleicht einfach keine Rolle mehr spielte. Die Zeit heilte alle Wunden. Oder? »Denkst du, es hat etwas mit ihm zu tun, dass sie herkommen will?«

»Natürlich nicht«, erklärte Iris, wie immer im Brustton der Überzeugung, und blickte ihre Mutter und ihre Schwester verständnislos an. »Es wissen noch nicht mal alle seine Freunde, dass Jack wieder hier ist, also wird es sich kaum bis nach London rumgesprochen haben. Und außerdem glaube ich nicht, dass ihre Jugendliebe noch irgendjemanden interessiert. Das ist doch alles schon eine halbe Ewigkeit her. Zoe wird ihre Gründe für die Reise haben, aber die gehen uns nichts an. Wichtig ist nur, dass Rose hier mal wieder rauskommt, und sie wird darauf nicht verzichten, nur weil Jack dann vielleicht seiner alten Flamme wiederbegegnen könnte!«

Iris schien darauf zu warten, dass Daisy und Rose ihr zustimmten. Doch sie schwiegen beide, und als ihre Blicke sich trafen, erkannte Rose, dass ihre Mutter dasselbe dachte wie sie.

Iris war damals noch zu klein gewesen. Sie wusste nicht, wie schlimm das alles gewesen war, vor allem für Jack.

Aber das war nicht das einzige Argument, das Rose erneut an dem Häusertausch zweifeln ließ.

»Ich glaube, Mum hat recht. Es ist wirklich keine gute Idee.«

Natürlich wäre sie gerne nach London gefahren, und das nicht nur, um das Gespräch mit Matt endlich hinter sich zu bringen. Es war lange her, dass sie mal nur an sich gedacht hatte. Nicht dass sie ihr Leben hier nicht mochte. Aber es war oft hart, allein für die Kinder zu sorgen. Sie hatte kaum Zeit für sich, und einfach mal ein paar Tage ganz alleine Großstadtluft zu schnuppern und nur das zu tun, was sie wollte, ohne Verpflichtungen und ohne Termine, kam ihr traumhaft vor. Aber genau deshalb ging es nicht. Denn sie war nun mal nicht allein.

»Wenn ich wegfahre, dann muss ich die Kinder mitnehmen. Sie haben schon so lange keinen richtigen Urlaub mehr gemacht. Das bin ich ihnen schuldig.«

Diesmal war es Iris, die schnaubte. »So ein Blödsinn!«, sagte sie entrüstet. »Die Kinder vermissen hier nichts. Sie haben keine Schule, und wir kümmern uns um sie. Also kommen sie sehr gut auch mal ein paar Tage ohne dich aus. Stimmt’s, Henry?«

»Hm?«, murmelte Rose’ Jüngster, der gerade von draußen hereingekommen war, und blickte seine Tante an. Seine Wangen waren gerötet, und die Dreckflecken auf seinem T-Shirt, seiner kurzen Sporthose und seinen Knien ließen Rose darauf schließen, dass er mit den Jungs der Petersons, die im »Wild Flower Inn« zu Gast waren, im Garten Fußball gespielt hatte.

»Wir haben doch schon drüber gesprochen, dass deine Mum ein paar Tage nach London fahren will und du mit Luke so lange bei mir wohnen sollst«, sagte Iris und strich ihm liebevoll über die Haare. »Das ist doch in Ordnung, Großer, oder?«

»Klar«, meinte Henry, nicht ganz bei der Sache, und tippte seine Großmutter an. »Kann ich was zu trinken kriegen? Die Jungs und ich haben Durst.«

»Natürlich, mein Schatz. Nimm dir was«, sagte Daisy lächelnd, woraufhin Henry sich eine Flasche Mineralwasser aus dem Kühlschrank holte. Zufrieden und ohne sich noch einmal umzusehen verließ er die Küche wieder.

»Siehst du?«, meinte Iris triumphierend und hob die Hand, als Rose erneut protestieren wollte. »Wir kommen klar, Schwesterherz. Also fahr nach London und genieß einfach mal wieder das Leben.«

Rose seufzte tief und stellte erneut fest, wie schwierig es war, ihre kleine Schwester von etwas abzubringen, das sie sich partout in den Kopf gesetzt hatte.

Mit siebenundzwanzig war Iris eigentlich das Nesthäkchen der Familie, aber sie überragte Rose und Daisy, die beide klein und zierlich waren, um mehr als einen halben Kopf. Genau wie Jack, der ebenfalls sehr groß war, schlug sie in dieser Hinsicht nach ihrem Vater Brian, der allen Kindern seine grünen Augen und die rotbraunen Haare vermacht hatte. Vom Wesen her kam jedoch besonders Iris nach ihrer temperamentvollen Mutter, und sie war definitiv die hartnäckigste von ihnen, wenn es darum ging, sich durchzusetzen.

Auch in diesem Moment strahlte Iris über das ganze Gesicht, völlig überzeugt von ihrer Idee. »Mensch, Rosie, das ist doch die Gelegenheit! Vielleicht lernst du dann endlich mal wieder jemanden kennen. Du bist schon viel zu lange allein, und hier im Dorf scheint es ja niemanden zu geben, für den du dich erwärmen kannst.«

Ach, daher weht der Wind, dachte Rose und musste gegen ihren Willen lächeln. Eigentlich hätte sie auch schon früher darauf kommen können, dass das der eigentliche Grund für Iris’ Enthusiasmus war. Ihre Schwester war eine unverbesserliche Romantikerin und konnte sich einfach nicht damit abfinden, dass Rose seit ihrer Scheidung nicht mehr mit einem Mann zusammen gewesen war. Dabei war das nicht Rose’ Schuld. Es hatte ihr schlicht an geeigneten Kandidaten gemangelt, weil die wenigen unverheirateten Männer im Dorf entweder viel zu alt oder viel zu jung oder als Partner indiskutabel waren.

Was Iris nicht davon abgehalten hatte, immer wieder zu versuchen, ihre Schwester zu verkuppeln. Rose hatte irgendwann ein Machtwort gesprochen, und seitdem musste sie nicht mehr ganz so oft damit rechnen, dass ihr ein hoffnungsvoller Singlemann – meist ein Freund ihres Schwagers Gordon, der gerade »zufällig« in der Gegend war – gegenübersaß, wenn Iris sie zum Essen einlud. Die meisten ließen sich zwar schon von der Information abschrecken, dass sie Mutter von drei Kindern war, aber selbst bei denen, die das nicht gestört hätte, war der Funke nicht übergesprungen. Deshalb glaubte Rose nicht mehr daran, dass es da draußen noch irgendwo den idealen Partner für sie gab. Vielleicht war sie nach der Enttäuschung, die sie mit Matt erlebt hatte, einfach zu misstrauisch geworden.

»Ich suche keinen Mann, Iris«, erinnerte sie ihre Schwester.

»Du vielleicht nicht, aber es gibt bestimmt ganz viele Männer da draußen, die dich gerne finden würden«, gab ihre Schwester ungerührt zurück. »Das können sie nur nicht, wenn du dich hier vergräbst. Außerdem würde dir die Erholung guttun nach dem ganzen Stress mit dem Auftrag für diese furchtbare Amerikanerin.«

»Erinnere mich bloß nicht daran.« Rose stöhnte bei dem Gedanken an Felicity Myers, eine hagere Mittfünfzigerin aus Boston, die sie während der letzten zwei Wochen ständig in Atem gehalten hatte. Sie war nach einem Besuch in der Boutique so begeistert von den von Rose geschneiderten Sachen gewesen, dass sie sich komplett von ihr hatte einkleiden lassen. Zwei neue Hosen, drei Blusen, drei Shirts, zwei Tops, eine Jacke und mehrere Taschen, zusätzlich zu dem, was sie ohnehin für den Laden nähte – Rose hatte nächtelang durcharbeiten müssen, um rechtzeitig mit allem fertig zu werden. Aber es war nicht nur anstrengend gewesen, sondern auch ärgerlich, weil die Amerikanerin sich ihr gegenüber so arrogant benommen hatte. Ständig hatte sie weitere Sonderwünsche geäußert und erwartet, dass Rose diese sofort umsetzte, und auch ihre Komplimente waren sehr zweischneidig gewesen. »Das hätte ich wirklich nicht erwartet, hier jemanden zu finden, der Talent für Modedesign hat. Ich meine – wo holen Sie sich denn Ihre Inspiration?«, hatte sie mit einem süßlichen Lächeln zu Rose gesagt, und es war klar gewesen, was sie damit meinte: dass Rose eine Landpomeranze war, die mit eleganten Großstädterinnen wie ihr nicht mithalten konnte.

Aber vielleicht stimmte es ja? Sie war ewig nicht mehr rausgekommen aus Cornwall, und bei dem Gedanken an die bunten Stände am Camden Market und die vielen kleinen Boutiquen, die es in Islington, Shoreditch oder Soho zu entdecken gab, schlug ihr Herz höher. Wenn sie sich dort Anregungen holte, würde ihre Arbeit davon sicher sehr profitieren. Und dann konnte sie der nächsten hochnäsigen Kundin ganz anders Paroli bieten …

Rose seufzte tief. »Na ja, irgendwie wäre es schon schön, wenn ich fahren könnte«, gestand sie zaghaft.

»Dann tu es«, mischte ihre Mutter sich unvermittelt ein. Sie hatte den fertig geformten Brotlaib auf einem Blech in den großen alten Aga-Herd geschoben und stützte sich nun mit beiden Händen auf der Arbeitsplatte ab, die Stirn nachdenklich gerunzelt.

Überrascht sah Rose sie an. »Aber du hast doch gerade noch gesagt, dass es keine gute Idee ist.«

»Ich meinte die Tatsache, dass Zoe hier wieder auftaucht. Wegen Jack. Daran, was es für dich bedeutet, habe ich nicht gedacht«, gab Daisy zu und setzte sich, griff über den Tisch hinweg nach Rose’ Hand und drückte sie. »Du hast dir wirklich eine Auszeit verdient, und wenn dir das die Möglichkeit gibt, dann soll sie in Gottes Namen für eine Weile ins Strandhaus ziehen.«

Besonders begeistert von dieser Vorstellung schien Daisy immer noch nicht zu sein, aber sie lächelte trotzdem, und Rose spürte, wie eine heiße Welle der Liebe sie erfasste.

Ihre Mutter hatte es in den letzten Jahren nicht leicht gehabt. Sie führte die Pension schon seit einer ganzen Weile praktisch allein, weil ihr Mann zu krank war, um ihr zu helfen. Brian Gallagher litt an einer schweren Form von Rheuma und konnte sich an schlechten Tagen nur unter großen Schmerzen bewegen. Es gab Therapien, die ihm halfen, aber die Behandlung war langwierig und teuer. Auch die Kur, die er vor ein paar Tagen angetreten hatte, würde ihm nur kurzzeitig Linderung verschaffen, und es war zuletzt immer schwieriger für ihn geworden, den Farmbetrieb aufrechtzuerhalten, der neben der Pension ihr zweites finanzielles Standbein war. Der landwirtschaftliche Betrieb funktionierte seit Jacks Rückkehr wieder besser, aber in den letzten Jahren war das Geld immer knapp gewesen. Und es war noch knapper geworden, als Rose nach der Trennung von Matt mit den Kindern nach Penderak zurückgekehrt und in das Strandhaus gezogen war, das sie daraufhin nicht mehr vermieten konnten. Die Einnahmen fehlten, aber trotzdem hatte Daisy nicht gezögert, ihrer Tochter das Cottage zur Verfügung zu stellen. Sie war immer für ihre Familie da und arbeitete von früh bis spät, aber sie beklagte sich nie – etwas, das Rose zutiefst an ihr bewunderte.