Wilde Aufwachgeschichten - Helmut Kratochvil - E-Book

Wilde Aufwachgeschichten E-Book

Helmut Kratochvil

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Beschreibung

Einschlafgeschichten bzw. einschläfernde Literatur gibt es zuhauf. Warum gibt es keine Aufwachgeschichten, welche in der Lage sind, uns aus unserer Agonie zu befreien? Um dieses Manko auszugleichen, wurde diese Geschichtensammlung verfasst. Einige der Inhalte lehnen sich an tatsächliche Begebenheiten an. Die Welt ist um einiges bizarrer und geheimnisvoller, als wir sie sehen. Deswegen sei als Motto ein Zitat in Originalfassung von Shakespeare vorangestellt. „Da ist mehr im Himmel und auf Erden, Horaz, als es in deiner Philosophie geträumt wurde.“

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 126




Helmut Kratochvil

Wilde Aufwachgeschichten

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Wilde Aufwachgeschichten

Vorbemerkung

Brüderchen - Eine Tiergeschichte der besonderen Art

Das Projekt

Der Besucher

Ferdinand

Die herzbewegende Geschichte von Fürst Julius

Der finstere Fürst

Die Hand – Aus den Erinnungen eines leicht verbummelten Studenten

Impressum neobooks

Wilde Aufwachgeschichten

Helmut Kratochvil

Erstaunliches, Gruseliges, Ungewöhnliches, Humoriges in einer Geschichtensammlung zur Behebung verschlafener Stimmungen.

Vorbemerkung

Einschlafgeschichten bzw. einschläfernde Literatur gibt es zuhauf. Warum gibt es keine Aufwachgeschichten, welche in der Lage sind, uns aus einer schlafnahen Stimmung zu befreien? Um dieses Manko auszugleichen, wurde diese Geschichtensammlung verfasst. Einige der Inhalte lehnen sich an tatsächliche Begebenheiten an. Hervorheben möchte ich Herrn Prof. Ladislaus Komarek, der mit aus eigener Erfahrung einen Beitrag geliefert hat. Die Welt ist um einiges bizarrer als wir sie sehen. Deswegen möchte ich als Motto ein Zitat von Shakespeare (Hamlet 1.Aufzug, 5. Szene) verwenden, welches zum Diskussions-Totschlagspruch verfälscht und missbraucht wird,

„Da ist mehr im Himmel und auf Erden, Horatio, als es in deiner Philosophie geträumt wurde.“

Brüderchen - Eine Tiergeschichte der besonderen Art

Überarbeitete Menschen wünschen sich in, die absolute Abgeschiedenheit zu flüchten, unter Verzicht auf gewohnten Komfort in einem einfachen ländlichen Quartier zu wohnen, einfache aber fette Speisen zu essen, über einfache Feldwege zu stiefeln und einfach die einfache Abgeschiedenheit zu genießen.

Herr Doppler hatte seinen idealen Urlaubsplatz gefunden. Abgeschiedener und hinterwäldlerischer als der kleine Bauernhof in dem er sich für mehrere Wochen einquartiert hatte, war wohl keine menschliche Behausung im ganzen Land. Er lag nicht nur weitab von den Verkehrswegen, sondern überdies in einem weitgehend entvölkerten Landstrich. Die meisten Bauernhöfe waren verlassen und die Natur hatte die ehemaligen Ackerflächen nach ihren eigenen Regeln neu begrünt. Es war in Laufe der Jahre eine wilde Buschlandschaft entstanden, die ihren eigenen Reiz hatte. Die Wirte von Herrn Doppler, ein altes Bauernehepaar, deren Nachkommen sich längst in zivilisiertere Gebiete verzogen hatten, waren offensichtlich die letzten, die in dieser Wildnis ausharrten.

Über Jahre hatte sich in Herrn Doppler das Bedürfnis nach Ruhe gesteigert. Zu lange hatte in der lärmenden Stadt gelebt und gearbeitet, zu lange waren die heiß ersehnten Ferien noch hektischer gewesen als der Alltag in der Stadt. So hatte er sich nach all den Jahren ermannt und seiner Frau diesen Urlaub der besonderen Art abgetrotzt und es war ihm sogar gelungen, zu verhindern, dass sie ihn begleitete. Denn bei aller Liebe – die Frau gehörte auch zu dem Alltag dem er entfliehen wollte. Jedoch, wie es nun einmal ist, wenn man sein ganzes Leben im Trubel gelebt hat, dann kann man sich zwar vorstellen, wie erbaulich es ist, einige Wochen nur mit Lesen, Wandern und Faulenzen zu verbringen; jedoch unmittelbar in die Tat umsetzen kann man dies nicht, wenn man es nicht schon vorher geübt hat, denn auch Faulsein will gelernt sein. So erfasste Herrn Doppler auch nach der kurzen Anfangsbegeisterung eine starke innere Unruhe wie einen Süchtigen, der unter Entzug der Droge Betriebsamkeit leidet. Das einzige was ihm Ablenkung bot, war die eigenartige Landschaft, die das kleine Bauernhaus umgab. Er verbrachte die meiste Zeit damit, durch die Gegend zu streifen. Er fand zusehends Gefallen an dieser Natur aus zweiter Hand. Er marschierte meist quer durch das Gestrüpp und traf auf Schritt und Tritt auf Spuren des vergangenen bäuerlichen Lebens. Zwischen dem aufstrebenden Buschwald standen nicht selten alte Obstbäume, die teilweise noch Früchte trugen. Gelegentlich fanden sich im Unterholz rostende Teile von landwirtschaftlichen Geräten, morsche Reste von Zäunen und grobe Steinmauern. Er entdeckte mindestens ein halbes Dutzend verlassener Bauernhäuser. Aufgrund einer unbestimmten inneren Scheu widerstand er der Versuchung, in die Häuser hinein zu schauen. Als er an einem Abend seine Wirte gefragt hatte, ob denn noch die eine oder andere Hütte bewohnt sei, hatten sie etwas eigenartig reagiert und gemeint: „Eigentlich nicht – wir wissen nicht genau – kann man nicht sagen – haben nicht nachgeschaut.“

Herr Doppler machte am nächsten Tag wieder eine Wanderung. Das Wetter war an jenem Tag schwül und dunstig. Es war windstill und so ruhig, dass er das Summen hunderter Insekten um sich hören konnte. Gelegentlich kreuzten Schwalben im Tiefflug seinen Weg. Nach ein paar Kilometern öffnete sich das Gebüsch und gab den Blick auf eine große Wiese frei. Sie musste früher wohl irgend ein Acker gewesen sein. Nun war sie über und über von meterhohen Wildblumen bedeckt. Herr Doppler war geblendet von dieser Pracht – zwei Hektar Blüten, eine Orgie in Gelb, Weiß und Blau. Er watete durch ein Meer voll unberührter Schönheit. Schwärme von Schmetterlingen umschwebten ihn und ein tausendfaches Summen von Bienen und Hummeln erfüllte die Luft. Dann kam ohne Vorankündigung ein Wind auf und über das bunte Feld zogen Wellen sich biegender Halme wie über einen blütenbedeckten Teich. Herr Doppler dachte noch: „Welch ein Naturschauspiel“, dann begann es zu regnen und er hatte keinerlei Regenschutz mit. „Nach Hause ist es zu weit, wo kann ich mich unterstellen“? dachte er und rannte zu den Büschen zurück. Unter Bäumen kann man sich bei Regen eine Zeitlang unterstellen aber nicht unter Büschen. Er hatte sich notdürftig in die Lücke zwischen zwei Nachwuchseichen gezwängt, was ihm nicht den geringsten Schutz bot. Er war mittlerweile bis auf die Haut nass und begann zu frieren. Verzweifelt dachte er nach, wie er sich aus dieser fatalen Situation retten könne. Da fiel ihm ein, dass er auf dem Wege zu der Wiese an einem der verlassenen Bauernhöfe vorbei gekommen war. Schnurstracks rannte er zurück. Mittlerweile schüttete es wie aus Gießkannen. Endlos kam ihm der Weg vor, doch endlich nahm er, durch seine vom Regen beschlagenen Brillen das kleine Anwesen war. Er stürzte auf die Tür zu, fand sie offen und war auch schon im trockenen.

Ein paarmal musste er heftig atmen. Er schüttelte so gut es ging seine Kleider aus und als er sich etwas gefangen hatte und seine Sinne sich auf die neue Situation einzustellen begannen, wurde ihm bewusst, wie penetrant es in diesem Raum stank. Es war ein fettiger, aufdringlicher Geruch. Obwohl er ein weitgehend naturunkundiger Stadtmensch war, glaubte er, diesen Geruch zu kennen. Es war einer jener tragenden Gestänke, die einem verfolgen wenn man mit dem Auto durch ländliche Gegenden fährt.

„Wohl ein ziemliches Sauwetter da draußen“, klang es hinter ihm.

Er zuckte vor Schreck zusammen – eine unglaublich sonore und fette Stimme hatte ihn aus dem Dunkeln des Raumes angesprochen. „Das ist typisch für mich“, dachte er hastig: „Irgendwie schaffe ich es immer, ins Fettnäpfchen zu treten. Ausgerechnet in das einzige bewohnte Haus in dieser gottverlassenen Gegend muss ich stolpern, ohne anzuklopfen“. Schnell blickte er in den Raum um den freundlichen Bewohner anzusprechen. Seine Augen hatten sich noch nicht an die Dunkelheit gewöhnt, weswegen er den Raum nicht voll erfassen konnte. Angestrengt blickte er in das Halbdunkel, jedoch den Besitzer mit der eigenartigen Stimme konnte er nicht ausmachen. An der linken Wand hatte sich jedoch kurz etwas bewegt. Er ging ein paar Schritte in die Richtung und ermannte sich, ein verhaltenes „Wo sind Sie bitte“ hervorzubringen. Nun konnte er sehen, was sich dort befand und was er sah, jagte ihm einen gehörigen Schreck ein: An der Wand stand ein zerfleddertes Sofa und darauf lag ein riesiges Schwein, welches ihn mit halb geschlossenen Augen fixierte.

„Der Mensch hier haust ja entsetzlich“, dachte er und rief dann nochmals: „Wo sind Sie bitte.“

„Na hier doch“, kam es aus der Richtung des Schweines.

Herr Doppler hatte für eine Sekunde das Gefühl, als würden ihm die Beine vor Schreck einknicken. Obwohl es so Dunkel war konnte er deutlich sehen, wie die riesige Sau ihren Rachen öffnete und sprach: „Ganz richtig, hier bin ich.“

„Wawas um alles in der Welt ist hier los“, stotterte er.

„Nicht viel ist hier los, in diesem ländlichen Idyll, außer das es im Moment schrecklich regnet“, kam prompt die Antwort.

„Dadas ist ein schrecklicher Höllenspuk“

„Höllenspuk ist in der Diktion archaisch und im Inhalt vereinfachend, beschreibt aber im wesentlichen die Ausgangspunkte dieser besonderen Situation.“

„Wowo bibin ich da hineingeraten.“

„In Kenntnis humaner Verhaltensreaktionen nehme ich an, dass Sie im Moment das starke Bedürfnis erfasst, panisch aus diesem gastlichen Haus zu stürzen. Das sollten Sie nicht tun, denn da würden Sie noch nasser werden, als Sie ohnehin schon sind. Entschuldigen Sie bitte, dass ich ihnen nichts anbieten kann, aber wie Sie es sicher schon bemerkt haben, herrscht hier eine richtige Sauwirtschaft“, sagte das Schwein um unmittelbar darauf in ein brüllendes Lachen auszubrechen, und mit ihm erklang brüllendes Gelächter von mehreren Stellen aus dem Halbdunkel des alten Bauernhauses. Es mussten sich also mehrere dieser Höllenschweine hier befinden.

„Ich glaube es ist besser, wenn ich zu ihnen herüberkomme“, ergriff das Schwein wieder das Wort, wälzte sich krachend vom Sofa und stand in Sekundenschnelle vor dem vor Grauen und Panik geschüttelten Herrn Doppler.

Mit schreckgeweiteten Augen starrte er in ein riesiges Schweinegesicht. Das Monster vor ihm sah aus wie ein ganz normales Schwein, wenn da nicht seine Augen gewesen wären. Es waren nicht die üblichen kleinen Schweinsaugen, sondern es waren zwei große dunkle Augen, die ihn da aus unmittelbarer Nähe anstarrten. Herr Doppler war völlig gelähmt vor diesem durchdringenden Blick. Selbst wenn er mehr von Tieren verstanden hätte, wäre ihm sicher nicht aufgefallen, dass dieses Ungeheuer nicht wie bei Paarhufern üblich, gespaltene Hufe, sondern mehrere lange Zehen besaß.

„Bevor Sie sich noch das Gemüt wund wundern - wieder ertönte aus allen Ecken des Raumes grunzendes Gelächter – sollte ich Ihnen einiges erklären“, bemerkte das Schwein, worauf Herr Doppler nur ganz leise ein schüchtern ängstliches „Wenn Sie meinen“ hervorbringen konnte.

„Wir beide sind sozusagen Verwandte, nein nicht nur deswegen, weil wir beide Säugetiere sind. Wie Sie ja wissen, verbindet uns seit Jahrtausenden eine einseitiges kulturelles Arrangement. Wir wurden ohne Wunsch dazu gebracht, davon zu leben, gefressen zu werden. Ein Allesfresser frisst gewissermaßen den anderen Allesfresser. Über Jahrtausende wurden wir als Menschenfutter geboren bis euch ein neuer Verwendungszweck für uns einfiel. Homo sapiens ließ sich plötzlich dazu herab Sus scrofa an seinem biologischen Entwicklungsstandard teilhaben zu lassen. Der Mensch spendete dem Schwein etwas von seinem unvergleichlichen Genmaterial, jedoch nicht als Dank für das jahrtausendelange Fressenlassen sondern aus einem viel perfideren Grund, nämlich dazu, unsere Organe nicht zu schnabulieren, sondern um sie zu transplantieren. Die Genetiker machten es möglich, sie bauten in unsere guten altbewährten Keimzellen menschliche Gene ein. Die für die Transplantationen vorgesehen, Nieren, Leber, Herzen, Lungen, Speiseröhren und Hornhäute sollten ja menschenkörperverträglich sein – für jeden Patienten eine eigene Spendersau. Die Experimente liefen vorerst im Geheimen ab. Es gab natürlich eine Menge Fehlschläge. Man beauftragte kleine Bauern in dieser Gegend mit der Zucht und Haltung der genetisch veränderten Tiere. Für Studienzwecke wurden auch die Fehlschläge gehalten. Mit einem Wort, es war ein riesiger organisatorischer Sauhaufen. Wiederum erklang im Hintergrund das schweinische Gelächter. Man hatte offensichtlich einige Naturgesetze bei diese Schweinevermenschung übersehen. Die genetisch angemenschelten Schweine vermehrten sich und die Menschengene konzentrierten sich in einigen Exemplaren. Da wir es ungemein niedlich finden, viele kleine Menschenschweinchen in die Welt zu setzen, ging dieser einmalige Prozess erstaunlich schnell vonstatten. Als momentanes Endergebnis sehen Sie hier mich und meine Freunde.“

Der am ganzen Körper zitternde Herr Doppler konnte nichts mehr sagen. Er spähte zur Eingangstür um einen Fluchtversuch zu wagen, doch vor der Tür hatte sich ein weiteres kapitales Schwein platziert.

„Etwas möchte ich ihnen noch gestehen“, meldete sich das sprechende Schwein wieder. „Wir möchten Sie gerne zum Essen hier behalten. Ich habe dabei nur ein logistisches Problem. Wenn Ihr unsre unvermenschten Verwandten esst, habt Ihr kein Problem, außer dem gelegentlichen Einfangen von Trichinen oder Bandwürmern. Da isst, wie ich es schon erwähnt habe, eine omniphage Spezies die andere omniphage Spezies. Wir aber, würden wir Sie essen, wären de facto Kannibalen. Würden Sie uns jedoch essen, was im Hinblick auf Ihre momentane Lage eine rein theoretische Überlegung ist, wären Sie ebenfalls ein Kannibale.“

„Was bist Du denn so spitzfindig“, meldete sich da das Schwein bei der Tür mit noch fetterer Stimme, „Denk dran das es unter den klassischen Schweinen auch gelegentlich zu Schweinefresserei kommt und niemand regt sich auf.“

„Ja aber wir haben doch den Funken der Selbsterkenntnis gewonnen.“

„Meine Selbsterkenntnis ist unser aller Nahrungsbedarf und ich erkenne, dass der da für uns alle reicht.“

„Aber es heißt doch, zumindest von Erzählungen menschlicher Kannibalen, dass Menschenfleisch wie Schweinefleisch schmeckt. Da müsste doch für uns das Menschenfleisch unserem Menschenschweinefleisch noch viel ähnlicher sein. Ekelt dir nicht davor?“

„Mir ekelt nicht davor, denn ich habe ja noch nie Menschenschweinefleisch gegessen, ich bin doch kein Kannibale.“

Da rief aus dem Hintergrund eine weitere fette Stimme: „Was streitet ihr den herum. Stimmen wir doch ab.“

„Oh ja“, tönte es fett von allen Seiten: „Demokratie, Abstimmung, Abstimmung.“

Da stieß Herr Doppler einen tierischen Schrei aus, warf sich mit letzte Kraft gegen die Tür, trat dabei über das wütend grunzende Schwein. Die morsche Tür gab nach und er lag im Freien. Keuchend und mit angstgeweiteten Augen rannte er im Schweinstempo durch den Regen. Er konnte nur noch wahrnehmen, dass ihm eine fette Stimme, begleitet durch vielfältiges dröhnendes Gelächter, ein herzliches: „Auf Wiedersehen Brüderchen“ nachrief.

Als Herr Doppler frühzeitig von seinem Urlaub zurückkam, erweckte er bei seiner Frau und einigen Freunden den Eindruck, als sei er seit dem Urlaub etwas eigenartig. Angeblich soll er sogar zum Islam konvertiert sein.

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