Wilde Erbsen - Mariken Heitman - E-Book

Wilde Erbsen E-Book

Mariken Heitman

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Beschreibung

»Ein Triumph der literarischen Phantasie.«Jurybegründung Libris Literaturpreis Elke ist anders, und das schon immer. Sie trägt nicht die richtige Kleidung, stellt nicht die richtigen Fragen, liebt in den Augen der Gesellschaft nicht die richtigen Menschen. Dadurch fühlt sie sich nirgends richtig zugehörig und stolpert immer wieder in absurde Situationen. Aber als Biologin weiß Elke, dass alles immer zum Licht wächst. Ein Roman, der alle Schichten freilegt, Schichten der Erde, der Zeit und der Vorurteile. »Wilde Erbsen« erzählt die Geschichte der Saatgutzüchterin Elke, die sich nach einem gescheiterten Versuch, eine neue Kürbissorte zu züchten, auf eine Insel vor der niederländischen Nordseeküste der Niederlande begibt. Sie will dort die Ur-Erbse wieder auswildern. Parallel zu diesem Vorhaben und Elkes eigener Identitätssuche tritt die mythische Figur Ra auf, die neuntausend Jahre zuvor in Südwestasien lebte. Ihr werden besondere Kräfte zugeschrieben, was sie zum Orakel und gleichzeitig zum Sündenbock für die Gemeinschaft macht. Ra scheint, genau wie Elke in der Gegenwart, in keine Schublade zu passen. Und auch die Erbsen beweisen, dass Binarität etwas ist, was in der Natur nicht existiert – bis der Mensch eingreift. Mariken Heitman hat einen klugen, zeitgemäßen und humorvollen Roman über Natürlichkeit, Landwirtschaft und die großen Fragen der menschlichen Existenz geschrieben. »Mariken Heitmans Roman ist vielschichtig, sprachgewandt und äußerst originell.« De Volkskrant »Heitman ist eine kluge und originelle Denkerin.« NRC Handelsblad »Ich war hingerissen von der präzisen, klingenden und phantasievollen Sprache, die nie pathetisch oder schwülstig wird. Dieser innovative Roman hat mich in jeder Hinsicht überrascht.« De Groene Amsterdammer

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Dies ist der Umschlag des Buches »Wilde Erbsen« von Mariken Heitman, Christiane Burkhardt

Mariken Heitman

 Wilde Erbsen

Roman

Aus dem Niederländischen von Christiane Burkhardt

Klett-Cotta

Impressum

Die Übersetzung dieses Buches wurde von der niederländischen Stiftung für Literatur gefördert.

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Klett-Cotta

www.klett-cotta.de

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Wormmaan« im Verlag Atlas Contact, Amsterdam

© 2021 by Mariken Heitman

Für die deutsche Ausgabe

© 2024 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Cover: Anzinger und Rasp Kommunikation GmbH, München

Gesetzt von C.H.Beck.Media.Solutions, Nördlingen

Gedruckt und gebunden von GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-608-98733-1

E-Book ISBN 978-3-608-12318-0

1

Das Lenken eines Traktors ist ein Akt der Souveränität. Er nimmt den Feldweg und fährt auf den Acker, bereit, das Land umzugraben. Der Boden wird es zulassen, heute ist er kühl, aber gefügig. Seine kahl werdende Haut schimmert durch den Bewuchs. Winterroggen, noch in einer Art Grasstadium, deckt kaum. Die angekuppelte Maschine senkt sich. Brummend setzen sich die Spatenblätter in Bewegung, fressen Erde, pflügen in einem einzigen Arbeitsgang Roggen, Unkraut und Mist unter.

Noch vor einem Monat war der Boden von einer harten Kruste bedeckt. Nichts ist fester als gefrorene Erde, wie Bauern und Totengräber wissen. Der Frost war nur wenige Zentimeter vorgedrungen, doch das genügte, um den Traktor zu tragen. Die Erde ließ sich von den rollenden Reifen nicht verschlammen. Der Miststreuer spuckte Klumpen aus, dazwischen drehte sich quietschend die Zapfwelle, und die Schutzabdeckung klapperte wie ein tollwütiges Ungeheuer. Jedes Mal musste ich an die Bauern denken, die mit dem Ärmel darin hängen blieben. Immer die Zapfwelle ausschalten, wenn man schrauben muss, pflegte ich die Jungs anzuknurren, die mit dem Traktor arbeiteten. Noch lieber fuhr ich selbst, aber das gehörte schon lange nicht mehr zu meinem Aufgabengebiet. Deshalb schmückte ich meine Geschichten mit Schreien, Blut und Amputationen aus. Sie schauten mich begriffsstutzig an, mit ihren frisch rasierten Wangen und abgemähten Locken, der Pubertät gerade erst entwachsen. Denn das gehörte nun mal dazu, Gefahr ließ einen zum Mann reifen. Ohne Krieg, ohne ein zu eroberndes Mädchen war das unverzichtbar. Wenn sie immer noch viel zu schlaksig Kroketten und Weißbrot in der Kantine bestellten, sog ich im Vorbeigehen ihren Körpergeruch ein, der sich bereits mit dem von Erde, Mist und Diesel vermengt hatte. Erdklumpen lösten sich von ihren Arbeitsschuhen und blieben auf dem Linoleum liegen, ohne dass jemand etwas sagte.

Es ist, als würde ein erdfarbener Textmarker durch das Grün fahren. Unbebautes Land hat etwas Aufregendes. Ich nehme eine Handvoll Erde und zerdrücke sie. Noch etwas feucht. Der junge Mann im Fahrerhaus sieht sich um. Angestrengt späht er von der Spatenmaschine zu mir herüber. Wir nicken uns zu.

Dann ertönt ein lauter Knall. Die Spatenblätter kommen zum Stillstand, die Maschine bäumt sich ruckelnd auf, und der junge Mann springt aus dem Fahrerhaus. Auch ich betrete den Acker. Wir bücken uns und sehen einen Stein, so groß wie ein dicker Kürbis. Der dunkelgraue Granit ist von einer klebrigen Haut aus Erde bedeckt, dort, wo die Schaufel ihn getroffen hat, ist sie aufgeschürft. Quer über seinen zerschrammten Bauch verläuft ein silberner Streifen. Ansonsten ist er unversehrt. Um die Schaufel der Spatenmaschine ist es schlechter bestellt, wie eine verbogene Büroklammer hängt sie im Maul der Maschine. Seltsam, dieser eine Stein hier. In Skandinavien ist man das gewohnt, da steigen die Steine wie Heliumballons aus dem Boden. Jedes Frühjahr gehen die Äcker mit Steinen schwanger, und die Bauern müssen ihre Felder erst mal davon befreien, bevor sie loslegen können. Doch nicht die Steine, sondern die Erde ist ständig in Bewegung. Meist unmerklich, trotzdem glauben wir fest daran.

Der junge Mann ist bereits wieder ins Fahrerhaus zurückgekehrt. Er sucht nach Werkzeug. Ich nehme den Stein und gehe zum Büro, ein leuchtender Kasten in einer Schlammpfütze. »Zapfwelle ausschalten!«, brülle ich noch.

Im Büro begegne ich Bert. Ob ich mal kurz mitkommen könne, fragt er gehetzt. Ich folge ihm in sein Zimmer.

»Wir sind zu spät, Elke.« Seine Hand liegt auf einem Blatt Papier. »Was ist das?« Er zeigt mit dem Kinn auf meinen Schoß.

»Zu spät?«

»ABC Seeds sind uns zuvorgekommen. Ihr Kürbis weist zu viele Ähnlichkeiten mit unserem auf.« Er schiebt mir das DIN-A4-Blatt hin. Der Text ist kurz, spricht aber eine eindeutige Sprache. Die getesteten Eigenschaften der beiden Sorten sind bis auf eine einzige miteinander vergleichbar. Auch ihr Kürbis reift früh, hat denselben Kiloertrag und dieselbe Farbe, sogar der kompakte Wuchs, der das Unkrauthacken erleichtert, ist mehr oder weniger derselbe. Nur der prozentuale Anteil an Trockenmasse unterscheidet sich. Ihrer ist höher. Unser Wettbewerber hat genau denselben Kürbis entwickelt, bis auf eine einzige, überlegene Eigenschaft. Ihr Kürbis ist nicht so wässrig. Doch noch viel wichtiger ist, dass ihr Zulassungsantrag früher eingereicht wurde. ABC Seeds darf ihre Sorte Plenty auf den Markt bringen, für sie zahlen sich sieben Jahre Arbeit aus. Wir haben Pech. Unsere Sorte existiert nicht, wir haben bloß eine Kopie angefertigt.

»Plenty?«

Bert sieht müde aus.

Ich suche im Gewächshaus Zuflucht, atme das angenehme Pilzaroma frischer Blumenerde ein. Draußen will es einfach nicht hell werden, hier drin scheint eine Kunstsonne. Das windstille Klima, die Pflanzrohre und Barcode-Schilder erwecken den beruhigenden Eindruck, alles im Griff zu haben. Ich sitze in einer Ecke, den Stein neben mir wie ein Wachhund. Bert hat mich gefragt, was ich denke. Sieben Jahre Arbeit für die Tonne, das denke ich. Sieben Jahre Vorbereitungszeit und dass ich das eigentlich liebe. Den schweren Traktor im Herbst, schief, mit nur einem Stützrad in seiner eigenen Furche. Die klappernden Pflugscharen, die am Anfang jeder Reihe im lehmigen Boden versinken, als wäre er aus Pudding: Wie sie ihn aufreißen, die Erdschollen wenden, ein Schwarm Möwen im Schlepptau, die systematisch die Würmer aufpicken. Die Furchen, die das Land wie dickes Gewirk bedecken. Der Lehmboden muss kaputtfrieren, zerkrümeln wie eine Pavlova. Aber Kälte, das war einmal. Immer öfter wird der Lehmboden dank Dieselkraft zermalmt, wie ein Stabmixer zerhäckselt die Kreiselegge alles Leben. Hier, beim leichteren Sandboden der Gärtnerei, genügt Umgraben. Anschließend treiben unzählige Samen und Wurzelreste von Quecke, Melde, Ackerdistel und Knopfkraut aus. Die zögerlichen Wurzeln unserer geliebten Kürbisse hingegen bekommen kein Bein auf den Boden: die Stängel zu schwach, die Blätter zu zart. Weil sie so empfindlich sind, brauchen sie ein topfebenes Beet. Deshalb muss die Egge, eine riesige Harke mit Stahlzinken wie gezackte Drachenschwänze, die Erdbrocken zerkleinern, gefolgt von einer schweren Walze, die alles zerkrümelt. Dann wird es April, und ich sehe mich in die Hocke gehen, die flache Erde streicheln, die sich zitternd der Frühlingssonne darbietet. Einen Monat später sind die quadratischen Felder voller Kürbispflanzen, sortiert nach Sorte und Generation. Die weiblichen Blüten einzeln und ordentlich in Gaze verpackt, um eine zufällige Befruchtung zu verhindern, die männlichen schlichtweg amputiert. Manchmal wachsen die Pflanzen auch unter einem Insektenschutznetz, um dicke Hummeln abzuwehren, damit nur wir mit unseren kleinen, in klebrigen Blütenstaub unserer Wahl getauchten Pinseln Zugang haben. Es folgen die Kontrolle der Pflanzen und ihrer Früchte, die Listen mit Daten: wie viele Triebe pro Pflanze, erste Blüte, Anzahl der Blüten, wie krankheitsresistent, der Moment der Fruchtbildung und natürlich das Gewicht der Früchte. In ihnen befinden sich die Embryos unserer sorgfältigen Befruchtungen, die Nachkommen, die erst im nächsten Jahr ausgesät und getestet werden können. Deshalb hat es sieben Jahre gedauert, um eine neue Sorte zu entwickeln. Wir fanden sie spektakulär früh erntereif, viel früher als die bisherigen Sorten. Ich hebe den Stein hoch und spüre die raue, glitzernde Wunde, denke an eine Mitschülerin, die Klammertiere aus Plüsch sammelte, sie besaß eine ganze Kollektion davon. Mit steifen Ärmchen klammerten sie sich an das Seil, das von ihrem Hochbett hing: Kopf an Po. Sie fühlten sich hart an unter der dünnen Stoffschicht. Wir hatten das ein oder andere Tier von seinem Fell befreit. Was blieb, war ein viel zu großer Kopf auf einem gruseligen rosafarbenen Skelett. Ansonsten war wenig mit diesen Klammertieren anzufangen. Man konnte sie in die Schulter kneifen, dann öffneten sie die Arme und ließen das Seil los. Mit diesen Armen konnten sie sich auch gegenseitig, unsere Finger oder andere hervorstehende Körperteile umklammern. Deshalb wandten wir unsere Aufmerksamkeit einem Telefon auf dem kleinen Schreibtisch unter ihrem Hochbett zu. Ein echtes Telefon mit Wählscheibe. Meine Mitschülerin wählte eine Nummer und sagte, ein Junge sei dran. Ich konnte mein Erstaunen kaum verbergen. Sie nickte lebhaft, wölbte geübt die Hand um die Sprechmuschel und flüsterte, er wolle wissen, was wir anhätten. Die Hand entfernte sich, und sie erwiderte: »Ballkleider, ganz schöne. Ich eines in Rosa und Elke eines in Blau.« Wir kicherten. Sie hielt mir den Hörer hin. Ich schüttelte den Kopf. »Los, mach schon«, zischte sie aufgeregt. »Er will dich sprechen. Wirklich, ich schwör’s bei meinem Kaninchen.« Um niemanden vor den Kopf zu stoßen, nahm ich den Hörer entgegen und lauschte. Der Junge hatte aufgelegt.

Auch ich besaß ein paar Klammertiere, sammelte allerdings lieber Steine. Graue Steine mit einem weißen Marmorstreifen. Aber das behielt ich für mich. Ich bewahrte sie in einem Schuhkarton auf. Wir gingen von der Schule nach Hause, und sie fragte, ob ich mit zum Spielen komme. Wir näherten uns gerade einer Kiesauffahrt. Die besten Steine findet man oft im Kies, manchmal im Wald. Ich meinte, das gehe nicht, ich hätte noch zu tun. Sie runzelte die Stirn. Ich müsse heute Nachmittag noch üben, für den Klarinettenunterricht, fügte ich zögernd hinzu. Langweilig, meinte sie und war froh, keinen Musikunterricht zu haben. Also dann tschüs! Sie hüpfte um die Ecke. Ich ging vor dem Kies in die Hocke und ließ meinen Blick über die verschiedenen Steine huschen. Keiner war wie der andere. Nach etwa zehn guten Exemplaren fiel mir auf, dass ich nichts zum Transportieren hatte. Keine Jacke, keinen Turnbeutel, keine Hosentaschen. Ich trug ein Kleid. Wie gut mir das Rot stehe, hatte mir meine Mutter noch am Morgen lächelnd gesagt.

Mit vollen Händen ging ich nach Hause, mit dem Ellbogen öffnete ich mühsam die Küchentür. »Hallo, mein Schatz, wieso kommst du so spät?«, fragte meine Mutter. Ich zeigte ihr meine bösen, viel zu vollen Hände. Drei Steine entglitten mir und prasselten auf den Küchenboden.

Vor mir stehen Töpfe mit starrem, bleistiftdickem Lauch, oben sorgfältig kupiert wie Schweineschwänze. Plenty. Aber was soll man schon von einer Firma erwarten, die sich nach den ersten drei Buchstaben des Alphabets benannt hat.

Unseren habe ich Aparche getauft, nach der Erstlingsfrucht, dem allerersten und schönsten Teil der Ernte, den die alten Griechen ihren Göttern opferten. Weil unser Kürbis so früh dran war und bereits Mitte August anfing zu reifen.

»Aparche, der allererste Sommerkürbis.« Das Marketing ist längst angelaufen. Auf meinem Schreibtisch liegen bunte Hochglanzbroschüren mit wenig Text und vielen Fotos, sie zeigen orangene Rundungen, ganze Paletten davon. Mit dem Ziel, Landwirte zu verführen. Die gehen nämlich ein hohes Risiko ein, wenn sie auf eine neue Sorte umstellen. Sie wissen noch nicht, wie der Boden reagiert, ob sie die Signale der neuen Pflanzen verstehen werden, ob sie über die richtigen Maschinen verfügen. Da hilft es, schillernde Erwartungen zu wecken. Tabellen mit fetten Kiloerträgen sind natürlich auch hilfreich.

Doch jetzt ist Aparche auf einmal überflüssig, eine Erstlingsfrucht, die keine Erstlingsfrucht mehr ist. Stattdessen erhielt Plenty, ihr intelligenterer Bruder von ABC Seeds, eine Daseinsberechtigung. Beide sind Hybriden, die Sorte, die man bekommt, wenn man zwei Elternlinien getrennt voneinander über einen langen Zeitraum hinweg Inzucht aussetzt. Werden zwei dieser Eltern miteinander gekreuzt, entsteht eine explosive Nachkommengeneration: Hybriden sind in fast jeder Hinsicht leistungsfähiger als ihre Eltern. Sie wachsen gleichmäßig, blühen üppig und tragen große Früchte. Bauern lieben diese vorhersehbaren, ertragreichen Pflanzen. Aber ihre Früchte enthalten unbrauchbare Samen. Befruchtet sich nämlich ein Hybride selbst, fällt das ganze Kartenhaus in sich zusammen. Werden die Karten neu gemischt, ändern sich auch die Eigenschaften. Einige verschwinden und andere, die man unterdrückt hat, treten in den Vordergrund. Die Nachkommen ähneln weder einander noch ihren Hybrid-Eltern. So ein Kürbis kann sich nicht formstabil fortpflanzen. Das schafft er nur mithilfe von uns Züchtern.

Die Tür zum Gewächshaus geht auf. Vincent, unser Erbsenmann, hat zwei Tassen Kaffee dabei, reicht mir eine davon und zieht einen Stuhl neben meinen. Wir starren auf das Lauch-Pflanzgut. Er fragt, wie es mir gehe, was ich jetzt machen wolle. Draußen dröhnt ununterbrochen der Traktor. Was ich machen will? Gute Frage, darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Ich sage, dass ich es nicht weiß. Er nickt und meint, das sei eine Fehlleistung des gesamten Teams, ich nähme das hoffentlich nicht zu persönlich. Nein, da habe er wohl recht, sage ich beschwichtigend. Mein Blick huscht nach draußen.

»Meinst du nicht, es ist noch zu früh zum Umgraben, Vincent?«

Joop vom Außendienst habe das so entschieden. Ich nicke und schaue hinaus, denn dort will ich sein. Ohne eine Glasscheibe, die mich von der Welt trennt. Kerzengerade will ich auf diesem jungfräulichen Land stehen, spüren, wie meine Schuhe einen Zentimeter tief einsinken, die geballten Hände in den Hosentaschen. Gucken, ob die Jungs die Löcher und Spuren vom Vorjahr ordentlich beseitigt haben, ob die Krume ausreichend untergegraben wurde, ob sie nicht zu fein und auch nicht zu grob ist. Ich höre schon das Klappern der Sämaschine, die Auszubildenden mit ihren abrupten Gesten, wie sie die zarten Pflänzchen eines nach dem anderen ins Pflanzrohr fallen lassen, ihr Radio, nackte Beine und Gelächter. Anschließend wächst der Acker mit wogenden Blättern und haarigen Armen voll hellgelber Blüten zu. Die ersten orangen und tiefgrünen Rundungen werden im August wie riesige Ostereier zwischen dann sandfarbenen Blättern aufleuchten. Aber nicht dieses Jahr.

»Ich möchte dir was zeigen.« Vincent erzählt von einer uralten, samenfesten Erbsensorte, die er neulich aus der Türkei bekommen hat. Bitter, aber dafür mit allen möglichen Resistenzen gegen Krankheiten. Eine Sorte, die sich wahrscheinlich auf die Erbse zurückführen lässt, die die allerersten Bauern vor ungefähr neuntausend Jahren gezüchtet haben. Türkische Bauern in abgelegenen Bergregionen bauen sie bis heute an, hauptsächlich für den Eigenbedarf. »Ist doch Wahnsinn!«, sagt er schließlich kopfschüttelnd und trinkt seinen letzten Schluck Kaffee.

Vincent ist eher ein Sammler als ein Züchter. Außerdem ist die Entwicklung neuer Erbsensorten finanziell uninteressant. Für den Frischmarkt sind sie zu teuer, und als Konserve ist der Qualitätsverlust so hoch, dass sich eine Geschmacksveredelung nicht lohnt. Bei Erbsen geht es um Kilos. Bisher habe ich mich nicht dafür interessiert. Eine störrische Urerbse. Ich nicke, und wir stehen auf.

»Was ist das?« Vincent zeigt auf meinen Stein.

2

Die Levante vor neuntausend Jahren

Die Steppe rast, aber ein Mensch muss ab und zu rasten. Deshalb zeigten wir ihr jeden Abend eine Höhle, einen Felsspalt oder ein ausgetrocknetes Flussbett. Dieser Teil des Fruchtbaren Halbmonds, der Levante genannt wird, bestand aus Gras und Wind. Mäßigung suchte man hier vergebens. Mehr als Rückendeckung konnten wir ihr nicht bieten. Sie zog sich tiefer in den Schutz ihrer Kapuze zurück, entfachte mickrige Feuer, um Schlangen und andere hungrige Raubtiere fernzuhalten, aß in der Hocke Haselnüsse, winterfeste Beeren oder Wurzeln, die sie unterwegs in ihrem Beutel sammelte. Die Mühe, sie zu schälen oder zu rösten, machte sie sich nicht. Sie war jung, sie hatte noch die Zähne dafür. Jeden Abend murmelte sie ein Stoßgebet. Große Mutter, führe mich zu einem neuen Volk. Allein bin ich verloren.

Danach ließen wir sie schlafen.

Die Schattenwelt verlangte ihr mehr ab als die Steppe. Sie wälzte sich eine Weile hin und her, schloss die Augen, und schon tauchten die Schemen auf. Sie durfte rein gar nichts, weder beim Getreidemahlen helfen noch anschließend den Brei essen. Dann spähte sie wieder hinter einer Mauer hervor, zu dem Tanzen und Singen um mehrere Feuer, zu dem Mond, der die Menschen mit seinem bläulichen Schein wach hielt. Sie beobachtete, wie das Tanzen nach und nach aggressiver wurde, die Gliedmaßen immer stärker zuckten. Bis sich der Gesang von Melodie und Rhythmus löste. Schrilles Heulen, dazu ihre Atmung, die erst ins Stocken und dann aus dem Takt geriet. Das Wissen – wenn auch nicht mit letzter Sicherheit –, dass da irgendwas nicht stimmte. Kreischend warfen die Menschen Felle und Kapuzen ab, entblößten ihre mondweiße Haut, Schaum sammelte sich um ihren Mund wie Spreu, Körperteile schwangen hin und her. Einige zogen eine Fackel aus dem Feuer und drohten damit dem Himmel.

Nie sah sie ihn kommen. Im Hocken brüllte er ihr ins Gesicht, die Augen blutunterlaufen, erbarmungslos, eine Schaumflocke im Bart. Sein Gestank. Ohne jede Vorwarnung steckte er ihr die Fackel in den Bauch.

Immer dieselben Bilder. Aber das war nicht der Grund, warum wir ihr folgten.

Wer wir sind? Ahnen, auch die von ihr. Das sagt sich so leicht, aber weil wir längst den Überblick verloren haben, wissen wir nicht mehr so genau, wer oder was. Man schloss sich zusammen, also wir alle. Die Tragik des Menschen besteht nämlich darin, dass er sich einbildet, ein Individuum zu sein. Eine klar umrissene Größe. Aber wir überlagern uns genealogisch. Wirklich niemand von uns stammt von einer einzigen Linie ab. Sagen wir lieber, wir sind das unübersichtliche Amalgam ihrer Verwandten, der nicht nachlassende Strom an Toten.

Denn sterben, das taten wir oft und zuhauf. Manchmal direkt nach der Geburt, erdrosselt von der eigenen Nabelschnur. Oder aber wir wurden schon vorher, nicht größer als eine Erbse, noch bevor Finger und Zehen sich trennten, mit einem Schwall trüben Wassers aus dem Mutterleib verstoßen. Zu früh gestorben vor lauter Hunger, das auch. Verendet in flachen, von ein wenig Erde bedeckten Mulden. Vertrocknet, vergessen. Wir sind all ihre Mütter, die während der Geburt verbluteten, oft zusammen mit dem Kind. Manchmal starben wir durch Schlangenbisse, durch den Sturz in eine Schlucht, zwei von uns wurden sogar vom Blitz getroffen. Wir sind all ihre Väter, von Tieren zu Tode getrampelt oder gefressen, ertrunken, erschlagen oder verjagt. Wir sind ihre Ahnen, ein jeder von uns, die wir überwiegend weitaus weniger spektakulär ums Leben kamen. Irgendwann wurden wir wehrlos, hinfällig, erlagen sinnlos einer Reihe alltäglicher Leiden: einem Knochenbruch oder Zahnfäule, einem breiten Spektrum an Infektionen, einseitiger Ernährung oder Nahrungsmangel, gefolgt von einem banalen Virus oder banalen Parasiten. Und dann siecht der erodierte Körper ohne Reserven dahin, hört schlichtweg auf zu existieren. Die meisten von uns bekamen nie ein Grab. Wir sind zahlreicher als die Lebenden, und das, wovor sie sich ständig fürchten, haben wir längst hinter uns. Dennoch haben wir keinerlei Befugnisse. Denn nur ein Körper hat hier was zu melden. Deshalb folgten wir ihr, unserer Nachfahrin. Wären wir uns doch nur öfter so einig.

Wir waren alles, was sie noch hatte, ihre Menschen hatten sich kürzlich zu uns gesellt. Auch wenn sie nichts davon wusste. Tagsüber schleppte sie sich mühsam vorwärts wie eine betrunkene Sonnenuhr. Nur wir sahen, wie ihr Schatten länger wurde, schrumpfte und wieder zunahm, verblasste und verschwand. Hinter sich sah sie die brennenden Vorratsscheunen, Menschen, die mit Stöcken das Feuer ausschlugen. Sie, das Irrlicht, wandte sich ab und floh.

An diesem Tag witterte sie endlich Flusswasser und Vieh. Die Pfade, die gefällten Bäume und feuchten Dungköttel sagten ihr, dass hier Menschen lebten, Bauern wie sie. Darum war sie erst recht auf der Hut. Was Wölfe und Schakale wollten, wusste sie, Menschen hingegen konnten noch tödlicher sein.

Sie sah die Schafe schon von Weitem, schlich näher und ging hinter einem Gebüsch in Deckung. Nichts regte sich, nicht einmal das Laub der wenigen Bäume, die der Fluss in direkter Ufernähe duldete. Im Schatten schliefen zwei Menschen, umgeben von ihrer Herde. Nachdem die Tiere ihren Durst gestillt hatten, lagen sie überall herum, die schmutzigen Knie angewinkelt. Sie käuten wieder, mit rhythmisch mahlenden Kiefern und prallen Wangen. Sie waren in Gedanken, ihr Blick nach innen gerichtet. Ab und zu bewegten sie die Ohren oder schüttelten den Kopf, um Stechfliegen zu vertreiben.

Wir haben viele Leben lang geschwiegen. Aber jetzt müssen wir dringend etwas loswerden. Diese beiden schlafenden Menschen und das Volk, zu dem sie gehören, sind keine Fremden für uns. Auch sie sind unsere Nachfahren, wie könnte es anders sein? Wir sind nicht nur das Amalgam einer Handvoll vorangegangener Brüder und Schwestern. Wir sind auch die südlichen Nomaden, unstete Keinländer, die nicht Götter, sondern Tiere verehren, die Neandertaler, die ihre pigmentarme Haut weitervererbten, der Homo erectus mit seinem revolutionär großen Gehirn, die Affenartigen, die erstmals auf zwei Beinen liefen, die kleineren Äffchen, die einigen von euch einen Phantomschwanz und eine vage Vorliebe für Bäume mitgaben, sowie das schmächtige Tier, das auf wundersame Weise überdauerte und das Spektakel überlebte, das den Dinosauriern das Genick brach. Wir sind die vierbeinigen Amphibien mit der uns verwandten Organstruktur und einem ebensolchen Blutkreislauf, wir sind der Fisch, der aus dem Schlamm kroch und atmete, ein und wieder aus, in einer noch ferneren Vergangenheit. Auch sie sind wir, die Quallenartigen, deren Zellen genauso aussahen wie die von allen anderen, mit einer Membran und einem Kern, das vermeintlich Ungeformte. Wir starben zuhauf und schlossen uns zusammen, bis hin zum allerersten, spontan entstandenen Eiweißstrang. Aber auch das ist nicht der Anfang. Wir sind das, woraus dieser Strang entstand, das Gas und die Erde, die Mineralien, Moleküle, Säuren und Basen. Das zu Staub gewordene Licht und die Bewegung. Wie soll man Unermesslichkeit beschreiben? Sie speist sich aus einem ununterbrochenen Lebensstrom. Sie ist nie allein.

Zugegeben, wir sind fast immer uneins. Konsens bleibt dem Einzelnen vorbehalten, und das ist das Einzige, was wir nie gewesen sind. Einige von uns waren nicht damit einverstanden, aber sie mit ihrem Veto-Körper traf eine Entscheidung. Und es geschah Folgendes:

Sie kam hinter ihrem Strauch hervor und ging auf die beiden Menschen zu. Die Schafe blökten und weckten sich, einige erhoben sich hastig. Auch die beiden Menschen wachten auf. Der junge Mann griff erschrocken zu seinem Steinmesser. Sie zeigte ihre leeren Hände und nannte ihren Namen, Ra, schlug sich zwei Mal gegen die Brust, wobei sie den Daumen auf Herzhöhe liegen ließ. Sie setzte ihre Kapuze ab. Das sorgte für Verwirrung.

Kurz waren wir erstaunt. Offenbar verliert man die menschliche Perspektive, wenn man jemanden schon so lange kennt, und wir kannten sie seit Anbeginn der Zeit. Doch all das spielte in diesem Moment keine Rolle, denn hinter ihr ragte ein riesiges Tier auf. Wie aus dem Nichts, wie die beiden Menschen später beteuern sollten.

Die geteilte Gefahr verbrüderte. Die beiden Menschen schrien und zeigten, aber es war sein Geruch, der sie alarmierte. Ra drehte sich um und sah den Stier, nur einen Steinwurf von ihr entfernt. So groß wie drei Kühe. Träge stemmte er die riesigen Hörner gegen einen Baum. Etwas stieß ihr auf, und sie schluckte. Das Tier schälte Rinde vom machtlosen Stamm, muhte leise und vertrieb mit matten Schweifschlägen aufdringliche Insekten. Es knabberte Rinde. Erneut warf sie einen Blick auf seine riesigen Hörner. Sie klopfte ihr Gewand ab, denn ihr Körper hatte vergessen, dass sie ihre Steinschleuder hatte zurücklassen müssen. Aber ihren Speer hatte sie dabei. Hinter dem Gebüsch, wie ihr jetzt wieder einfiel. Dort hatte sie ihn gelassen, um die beiden Menschen nicht zu erschrecken.

Wir merkten, dass das schiefgehen konnte. Doch es wurde noch schlimmer. Plötzlich schien das Tier von einer unsichtbaren Macht gequält zu werden. Mit einem schrillen Kreischen warf es den Kopf hin und her. Es verdrehte die Augen, spannte sämtliche Muskeln an, machte ein paar stampfende Schritte auf sie zu, buckelte und verrenkte den monströsen Körper. Schnaubend ließ es Erdklumpen durch die Luft fliegen. Um gleich darauf Ra zu fixieren.

Zu spät. Sie drehte sich um, die beiden Menschen waren auf den einzigen Baum geklettert, der sich feige unter ihrem Gewicht bog. Einen Dritten würde er nicht tragen, soviel stand fest. Sie begann zu rennen.

Zu schade, dachten wir. Nach allem, was wir mitgemacht, nach allem, wovor wir sie beschützt hatten. Einige von uns wandten sich ab, sie wollten das Einholen, Aufspießen, Hin-und-her-Werfen nicht mitansehen. Wir hörten den Stier galoppieren, die Erde unter seinen Füßen gab nach wie Brei. Aus dem Baum kamen Schreie, aber sie hörte sie nicht. Sie näherte sich dem steilen Ufer, der Boden uneben, aus runden Kieseln und weichem Schlamm. Sie fuchtelte mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten. Ein Schrei, aber von wem? Von uns, von den beiden, vielleicht von ihr. Endlich Wasser, sie bahnte sich einen Weg durch den Fluss und wurde langsamer. Sie ging davon aus, dass er nicht tief war, dass sie weiterhin festen Boden unter den Füßen haben würde, vielleicht sogar bis zur Flussmitte laufen konnte, sie war schon ein gutes Stück vorangekommen. Zur Not konnte sie ans andere Ufer schwimmen, sie würde sich schon retten, dabei aber unter Umständen ihren einzigen kostbaren Besitz den Fluten überlassen müssen. Unschuldig leckte das Wasser an ihr, darüber ertönte ein Summen. Die anschwellende Bedrohung einer Wolke aus dunklen Punkten, ein Bienenschwarm, der breiter wurde, länger. Aber es war zu rhythmisch, änderte rasch seinen Klang. Sie drehte sich um. Wie verrückt ließen die beiden Menschen ihre Schwirrhölzer über dem Kopf kreisen. Huw-huw-huw machten sie bei jeder Runde. Am Wasser zögerte der Koloss, mit gesenktem Kopf. Das lange Büschel unter seinem Kinn hing in den Fluss und troff vor Nässe. Er muhte schrill, aber gedämpft. Sie holte Luft, ihre Kehle war wie zugeschnürt. Die beiden riefen etwas, sie klangen heiser. Doch der zögernde Stier schlug sie nach wie vor in seinen Bann. Sein schwarzes Fell wurde an der Wirbelsäule von einem schmutzig-weißen Streifen halbiert. Dasselbe Weiß betonte auch sein Maul, wie eine locker gezeichnete Aureole. Die zueinander gebogenen Hörner zeigten nach oben und waren mindestens so lang wie ihr Speer, ihr zerbrechlicher Speer, von dem sie nichts hatte, weil er irgendwo hinter einem Gebüsch lag. Vorsichtig machte der Stier einen Schritt ins Wasser, dann noch einen. Mit der Zunge schaufelte er sich Wasser ins Maul wie mit einem riesigen Löffel, schnaubte erschöpft dampfenden Atem. Das schwarze Tier, bei Weitem der größte Stier, den sie je gesehen hatte, begann, mit einem Vorderbein zögernd zu graben. Sofort füllte sich die Mulde mit Wasser. Seine Haut zuckte und glänzte vor Schweiß. Dann ging er vorsichtig weiter ins Wasser. Die Menschen schrien erneut, sie solle rennen, das Summen erstarb. Die plötzliche Stille behagte dem Stier gar nicht. Mürrisch machte er einen Schritt zurück und nickte. Daraufhin begann wieder das Summen, diesmal einhelliger. Seine Augen unter den buschigen Brauen schauten sie an, eher forschend als wild. Ein leicht süßlicher Geruch nach Dung und Schweiß wehte zu ihr herüber, vermischt mit dem des warmen Wassers.

Wir staunten, denn sie tat etwas noch nie Dagewesenes.

Komm ruhig, flüsterte sie, die Hände flach auf dem Wasser. Der Fluss gehörte ihr, und er war nur ein Gast, das wussten sie beide. Komm, flüsterte sie erneut. Sie hörte das Schmatzen seiner Hufe auf dem nassen Grund des Flusses, übertönt vom tiefen Brummen der Schwirrhölzer. Genau in dem Moment, als ihm das Wasser bis zum Bauch reichte, entwich ihm ein gurgelnder Seufzer. Komm, sie streckte die Hand nach ihm aus. Seine Ohren zeigten nach vorn, als wollte er kein einziges Wort verpassen. Er machte noch ein paar Schritte und sackte dann plötzlich in sich zusammen, ging vor ihren Augen in die Knie. Kurz glaubte sie, er läge im Sterben, doch vollkommen gefasst reckte er den Kopf aus dem Wasser und suchte ihren Blick. Also watete sie auf ihn zu. Erst jetzt sah sie die Schwellung unter seinem linken Auge. Eine Biene steckte in seiner Haut. Rasch fasste sie sich unters Gewand. Auf ihrer nackten Haut fand sie das feuchte Päckchen. Sie ertastete die Stängel und zählte sie. Einen würde sie schon entbehren können. Sie löste ihn von den anderen, streckte den Arm und öffnete die Hand. Beide atmeten aus, sein Atem erfasste ihre Hand. Mit seiner riesigen Zunge schnappte er sich überaus zielsicher die kleine Pflanze und ließ sie in seinem Maul verschwinden. Er kaute. Ohne darüber nachzudenken, tat sie, was sie auch bei jedem anderen Lebewesen getan hätte, sei es nun ein Schaf, ein Mensch oder ein Hund: Sie legte die Hand auf seine muskulöse Wiederkäuerwange, damit er wusste, wo sie war, und schob sie langsam Richtung Auge. Die Biene summte apathisch. Ihre Hand kam näher, mit einer raschen Bewegung zog sie die Biene heraus und schleuderte sie von sich. Der Stier schluckte, sein Kopf zuckte vor ihr zurück. Ganz ruhig, sagte sie. Eine Weile taten sie gar nichts, bis er sich platschend aufrappelte. Er wirbelte dicke Schlammwolken auf, drehte sich um und zuckelte zurück zum Ufer. Dort schüttelte er den Kopf. Wasser, Schnodder und Schlamm spritzten durch die Luft. Kurz schien er sich an die plötzliche Schwerkraft gewöhnen zu müssen, an die Realität der Dinge, schlenderte dann aber das Ufer hinauf, Richtung Steppe. Weg war er.

3

Du wirkst verwirrt«, sagt Vincent. Wir stehen in der Saatscheune, das Neonlicht geht flackernd an, hinter uns schließt sich die Schiebetür mit einem Knall. Es weht eine künstliche Brise. Wir nehmen den Mittelgang. Ich folge ihm mit leeren Händen, den Stein habe ich im Gewächshaus gelassen.

»Ist dir eigentlich noch bewusst, dass wir Pflanzen grundlegend verändern?« Ich starre auf seinen Rücken, der Fleecepulli hat Noppen vom vielen Waschen.

»Was willst du damit sagen?« Er dreht sich um.

Hier gibt es keine Fenster, dafür Regale bis zur Decke, die uns weit überragen. Die Fächer sind mit Samen gefüllt, mit Hunderten von Sorten, fein säuberlich mit Barcodes versehen. Die Luft ist würzig und trocken. Mit den Samen, die hier aufbewahrt werden, könnte man die gesamte Erde einsäen. Was ich damit sagen will, ist, dass ich sieben Jahre lang die Nachfahren ausgewählt habe, die auf der Wunschliste unserer Züchter und Konsumenten standen. Es war meine Selektion von Prinzen, die sich fortpflanzen durften. Generation für Generation wurden die Pflanzen zunehmend so, wie ich sie haben wollte, entsprachen immer mehr den Vorgaben. Sie änderten sich. Ich war der Kürbisgott.

»Hab ich vergessen.« Ich schüttle den Kopf.

Vincent legt mir eine erfahrene Kollegenhand auf den Oberarm. »Wir verändern nichts, was sich nicht verändern lässt, Elke. Veränderlichkeit ist die Grundvoraussetzung allen Lebens, nichts, was lebt, ist statisch. Nimm dir ein paar Tage frei. Denk nicht zu viel darüber nach. Du bist gut in dem, was du tust, und die Leute müssen essen.« Vor zwanzig Jahren habe er etwas ganz Ähnliches erlebt, so eine Enttäuschung hin und wieder gehöre nun mal zum Job. Ein wichtiger Job übrigens. Wir würden schließlich die Welt ernähren.

Ich nicke, ich kenne die Geschichte, aber er nicht die meine.

Es begann auf einem Kindergeburtstag. Mit verbundenen Augen mussten wir ein Kleidungsstück aus einem Sack ziehen und hineinschlüpfen. Jungen probierten Röcke an, Mädchen setzten sich Brillen auf die Nase und banden sich Krawatten um den dünnen Hals. Meine Hand wühlte instinktiv – was blieb ihr auch anderes übrig –, und ich spürte so etwas wie dünnen Stoff und eine feste, runde Form, etwas, was an ein Kissen erinnerte. Die Hand kam wieder zum Vorschein, und aus dem Sack tauchte ein monströs großer BH auf. Komm, sagte die Mutter, zieh ihn dir an. Ich schaute in die Runde, niemand trug einen BH. Jetzt mach doch mit, sagte die Mutter und streifte mir die Träger über die Schultern. Es war natürlich ihr BH. So, sagte sie. Das ist lustig. Alle schauten zu, wie ich die Arme durch die Träger steckte. Die nicht vorhandenen Brüste unter mir waren enorm. Ich packte das Ding an einem puddingweichen Halbmond und steckte es wieder in den Sack. Ich will nicht, flüsterte ich. Es ist doch nur ein Spiel, Dummerchen. Die anderen machen doch auch mit, bedrängte mich die Mutter inzwischen regelrecht, und ihre Stimme hatte nichts Fröhliches mehr. Ich will nicht, flüsterte ich erneut. Schau! Die Mutter holte den BH wieder aus dem Sack. Pieter trägt einen Rock. Es ist ein Spiel. Pieter starrte mich mit einem klebrigen Fischmaul an, der Rock schlabberte ihm um die Taille. Er hielt ein Schwert in der Hand. Es war ein Spiel, aber Mitmachen war Pflicht.

Vor dem Regal mit den Erbsensamen bleiben wir stehen. Ein paar Fächer, mehr nicht. Bin ich tatsächlich verwirrt? Wir halten den Aparche für formstabil. Es gibt eine Liste mit typischen Eigenschaften. Aber seine Form ist nur deshalb stabil, weil ich ihn so strengen Regeln unterwerfe. Überlasse ich ihn sich selbst, ist seine weitere Existenz fluide, und seine Nachfahren zerfallen zu einer tausendköpfigen Fremdenlegion.

»Ich muss mir etwas Neues ausdenken. Seit heute gibt es den Aparche nicht mehr. Die Samen liegen trotzdem dort.« Ich zeige darauf. »Nicht, dass ich das nicht verstehen würde, natürlich können wir ihn jetzt nicht mehr vermarkten. Vielleicht verstehe ich es nur allzu gut.« Ich lege eine Hand auf einen der Beutel in dem Fach. »Wie viele Sorten haben wir hier?«