Verlag: Blanvalet Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2011

Wilde Lupinen E-Book

Charlotte Link

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E-Book-Beschreibung Wilde Lupinen - Charlotte Link

Deutschland 1938. Alle Zeichen stehen auf Sturm, doch Politik kümmert die junge Belle Lombard wenig. Ihre ehrgeizigen Pläne gelten einzig den Filmstudios in Berlin und dem vermeintlichen Mann ihrer Träume. Ihre Mutter Felicia verteidigt indessen als erfolgreiche Unternehmerin rücksichtslos ihre Interessen, sogar gegen die eigenen Gefühle. Doch das Chaos macht auch vor der weitverzweigten Familie der beiden Frauen nicht halt....

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E-Book-Leseprobe Wilde Lupinen - Charlotte Link

Buch

Deutschland, 1938. Alle Zeichen stehen auf Sturm, doch Politik kümmert die junge Belle Lombard nur wenig. Ihre ehrgeizigen Pläne gelten einzig den Filmstudios in Berlin und dem vermeintlichen Mann ihrer Träume. Ihre Mutter Felicia verteidigt indessen als erfolgreiche Unternehmerin rücksichtslos ihre Interessen, sogar gegen die eigenen Gefühle. Doch das Chaos macht auch vor der weitverzweigten Familie der beiden Frauen nicht halt…

»Wilde Lupinen« führt weiter, was in »Sturmzeit« begann: Die fesselnde Familiengeschichte der Degnellys aus Ostpreußen wird zum lebendigen Kaleidoskop der bewegtesten Epoche des 20. Jahrhunderts!

Inhaltsverzeichnis

I. BUCH
Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9
II. BUCH
Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7
III. BUCH
Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13
IV. BUCH
Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7
V. BUCH
Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13
Copyright

I. BUCH

1

Es war im Mai, und die Rapsfelder blühten. Hellgrünes Laub leuchtete in der Sonne. Auf den Wiesen wucherten Klee und Löwenzahn, und der Wind trug einen leisen Salzgeruch ins Land. Flimmernd fielen die Sonnenstrahlen des Frühsommerabends durch die Blätter der Eichen, die die Auffahrt zu Lulinn säumten. Am Ende der Allee konnte man das Gutshaus erkennen, efeubewachsen und verwittert. Entlang der Auffahrt grasten Pferde, Trakehner, zwei von ihnen galoppierten quer über die Koppel hintereinanderher. Ein anderes stand aufrecht, mit hocherhobenem Kopf, am Zaun und wieherte laut.

Obwohl sie fast das ganze Jahr über in Berlin lebte, wäre Belle Lombard nie auf die Idee gekommen, etwas anderes als Lulinn mit Heimat zu bezeichnen.

»Ich komme aus Ostpreußen«, pflegte sie zu sagen, wenn man sie nach ihrem Zuhause fragte, und erklärend setzte sie hinzu: »Von Lulinn. Ein Gut, schon seit drei Jahrhunderten im Besitz meiner Familie. Es liegt nahe bei Insterburg … also nicht mehr weit von der litauischen Grenze.«

Sie mußte die Worte »Lulinn« und »Insterburg« nur aussprechen, und es wurde ihr so sehnsüchtig zumute, daß sie meinte, Berlin keine Sekunde länger ertragen zu können. Natürlich, sie hing an dieser Stadt, sie lebte dort, arbeitete dort, hatte eine Menge Freunde, aber Lulinn… das war etwas ganz anderes. Lulinn – das waren im Sommer Kornfelder soweit das Auge reichte, und im Winter dicke, aufgeplusterte Schneehauben auf den Weidezäunen, das waren Schwarzbeeren im Herbst und der Geruch von Laub und Pilzen, das waren als erste Frühlingsboten die Wildgänse am Himmel, die aus dem Süden zurückkehrten. Lulinn – mächtige Eichen und wilde Lupinen, blaugrau die Schatten der Wälder am Horizont, schwer der Duft von Jasmin im Wind und der von frischem Kümmelbrot aus der Küche im Souterrain. Der farbenprächtige Rosengarten vor dem Portal, das Klappern der Holzschuhe, wenn die Knechte und Mägde in aller Herrgottsfrühe die Arbeit auf dem Hof begannen, das Rauschen des Laubes von den Obstbäumen im Garten und die herrlichen, schneeweißen Federbetten, die immer so gut rochen, weil Jadzia, die polnische Haushälterin, die Leinenbezüge nach dem Waschen draußen trocknen ließ und sich der Duft von frischem Heu, von Blumen und Kräutern in ihnen fing.

Auf Lulinn war die Zeit irgendwann stehengeblieben und hatte sich dann einen bedächtigen Lauf angewöhnt, und Belle dachte, es sei das unwandelbare Gleichmaß aller Dinge, was dem Gut seinen Zauber gab. Draußen zeigte sich die Welt abwechselnd gleichgültig, böse oder sogar grausam, aber auf Lulinn gab es Beständigkeit, und wenn man seine Mauern nach ein paar Tagen wieder verließ, fühlte man sich gegen alles gewappnet, was das Leben an Mißhelligkeiten bereithalten mochte.

Alles wird gut, dachte Belle auch diesmal, als der blankgeputzte, schokoladenbraune Armstrong Siddeley ihrer Tante die Eichenallee entlangfuhr. Wie schwer der Flieder roch! Sie wandte den Kopf und betrachtete die Frau, die am Steuer saß. Tante Modeste, die sie am Bahnhof in Insterburg abgeholt hatte und seitdem ununterbrochen darüber jammerte, wieviel Zeit sie dieses Unternehmen kostete. »Als ob man nichts Besseres zu tun hätte«, knurrte sie auch jetzt.

Wie kann man nur so mißmutig sein, wenn man das Glück hat, das ganze Jahr auf Lulinn leben zu dürfen, fragte sich Belle im stillen. Sie und Modeste hatten einander nie leiden können. Modeste fand, Belle sei vorlaut und frech und habe die unglückliche Neigung, sich in jeder Lebenslage daneben zu benehmen. Umgekehrt hielt Belle Modeste für falsch und heimtückisch und unerträglich rechthaberisch. Modeste hatte vor acht Jahren geheiratet, einen kleinen, schmächtigen Mann, Kaufmannssohn aus Insterburg, der vollkommen unter ihrer Fuchtel stand und sich für eine Art Missionar hielt; auf eine nervtötend salbadernde Art fragte er jeden Bewohner Lulinns ständig nach seinen geheimsten Problemen aus, wobei er selbst vor den allerintimsten Fragen nicht zurückschreckte. Nachher plauderte er, auch im größeren Kreis, aus, was er erfahren hatte. Immerhin – man traute es ihm nicht zu, wenn man ihn in seiner trostlosen Magerkeit sah – hatte er in den acht Jahren seiner Ehe schon vier Kinder gezeugt, mit dem vierten war Modeste nun schwanger. Sie machte viel Aufhebens darum, keuchte und klagte. Aber wahrscheinlich, dachte Belle in einem Anflug von Mitleid, hat sie es wirklich nicht leicht damit. Sie ist so dick wie ein Hefekloß!

»Es ist heiß wie im Hochsommer«, stöhnte Modeste und wischte sich den Schweiß aus dem geröteten Gesicht. »Man hält es kaum aus. Besonders in meinem Zustand!«

»Warum trägst du auch ein schwarzes Kleid, Tante Modeste? Das macht es nur schlimmer!«

Sofort verwandelte sich Modeste in die verkörperte Empörung.

»Du hast vergessen, daß ich in Trauer bin! Aber natürlich, du hast meine Eltern ja nie gemocht!«

Modestes Eltern waren beide kurz nacheinander gestorben, und Belle konnte tatsächlich nicht behaupten, daß es sie außerordentlich geschmerzt hätte – obwohl es einen immer erschreckt, wenn Menschen sterben, die man gut gekannt hat, selbst wenn sie so sauertöpfisch waren, wie die alte Tante Gertrud oder ein Erznazi wie ihr Mann Victor. Modeste aber hatte es tief getroffen. Sie fügte hinzu: »Meiner armen Mutter hast du sogar regelrecht das Leben schwer gemacht! Immerzu widersprochen …«

»Ach Modeste! Ich war ein Kind, und ich hatte meine Trotzphase wie alle Kinder! Das brauchte doch keiner ernst zu nehmen!«

Modeste betrachtete beinahe haßerfüllt das Gesicht der jungen Frau. Diese vollkommen reine, weiße Haut, dachte sie, und wieso glänzt ihr Haar so? Wie schön sie ist und wie jung!

»Alles hing an meiner Mutter«, fuhr sie fort, »denn deine hat sich ja fast nie blicken lassen. Geht ihren eigenen Weg, die gnädige Frau, und läßt andere die Arbeit tun! Schöne Moral!«

Belles Augen wurden schmal. »Laß Mama aus dem Spiel! Sie tut mehr für uns alle, als irgend jemand sonst!«

»Jaja …«, murmelte Modeste unbestimmt. Der Wagen war vor dem Portal angekommen, Modeste trat auf die Bremse. Sie stöhnte schon im voraus, denn sie wußte, wie schwer es ihr fallen würde, ihren massigen Leib aus dem Auto zu wuchten. »Dir wird es auch bald nicht anders gehen«, prophezeite sie finster und wies auf ihren Bauch.

»Möglich«, entgegnete Belle ruhig und entschlossen, sich nicht über Modeste zu ärgern. Sie war auf Lulinn, und sie war glücklich. Es war der 20. Mai 1938. Belle Lombard war nach Lulinn gekommen, um dort zu heiraten.

Joseph Blatt, Modestes Mann, kam den beiden Frauen entgegen. Er sah noch dünner und bleicher aus als sonst. Wie üblich konnte er seinen langen Hals nicht beherrschen und nickte bei jedem Schritt mit dem Kopf wie ein Huhn.

»Meine liebe Belle!« rief er überschwenglich und drückte sie an sich. Dann hielt er sie ein Stück von sich weg und zwinkerte ihr vertraulich zu. »Na, wie fühlt sich die junge Braut? Bißchen nervös, wie? Alles in Ordnung? Oder möchtest du dich aussprechen?« Offensichtlich brannte er darauf, ihr vor dem Schritt ins Unbekannte noch ein paar Tips zu geben, aber dazu wollte es Belle keinesfalls kommen lassen. »Mir geht es wunderbar, Onkel Joseph«, sagte sie munter.

Er schien enttäuscht. »So? Aha … ich habe dich übrigens neulich in ›Das unsterbliche Herz‹ gesehen. Lief in Insterburg im Kino. Du hast sehr hübsch ausgesehen.«

»Ich habe dich nicht entdecken können«, kam es sofort von Modeste. »Du hattest wohl eine sehr kleine Rolle! Die Söderbaum war jedoch hervorragend!«

Belle zuckte mit den Schultern. Sie war seit zwei Jahren bei der UFA und kam noch nicht über die Statistenrollen hinaus, aber das hatte sie einkalkuliert, als sie beschloß, Schauspielerin zu werden. Sie überhörte Modestes Spitze und fragte: »Wer ist schon von der Familie da?«

»Fast alle!« Joseph lächelte fröhlich. Er liebte die Rolle des Gastgebers, der seine weitläufige Verwandtschaft mit offenen Armen empfängt. »Dein Onkel Jo ist gestern gekommen, mit Linda und Paul. Und Sergej und Nicola sind da. Sie haben Anastasia mitgebracht.«

Jo, Johannes Degnelly, war der Bruder von Belles Mutter. Er lebte als Rechtsanwalt in Berlin und war für Belle immer eine Art Vaterersatz gewesen. Sie hing an dem grauhaarigen Herrn mit den melancholischen Augen und dem grüblerischen Wesen. Sie mochte auch seine Frau Linda, obwohl die, selbst mit zweiundvierzig Jahren noch, das naive kulleräugige Püppchen spielte, das sie schon als junges Mädchen gewesen war. Am meisten aber mochte sie Paul, den Sohn der beiden. Er war zweiundzwanzig Jahre alt, drei Jahre älter als sie, ein ruhiger, etwas verträumter Mann mit einer merkwürdigen Leidenschaft für Autos und Motoren. In Belle weckte er Muttergefühle und Beschützerinstinkte. Als Kinder hatten sie beschlossen, später zu heiraten, und inzwischen waren sie die besten Freunde.

In der Tür begegnete Belle ihrer Großcousine Nicola, einer schönen Frau mit etwas verdrossenen Gesichtszügen. Nicola war als Kind vor der Revolution aus Petrograd geflohen, hatte dabei ihre Eltern verloren und sich später als junge Frau mit verbissener Liebe an den ebenso charmanten wie leichtsinnigen Exilrussen Sergej Rodrow geklammert, der schließlich tatsächlich mit ihr zum Traualtar marschiert war, seitdem aber nie einen Zweifel daran ließ, daß er sie im Grunde für ihre Anhänglichkeit verachtete. Beruflich kam Sergej nicht mehr so recht auf die Füße. Er hatte einst in einem Berliner Immobilienbüro eine Menge Geld verdient, aber nachdem sein Arbeitgeber am Schwarzen Freitag 1929 in die große Pleite gesegelt war, blieb auch für Sergej der Erfolg aus. Er war inzwischen mit seiner Familie in Breslau gelandet, wo er Schreibarbeiten in einer Baufirma erledigte und mit einer Sekretärin ein Verhältnis hatte. Nicola sah man inzwischen die durchwachten Nächte an, in denen sie auf ihn wartete. Ihre Tochter Anastasia, ein achtjähriges Mädchen mit langen, schwarzen Haaren, von der Familie nur »Anne« gerufen, war das typische Beispiel eines Kindes aus einer zerrütteten Familie. Sie lutschte noch immer heftig am Daumen, kaute ständig an den Fingernägeln, schrie im Schlaf und fiel in der Schule durch aggressives Benehmen auf. Sie haßte ihren Vater, weil er sie nicht beachtete.

»Ach Belle«, sagte Nicola nun. Es klang zerstreut, sie sah aus, als hätte sie geweint. »Wo ist dein Verlobter?«

»Er kommt erst übermorgen, er muß heute und morgen noch Theater spielen in Berlin. Wie geht es dir, Nicola?«

»Gut.« Das klang wenig überzeugend. »Es ist schön, mal wieder hier zu sein.«

Beide sahen einander an, die frustrierte Nicola und Belle mit ihrer Zuversicht und unbekümmerten Fröhlichkeit. Du wirst es schon auch noch merken, dachte Nicola, wie das Leben ist, wie die Männer sind…

Wie ein Geist tauchte Jadzia, die polnische Haushälterin, aus dem Dämmerlicht des kühlen Flures auf. Sie hielt zwei große Steinkrüge, gefüllt mit Buttermilch, in den Händen. »Essen gleich fertig. Wird nicht besser, wenn stehen auf Tisch. Wird kalt, weil die Damen reden und reden!« Jadzia, alt, klein und schlau, hatte vor niemandem Respekt. Ihr Wort galt auf Lulinn mehr als das von Modeste, die immerhin die offizielle Hausfrau war.

»Wir kommen gleich, Jadzia. Ich muß mir nur noch schnell die Hände waschen.« Belle lief die Treppen hinauf. Ihr Zimmer hatte geblümte Tapeten und einen kleinen Erker, vor dem ein Apfelbaum stand. Seine Zweige ragten fast ins Fenster hinein. Auf den hölzernen Fußboden malte der Abendsonnenschein rötliche Flecken, es roch nach Kiefern und warmem Gras. Belle atmete tief durch. Sie nahm ihren Hut ab, und während sie ihre Hände wusch, betrachtete sie sich im Spiegel. Max hatte gesagt, sie habe die schönsten Augen der Welt und er habe solche Augen noch nie gesehen. »Sie sind vollkommen grau, Belle, wie das Meer bei Regen, aber unbewegt, kühl und fern. Sie haben keine Wärme, deine Augen, und das ist es, was mich an ihnen fasziniert und zugleich ängstigt.«

Es war typisch für Belle, daß sie von seinen Worten nur die wirklich aufnahm, die ihr gefielen. Was er von der fehlenden Wärme in ihren Augen sagte, irritierte sie nicht weiter, verliebte Männer interpretierten, ihrer Erfahrung nach, alles mögliche in die Augen einer Frau, und meistens konnte man getrost die Hälfte davon abziehen. Aber wenn er sie schön fand, dann fand er sie schön, und das war entscheidend.

Max Marty war achtunddreißig Jahre alt und damit beinahe zwanzig Jahre älter als Belle. Seine Kindheit hatte er in Rom verbracht, als Sohn des bekannten Schauspielers Massimo Marti und dessen kapriziöser deutscher Frau, die die Familie mit ihren verrückten Einfällen in Atem gehalten hatte. Max und sein Vater hatten sich nie verstanden, weshalb der Sohn, kaum der Schule entronnen, nach Deutschland gegangen war und in Berlin bei Max Reinhardt Schauspielunterricht genommen hatte. Daß er seinen Nachnamen von da an hinten mit »y« statt mit »i« schrieb, hatte zwei Gründe: Zum einen schien es ihm als dem jungen exaltierten Mann, der er damals gewesen war, interessanter, zum anderen bedeutete es für ihn aber auch eine Abgrenzung gegen seinen Vater. Er wollte einen klaren Unterschied schaffen zwischen sich und Massimo.

Eigentlich könnte ich Max noch schnell anrufen, dachte Belle, wenn ich Glück habe, erwische ich ihn noch, bevor er ins Theater geht.

Das Telefon stand im Salon, wo sich um diese Zeit niemand aufhielt. Während Belle auf die Verbindung wartete, sah sie sich um, und ein Gefühl der Ruhe breitete sich mehr und mehr in ihr aus. Der Rokokosekretär, die blauen Seidenvorhänge vor den Fenstern, der kostbare Perserteppich. Eine über Jahrhunderte erworbene und bewahrte Wohlhabenheit, aus der sie alle die Selbstsicherheit schöpften, mit der sie lebten.

»Ja?« erklang die Stimme von Max. Wie immer fühlte Belle sofort die Spannung, die zwischen ihnen war. »Max? Ich bin es, Belle. Ich bin in Lulinn!«

Max lachte leise. »Lulinn! Das Zauberwort. Wie geht es dir?«

»Wunderbar. Aber ich vermisse dich. Wehe, du überlegst es dir anders und sitzt übermorgen nicht im Zug nach Insterburg!«

»Das wage ich nicht. Du würdest mich um die halbe Welt jagen.«

»Sei dir da nicht so sicher. Vielleicht schnappe ich mir nur ganz schnell einen anderen Mann und lebe glücklich und zufrieden mit ihm!«

Es waren die üblichen Scherze zwischen ihnen, aber beider Lachen hatte etwas Verkrampftes, und es gab Momente, da begriff Belle, daß zwischen ihr und Max nicht alles in Ordnung war. Sie hatte ihn irgendwie dazu gebracht, sie zu heiraten, aber in Wahrheit war er keineswegs so versessen darauf wie sie. Etwas stimmte nicht, aber Belle kam nicht dahinter, was es war. Ein Streitgespräch fiel ihr ein, das sie und Max vor wenigen Tagen geführt hatten. Sie waren mit ein paar Freunden in einem Café gewesen, man hatte hitzig über den Anschluß Österreichs an Deutschland im März und über die unverhohlene Aufrüstung der Wehrmacht diskutiert.

Belle hatte gelangweilt dabei gesessen und Max auf dem Heimweg Vorwürfe gemacht. »Wenn du mit deinen Freunden redest, merkst du gar nicht mehr, daß ich auch noch da bin. Es ist dir ganz egal, ob ich fast einschlafe bei euren hochinteressanten Unterhaltungen!«

Max war heftig geworden. »Einschlafen! Einschlafen! Weißt du, was zur Zeit in Deutschland passiert? Ist dir klar, daß …«

»Vielleicht redest du ein bißchen leiser«, fauchte Belle, »wir sind immerhin mitten auf der Straße.«

Max senkte seine Stimme. »Es ist dir gleichgültig, was die Nazis tun. Es ist dir gleichgültig, was Adolf Hitler tut. Solange er dir nicht in die Quere kommt. Du bist keineswegs zu dumm, die Dinge zu begreifen, nur kümmern sie dich einen Scheißdreck. Alles, was dich umtreibt, ist die Frage, wie du es schaffen kannst, ein großer Filmstar zu werden, nichts sonst!«

In entwaffnender Ehrlichkeit sagte sie: »Ja.«

Max stemmte beide Hände in die Taschen seines Jacketts.

»Verstehst du denn nicht, daß … verdammt, es ist ja auch egal!«

Irgendwie hatten sie sich wieder versöhnt. Und Belle dachte später nur: Ach was, er hatte eben schlechte Laune!

»Schatz, ich muß mich beeilen«, sagte Max nun, »die Vorstellung beginnt in einer Stunde. Du drückst mir die Daumen, ja?«

»Klar. Max – ich liebe dich.«

Sie lauschte dem Klang ihrer Stimme nach, als sie den Hörer aufgelegt hatte. Dann verzog sie das Gesicht, so daß sich zwischen ihren Augen eine kleine, zornige Falte bildete. Warum konnte er ihr niemals seine Gefühle zeigen?

Draußen auf dem Gang vernahm sie schon die Stimmen aus dem Eßzimmer, Teller klapperten dazwischen, Bestecke klirrten. Deutlich war Modeste zu verstehen. »Ich bin wirklich gespannt, ob Felicia zu Belles Hochzeit kommt. Es wäre das erstemal seit Jahren, daß sie es für nötig hält, einem Familienfest beizuwohnen.«

»Sei nicht ungerecht, Modeste«, sagte Nicola, »Felicia hat einfach zu wenig Zeit. Aber sie wird bestimmt kommen, sie hängt so sehr an Belle.«

Modeste gab ein verächtliches Schnauben von sich, und dann sagte sie über Belles Mutter genau das, was Max immer über Belle sagte: »Felicia hängt an sich selber, liebe Nicola. An sonst niemandem.«

2

Felicia Lavergne war zweiundvierzig Jahre alt, eine schöne Frau, groß und schlank, das dichte, sehr dunkle Haar trug sie schulterlang und offen. Sie konnte strahlend lachen, ihr Lachen jedoch ließ ihre Augen unberührt, ihre Herzlichkeit war kalkuliert. Den meisten Menschen begegnete sie ohne jegliche Wärme und Spontaneität. Männer fühlten sich zu ihr hingezogen, fragten sich aber gleichzeitig verwundert, weshalb sie eine instinktive Furcht verspürten, sich in etwas zu verstricken. In den Kreisen der Münchner Gesellschaft hieß es über sie: »Diese Frau hat zwei Interessen – ihr Geld und ihre Familie. Sonst gibt es nichts, was ihr Gemüt bewegt.«

Felicia Lavergne war zweimal verheiratet gewesen. Von ihrem ersten Mann, Alex Lombard, hatte sie sich scheiden lassen, ihr zweiter Mann war 1928 gestorben. Aus der Ehe mit ihm stammte Felicias jüngere Tochter, Susanne, die mit ihrer Mutter in München lebte. An jenem Maiabend, als Belle Lombard auf dem sonnigen Lulinn in Ostpreußen ankam, regnete es in München. Ein intensiver, feuchter Duft nach blühendem Flieder drang durch das geöffnete Fenster des Arbeitszimmers in dem großen Haus in der Prinzregentenstraße. Felicia hatte einen Moment lang nachdenklich hinausgesehen, den dunklen Stamm des Kastanienbaumes im Hof und die weiß schimmernden Blütenkronen auf seinen Ästen betrachtet. Nun drehte sie sich um, kontrollierte rasch den Inhalt ihrer Handtasche und griff nach ihrer Jacke, die über dem Stuhl hing. »Ich gehe jetzt, Susanne«, sagte sie.

Susanne hockte mit angezogenen Beinen auf dem Sofa. »Ich verstehe nicht, warum du heute abend noch weggehst!« sagte sie aggressiv. Auf eine nichtssagende Weise sah sie hübsch aus, blond und blauäugig wie ihr verstorbener Vater, dazu bleich und dünn, was sie stets ein wenig kränklich erscheinen ließ. Zur Zeit bereitete sie sich auf ihr Abitur vor, war nervös, unausgeschlafen und noch gereizter als sonst.

Felicia seufzte. »Weil wir morgen nach Lulinn aufbrechen. Ich muß einfach mit Peter noch ein paar Sachen besprechen.«

»Immer Peter!« Susanne sah ihre Mutter giftig an. »Wenn Peter pfeift, dann springst du! Als ob du das nötig hättest!«

»Peter ist mein Geschäftspartner. Wir führen zusammen eine Fabrik, und wenn einer von uns für zwei Wochen verreist, müssen einige Dinge besprochen werden. Lieber Himmel, Susanne, jetzt mach nicht so ein Gesicht! Du solltest sowieso früh schlafen gehen, du siehst schlecht aus. Soll Jolanta dir noch etwas zu essen …?«

»Nein. Ich hab’ keinen Hunger.«

Ein paar Pfund mehr auf den Rippen würden dir aber gut stehen, dachte Felicia.

»Susanne, sieh doch ein, daß …«

»Er ist nicht dein Partner. Er ist dein Chef! Ihm gehört alles. Oder nicht?«

Felicia zuckte zusammen. Susanne sah es mit Zufriedenheit.

»Aber du hast gar keine schlechten Karten, Mama. Peter Liliencron ist Jude – Halbjude zumindest. Früher oder später werden sie ihn enteignen, und vielleicht kannst du dann zuschnappen. Im Grunde konnte dir nichts Besseres passieren als die Nazis!«

Felicia musterte ihre Tochter kühl. »Du scheinst wirklich übermüdet zu sein, Susanne, sonst würdest du nicht so viel Unsinn reden. Ich gehe jetzt, und ich hoffe, du bist morgen beim Frühstück etwas besserer Laune.«

Sie verließ das Zimmer und schlug die Tür laut hinter sich zu.

Peter Liliencron lebte in einer alten, stuckverzierten Villa in Bogenhausen, die seit kurzem von zwei großen Schäferhunden bewacht wurde. Diese Schutzmaßnahme schien ihm notwendig, seit vor einem dreiviertel Jahr ein Trupp SA-Leute in seinen Garten eingedrungen war und ein Bild der Verwüstung hinterlassen hatte. Es war buchstäblich kein Grashalm mehr an seinem Platz geblieben. Peter hatte Anzeige erstatten wollen, war aber mit barschen Worten zurückgewiesen worden. »Was glauben Sie? Daß wir uns mit den Angelegenheiten eines Juden beschäftigen?«

»Das Haus gehört meiner Mutter, und die ist keineswegs jüdisch. Ich bitte Sie also, meine Anzeige aufzunehmen.«

Höhnisch lachend hatten sie ihm ein Formular gegeben, das er dann doch nicht ausgefüllt hatte.

Die Hunde bellten nicht, als Felicia klingelte, und es brannte kein Licht im Haus, trotz des regendunklen Abends. Verwundert ging sie den Gartenweg entlang. Peter öffnete ihr selbst. »Schön, daß du da bist. Komm schnell herein, bevor du völlig durchweichst. Warum schüttet es nur so?«

Felicia machte einen großen Schritt ins Haus. »Ein Sauwetter! Hat Kati Ausgang?«

Normalerweise öffnete das Hausmädchen.

»Ja … es ist ihr freier Abend …« Peter schien nervös. Felicia bemerkte, daß er blaß war, daß Unruhe in seinen Augen flackerte.

»Ist irgend etwas passiert? Wo sind überhaupt die Hunde?«

»Bei meiner Mutter in Grünwald. Dort bleiben sie auch.«

»Warum? Brauchst du sie nicht mehr? Was ist denn los?«

Er zog sie ins Wohnzimmer. Dort standen zwei gepackte Koffer. »Ich muß noch heute abend in die Schweiz. Das ist los.«

Felicia begriff nicht. »Ich habe dir gesagt, ich bin für zwei Wochen auf Lulinn. Du kannst jetzt nicht auch verreisen!«

»Ich verreise nicht. Ich verlasse dieses Land. Ich komme nicht mehr zurück.« »Was?«

Er war zum Kamin gegangen, hatte kurz in die letzte rötliche Glut des Feuers geblickt. Nun drehte er sich um. »Fährst du mich heute nacht über die Grenze?«

»Peter … um Gottes willen … warum?«

»Ich bin in Schwierigkeiten.«

»Wegen… wegen deiner jüdischen Abstammung?«

Er lachte bitter. »Diese Tatsache verbessert meine Situation jedenfalls nicht. Aber das ist nicht der Grund.«

»Was dann?«

»Muß ich dir das sagen?«

Sie sah ihn an. »Wenn ich dich noch heute nacht in die Schweiz fahren soll – ja!«

Peter schenkte Schnaps in zwei Gläser, reichte eines an Felicia. »Gut. In kurzen Worten: Ich arbeite seit zwei Jahren gegen die Nazis. Ich unterstütze Menschen, die Deutschland verlassen müssen. Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten und andere Verfolgte. Ich verschaffe ihnen Papiere, Verstecke, sorge dafür, daß sie über die Grenzen kommen.«

Felicia brauchte einen Moment, um das zu begreifen. »Du bist ja vollkommen wahnsinnig«, sagte sie dann.

Er warf ihr einen eigentümlichen Blick zu. »So? Jedenfalls – ich hab’ das alles ja nicht allein getan. Wir waren eine kleine Organisation, eine, wie sie jetzt wahrscheinlich überall im Reich entstehen. Wir haben unheimlich aufgepaßt, ständig unsere Trefforte gewechselt, uns zwischendurch für Wochen zurückgezogen, unser Geheimnis selbst gegenüber den engsten Vertrauten gehütet. Aber gestern hat die Gestapo einen von uns geschnappt. Keine Ahnung, wie das passieren konnte. Es steht zu befürchten, daß er redet – denn die Gestapo bringt beinahe jeden zum Reden. Es ist besser …« Er machte eine hilflose Handbewegung, meinte das behagliche Zimmer damit, die Teppiche, Bilder und weichen Kissen, »es ist besser, das alles hier meiner Mutter zurückzulassen und zu verschwinden.«

Felicia stand noch immer wie erstarrt. Sie merkte selbst, wie unbedarft es klang, was sie sagte, aber es fiel ihr in diesem Moment nichts anderes ein. »Das geht nicht. Ich muß nach Lulinn!«

Peter grinste. »Typisch Felicia! In jeder Lebenslage denkt sie nur an sich. Ist dir klar, was mit mir passiert, wenn ich verhaftet werde?«

»Ja …« Verdammt, warum mußte ihnen jetzt so etwas in die Quere kommen? Die Geschäfte liefen gut, sie beide waren ein perfekt eingespieltes Team. Die Wirtschaft in Deutschland hatte sich erholt, sie schwammen gut auf dieser Welle mit. Und nun ging Peter hin und ließ sich auf lebensgefährliche Abenteuer ein.

»Was soll ich machen, wenn du nicht mehr da bist?« fragte sie.

»Du führst die Fabrik allein. Du wirst sehen, du kannst es sehr gut. Insgeheim hast du dir doch manchmal gewünscht, sie wäre dein alleiniger Besitz!«

»Quatsch!« sagte Felicia heftig, aber sie wich seinem Blick aus. Sie hatte ihr gehört, die Fabrik, fast allein hatte sie ihr gehört, ein paar Anteile noch ihrem damaligen Partner, dem gerissenen Tom Wolff, aber die hätte sie ihm noch irgendwann abgeluchst … Und Lulinn hatte ihr auch gehört, jeder Stein und jeder Strauch auf dem Gut. Beides, Lulinn und die Fabrik, hatte sie am berüchtigten »Schwarzen Freitag« verloren, weil sie an der Börse spekuliert hatte – in zu großem Stil, um heil aus der Sache herauszukommen. Die Fabrik ging an den reichen Peter Liliencron, der keine Sekunde gezögert hatte, Felicia zu seiner Partnerin zu machen. Lulinn kaufte Felicias geschiedener Mann, Alex Lombard, der in New York einen Verlag leitete. Das war für sie die schlimmste Schmach. Im Grunde verfolgte Felicia Lavergne seit 1929 zwei Ziele: die Fabrik in München und Lulinn in Ostpreußen wieder in ihren Besitz zu bringen.

»Du weißt«, sagte Peter, »ich kann nicht Auto fahren. Meinen Chauffeur kann ich nicht einweihen. Wenn du mich nicht fährst, muß ich den Zug nehmen, aber ich habe Angst, daß sie mich nicht rüberlassen. Verstehst du, in meinem teuren Auto, eine Nichtjüdin an meiner Seite, kann ich mich eher als der Geschäftsmann ausgeben, der nur kurz und aus beruflichen Gründen nach Zürich muß und dann gleich wieder zurückfahren wird.« Er machte eine kurze Pause. »Felicia – fährst du mich?«

Es war ganz still im Zimmer. Nur das Gurgeln des Regens in der Wasserrinne draußen war zu hören. Felicia fühlte sich müde und gereizt, sie hatte weiß Gott keine Lust, in den Schlamassel verwickelt zu werden, in den sich Peter Liliencron hineingeritten hatte. Aber, zum Teufel, sie konnte ihn jetzt wohl kaum im Stich lassen! Sie nickte. »In Ordnung. Fahren wir.«

»Ich kann unmöglich rechtzeitig zur Hochzeit meiner Tochter in Lulinn sein«, sagte Felicia. »Was meinen Ruf als Rabenmutter noch festigen wird!«

Peter antwortete nicht. Er starrte hinaus in die rabenschwarze Finsternis. Es regnete jetzt stärker, gleichmäßig strichen die Scheibenwischer über die Windschutzscheibe. Nur selten kamen ihnen auf der nächtlichen Landstraße andere Autos entgegen. Der wuchtige Admiral kam gut voran.

Felicia hatte zu Hause angerufen und war zu ihrer Erleichterung nicht an Susanne, sondern an die Haushälterin Jolanta geraten. »Ich muß überraschend verreisen. Wahrscheinlich bin ich erst morgen abend zurück.« Mehr sagte sie nicht. Susanne würde schäumen vor Wut, aber damit mußte sie sich später auseinandersetzen. Belle brauchte auch eine gute Erklärung – eine ziemlich gute sogar. Schließlich war ihre Hochzeit nicht irgendein beliebiges Ereignis.

Kurz vor Kaufbeuren unterbrach Peter unvermittelt das Schweigen. »Ich würde dir raten, unsere Produktionen allmählich auf Uniformen umzustellen. Ich fürchte, die werden bald weggehen wie warme Semmeln.«

»Du glaubst doch nicht, daß …«

»Doch. Ich glaube, wir stehen dichter vor einem Krieg, als wir denken. Die unblutige Einverleibung Österreichs war der Anfang, aber damit gibt sich Hitler nicht zufrieden. Danzig juckt ihm verdammt in der Nase, die Korridorfrage treibt ihn um und um. Meiner Ansicht nach ist er äußerst scharf auf Polen. Er ist scharf auf halb Europa.«

»Er kann es sich nicht leisten, einen Krieg zu entfesseln.«

»Der«, sagte Peter mit Überzeugung, »kann sich alles leisten. Das konnte er von dem Moment an, als die Nazis ’33 die Wahl gewannen und sofort anfingen, jegliche Opposition im Reich auszuschalten. Heute gibt es niemanden mehr, der sie an irgend etwas hindern könnte.«

»Hitler beginnt keinen Krieg. Er hat das Volk geködert, indem er den Aufschwung der Wirtschaft versprochen hat, und er hat dieses Versprechen gehalten. Warum sollte er durch einen Krieg alles aufs Spiel setzen?«

»Das haben schon andere vor ihm getan, und das Volk ist willig mitgegangen. Hitler rüstet schließlich seit Jahren in schönster Offenheit die Wehrmacht auf, und keiner sagt etwas. Auch das Ausland nicht.«

Schweigend fuhren sie weiter. Gegen fünf Uhr morgens erreichten sie die Grenze. Felicia hatte sich selten so müde und zerschlagen gefühlt.

Peter wurde zunehmend nervös. »Wir sagen, daß wir geschäftlich in Zürich zu tun haben«, setzte er Felicia zum hundertstenmal auseinander, »und daß wir heute abend schon wieder zurückfahren. Versuch, ruhig und gelassen zu wirken, und…«

»Peter, du bist nervös! Reg dich nicht so auf!«

»Die Schweizer haben schon Leute an der Grenze zurückgeschickt«, sagte Peter. Im bleichen Licht des herandämmernden Morgens konnte Felicia sehen, daß er Schweißtropfen auf der Stirn hatte. »Liliencron! Wenn die meinen Paß sehen, wissen die sofort, daß ich Jude bin!«

»Du mußt jetzt die Nerven behalten. Wir kommen schon durch.«

Sie fuhren durch den regnerischen Morgen. Schon von weitem konnten sie den hellerleuchteten Grenzübergang sehen. Als sie herankamen, trat ihnen ein uniformierter Beamter in den Weg. Felicia kurbelte das Fenster herunter.

»Die Pässe bitte«, sagte der Beamte. Sie reichten ihre Papiere hinaus. Er schaute zuerst in den Paß von Felicia, gab ihn dann zurück. »In Ordnung.«

Als die Reihe an Peter kam, runzelte er die Stirn. »Jude?« erkundigte er sich.

»Halbjude. Meine Mutter ist arisch.«

Er reichte ihm den Paß, winkte den Wagen durch.

»Jetzt müssen wir noch an den Schweizern vorbei«, sagte Peter.

Der Zöllner aus der Schweiz machte mehr Aufhebens. »Wie lange gedenken Sie, in der Schweiz zu bleiben?«

»Nur bis heute abend. Wir haben eine geschäftliche Besprechung in Zürich.«

»In welcher Angelegenheit?«

»Wir besitzen eine Textilfabrik in München. Wir suchen Exportmöglichkeiten im Ausland.«

Die Textilfabrik schien den Uniformierten zu überzeugen. Aus einer gewissen Naivität heraus glaubte er wohl, wer eine Fabrik in München habe, werde sie nicht aufgeben und ins Ausland verschwinden. Zögernd ließ er die beiden Deutschen passieren.

Als sie außer Sichtweite waren, bat Peter Felicia, an den Straßenrand zu fahren. Er öffnete die Wagentür, lehnte sich hinaus und holte tief Luft. »Geschafft. Felicia, ich werde dir das nie vergessen.«

»Schon in Ordnung. Ich hoffe nur, du bist sicher, daß diese Flucht nötig war. Noch könntest du mit zurückkommen …«

Fast zornig sah er sie an. »O Gott, wann kapiert ihr endlich alles, was passiert? Wenn selbst eine Frau wie du so blind ist! Auf Deutschland kommen furchtbare Dinge zu, und wenn alles vorüber ist, werdet ihr fassungslos dastehen und nicht begreifen, wie das alles vor eurer Nase hat geschehen können!«

»Du meinst den möglichen Krieg?«

»Das und noch vieles mehr. Weit mehr, als du dir ausmalen kannst. Aber was sollen wir jetzt darüber reden!«

Sie fuhren weiter, draußen wurde es hell. Der Regen hatte aufgehört, eine matte Sonne kämpfte sich durch die tiefhängenden Wolken, nasses Gras wiegte sich im Wind. Felicia betrachtete Peter von der Seite. Er sah jetzt müde und elend aus. Sein Mund war zu einer schmalen, weißen Linie gepreßt, in den dunklen Augen stand hilfloser Kummer.

In Zürich stiegen sie im »Dolder« ab, dem Hotel hoch über der Stadt gelegen, mit einem herrlichen Blick über den See. Elegantes Publikum im Foyer, ebenso elegantes und diskretes Personal. Peter wurde sehr zuvorkommend empfangen. Man bedauerte, daß nur noch ein Einzelzimmer frei sei, aber Peter erklärte, die Dame werde sowieso in einigen Stunden wieder abreisen.

»Ich denke«, sagte er dann zu Felicia, »wir sollten erst einmal frühstücken.«

Im Speisesaal wurden sie neugierig gemustert. Felicia kannte das schon; wann immer sie mit Peter öffentlich auftrat, zogen sie das Interesse auf sich. Sie gaben ein schönes Paar ab, beide groß, dunkelhaarig, mit gleichmäßigen, intelligenten Gesichtszügen. Felicia schminkte sich gern, obwohl das im Nazi-Deutschland als verpönt galt. Sie scherte sich nicht darum und hob sich mit einem gewissen Vergnügen vom Bild der naturbelassenen, blonden, deutschen Mutter ab.

Sie wußte, daß Peter sie gern geheiratet hätte. Aber nie hatte sie sich auch nur auf den Austausch von Zärtlichkeiten eingelassen. Es hatte ein paar unschöne Szenen deswegen gegeben, in denen er ihr vorwarf, sie lehne ihn wegen seines jüdischen Vaters ab. »Die arische Frau denkt an die Reinerhaltung des Blutes!«

»Unsinn! Du weißt, daß diese Dinge für mich nicht die allergeringste Rolle spielen!«

Das stimmte, und im Innersten war ihm das auch klar. Felicia erwiderte seine Gefühle nicht, das war alles. Es fiel ihm nicht leicht, sich das einzugestehen – zumal es offensichtlich auch keinen anderen Mann in Felicias Leben gab. Irgendwie hatte er immer das Gefühl, als sei eine Traurigkeit in ihrem Gemüt, eine unerklärliche Melancholie, eine Sehnsucht nach etwas Unerreichbarem. Nach ihrem geschiedenen Mann? Nach einem Fremden? Er wußte es nicht. Er ertappte sich nur allzuoft bei dem Wunsch, ihr früher begegnet zu sein, Jahrzehnte früher, dem jungen Mädchen, das sie einmal war, unbefangen, ohne Enttäuschungen, bittere Erfahrungen, Erinnerungen. Vielleicht wäre sie glücklicher geworden mit ihm – glücklicher, als sie jetzt war.

Sie frühstückten ausgiebig; Kaffee, Croissants, Butter und Marmelade, Eier und Schinken, und dann gingen sie in Peters Zimmer, wo sich Felicia, wie sie war, aufs Bett legte und sofort einschlief. Ihre Haare verteilten sich wirr über das Kopfkissen, ihr Leinenkostüm zerknitterte, ihr Make-up verschmierte sich. Peter sah sie an und war gerührt. Mit gedämpfter Stimme führte er ein paar Telefongespräche, dann setzte er sich still in einen Sessel am Fenster, schaute der Schlafenden zu und lauschte dem Regen, der plötzlich wieder eingesetzt hatte und gleichmäßig gegen die Fensterscheiben pladderte.

Gegen Mittag weckte er Felicia. Sie sollte noch bei Licht so weit wie möglich fahren. Er saß auf dem Bettrand, hatte eine Hand sanft auf ihre Schulter gelegt. »Felicia! Aufwachen! Es wird Zeit für dich.«

Sie erwachte aus tiefstem Schlaf, sah ihn verwirrt und abwesend an. »Was ist los?«

Seine Sehnsucht nach ihr war mit einemmal so heftig, daß er sich nicht zurückhalten konnte, zu sagen: »Oder schlaf weiter und bleib hier. Laß uns zusammen ins Exil gehen. Es ist so bitter für mich, Felicia – aber mit dir wäre es die beste Zeit meines Lebens.«

Einen Moment lang, eine Sekunde lang, war sie versucht, ihren Kopf an seine Brust zu legen, Zuflucht in seiner Umarmung zu nehmen. Es würde so schön sein… es war so lange her, so ewig lange, daß ein Mann sie berührt hatte. Der Regen draußen, hier drinnen das schöne, warme Zimmer, eine Insel in einer feindseligen Welt.

Aber dann stand sie auf und zupfte an ihrem zerknitterten Rock. »Einer muß sich ja schließlich um das Geschäft kümmern, während du fort bist, Peter, vergiß das nicht.«

Auch er erhob sich, wirkte auf einmal sehr hilflos, als er ihr gegenüberstand. »Ja … du hast recht. Es ist besser, du fährst nach Hause. Da sind deine Familie, deine Kinder, deine Freunde. Warum solltest du das alles aufgeben – für mich?«

»Ich …«, sie wußte nichts darauf zu erwidern. »Ich geh’ erst einmal ins Bad, wenn es dir recht ist.«

Als sie zurückkam, hatte sie ihre Haare gebürstet und ihr Make-up erneuert, aber sie sah immer noch erschöpft aus. »Was wirst du tun?« fragte sie sachlich.

»Ich habe Freunde in Zürich. Als du geschlafen hast, habe ich mit ihnen telefoniert. Ich kann für einige Zeit bei ihnen wohnen.«

»Und dann?«

Er zuckte mit den Schultern. »Weiß noch nicht. Vielleicht gehe ich nach Frankreich. Mal sehen.«

»Meldest du dich hin und wieder bei mir?«

»Ich will dich nicht in Schwierigkeiten bringen.«

»Ach was … ich möchte, daß du anrufst. Oder schreibst. Ich weiß ja gar nicht… lieber Gott, ich werde ununterbrochen deinen Rat brauchen, fürchte ich!«

»Du wirst dich sehr gut allein durchschlagen, Felicia. Du bist eine erstklassige Geschäftsfrau. Und überleg dir das mit den Uniformen. Wird eine Bombensache, ich schwöre es dir.«

»Ja – ich denke darüber nach.« Felicia umklammerte ihre Handtasche fester. »Ich muß jetzt gehen.«

»Ja. Danke für alles.«

Auf einmal war das Hotelzimmer kein gemütlicher Hafen mehr. Auf einmal war es von erschlagender Trostlosigkeit. Wie ein Bahnhof, auf dem man Abschied nimmt, gehetzt von Lautsprechern, die zum Einsteigen auffordern. Sie umarmten einander, erst oben in dem traurigen Zimmer, dann unten im Regen auf der Straße. Peter winkte dem Auto nach, bis er es nicht mehr sah.

Zu Hause in München fand Felicia zwei Briefe vor. Der eine war von Susanne; sie teilte ihr darin mit, sie sei allein nach Lulinn gefahren, denn ihr sei daran gelegen, an Belles Hochzeit teilzunehmen. Es sei ihr egal, ob ihre Mutter nachzukommen gedenke oder nicht.

Der zweite Brief stammte von Peter Liliencron, er mußte ihn am Tag vor seiner Flucht abgeschickt haben. In einem mehrseitigen Schreiben, das von einem Notar beglaubigt war, machte er Felicia darin zur alleinigen Eigentümerin seiner Fabrik.

3

Seit 1933 gab es ihn nicht mehr, Max Reinhardt, als Chef der berühmten Theater in Berlin. Aus Oxford hatte er einen Brief an den Präsidenten der Reichskulturkammer geschrieben und ihm darin sowohl das »Deutsche Theater« als auch die »Kammerspiele« gewissermaßen geschenkt. Fortan hatten die Nazis die Regie übernommen, unterstellten die Theater dem KDF – Kraft durch Freude – und sorgten für Popularität und hohe Besucherzahlen. Nur wenigen kleinen Privattheatern gelang es, sich daneben zu halten, die meisten wurden Opfer eines zermürbenden, nervenaufreibenden Existenzkampfes.

Max Marty haßte die Nazis, er hatte sie von Anfang an gehaßt, ihre Anmaßung, alles und jeden in Deutschland unter ihre Kontrolle bringen zu wollen, die persönliche Freiheit eines jeden Bürgers drastisch zu beschneiden, ihre Skrupellosigkeit, mit der sie an allen Ecken und Enden des Landes Spitzel einsetzten und kleinen Tyrannen die Möglichkeit gaben, sich aufzuspielen und ihren Mitmenschen das Leben schwerzumachen.

Es war ihm gelungen, ein Engagement an der »Komischen Oper« zu bekommen, einem Privattheater, das kritische Stücke spielte und sich wenig um Goebbels’ Vorschriften kümmerte.

Max, der am Deutschen Theater zu den aufstrebenden Darstellern gehört hatte, mußte hier ganz von vorne anfangen. Er bekam nur kleine Rollen, schien niemanden so recht von seinen Fähigkeiten überzeugen zu können, wurschtelte sich irgendwie durch und sah keine großen Perspektiven für die Zukunft. Der lebensfrohe, temperamentvolle Mann wirkte jetzt oft bitter und zynisch. Manchmal saß er stundenlang in irgendeiner Ecke und grübelte vor sich hin.

Belle und er hatten nun tatsächlich auf Lulinn geheiratet, wenn auch ohne Felicias persönlichen Segen, wie Max es leicht ironisch formulierte. In einem langen, aufgeregten Telefongespräch hatte Felicia ihrer Tochter zu erklären versucht, daß Peter Liliencron dringend hätte verreisen müssen und daß in der Fabrik nun alles drunter und drüber ginge.

»Verstehst du das?« fragte sie Max. »Was kann denn da passiert sein?«

Max sah sie nachdenklich an. »Liliencron mußte verreisen? Soso.«

Er sagte nichts weiter, aber er dachte sich seinen Teil.

Am traurigsten war Onkel Johannes, Felicias Bruder. Er hing sehr an seiner Schwester, hatte sie aber seit Jahren nicht mehr gesehen. Modeste machte ein paar giftige Bemerkungen, Joseph machte Belle nervös, indem er sie ständig zu trösten versuchte, und der unstete Sergej betrank sich, weil er Felicia um Geld hatte anpumpen wollen und sich nun seine Hoffnungen nicht erfüllten. Susanne und Cousin Paul fungierten als Trauzeugen.

Es war eine schöne Hochzeit, ein herrlicher, sommerlich warmer Tag. Selbst die alte Urgroßmutter Laetitia, die ihr Bett nur noch selten verließ, nahm an der Trauung teil. Belle, im weißen Kostüm, strahlte und übersah, daß ihr Bräutigam wieder einmal in düstere Gedanken versunken war.

Die Nacht wollten sie nicht in Belles kleinem Erkerzimmer verbringen, sondern in einem der großen Gästezimmer. Jadzia hatte das Bett mit blaßgelber Seide bezogen und einen großen Strauß leuchtendbunter Tulpen auf die Kommode gestellt. Außerdem mußte sie irgendeinen Duft versprüht haben, denn es hing ein schwerer, süßlicher Geruch zwischen den Wänden, der an einen orientalischen Basar oder an das Zelt eines Sultans erinnerte.

»O Gott«, sagte Max, als er das Zimmer betrat, »mach schnell das Fenster auf. Das schlägt einen ja zu Boden!«

Belle eilte zum Fenster, riß es auf. Milde Nachtluft flutete herein. Draußen hob sich ein hoher, schwarzer Himmel, übersät mit Sternen. Belle atmete tief. »Es ist so schön hier! So wunderschön! Das ganze Leben ist so schön!«

Max ließ sich in einen Sessel fallen und lockerte seine Krawatte. Er sah angespannt aus. »Ländliche Idylle«, murmelte er.

Belle hatte schon gemerkt, daß er von Lulinn nicht so verzaubert war wie sie. Er hatte keinen Blick für die Rapsfelder, die Eichen, die Pferde, den Himmel. Die Verwandtschaft ging ihm auf die Nerven, er schien nur eine gewisse Achtung vor Urgroßmutter Laetitia zu haben und sich einigermaßen mit Onkel Johannes zu verstehen. Alle anderen fand er mehr oder weniger unmöglich, und er gab sich nicht allzuviel Mühe, das zu verbergen. Mit Modeste wäre er sogar beinahe in einen Streit geraten, weil sie lauthals die Tugenden der Nazis pries. »Haben wir denn noch Arbeitslose? Liegt unsere Wirtschaft noch am Boden? Mit Hitler ist alles besser geworden, wir können uns nicht beklagen!«

Max hatte Augen gemacht wie der Teufel. »Sie wissen, daß Sie von einem Mann reden, der jegliche Opposition in diesem Land gnadenlos bekämpft, der unsere geistigen Größen zwingt, ins Ausland zu emigrieren, der …« Er unterbrach sich, wissend, daß solche Reden gefährlich werden konnten. »Aber wozu soll ich Ihnen das alles aufzählen«, sagte er, »haben Sie ›Mein Kampf‹ gelesen?«

Im Wohnzimmer von Lulinn stand »Mein Kampf« natürlich im Bücherschrank, so wie in vielen deutschen Wohnzimmern, aber Modeste hatte keine Zeile davon gelesen, denn sie scheute überhaupt davor zurück, dicke Bücher in Angriff zu nehmen.

»Ich weiß, was da drin steht«, erwiderte sie ausweichend.

»Offenbar nicht«, sagte Max.

Modeste plusterte sich auf wie ein Huhn. »Ich muß mir verbitten, daß Sie in diesem Ton mit mir reden! Und Ihre Hetzreden sparen Sie sich bitte auch. Als ob Sie nicht wüßten, daß es der Führer war, der unser am Boden liegendes Land nach dem Schanddiktat von Versailles wieder in die Höhe gebracht hat!«

Max grinste böse. »Nicht Politik ist unser Schicksal, sondern die Wirtschaft. Das sagte unser ehemaliger Reichsaußenminister Walter Rathenau. Er hatte recht. Es war die wirtschaftliche Lage Deutschlands, die Hitler an die Spitze katapultiert hat.«

»Zweifellos«, murmelte Onkel Jo, und dann herrschte ein paar Minuten ungutes Schweigen in der Runde.

»Es kommen schwere Zeiten auf uns zu«, sagte Max nun, während er in einem Sessel im Schlafzimmer saß und hinausstarrte, ohne die Schönheit der ostpreußischen Nacht zu sehen. »Wenn wir wenigstens mehr Geld hätten!«

Belle seufzte leise. Warum mußte er jetzt damit anfangen? Sie waren seit wenigen Stunden verheiratet, und schon fiel er wieder in diese grüblerische Stimmung, die sie zu fürchten gelernt hatte. Das, was sie an ihm so faszinierte, daß sie ihn unbedingt hatte heiraten wollen, das Schwerblütige, Komplizierte in seinem Wesen, machte ihr auch angst. Er war ihr ferner als der Mond, sie stand ihm hilflos gegenüber, fühlte sich von seinem Innersten ausgeschlossen und abgelehnt.

Sanft berührte sie nun seine Wange. »Max! Nicht anfangen zu grübeln! Morgen, ja? Morgen reden wir über alles.«

»Morgen! Morgen ist auch nicht besser als heute! Ich frage mich, wovon wir leben werden. Was mit uns allen geschehen wird. Wie wir beide es schaffen sollen!«

Theoretisches Gerede, immer, es war so typisch für ihn!

»Wir verdienen doch beide Geld. Ich weiß, es ist nicht viel, aber…«

»Aber du bist bald ein Star und kaufst dir eine Villa auf Schwanenwerder, ich weiß.«

»Ach, ich habe keine Ahnung, ob ich jemals ein Star werde«, sagte Belle ungeduldig. »Jedenfalls hat uns meine Berliner Großmutter angeboten, bei ihr in der Schloßstraße zu wohnen. Es ist so eine große Wohnung, daß wir einander bestimmt nicht stören. Nicola und Sergej haben dort auch ein Jahr gelebt, bevor Sergej nach Breslau mußte, und es ging gut.«

»Nicola und Sergej! Ausgerechnet die beiden mußt du jetzt nennen! Sergej ist ein leichtsinniger, arroganter Lebemann, der nicht mehr im Kopf hat als sein neues Rasierwasser und irgendeine schicke Krawatte. Und Nicola …«

»Ja?« fragte Belle aggressiv. Jetzt zückte sie die Krallen. Über Sergej mochte Max noch sagen, was er wollte, Sergej hatte in die Familie eingeheiratet, das war fremdes Blut, für das sich Belle nicht verantwortlich fühlte. Aber Nicola… die Cousine ihrer Mutter… Max sollte es wagen, ein Wort gegen sie zu sagen! »Was ist mit Nicola?«

»Entschuldige, aber sie ist wirklich reichlich oberflächlich. Ein hübsches Püppchen, das sich gut anzuziehen und zu frisieren weiß, aber sehr viel mehr …«

»Wenn dir meine Familie nicht paßt«, unterbrach Belle mit kalter Stimme, »kannst du selbstverständlich gern weiterhin in deiner Kammer am Prenzlauer Berg hausen. Ich werde dort aber nicht leben. Ich bleibe bei meiner Großmutter in Charlottenburg.«

»Natürlich! Madame wäre in einer Arbeitergegend ja auch völlig fehl am Platz!«

»Gut, daß du das einsiehst!«

»Dann dürfte im Augenblick jede weitere Diskussion sinnlos sein.« Max erhob sich. Sie standen einander in dem dunklen Zimmer gegenüber, nur eine kleine Lampe brannte, die Luft war noch immer geschwängert von dem süßlichen Geruch, der Belle bereits Kopfschmerzen machte.

»Ich glaube, ich gehe noch etwas spazieren«, sagte Max und öffnete die Tür. »Warte nicht auf mich.«

»Worauf du Gift nehmen kannst!« fauchte Belle. Die Tür fiel hinter ihm zu. Belle war allein mitsamt den Blumen und dem gelbseidenen Bett. Einen Moment war sie versucht, irgend etwas mit voller Wucht zu zerschmeißen, die porzellanene Waschschüssel vielleicht, aber sie riß sich zusammen. Sollte Max doch bleiben, wo der Pfeffer wächst!

Sie verließ den Raum, stieg die Treppe hinauf und huschte in ihr eigenes kleines Zimmer mit dem Apfelbaum vor dem Fenster. Zum Glück hatte keiner sie gesehen; für Onkel Joseph wäre es ein gefundenes Fressen, die junge Braut in ihrer Hochzeitsnacht auf der Flucht zu ertappen. Sie legte sich ins Bett, aber sie konnte nicht einschlafen. Sie drehte an ihrem Ehering, und sie begann sich zu fragen, ob sie einen Fehler gemacht hatte.

Tom Wolff hatte zeitlebens Angst vor dem Alter gehabt. Dem großen, schweren Mann, vital, derb und einschüchternd, bereitete der Gedanke, hinfällig und schwach zu werden, schlaflose Nächte. Worauf sollte er dann zurückgreifen? Er verfügte zwar über genügend Bauernschläue, nicht aber über feine Bildung, mit der er sein Auftreten ein wenig hätte würzen können. Andere Männer schlugen dem Alter ein Schnippchen, indem sie die grauhaarigen, eleganten, lebensklugen Gentlemen spielten, denen dann zumindest noch die jungen Frauen mit Vaterkomplexen hinterherliefen. Tom Wolff, der einst bettelarme Bauernsohn aus dem Bayerischen Wald aber, war weder Gentleman noch elegant und lebensklug höchstens, was das Geldverdienen anging. Und grauhaarig allein reichte nicht aus. Deshalb hatte er 1932 beschlossen, reich zu werden, soviel Geld zu haben, daß sein Doppelkinn, seine Tränensäcke, die schlaffen Wangen und die faltige Haut nichts mehr wogen. Es schien die einzige Chance, den bald nahenden sechzigsten Geburtstag halbwegs würdevoll zu ertragen.

Tom Wolff hatte bis zum großen Börsenkrach zusammen mit Felicia Lavergne die große Textilfabrik geführt, und dann, ebenfalls gemeinsam mit Felicia, alles verloren, was er besaß. Damals war er zusammengebrochen. Beraubt aller irdischer Güter schien es ihm, als bleibe nichts mehr von ihm übrig. Kat, seine schöne, schwarzhaarige Frau, die Schwester von Felicias geschiedenem Mann, hochmütig und unnahbar, hatte ihm damals auf die Füße geholfen.

»Du liebst mich nicht!« hatte er weinend geschrien, und sie hatte kühl geantwortet: »Nein. Aber ich glaube noch immer an dich.«

Das hatte ihn aufgerüttelt. Zum Teufel, sie hatte recht! Er war Tom Wolff! Ein Bauer von einem gottverlassenen Hof dicht an der tschechischen Grenze, ungehobelt und plump, aber schlau, gewitzt, immer eine Spur schneller als die anderen. Ausgestattet mit einer erstklassigen Nase für gute Geschäfte. Er war beinahe sechzig Jahre alt, dickbäuchig und kurzatmig – sein Herz begehrte dann und wann gegen das übermäßig viele Essen, den Alkohol und die Zigaretten auf –, aber er war nicht zu alt, um es noch einmal zu schaffen. Seiner Erfahrung nach wurden Ehrgeiz, Mut und gute Ideen stets belohnt, und alle drei Tugenden waren ihm zu eigen. Wenn er nur wollte, konnte er nach oben kommen.

Tatsächlich kam er nach oben. 1938 zählte er schon wieder zu den ganz reichen Männern von München, lebte in einem wunderschönen Haus gleich am Nymphenburger Schloß und protzte mit einem nagelneuen Cabrio von Daimler Benz. Für all das zahlte er keinen geringen Preis.

Es war Anfang Oktober, auf den Straßen lag schon das erste Laub, ein kühler Wind rüttelte an den Fensterscheiben, immer wieder spritzte Regen aus den tiefhängenden Wolken. Tom Wolff richtete sich im Bett auf und betrachtete die schlafende Frau neben sich. Wie sooft erfüllte ihn mit Widerwillen, was er sah. Lulu hörte eigentlich auf den biederen Namen Edith Müller, aber da sie es exotischer liebte, bestand sie darauf, mit »Lulu« angeredet zu werden, und sie hatte erreicht, daß die meisten Leute inzwischen glaubten, sie heiße tatsächlich so. Ihr Alter hielt sie geheim, es mußte zwischen sechzig und siebzig liegen; sie schminkte sich zu grell, färbte sich die Haare rot, trug auffallende, jugendliche Kleider und behängte sich von Kopf bis Fuß mit schwerem Goldschmuck. Sie glaubte, jung zu wirken, tatsächlich sah sie außerordentlich alt aus. Tom, der auf ihre blaubemalten Augenlider herabblickte, dachte angeekelt: Hexe! Alte, aufgetakelte Hexe!

Sie war die Witwe eines Spielzeugfabrikanten, eine steinreiche Frau, die sich die meiste Zeit ihres Lebens langweilte. Ununterbrochen kaufte sie neue Kleider, neuen Schmuck und ließ sich von ihrem Chauffeur jeden Morgen zum Friseur fahren. Sie traf sich mit sogenannten Freundinnen zum Tee, plauderte über dies und das und fühlte sich nachher genauso unzufrieden wie vorher. Irgendwann ging ihr auf, was sie suchte: einen Liebhaber. Sie brauchte unbedingt einen Liebhaber.

Tom hatte sie 1932 auf einer Party von gemeinsamen Freunden kennengelernt, in jenen Tagen, da er achtundfünfzig geworden war, wie ein krankes Tier herumlief und nach Selbstbestätigung Ausschau hielt. Irgendwie waren sie ins Gespräch gekommen, auf einem zierlichen Sofa nebeneinandersitzend und Lachsbrötchen essend. Lulu hielt die Brötchen zwischen ihren dicken, aber perfekt manikürten Händen und spreizte den kleinen Finger vornehm ab, und Tom betrachtete fasziniert ihre gewaltigen, massivgoldenen Ringe. Sie erzählte von der Spielzeugfabrik und klagte, daß die Umsätze zurückgingen. »Immer lief es hervorragend. Aber plötzlich stagniert es.«

»Was genau stagniert?« erkundigte sich Tom.

Unter langen, falschen Wimpern schaute sie ihn bekümmert an. »Die Trapper. Die Indianer. Die Pferde, Kühe, Schafe. Wir stellen kleine Figuren her, verstehen Sie, aus dem Wilden Westen und vom Bauernhof. Aber aus irgendeinem Grund will sie keiner mehr.« Sie angelte nach dem nächsten Lachsbrötchen.

»Tja«, sagte Tom. Und in der Sekunde darauf hatte er einen jener Einfälle, die ihn schon manchmal im Laufe seines bewegten Lebens in schwindelerregende Höhen des Erfolges gehoben hatten. »SA«, sagte er.

Lulu betrachtete ihn verwirrt. »Wie bitte?«

Tom tupfte sich mit einem Taschentuch die Stirn ab; sowie er sich auch nur ein bißchen aufregte, brach ihm der Schweiß aus. Bluthochdruck. »Nazis! Ganze Heerscharen von Braunhemden müssen wir herstellen! Adolf Hitler mit erhobenem …«

»Wir?« fragte Lulu spöttisch.

Tom sah sie an. »Ich könnte Ihre Fabrik in die Höhe bringen, Lulu.«

»Aber wieso Nazis?«

»Die Nazis werden die Wahl gewinnen.«

»Woher wollen Sie das wissen?«

»Ich weiß es. Sagen wir – ich bin beinahe sicher. Und wenn es stimmt und wir werfen am Tag danach unsere Figuren auf den Markt, dann wird das ein Bombengeschäft. Jeder Junge in Deutschland wird verrückt sein nach dem Zeug. Und wir können… wir können auch andere Staatsmänner nachbilden. Wir können historische Begebenheiten zusammenstellen. Lulu, wir können mit diesem verdammten Spielzeug ein Vermögen machen!«

»Und wenn die Nazis nun doch nicht…«

»Sie werden, verlassen Sie sich darauf. Trapper! Indianer! Ha, danach kräht kein Hahn mehr!«

Lulu lächelte tückisch. »Ich könnte jetzt sagen, danke für den Tip, und das alles allein in die Tat umsetzen.«

Tom betrachtete sie kühl. »Ich schätze, Sie haben keinen einzig wirklich kreativen Kopf in Ihrem Unternehmen. Sie würden die schöne Idee ruinieren.«

»Wenn ich Sie zu meinem Partner mache – was wollen Sie dafür?«

»Eine sehr hohe Gewinnbeteiligung. Und direkt nach Ihnen bin ich der Chef.«

Lulu hob ihr Champagnerglas. »Ich werde darüber nachdenken.«

Inzwischen waren sie Partner, seit sechs Jahren. Wolffs Kalkül war glänzend aufgegangen. Sie stellten SA-Leute her, SS, Hitlerjugend, Jungvolk, Hitler, Göring, Goebbels in allen Lebenslagen, jubelndes Volk, Fahnen, Tribünen, Fackelzüge … man riß ihnen das Zeug förmlich aus den Händen. Toms neueste Idee war es, Soldaten zu verkaufen. Kanonen. Kavalleriepferde, Armeelastwagen. Im Zuge der Militarisierung Deutschlands gingen sie weg wie warme Semmeln. Außerdem war Tom, längst natürlich Parteimitglied, mit der Produktion von Abzeichen des Winterhilfswerkes betraut worden, lieferte Weihnachtsbaumfiguren, Schmetterlinge zum Anstecken, Märchenfiguren und vieles mehr. Er war ein reicher Mann. Und der Liebhaber von Lulu.

Sie hatte ihn zum zweiten Mann von »Müllers Spielwaren« gemacht, aber bei jeder Gelegenheit ließ sie ihn wissen, daß es von ihrer Gnade abhing, ob er seine Position behielte. Und zum anderen redete sie immer wieder davon, daß sie sich bald in den Ruhestand begeben würde – dabei hatte sie nie gearbeitet – und daß sie dann einen Nachfolger brauchte.

»Wen mache ich wohl zum Chef, Tom?«

»Mich!«

»Wenn du brav bist…«

Am Anfang hatte es ihm nichts ausgemacht, mit ihr zu schlafen. Da seine Frau Kat ihn seit Jahren abwies, bot es ihm sogar zunächst eine willkommene Abwechslung. Aber immer mehr ekelte ihn das ganze Spiel an. Er kam sich vor wie ein Pferd, dem ein Stück Zucker vor die Nase gehalten und immer dann fortgezogen wird, wenn es sich danach streckt. Der Zucker war die Fabrik. Er wollte sie, er wollte sie unter allen Umständen, auch wenn er dafür den Liebhaber dieser schrecklichen Frau spielen mußte. Die Rolle widerte ihn an, aber das Ziel blieb lohnend. War er erst Chef dort, vielleicht konnte er sie dann austricksen. Er würde es zumindest versuchen, und vielleicht… vielleicht gehörte eines Tages alles ihm. Zum Teufel, er hatte es doch verdient! Er hatte den Laden in Schwung gebracht, er allein. Inzwischen kannte er ja die Bücher, er wußte, daß das Unternehmen damals tief im Schlamassel gesteckt hatte, tiefer, als es selbst Lulu geahnt hatte. Nun florierten die Geschäfte – und das verdankte sie nur ihm!

Er rutschte von der schlafenden Lulu weg, stand auf und schaltete den Volksempfänger ein. Die Deutschen waren im Sudetenland einmarschiert, mit großem Enthusiasmus wurde auf allen Kanälen davon berichtet. »Hitler holt die Deutschen heim ins Reich. Jubelnder Empfang für unsere Truppen!«

Wolff hörte es zufrieden. Das Münchener Abkommen, bei dem die Frage des Sudetenlandes soeben für Deutschland entschieden worden war, ließ er bereits in Kleinformat nachbilden. Hitler, Chamberlain, Mussolini und Daladier im Halbkreis stehend.

Würde sicher wieder ein Erfolg.

Lulu war aufgewacht. »Gehst du schon, Tom?«

Er schlüpfte gerade in seine Hose. »Ich muß. Leider. Will noch mal in die Fabrik, nachsehen, wie es mit dem Münchener Treffen steht. Du weißt ja, wenn man nicht alles kontrolliert…«

»Du opferst dich wirklich für meine Firma«, sagte Lulu träge.

Tom erwiderte nichts. Sie gebrauchte diese Formulierung absichtlich, das war ihm klar. »Meine Firma«. Sie wußte, er haßte es, wenn sie das hervorhob. Aber sie spielte gar zu gern ihre Macht aus.

»Tom, wann kommst du wieder?« Sie erhob sich nun ebenfalls, schlüpfte in ihren grünseidenen Morgenrock. Ihr Augen-Make-up hatte sich verschmiert, sie sah grotesk und sehr alt aus. Wie immer, wenn er gerade mit ihr geschlafen hatte, war Tom davon überzeugt, er werde es nie wieder tun können.

»Ich weiß noch nicht, Lulu. Meine Frau soll es ja nicht unbedingt merken.«

»Glaubst du, es würde sie interessieren?« Lulu stellte das Radio ab. Politik hatte sie noch nie interessiert. »Ich möchte dich übermorgen abend sehen, Tom.«

»Übermorgen?« O Gott, schon übermorgen!

»Ja. Ich lasse ein schönes Abendessen vorbereiten, wir setzen uns vor den Kamin. Ein guter Wein aus dem Keller meines verstorbenen Mannes …«

»Ich weiß nicht, ob es geht…«

Lulu zuckte mit den Schultern. »Wenn du dich halb sosehr für mich einsetzen würdest wie für das Spielzeug …«

»Das mit dem Spielzeug tue ich ja für dich!«

Lulu lächelte spöttisch. »Lügner! Für dich tust du’s, für dich allein. Ich weiß genau, was du willst: Du willst meine Fabrik! Du würdest dich umbringen dafür! Na ja … vielleicht bist du ja gar nicht so weit von deinem Ziel entfernt. Wer weiß. Also – übermorgen?«

Tom schluckte Zorn und Ekel hinunter. »In Ordnung, Lulu, mein Schatz. Ich bin da. Übermorgen.«

Draußen auf der Straße hüllte er sich fester in seinen Mantel. Der Wind wirbelte die Blätter auf. Anfang Oktober und schon so kalt? Er schüttelte sich, versuchte auch die Gedanken abzuschütteln, die ihn bedrängten. Dieses Gefühl, in einer Umklammerung zu sitzen, aus der es kein Entkommen gab … Jetzt aufgeben? Mit dem Geld leben, das er verdient hatte? Nein! Nicht, wenn er das Zehnfache haben konnte!

Er stieg in sein Auto und fuhr los. Entlang allen Straßen wurden die Extrablätter angeboten, die über den Einmarsch der Deutschen im Sudetenland berichteten. Die Ausrufer überschrien einander gegenseitig. Tom grinste. Er fand die Nazis überheblich und dumm, ihr Gerede von der arischen Rasse, von der Vergrößerung des Lebensraumes, vom tausendjährigen Reich. Dieses alberne »Heil Hitler«, rechte Flosse hoch und immer viel Getue um jeden Dreck. Wie ein Huhn, das ein Ei gelegt hatte, so gackerten die Nazis um jede neue Errungenschaft. Österreich, Sudetenland. Und er dachte: Danzig. Danzig ist das nächste.

Aber so wenig er von Hitler hielt, so fest war Tom entschlossen, sich mit den braunen Schergen gut zu stellen. Sie hatten die Macht, also mußte man ihnen Honig ums Maul schmieren. Opportunismus hatte er nie für einen Charakterfehler gehalten, sondern für eine schlichte Lebensnotwendigkeit. Wer sich dafür zu fein war, war auch dumm.

Sein Blick fiel auf eine Frau, die gerade den Karlsplatz überquerte. Eleganter Mantel aus dunkelbraunem Wollstoff, ein Seidenschal in leuchtenden Grüntönen um den Hals, dunkles, glänzendes Haar… dieses verschlossene Gesicht…

Er trat auf die Bremse, ignorierte das erboste Hupen des Autofahrers hinter sich, kurbelte die Scheibe hinunter. »Welch eine Freude! Felicia Lavergne!«

Felicia trat heran. »Tom Wolff! Lange nicht gesehen!«

»In der Tat. Wohin möchtest du denn gerade?«

»Ich besuche jemanden.«

»Oh – ein Rendezvous?«

»Sei nicht so albern, Tom.«

»Ich fahre dich hin, wohin du willst!« Tom machte eine weitausholende Handbewegung, mit der er das ganze Auto umschrieb. »Du bist damit die erste, die in meinem neuen Wagen fahren darf. Ich habe den Bugatti verkauft. Wie gefällt dir das Cabriolet?«

»Nicht schlecht«, meinte Felicia und stieg ein.

»22 000 Reichsmark«, erklärte Tom lässig, »100 PS. Weißt du, wie schnell ich damit fahren kann?«

»Keine Ahnung.«

»160 Stundenkilometer. Leider kann ich dir das hier nicht demonstrieren.«

»Ich glaub’s dir auch so.« Felicia mußte grinsen. Tom war noch immer derselbe hoffnungslose Angeber wie früher. Sie lehnte sich behaglich in den weichen Sitz zurück. »Ich möchte in die Hohenzollernstraße.«

»Hohenzollernstraße. Alles klar!« Der Wagen fuhr an. Tom warf Felicia einen Blick zu, sie erwiderte ihn. Sie dachte: Wie alt er wird!

Und Tom dachte: Sie sieht immer noch so verdammt gut aus.

Sie waren Geschäftspartner gewesen bis zum Schwarzen Freitag, und sie kannten jeder den anderen ganz genau. Sie brauchten einander nichts vorzumachen. Sie wußten, sie waren beutegierig, dann und wann skrupellos. Sie hatten jeder eine weiche Stelle, die sie verbissen zu tarnen suchten, und sie konnten sich bis zum äußersten anpassen, ohne im Innern auch nur eine Spur von dem abzukommen, was sie für richtig hielten. Manchmal hatte Tom zu Felicia gesagt: »Du bist wie ich. Um nichts besser, Gnädigste.«

Sie protestierte dann, wußte aber, er hatte recht. Sie war ihm fatal ähnlich.

»Ich glaube, ich muß dich beglückwünschen, Felicia«, fing Tom nun an. »Wie man hört, hast du im Frühjahr einen Volltreffer gelandet. Peter Liliencron hat dir sein Unternehmen überschrieben. Wie hast du das nur gemacht?«

»Ich habe gar nichts gemacht!«

»Na, na! Dann wurdest du einfach vom Schicksal belohnt? Wofür, wenn man fragen darf?«

»Man darf nicht fragen, Tom. Die ganze Geschichte geht dich ausnahmsweise einmal nichts an.«

»Hm. Wohin ist Liliencron verschwunden?«

»Ich habe nicht die leiseste Ahnung.«

Tom lachte leise. »Ich wette, du weißt es besser, als irgend jemand sonst! Aber ich werde dich nicht bedrängen. Wo immer Liliencron ist – du bist jedenfalls am Ziel. Wieder einmal. Du weißt, damit gehört dir meine ganze Bewunderung!«

»Danke. Es ist nett, einen Verehrer zu haben. Übrigens – was machen denn deine niedlichen Spielzeugfiguren?«

»Das Geschäft blüht«, sagte Tom zufrieden. »Auch wenn ich es selber sage: Die Nazis fürs Kinderzimmer waren einer der besten Einfälle meines Lebens!«

»Dafür bewundert dich wirklich jeder, Tom, nicht nur ich. Allerdings, der entscheidende Stein zum Glück fehlt noch, nicht? Du verdienst viel Geld beim Müller-Imperium – aber besitzen tust du nichts davon. Nicht einen Bruchteil!«