Wilder Winter - Joe R. Lansdale - E-Book
Beschreibung

Hap Collins: weiß, hetero, Kriegsdienstverweigerer. Leonard Pine: schwarz, schwul, Vietnamveteran. Die beiden ungleichen Freunde haben schon bessere Tage gesehen und schlagen sich mit Gelegenheitsjobs auf den Rosenfeldern von Texas durch. Eines schönen Wintermorgens tauchen Haps Ex-Frau Trudy und ein paar Kumpels aus den 60er Jahren auf, die den bewaffneten Kampf gegen das Establishment wiederbeleben wollen. Das Startkapital dazu liegt angeblich im Sabine River: eine Million Dollar aus einem schiefgelaufenen Bankraub. Hap ist in der Gegend aufgewachsen und soll bei der Suche helfen. Doch die Zeiten haben sich geändert, und auch ehemaligen Revolutionären sitzt mittlerweile das Hemd näher als die Hose. So bewahrheitet sich bald das, was Leonard von Anfang an klar war: Wo Trudy ist, gibt's Ärger. Es wird ein Wilder Winter. Aufgenommen in die KrimiWelt-Bestenliste von WELT, ARTE und Nordwestradio.

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Seitenzahl:290

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Impressum

Savage Season

Die Originalausgabe ist 1990 bei Mark V. Ziesing erschienen.

Die deutsche Erstausgabe erschien 2006 als Band 2 der von Richard Betzenbichler herausgegebenen Reihe funny crimes im Shayol Verlag.

Die vorliegende Neuausgabe ist dem Andenken von Heinz Scheffelmeier gewidmet.

© 1990 by Joe R. Lansdale

Mit freundlicher Genehmigung des Autors

© dieser Ausgabe 2014 by Golkonda Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Hannes Riffel

Korrektur: Heinz Scheffelmeier & Robert Schekulin

Gestaltung: s.BENeš [www.benswerk.de]

E-Book-Erstellung: Hardy Kettlitz

Golkonda Verlag

Charlottenstraße 36

12683 Berlin

golkonda@gmx.de

www.golkonda-verlag.de

ISBN: 978-3-944720-39-5 (Buchausgabe)

ISBN: 978-3-944720-40-1 (E-Book)

Inhalt

Titel

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Weitere Bücher aus dem Golkonda Verlag

»Wenn der Bedarf

an Illusionen groß ist,

kann eine Menge

Intelligenz in Ignoranz

investiert werden.«

Saul Bellow

»Setz alles auf eine Karte – und spiel sie im richtigen Moment.«

Mark Twain,Querkopf Wilson

Jeff Banks in Freundschaft gewidmet

Kapitel 1

An dem Nachmittag, als die ganze Geschichte ihren Anfang nahm, war ich mit meinem alten Freund Leonard Pine auf dem großen Feld hinter meinem Haus. Ich schoss mit einer zwölfkalibrigen Flinte, und er zog die Vögel hoch.

»Zieh«, sagte ich, und er zog, und die nächste Tontaube flog gen Himmel. Ich riss das Gewehr hoch und holte sie runter.

»Mann«, sagte Leonard, »triffst du eigentlich nie daneben?«

»Nur wenn ich will.«

Ich hatte schon vor langer Zeit von echten Tauben auf tönerne umgesattelt. Ich hatte keine Lust mehr, irgendetwas zu töten, aber das Schießen machte mir immer noch Spaß. Anlegen, abdrücken, den Rückstoß an der Schulter spüren und sehen, wie dein Ziel in der Luft zerfetzt wird – das hat schon etwas sehr Befriedigendes.

»Ich muss ’ne neue Kiste aufmachen«, sagte Leonard, »die Täubchen sind alle tot.«

»Dann lade ich jetzt mal ’ne Zeit lang nach, und du schießt.«

»Ich habe zweimal so lange wie du geschossen und nicht mal halb so viel erwischt.«

»Mir egal. Mir verzieht’s allmählich schon die Optik.«

»Blödsinn.«

Leonard stand auf, wischte sich die großen schwarzen Hände an seiner Khakihose ab, schlenderte zu mir herüber und nahm die Flinte. Wir waren gerade dabei zu laden, er die Flinte und ich die Startschleuder, als Trudy um eine Ecke des Hauses bog.

Wir sahen sie im selben Moment. Ich hatte mich gerade umgedreht, um eine weitere Kiste Tontauben zu öffnen, und Leonard hatte sich gerade umgedreht, um eine Schachtel mit Munition aufzuheben. Und da kam sie im Sonnenlicht auf uns zugeschlendert.

»Scheiße«, sagte Leonard, »jetzt gibt’s Ärger.«

Trudy war ungefähr vier Jahre jünger als ich, sechsunddreißig, aber sie sah immer noch aus wie sechsundzwanzig. Langes blondes Haar und Beine bis zum Hals – tolle, dunkel gebräunte Beine mit kräftigen Schenkeln. Und sie verstand sich zu bewegen. Sie beherrschte diesen speziellen Hüftschwung, der auch ihre Brüste sanft mitwippen ließ, gerade so, dass Männer von der Straße abkamen, weil sie es nicht lassen konnten, ihr hinterherzuschauen.

Sie trug ein enges beigefarbenes Sweatshirt, und man konnte sehen, dass sie nach wie vor keinen BH brauchte. Dazu, wie es gerade modern war, einen kurzen schwarzen Rock, der mich an die späten 60er und ihre Minirock-Zeiten erinnerte – an damals, als ich sie kennenlernte. Als sie noch eine große Künstlerin werden und ich irgendwie die Welt retten wollte.

Soweit mir bekannt war, hatte sie es in puncto Kunst nie weiter als bis zu einem Zeichentisch und zum Ankleiden von Schaufensterpuppen gebracht. Und was meine Weltrettungsaktionen betraf – die beschränkten sich im Wesentlichen auf ein paar Unterschriften unter alle möglichen Petitionen, vom Metall-Recycling bis zur Rettung der Wale. Inzwischen warf ich meine Dosen in den Müll, und ich hatte keinen blassen Schimmer, wie es den Walen ging.

»Nimm dich vor ihr in Acht«, sagte Leonard, bevor sie in Hörweite war.

»Sowieso.«

»Du weißt, was ich meine. Komm bloß nicht heulend zu mir gerannt, wenn sie dich wieder rumkriegt und dann wieder hängen lässt. Hör auf mich, kapiert?«

»Ich hab schon verstanden.«

»Ja, ja, und das Hirn setzt aus, wenn der Schwanz steht.«

»So ist das nicht, und das weißt du auch.«

»Dann eben so ähnlich.«

Trudy kam näher, und jetzt, als ihr die Mittagssonne voll ins Gesicht schien, sah ich, dass sie doch nicht mehr ganz wie sechsundzwanzig aussah. Die Poren auf ihrer Nase waren etwas größer, unter ihren Augen hatte sie Krähenfüße und um die Mundwinkel herum Lachfältchen. Sie hatte immer gern gelacht, und sie konnte über alles lachen. Eine meiner glücklichsten Erinnerungen war ihre Art zu lachen, wenn wir miteinander schliefen. Dann war ihr Lachen hell und klar wie der Gesang der Vögel. Ich wollte nicht daran denken, aber die Erinnerung war sofort wieder da, wie ein Dorn in meinem Hinterkopf.

Sie lächelte uns zu, und ich spürte, wie der kalte Januartag ein wenig wärmer wurde. Sie konnte einem Mann dieses Gefühl geben, und das wusste sie auch. Trotz Emanzipation hatte sie diese Fähigkeit nie unterdrückt.

»Hallo Hap«, sagte sie.

»Hallo«, antwortete ich.

»Leonard«, sagte sie.

»Trudy«, antwortete Leonard.

»Was treibt ihr Jungs denn gerade?«

»Wir schießen auf Tontauben«, antwortete ich. »Willst du auch mal?«

»Klar.«

Leonard reichte mir das Gewehr. »Ich muss los, Hap. Ich meld mich später nochmal. Vergiss nicht, was ich dir gesagt habe, okay?«

Ich blickte in das Gesicht mit den harten Zügen und der dunklen Haut, die an die Farbe einer Dörrpflaume erinnerte, und sagte: »Das vergess ich schon nicht.«

»Na dann. Tschüss Trudy.« Mit langen Schritten ging er über die Wiese Richtung Haus zu seinem Wagen.

»Was sollte denn das jetzt?«, fragte Trudy. »Ist er wegen irgendwas sauer?«

»Er mag dich nicht.«

»Ach ja, hatte ich ganz vergessen.«

»Hattest du nicht.«

»Okay, hatte ich nicht.«

»Willst du zuerst schießen?«

»Eigentlich würde ich lieber ins Haus gehen und eine Tasse Kaffee trinken. Es ist ganz schön kalt hier draußen.«

»Du bist nicht gerade angezogen, als ob es kalt wäre.«

»Ich hab Strümpfe an. Die sind wärmer, als du glaubst. Nur eben nicht warm genug. Außerdem habe ich dich ziemlich lang nicht gesehen ...«

»Fast zwei Jahre.«

»... und da wollte ich unbedingt gut aussehen.«

»Das tust du.«

»Du auch. Du könntest ein paar Pfund mehr auf den Rippen vertragen, aber ansonsten siehst du gut aus.«

»Tja, bei dir ist kein Gramm zu viel oder zu wenig. Du siehst super aus.«

»Jazzgymnastik. Ich habe eine CD, nach der ich trainiere. Wir älteren Damen müssen schon was tun für unsere Schönheit.«

Ich lächelte. »Okay, alte Dame, lass uns den Kram einsammeln, und dann gehen wir ins Haus.«

Sie saß am Küchentisch und lächelte und machte Small Talk. Ich holte den Kaffee raus und versuchte, nicht daran zu denken, wie es mal zwischen uns gewesen war, aber das gelang mir nicht sonderlich gut.

Sobald die Kaffeemaschine lief, setzte ich mich ihr gegenüber hin. Die Gasöfen erwärmten die Küche halbwegs, und so nah, wie ich ihr jetzt saß, stieg mir ihr Geruch in die Nase – eine Mischung aus Minzseife und einem Hauch von Parfüm, das sie vermutlich hinter den Ohren, in den Kniekehlen und unterhalb des Bauchnabels aufgetragen hatte. Jedenfalls hatte sie ihr Parfüm früher immer so aufgetragen, und beim Gedanken daran wurde mir ganz flau.

»Arbeitest du noch immer auf den Rosenfeldern?«, fragte sie.

»Vor Kurzem haben wir sie umgegraben, aber die letzten Tage war nichts mehr zu tun. Der Mann, für den Leonard und ich arbeiten, ist mit dem Abschnitt erstmal fertig. Wird ein paar Tage dauern, bis er uns wieder braucht.«

Sie nickte und fuhr sich mit ihren langen Fingernägeln durchs Haar. Ein kleiner goldener Ring blitzte in einem ihrer Ohrläppchen auf. Ich weiß nicht, was mich an dieser Geste oder dem Glitzern des Schmucks so sehr berührte, jedenfalls wünschte ich mir sehnlichst, sie in den Arm zu nehmen, auf den Tisch zu ziehen und ihre zweijährige Abwesenheit ungeschehen zu machen.

Stattdessen begnügte ich mich mit einer meiner liebsten Erinnerungen: An jenem Abend gingen wir zu einer Party, und Trudy hatte eine gestreifte Bluse und einen gestreiften Minirock angezogen. Ich war dreiundzwanzig und sie neunzehn. Die Art, wie sie tanzte, die Art, wie sie sich bewegte, wenn sie nicht auf der Tanzfläche war, ihr Geruch, das alles hatte in mir eine irre Lust geweckt.

Ich flüsterte ihr etwas ins Ohr, und sie lachte, und dann gingen wir raus zu meinem Chevy und fuhren zu unserem Lieblingsparkplatz auf einem mit Pinien bestandenen Hügel. Ich zog sie aus, und sie zog mich aus, und wir liebten uns lange und genüsslich auf der warmen Motorhaube meines Autos. Der Mond schien auf uns herab, als hinge er in dieser Nacht nur für uns am Himmel, und eine kühle Sommerbrise strich wie der Flügelschlag eines Vogels über unsere Körper.

Am tiefsten eingeprägt hat sich mir – abgesehen vom Liebesakt selbst –, wie gottverdammt stark und unsterblich ich mich damals gefühlt hatte. Alter und Tod schienen so weit weg und so irreal wie die Geschichten eines Betrunkenen über seine Spaziergänge auf fernen Planeten.

»Wie geht’s ... wie heißt er doch gleich? Howard?« Ich wollte sie das eigentlich nicht fragen, aber irgendwie platzte ich doch damit raus.

»Gut. Wir sind geschieden. Seit einem Jahr. Ich glaube, ich habe kein Talent zur Ehefrau. Die Ehe mit dir habe ich ja auch in den Sand gesetzt.«

»Kein großer Verlust.«

»Dich habe ich wegen Pete verlassen, Pete wegen Bill, und Bill wegen Howard. Mit keinem hat’s funktioniert, und mit denen zwischendrin, die ich nicht geheiratet habe, auch nicht. Mit keinem war’s auch nur annähernd so wie mit uns. Und Männer, die wenigstens halbwegs so sind wie du, sind immer schwieriger zu finden.«

Die Schmeichelei war reichlich dick aufgetragen, also sagte ich lieber nichts dazu. Der Kaffee war fertig, und ich goss uns beiden eine Tasse ein. Als ich ihre auf den Tisch stellte, sah sie mir tief in die Augen, und ich wollte irgendetwas Unverfängliches sagen, aber ich brachte einfach nichts über die Lippen.

»Ich hab dich vermisst, Hap, wirklich.«

Ich stellte meine Kaffeetasse neben ihre, sie stand auf, ich nahm sie in die Arme, und wir küssten uns. Der Boden unter meinen Füßen begann nicht zu schwanken, und mein Herz hörte auch nicht auf zu schlagen, aber es fühlte sich trotzdem gut an.

Dann waren ihre Hände überall auf meinem Körper und meine auf ihrem, und während wir uns gemeinsam in Richtung Schlafzimmer bewegten, flogen unsere Kleidungsstücke schon quer durchs Zimmer. Im Bett tanzten wir diesen guten, alten, langsamen Tanz, und als sie kam, lachte sie auf diese Art, die ich so liebte, glückselig und rührend wie das Lied eines Vogels.

Und ich wollte partout nicht daran denken, dass sogar der größte Räuber unter den Vögeln, der Würger, singen kann.

Kapitel 2

Gegen zwei Uhr in der Früh klingelte das Telefon. Ich stand auf und nahm in der Küche den Hörer ab. Ich glaube, Trudy hatte das Klingeln nicht einmal gehört. Der Anrufer war Leonard.

»Ist die Schlampe noch da?«

»Ja.«

»Scheiße. Dann bist du also wieder im Arsch.«

»Diesmal ist es anders. Ich hab sie nur flachgelegt. Weißt du noch, was du zu mir gesagt hast – dass das Hirn aussetzt, wenn der Schwanz steht? Du hattest recht.«

»So’n Schwachsinn. Komm mir bloß nicht mit diesem Macho-Scheiß. Nur flachlegen – ich krieg das vielleicht hin, aber du tickst ganz anders, und das weißt du ganz genau. Für dich ist das immer was Besonderes. Mr. Hap Collins, Sie sprechen gerade mit Leonard, nicht mit irgendeinem dahergelaufenen Rosenfeld-Nigger.«

»Leonard, du bist ein Rosenfeld-Nigger und ich auch. Ich bin die weiße Variante.«

»Du weißt genau, was ich meine.«

»Wieso bist du eigentlich nachts um zwei noch wach und mischst dich in meine Angelegenheiten?«

»Ich saufe, verdammt nochmal. Ich versuche, mich zu besaufen.«

»Und, klappt’s?«

»Auf einer Zehnerskala wäre ich jetzt in etwa bei fünf.«

»Höre ich da Hank Williams im Hintergrund?«

»Nicht persönlich, aber ja. Setting the Woods on Fire.«

»In Dur oder in Moll?«

»Du bist bei Weitem nicht so witzig, wie du glaubst, Hap. Scheiße, wäre die Hure doch bloß nicht wieder aufgekreuzt!«

»Nenn sie nicht Hure.«

»Sie ist doch eine. Und kaum taucht sie auf, fängst du an zu spinnen.«

»Wieso fang ich an zu spinnen?«

»Du kriegst große runde Augen, glotzt treuherzig wie ein kleiner Welpe, und dann redest du nur noch über die guten alten Zeiten und laberst mich mit diesem ganzen selbstgerechten 60er-Jahre-Mist zu. Ich hab die 60er Jahre auch erlebt, Kumpel, und von den 80ern unterschieden sie sich gerade mal durch die Batik-T-Shirts.«

»Du schwafelst genauso viel von den 60ern wie ich, du dummer Armleuchter.«

»Schon, aber ich hab sie gehasst. Scheiße Mann, sobald Trudy auftaucht, geht dir die Perspektive flöten. Sie redet dir ein, wie es war und wie es jetzt sein müsste, und innerhalb kürzester Zeit glaubst du jedes Wort. Als Zyniker bist du mir lieber. Da bist du nicht so abgehoben. Ich sag’s dir, die Schlampe verspricht dir den Himmel auf Erden, um ihren Willen zu kriegen. Sie ist falsch wie eine Schlange. Sie sitzt irgendwie in der Scheiße, Bruder, und wenn du nicht aufpasst, zieht sie dich mit rein. Und wenn die Scheiße dann anfängt zu kochen, verbrennt ihr euch beide den Arsch. Komm wieder runter, Hap.«

»Sie ist schon in Ordnung, Leonard.«

»Vielleicht im Bett. Im Kopf nicht.«

»Nein, sie ist okay.«

»Klar, und wow – die 60er, Mann, echt Klasse!«

»Diesmal ist es anders.«

»Und wenn ich das nächste Mal zum Scheißen gehe, fallen lauter aromatische kleine Würfel raus. Gute Nacht, du dummer Hurensohn.«

Er legte auf. Ich holte mir ein Glas aus dem Schrank, füllte es mit Wasser und trank. Dabei lehnte ich mich mit dem nackten Hintern an die Küchenarbeitsplatte und versuchte, mir über ein paar Dinge klar zu werden. So richtig klar wurde mir aber nur, wie kalt es war.

Ich ging wieder ins Schlafzimmer, um meinen Bademantel zu holen. Der Mond warf genügend Licht ins Zimmer, dass ich Trudys Gesichtszüge erkennen konnte. Die Decken waren nach unten gerutscht, sie lag auf der Seite und umarmte das Kopfkissen, als wäre es ein Kuscheltier. Ich sah ihre sanft gerundete Schulter, den Umriss einer ihrer schönen Brüste und die Wölbung ihrer Hüfte. Sie sah süß und unschuldig aus, und es schien kaum vorstellbar, dass das dieselbe Frau sein sollte, die noch vor Kurzem in meinen Armen gestöhnt, geschrien und schließlich wie ein Vogel gesungen hatte.

So unschuldig sie auch aussah, ihr Anblick erregte mich trotzdem. Ich überlegte, ob ich sie wecken sollte, ließ es dann aber bleiben. Stattdessen deckte ich sie sanft zu, nahm meinen Bademantel vom Bettpfosten, ging zurück in die Küche und schenkte mir ein weiteres Glas Wasser ein. Ich setzte mich hin und starrte aus dem Fenster. Die Vorhänge waren nicht zugezogen, und so konnte ich im Mondschein das Feld sehen, auf dem Leonard und ich Tontauben geschossen hatten, und dahinter die Pinien, die jetzt wie die Silhouette einer fernen Bergkette wirkten.

Ich saß da, trank mein Wasser und dachte nach – über Trudy, über die 60er Jahre und das, was Leonard gesagt hatte –, und mir wurde klar, dass er völlig recht hatte. Das letzte Mal, als sie bei mir aufgekreuzt war, nur um mich kurz darauf wieder zu verlassen, war ich auf eine so exzessive Sauftour gegangen, dass sich selbst die Penner bei der Mission unten am Highway für mich geschämt hatten. Genau dort hatte Leonard mich aufgelesen – drei Monate später. Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, wie ich an das Geld für den Alkohol gekommen war oder wie viel ich getrunken, geschweige denn dass ich überhaupt damit angefangen hatte.

Damals hatte ich mir geschworen, abstinent zu bleiben. Trudy-abstinent, nicht Alkohol-abstinent. Aber jetzt war sie wieder da, in meinem Haus, in meinem Bett, und wenn ich über sie nachdachte, dachte ich wieder nicht die richtigen Sachen, und ich musste mir eingestehen, dass ich rückfällig geworden war.

Bevor zwischen uns alles schiefgelaufen war – und ich hatte immer noch keine Ahnung, wann und warum das eigentlich genau passiert war –, war unsere Beziehung wie ein wunderschöner Traum gewesen. Und manchmal kam mir der Verdacht, dass sie nie mehr als das gewesen war: ein wunderschöner Traum.

Wir hatten uns an der LaBorde Universität kennengelernt. Ich hatte erst spät angefangen zu studieren, weil ich kein Geld hatte und es mir erst in der Eisengießerei verdienen musste. Es war ein heißer und grauenhafter Job. Ich musste die ganze Zeit mit Schutzhelm herumlaufen, um mich herum stoben permanent Funken, und unaufhörlich verfolgte mich das Scheppern der Stahlrohre.

Aber ich verdiente gut und dachte mir, damit finanziere ich das College, schaffe irgendeinen Abschluss, und später verdiene ich meinen Lebensunterhalt mal leichter als mein Vater. So sollte ein Stückchen vom amerikanischen Traum für mich Realität werden.

Schon bald wurde ich ein eifriger Student, aber nicht aus Karrieregründen. Bis dahin hatte ich mich vor allem für Kampfsportarten, die Sportseite der Zeitung und die bunt bebilderten Artikel in der Fernsehzeitschrift interessiert. Aber die Bücher und Vorlesungen eröffneten mir eine völlig neue Welt. Es gab mehr im Leben als ein Bier mit den Kumpeln, eine goldene Uhr und eine sichere Pension. Es waren die 60er Jahre. Love and Peace. Soziale Umwälzungen. Gegensätze, die Hand in Hand gingen. Frauenrechte. Bürgerrechte. Der Vietnamkrieg. Ich fing an zu glauben, ich könnte etwas bewegen, den Unterprivilegierten helfen. Ich sattelte von Betriebswirtschaft auf Soziologie um, ging zu Antikriegs-Meetings, sang ein paar Folksongs, sammelte Beatles-Alben und ließ mir die Haare wachsen.

Bei einem der Meetings in einer Unitarier-Kirche lernte ich Trudy kennen. Über eine Menge von langen, glatten Haaren und Afrofrisuren hinweg sah ich sie am anderen Ende des Raums, wo sie sich mit einem birnenförmigen Mädchen in geblümtem Kleid mit über den Boden schleifendem Glockenrock unterhielt.

Mein Gott, war Trudy schön! Unglaublich jung und das perfekte Modell für Eva. Ihr langes goldenes Haar kräuselte sich bis hinunter zur Taille, und ihre Augen waren von einem schier übernatürlich hellen Grün. Silberne Pailletten baumelten von ihren Ohren herab. Sie trug eine bauchfreie Bluse, einen Jeans-Minirock und hölzerne Clogs. Zwischen Bluse und Hüfte sah man ihren flachen braunen Bauch und unter dem Minirock ein paar Beine, wie Gott sie auch seiner eigenen Frau gegeben hätte.

Ich ging durch den Raum, wobei ich es gerade so schaffte, nicht zu rennen, und stellte mich vor. Wir redeten beide hemmungslos drauflos, das meiste nur dummes Gestammel, ein wenig auch über den Krieg.

Schon bald lagen wir uns in den Armen und verließen das Meeting. Wir wohnten damals beide im Studentenwohnheim, und die Wohnheimmütter duldeten absolut keinen Sex. Also fuhren wir zu einem Parkplatz, der unser Zufluchtsort werden sollte, und dort taten wir, was wir schon vom ersten Augenblick an hatten tun wollen. Mich wundert noch heute, dass die Funken, die auf dem mit Pinien bestandenen Hügel zwischen uns flogen, keinen Waldbrand entfachten. Die Stoßdämpfer meines alten Chevys mussten jedenfalls einiges aushalten.

Wir trafen uns öfter, und unsere Beziehung wurde besser und intensiver. Und in jener Nacht, an die ich am liebsten zurückdenke, damals, als sie das gestreifte Outfit trug, beschlossen wir, eine Wohnung zu mieten und zusammenzuziehen.

Wir legten unser Geld zusammen und mieteten ein kleines Apartment in einem der heruntergekommenen Viertel der Stadt, und dort wohnten wir die nächsten zwei Monate. Wir verstanden uns von Tag zu Tag besser und beschlossen zu heiraten. Es war eine schlichte Hochzeit mit vielen Blumen und vielen barfüßigen Gästen und einer Priesterin, die jünger war als Trudy.

Ach Gott, das waren irre Zeiten damals. Wenn du sie nicht miterlebt hast, aber jemanden kennst, der dabei war, sie so richtig gelebt hat – wenn du den spät am Abend, vielleicht nach ein, zwei Bier oder wenn die Kinder alle im Bett sind, fragst: Hey, wie war das eigentlich wirklich in den 60er Jahren?, dann kann es gut sein, dass die Antwort lautet: Das war eine magische Zeit. Oder: Es war einzigartig.

Eine Zeit lang schien es wirklich so. Liebe und Frieden schienen mehr als nur Worte zu sein. Wir glaubten, jeder könne in einer Welt gegenseitigen Respekts, langer Haare und friedlichen Miteinanders leben. Es schien, als hätte sich der Himmel geöffnet, und Gott hätte uns einen Lichtstrahl gesandt, in dessen Glanz die wundervollsten Dinge passierten. Ein Beispiel dafür war der Zwischenfall mit dem Spatz am Abend nach unserer Hochzeit.

Wir kündigten das Apartment und mieteten ein kleines Haus am Stadtrand. Es machte nicht viel her. Die Decke im Wohnzimmer war zu niedrig, und die Leitungen quietschten wie Riesenmäuse.

Trudy knipste das Licht auf der hinteren Veranda an und ging hinaus, um ein paar Kartoffelschalen auf den Kompost zu werfen. Auf der Veranda saß ein Spatz. Er ließ die Flügel hängen und war zu schwach zum Fliegen. Sie rief nach mir, und ich sah ihn mir an. Es war ein Jungvogel, und soweit ich das feststellen konnte, war er nicht verletzt. Aber er wirkte krank.

Widerstrebend hob ich den Vogel hoch und trug ihn ins Haus. Ich hatte mal gehört, dass Vögel einen anderen Vogel, der Menschengeruch an sich hat, zu Tode hacken. Ich kramte eine alte Schuhschachtel hervor, zerriss ein paar Zeitungsseiten, legte sie auf den Boden der Schachtel und den Vogel obendrauf. Dann holte ich eine Pipette und flößte dem Vogel kalte Rinderbouillon ein.

Ab da lief es jeden Tag so. Morgens gleich als Erstes und dann wieder zwischen den Seminaren bekam der Vogel Bouillon und frisches Zeitungspapier. Abends standen wir über seine Schachtel gebeugt da und gurrten wie Eltern, die sich um ihr krankes Kind sorgen.

Ungefähr zu dieser Zeit fing ich an, stundenweise in einem Restaurant in LaBorde zu arbeiten. Von dort brachte ich Essensreste mit nach Hause, in der Hoffnung, sie würden dem Vogel schmecken. Am Anfang weigerte er sich zu fressen, aber schließlich fraß er sie mir aus der Hand. Nudeln wurden seine Lieblingsspeise. Vielleicht, weil sie eine gewisse Ähnlichkeit mit Würmern hatten.

Der Vogel wurde kräftiger und fing an, im Haus herumzufliegen. Selbst wenn wir die Türen und Fenster offen ließen, flog er nicht nach draußen. Er liebte das Haus, und er liebte uns. Er ließ sich gern auf einer Schulter oder einer Handfläche nieder. Er tschilpte viel, also nannten wir ihn Tschilp. Unruhig wurde er nur, wenn wir mal nichts Schwarzes anhatten. In der Nacht, als wir ihn fanden, trug ich ein schwarzes T-Shirt und Trudy ein schwarzes Bauernkleid, und ich nehme an, er hatte eine emotionale Bindung zu dieser Farbe entwickelt.

Wir waren so begeistert von unserem Vogel, dass wir alles Schwarz färbten. Und wenn wir mal neue Kleidung kauften, dann nur in Schwarz. So war Tschilp immer glücklich.

Damals lag eine Magie in der Luft, die intensiver war als Radiowellen, und um Trudy und mich herum schien sie besonders intensiv zu sein. Damals dachten wir, es würde ewig so weitergehen.

Aber auch im makellosesten Apfel kann sich ein Wurm verbergen.

Einige Wochen nach unserer Heirat begann das Jahr 1970, und der Vietnamkrieg tobte unvermindert weiter. Viele waren vom relativ harmlosen Marihuana auf Pillen und Nadeln mit allem denkbaren Scheiß drin umgestiegen. Woodstocks einzigartige, wenn auch zugegebenermaßen kitschige Schönheit stand Seite an Seite mit der sinnlosen Tragödie an der Kent State University.

Unser Vogel flog weiterhin im Haus herum, aber die Magie der 60er war erloschen. Allmählich wurde uns bewusst, dass sie vielleicht nie existiert hatte. Wir hatten einen flüchtigen Blick auf ein paar abgegriffene Karten im Ärmel des Zauberers erhascht, und mit jedem Tag wurde der Eindruck, den die Vorstellung hinterlassen hatte, schwächer.

Die 60er waren vorbei. Vielleicht hatte es sie nie gegeben.

Ich begann mich schuldig zu fühlen, weil ich mich mit meinem Studium vor der Gefahr der Einberufung drückte, obwohl doch so viele in Vietnam ums Leben kamen. Zu fordern, dass jeder in Frieden leben und den anderen lieben sollte, schien nicht mehr genug. Ich wollte ein Zeichen gegen den Krieg setzen, und dabei wollte ich mich nicht hinter einer Rückstellung verstecken. Ich war einer von denen, die glaubten, unser ursprüngliches Engagement in Vietnam sei gerechtfertigt gewesen, dass es sich aber zu einem politischen Albtraum entwickelt hatte. Die Regierung, die wir verteidigten, unterschied sich trotz ihrer Behauptung, sie sei demokratisch, offensichtlich kaum von der, die wir bekämpften. Unser Engagement dort war genauso ziellos wie der Fliegende Holländer. Wir eroberten einen Hügel, wir verloren einen Hügel. Die Zahl der getöteten Amerikaner stieg kontinuierlich. Ich hatte den Eindruck, wir hätten rechtzeitig Schadensbegrenzung betreiben sollen.

Ich sprach lange und ausführlich mit Trudy. Sie liebte solche Gespräche. Edles Rittertum. Sie war völlig aus dem Häuschen. Mit ihrem Segen verließ ich die Uni und setzte mich damit der Möglichkeit aus, eingezogen zu werden. Sollte es tatsächlich so weit kommen, würde ich mich weigern zu kämpfen und stattdessen ins Gefängnis gehen. Das war das Zeichen, das ich setzen wollte.

Das Ganze war ein Lotteriespiel. Schon nach kurzer Zeit bekam ich meinen Musterungsbescheid. Ich war enttäuscht, dass er nicht mit »Glückwunsch!« begann. Ich hatte immer gehört, das würde draufstehen.

Ich fuhr nach Dallas zur Musterung, wurde für tauglich erklärt, bekam den Einberufungsbefehl und weigerte mich, ihm zu folgen. Die Armee versuchte, mir Auswege aufzuzeigen, das muss ich ihnen lassen. Ein Offizier schlug sogar vor, ich solle mich nach Kanada absetzen. Der Krieg hatte sogar ihn die Lust verlieren lassen, und er war immerhin Berufssoldat.

Aber ich weigerte mich davonzulaufen.

Sie schlugen mir vor, ich solle mich als Kriegsdienstverweigerer anerkennen lassen, aber auch das lehnte ich ab. Als Kriegsdienstverweigerer musste man jede Art Gewalt, auch die zur Selbstverteidigung, ablehnen. Das entsprach nicht meiner Überzeugung. Hätte ich während des Ersten oder Zweiten Weltkriegs gelebt, wäre ich dabei gewesen und hätte meine Pflicht getan. Damals ging es um eine gerechte Sache und ein sinnvolles Ziel. Ich war idealistisch, nicht feige.

Also kam ich nach Leavenworth. Trudy und einige ihrer Freunde kamen mich von Zeit zu Zeit besuchen, sagten »Weiter so« und wie tapfer ich sei, und es tat gut, das zu hören. Außerdem schrieben sie mir nette Briefe. Aber das gute Gefühl hielt nicht an. Und es half mir auch nicht, wenn ich nachts die anderen Insassen schnarchen und keuchen und schreien und furzen und sich gegenseitig vergewaltigen hörte. Und ein paar der Typen da drin, die ihre Großmutter zu Tode geprügelt hatten, hielten es für ihre patriotische Pflicht, mich umzubringen, weil ich mich weigerte, Schlitzaugen umzubringen. Wäre ich nicht ein ziemlich kräftiger Bursche vom Land mit in der Eisengießerei gestählten Muskeln gewesen, ich hätte vielleicht nicht überlebt.

Trudy besuchte mich weiterhin, aber die Freunde blieben nach und nach aus. Sie schrieb mir, aber von den Freunden kam nichts mehr. Sie schickte mir Zeitungsausschnitte, damit ich mitbekam, was draußen passierte, für was gerade gekämpft wurde und wie viel Erfolg oder Misserfolg sie dabei hatten.

Dann wurden ihre Besuche seltener und hörten schließlich ganz auf. Im vorletzten Brief, den ich von ihr bekam, schwadronierte sie, wie tapfer ich sei, und verglich mich mit einigen Helden der Gegenkultur. Außerdem schrieb sie, dass Tschilp gestorben sei und sie ihn in einer Maisbreidose hinterm Haus begraben habe, und dass sie einen Mann namens Pete kennengelernt habe, einen der führenden Köpfe der Ökologiebewegung, und dass sie sich auf eine Beziehung mit ihm eingelassen habe. Im letzten Brief schrieb sie, dass die Beziehung zwischen Pete und ihr immer intensiver geworden sei und sie die Scheidung einreichen wolle. Es sei nichts Persönliches. Unterschrieben war er wie alle vorherigen: In Liebe, Trudy.

Ich saß meine Strafe ab, achtzehn Monate insgesamt. Den Tag meiner Entlassung hatte ich mir schon lange Zeit ausgemalt: ein schöner, warmer Tag, ich verlasse das Gefängnis mit erhobener Faust, und draußen wartet Trudy, süß und sexy in einem kurzen Kleid, das der Wind leicht hochweht, sodass ich ihre langen braunen Beine bewundern kann. Und dann, zu sanfter aber triumphierender Musik, rennt sie mit diesen göttlichen Beinen auf mich zu und gibt mir einen Kuss, den ich bis in die Zehenspitzen spüre. Dann packt sie mich ins Auto und fährt mit mir davon.

Aber als ich rauskam, war es kalt und regnerisch. Ich musste den Wärter bitten, jemanden anzurufen, der mich zum Busbahnhof fuhr. Nachdem ich den Fahrer und die Busfahrkarte bezahlt hatte, war das Geld, das ich bei meiner Inhaftierung besaß, und das Geld, das mir der Staat für meine eintönige Arbeit im Knast gezahlt hatte, so gut wie weg. Ich brauche wohl kaum zu erwähnen, dass mir der Sinn nicht nach gereckter Faust stand.

Zurück in Osttexas stellte ich fest, dass ich keine Lust mehr hatte, den Unterprivilegierten zu helfen. Inzwischen war ich selbst einer. Ich fand Arbeit auf den Rosenfeldern in der Gegend von LaBorde, und dort lernte ich Leonard kennen. Er war Vietnamveteran und knallharter Realist. Viele meiner Ansichten behagten ihm ganz und gar nicht, aber er nahm sie mir auch nicht übel. In mir hatte er jemanden gefunden, mit dem er diskutieren konnte. Er war Kampfsportler: Boxen, Kenpo, Hapkido, und so begann auch ich mich wieder dafür zu interessieren. Damals in der Highschool und bis zu dem Zeitpunkt, als ich Trudy kennenlernte, hatte ich regelmäßig trainiert. Vermutlich hörte ich damit auf, weil es mir nicht mehr zu meinem neuen Love-and-Peace-Image zu passen schien, oder irgendetwas in der Art. Jedenfalls hatte ich ziemlich lange nichts gemacht. Ich war froh, wieder damit anzufangen. Ich wurde besser als je zuvor. Und es half mir, meinen Frust loszuwerden.

Einige Zeit später fing Trudy an, mich zu besuchen, und jedes Mal, wenn sie mich verließ, war ich ein noch schlimmeres Wrack als beim letzten Mal. Sie versprach mir den Himmel auf Erden, dann ließ sie mich von einem Tag auf den anderen sitzen. Und immer wegen eines Mannes, der in irgendeiner Bewegung ein großes Tier war. Egal ob er Salatpflücker unterstützte oder Robben vor Baseballschlägern schützte.

Jedes Mal, wenn sie mich verließ, sagte ich Leonard, ich sei jetzt endgültig mit ihr fertig. Und jedes Mal war es gelogen. Aber nach dem letzten Mal, nach der großen Sauftour, hatte ich es wirklich selbst geglaubt.

Und jetzt war sie wieder da.

All das ging mir im Kopf herum, als sie splitternackt hereinkam, mir die Arme um den Hals legte und sich herunterbeugte, um mir einen Kuss aufs Ohr zu geben. Sie verströmte den Geruch von frischer Minzseife und Sex. Ich streichelte ihre Hand, die sie auf meine Brust gelegt hatte.

»Ich bin wach geworden, und du warst nicht da«, sagte sie.

»Ich war durstig.«

»Und ich bin geil. Komm zurück ins Bett.«

Ich nahm sie in den Arm und küsste sie. Sie bibberte vor Kälte. Ich öffnete meinen Bademantel, wickelte uns beide so gut wie möglich darin ein und hielt sie ganz fest an mich gepresst. Ihre Finger glitten über meine Hüften und meinen Hintern und schließlich nach vorn, um mich fest in die Hand zu nehmen.

»Du bist ganz schön gnadenlos«, sagte ich, »mit einem alten Mann so umzuspringen.«

»Du fühlst dich überhaupt nicht alt an, mein Süßer.«

Wir gingen wieder ins Bett, aber diesmal lachte sie nicht auf diese Art, die ich so liebte. Als wir fertig waren, lag sie einfach still da. Schließlich stand sie behutsam auf, hob ihre Unterhose auf und zog sie an. Ich mochte das nicht, mir gefiel ihr Anblick. Dieses flaumbedeckte Dreieck unter einer Unterhose zu verbergen war genauso scheußlich, als würde man der Mona Lisa ein nasses Badetuch übers Gesicht hängen. »Es ist kalt«, sagte ich, »komm wieder ins Bett.«

»Hap, ich war nicht ganz ehrlich zu dir.«

»Das ist ja ganz was Neues. Aber du brauchst kein allzu schlechtes Gewissen zu haben. So viel Zeit zum Lügen war ja noch nicht.«

Sie ging zum Fenster, drehte mir den Rücken zu, verschränkte die Arme und starrte hinaus. Langsam drehte sie sich um, die Arme über ihren Brüsten verschränkt. »Du klingst ganz schön nachtragend.«

»Vermutlich habe ich schon wieder angefangen, mir was vorzumachen. Aber du hast mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.«

»Es war immer schön mit uns, nicht wahr, Hap? Der Sex, meine ich.«

»Eine Zeit lang sogar mehr als der Sex.«

Sie hob meinen Bademantel vom Boden auf, wo ich ihn hatte fallenlassen, und zog ihn an. Sie setzte sich im Schneidersitz aufs Bett und sah mich an.

»Hap, ich brauche deine Hilfe.«

»Ich bin total pleite. Ich hab vielleicht fünfzig Dollar, das ist alles. Plus fünfzig Cent Kleingeld.«

»Ich bin nicht wegen Geld hier.«

»Aber irgendwas willst du ja immer. Nur keine Beziehung mit mir.«

»Ich will nicht mir dir streiten. Ich brauche deine Hilfe. Ich weiß nicht, wen ich sonst fragen soll.«

»Vielleicht wüsste ich jemanden.«

»Ich möchte aber, dass du mir hilfst, denn diesmal wirst du auch was davon haben. Dieses Mal wird dich für all die anderen Male entschädigen.«

»Es gibt nichts, was mich für die anderen Male entschädigen könnte.«

»Dies könnte einer Entschädigung aber ziemlich nah kommen.« Sie legte mir die Hand auf die Schulter. »Hap, mein Schatz, wie würden dir leicht verdiente zweihunderttausend Dollar gefallen? Steuerfrei.«

Kapitel 3

Am nächsten Morgen stand ich früh auf, und während Trudy noch schlief, knatterte ich mit meinem alten grünen Dodge Pick-up rüber zu Leonard. Sein Haus lag etwa fünf Meilen entfernt an derselben Schotterstraße wie meines.

Ich parkte direkt davor, stieg aus, atmete die kalte Morgenluft ein und ging zur Vordertür. Sie war verschlossen. Ich holte den Schlüssel aus dem Versteck unter der Veranda und sperrte auf. Das Feuer im Kamin brannte, wenn auch nur noch schwach, und im Haus roch es nach Kaffee. Meiner Nase folgend ging ich in die Küche, wo ich die Kaffeekanne fand und mir eine Tasse einschenkte. Ich rief nach Leonard, bekam aber keine Antwort.

Ich schaute nach, wie weit er mit seiner Arbeit gekommen war. Er baute sich gerade eine neue Spüle, nachdem die alte von Termiten zerfressen worden war. Er hatte Regalbretter gesägt und aufgestapelt, daneben lag ein Hammer, eine Tüte mit kleinen Nägeln für die Verkleidung und eine Tüte mit längeren Nägeln für das Wandregal. Er arbeitete immer mal wieder ein paar Stunden daran, und wie bei allen handwerklichen Sachen leistete er auch hier großartige Arbeit. Ich dagegen konnte mir ohne Gebrauchsanweisung nicht mal ein Kondom überziehen, und selbst dann saß es vermutlich noch verkehrt herum.