WILDWORLD – Das Herz der Tapferkeit - Lisa J. Smith - E-Book

WILDWORLD – Das Herz der Tapferkeit E-Book

Lisa J. Smith

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7,99 €

Beschreibung

Eineinhalb Jahre nach ihrem Wildworld-Abenteuer erschüttert ein dramatisches Beben die Erde – und sofort wissen die Hodges-Bradley-Geschwister, wer dahintersteckt: Thia Pendriel, die skrupellose Erzfeindin von Morgana Shee. Um die Geschwister nicht in Gefahr zu bringen, will Morgana ihre Rivalin im Alleingang zur Strecke bringen. Doch Claudia, Alys, Charles und Janie wissen bereits zu viel über Magie, Mythen und das Böse, um tatenlos dabei zuzusehen – und stürzen sich in ein neues, gefährliches Abenteuer ...

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Seitenzahl: 303

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© privat

DIEAUTORIN

Lisa J. Smith hat schon früh mit dem Schreiben begonnen. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie noch während ihres Studiums. Sie lebt mit einem Hund, einer Katze und ungefähr 10000 Büchern im Norden Kaliforniens.

Weitere lieferbare Titel von Lisa J. Smith bei cbt:

Die Tagebuch eines Vampirs-Serie

Im Zwielicht (Band 1, 30497)

Bei Dämmerung (Band 2, 30498)

In der Dunkelheit (Band 3, 30499)

In der Schattenwelt (Band 4, 30500)

Rückkehr bei Nacht (Band 5, 30664)

Seelen der Finsternis (Band 6, 30703)

Schwarze Mitternacht (Band 7, 38012)

Jagd im Abendrot (Band 8, 38016)

Jagd im Mondlicht (Band 9, 38027)

Jagd im Morgengrauen (Band 10, 38028)

Dunkle Ewigkeit (Band 11, 38047)

The Vampire Diaries – Stefan’s Diaries

Am Anfang der Ewigkeit (Band 1, 38017)

Nur ein Tropfen Blut (Band 2, 38025)

Rache ist nicht genug (Band 3, 38031)

Nebel der Vergangenheit (Band 4, 38032)

Die Night World-Reihe

Engel der Verdammnis (30633)

Prinz des Schattenreichs (30634)

Jägerin der Dunkelheit (30635)

Retter der Nacht (30712)

Gefährten des Zwielichts (30713)

Töchter der Finsternis (30714)

Schwestern der Dunkelheit (38013)

Kriegerin der Nacht (38015)

Der Magische Zirkel

Die Ankunft (Band 1, 30660)

Der Verrat (Band 2, 30661)

Die Erlösung (Band 3, 30662)

Der Abgrund (Band 4, 38041)

Die Hexenjagd (Band 5, 38042)

Visionen der Nacht

Die dunkle Gabe (Band 1, 38000)

Der geheime Bund (Band 2, 38001)

Der tödliche Bann (Band 3, 38002)

Das Dunkle Spiel

Die Gejagte (Band 1, 38022)

Die Beute (Band 2,38021)

Die Entscheidung (Band 3, 38023)

Kinder- und Jugendbuchverlag in der Verlagsgruppe Random House

1. Auflage

Deutsche Erstausgabe September 2014

© 1990 by L. J. Smith

Die amerikanische Originalausgabe erschien

unter dem Titel »Heart of Valor« bei

Macmillan Publishing Company.

© 2014 der deutschsprachigen Ausgabe by cbt Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Übersetzung: Michaela Link

Lektorat: Kerstin Weber

Umschlaggestaltung: © Birgit Gitschier, Augsburg

Cover designed by Karin Paprocki, Cover illustration

copyright © 2010 by Larry Rostant

he ∙ Herstellung: kw

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-13936-0

www.cbt-buecher.de

Für meine Eltern, deren Liebe, Unterstützung und Vorbild mir geholfen haben, meine Träume zu finden

Kapitel 1

CLAUDIASCHICKTEINENBRIEF …

Claudia Hodges-Bradley zwirbelte eine Strähne ihres Haares um einen Finger, runzelte mächtig die Stirn und versuchte, sich auf Mrs Andersons Besprechung der Aufgaben dieser Woche zu konzentrieren. Heute stand ein Rechtschreibtest an und Claudia bekam von Mrs Andersons Rechtschreibtests immer Magenkrämpfe. Sie wusste, dass sie aufpassen sollte … aber sie lauschte viel lieber auf die Vögel.

Nicht dass die Vögel viel zu sagen gehabt hätten. Oft saßen sie stundenlang einfach nur da und kreischten: »Ich bin ein Blauhäher! Das hier ist mein Baum! Das hier ist mein Baum!« Sie waren also nicht wahnsinnig interessant, nur eben viel interessanter als der Unterricht von Mrs Anderson.

Da traf sie der stählerne Blick der Lehrerin. Claudia zuckte schuldbewusst zusammen und hörte augenblicklich auf, ihr Haar zu zwirbeln. Mrs Anderson missbilligte Haarezwirbeln ebenso wie Bleistiftknabbern und Nägelkauen – all das, was Claudia in diesem Jahr viel häufiger zu tun schien als je zuvor. Claudia war ein ernstes Kind, dessen blaue Augen auf Klassenfotos immer ein wenig ängstlich wirkten. Seit diesem Jahr wirkten sie nicht nur auf Klassenfotos ängstlich, sondern auch in ihrem Spiegelbild.

Da sie ihr Haar jetzt nicht mehr zwirbeln konnte, legte sie eine Hand auf die Brust, um den tröstlichen Gegenstand unter ihrer Bluse zu spüren. Er war ihr so vertraut, dass sie ihn mit den Fingern sehen konnte: Der breite silberne Halbmond, an dem drei Steine hingen, Sardonyx, schwarzer Opal und Blutstein. Auf jedem dieser Steine war mit spindeldürrer Handschrift etwas in der Sprache der Wildworld geschrieben. Claudia konnte keines der Symbole auf den Steinen entziffern, aber sie wusste nur zu gut, was der Zauber bewirkte. Er befähigte sie, mit Tieren zu sprechen.

Oder vielleicht besser gesagt, sich zu verständigen, denn die Sprache der Tiere bestand ebenso aus Körperbewegungen – der Neigung eines Kopfes, dem Schnippen eines Flügels, dem Zucken eines Schwanzes – wie aus bloßen Lauten. Es sei denn, die Botschaft sollte über weite Entfernungen gehört und verstanden werden, wie beim Regenpfeifer, der jeden davor warnte, in die Nähe seines Nestes zu kommen …

Claudia sog scharf den Atem ein. Erst in diesem Moment begriff sie, dass der Regenpfeifer schon seit mehreren Minuten etwas ganz anderes gerufen hatte. Automatisch hob sie die Hand, um es Mrs Anderson zu erzählen, riss sie dann jedoch hastig wieder herunter. Die Lehrerin würde sie für komplett verrückt halten. Besser, sie wartete einfach ab. Schließlich konnte Mrs Anderson nichts daran ändern. Und vielleicht – bei diesem Gedanken hellte Claudias Miene sich beträchtlich auf – würde es dann gar nicht zu dem Rechtschreibtest am Nachmittag kommen.

Doch dann stockte ihr der Atem und ihr Herz unter dem silbernen Amulett begann heftig zu hämmern. Denn es war die letzte Woche im April, und die Konservendosen-Sammelaktion war fast vorüber und Mrs Andersons Klasse würde gewinnen. Der Turm, den sie aus – nach heutigem Stand – zweihundertsechsundvierzig Konservendosen gebaut hatten, lehnte in symmetrischer Pracht an der Wand des Klassenzimmers.

Ohne den Kopf zu drehen, konnte Claudia den Turm gerade eben aus dem Augenwinkel erkennen. Remmy Garcia saß etwa einen halben Meter davon entfernt. Claudia mochte Remmy. Er hielt zu Hause weiße Ratten. Beth Anne dagegen, die neben ihm saß, mochte weiße Ratten nicht so gern, aber wie Claudias Schwester Alys sagen würde, darum ging es jetzt nicht.

»Clau-di-a!«

Claudia fuhr zusammen. Sie hatte sich nämlich doch auf ihrem Platz umgedreht, um die Dosen zu betrachten, und richtete jetzt einen gequälten Blick auf Mrs Anderson.

»Claudia, wenn du deinen kleinen Freund anstarren willst, hast du in der Pause genug Zeit dafür – allerdings hast du gerade fünf Minuten deiner Pause verloren. Haben wir uns verstanden?«

Claudia hörte das Gekicher ihrer Mitschüler kaum. Sie musste etwas tun, um das Kommende zu verhindern, aber sie hatte nicht den leisesten Schimmer, was das sein sollte. Selbst Alys, die in der Unterstufe der Highschool war und fast alles in Ordnung bringen konnte, wäre hier machtlos. Trotzdem, sie verspürte den starken Drang, es Alys zu erzählen … nein. Nicht Alys. Janie.

Janie würde vielleicht helfen können. Janie tat neuerdings alle möglichen seltsamen Dinge. Die meisten davon hatten nicht den geringsten Nutzen, aber ein paar waren durchaus brauchbar. Fieberhaft stöberte Claudia in ihrem Pult nach Papier und Bleistift. Sie würde Janie einen Brief schreiben.

»Clau-di-a! Claudia Hodges-Bradley!« Claudia ließ den Bleistift fallen. Mrs Anderson starrte sie an, als könne sie ihren Augen nicht trauen.

»Claudia, wenn du einfach nur aufpassen würdest, wäre die Schule nicht so schwer für dich. Jetzt hast du zehn Minuten deiner Pause verloren.«

Als die Lehrerin sich wieder der Tafel zuwandte, griff Claudia erneut verstohlen nach dem Bleistift. Sie würde sehr vorsichtig sein müssen, denn wenn sie die letzten fünf Minuten Pause auch noch verlor, hätte sie keine Möglichkeit, den Brief abzuschicken. Sie schrieb, ohne den Blick von Mrs Andersons Rücken abzuwenden, und spähte nur ab und an auf das Papier. Selbst unter normalen Umständen, wenn sie nicht aus dem Häuschen war, war Schreiben harte Arbeit für Claudia und richtig zu schreiben eine geradezu hoffnungslose Aufgabe. Die Buchstaben schienen ein eigenes Leben zu führen und sprangen einfach in die Worte hinein und wieder heraus oder stellten sich völlig auf den Kopf. Nachdem der Brief fertig war, musterte sie ihn zweifelnd. Sie war sich fast sicher, dass sie Thurm falsch buchstabiert hatte. Aber Janie ist sehr klug, sagte sie sich tröstend. Janie würde ihn verstehen.

Der Pausengong ertönte. Zehn Minuten lang saß Claudia unter dem unfreundlichen Blick von Mrs Anderson einfach nur da und gab sich alle Mühe, nicht ihr Haar zu zwirbeln.

Endlich entlassen, stürzte sie hinaus und musterte sofort den Rand des Pausenhofs. Es gab eine Menge Hunde in Villa Park und für gewöhnlich konnte man ein oder zwei davon auf der anderen Seite des Maschendrahtzauns herumtollen sehen. Ja – da war einer! Aber viel zu weit weg, hinter dem Teil des Pausenhofs, der für die größeren Kinder bestimmt war.

Als Drittklässlerin durfte Claudia dort nicht hin. Sie wusste nicht, was passieren würde, wenn man sie dort erwischte – wahrscheinlich würde sie vom Unterricht ausgeschlossen wie Tony Stowers, der einem anderen kleinen Jungen eine Tüte Murmeln auf den Kopf geschlagen hatte. Wahrscheinlich würde sie zum Direktor geschickt. Sie warf einen raschen Blick zu dem Lehrer hinüber, der Pausenaufsicht hatte, sah, dass er in die andere Richtung schaute, und schlich davon.

Sie kam sich wie auf dem Präsentierteller vor, als sei sie das einzige Kind auf einer endlosen Betreten-verboten!-Grasfläche. Als sie den Zaun erreichte, hockte sie sich hin und machte sich so klein wie möglich. Sie pfiff. Der Hund, eine Art Setter-Spaniel-Mix mit Ohren, die ein wenig an einen Airedale-Terrier erinnerten, hörte auf, sich zu kratzen, und wirkte etwas überrascht. Doch schon im nächsten Moment kam er herbeigetrabt und wedelte so heftig mit dem Schwanz, dass sein ganzer Körper wackelte, während er ein kurzes, scharfes Gebell ausstieß, um ihr zu sagen, wie erpicht er darauf war, alles zu tun, was sie von ihm wollte, wie stolz er darauf war, auserwählt worden zu sein, wie mutig er versuchen würde, die Aufgabe zu vollbringen, wie …

»Sei still«, sagte Claudia verzweifelt. Der Hund jaulte und legte den Kopf auf die Pfoten. »Du musst mir helfen. Weißt du, wer ich bin?«

Der Setter-Spaniel-Mischling verdrehte ausdrucksvoll seine Schokoladendrops-Augen. Alle Hunde wussten, wer Claudia war!

»Na gut. Also, ich habe eine Schwester – ich meine nicht meine größte Schwester, Alys, sondern die andere, Janie. Sie geht auf die Junior-Highschool – die große Schule auf der anderen Straßenseite. Kennst du die?«

Der Setter-Spaniel kannte sie bestens. Pizza in den Abfalleimern der Cafeteria, Ratten unter den Kellerschächten und Erdhörnchen auf dem Feld. Ein herrlicher Ort.

»Okay, du musst dort hingehen, Janie suchen und ihr diesen Brief geben. Janie ist …« Claudia brach ab, denn Janie so zu beschreiben, dass der Setter-Spaniel es verstehen würde, war schwieriger als gedacht.

Der Hund sprang auf, bellte einmal und zappelte entzückt. Er wusste auch, wer Janie war. Sie warf die Hälfte ihres Mittagessens weg und roch nach Magie. Ein Welpenspiel, sie zu finden.

»Oh, danke!«, sagte Claudia erleichtert, schob die Hand durch eine Raute des Maschendrahts und berührte seine feuchte Nase. Dann faltete sie den Brief vorsichtig zusammen und steckte ihn hindurch.

»Jetzt lauf! Bitte beeil dich.« Der Hund marschierte brav davon, den Brief zwischen den Zähnen, den Schwanz hoch erhoben. Der Stolz auf seinen Auftrag zeigte sich in jeder Faser seines Körpers. Dann gongte es wieder. Die Pause war vorüber.

Und Claudia befand sich inmitten eines Ozeans aus Gras, weit entfernt von dem Platz, an den sie hingehörte. Ihre einzige Hoffnung, rechtzeitig wieder zurück in ihre Klasse zu gelangen, bestand darin, den Weg durch das Innere der Schule zu nehmen und sich an den Klassenzimmern der älteren Kinder vorbeizuschleichen.

Doch ihr Plan hatte einen Haken. Ein Maschendrahttor trennte die Gebäudeflügel von Unter- und Mittelstufe. Es war zwar nicht verschlossen, aber Claudia wusste, dass sie niemals den Mut aufbringen würde, es zu berühren, geschweige denn zu öffnen. Außerdem stand ein Lehrer auf der anderen Seite – ihr Lehrer aus dem vorletzten Jahr, Mr Pigeon.

Mr Pigeon war ein netter Lehrer gewesen. Er hatte ihren Namen niemals zu einem verärgerten »Clo-di-a!« ausgedehnt oder ihr gesagt, ihre Schrift sehe aus wie der Abdruck von Hühnerkrallen oder ihre Grundeinstellung sei einfach schrecklich. Stattdessen war sein Klassenmotto gewesen: »Alle für einen, einer für alle.« Bei der Erinnerung daran schniefte Claudia betrübt, dann drehte sie sich um und ging in die andere Richtung.

In diesem Moment wurde Mr Pigeon auf sie aufmerksam.

»Claudia, was …?« Aber statt seine Frage auszuführen, sah er ihr forschend ins Gesicht. Dann legte er den Zeigefinger an die Lippen, öffnete das Tor und winkte sie hindurch.

»Alle für einen …«, flüsterte er, als sie ihn sprachlos vor Dankbarkeit ansah. »Du solltest dich besser beeilen. Aber nicht rennen!«

Claudia ging, bis sie außer Sicht war, dann galoppierte sie los. Sie konnte sich gerade noch auf ihren Stuhl schieben, bevor Mrs Anderson sich umdrehte und den Rechtschreibtest ankündigte. Und dann gab es nichts weiter zu tun, als dazusitzen, den Bleistift in der Faust zu umklammern und mit schmerzendem Magen zu versuchen, den Regenpfeifer draußen zu ignorieren. Doch das gelang ihr nicht. Er kreischte wieder und wieder dasselbe:

»Erdbeben! Erdbeben! Boden rütteln, Boden schütteln.«

Und von irgendwo fügte ein Buchfink seinen Kontrapunkt hinzu: »Fliegt weg! Fliegt weg!«

Claudia wünschte, sie hätte genau das tun können. Doch jetzt lag alles bei Janie.

Kapitel 2

… UNDJANIEBEKOMMTIHN

»Wer meldet sich freiwillig, um uns die Lösung dieser beiden letzten Gleichungen hier zu verraten? Janie Hodges-Bradley.«

Janie, die sich nicht freiwillig gemeldet hatte, blickte von ihrem Algebra-Lehrbuch der achten Klasse auf, blinzelte und überflog einmal schnell die Tafel. »X gleich sieben oder minus sieben, Y gleich dreizehn oder minus dreizehn.«

Mr Lambert schürzte die Lippen, klopfte ein- oder zweimal mit der Kreide auf die Tafel und zuckte widerwillig die Achseln. »Richtig«, sagte er und warf Janie einen vielsagenden Blick zu. Er wusste genau, dass sie hinter ihrem Algebrabuch ein anderes Buch las, und das ärgerte ihn, aber solange sie die Antworten wusste, würde er es ihr durchgehen lassen. Er wäre überrascht gewesen – und weitaus weniger verärgert –, hätte er gewusst, dass es sich bei dem Buch um Moderne Trigonometrie handelte. In der Magie gab es nämlich eine überraschend große Anzahl von Berechnungen anzustellen.

In diesem Jahr war Janie zum ersten Mal froh über die Weigerung ihrer Mutter, sie ein oder zwei Klassen überspringen zu lassen, wie es ihr seit der Grundschule von den Lehrern ans Herz gelegt wurde. Denn wenn sie während der Algebra-Stunde Infinitesimalrechung paukte, während des Spanisch-Unterrichts Deutsch und Latein lernte, Kräuterkunde in Geschichte, metamorphe Gesteinskunde in Kunst und die Schriften von Darion Falcrister im Literaturkurs studierte sowie Nacht für Nacht lang aufblieb, konnte sie das Pensum schaffen, das Morgana Shee ihr auferlegt hatte. Gerade eben so. Es war nicht leicht, aber möglich.

Janie beugte den Kopf wieder über ihre Bücher. Sie nahm den Hund erst wahr, als sie das unterdrückte Gekicher und Getuschel der anderen Schüler hörte. Der Hund hatte eine schnelle Runde durch den Raum gedreht und kam jetzt direkt auf sie zu, als kenne er sie schon sein Leben lang. Vertrauensvoll pflanzte er ihr seine schmutzigen Vorderpfoten auf den Schoß und stieß seinen Kopf gegen ihre Brust, wobei er sie beinahe vom Stuhl warf. Dann hob er die Schnauze und bellte ihr einmal freudig ins Gesicht.

»Seht mal!«, sagte jemand mit sanftem Erstaunen. »Janie Hodges-Bradley hat einen Hund.«

Zwei Plätze entfernt drehte Bliss Bascomb ihren hellblonden Schopf herum. »Janie Hodges-Bradley ist ein Hund«, flüsterte sie, und Gelächter brandete auf, bevor Mr Lambert einschritt.

»Irgendjemand bringt dieses Tier hier raus«, befahl er und wedelte geringschätzig mit der Kreide in seiner Hand.

Während ein Mitschüler den Hund von ihr wegzerrte, presste Janie die Hände auf die Knie. Zum einen, weil sie verhindern wollte, Bliss Bascomb gegenüber gewalttätig zu werden, und zum anderen, weil es da etwas gab, das sonst niemand gesehen hatte: einen kleinen, nassen Papierball, den ihr der Hund auf den Schoß gelegt hatte. Als sich jetzt alle wieder auf die Algebra-Lektion konzentrierten, faltete sie das Papier auseinander.

Sie starrte einige Sekunden lang darauf, rieb sich die Augen und probierte es noch einmal. Der Brief hatte beträchtlich gelitten. Er sah aus, als sei er ein- oder zweimal auf der Straße gelandet, und durch den Speichel des Hundes waren einige Teile des Papiers völlig zerfallen. Was von der Schrift übrig geblieben war, hatte irgendwie Ähnlichkeit mit den Spuren von Hühnerkrallen. »Libe Janie«, »daat« und »Eadbben« war alles, was sie noch entziffern konnte.

Obwohl die Unterschrift unkenntlich war, hatte sie keinen Zweifel hinsichtlich der Verfasserin. Der Brief war auf dem groß linierten Papier der Grundschule geschrieben worden – und wer sonst würde ihr eine Nachricht per Hund übermitteln? Außerdem musste es sich um etwas extrem Wichtiges handeln, denn Claudia wusste, wie sehr Janie es hasste, in der Schule gestört zu werden.

Trotzdem fühlte Janie sich für einen Augenblick versucht, das Ganze zu ignorieren, so zu tun, als hätte sie den Brief gar nicht bekommen oder für einen Scherz gehalten. Vor einem Jahr hätte sie das auch gewiss getan. Aber jetzt … okay, es nervte, aber sie konnte es nicht einfach dabei bewenden lassen. Es drohte irgendeine Art von Problem.

Janie seufzte leise und musterte verstohlen ihre Mitschüler rings umher. Dann beugte sie sich hinunter und zog den Reißverschluss ihres Rucksacks auf.

Der Stock, den sie hervorholte, war genauso lang wie ihr Unterarm samt Hand. Aus Eberesche gefertigt und glatt geschmirgelt wie Satin, war er zudem ausgehöhlt und mit Fingerkraut, Odermennig und anderen Kräutern gefüllt. Außerdem befand sich ein zusammengerolltes Pergament darin, auf das Morgana Shee etwas in der Sprache von Findahl, der Wildworld, geschrieben hatte, sowie ein Stück weiße Baumwolle mit drei Tropfen von Janies und drei Tropfen von Morganas Blut darauf. Bei dem Stock handelte es sich um nichts Geringeres als einen Zauberstab, durch den die Macht vom Goldenen Stab der Hexe in die Hand ihres Lehrlings floß.

Allerdings war er nicht dazu bestimmt, das zu tun, was Janie jetzt mit ihm vorhatte. Sie schaute sich erneut um. Wie gewöhnlich saß sie im hinteren Teil des Klassenzimmers, wo es viel leichter war, unauffällig ihre eigenen Bücher hinter den Schulbüchern zu lesen. Aber unauffällig mit einem Stück Holz von über dreißig Zentimetern Länge zu hantieren, war um einiges schwerer. Mit dem Ärmel polierte sie ihr Pult. Ein Spiegel wäre ideal gewesen, aber auch jede andere reflektierende Oberfläche würde den Zweck erfüllen. Als Mr Lambert der Klasse den Rücken zukehrte, um auf der Tafel eine Gleichung zu demonstrieren, zog sie den Ebereschenstab hervor und zeichnete damit schnell einen fast perfekten Kreis auf die Tischplatte, wobei sie nur eine winzige Lücke nahe dem oberen Rand frei ließ.

Inzwischen beäugten sie die Mädchen links und rechts von ihr, als habe sie den Verstand verloren. Janie legte die Arme schützend um den Kreis und bedachte die beiden mit einem mörderischen Blick, woraufhin sie sich rasch abwandten. Dann setzte sie den linken Daumen als Brücke auf die Lücke im Kreis, umklammerte mit der rechten Hand den Zauberstab, hauchte direkt in die Kreismitte und murmelte vier kurze Worte.

Sofort schwappte ihr eine gewaltige Hitzewelle ins Gesicht, die Linie des Kreises flammte auf und das Pult wirkte, als befände sich in seinem Zentrum ein Loch. Janie starrte entsetzt darauf. So sollte ein Visionskreis nicht aussehen. Statt kristallklar und silbrig war dieser Kreis von einem schmutzigen Rot, durchschossen von bleichen grünen Rissen, in denen sich träge und verschwommen einige Dinge regten, ohne dass Janie irgendetwas erkennen konnte. Für einen Moment fragte Janie sich, ob es ihr wohl gelungen war, einen Kreis in die Hölle zu öffnen oder zu einem anderen gleichermaßen unwahrscheinlichen Ort. Doch dann tauchte etwas vage Vertrautes auf. Zwei dunkle Punkte, die mit ein wenig Fantasie Augen sein konnten, dazwischen eine blass hervorspringende Nase, darunter ein großes schwarzes O – ein weit geöffneter Mund, anscheinend vor Entsetzen. Ein Gesicht. Und ja, ganz bestimmt ein vertrautes. Sie hatte es geschafft. Es war ihr gelungen, sich bei Claudia einzuklinken.

Claudia hätte fast den Radiergummi von ihrem Bleistift abgebissen, als sich die Oberfläche ihres Pultes plötzlich rot färbte. Wie gelähmt starrte sie in den kupferfarbenen Kreis voller sich bewegender Dinge, die wie Geister in einem Fernseher mit sehr, sehr schlechtem Empfang aussahen – oder wie die Dinge in jenen Träumen, von denen Claudia noch nie jemandem erzählt hatte und von denen sie auch nie jemandem erzählen würde. Dann schob sie das Blatt ihres Rechtschreibtests weiter von sich – und sah Janies Gesicht, hellgrün in dem seltsam kupferfarbenen Licht. Vor Erleichterung sackte sie in sich zusammen.

Janies Stimme tönte aus dem Pult, ziemlich schwach, und sie klang, als spräche sie unter Wasser. »Claudia! Claudia, bist du das?«

Claudia sah sich hektisch im Klassenzimmer um. »Ja«, flüsterte sie und beugte sich dicht über die Erscheinung. Sie fragte sich, ob noch irgendjemand sonst sie sehen konnte.

»Hast du mir einen Brief geschickt?«

Vorn im Raum blickte Mrs Anderson auf. Claudias Magen krampfte sich noch mehr zusammen. »Ja«, wisperte sie noch leiser und berührte mit den Lippen fast das Pult.

»Und was stand drin?«

Claudia verspürte eine kleine Welle der Enttäuschung – wenngleich es sie nicht überraschte –, dass Janie ihren Brief nicht hatte lesen können. »Es stand ›Erdbeben‹ drin«, flüsterte sie gequält, den Mund dicht an Janies Bild, den Blick auf Mrs Anderson gerichtet. »Die Vögel sagen – ›Erdbeben‹. Und alle Dosen werden auf Remmy Garcia fallen …« Mrs Anderson stand abrupt auf und Claudia geriet in Panik. Sie war sich ganz und gar nicht sicher, was schlimmer sein würde – wenn alle Dosen auf Remmy Garcia fielen oder wenn Mrs Anderson Janie in ihrem Pult entdeckte. Jedenfalls packte sie ihren Rechtschreibtest und zerrte ihn wieder über Janies Gesicht.

Jetzt klang Janies Stimme noch schwächer, aber dennoch eindringlich fordernd. »Claudia! Ich verliere dich! Claudia, ich muss wissen, wann. Wann gibt es ein Erdbeben?«

Mrs Anderson kam den Gang entlang. Claudia blickte rasch auf Remmy Garcias braunen Schopf, schluckte schwer und entschied sich, das Risiko einzugehen. Sie hob den unteren Rand des Papiers und zischte: »Ich weiß es nicht! Sie wissen es auch nicht! Sie sagen nur, bald! Oh, Janie, hilf uns, hilf uns!«

Dann knallte sie das Blatt wieder auf den Tisch, schlug ihre geballten Fäuste darauf und wandte der Lehrerin ihr erschrockenes Gesicht zu.

Janie spürte, wie der Visionskreis erzitterte und ihr entglitt. Sie stieß heftig die Luft aus und löste sich vom Pult. Als sie ihre Umgebung wieder deutlich wahrnehmen konnte, sah sie, wie ihre Mitschüler Bücher und Rucksäcke zusammenrafften und zur Tür gingen. Ein paar blieben dort stehen und warfen ihr merkwürdige Blicke zu: Hatte sie etwa Dämonen beschworen – oder nur einen epileptischen Anfall gehabt? Aber Janie beachtete sie nicht. Sie atmete einige Sekunden lang ruhig ein und aus, dann schob sie den Stab wieder in ihren Rucksack und verließ das Klassenzimmer.

Wäre sie gefragt worden, so hätte Janie Hodges-Bradley hinsichtlich ihres Aussehens wahrscheinlich Bliss Bascomb zugestimmt. Denn Bliss war der Meinung – wie übrigens alle, die mit den Hodges-Bradleys bekannt waren –, dass Janies Bruder Charles mit seinem blonden Haar und den blaugrauen Augen das gute Aussehen der Familie geerbt hatte. Alys, die Älteste, hatte – obwohl nicht direkt hübsch – ebensolche Augen und ebensolches Haar und strahlte Gesundheit und Energie aus.

Aber Janie sah den anderen überhaupt nicht ähnlich, am wenigsten Charles, ihrem Zwillingsbruder. Sie war nicht hübsch, wenngleich ihr zerzaustes langes schwarzes Haar und die bleiche Haut etwas Faszinierendes an sich hatten. Und ihre Augen waren weder blau noch grau, sondern purpurfarben, sodass die meisten Leute innehielten, um sie sich genauer zu betrachten.

Gegenwärtig brannten diese purpurfarbenen Augen. Na wunderbar. Wahrscheinlich war ihr bei der gewaltigen Anstrengung ein Blutgefäß geplatzt. Und wozu? Für Claudia war es einfach, »Hilf uns!« zu sagen, aber was um alles in der Welt konnte Janie denn tun? Janie war keine Hexe. Sie besaß nicht mal einen der weniger mächtigen Zauberstäbe, einen Grünen oder Braunen Stab. Und ein richtiger Lehrling war sie auch nicht, weil sie ein Mensch war und nicht dem magischen, ungezähmten Volk der Wildworld angehörte.

Aber … es war ihr immerhin gelungen, einen Visionskreis heraufzubeschwören, und das nach nur eineinhalb Jahren Ausbildung – und mit nichts weiter als einem Stab aus Eberesche. Sie mochte ein Mensch sein, aber sie war ein kluger Mensch. Und Alys würde es ihr niemals verzeihen, wenn sie nicht zumindest versuchte zu helfen.

Am Ende des Flurs unterhielt sich Bliss Bascomb mit zwei anderen Mädchen – bis Janie an ihnen vorbeikam. Da verstummten sie prompt und sprachen erst im Flüsterton weiter, nachdem sie vorüber war. Janie zwang sich, ruhig zu bleiben und einfach weiterzugehen, aber ihre Hand zuckte unwillkürlich nach dem Stab in ihrem Rucksack.

Nur ein einziges Mal, oh, nur ein einziges Mal, dachte Janie. Wenn diese dumme, alberne Bliss nur wüsste, was alles geschehen könnte! Aber Janie erinnerte sich recht gut an den Tag, an dem sie dieses Vorhaben Morgana gegenüber erwähnt hatte. Sie hatte die Hexenmeisterin gefragt, ob es einen Zauber gäbe, mit dem sie einem Feind Unannehmlichkeiten bereiten könne, und Morgana hatte ihr einen schnellen, gelassenen Blick aus diesen seltsamen grauen Augen zugeworfen und gesagt: »Natürlich.« Mit einer einzigen heftigen Bewegung hatte sie ein Buch geöffnet und Janie ein verblichenes Stück Pergament zugeworfen. Janie hatte es gelesen – und war erstarrt.

»Aber Morgana«, sagte sie nach einer Minute. »Das – das ist ein Tötungszauber.«

»Natürlich«, erwiderte Morgana immer noch gelassen. »Eine Hexe bereitet ihren Feinden keine Unannehmlichkeiten. Wenn sie so wichtig sind, dass man Magie einsetzen muss, sind sie wichtig genug, um sie zu töten. Du kannst aus den Wilden Künsten keine Lappalien machen. Also, möchtest du diesen Zauber lernen?«

Janie hatte ihrem Blick für einen Moment standgehalten, bevor sie den Kopf senkte. »Nein.« Und noch bevor Morgana irgendetwas anderes sagen konnte, hatte sie grimmig hinzugefügt: »Schon kapiert!«

Also ließ sie Bliss jetzt stehen und marschierte weiter. Sie spürte zwar, wie sich ihre Schultern versteiften und die Röte in ihr Gesicht stieg, aber sie zwang sich, an andere Dinge zu denken. An Claudia, die in Schwierigkeiten steckte.

Da brachte sie der Anblick des Münzfernsprechers in der Aula auf eine Idee. Morgana hatte nämlich tatsächlich ein Telefon, obwohl sie es nur sehr selten benutzte.

Offensichtlich auch jetzt nicht, denn es klingelte und klingelte, aber niemand nahm ab. Was Janie nicht weiter überraschte. Die Hexe konnte überall sein, unten in ihrer geheimen Werkstatt oder draußen in den verwilderten Gärten hinter dem alten Haus, wo sie es nicht hören würde.

Okay, das war’s dann also. Janie hatte alles getan, was eine vernünftige Person tun konnte. Aber während sie sich geistesabwesend mit dem Telefonhörer an die Lippen klopfte, hatte sie irgendwie das Gefühl, dass Alys damit nicht zufrieden wäre. Wenn sie hier gewesen wäre, würde sie verlangen, dass Janie etwas Unvernünftiges tat, was zugleich auch funktionierte. Und dann war da noch Claudia, der irgendwelche Dosen auf den Kopf fallen würden.

Na schön. Also, was würde Alys tun?

Janie hielt mit dem Hörer in der Hand inne. Ihre auf die Tastatur fixierten Augen verengten sich, dann bildeten sich rundherum kleine Fältchen. Sie versuchte erfolglos, ein Lächeln zu unterdrücken.

Na ja, warum nicht? Das war ganz sicher ziemlichunvernünftig.

Es gongte bereits zur nächsten Stunde, als sie die Telefonnummer der Grundschule eintippte. Sie grinste und ihre Augen blitzten auf.

Claudia scharrte nervös mit den Füßen. Sie riskierte einen vorsichtigen Blick vorbei an den anderen schweigenden, scharrenden Kindern zu Mrs Anderson hinüber, die mit zwei weiteren Lehrern auf dem Sportplatz stand.

Sie warteten schon seit einer halben Stunde. Die ganze Schule hatte sich draußen versammelt. Claudia konnte sich keinen Reim darauf machen, wie Janie das geschafft hatte, aber keine zehn Minuten, nachdem sie ihren Rechtschreibtest über das Gesicht ihrer Schwester geknallt hatte, und noch während Mrs Anderson mitten in einem Vortrag über Claudia und Claudias Zensuren und Claudias Grundeinstellung gewesen war, hatte es zu schrillen begonnen. Feueralarm. Daraufhin waren alle Kinder auf den Sportplatz gerannt, wo sie seither standen. Jetzt hatte Claudia Angst, dass sie wieder in die Klasse zurückgeschickt werden könnten, bevor das Erdbeben kam.

Noch während sie das dachte und noch während jemand hinter ihr sagte: »He, was tut die Polizei denn …«, schwankte sie leicht hin und her. Nein, es war der Boden, der schwankte – alle hatten es gespürt. Die Vögel waren in wildem Aufruhr, alle anderen Geräusche waren verstummt. Die Reihe der Kinder brach auseinander, weil einige nach rechts stolperten und andere nach links. Alles begann heftig zu zittern. Die Kinder weinten und hielten sich aneinander fest. Jetzt ertönte erneut Alarm in der bereits leeren Schule, diesmal allerdings Katastrophenalarm.

Charles Hodges-Bradley saß in seinem Kurs über Amerikanische Geschichte und hob gerade das Kinn von der Faust, um den Jungen neben sich stirnrunzelnd anzusehen.

»Hör auf damit, Talbott!«, murmelte er.

Talbott richtete sich entrüstet auf. »Das war ich nicht. Hör du damit auf!«

»Ich? Ich glaub, du spinnst, das warst du! Lass mein Pult in Ruhe.«

»Du fängst gleich eine, Blödmann.«

»Versuch’s doch, Trottel.«

Talbott öffnete den Mund zu einer entsprechenden Antwort, brach jedoch jäh ab. Beide Jungen starrten einander an. Dann breitete sich auf beiden Gesichtern gleichzeitig ein schadenfrohes Grinsen aus.

»Erdbeben!«, rief Talbott an die ganze Klasse gewandt. »He! Ein Erdbeben! Erdbeben!«

»Meine Damen und Herren«, posaunte Charles durch ein aus seinem Hausaufgabenblatt geformtes Megafon, »wir unterbrechen dieses Programm für eine Durchsage …«

»Unter die Pulte«, unterbrach ihn der Lehrer, als die Alarmglocken schrillten. »Unter dein Pult, Hodges-Bradley! Ich meine es ernst. Ganz drunter! Alles was herausragt, kriegt einen Tritt!«

»Ist das klasse«, flüsterte Talbott und grinste Charles unter seinem eigenen Pult hervor begeistert an. »Ist das nicht klasse?«

Charles nickte. Das schwankende Gefühl war wirklich interessant. Zu Anfang. Allerdings ging es immer weiter. Von ihm aus hätte es jetzt aufhören können. Ja, es wäre wirklich okay gewesen, wenn es jetzt aufhörte …

Alys Hodges-Bradley rannte weit draußen auf dem Spielfeld einem hohen Ball hinterher, als der Boden sich plötzlich anhob und kräftig durchgeschüttelt wurde. Der Ball plumpste ein kleines Stück von ihr entfernt herunter, doch Alys achtete nicht darauf. Abrupt drehte sie sich um und riss die Augen auf. Das Softballspiel war zum Erliegen gekommen. Da wurde der Boden erneut geschüttelt und immer weiter geschüttelt. Sirenengeheul und schrille Schulglocken durchbrachen die unirdische Stille.

Alys machte zwei Schritte auf dem wackeligen Boden, dann blieb sie wieder stehen. Sie konnte nichts tun. Claudia, Charles und Janie waren weit weg. Bis sie die drei erreicht hätte, wäre alles vorüber.

Irgendjemand zeigte auf das Schwimmbecken der Highschool; das Wasser schwappte hin und her und spritzte zuerst auf der einen Seite, dann auf der anderen heraus. Alys konnte nur mit Mühe das Gleichgewicht auf dem schwankenden Boden halten, bis ihre Beine plötzlich unter ihr zusammenklappten. Dann saß sie in der heißen, grellen Sonne da, umklammerte mit den Fingern ein paar Grasbüschel und wünschte sich, die Welt würde wieder stillstehen.

Janie Hodges-Bradley drängte sich noch etwas enger an den Türrahmen der Mädchentoilette und funkelte eine Siebtklässlerin an, die ebenfalls dort Zuflucht gefunden hatte. Sie hasste Achterbahnfahrten, und das hier machte sie langsam aber sicher seekrank. Jetzt reichte es aber wirklich.

Kapitel 3

INFELLANDRED

Als die Erde sich wieder beruhigt hatte, ließ Claudia Susan Parlin los und hob vorsichtig den Kopf. Die Lehrer, die ebenso wie die Schüler in Deckung gegangen waren, standen auf, gingen umher und trösteten die schluchzenden Kinder. Claudia blieb bei ihrer Klasse, während immer mehr Eltern herbeiströmten, um ihre Kinder abzuholen. Ein Mann mit einem Megafon rief dazu auf, Ruhe zu bewahren, und sagte, dass alle Schüler so lange hierbleiben sollten, bis jemand sie holen kam. Aber inzwischen hatte Claudia in den Schatten um das Schulgebäude herum eine geschmeidige rote Gestalt ausgemacht. Sie schlüpfte leise davon, und im nächsten Moment hielt sie die Füchsin in ihren Armen und spürte deren feuchte Nase auf ihrem Hals und ihrem Kinn.

»Ja, ja, ich wollte mich selbst überzeugen«, antwortete die Füchsin auf Claudias stumme Frage und drehte und wand sich aus der Umklammerung ihrer menschlichen Freundin. »Soll heißen, ja, aber nicht hier in der Öffentlichkeit. Hast du dir irgendwelche Knochen gebrochen? Nein? Dann hör auf zu schniefen und komm mit. Morgana will dich sprechen.«

Sie machten einen Umweg, um einen Blick in das Klassenzimmer zu werfen und danach einen zerzausten Charles und eine finster dreinblickende Janie abzuholen. Nur Alys war nirgends zu entdecken.

Alys war tatsächlich die Letzte, die an diesem Nachmittag Morganas Haus erreichte. Nach dem Erdbeben war sie direkt zur Junior-High und dann zur Grundschule und schließlich nach Hause gegangen, bevor ihr dämmerte, wo die anderen stecken mussten. Als sie ihr Fahrrad die lange geschotterte Einfahrt unter den hohen, schattenspendenden Eukalyptusbäumen entlangschob, empfand sie wieder diese Abgeschiedenheit, die das alte Haus ausstrahlte. Fell Andred war sehr weit weg. Ein Ort, der neben dem Rest der Welt existierte. Ein Ort, der nicht dazugehörte.

Sie ging um das riesige graue Herrenhaus herum, vorbei an der Vordertür, die seit über einem Jahrhundert nicht mehr geöffnet worden war, und trat ohne anzuklopfen durch die Hintertür ein. Sie lauschte. Absolute Stille.

»Hallo?«, rief sie. »Morgana? Janie?«

Die große Halle, die früher einmal ein Esszimmer gewesen war und die Morgana jetzt als Wohnzimmer nutzte, war leer. Genauso leer wie die geräumige Küche mit den Eichenbalken. Alys zögerte, erneut zu rufen. Fell Andred war so groß und Ehrfurcht einflößend und voller Echos wie eine Kirche.

Sie seufzte ebenso enttäuscht wie besorgt. Sie würde sich wohl auf die Suche machen müssen. Die konnte allerdings Stunden dauern, denn Morgana und ihre Geschwister konnten in jedem der unzähligen seltsam geformten und merkwürdig möblierten Räume sein oder auch irgendwo draußen auf dem gewaltigen, unüberschaubaren Gelände.

Zuerst wandte Alys sich der langen, schmalen Treppe zu, die direkt von der Küche in den Keller hinunterführte. Dort war es kühl und dunkel wie immer. Am gegenüberliegenden Ende des Kellers befand sich eine scheinbar massive Holzwand. Mit zusammengekniffenen Augen trat Alys näher, um die schwachen Umrisse einer Tür in den Brettern auszumachen, und ließ ihre Finger in ein Astloch gleiten. Sie spürte den Federmechanismus unter ihren Fingerspitzen und hielt einen Moment inne. Niemand störte Morgana Shee jemals bei der Arbeit. Aber Alys war verärgert und ängstlich zugleich und rechnete auch nicht wirklich damit, Morgana in dem Raum zu finden. Also drückte sie kräftig auf die Feder und mit einem leisen Klick schwang die Tür auf.

»Oh – oh, Entschuldigung – es tut mir leid …«, stammelte sie, nachdem sie einen Blick auf Morganas erschrockenes Gesicht erhascht hatte. Doch da war noch ein zweites, unnatürlich gefärbtes Gesicht, das über einem Gerät aus verdrehten Kupferdrähten auf dem Werktisch in der Luft zu schweben schien. Für einen Sekundenbruchteil hatte Alys das Gefühl, dieses Gesicht von irgendwoher zu kennen. Dann huschte auch schon etwas Grünes summend an ihrer Wange vorbei, umkreiste einmal ihren Kopf und fuhr zischend in den Keller hinaus.

»Darion Beldar!«, rief die Hexenmeisterin und schlug mit der Faust auf den Tisch. Ob es ein Fluch oder eine Bitte um Beistand war, wusste Alys nicht. Morgana stieß Alys beiseite und folgte dem grünen Summen.

»Es tut mir leid – es tut mir so leid …« Aber da waren die Hexe und ihr gejagtes Objekt schon die Treppe hinaufgeschossen. Alys drehte sich entsetzt um und ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. Das Gesicht über den Kupferdrähten war verschwunden, die Drähte selbst qualmten. Das Beben hatte auch hier gewütet: Auf dem Boden lagen zerschlagene Flaschen und Phiolen, in den Regalen herrschte ein wüstes Durcheinander. Der Goldene Stab lag auf dem Werktisch und sah aus wie immer, wenn Morgana ihn nicht in Händen hielt, nämlich wie ein altes rostiges Schüreisen. Alys machte einen großen Bogen darum. Da fiel ihr eine Schublade unter einem der Regale auf, die sie bis jetzt noch nie bemerkt hatte; anscheinend war sie etwas herausgerutscht. Während sie unbehaglich auf Morganas Rückkehr wartete, musterte sie den Inhalt der Schublade.

Neben einigen magischen Werkzeugen, die sie nicht erkannte, lag ein Schwert darin. Ein wunderschönes Schwert, das ihre Aufmerksamkeit fesselte. Lang und gerade, sehr schlicht und sehr, sehr faszinierend.

Noch ehe sie recht wusste, was sie tat, hatte sie sich vorgebeugt und berührte es. Ihre Finger schlossen sich um den Griff und es fühlte sich einfach wundervoll an, es schmiegte sich genau richtig in ihre Handfläche. Doch dann keuchte sie auf und ließ abrupt los.

Es hatte sie verbrannt. Oder – nein – es war vielmehr wie ein elektrischer Schlag gewesen, der durch ihre Hand und ihren Arm hinauf in ihre Schulter geschossen war. Ein quälendes Gefühl durchfuhr sie, als hätte sie sich nur mit knapper Not vor einem Sturz gerettet, und ebenso raste ihr das Adrenalin durch die Adern …

Kopfschüttelnd rieb sie sich den Arm – bis sie bemerkte, dass sie sich unerklärlicherweise versucht fühlte, das Schwert erneut in die Hand zu nehmen.

Während sie noch unentschlossen dastand, hörte sie Schritte.