WILDWORLD - Die Nacht der Wintersonnenwende - Lisa J. Smith - E-Book

WILDWORLD - Die Nacht der Wintersonnenwende E-Book

Lisa J. Smith

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7,99 €

Beschreibung

Willkommen in Wildworld – im Reich der Magie, der Mythen und des Bösen ...

Einst bewachte die Hexenmeisterin Morgana Shee den Übergang zwischen der Erde und der Wildworld – einer magischen Parallelwelt. Doch jetzt hat es der böse Zauberer Cadal Forge geschafft, Morgana zu überlisten und gefangen zu nehmen, um endlich die Weltherrschaft an sich zu reißen. Für die Geschwister Claudia, Alys, Charles und Janie der Beginn eines atemberaubenden Wettlaufs gegen die Zeit – denn sie sind die Einzigen, die Cadal daran hindern können! Dazu müssen sie in die Wildworld reisen, wo sie ein fantastisches Abenteuer erwartet ...

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EPUB

Seitenzahl: 302

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Die Autorin

Foto: © privat

Lisa J. Smith hat schon früh mit dem Schreiben begonnen. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie noch während ihres Studiums. Sie lebt mit einem Hund, einer Katze und ungefähr 10000 Büchern im Norden Kaliforniens.

Weitere lieferbare Titel von Lisa J. Smith bei cbt:

Die Tagebuch eines Vampirs-Serie

Im Zwielicht (Band 1, 30497)

Bei Dämmerung (Band 2, 30498)

In der Dunkelheit (Band 3, 30499)

In der Schattenwelt (Band 4, 30500)

Rückkehr bei Nacht (Band 5, 30664)

Seelen der Finsternis (Band 6, 30703)

Schwarze Mitternacht (Band 7, 38012)

Jagd im Abendrot (Band 8, 38016)

Jagd im Mondlicht (Band 9, 38027)

Jagd im Morgengrauen (Band 10, 38028)

The Vampire Diaries – Stefan’s Diaries

Am Anfang der Ewigkeit (Band 1, 38017)

Nur ein Tropfen Blut (Band 2, 38025)

Rache ist nicht genug (Band 3, 38031)

Nebel der Vergangenheit (Band 4, 38032)

Die Night World-Reihe

Engel der Verdammnis (30633)

Prinz des Schattenreichs (30634)

Jägerin der Dunkelheit (30635)

Retter der Nacht (30712)

Gefährten des Zwielichts (30713)

Töchter der Finsternis (30714)

Schwestern der Dunkelheit (38013)

Kriegerin der Nacht (38015)

Der Magische Zirkel

Die Ankunft (Band 1, 30660)

Der Verrat (Band 2, 30661)

Die Erlösung (Band 3, 30662)

Visionen der Nacht

Die dunkle Gabe (Band 1, 38000)

Der geheime Bund (Band 2, 38001)

Der tödliche Bann (Band 3, 38002)

Das Dunkle Spiel

Die Gejagte (Band 1, 38022)

Die Beute (Band 2,38021)

Die Entscheidung (Band 3, 38023)

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen. cbt ist der Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House

1. Auflage

Erstmals als cbt Taschenbuch November 2013

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

© 1987 by L. J. Smith

Die amerikanische Originalausgabe erschien

1987 unter dem Titel »The Night of the Solstice« bei

Macmillan Publishing Company.

© 2013 der deutschsprachigen Ausgabe bei cbt Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Übersetzung: Michaela Link

Lektorat: Kerstin Weber

Umschlaggestaltung: © Birgit Gitschier, Augsburg

Cover designed by Karin Paprocki, Cover illustration

Copyright © 2010 by Larry Rostant

he ∙ Herstellung: kw

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-12757-2V002

www.cbt-darkmoon.de

Dieses Buch ist für Julie, ohne deren einfühlsame Kritik, beharrlichen Optimismus und heroischen Mut es niemals geschrieben worden wäre.

Kapitel 1 – DIE FÜCHSIN

Die Füchsin wartete.

Das Sonnenlicht, das die weiche Erde unter den Orangenbäumen sprenkelte, ließ ihr rostrotes Fell golden schimmern, und ihre gelben Augen leuchteten auf. Seit Tagesanbruch wartete sie hier im Obstgarten und wenn nötig würde sie bis zum Untergang des Mondes warten. Sie wartete nur auf ein einziges Kind, aber dieses Kind musste allein sein. Kein anderer Mensch durfte Zeuge dieser Begegnung werden.

Sie war sehr müde.

Endlich öffnete sich die Vordertür des Hauses auf der anderen Straßenseite. Die Füchsin zitterte vor Anspannung von der Spitze ihres Schwanzes bis in ihre empfindlichen Schnurrhaare. Ihre seidigen Ohren zuckten nach vorn– eine Gestalt verließ das Haus. Es war die Kleine, die Jüngste. Und sie war allein.

Die Zähne der Füchsin schlugen sanft aufeinander.

Claudia war auf dem Weg zum Briefkasten. Es war ein kühler Samstagvormittag im Dezember. Ihr Vater las die Zeitung, ihre Mutter war in der Dunkelkammer, Alys spielte Tennis, Charles lag noch im Bett, und Janie– nun, Janie tat, was Janie eben so tat. Also hatte Claudia, die stets genug Zeit hatte, den Auftrag erhalten, die Post hereinzuholen.

Als sie das Tier sah, war es bereits zu spät.

Sie hatte gerade zwei Hände voll Briefe aus dem Kasten genommen. Es geschah so schnell, dass sie gar nicht dazukam, zu schreien oder auch nur Angst zu haben. Mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung sprang das Tier sie an. Spitze Zähne streiften ihre Knöchel und dann war es auch schon an ihr vorbei.

Vor Überraschung verlor Claudia das Gleichgewicht, landete auf ihrem Po und biss sich dabei so schmerzhaft auf die Zunge, dass ihr die Tränen kamen. Verdutzt betrachtete sie das Geschöpf, das sie so erschreckt hatte.

Es war ein Fuchs. Zumindest sah es so aus wie die Füchse, die sie aus dem Irvine Park kannte. Ein Fuchs hatte sie angesprungen. Im ersten Moment wäre Claudia am liebsten ins Haus gelaufen, um jemandem davon zu erzählen und zu weinen.

Zwei Dinge hinderten sie daran. Zum einen war es die Schönheit des Fuchses. Sein Fell glänzte rot wie Feuer, seine Augen leuchteten wie goldene Edelsteine und sein schlanker Körper war geschmeidig und stark. Seine Wildheit raubte ihr den Atem.

Zum anderen war es die Tatsache, dass der Fuchs mit einem ihrer Briefe im Maul davonrannte.

Claudia öffnete den Mund– und schloss ihn wieder. Sie sah sich um, ob noch jemand dieses ungewöhnliche Geschehen beobachtet hatte, aber es war niemand auf der Straße. Sie schaute wieder zu dem Fuchs hinüber. Er war stehen geblieben und betrachtete sie mit seinen goldenen Augen. Als ihre Blicke sich trafen, drehte er sich um und trabte einige Schritte weiter, wobei er über seine Schulter zu ihr zurückschaute.

Langsam stand Claudia auf. Sie machte einen Schritt auf den Fuchs zu.

Der Fuchs wich zwei Schritte zurück.

Claudia blieb stehen.

Der Fuchs blieb ebenfalls stehen.

»He!«, rief Claudia. Etwas anderes fiel ihr nicht ein. »He!«, wiederholte sie.

Der Fuchs ließ den Brief fallen und sah sie leise hechelnd an.

Diesmal ließ er sie bis auf Armeslänge an sich herankommen, bevor er sich erneut rührte. Dann schnappte er sich plötzlich den Brief vom Boden und huschte damit die Straße entlang. Jedoch nicht ohne dabei immer wieder über seine Schulter zu blicken, wie um sich zu vergewissern, dass sie ihm folgte.

Er führte sie die Taft Avenue hinunter und die Center Street hinauf. Er führte sie an dem Orangenbaumwäldchen vorbei, vorbei an den stillen Häusern und dem leeren Grundstück, bis er den Hügel erreichte. Und verschwand.

Hier gab es keine Querstraßen mehr, nur ein hohes Eisentor, hinter dem ein Schotterweg zu einem riesigen, alten Haus hinaufführte. Claudia zögerte und trat von einem Fuß auf den anderen. Kinder durften nicht einmal in die Nähe des alten Hauses auf dem Hügel, selbst an Halloween nicht. Über die Frau, die dort lebte, gingen die seltsamsten Geschichten um.

Aber der Fuchs hatte Claudias Brief. Und der Fuchs war faszinierend schön.

Also zwängte Claudia sich zwischen den Gitterstäben des Tores hindurch.

Der Weg, der den Hügel hinaufführte, war lang und steil. Hohe Eukalyptusbäume säumten den Pfad, und Claudia hatte das unheimliche Gefühl, dass sich die Äste hinter ihr schlossen, sobald sie daran vorüber war, und sie vom Rest des Parks abschnitten.

Ganz oben, auf der Kuppe des Hügels, ragte das Haus mit seinen massiven Mauern aus grauem Stein und seinen vier hohen Türmchen über den Bäumen empor. Claudia schlüpfte durch ein weiteres Tor. In der Ferne erhaschte sie einen Blick auf etwas Rotes und sie folgte ihm um das riesige Haus herum. Und plötzlich stand der Fuchs genau vor ihr, gefangen zwischen Claudia und einer schweren Holztür. Wenn er entwischen will, dachte sie, wird er auf mich zulaufen müssen.

Aber als Claudia sich ihm näherte, um ihn endlich zu fangen, schoss der Fuchs prompt durch die einen Spaltbreit geöffnete Tür ins Haus.

Erschrocken schlug Claudia sich auf den Mund. Dann schlich sie zur Tür und spähte hinein.

Im Haus war es dunkel und still. Als ihre Augen sich an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, erkannte sie, dass der Fuchs inmitten eines riesigen Raumes saß und sie– den Brief zwischen den Vorderpfoten– anstarrte.

Ein Kribbeln breitete sich zwischen Claudias Schulterblättern bis hinunter zu ihren Händen aus. Direkt hinter ihr warteten das Licht der Sonne und die frische Luft, und für einen Moment überlegte sie, einfach über den Schotterweg zur Center Street zurückzulaufen.

Doch schon im nächsten Augenblick setzte sie einen Fuß über die Schwelle der Tür.

Das Kribbeln wurde stärker. Draußen schien der Wind den Atem anzuhalten.

Claudia betrachtete den Fuchs und der Fuchs betrachtete Claudia. Und dann machte Claudia noch einen Schritt und stand mit beiden Füßen im Haus.

»Gut!«, sagte der Fuchs. »Und jetzt bleib hier!«

Kapitel 2 – DER RUF

Claudia Hodges-Bradley hatte drei Geschwister. Ihre Mutter, vor ihrer Heirat Dr. Eileen Bradley, und ihr Vater, Mr Michael Hodges, hatten sich eine schöne, große Familie gewünscht, in der keins ihrer Kinder mangels eines Bruders oder einer Schwester als Spielkamerad jemals einsam sein sollte. Deshalb waren sie etwas enttäuscht, als ihre im Allgemeinen fröhlichen und hilfsbereiten Kinder nicht die geringsten Anstalten machten, miteinander zu spielen. Zwar mochten sie einander durchaus, aber die Unterschiede in Alter und Interessen waren einfach zu groß.

Genau darüber dachte Claudia nach, während sie sich langsam von dem Haus auf dem Hügel entfernte, einen sehr feuchten und zerknitterten Brief in der Hand. Sie dachte darüber nach, weil ihre Geschwister ihr mit einem Mal schrecklich wichtig waren. Denn der Fuchs verlangte nach ihnen.

Nein, nicht der Fuchs, verbesserte sie sich. Die Füchsin, wie sich das Tier auf Claudias Frage hin selbst bezeichnet hatte. »Ich bin eine Füchsin, ein weiblicher Fuchs«, hatte es mit bebenden Nasenflügeln geantwortet, und Claudia hatte sofort erkannt, dass es etwas Prächtiges und Großartiges war, eine Füchsin zu sein.

»Ich will, dass du hierher zurückkommst«, hatte die Füchsin gesagt. »Irgendwann nach Sonnenuntergang. Sagen wir, so nah an sieben Uhr, wie du es nur schaffen kannst. Und ich will, dass du deinen Bruder und deine Schwestern mitbringst. Wirst du das tun?«

Claudia hatte bejaht. Sie hatte ihr Wort gegeben. Doch jetzt stand sie vor dem Problem, wie sie es tun sollte. Wie sollte sie es den anderen so erklären, dass sie es verstanden? Schließlich waren ihre Geschwister alt genug, um nicht mehr an Magie zu glauben.

Alys war die Älteste. Hochgewachsen, blond und voller Anmut, hatte sie in diesem Jahr mit der Highschool begonnen und war auf Anhieb Kapitän der Blue Demons, der Mädchen-Fußballmannschaft, und auch noch zweite Klassensprecherin geworden. Alys war nett zu Claudia, aber sie war die Art Mädchen, die von Erwachsenen gern als »praktisch« und »verantwortungsbewusst« bezeichnet wurde. Alys, dachte Claudia, glaubt ganz sicher nicht an Magie.

Dass Alys und der jüngere Charles Geschwister waren, sah man auf den ersten Blick. Die Ähnlichkeit war jedoch rein äußerlich. Charles konnte fast alles, tat es aber zumeist nicht. Er fand das »cool« und war der Meinung, dass er eines Tages ein berühmter Künstler sein würde. Hugo das Nilpferd, hieß die Comic-Serie, die er für die Zeitschrift der Junior-Highschool zeichnete, und er mochte Science-Fiction. Science-Fiction, dachte Claudia hoffnungsvoll, ist immerhin ein wenig wie Magie.

Claudia selbst besaß kein besonderes Talent, war auch keine große Athletin und nicht einmal hochgewachsen. Aber ihr gedrungener kleiner Körper eignete sich hervorragend für Kampfsportarten und sie gab niemals auf. Manchmal fuhr Claudias Mutter ihr durchs Haar und sagte, dass Claudia »solide« sei. Claudia wusste zwar nicht so genau, was sie damit meinte, aber der Klang des Wortes gefiel ihr.

Und dann war da noch Janie. Nichts in der Welt erschien unglaublicher, aber Janie und Charles waren Zwillinge. Janie war klein, dünn und still, und das stets zerzauste schwarze Haar fiel ihr lang über den Rücken. Mit ihren purpurfarbenen Augen sah sie einen so durchdringend an, als würde sie ihr Gegenüber durchschauen– und nicht besonders mögen. Als Janie in Claudias Alter gewesen war, wurde sie in der Schule einer Prüfung unterzogen, und dann hatten die Lehrer Janies Eltern angerufen und ihnen erklärt, dass sie ein Genie sei. Aber das hatten ohnehin schon alle gewusst. Janie hatte für Magie gewiss nichts übrig.

Charlie, befand Claudia, würde ihr am ehesten glauben. Sie beschloss, ihm alles zu erzählen, sobald ihre Eltern zum Abendessen ausgingen, und dann würden sie es gemeinsam den anderen erklären. Aber um sechs Uhr, als Claudia gerade versuchte, Charles von Janie und dem Fernseher wegzulocken, kam Alys mit einer Reisetasche ins Wohnzimmer.

»Wohin gehst du?«, fragte Claudia überrascht.

»Ich übernachte heute bei meiner Freundin Geri«, antwortete Alys geistesabwesend, während sie in der Tasche kramte.

Claudias Kehle schnürte sich zu und ihr Herz begann zu hämmern. Alys durfte nicht bei ihrer Freundin Geri übernachten.

»Das geht nicht!«, stieß sie hervor. »Ich meine… du kannst noch nicht gehen. Ich meine… Alys, ich muss dir was Wichtiges erzählen.«

Alys sah sie verblüfft an und die beiden anderen blickten neugierig auf. So hatte Claudia sich das wirklich nicht vorgestellt. Aber jetzt blieb ihr nichts anderes übrig, als es allen gleichzeitig zu erzählen.

»Mir ist heute was passiert«, sagte Claudia schließlich.

»Ja?«, hakte Alys nach. Sie holte eine Bürste aus der Tasche und bearbeitete damit ihr Haar.

Claudia beschloss, die Sache taktisch klug anzugehen. »Was meint ihr«, sagte sie bedächtig. »Was ist das Wunderbarste, Einzigartigste und Aufregendste auf der Welt?«

»Ein Pferd«, erwiderte Alys.

»Der Hope-Diamant«, sagte Janie.

»Kryptonit?«, fragte Charles.

Sie lachten. Aber Claudia stand ganz still da und lächelte nicht einmal.

»Magie«, erklärte sie energisch, »es ist Magie. Und ich habe sie gefunden.«

»Oh!«, machte Alys. Sie lächelte und es war ein nettes Lächeln. »Welche Art von Magie?«

Eine Welle der Wärme erfasste Claudias Brust. Sie war sich so sicher gewesen, dass Alys ihr nicht glauben würde. »Eine sprechende Füchsin«, erklärte sie eifrig und beugte sich vor. »Ich habe heute Morgen die Post reingeholt und da hat mir die Füchsin einen Brief weggenommen. Sie hat mit mir gesprochen. Und sie will euch kennenlernen.«

Alys’ Gesichtsausdruck veränderte sich. »Ähm… sicher, Claude, aber du weißt ja, dass ich gerade wegwollte. Vielleicht könnte ich sie morgen kennenlernen.«

»Aber Alys! Sie steckt irgendwie ganz schrecklich in der Klemme. Sie muss sofort mit uns allen reden, noch heute Abend.«

»Tja, ich hab’s ziemlich eilig, aber… hey, sitzt sie nicht dort drüben auf dem Sofa?«

Claudia schaute überrascht zum Sofa. Aber da war nichts.

»Ähm, klar sitzt sie da«, sagte Charles und warf Alys einen bedeutungsvollen Blick zu. »Schau mal, Claude, hier ist deine Freundin. Wie geht’s denn so, Fuchsdame?« Er schenkte der leeren Luft ein höfliches Lächeln und schüttelte eine nicht vorhandene Pfote.

Plötzlich verstand Claudia. Sie schämte sich furchtbar und heiße Tränen schossen ihr in die Augen. »Ich lüge nicht!«, beteuerte sie.

»Oh, mein Häschen«, sagte Alys. »Das ist doch keine Lüge. Es ist so wie bei Charlie, wenn er sich Geschichten über Hugo ausdenkt. Das zeigt, dass du kreativ bist.«

Obwohl Claudia es gar nicht wollte, begann sie zu weinen. Aber der Kloß in ihrer Kehle schwoll immer mehr an, bis ihr alles vor den Augen verschwamm. Sie glaubten ihr nicht und würden nicht mitkommen und dabei hatte sie es der Füchsin doch versprochen! Die Füchsin wartete. Claudia warf den Kopf in den Nacken und heulte.

»Claudia!«

Aber Claudia heulte weiter. Sie lief in eine Ecke und verkroch sich auf dem Fenstersitz. Während sie schluchzte, hörte sie die Stimmen von Alys, Charles und Janie.

»Claudia… weint! Claudia weint doch nie.«

»Vielleicht hat sie eine Art Nervenzusammenbruch.«

»Janie, halt den Mund! Irgendwas stimmt da nicht. Ähm… Claude?«, unterbrach Alys Claudias Schluchzen. »Wer war sonst noch da, als du diese magische Füchsin getroffen hast?«

»Nie-iemand«, stammelte Claudia mit erstickter Stimme. »Ich war ganz allein mit ihr in dem alten Haus auf dem Hügel.«

»Was? Du weißt doch, dass wir uns von diesem Haus fernhalten sollen!«, rief Alys erschrocken. »Was ist mit der seltsamen Frau, die dort lebt?«

»Sie war nicht da. Ich hab sie gar nicht gesehen.«

»Aber du bist hineingegangen?«

»Die Füchsin hat m-m-mich reingelockt!«

»Alys«, begann Charles, »in diesem Haus führt irgendjemand was im Schilde.«

»Und hat ihr vielleicht Halluzinogene verabreicht.«

»Du hast immer so entzückende Ideen, Janie«, bemerkte Alys ironisch. Dann wandte sie sich an Charles: »Klingt stark danach, als würden einige deiner Freunde uns einen Streich spielen.«

»Meine Freunde? Was ist mit deinen Freunden? Wer hat denn die Blue-Demons-Flagge an den Uhrenturm von Villa Park gehängt? Wer…«

»Wer auch immer dahintersteckt«, unterbrach Alys ihn hastig, »sollte kleine Kinder mit diesem Unsinn verschonen. Ich meine, Claudia ist erst sieben. Das ist nicht fair.«

Charles’ Augen blitzten belustigt auf. »Vielleicht solltest du dort hingehen und das klarstellen.«

»Dort hingehen? Wo ich sowieso schon spät dran bin…«

»Wahrscheinlich denkt sie sich das alles bloß aus«, warf Janie ein.

Alys, die gerade ihre Tasche aufheben wollte, hielt plötzlich inne und sah Janie verärgert an. Dann musterte sie Claudia scharf. Und Claudia erwiderte ihren Blick, hoffnungslos und flehend zugleich.

Stille.

Mit einem tiefen Seufzer ließ Alys die Tasche auf den Boden zurückfallen.

»Okay, Claude«, sagte sie. »Du kannst aufhören zu weinen. Du hast gewonnen. Wir begleiten dich alle zu dieser magischen Füchsin.«

Charles und Janie protestierten. Claudia beobachtete ihre Geschwister, während die Tränen auf ihren Wangen trockneten. Es war ihr gleich, was sie dachten, solange sie nur mitkamen.

Endlich gaben Janie und Charles nach.

»Immerhin könnte es gefährlich werden«, sagte Charles hoffnungsvoll.

»Ich werde auf jeden Fall meinen Baseballschläger mitnehmen«, erwiderte Alys ernst.

Claudias Geschichte stimmte sie alle ratlos. Aber nachdem Alys Geri angerufen und sich mit Baseballschläger und Taschenlampe bewaffnet hatte, waren sie tatsächlich drauf und dran zu glauben, dass da etwas faul war.

»Und das ist auch ganz bestimmt kein Streich von dir, Claudia?«

Claudia schüttelte vehement den Kopf.

Und so machten sie sich auf den Weg zu dem Haus auf dem Hügel.

Kapitel 3 – DIE GESCHICHTE

Mit Claudia an der Spitze gingen sie um das Haus herum zum Hintereingang, der schweren Holztür.

»Klopf an«, sagte Alys zu Claudia, in einer Hand den Baseballschläger, in der anderen die Taschenlampe.

»Aber sie kann nicht…«

»Tu es einfach.«

Claudia klopfte an. Die Tür war so massiv, dass ihre Fingerknöchel nur ein schwaches Geräusch erzeugten.

Niemand antwortete.

»Dann musst du eben klingeln!«

»Da ist keine Klingel«, stellte Charles fest.

»Na schön«, sagte Alys und hämmerte mit dem Baseballschläger so laut gegen die Tür, dass Claudia zusammenzuckte.

»Jetzt ist sie bestimmt wach«, bemerkte Janie und kicherte.

»Sie war auch schon vorher wach, aber sie kann die Tür nicht öffnen«, sagte Claudia, »weil sie Pfoten hat!«

Alys warf ihr einen Blick zu, dann musterte sie die Tür. »Hier, halt mal«, sagte sie schließlich und reichte Claudia die Taschenlampe, bevor sie vorsichtig den Türknauf zu drehen versuchte. »Es ist jedenfalls nicht abgeschlossen.« Langsam schob sie die Tür einige Zentimeter weit auf. Sie knarrte genauso wie die Türen in einem Horrorfilm. »Ich gehe voran. Und du hältst weiter die Taschenlampe, Claudia.«

Claudia war dicht hinter Alys, als diese die Tür ganz aufdrückte und eintrat. Die Taschenlampe warf eine Ellipse aus weißem Licht über den Boden und die Wände in dem riesigen, dunklen Raum. Charles heftete sich an Claudias Fersen und blies ihr seinen Atem ins Ohr und Janie schob sich hinter ihrem Bruder herein.

»Wir sind da-a!«, rief Claudia zaghaft in die dunkle Stille. »Wir sind alle da«, fügte sie hinzu. Der Schein der Taschenlampe fiel auf einen großen glänzenden Kronleuchter unter der Decke und einen Spiegel links an der Wand, aber die Füchsin war nirgends zu sehen.

»Gehen wir!«, flüsterte Charles. »Niemand zu Hause.«

Genau in diesem Moment fiel die Tür hinter ihnen mit einem lang gezogenen Knarren ins Schloss. Charles schrie entsetzt auf, entriss Claudia die Taschenlampe und richtete sie auf die Tür. Der Lichtkegel fing Janie ein, die noch immer eine Hand auf dem Türknauf hatte. Janie kicherte wie verrückt.

»Du dumme Nuss!«, zischte Alys und ließ den Baseballschläger sinken. »Ich hätte dir beinah eine über den Schädel gezogen.«

»Scht!«, machte Claudia. »Ich hab was gehört. Dort drüben.«

Charles richtete die Taschenlampe wieder nach vorn. Ein Augenpaar leuchtete ihnen aus der Dunkelheit entgegen. Und dann schwang sich die Füchsin mit einem Satz auf einen umgekippten Stuhl.

»Ihr seid alle vier gekommen«, sagte sie. »Gut. Ich hatte schon befürchtet…«

Was sie befürchtet hatte, erfuhren die vier Geschwister nicht mehr, denn Alys taumelte stöhnend zurück und prallte heftig mit Charles zusammen, der vor Schmerz aufbrüllte und die Taschenlampe fallen ließ, die prompt auf dem Boden erlosch. Janie tastete hektisch nach einem Lichtschalter umher und stieß Charles versehentlich ins Auge, sodass dieser erneut losbrüllte.

»Der Schalter ist auf der anderen Seite«, ertönte die Stimme der Füchsin trocken aus der Dunkelheit. Janie vollführte an der Wand neben der Tür eine weit ausholende Bewegung, traf tatsächlich etwas mit der Hand und Licht flammte auf.

Wie auf Kommando drehten sich alle Kinder gleichzeitig um und starrten das Tier an. Alle atmeten schwer.

»Jetzt ist aber Schluss mit dem Unfug«, sagte die Füchsin. »Ich habe nämlich eine sehr wichtige Angelegenheit mit euch zu besprechen, und ich will keine Schläge«– an Alys gewandt– »und keine Brüllerei«– ein Nicken zu Charles– »und keine sinnlosen Einwände«– ein vielsagender Blick in Janies Richtung. »Ist das klar? Dann setzt euch hin und passt auf!«

Claudia war allerdings die Einzige, die sich hinsetzte, ansonsten schien keiner der anderen gewillt zu sein, aufzupassen. Janie stand wie versteinert da. Charles torkelte wie betrunken zwischen der Füchsin auf dem Stuhl und der Hintertür hin und her, während Alys versuchte, das Tier mit dem Baseballschläger zu attackieren.

»Lass das!«, mahnte die Füchsin.

»Du… oh… wow«, sagte Alys. Zumindest klang es so. Sie ließ den Baseballschläger über dem Kopf der Füchsin kreisen.

»Okay, okay, ich kann sprechen. Ich bin sogar– die Vertraute einer Hexenmeisterin, um die ganze Wahrheit zu sagen. Aber ich bin nicht böse und ich will euch nichts tun. Im Gegenteil, ich brauche dringend eure Hilfe.«

»Hilfe… Hilfe…«, jammerte Charles. Später sollte er darauf beharren, dass er nur die Worte der Füchsin wiederholt habe.

Währenddessen fiel Alys’ panischer Blick auf Claudia, die nur Zentimeter von der Füchsin entfernt saß. Mit einem gurgelnden Laut warf sie sich zwischen ihre kleine Schwester und das Tier, packte Claudia am Kragen und wollte sie mit einer Hand wegzerren, ohne den Baseballschläger in der anderen loszulassen.

»Nein!«, rief Claudia. »Alys, nein!« Sie ließ sich auf den Bauch fallen und umklammerte Alys’ Fußknöchel. »Alys, bitte!«

Aber Alys packte sie nur umso energischer. Ihr starrer Blick zeugte von einer geradezu irrsinnigen Entschlossenheit. Claudia fest im Griff, schob sie sich unbeholfen rückwärts zur Tür, wobei sie alle paar Sekunden drohend den Schläger in Richtung der Füchsin schüttelte. Auf dem Boden lagen überall Bücher und allerlei Krimskrams verstreut, und jedes Mal, wenn Claudia darüberrutschte, jaulte sie auf. Die Füchsin beobachtete das Geschehen erstaunt und verächtlich zugleich.

»Alys«, wimmerte Claudia. »Alys, hör auf!« Aber Alys prallte bereits gegen die Tür und tastete nach dem Knauf.

»Alys!«, brüllte Claudia nun voller Verzweiflung. Eine Verzweiflung, die Alys schließlich zum Innehalten veranlasste. Erstaunt blinzelte sie in das kleine Gesicht ihrer Schwester. »Alys, hör mir endlich zu!«

Tatsächlich beruhigte sich Alys und hörte auf, hektisch nach Luft zu schnappen. Claudia ließ Alys’ Knöchel los, richtete sich auf und rieb sich den Bauch. Sie warf einen Blick auf die Füchsin, dann schaute sie zu ihrer Schwester hoch.

»Sie will uns nichts tun, Alys«, erklärte sie leise. »Sie braucht uns.«

Alys folgte Claudias Blick zu der Füchsin, die ernst ihren rotgoldenen Kopf neigte.

Schließlich gab sich Alys geschlagen. Langsam ließ sie den Baseballschläger sinken, bis er ihren kraftlosen Fingern entglitt. Dann warf sie einen letzten Blick durch den Raum, als verabschiede sie sich von jeglicher Hoffnung auf Vernunft, und kniete sich auf den Boden.

Charles wiegte sich noch einen Augenblick lang auf den Fersen, dann setzte auch er sich abrupt hin. Nur Janie war noch auf den Beinen, umkreiste die Füchsin und betrachtete sie neugierig aus allen Richtungen.

»Holografische Projektion?«, überlegte sie laut.

»Setz dich hin und halt den Mund!«, fuhr die Füchsin sie ungeduldig an. »Okay, du darfst mich berühren, wenn es unbedingt sein muss, aber schnell. Ich habe eine lange Geschichte zu erzählen und nur wenig Zeit dafür.«

Nachdem sich Janie von der Echtheit der Füchsin überzeugt hatte, starrte sie ungläubig auf ihre Finger, bevor ein merkwürdiges Lächeln ihr Gesicht erhellte; das Lächeln eines Menschen, der zwar nicht herausfinden kann, wie ein Zauberer sein Kunststück vollführt, der sich aber trotzdem nicht täuschen lassen wird.

»Jetzt setz dich!«

Und Janie setzte sich.

»So, und nun hört mir bitte aufmerksam zu«, begann die Füchsin energisch. »Ihr und eure Welt seid nämlich in schrecklicher Gefahr…«

»Hä? Unsere Welt?«, wiederholte Charles verständnislos.

»…denn in nur zwei Wochen«, fuhr die Füchsin unbeirrt fort, »in der Nacht der Wintersonnenwende, werden die Spiegel jedermann offenstehen, und Cadal Forge kann hindurchgelangen. Und er wird hindurchgelangen, falls es Morgana vorher nicht gelingt, hierherzukommen und ihn auszusperren.«

»Cadal Forge …Morgana?«, stammelte Alys.

»Morgana Shee ist meine Herrin und die Herrin dieses Hauses und die mächtigste Hexe ihrer Zeit. Und sie ist verraten, gefangen genommen und eingekerkert worden, und wer weiß was sonst noch alles! Und nun ist es an uns, sie zu retten, denn sie ist die einzige Person, welche die Spiegel schließen kann! Also?« Sie musterte die Kinder, ihre Augen wie zwei goldene Lämpchen. »Werdet ihr mir helfen? Und euch selbst vor Sklaverei und Vernichtung bewahren? Oder wollt ihr hier untätig herumsitzen und auf euren Untergang warten?«

Stille. Schließlich regte sich Alys. »Es tut mir wirklich leid, dass ich auf dich losgegangen bin«, erwiderte sie. »Aber ehrlich gesagt, habe ich nicht die leiseste Ahnung, wovon du sprichst.«

Die Füchsin seufzte. »Natürlich. Ich muss das alles genauer erklären.« Sie zögerte einen Moment, als wisse sie nicht, wo sie beginnen sollte. Dann sagte sie: »Ich nehme an, man hat euch Kinder gelehrt, nicht an Magie zu glauben?«

»Na ja…«, antwortete Alys zögernd.

»Natürlich hat man euch das gelehrt. Und zu Recht. Denn es gibt keine Magie in eurer Welt– nichtmehr, oder wenn, dann nur noch herzlich wenig. Aber das bedeutet nicht, dass es nie welche gegeben hat. Die Welt, aus der die Magie stammt, wird Findahl– oder in eurer Sprache Wildworld– genannt, eine wilde, ungezähmte, magische Welt. Und sie ist oder war durch unzählige Übergänge mit eurer Welt hier verbunden. Die Quislais sind als Erste auf diese Übergänge gestoßen. Die Quislais– nun, ihr kennt sie wahrscheinlich als Elfen– wanderten daraufhin in die menschliche Welt, und schon bald folgten ihnen andere Völker aus der Wildworld– Magyr, Elementarwesen und Bestien, die ihr nur aus den Legenden kennt.

In jenen Tagen kam dieses wilde, magische Volk zwar gut zurecht auf der Erde, Irenahl, wie sie in der Welt der Magie genannt wird, oder auch Stillworld. Aber die meisten von ihnen haben sich nie wirklich wohlgefühlt in eurer Zivilisation. Und schließlich haben sich die Menschen gegen die Magie gewandt und damit angefangen, Hexen zu verbrennen. Die größten Magyr waren zu mächtig, um gefangen genommen zu werden, aber viele der geringeren wurden getötet, und diese furchtbare Hetzjagd entfremdete die magische Welt endgültig von eurer. Das wilde Volk beschloss, sich ganz von der Erde zurückzuziehen.

Der Rat der Weerul, das oberste Gremium von Findahl, verfügte, dass das gesamte Volk in seine eigene Welt evakuiert und die Übergänge für immer geschlossen werden sollten. Von da an würden die Menschen in der Stillworld und das magische Volk in der Wildworld eingeschlossen sein, und es sollte nie wieder eine Verbindung zwischen den beiden Welten geben. Sofort wurden Pläne entworfen, um dieses Gesetz zu verwirklichen, doch eine einzige Person wagte es, die Stimme zu erheben und zu protestieren– Morgana.« Die Füchsin hob den Kopf und musterte die Kinder grimmig. »Meine Herrin ist schon immer eine Rebellin gewesen, aber hier ging es um mehr. Ihr müsst nämlich wissen, dass sie sich kurz vor dieser Großen Trennung verliebte, in einen Traumsänger, einen jungen Mann vom Indianerstamm der Yumas. Er war fast noch ein Junge, aber sie liebte ihn abgöttisch. Und sie hatte nicht die Absicht, ihn für irgendwen oder irgendetwas aufzugeben. Der Rat der Weerul ist zwar mächtig«, fuhr die Füchsin fort, »aber, oh, meine Herrin ist schlau! Sie trat mit einem einzigartigen Argument vor ihn hin. Denn obwohl Morganas Mutter eine Quislais war, war ihr Vater menschlich, und so wandte sie ein, dass sie durch einen früheren Erlass des Hohen Rates verpflichtet sei, die Hälfte ihrer Zeit in der menschlichen Welt und die andere Hälfte in der magischen Welt zu verbringen. Die Sache wurde heiß diskutiert, und Thia Pendriel, ein Mitglied des Rates, führte die Opposition an. Am Ende jedoch verfügte der Rat, dass ein einziger Übergang, die Große Küstenpassage am Pazifik, offen gelassen werden und dass Morgana die Kontrolle darüber erhalten sollte– unter einer Bedingung: Sie durfte diesen Übergang ausschließlich für sich selbst nutzen und nie, niemals auch nur einen einzigen Menschen durchlassen. Verstieß sie dagegen, würden sowohl sie als auch der betreffende Mensch mit dem Tode bestraft werden.«

»Die Große Küstenpassage, wo ist die denn?«, fragte Charles neugierig.

»Sie ist natürlich hier, du Dummkopf!«, erwiderte die Füchsin. »Du sitzt darauf! Nein, steh nicht auf, du wirst schon nicht versehentlich hineinfallen. Dafür hat Morgana gesorgt. Versteht ihr jetzt: Sie hat dieses Haus direkt über der Passage errichtet, und am anderen Ende der Passage, in der magischen Welt, hat sie ein weiteres Haus gebaut, das Gegenstück zu diesem hier. Und dann hat sie die gesamte Macht der Großen Passage gebannt und ihrem Willen unterworfen und sie in eine Anzahl kleinerer Passagen aufgeteilt, welche die beiden Gebäude miteinander verbinden. Und die Übergänge zu diesen Passagen sind die Spiegel.«

»Die Spiegel«, hauchte Claudia.

»Ja. Das hier ist Fell Andred, das Spiegelhaus. Und wenn ihr durch einen Spiegel in diesem Wohnzimmer geht, werdet ihr euch genau eineinhalb Sekunden später in der großen Halle von Morganas Burg in der Wildworld wiederfinden– gesetzt den Fall, ihr geht beim Schein des Mondes und seid im Besitz des Amuletts. Mit dem Amulett hat Morgana nämlich den Übergang vor den Menschen– und den anderen Magyrn– verschlossen. Dann ließ sie sich mit ihrem frisch angetrauten Ehemann in diesem Haus nieder, und er hat ihr freiwillig versprochen, sie niemals danach zu fragen, wo sie hinging, wenn sie verschwand. Aber der junge Traumsänger war eben auch nur ein Mensch und von unersättlicher Neugier, und… nun, gewiss könnt ihr das Ende der Geschichte erraten. Irgendwann konnte er seine Unwissenheit nicht länger ertragen. Er hat auf Morgana eingeredet, ihr geschmeichelt und sie angefleht, bis sie ein Amulett für ihn angefertigt und ihn mit in die magische Welt genommen hat– wo er prompt in Gefangenschaft geriet. Und Thia Pendriel hat ihn schließlich hinrichten lassen.«

»Ach herrje«, entfuhr es Alys, die sich gleich darauf auf die Zunge biss.

Die Füchsin ignorierte sie. »Morgana selbst wurde in Ketten gelegt und vor den Hohen Rat gebracht. Natürlich setzte sie sich zur Wehr, und bis sie dort ankam, hatte sie auch noch den Tod einer beträchtlichen Anzahl geringerer Magyr zu verantworten. Thia Pendriel wollte Morgana an einen Ort verbannt haben, an dem die Magie so ungebändigt ist, so unbeherrschbar, dass nur ein reinblütiger Quislais dort überleben und seinen Verstand würde retten können– in das Reich des Chaos. Es kam zum Kampf. Die Wächter des Hohen Rates, die Gefiederten Schlangen, setzten ihm zwar rasch ein Ende, aber in dem ganzen Tumult gelang es Morgana, zurück auf die Erde zu fliehen, wohin keiner der Magyr ihr folgen konnte. Daraufhin beschloss der Rat, dass es das Barmherzigste– und Praktischste– wäre, Morgana zum ewigen Exil in der Stillworld zu verbannen. Doch falls sie in die Wildworld zurückkehrte, wäre das ihr endgültiges Todesurteil. Morgana war das egal. Sie war ohnehin halb wahnsinnig vor Trauer über den Verlust ihres geliebten Ehemannes. Voller Zorn und Verbitterung warf sie ihren Goldenen Stab und ihr Zauberbuch fort, verschloss ihre magische Werkstatt und schwor, nie wieder die Spiegel anzurühren oder sich in den Wilden Künsten zu üben. Und sie hat ihr Versprechen gehalten. Bis vor einigen Tagen. Und jetzt passt gut auf! Denn jetzt komme ich zum eigentlichen Kern der Sache.«

Bevor irgendjemand beteuern konnte, dass sie schon längst ganz Ohr waren, fuhr die Füchsin auch schon fort: »In all den vielen Jahren, seit meine Herrin aus der Wildworld verbannt worden war, hatte sie völlig isoliert von dem magischen Volk gelebt, von jedem einzelnen Geschöpf. Nur nicht von Elwyn. Elwyn Silverhair, ihre Halbschwester. Elwyn, Tochter einer Königin der Elfen. Starrköpfig, leichtsinnig, verrückt! Wenn einer auch nur ein gutes Haar an ihr findet, werde ich auf der Stelle Vegetarierin!

Wie auch immer, ihr müsst wissen, dass Amulette für reinblütige Quislais wie Elwyn völlig belanglos sind. Reinblütige Quislais sind nämlich unsterblich und können nach Belieben durch jeden offenen Übergang schreiten und jede Passage durchqueren. Das Einzige, was Quislais aufhalten kann, ist ein Dornenzweig, den man in ihr Haar dreht. Tja, und wenn ihnen Amulette schon nichts bedeuten, dann bedeutet ihnen Anstand noch viel weniger. Was hat Elwyn nicht alles angerichtet! Sie lockte junge Männer in die Wildworld und brachte sie erst zwanzig Jahre später zurück, ließ Drachen frei und… Nun, je weniger darüber gesagt wird, umso besser… Auf jeden Fall aber blieb Morgana aufgrund Elwyns Elfenblut keine andere Wahl, als ihr zu erlauben, zu kommen und zu gehen, wie es ihr gefiel– bis vor ungefähr einem Jahrhundert. Da hatten die beiden einen schrecklichen Streit und seither hatten wir Elwyn nicht mehr gesehen. Doch dann kam sie letzte Woche plötzlich durch einen der Spiegel gestolpert. Sie lachte wie eine Wahnsinnige und ihr langes Haar flatterte hinter ihr her. Ich weiß nicht, was sie zu Morgana sagte, aber binnen zehn Minuten entwickelte sich erneut eine lautstarke Auseinandersetzung. Elwyn schwor einen Himmelsblitz herauf, und was der angerichtet hat, könnt ihr dort drüben sehen.« Die vier Geschwister drehten sich zu einer Wand des Wohnzimmers um, in deren Mitte ein Kreis von der Größe eines Hula-Hoop-Reifens verkohlt und geschwärzt war.

»Auch Morgana weiß natürlich ein oder zwei Zauberstückchen zu vollführen«, fügte die Füchsin trocken hinzu, und zum ersten Mal nahmen ihre gebannten Zuhörer die Verwüstung ringsumher bewusst wahr: Tische und Stühle waren umgestürzt und zerbrochen, Teppiche waren zerfetzt und alle möglichen Sachen lagen auf dem Boden verstreut. »Elwyn mag immun gegen Schmerz oder Furcht oder Tod sein, aber meiner Herrin ist es trotzdem gelungen, sie in ihre Welt zurückzujagen. Doch genutzt hat es wenig! Schon am nächsten Abend tauchte sie wieder auf und entschuldigte sich so formvollendet, dass ich sofort hätte Verdacht schöpfen müssen. Sie und Morgana haben stundenlang hinter einer verschlossenen Tür geredet, und als Nächstes holte Morgana ihr Grimoire hervor und fertigte ein Amulett für sich selbst und für mich an.« Die Füchsin reckte den Hals, und da sahen die Kinder, dass sie ein goldenes Halsband mit einem kleinen grünen Stoffbeutel daran trug.

»Dann erklärte sie mir, dass wir noch in derselben Nacht in die Wildworld reisen würden. Ich war natürlich ziemlich überrascht, wie ihr euch denken könnt, aber zum vereinbarten Zeitpunkt– eine Stunde nach Sonnenuntergang– hielt ich mich bereit. Leider musste ich feststellen, dass sie da bereits mit dieser elenden Elwyn fortgegangen war!

Als sie nicht zurückkehrte, begriff ich, dass etwas nicht stimmte. Am nächsten Tag habe ich mich deshalb allein auf den Weg durch den Spiegel gemacht, sobald der Mond aufgegangen war. Stellt euch nur vor, wie entsetzt ich war, als ich das Haus am anderen Ende der Passage vom Geruch fremder Magyr erfüllt vorfand! Und eine Duftspur war mir nur allzu vertraut: die von Cadal Forge! Ich spionierte ihn aus, und es gelang mir, seine Pläne zu belauschen. Und da verstand ich: Er hatte Elwyn überredet, Morgana in die magische Welt zurückzulocken, er ist derjenige, der Morgana gefangen hält. Denn wenn er seine Pläne verwirklichen will, braucht er freien Zugang zu den Spiegeln– und Morgana ist die Einzige, die ihm einen Strich durch die Rechnung machen könnte.

Als ich von seinen Plänen hörte, wollte ich kaum meinen Ohren trauen– dabei hätte ich schon vor langer Zeit begreifen sollen, wie verdorben er inzwischen war. Morgana kannte Cadal seit seinen Jugendjahren. Er war der jüngste Träger des mächtigen Roten Stabs in der Gilde. Er lebte in der menschlichen Welt genau wie sie. Sie waren beide voller Wissensdurst, und Cadal war sogar Lehrling eines menschlichen Alchimisten