Winter - Kaitlin Spencer - E-Book
Beschreibung

Die böse Schneekönigin ist erwacht … Prinzessin Snowflake vom Königreich Winter lebt mit der Last einer Prophezeiung auf ihren Schultern: Benutzt sie Magie, bricht sie den Bann, der die böse Schneekönigin in ihrem Verlies, in den Tiefen eines Berges, gefangen hält. Als Snowflake beim Winterball dem Krieger Niv das Leben rettet und dabei ihre magischen Fähigkeiten einsetzt, erfüllt sich die Prophezeiung und sie muss fliehen. Mithilfe von Niv versucht sie einen Weg zu finden, den Frieden nach Winter zurückzubringen. Denn nur sie allein kann die Verbannung erneut über die Schneekönigin legen. Für Snowflake und Niv beginnt eine gefahrvolle Reise durch die Weiten von Winter… Neuveröffentlichung (zuvor unter dem Titel "Snowflake" erschienen) Winter ist das erste von vier geplanten Jahreszeitenmärchen. Alle Geschichten sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden.

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Seitenzahl:240

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Sammlungen



Für meine Mutter –

von ihr habe ich meine Liebe zu Worten und Büchern.

Ich wünschte, sie wäre noch bei mir.

Es war einmal eine Prinzessin,

geboren in einem Land bedeckt von Eis und Schnee,

mit einem mutigen Herzen und reiner Seele.

Eine selbstlose Tat,

gewirkt mit kristallklarer Magie,

bringt hervor eine Veränderung für

das Königreich Winter.

Auferstehen wird dadurch eine Gefahr für das Land

und die Menschen,

die in ihm leben.

Die Bedrohung niederringen kann nur die Eine,

die hervorgebracht,

was nun geschieht.

Gelingt ihr dies nicht,

wird herrschen ewige Nacht und tödliche Kälte

für alle Zeit …

Beginnen Märchen nicht stets mit: Es war einmal …? Nun, dann soll jene Geschichte auf diese Weise beginnen:

Es war einmal vor langer Zeit im Königreich Winter …

So dunkel. Wieso war es nur so dunkel? Und diese flüsternden, raunenden Stimmen um sie herum, die von allen Seiten zu kommen schienen.

Schwerfällig öffnete Jorinda die Augen. Sie war so müde, als entzöge ihr etwas die Kraft. Sie förmlich aus ihr heraussaugen. Nur mit Anstrengung gelang es ihr, den Kopf zu drehen und sich umzuschauen. Verschwommen nahm sie Schemen wahr, die in einem Kreis um sie herumstanden. Gekleidet in lange schwarze Kutten, die Gesichter durch Kapuzen verdeckt. Es kostete sie einige Kraft, sich auf die Seite zu drehen und sich aufzurichten.

Wo war sie? Wie war sie hierhergekommen? Sie erinnerte sich an einen kleinen Stich im Nacken, bevor alles um sie herum schwarz geworden war. Hatte man sie betäubt und entführt? Wer wagte es, sich gegen sie aufzulehnen? Sie, die erhabene Herrscherin über alles Leben in Winter. Zorn flammte in ihr auf und verlieh ihr neue Kraft. Schwankend kam sie auf die Füße. In ihren Augen spiegelten sich die Flammen wider, die hinter dem Kreis aus Menschen züngelten. Genauso brennend wie das Feuer loderte auch der Hass in ihrem Inneren.

»Ihr wagt es, euch gegen mich zu stellen?«, schrie sie erbost.

Das Murmeln der Stimmen wurde lauter und Jorinda verstand schließlich die Worte. Es waren uralte Beschwörungsformeln. Dazu gedacht, das Böse zu bannen und für ewig zu binden. Wütend drehte sie sich und versuchte jeden einzelnen der vermummten Gestalten zu erkennen, doch ihre Gesichter waren verborgen unter den Kapuzen der Kutten. Magische Symbole, die Schutz bieten sollten, waren auf ihre Hände gemalt.

Schließlich trat eine Person vor, enthüllte ihr Gesicht und sah Jorinda schweigend an.

»Ich kenne dich«, rief sie. »Du bist Meister Lotan. Der Lehrer meiner Schwester.«

»Prinzessin Jorinda, Verräterin an Winter«, sagte der Mann mit ruhiger, getragener Stimme, »du bist hier, weil du verurteilt wurdest für deine Verbrechen, die du gegen das Volk von Winter begangen hast. Für die Ermordung vieler Unschuldiger, für das Leid, welches du verursacht und über die Menschen gebracht hast.«

Sie lachte. Dieser klägliche Haufen wollte sie bestrafen? Sollten sie es doch versuchen. Sie war zu mächtig, als dass es ihnen gelingen könnte. Sie war die Schneekönigin. Die einzig wahre Herrscherin über Winter. Niemand konnte ihr das streitig machen.

Ihr Zorn steigerte sich weiter. Ein wütender Schneesturm wallte auf, doch er konnte die schützende Barriere, die diese in Kutten gekleideten Gestalten umgab, nicht durchdringen. In ihrer Entrüstung schleuderte sie Geschosse aus Eis auf Meister Lotan, der keinen Schritt wich, denn nicht einer dieser Eispfeile erreichte ihn. Sie zerbarsten im Flug in Tausende kleiner Stücke, die auf den Boden rieselten und keinen Schaden anrichteten.

»Hör mir zu, Schneekönigin«, gebot Meister Lotan, »denn die Nachricht, die ich für dich habe, ist von großer Bedeutung: Wir haben ein Urteil über dein Schicksal gefällt.«

Hass flammte in den Augen der Schneekönigin auf. »Ihr könnt mich nicht besiegen!«, raste sie vor Zorn.

»Gemeinsam sind wir stärker als du«, erwiderte der Magier ungerührt. »Nun höre, was ich zu sagen habe: Du wirst in die tiefste Tiefe eines Berges geschickt, gefangen in todesähnlichem Schlaf. Niemand kann zu dir gelangen. Du wirst Winter und all seine Menschen vergessen.«

Wütend kreischte die Schneekönigin und ihr sonst so schönes Gesicht war zu einer abstoßenden Fratze verzogen.

»Du hast genug Leid und Tod über dieses Königreich gebracht. Nun erhältst du die gerechte Strafe für all deine Taten, sodass in Winter das Glück wieder Einzug hält.«

»Das könnt ihr nicht tun«, schrie die Schneekönigin. In ihre Rage mischten sich Entsetzen und Verzweiflung, als sie einen magischen Sog spürte, der an ihr zerrte. »Selbst wenn ihr mich fortschickt, werde ich eines Tages zurückkehren, und meine Rache wird ohne Gnade sein.«

»Wir verbannen dich«, vernahm sie noch einmal Meister Lotans Worte. »Fortan wirst du keine Bedrohung mehr für dieses Königreich sein. Du sollst zu einer Mär verblassen, weil die Menschen beginnen werden, dich zu vergessen.«

Der Sog wurde stärker und stärker. Als sie auf ihre Hände sah, waren sie durchscheinend wie Glas. Finger für Finger, Gliedmaße für Gliedmaße löste sie sich auf. Wurde fortgetragen, gar gezerrt, von einer Macht, der sie nichts entgegenzusetzen vermochte.

»Das dürft ihr nicht tun!«, kreischte die Schneekönigin erneut, und Angst mischte sich in ihre schrille Stimme. Für einen winzigen Augenblick war die gutherzige, liebevolle Prinzessin zu erkennen, die sie einst gewesen war.

»Wir können und wir werden zu Ende führen, was wir begonnen haben«, erwiderte Meister Lotan und blickte ihr ruhig in die Augen. »Ohne Gnade. So wie auch du ohne Erbarmen warst.«

Die Stimmen um sie herum schwollen an.

Dann wurde sie in die Schwärze gesogen, und Stille senkte sich über sie.

***

Es war so dunkel. So still. Kein Laut drang an ihr Ohr. Kein Licht an ihre Augen. Sie schwebte durch das Nichts und die Dunkelheit.

Wie lange hatte sie geschlafen? Wie lange war sie schon fort aus Winter?

Etwas hatte sie geweckt. Ja, es war das Schreien eines neugeborenen Kindes. Eines Kindes, welches dasselbe Blut in seinen Adern hatte wie sie. Eines, das Hoffnung auf Freiheit für sie barg. Auf Vergeltung.

Noch musste dieses Kind wachsen. Doch eines Tages würde es sie befreien. Bis zu diesem Moment plante sie ihre Rache, die wie ein Schneesturm über das Land und seine Menschen fegen würde.

Ein grausames Lächeln umspielte den Mund der bösen Schneekönigin.

***

15 Jahre später

»Wir müssen etwas tun«, sagte eine männliche Stimme drängend. »Die Magie erwacht in ihr.«

»Seid Ihr Euch dessen sicher? Gut, ich spüre auch etwas, doch es erscheint mir keine wirkliche Bedrohung zu sein. Warum sprecht Ihr keinen neuen Bann?«

»Das können wir nicht. Die Versiegelung ihrer magischen Kräfte kann nicht erneuert werden. Das letzte Mal hat es uns all unsere Kraft gekostet. Wir können den Zauber nicht erneut sprechen. Es wäre zu gefährlich. Damit würden wir riskieren, dass ihre Magie durch einen Riss in der Barriere entweichen kann, wenn wir nicht schnell genug agieren, Regentin. Ihr wisst, was das für unsere Zukunft bedeuten würde: Ihre Magie würde wirken und die Schneekönigin zurückkehren«, erwiderte der Mönch. »Womöglich ist es an der Zeit, ihr die Wahrheit zu sagen, anstatt sie in dem Glauben zu lassen, die Prophezeiung sei zwar gefährlich, könne aber nicht eintreten.«

»Sie hat ihr Leben lang mit dem Wissen gelebt, dass sie eine Gefahr für das Königreich darstellt. Weil wir nicht wussten, wann und ob sich ihre Magie Bahn bricht.« Die Regentin atmete tief durch. »Ich hoffe, der Unterdrückungszauber wird auch zukünftig halten. Bemüht Euch wie ich um Zuversicht. Das ist es, was ich zu tun gedenke.«

»Ich habe Euch bereits vor Jahren gewarnt. Ihr hättet auf mich hören sollen. Zuversicht allein wird uns nicht vor der Erfüllung der Prophezeiung bewahren.«

»Dann bleibt uns immer noch die Hoffnung.«

Snowflake stand einen Moment wie versteinert hinter dem Vorhang und wagte nicht, sich zu bewegen. Sie hatte nicht lauschen wollen. Es war einfach so passiert. Alles, was sie getan hatte, war, in dieser Nische hinter einem alten Samtvorhang zu sitzen und zu lesen, als sie die Stimmen bemerkte. Sie wollte nicht entdeckt werden und verhielt sich deshalb still. Vielleicht hätte sie sich die Ohren zuhalten sollen, doch die Neugier war stärker gewesen. Nun wusste sie nicht, ob es gut war, dass sie es gehört hatte.

Ein heftiges Kribbeln zuckte in ihren Fingerspitzen. Etwas, das sie bis vor wenigen Tagen noch nie verspürt hatte. Ein einzelner Funken löste sich von ihrer Hand, die sie erschrocken zur Faust ballte. Was geschah nur mit ihr? Nie war da etwas gewesen und nun plötzlich das? War es das, wovon die Regentin gesprochen hatte? Aber in ihr gab es doch keine Magie. Jedenfalls wurde ihr das immer erzählt.

Was immer es war, das da in ihr erwachte, sie durfte niemandem davon erzählen. Sie musste dagegen ankämpfen. Keiner durfte davon erfahren, denn sonst wäre ihr Leben noch einsamer, als es ohnehin schon war.

Kapitel 1 

»Beim heiligen Schneesturm! Haltet endlich still, Prinzessin«, schimpfte die königliche Hofschneiderin und verzog missgelaunt den Mund. »Wie soll ich den Saum Eures Ballkleides abstecken, wenn Ihr herumzappelt wie ein im Netz gefangener Fisch?«

Empört kniff Madame Fleur die Augen zusammen, sodass ihr Monokel hinabfiel und über ihrer ausladenden Brust an einer Silberkette baumelte. Snowflake fühlte den kritischen Blick beinahe körperlich. Unwillkürlich fragte sie sich, wie die Hofschneiderin es schaffte, sich in all diese Mieder und Stoffbahnen gequetscht überhaupt noch zu bewegen.

»Mon dieu, keiner soll behaupten können, Madame Fleur hätte das Kleid der Prinzessin verpfuscht!«

Snowflake bemühte sich ja stillzustehen, doch seit einer Stunde balancierte sie nun schon auf diesem Podest, während die Schneiderin und ihre Gehilfinnen an ihr herumzupften, dort absteckten, hier Maß nahmen, sie mit Nadeln pikten oder einfach nur dastanden, die Köpfe zusammensteckten und miteinander beratschlagten. Dabei warfen sie immer wieder undefinierbare Blicke in ihre Richtung, unter denen sich die Prinzessin unwohl zu fühlen begann. Sie erinnerten Snowflake an schnatternde Gänse. Und mit den Federboas, die sie nach neuester Mode um den Hals trugen, sahen sie auch beinahe so aus. Als wäre es nicht schon schlimm genug gewesen, den halben Tag mit Meister Lotan zu verbringen, dessen Unterricht wenig anregend war. Sie musste auch noch hier herauf in dieses zugige königliche Ankleidezimmer kommen. Es war einstmals von ihrem Vater für ihre Mutter eingerichtet worden und wurde nur noch selten genutzt, seit ihre Eltern nicht mehr lebten. In dem Zimmer roch es muffig und ein Teil der Möbel war mit weißen Stoffbahnen bedeckt, um sie vor dem Verstauben zu schützen. Dennoch gab es hier genug Staub, der sie lästig in der Nase kitzelte, sodass sie nur mühsam ein Niesen unterdrücken konnte.

Snowflake mochte diesen Raum nicht, bedeutete es doch für sie, sich nicht rühren zu dürfen, wenn sie erst einmal hier drinnen war. Dann kam sie sich vor wie eine Schneiderpuppe, die Madame Fleur gnadenlos ausgeliefert war. Jedes Mal. Schon seit sie ein kleines Mädchen gewesen war. Sie seufzte. Alles Jammern und Klagen half nichts. Es würde niemand kommen, um sie zu retten. Kein Ritter in schimmernder Rüstung. Kein stattlicher Prinz auf einem Schimmel. Egal wie sehr sie es sich in diesem Moment wünschen mochte. Sie schaffte es ja nicht einmal, sich einfach in Luft aufzulösen oder schlicht unsichtbar zu werden.

Viel lieber wäre sie jetzt im Festsaal und würde beim Dekorieren für das bevorstehende Winterfest helfen, dem größten alljährlichen Ereignis dieses Königreichs, zu dem alle Bewohner der umliegenden Dörfer kamen, um gemeinsam fröhlich und ausgelassen zu feiern.

»Prinzessin, hört auf herumzuzappeln«, schalt sie die Schneiderin erneut und schnalzte missbilligend mit der Zunge. »Wie soll ich meinen Zauber mit Nadel und Faden wirken, wenn Ihr mich und meine Arbeit derart sabotiert? Das Winterfest ist in zwei Tagen und auf uns wartet noch eine Menge Arbeit. Schlaflose, arbeitsreiche Nächte, um für Euch ein Meisterwerk zu schaffen, wie es bisher keiner jemals gesehen hat.« Madame Fleur hielt kurz inne, bevor sie erneut ihre Finger virtuos tanzen ließ, sodass sich die Nähutensilien wie von Zauberhand bewegten und ihre Tätigkeit fortsetzten. »Wäre es denn zu viel verlangt, wenn Ihr mir und meinen Kreationen etwas mehr Respekt entgegenbringen würdet? Ich bin mir sicher, dass ich ein wenig Achtung verdient habe. Immerhin habe ich bereits die Kleider Eurer Mutter genäht. Und sie hielt still, wenn an ihr gearbeitet wurde.«

Snowflake hörte der Schimpftirade der Hofschneiderin nicht länger zu und hing stattdessen ihren eigenen Gedanken nach.

Die Prinzessin wusste, wie sie selbst den Festsaal dekorieren würde: Fichtenzweige mit silbernen Bändern umwickelt, Stechpalmenzweige mit leuchtend roten Beeren, bunte Girlanden und mit Glasornamenten geschmückte Tannenbäume. Snowflake liebte besonders diese Ornamente, die im Licht funkelten und glitzerten wie geschliffene Diamanten. Geformt wie kleine Schneeflocken, jede einzigartig wie in der Natur. Es gab Schneemänner, Tannenzapfen, sogar tanzende Einhörner, die magischen Schnee aufwirbelten, und so viele verschiedene andere Formen und Figuren, dass es eine wahre Freude war. Dafür waren die Glasbläser bis weit über die Grenzen von Winter hinaus bekannt und trieben damit Handel. Auf dem Fest würde nicht nur der gläserne Schmuck funkeln. Alles würde glänzen, blitzen und schimmern, beleuchtet von Hunderten weißer Kerzen, die extra für das Winterfest gezogen und mit Schneeflocken aus silberfarbenem Wachs verziert wurden. Das warme Licht der kleinen tanzenden Flammen schuf stets eine Atmosphäre, die Snowflake das Herz mit Freude erfüllte und ihr ein Lächeln aufs Gesicht zauberte. Die Wärme des Kerzenscheins spiegelte sich in den Augen und auf den Gesichtern der Menschen wider. Für einen Abend kannte niemand Kummer oder Sorgen. Alle erfreuten sich am Tanz, am Essen und an der Gemeinschaft. Doch statt beim Dekorieren helfen zu können, musste sie die Qual einer Anprobe hinter sich bringen. Es fiel ihr schwer, ein Seufzen zu unterdrücken.

»Autsch«, entfuhr es ihr, als sie erneut von einer Nadel gepikt wurde.

»Stellt Euch nicht so an, Prinzessin«, tadelte Madame Fleur. »Immerhin werdet Ihr durch meine Kunst die Schönste auf dem Ball sein.«

Als ob mir daran gelegen wäre, dachte Snowflake und verzog unwillig das Gesicht.

Nach einer gefühlten Ewigkeit wurde sie schließlich mit einer gnädigen Miene seitens Madame Fleurs entlassen und stieg erleichtert von dem Podest. Kaum hatte man ihr aus dem Ballkleid herausgeholfen, schlüpfte sie auch schon in ihr Alltagskleid aus dunkelblauem Wollstoff, dessen Rocksaum mit schneeflockenbestickten Borten verziert war, und wollte davoneilen. In Madame Fleurs Augen war dieses Kleid bereits zu abgetragen für eine Prinzessin, doch Snowflake liebte es und wollte sich nicht davon trennen.

»Wir sehen uns morgen Nachmittag noch einmal zur selben Stunde«, bestimmte die Schneiderin streng. »Und verspätet Euch nicht.«

»Natürlich, Madame Fleur«, versprach Snowflake ein wenig halbherzig und knickste flüchtig, um einen artigen Eindruck zu hinterlassen.

Fluchtartig verließ sie das königliche Ankleidezimmer. Im Laufen schloss sie noch hastig die kleinen weißen Knöpfe an den langen Ärmeln ihres Kleides. Auf dem Weg zum Festsaal machte Snowflake einen Abstecher zur Küche, um sich etwas zu essen zu besorgen. Unten im Küchentrakt der Burg herrschte bereits geschäftiges Treiben, als sie eintrat. So kurz vor dem jährlichen Winterfest ging es hier stets zu wie im Taubenschlag. Die Vorbereitungen für das Fest waren bereits in vollem Gange. Kuchen, Hefekringel, Zimtschnecken und anderes Gebäck sowie die unterschiedlichsten kunstvollen Torten wurden hergestellt. Es duftete herrlich und Snowflakes Magen knurrte vor Hunger. Seit einem mageren Frühstück hatte sie nichts mehr gegessen, wie ihr jetzt einfiel. Kein Wunder, dass ihr beim Anblick dieser Köstlichkeiten förmlich das Wasser im Mund zusammenlief.

Die Küchenmägde und Köche grüßten sie, und Snowflake erwiderte die Grüße, während sie überlegte, ob sie sich ein Küchlein stibitzen oder lieber etwas von dem frisch gebackenen Brot nehmen sollte. Die Verlockung durch das Süße war eindeutig größer. Also ging sie hinüber zu den Bäckern, wo die Küchlein zum Auskühlen auf den Tischen standen.

»Prinzessin Snowflake«, schimpfte Bertha, die erste Hofbäckerin, und gab ihr einen Klaps auf die Finger, »nehmt gefälligst Eure Hände weg von meinen Kuchen. Die sind nicht für Euch.«

»Ich habe Hunger«, protestierte Snowflake halbherzig.

»Dann besorgt Euch Brot. Das wird Euch sättigen. Und hört auf, Euch an meinem Gebäck zu vergreifen.« Sie winkte die Prinzessin fort. »Husch, geht schon, ich habe zu tun. Die Vorbereitungen für das Fest erledigen sich nicht von allein und Ihr stört mich dabei. Sollte ich Euch noch einmal hier bei mir erwischen, könnt Ihr Euch auf einen weiteren Klaps auf die Finger gefasst machen.«

»Wie kannst du nur so hartherzig zu mir sein?«

»Ihr werdet es überleben. Und nun weiter mit Euch.«

Ergeben trollte sich Snowflake, während ein Lächeln ihre Mundwinkel umspielte, und besorgte sich an anderer Stelle einen Kanten frisch gebackenen Brotes, dessen Kruste herrlich krachte. Im Gehen biss sie hinein und setzte ihren Weg zum Festsaal fort. Als Snowflake um die nächste Ecke bog, hörte sie jemanden ihren Namen rufen. Irritiert blieb sie stehen und drehte sich um. Juna, die Snowflake von Kindesbeinen an kannte und ebenso lange mit ihr befreundet war, kam auf sie zugeeilt.

»Snow, gut, dass ich dich treffe«, rief sie aufgeregt und ein wenig außer Atem.

»Ist etwas passiert?«

Juna blieb neben Snowflake stehen und strahlte übers ganze Gesicht. »Weißt du, was ich gerade erfahren habe?«

»Nein«, erwiderte Snowflake schulterzuckend, »aber sicher wirst du es mir gleich sagen.« Geheimnisse und Neuigkeiten waren nun wirklich nichts, was Juna lange für sich behalten konnte.

»Der Prinz aus Sommer kommt zum Winterfest«, platzte es da auch schon aus ihr heraus. »Ist das nicht herrlich?«

Überrascht sah Snowflake sie an. »Prinz Ayris? Wirklich? Wieso sollte er das tun?«

»Weil deine Patin ihn eingeladen hat«, erklärte ihre Freundin und sah dabei reichlich selbstzufrieden aus, wie eine Katze, der es gelungen war, an einem Topf Sahne zu schlecken. Junas hübsches Gesicht verzog sich zu einem verträumten Lächeln und sie schürzte ihre vollen roten Lippen, als dächte sie darüber nach, wie es wäre, einen Prinzen zu küssen.

Snowflake hätte sich beinahe an ihrem letzten Stück Brot verschluckt, musste husten und runzelte die Stirn. Sehr merkwürdig. Zum Winterfest waren bisher noch nie Gäste aus anderen Königreichen eingeladen worden. Weshalb also jetzt? Und wieso ausgerechnet der Prinz aus Sommer? Diesem arroganten und selbstverliebten Kerl war sie schon das eine oder andere Mal bei offiziellen Anlässen begegnet, und sie konnte ihn beim besten Willen und trotz aller Bemühungen nicht ausstehen. Er mochte durchaus attraktiv sein, so genau wollte sie sein Äußeres nicht beurteilen, doch er war ganz bestimmt nicht das einzig wahre Geschenk an die Weiblichkeit, für das er sich hielt. Genauer betrachtet war er ein blasierter Einfaltspinsel mit einer Vorliebe für die Jagd, der sie von oben herab behandelte. Beim letzten Ball, bei dem sie sich begegnet waren, wurden sie von allen Seiten dazu gedrängt, miteinander zu tanzen, bis sie schließlich nachgaben. Ganz eindeutig war von ihrer Seite aus eine Menge Widerwillen dabei gewesen, als sie die Hand ergriff, die er ihr entgegenstreckte, und er sie zur Tanzfläche führte. Natürlich hatte er von der Prophezeiung um Snowflake gehört. Wer hatte das nicht? Es war weithin bekannt. So ließ sich wahrscheinlich der Blick erklären, den er ihr zuwarf und der nicht von höflicher Neugier, sondern vielmehr von Ablehnung zeugte.

»Tja, mit einem Makel wie dem Euren werdet Ihr wohl nie einen Gemahl finden«, sagte er in überheblichem Tonfall. »Bedauerlich, da Ihr durchaus hübsch anzusehen seid. Was für eine Verschwendung von gutem Aussehen und tadellosen Manieren. Ihr wärt sonst die Zierde eines Mannes, wenn Ihr nicht von einem solchen Stigma gezeichnet wärt.«

»Oh, Ihr solltet froh sein, dass ich bereits vor einer ganzen Weile gelernt habe, meine Magie unter Kontrolle zu halten. Nicht, dass ich Euch noch versehentlich in eine Kröte verwandle«, erwiderte sie zuckersüß und trat ihm, natürlich rein versehentlich, auf den Fuß, wofür sie sich wortreich entschuldigte.

»Ich dachte, Ihr verfügt über keine Magie«, hatte er entgegnet.

»Natürlich tue ich das. Über ein außergewöhnliches Maß sogar. Man lässt nur alle in dem Glauben, es wäre nicht so, um ihnen keine Angst einzujagen.«

Der Gedanke an seinen verkniffenen Gesichtsausdruck brachte sie auch jetzt noch zum Grinsen. Natürlich hatte sie ihm verschwiegen, was sie selbst erst vor einiger Zeit erfahren hatte: Ihre Magie war versiegelt worden, als sie noch ein Säugling war, sodass sie diese nicht unbeabsichtigt freisetzen konnte. Dennoch hatte sie stets mit der Prophezeiung im Rücken gelebt, eine der größten Gefahren für das Königreich Winter zu sein.

Seit einiger Zeit bemerkte sie, wie das Siegel zu bröckeln begann, von dem Meister Lotan vor ein paar Jahren gesprochen hatte, als sie zufällig ein Gespräch zwischen ihm und ihrer Patin belauschte. Es kam ihr so vor, als kribbelte die Magie unter ihrer Haut, fast als wäre sie lebendig und wollte an die Oberfläche dringen.

Wahrscheinlich hätte er sie noch abstoßender gefunden, hätte er es gewusst. Sie konnte nur ahnen, was in ihr schlummerte, doch ihrem Gefühl nach zu urteilen, musste es mächtig sein.

Ausgerechnet dieser Kerl sollte zum Winterfest kommen? Was hatte sich ihre Patin nur dabei gedacht?

»Du hörst mir überhaupt nicht zu«, beklagte sich Juna und riss Snowflake damit aus ihren Gedanken.

»Entschuldige«, murmelte sie. »Was hast du gesagt?«

»Prinz Ayris wird ganz bestimmt die strahlendste Persönlichkeit auf dem ganzen Fest sein. Er ist so wundervoll und gut aussehend. Hast du etwa vergessen, wie stattlich er bei dem Ball damals ausgesehen hat? Jede Frau und jedes Mädchen fand ihn überaus attraktiv. Wie die blonden Locken sein Gesicht umschmeichelt haben. Am liebsten würde man mit den Fingern hindurchfahren. Er ist ein unglaublich toller junger Mann«, schwärmte sie verträumt. »Leider wird er mich wohl keines Blickes würdigen«, seufzte Juna. »Schließlich bin ich nur eine Zofe deiner Patin. Außerdem kommt er wegen dir nach Winter.«

Snowflake schnaubte. »Er hält mich aufgrund der Prophezeiung für seiner unwürdig. Das hat er mir mehr als deutlich gezeigt.« Plötzlich stutzte sie. »Was meinst du damit, er kommt wegen mir?«, fragte sie argwöhnisch.

»Wie es scheint, wünscht die Regentin eine engere Verbindung zwischen Sommer und Winter. Und wie sollte es einfacher gehen als durch die Heirat der Erben beider Königreiche?« Junas Stimme wurde immer leiser, als sie den entsetzten Gesichtsausdruck der Prinzessin bemerkte.

»Meine Patin will was?« Snowflake klang beinahe hysterisch. »Sie will mich mit diesem Idioten verheiraten?«

»Sagt deine Patin nicht immer, dass es kein Leben ohne Verpflichtungen gibt? Deine sind eben anders als jene der übrigen Menschen des Königreiches.« Sie zog eine leichte Grimasse. »Zumindest verloben sollt ihr euch, um das Bündnis zu festigen. Als eine Art Vertrag. Das ist es, was ich gehört habe. Und er ist wirklich hübsch anzusehen.«

»Kein guter Trost, Juna.« Snowflake blickte finster drein. »Nur weil du ihn attraktiv findest, heißt das noch lange nicht, dass dadurch sein schlechter Charakter und seine Borniertheit ausgeglichen werden. Ich heirate ihn auf gar keinen Fall. Politische Gründe und Prophezeiung hin oder her.«

Ihr ganzes Leben lang hörte sie nichts anderes, als dass sie diejenige sein würde, die ihre Tante, die böse Schneekönigin, aus ihrem Gefängnis befreien und damit Leid und Tod über die Menschen von Winter bringen würde. Deshalb vergrub sie sich in Büchern, suchte Trost in wissenschaftlichen Themen, denn es half ihr, nicht über die Magie nachzudenken, die in ihrem Inneren schlummerte. An manchen Tagen schien ihr Körper geradezu vor aufgestauter kristallklarer und reiner Magie zu vibrieren, die sie nicht freilassen durfte, so wie es die Bewohner von Winter ganz selbstverständlich taten. Niemand durfte hinter ihr Geheimnis kommen und gleichzeitig durfte sie die Menschen nicht in Gefahr bringen.

»Vielleicht musst du ihm einfach die Chance geben, dich besser kennenzulernen«, meinte Juna. »Wer weiß, womöglich findest du ihn ja ganz nett, wenn du ihn erst einmal näher kennst, und hast Gefallen an seiner Gesellschaft.«

»Das bezweifle ich. Sehr sogar.«

Himmel, konnte dieser Tag noch schrecklicher werden? Eine bevorstehende Verlobung war schlimm. Wirklich schlimm. Besonders weil sie diese Nachricht so ohne Vorwarnung ereilt hatte. In ihr Entsetzen über diese Botschaft mischte sich Enttäuschung. Weshalb hatte ihre Patin ihr nichts von diesen Plänen erzählt? Immerhin handelte es sich hier um ihr Leben und ihre Zukunft. Warum musste sie es von Juna erfahren? Nicht, dass sie es nicht zu schätzen wüsste, es überhaupt zu erfahren. Und ausgerechnet Prinz Ayris hatte die Regentin für sie ausgewählt? Das war wie ein Schlag ins Gesicht für Snowflake, die immer geglaubt hatte, einmal aus Liebe und nicht aus politischen Gründen zu heiraten.

»Es tut mir leid«, entschuldigte sich Juna. »Wahrscheinlich hätte ich nichts sagen sollen. Ich dachte, du würdest dich vielleicht über diese Neuigkeit freuen. Ich weiß, dass ich es an deiner Stelle täte.«

»Dann heirate du ihn doch«, meinte Snowflake und bereute es im selben Moment. »Entschuldige bitte, es war nicht so gemeint. Es war dumm von mir, so etwas zu sagen. Ich wollte dich nicht verletzen.«

Sofort plagte Snowflake ein schlechtes Gewissen. Sie hätte nicht so harsch zu Juna sein sollen.

»Ich dachte, es wäre wichtig für dich, was Regentin Theodora mit einem ihrer Berater besprochen hat. Seit unseren Kindertagen bist du meine Gefährtin in allen Lebenslagen, und ich wollte dir helfen. Doch anscheinend bin ich für dich nichts anderes als eine kleine Dienerin, die an Türen lauscht und von einer Hochzeit mit einem Prinzen träumt. Ich hätte den Mund halten sollen.« Juna presste missmutig die Lippen zusammen.

»Nein, es ist gut, dass du es mir gesagt hast«, erwiderte Snowflake versöhnlich. »So bin ich wenigstens vorgewarnt. Du weißt, dass ich Überraschungen nicht leiden kann. Besser, ich erfahre es jetzt als beim Winterfest.«

»Ach, bin ich dir also doch nützlich?«, fragte Juna schmollend.

»Du bist meine beste Freundin. Ich bitte dich um Verzeihung.«

»Ich muss gehen«, sagte Juna unvermittelt.

»Sehen wir uns später zum Abendessen?«, fragte Snowflake und hoffte darauf, dass sie ihr bis dahin nicht mehr länger böse war.

»Sicher.«

Damit eilte Juna auch schon davon und ließ eine verwirrte Snowflake zurück.

Kapitel 2 

Am Morgen des Winterfestes war Snowflake schon früh auf den Beinen. Sie stand am Fenster ihres Zimmers, einen Schal aus dicker Wolle fest um die Schultern geschlungen, um sich vor der morgendlichen Kälte zu schützen. Da sich ihr Gemach hoch oben im Turm der königlichen Burg befand, erlaubte es ihr einen Blick über das weite, schneebedeckte Land, das ruhig und friedlich unter einer dicken weißen Decke lag. Ihr Blick wanderte über die kleinen Dörfer, die sie von hier oben sehen konnte, wenn der Morgen so klar war wie an diesem Tag. Von den Kaminen stieg Rauch auf und zeigte ihr, dass sie nicht die Einzige war, die früh aus dem Bett gefunden hatte.

Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne, die gerade über den Horizont stieg und den Himmel in kräftiges Rot und Orange färbte, fielen ihr ins Gesicht und belebten ihre Sinne. Eisblumen verzierten den äußeren Rand ihres Fensters mit wunderschönen Mustern, und sie nahm sich einen Moment Zeit, sie zu betrachten. Sie liebte dieses Land und seine Menschen. Den winterlichen Zauber, der stets über allem lag. Auch wenn die meiste Zeit Schnee fiel und Kälte herrschte, so waren die Herzen der Menschen mit Wärme erfüllt, und sie liebten das Lachen, das Leben, das Schlittschuhlaufen. Die Hütten und Häuser der Menschen waren mit liebevollen Bildern bemalt. Meist waren es tanzende Schneeflocken, die durch mit Magie angereicherte Farbe glitzerten, auch wenn die Sonne sie an einem trüben Tag nicht beschien. Die Dächer waren mit Schindeln aus blauem Ton bedeckt, den man in den südlichen Gebirgen von Winter finden konnte und den es nur in diesem Königreich gab. Nach einer verschneiten Nacht wurden morgens die Wege von den Bewohnern geräumt und man nutzte die Gelegenheit, um Neuigkeiten und Tratsch auszutauschen. Abends saßen sie an wärmenden Feuern beisammen, erzählten sich Geschichten von vergangenen Zeiten und magischen Wesen, sangen Lieder oder fertigten Dinge für den Alltag, seien sie nun nützlich oder schmückend. Es war ein friedvolles Leben, trotz allem, was Schnee und Eis den Menschen manchmal abverlangte.

Lange verharrte Snowflake nicht am Fenster, denn es war reichlich kalt an diesem Morgen, und so beschloss sie, ihr Tagwerk zu beginnen, bevor ihr noch kälter wurde.

Die zwei Tage bis zum Winterfest waren wie im Fluge vergangen, sodass Snowflake nicht wirklich zum Nachdenken kam. Sie fand kaum die Zeit, sich über die winterlichen Sonnentage zu freuen, die einen wahrhaftigen Zauber über das ganze Land legten. Sie schaffte es nicht einmal, den Streit mit Juna, der ihr wie Blei auf der Seele lastete, aus der Welt zu schaffen. Zumal ihre Freundin ihr aus dem Weg zu gehen schien.

Sie stand frühmorgens auf, hetzte den ganzen Tag von einem auferlegten Termin zum nächsten und fiel abends erschöpft ins Bett, wo sie sogleich einschlief. Selbst wenn sich die Gelegenheit für ein Gespräch mit ihrer Patin ergeben hätte, war sich Snowflake nicht sicher, ob die Regentin tatsächlich offen mit ihr über ihre Pläne gesprochen hätte und ob Snowflake selbst nicht viel zu müde für eine Unterhaltung dieser Art gewesen wäre.

In den wenigen Momenten, in denen ihre Gedanken nicht um das Winterfest und die Vorbereitungen dafür kreisten, bemühte sie sich, nicht darüber nachzudenken, welche Zukunft sie womöglich erwartete. Würde sie es tun, wäre sie nicht mehr in der Lage, sich auf etwas anderes zu konzentrieren, so viel stand fest. An Ayris wollte sie gar nicht denken. Ihn würde sie ohnehin früher sehen, als ihr lieb war.