Verlag: Oetinger Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

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E-Book-Beschreibung Winter so weit - Peer Martin

Die Geschichte um Calvin und Nura geht weiter! - Vorerst exklusiv als E-Book erhältlich! Calvin, 19, ehemaliger Neonazi, hat durch seine Liebe zu dem syrischen Mädchen Nura gelernt, umzudenken. Er hat seine Clique verlassen, Namen und Identität geändert und den Ausstieg geschafft. Doch er hat Nura verloren. Im Feuer, ganz am Ende, hat er ihr ein Versprechen gegeben: die dreizehnjährige Dschinan aus Syrien herauszuholen. Und er macht sich, zusammen mit Nuras Bruder Kamal, auf den Weg: Gegen alle Vernunft, gegen alle Regeln. Hinein in das Land, aus dem täglich Hunderte von Menschen fliehen. Während Calvins früherer Freund Pascal sich bemüht, Nuras Eltern in Berlin aufzuspüren und zu beseitigen, führt Calvins Weg durch zerstörte Städte und winterliche Berge. Er erlebt Zerstörung und Gewalt, Folter und Tod, doch immer wieder erfährt er auch eine Gastfreundschaft, die ihm neu ist. Als er in die Hände des IS gerät, weiß er, dass er nicht aufgeben wird. Denn nur wenn es ihm gelingt, Dschinan zu finden und zu retten, kann er, auf seine Weise, auch Nura wiederfinden. In "Winter so weit" erzählt Peer Martin die packende Geschichte aus "Sommer unter schwarzen Flügeln" weiter.

Meinungen über das E-Book Winter so weit - Peer Martin

E-Book-Leseprobe Winter so weit - Peer Martin

 

 

 

To Catherine

my only love

who spent so many winters with me

in a country far away from her own

1.

Na letztendlich ist es halt so, dass gesagt wird, dass Leute, die sich davon abwenden, (…) noch unter dem Feindbild des Juden stehen … weil Verräter halt das Allerletzte sind, was es überhaupt gibt.

(Beitrag Deutschlandfunk zu Hilfe für rechtsextreme Aussteiger)

Die Schaffung einer neuen Identität sollte aber die Ausnahme sein, hat sie doch für den Zeugen massive Auswirkungen. Er verliert seine ganze Geschichte, seine Heimat, seinen Beruf und die meisten sozialen Beziehungen (…)

(Website Recht24.de zum Zeugenschutzprogramm )

Weiß.

Weiß war die Farbe der Leere, des Neubeginns. Die Farbe des unbeschriebenen Papiers.

Weiß.

Er lag da, auf dem Bett, die Augen weit geöffnet.

Die Wände der kleinen Wohnung waren so weiß wie die Decke, er hatte nichts aufgehängt. Was hätte er aufhängen sollen? Er hatte alles hinter sich gelassen.

Er erwachte jeden Tag in diesem neuen Leben in der neuen Wohnung und fühlte sich fremd. Es gab Momente, in denen er seinen neuen Namen vergaß und die Panik ihn packte, aber natürlich konnte er auf dem Pass nachsehen. Er verwahrte ihn in einer Schublade des Schreibtischs wie einen Schatz und zugleich wie etwas, das man wegschließen musste, weil es einen sonst biss.

Er würde sich anziehen, in den Bus steigen, in der Berufsschule neben den anderen sitzen, nicht bei der Sache sein wie immer. Aus dem Kopf kann man die Erinnerungen nicht verbannen.

Er stand auf, ging ins Bad, warf sich kaltes Wasser ins Gesicht und jagte die Träume fort, die ihn jede Nacht besuchten: die Flammen, die Hitze, das Inferno des obersten Stockwerks, die panischen Menschen, das Kind auf seinem Arm. Der schwere, weiße Rauch und darin das Dunkel von Nuris Augen.

Nuri.

Seine Lippen formten ihren Namen lautlos wie etwas Verbotenes.

Er wusste nicht mehr, was er zuletzt gesehen hatte, ehe er bewusstlos geworden war. Vermutlich irgendeinen dummen Teil der berstenden Gebäudekonstruktion. Nicht ihre Augen, das wäre zu romantisch gewesen, das Leben ist nicht romantisch. Das Sterben übrigens auch nicht.

Romeo und Julia im Brennpunktviertel hatten die Zeitungen geschrieben. Natürlich, es war eine perfekte Geschichte, der Nazi und das Flüchtlingsmädchen, die Schöne und der Aussteiger, der Ex-Täter und das Opfer. Quatsch.

Sie war nie das Opfer gewesen, die Sanfte, Bemitleidenswerte, die Hilflose, oh nein, sie war auf ihre Weise stärker gewesen als er. Die Zeitungen hatten geschrieben, sie hätten diese Welt gemeinsam verlassen, für die Zeitungen war Calvin tot, und es gab nur eine Handvoll Leute, die wussten, dass er lebte.

Er lebte, und sie nicht.

Ihre Wege hatten sich für immer getrennt, dort, im Rauch, im obersten Stockwerk des Asylantenblocks. Sie hatte geahnt, dass sie es nicht schaffen würde, sie hatte etwas zu ihm gesagt, ganz am Ende … Und er hörte ihre Stimme noch, wenn er die Augen schloss. Als wäre sie wieder da, ganz nah. Aber als er die Augen öffnete, blieb nur sein eigenes Bild im Spiegel über dem Waschbecken. Er fuhr mit beiden Händen durch das kurze, schwarze Haar und schüttelte den Kopf.

Die Augenbrauen waren jetzt ebenfalls schwarz, lächerlich, als kämen Pascal und die Jungs zufällig hierher, in eine bayrische Kleinstadt, tausend Kilometer weit entfernt von dem Ort, an dem die Asche des Asylbewerberheims vom Wind zerstreut worden war. Als kämen sie her und könnten ihn finden.

Neue Identität. Neue Geschichte. Legende nannten sie es. Zeugenschutzprogramm. Große Worte.

Und ein Teil von Calvin wusste natürlich, dass es richtig war. Leute fuhren weiter als tausend Kilometer, um jemanden wie ihn zu beseitigen, der als Zeuge in einem Prozess aussagen konnte, in dem es um mehrfachen vorsätzlichen Mord ging.

Und Pascal hatte Kontakte, vermutlich sogar hierher. Wenn Calvin die Zeit bis zum Prozess überleben wollte, musste er sich mit den schwarzen Haaren abfinden.

»Anders Dobrowski«, sagte er leise. »Haha.« Am Anfang war es ein privater Witz gewesen: Ich heiße jetzt Anders.

Der Bartschatten war neu, rasieren nur alle drei Tage, es half, es ließ ihn älter aussehen. Älter als achtzehn. Obwohl die Sommersprossen natürlich noch da waren, die zu jungenhaften Sommersprossen, die er früher so gehasst hatte. Nuri hatte sie gemocht.

Der Dreitagebart verbarg auch die Narbe seitlich am Kiefer …

Er träumte manchmal davon, wie sie ihm den Kiefer gebrochen hatten, damals in der Mitsommernacht, als er ihnen hatte sagen wollen, dass er ausstieg. Er war so dumm gewesen, unbeschreiblich dumm. Er träumte überhaupt zu viel.

Der Psychologe, zu dem sie ihn zu gehen zwangen, sagte, die Träume würden aufhören, wenn er über alles sprach. Er nickte, jede Woche einmal. Aber noch war er nicht bereit, über irgendetwas zu sprechen.

Er war auch gar nicht Calvin-Lüttke-mit-den-Erinnerungen. Er war Anders Dobrowski, ein gewöhnlicher Berufsschüler in einer bayrischen Kleinstadt. Er schlug nicht mehr zu, er wurde nicht mehr wütend, er hatte eine neue Sanftheit über sich gebreitet wie eine Decke. Er hatte sogar versucht, das Rauchen aufzugeben. In einer halben Stunde würde er durchs goldene Herbstlicht gehen, zum nächsten Termin mit dem Psychologen, Anders Dobrowski im Zeugenschutzprogramm.

Calvin machte die Augen schmal und starrte den schwarzhaarigen Typen im Spiegel an. Und auf einmal merkte er, dass er die Hände zu Fäusten geballt hatte.

»Zeugenschutzprogramm?«, knurrte er. »Zeugenschutzscheiße.«

Kein Zeugenschutzprogramm auf der Welt konnte Nuri wieder lebendig machen. Und es würde sie auch nicht zum Leben erwecken, wenn er aussagte und Pascal verurteilt wurde.

Er holte tief Luft.

Dann schlug er zu, seit Wochen zum ersten Mal. Er ließ seine Faust in Anders Dobrowskis Gesicht krachen, mitten in seine dumme Visage, und die Spiegelscherben spritzten wie silbernes Blut, wie die Wassertropfen an dem Tag, an dem er mit Nuri in der Ostsee geschwommen war. Er spürte den Schmerz nicht, er sah nur das Blut an seinen Fingerknöcheln, rot in dem zu weißen Weiß, er ließ seine Fäuste wieder und wieder vorschnellen, zerstörte das Spiegelbild, es würde nichts übrig bleiben, nichts.

Nein, kein Zeugenschutzprogramm der Welt machte Nuri wieder lebendig, und sie würden Pascal und die Jungs niemals verurteilen, irgendwie kamen diese Leute immer wieder raus, er hatte ja nachgelesen im Netz.

Das Blut lief warm über seine Haut. Das Waschbecken war voller Spiegelsplitter.

Er griff hinein und schloss die Finger der linken Hand um die Splitter, bis der Schmerz ihn endlich doch erreichte, und dann stand er lange so da und spürte ihn einfach nur.

Und merkte, dass ihm die Tränen übers Gesicht liefen.

Er würde über das alles hinwegkommen, hatte der Psychologe gesagt. Er hatte diese Dinge jetzt hinter sich gelassen. Aber er hatte nichts hinter sich gelassen, es war eine Lüge gewesen, all diese Wochen. Und jetzt war die Lüge zerbrochen, die Decke der Sanftheit zerrissen.

Er riss das Fenster auf und atmete die Oktoberluft tief ein, stand da mit blutenden Händen und sog sich voll mit dem verdammten, goldenen deutschen Herbst. Zum ersten Mal seit Nuris Tod hatte er das Gefühl, wirklich klar zu denken.

Unten bog der Stadtpark seine Bäume im Wind wie Wahrheiten. Im Winter würden sie weiß sein.

Weiß, dachte er, war die Farbe des deutschen Schnees, den Nuri niemals sehen würde.

Nein.

Weiß war gar keine Farbe. Weiß war die Abwesenheit aller anderen Farben. Doch Weiß war kein Ende. Es war ein Anfang. Und auf einmal wusste Calvin, was er tun würde.

Er hatte Nuri etwas versprochen, ganz am Ende.

Und er war bereit, endlich.

Aber zuerst hatte er etwas anderes zu erledigen. Etwas abzuschließen.

Er würde in den Bus steigen. Nicht in den Bus, der ihn zum Psychologen brachte oder zur Berufsschule. In den Bus zum Bahnhof. Tausend Kilometer? Na und.

»Pascal«, hörte er sich flüstern. »Pascal, es ist Herbst, schon gemerkt? Und es wird Winter für dich.«

 

Er brauchte nicht lange, um zu packen. Zuletzt nahm er den Pass aus der Schublade und das Messer.

Ein Springmesser, beinahe neu. Natürlich passte es nicht zu A. Dobrowski, ein Springmesser zu besitzen, doch selbst der Psychologe hätte verstanden, dass es notwendig sein konnte, sich zu verteidigen, wenn die alten Schatten auftauchten.

A. Dobrowski schloss die Tür der Wohnung ab, lief die drei Stockwerke hinunter, grüßte den Rentner aus dem Erdgeschoss und war draußen. A. Dobrowski war ein höflicher junger Mann. Der Rentner wunderte sich vielleicht, weil er nicht Guten Tag sagte, sondern »Machen Sie’s gut.« Nicht einmal Auf Wiedersehen.

 

Tatsächlich war der Tag noch goldener, als Calvin geglaubt hatte, der Himmel noch höher, der Wind noch schärfer und die Farben noch intensiver. Als hätte alles durch seine Entscheidung ein neues Leuchten bekommen.

Er ging mit großen Schritten die Straße entlang, den Rucksack auf dem Rücken. In ihm sang etwas. Nuri, ich komme.

Ich habe es jetzt eingesehen, dass das ganze Zeugenschutzprogramm Unsinn ist, oder jedenfalls Unsinn für mich. Unsinn, sich in einem neuen Leben einzunisten wie ein Tier, das dort überwintern möchte. Ich muss nur noch eine kleine Weile Dobrowski bleiben, danach nicht mehr.

Es war, als wanderte sie mit ihm die Straße entlang.

Und die Leute, an denen er vorüberkam, schienen ihn seltsam anzusehen, erstaunt über einen, der so aufrecht ging. Es waren geduckte Leute, tief in ihre Mäntel gekuschelte Leute, hastend, eilig.

Er hob alles Geld von dem Konto ab, das A. Dobrowski besaß. Es waren nur ein paar Hundert Euro. Besser als nichts.

An einer Ecke blieb er stehen und schrieb eine SMS an den Psychologen. Er wäre krank, leider, Durchfall und Erbrechen, er könne den Termin nicht wahrnehmen. Er rief auch bei der Berufsschule an und meldete sich im Sekretariat für den Tag ab, das Attest würde er nachliefern …

Die Schatten auf den Straßen waren umgeben von Licht. In der Luft lag der Geruch nach Vanillearoma, Backshop-Geruch, und er dachte daran, wie er zusammen mit Nuri hinter einem Reklameplakat für Vanillemilchshakes gestanden hatte, ganz nah bei ihr, verborgen, damit Kevin ihn nicht fand: damals, als alles begonnen hatte.

Als alles begonnen hatte, schwierig zu sein.

Manchmal vermisste er die Tage der Einfachheit, die Zeit vor Nuri, in der alle Ausländer schlecht und alle Deutschen gut gewesen waren und es nichts sonst gegeben hatte. Aber in eine Zeit ohne Gedanken kann man nicht zurück, wenn man einmal angefangen hat, zu denken.

 

Der Bahnhof war groß und schluckte ihn, und für Momente hatte er Angst, man würde seinen Ausweis kontrollieren und ihn nicht fahren lassen. A. Dobrowski hatte versprochen, am Ort zu bleiben, er musste sich regelmäßig bei der zuständigen Behörde melden. Wie die Asylanten, dachte er, mit ihren dreißig Kilometern Bewegungsfreiheit. Wie Nuris Familie.

Dann stand er vor den Fahrkartenautomaten und hörte Nuri beinahe lachen, unsichtbar an seiner Seite. Calvin, du bist ein Idiot. Niemand verlangt in Deutschland einen Ausweis, um eine Fahrkarte auszustellen. Du musst nur etwas in einen Automaten eingeben.

Idiot, definitiv. Er grinste. Vielen Dank auch.

Eine Stunde später saß er in einem Zug in Richtung Norden.

 

Natürlich war dies nicht einfach irgendein Tag, an dem er den Spiegel zerschlagen hatte.

Es gab einen Grund dafür, dass es gerade heute geschehen war.

Er saß auf dem Boden des überfüllten Zuges und starrte das Display des Handys an, las noch einmal den Satz, den er am Abend zuvor mehr oder weniger zufällig gelesen hatte.

Noch drei Tage, dann lassen sie mich raus.

Die Revolution von Nuris Volk hatte im Netz begonnen, zwischen Videos und Demonstrationsaufrufen auf Twitter und Facebook. Und auch Calvins eigene Revolution begann im Netz.

Noch drei Tage. Der Tweet war von Kamal. Dann lassen sie mich raus.

Endlich. Die Hauptstadt wartet.

Wenn Calvin sich daran gehalten hätte, was man ihm gesagt hatte – dass es besser für ihn wäre, keine alten Kontakte zu verfolgen – hätte er an diesem Morgen vielleicht keinen Spiegel zerschlagen.

Er musste mit Kamal sprechen. Dringend.

 

Er musste dreimal umsteigen. Jedes Mal hatte er Angst, das richtige Gleis nicht zu finden, verloren zu gehen zwischen Treppen, Koffern, Plakaten und Menschen wie ein kleiner Junge. Er war in seinem Leben nicht oft Bahn gefahren. Verdammt, sagte er sich, er hatte Pascals Rache überlebt, er hatte einen Großbrand überlebt, er hatte sogar Nuris Tod überlebt. Und nun hatte er Angst davor, umzusteigen? Es war lächerlich, und er versuchte zu lachen, doch es klang nicht echt.

Der Wind fegte die Gleise entlang, und er verkroch sich tiefer in seinen Pullover, einen grünen Pullover mit verblichener, englischer Aufschrift. Er hatte ihn von Ramo geerbt, damals schon, als sie ihn versteckt hatten im Heim, und Ramo hatte ihn vermutlich aus irgendeiner Kleidersammlung und Calvin hätte ihn wegwerfen sollen, aber irgendetwas musste er doch behalten.

Ramo hatte Nuri geliebt und Calvin trotzdem geholfen, Ramo, der Kurde, der sein ganzes Leben auf der Flucht vor irgendwem verbracht hatte. Auch Ramo war tot.

Calvin sah die Gleise entlang. Er fühlte sich auf einmal beobachtet. Natürlich war niemand da, der ihn beobachtete. Niemand von der Polizei, niemand von Pascals Leuten und auch keine Leute von der Schabiha, jene schwarzen, gnadenlosen Menschengeister aus Nuris Land.

Doch all diese Bedrohungen vereinigten sich zu einer einzigen unbestimmten Angst, und er zitterte in Ramos grünem Pullover. Vielleicht war es Unsinn, was er vorhatte. Vielleicht war es dumm. Trotzdem musste er es durchziehen.

 

Er kam erst abends in der Stadt an, als die Herbstdämmerung schon aus den Wolken tropfte. Nuri hätte das gesagt, dass die Dämmerung tropfte. Sie war eine großartige Erzählerin gewesen, eine Meisterin im Verbiegen der Sprache. Waren alle Syrer auch Erzähler? Kamal hatte nie viel erzählt. Aber Kamal hatte ihn auch nicht leiden können. Es hatte an ein Wunder gegrenzt, dass er ihn in der Wohnung geduldet hatte. Calvin war sicher, dass für Kamal einzig und allein er schuld am Tod seiner Schwester war.

War er es denn?

Er wanderte vom Bahnhof durch die Stadt, und es war seltsam, nach Hause zu kommen, weil er nicht nach Hause kam. Er betrachtete die Stadt mit den Augen eines Fremden. Der Sommerverkehr hatte sich gelegt, die Touristen waren fort, nur noch einheimische Kennzeichen rauschten auf der großen Straße vorüber. Dazwischen Nummernschilder mit altbekannten Codes: 88. 28. 14. Heil Hitler. Und der Adler, der den christlichen Fisch in den Fängen trug, das Symbol der Germanischen Glaubensgemeinschaft. Runen und Natur und alte Götter, sein Vater hatte ihm das mal erklärt, als er klein gewesen war.

Er fragte sich, ob Livia es wohl endgültig geschafft hatte, ihn rauszuschmeißen. Vermutlich nicht.

Auch Livia dachte, Calvin wäre tot. Er fragte sich, wie sie ihr erklärt hatten, dass sie nie die Leiche ihres Sohnes hatte identifizieren müssen. Hatten sie auf irgendeinem Friedhof eine Urne verbuddelt? Schön mit kitschigen Plastikblumen? Beinahe lachte er bei dem Gedanken.

Er hätte wirklich etwas darum gegeben, seine eigene Beerdigung zu sehen.

Jetzt hatte er die Stadt hinter sich gelassen, jetzt stand er wieder dort, wo alles begonnen hatte: Am Rand des Neubauviertels, dessen Neubauten nicht neu waren, auf dem schmalen Grünstreifen, vor sich die hoch aufragenden Blocks wie hässliche, eckige Felsen.

Hier hatte er auch gestanden, nachdem er Nuri zum allerersten Mal begegnet war. Er war von Frau Silbermann gekommen, wo er sie getroffen hatte, und war auf dem Heimweg an genau dieser Stelle stehen geblieben, und er hatte sich gesagt, dass er Nuri hasste wie alle Asylanten. Damals hatten sie alles ändern wollen, Pascal und die Jungs und er, eine neue Welt schaffen ohne hässliche Wohnblocks, ohne Hartz IV, ohne Arbeitslosigkeit, voller Gerechtigkeit und Anerkennung für die einfachen Leute.

Und wenn Blut fließen musste, dann sollte es fließen.

Die in der Partei, hatte Pascal immer gesagt, sollten ruhig über Kita-Plätze und Betreuungsgeld diskutieren, die Jungs von der Straße, die autonomen Nationalisten, würden den wirklichen Kampf kämpfen.

Und Pascal hatte seinen Kampf gekämpft, ohne Calvin: vier Rohrbomben, Benzin, Gas in den Heizungskellern, alles gut durchgeplant. Drei Tote. Ganz hinten konnte Calvin die vier Blöcke des Heims sehen, ausgebrannt und schwarz wie die Schatten in Nuris Erzählung.

Jetzt, dachte Calvin, kämpfte er allein.

Er schloss die Finger um das Springmesser in seiner Tasche. Er würde Pascal finden.

 

Die Regenjacke war unauffällig und dunkelblau, er hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogen.

Dennoch kam es ihm vor, als könnten sie alle durch die Jacke hindurchsehen, durch die schwarzen Haare hindurch, an der quasi dioptrinfreien Lesebrille vorbei, die er am vorletzten Bahnhof gekauft hatte.

Vor seinem alten Wohnblock blieb Calvin einen Moment stehen, doch schließlich ging er weiter, um sich auf eine Bank vor Pascals Block zu setzen. Er holte das Handy heraus, spielte damit herum, verstohlen beobachtend.

Ein paar Jungs spielten Fußball auf dem kränklichen Rasen zwischen Wäschespinnen und Mülltonnenhäuschen. Calvin sah ihnen eine Weile zu, ehe er mit einem plötzlichen Adrenalinschub erkannte, dass einer von ihnen Tom war. Er war gewachsen, er sah drahtiger aus, sehniger, magerer als früher, kein kleines Kind mehr. War es möglich, dass sich jemand in zwei Monaten so sehr veränderte?

Eine Weile sah Calvin den Jungs zu, hörte sie lachen und schreien. Tom lachte nicht. Vielleicht nagte der Tod seines Bruders an ihm. Er hatte immer mehr verstanden als Benji, obwohl er der Jüngere war. Tom hatte auch mit Delfine Fußball gespielt, in Frau Silbermanns Garten. Und es hatte ihn nicht gestört, dass Delfines Haut dunkel war wie Schokolade, Hauptsache, sie kickte den Ball ungefähr in die richtige Richtung. Dachte er jetzt daran? Daran, dass er weder Delfine noch Calvin je wiedersehen würde?

In diesem Moment bekam Tom den Ball, spielte ihn in Richtung Tor – und er traf.

Calvin sah ihn lachen, jetzt doch noch, sah ihn jubeln, und als er sich halb zu ihm umdrehte, blickte er durch den Fremden auf der Bank hindurch, ohne ihn zu registrieren. Dann wandte er sich ab und rannte wieder los, über den Rasen, strahlend, glücklich.

Da stand Calvin auf und ging, und der Wind war noch kälter geworden. Wer stirbt, ist nicht mehr da, dachte er. Niemand trauert dir nach, du Idiot. Und niemand hier hat irgendwas begriffen. Auch Tom nicht.

Er verließ die Blocks in Richtung Aldi. Sein Magen knurrte, aber bei der Grillbude im Viertel hätten sie seine Stimme erkannt. Er würde sich etwas zu essen kaufen und einen Schlafplatz suchen, es war spät, hoffentlich hatte der Aldi noch offen, Tom hätte längst im Bett sein sollen.

Calvin wanderte zwischen den alten Garagen hindurch, die dicht an dicht auf dem verlassenen Asphaltgelände zwischen Plattenbaublocks und Aldi standen. In einer dieser Garagen hatten Kamal und seine Leute ihn abgefangen, als sie noch Feinde gewesen waren. Nuri hatte ihn gefunden, ziemlich am Ende, auf dem Betonboden … Die meisten der Garagenhöhlen waren jetzt verschlossen, die Gegend sah ordentlicher aus.

Der Wind trug die Töne eines Gettoblasters herüber, irgendeine Rechtsrockballade.

Wo ist die Ehre, wo ist die Treue

und die Kameradschaft, die früher mal galt?

Ich suche mein Deutschland, such’ täglich aufs Neue,

doch es ist verkauft, verraten und kalt …

Als Calvin um die nächste Ecke bog, in die nächste Reihe von Garagen, lag dort jemand unter einem Auto, das halb in einer der Garagen geparkt war. Daneben stand eine Baulampe mit geborstenem Glas, die grellkaltes Licht vergoss, und er hörte den unter dem Auto an Schrauben herumklopfen und fluchen. Sein Kopf und seine Schultern steckten unter dem Wagen, Calvin sah nur seine Tarnfleckhosen, die weißen Turnschuhe und das schwarze T-Shirt. Nur ein T-Shirt, trotz des kalten Windes. Er wollte vorbeigehen, doch dann blieb er stehen. Die Stimme.

»Fuck, wo ist der Draht jetzt? Ich hatte doch … hier irgendwo …«

Er kannte die Stimme.

Pascal.

Verdammt. Er hatte nicht gedacht, dass er ihn überhaupt finden würde, und hier lag er, vor Calvins Füßen. Beinahe lachte Calvin. Gab es eine Art höhere Gerechtigkeit? Der Moment war zu perfekt, um wahr zu sein. Er sah sich um. In der Garage herrschte ein Durcheinander aus Drähten, Seilen, Reifen, Farbdosen, Kartons voller Drucksachen mit eindeutiger Aussage, schwarz-weiß-rot, ausrangierten Metallrohren … Calvin schob eine Hand in seine Tasche, zog das Messer heraus – und ließ es zurückgleiten.

Nein. Die Rohre. Wie schwer waren die Rohre?

Er bewegte sich lautlos hinüber, hob eines auf. Eisen. Schwer genug.

Die Muskeln an Pascals rechtem Unterarm traten hervor, er versuchte, irgendein Teil zu lockern. Calvin hob die Eisenstange über den Kopf. Biss die Zähne zusammen.

Dreimal ausholen, dreimal den ganzen Schwung des Rohres und der Wut nutzen, drei gezielte Schläge.

Einen auf den Oberkörper, der dem Opfer die Luft nahm, ein dumpf krachender Schlag, der Pascal merken ließ, dass hier jemand war, der es nicht unbedingt gut mit ihm meinte. Der ihn versuchen ließ, unter dem Auto hervorzukriechen. Dumm, wirklich, sich in eine dermaßen wehrlose Position zu bringen, gerade um diese ungemütliche Uhrzeit. Natürlich dachte man daran nicht, wenn man der Chef der Autonomen im Viertel war …

Der zweite Schlag brach ihm die Arme. Calvin erinnerte sich an das Geräusch, mit dem die Knochen brachen, damals war er derjenige gewesen, dem sie gebrochen wurden. Doch es ging hier nicht darum, Knochen zu brechen, es war nur deshalb notwendig, damit das Opfer, der Täter, wehrlos blieb.

Der letzte Schlag war für den Kopf bestimmt, der inzwischen unter dem Auto aufgetaucht war, die Augen weit aufgerissen.

»Hey. Ich bin’s, Calvin. Du dachtest, ich wäre tot, was? Das war nicht ganz richtig. Ich bin nicht der von uns beiden, der tot ist. Das bist du, weißt du, Pascal.«

Und dann das dritte Krachen, diesmal der Schädel. Die Beine kickten noch einmal ins Leere, wie bei Hühnern, die weiterflattern, nachdem man ihnen den Kopf schon abgehackt hat, irgendwelche Reflexe.

So würde es sein – drei Schläge und Ende.

Aber noch verharrte das Rohr in der Luft, noch war nichts geschehen. Noch lag Pascal unter dem Auto, ohne zu ahnen, dass hier draußen sein Tod stand.

»Hier läuft was aus!«, sagte eine merkwürdig heisere Stimme, und Calvin erstarrte. »Wo ich bin, guck!« Die Stimme kippte und wurde hoch, die Stimme eines Jungen im Stimmbruch. Da lag noch jemand unter dem Auto, weiter hinten, im Schatten.

»Hast recht«, murmelte Pascal. »Scheiße. Nicht schlecht beobachtet, Benji.«

Er hätte den Namen nicht zu sagen brauchen, Calvin wusste auch so, dass es Benji war, dort unter dem Wagen. Benji, der ihn verraten hatte, seinen eigenen Bruder ans Messer geliefert. Aber Pascal hatte ihm vermutlich nicht erzählt, was sie mit Calvin gemacht hatten.

Benji hatte immer ein Mitglied in Pascals Clique sein wollen. Er hatte vermutlich Calvins Musiksammlung geerbt, vielleicht war das sogar eine von Calvins CDs, die da lief. Wie sehr er wünschte, er hätte jede einzelne CD zertreten.

Ich bin vielleicht der letzte Kämpfer,

der ihnen zeigt, was kämpfen heißt,

ich bin vielleicht der Letzte hier,

der von den ermordeten Brüdern noch weiß.

»Hast du deiner Mutter gesagt, wo du bist?«, fragte Pascal, irgendeine Schraube zwischen den Zähnen.

»Nee«, sagte Benji.

»Sie ist immer noch schlecht auf mich zu sprechen, was? Gib mir mal den Lappen. Sie denkt, es wäre meine Schuld mit Calvin.«

»Weiß nich«, sagte Benji. »Sie redet nich drüber.«

»Ich hab dir gesagt, dass das Käse ist«, knurrte Pascal. »Wär schön, wenn sie das auch verstehen würde. Ich mag sie, deine Mutter. Livia ist ’ne anständige Frau. Calvin … Der ist da mitten zwischen die Fronten geraten. Frag mich, ob die Bullen je rausfinden, wer von den Asylanten das Feuer gelegt hat. Unfall war das keiner. Jeder gegen jeden, Kanaken gegen Neger, Kanaken gegen Kanaken, so ist es bei denen, kannste täglich in der Zeitung lesen. Die schlagen sich alle die Köppe ein, auch da, wo sie herkommen. Irgendwann sind sie vielleicht mal fertig damit, dann gibt’s ’ne Menge Land, das einfach leer ist.« Er lachte. »Land voller Öl. Könnte man sich dann holen, das wär was. Hier, nimm mal den Lappen …, und dann gehst du langsam auch nach Hause, was? Is’ spät.«

»Ich will nicht nach Hause«, sagte Benji. »Da kann ich mit keinem reden. Kann ich nich hierbleiben?«

»Du sollst mit keinem reden, du sollst schlafen«, sagte Pascal. »Du musst morgen fit sein für die Schule.«

»Geh ich eh nicht hin.«

»Natürlich gehst du«, sagte Pascal bestimmt. »Du wirst mal was Richtiges, Automechaniker vielleicht. Lass dich nicht kriegen von dem Scheißsystem, lass dir nicht erzählen, du wärst blöde! Die meisten da saufen und machen nichts. Wenn du bei mir abhängen willst, gehst du in die Schule und lernst.«

Calvin ließ das Rohr sinken.

Pascal war also jetzt der große Bruder, der Benji das Leben erklärte. Schön. Die drei Schläge wurden lauter in Calvins Kopf, das Krachen der Knochen deutlicher. Das Blut, das aus den Ecken des Mundes lief, war sehr rot.

Aber er konnte es nicht tun. Er konnte das Benji nicht antun. Nicht, dass er Benji leiden konnte, aber Benji war ein Kind, und er musste nicht mit ansehen, wie jemand neben ihm verreckte.

Er legte das Rohr hin, ganz langsam. Benji maulte unter dem Auto irgendwas wegen der Schule.

Eure Mauern werden brechen, wenn wir kommen, uns zu rächen

und der deutsche Sturm, er wird euch überrollen …

Calvin drehte sich um und ging.

 

Erst im Eingang vom Aldi blieb er stehen, lehnte sich an die Wand, seine Knie zitternd, sein Atem merkwürdig rasselnd. Ihm war übel und sehr heiß, als hätte er Fieber. Beinahe. Beinahe hätte er einen Menschen getötet. Es war eine erstaunliche Tatsache, und noch erstaunlicher war es, dass gerade Benji ihn davor bewahrt hatte, es zu tun.

Natürlich hatte der Aldi längst geschlossen. Er sah auf sein Handy. Fast halb elf.

 

Der Nachtwind fand einen jungen Menschen mit schwarzem Haar und seltsam kindlichen Sommersprossen am Strand, allein. Er war vom Festland zu Fuß über die Autobrücke gewandert, nachts fuhren keine Busse, und nun wanderte er weiter, am Wasser entlang, die Jacke eng um sich gezogen, geduckt. Manchmal blieb er stehen und sah aufs Wasser hinaus, als könnte er in der Ferne Erinnerungen sehen.

Die Erinnerungen an den Sommer, als der Sand noch lange warm gewesen war, auch nachts, sodass man gut zu zweit hier sitzen konnte. Erinnerungen an das Geländer der Seebrücke, auf dem man balancieren konnte, um in die Ostsee zu fallen und zu schwimmen und zu lachen, auch das zu zweit.

Der ganze verdammte Strand, dachte Calvin, die ganze verdammte Stadt waren ein einziges Labyrinth aus Erinnerungen. In seinen Händen spürte er noch immer das Gewicht des Eisenrohres, hörte Benjis Worte, hörte Pascal, hörte das Lied, das die letzten Ritter aufrief, für ihr wahres Deutschland zu bluten.

Er wünschte Pascal noch immer das Schlimmste. Ihnen allen. Kevin, André, Jason, Melli, Kim, Wolf. Er wollte sie hinter Gittern sehen, er wollte sie still in einer Reihe liegen sehen, er wollte Rache. Aber er war nicht der Richtige dafür, diese Rache wahr zu machen.

Und was er Nuri versprochen hatte, war etwas anderes gewesen.

Als er schließlich an der Straße entlang zurückstolperte, sah er den Streifenwagen beinahe zu spät. Er duckte sich hinter einen Busch, vermutlich würden sie ihn für betrunken halten, wenn sie ihn sahen. Er hatte seit Nuris Tod nichts getrunken.

Gegen vier Uhr war er wieder in der Stadt, gegen halb fünf stand er vor dem Krankenhaus, wo die sorgsam angepflanzten Hecken so sehr nach Herbst rochen, als hätte es keinen Sommer gegeben.

Der Empfangstresen drinnen war blass erleuchtet, in der Notaufnahme gab es wache Menschen, und es war sicher warm dort. Die zerschnittenen Hände wären eine gute Ausrede …

Nein. Nichts erklären müssen.

Er betrat das Foyer der Klinik nicht. Er ließ sich mit dem Rücken an der Glaswand nach unten gleiten, schlang die Arme um die Knie, legte den Kopf darauf und schlief ein.

Und wachte auf, da war es sieben Uhr, und er war steif gefroren.

Auf dem Parkplatz standen ein paar Pfleger und Schwestern, rauchten und sahen zu ihm herüber. Calvin kam auf die Beine, schüttelte sich und ging hin. »Habt ihr ’ne Kippe für mich? Die verdammte deutsche Bahn. Ist scheiße, wenn du um fünf Uhr früh hier ankommst und einen Verwandten in der Klinik besuchen willst.«

Sie lachten, sie schenkten ihm eine Zigarette, sie waren gutmütig. Eine der Frauen hatte eine Tätowierung auf der Schulter, daumennagelgroß, dezent, Calvin sah sie, als der Kasack verrutschte. Die Schwarze Sonne. Er bemerkte erst jetzt das Silberkettchen mit dem Thorshammer um ihren Hals, ebenso winzig. Sehr ordentliche junge Frau, kurzes, rot gefärbtes Haar, hübsch, gezupfte Augenbrauen. Hätte Pascal gefallen.

Calvins Körper schrie nach mehr Nikotin, einer zweiten geschnorrten Zigarette nach Wochen ohne, aber er nickte nur einen Dank, trat die Kippe aus und ging hinein. Beinahe hätte er Heil Hitler zu der Schwester mit dem Thorshammer gesagt, doch vermutlich hätte sie den Sarkasmus nicht verstanden.

»Ich möchte jemanden besuchen. Kamal Aljafari. Er ist schon eine Weile hier …«

Die Empfangsdame am Tresen lächelte. »Sind Sie ein Verwandter?«

Calvin sah sie eine Weile an, und dann ging ihr auf, dass er offenbar nicht mit Kamal verwandt war, er sah trotz der schwarzen Haare ganz bestimmt deutsch aus.

»Ein guter Freund«, sagte er. »Wir haben uns lange nicht gesehen, ich war … verreist. Hab erst jetzt gehört, dass er hier ist. Irgendwas mit Schulterbruch hat er geschrieben?«

Sie seufzte, nickte, tippte etwas in den Computer. Und nannte ihm die richtige Station. »Bis neun müssen Sie aber hier unten im Foyer warten. Vorher kann ich Sie da nicht hochlassen.«

Er nickte. »Ich warte notfalls den ganzen Tag.«

 

Calvin merkte, dass er wieder zitterte, als er vor der Tür zu dem Zimmer stand, in dem Kamal Aljafari lag. Er trug noch immer Ramos Pullover, obwohl das Krankenhaus überheizt war. Und als er den Raum betrat und Kamal auf dem Bett am Fenster sitzen sah, aufrecht, angezogen, das Handy in der Hand – und als Kamal den Kopf drehte, merkte er, dass er den Pullover erkannte. Sehr langsam, so wie Sand durch eine Sanduhr läuft, lief das Erkennen durch Kamal.

Calvin ging genauso langsam zu dem Bett hinüber, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich.

Kamals Schulter war verbunden. Er war sehr blass.

Und die Augen in diesem blassen Gesicht waren jetzt weit und dunkel vor Erstaunen, vielleicht lag auch Furcht darin. Und zum ersten Mal sah Calvin eine Ähnlichkeit zwischen Kamal und Nuri, in diesen Augen.

Calvin strich sich mit beiden Händen durchs schwarze Haar, eine Geste, die seit dem Färben beinahe zwanghaft geworden war. »Du denkst schon richtig«, sagte er schließlich leise. Es waren zwei Patienten im Raum. »Ich bin’s.«

»Nein«, flüsterte Kamal.

Calvin zuckte die Schultern. »Ich fürchte, doch.«

Drei Minuten später saßen sie im Aufenthaltsraum, allein mit einer kranken Topfpalme. Es war der gleiche Raum, in dem Calvin mit Nuri gesessen hatte, damals, nach dem Kieferbruch. Kamal bewegte sich noch immer geschmeidig wie eine Katze, nur seine Schulter schien verletzt zu sein, der eine Arm nicht voll funktionsfähig.

»Du bist tot.«

»Ja«, sagte Calvin.

»Es stand in der Zeitung. Es stand überall. Sie haben mir gesagt …«

»Und du? Was haben sie so lange mit dir gemacht hier? Es sind fast zwei Monate.«

Kamal zuckte die Schultern. »Rauchvergiftung wie wir alle, und die Schulter. Irgendwie habe ich es geschafft, mir von einem Stahlträger das Gelenk zerquetschen zu lassen. War wohl ziemlicher Matsch.« Er versuchte, die Schulter zu bewegen, und schüttelte den Kopf. »Paar Mal operiert, und dann gab’s irgendein Problem bei der Narkose, ich bin auf der Intensivstation gelandet, Lungenembolie … Wenn, dann kriegt man alles. Ich war ’ne Weile nicht unter den Lebenden. Aber sie haben mich zurückgeholt.« Er musterte Calvin. »Dich auch. Was hast du … mit deinen Händen angestellt?«

»Jemanden umgebracht«, sagte Calvin mit einem Grinsen. »Gestern früh. Anders Dobrowski.«

Kamal fragte nur mit den Augen, und Calvin zog den Pass heraus. »Das bin ich. Anders.«

Kamal las die Adresse. »Anders Dobrowski lebt in … Süddeutschland?«

»Nein«, sagte Calvin. »Er lebt nicht mehr. Ich sage ja, ich habe ihn umgebracht. Sie haben mich im Zeugenschutz. Ich darf nicht hier sein, verstehst du? Aber ich hab deinen Tweet gelesen, und ich dachte, ich muss mit dir reden, bevor du auch nach Berlin gehst. Da sind doch die anderen, oder? Aus dem Heim?«

»Nicht alle«, sagte Kamal vorsichtig.

»Aber eure Eltern?«

»Hm.«

»Okay, Kamal, hör zu. Ich brauche nur ein paar Informationen.«

»Wände«, sagte Kamal leise, »haben Ohren. Komm mit nach draußen.«

Diesmal stand niemand auf dem Parkplatz und rauchte. Calvin würde sich eigene Kippen besorgen müssen. Sie gingen zwischen den Herbstbüschen hindurch wie alte Damen in einem Park. Zwei harmlose Spaziergänger. Kamal sah sich dennoch um, die Nervosität aus Syrien war er nie losgeworden.

»Ich weiß nicht, ob ich es gut finde, dass du hier bist«, sagte er. »Oder dass …«

»Ich lebe. Ja. Ich habe nicht gesagt, dass ich es gut finde. Nuri …«

»Sag ihren Namen nicht. Ich will ihn nicht hören. Sie ist weg und sie kommt nicht wieder und sie braucht keinen Namen.« Kamal sah weg, ging weiter, schneller jetzt.

»Sie hat mich um etwas gebeten«, sagte Calvin. »Am Ende. Im Rauch. Hol Dschinan raus, hat sie gesagt. Ich habe es ihr versprochen. Ich … Ich dachte, ich schaffe es, vorher die Jungs zu erledigen. Am besten alle.« Er lachte, traurig, verächtlich. »Aber ich schaffe es nicht. Weichei. Das wird eines Tages jemand anders erledigen müssen. Ich hole Dschinan.«

Er sah Kamal an und wartete halb darauf, dass er sagte: Es gibt Dschinan nicht. Wenn Dschinan in Nuris Geschichte aufgetaucht war, war der graue Staub golden geworden. Er erinnerte sich an Dschinan im Keller des Geheimdienstes, Dschinan im Schutt der Bombardierung in Damaskus, Dschinan in den Bergen an der Grenze. Dschinan war die Hoffnung, das Überleben, das Licht.

Kamal sah ihn nur an. »Das heißt, du willst nach Syrien.«

Calvin nickte. »Ich habe einen Pass. Ich habe Geld.«

»Und du sprichst fließend Arabisch.« Auf einmal brach das Lachen aus Kamal heraus, es schüttelte ihn durch und durch. »Unsere Mutter hat dir immerhin das Kochen beigebracht«, flüsterte er, erstickt in seinem eigenen Lachen. »Du kannst also hingehen und mit Assads Schergen Auberginen schmoren … und Sfiha für die al-Nusra-Front backen. Ich empfehle dir den Gewürzmarkt von Aleppo …, bisschen staubig da und nicht mehr so viele Häuser, na ja …« Er wischte sich die Tränen aus den Augen. Lachtränen. Vielleicht.

»Calvin«, sagte er, wieder ernst, »du hast sie nicht mehr alle. Ich fahre morgen nach Berlin, und du fährst zurück in dein bayrisches Städtchen und machst deine Lehre weiter und wirst Anders Sonstwer. Wir werden uns nicht wiedersehen.«

»Nein«, sagte Calvin ruhig, »werden wir nicht. Ich brauche ein paar Infos, wie gesagt, dann lasse ich dich in Ruhe. Erstens: Wie komme ich über die Grenze und wo? Die Türken lassen nicht jeden nach Syrien durch, oder? Zweitens brauche ich eine Beschreibung von Dschinan, eine genaue, und ihren Nachnamen. Drittens …«

Er spürte Kamals Hand auf seiner Schulter. »Calvin. Geh nach Hause.«

»Das tue ich«, sagte Calvin. »Im wörtlichsten Sinne von Zuhause. Weil ich es vermutlich nicht überleben werde. Was egal ist, verstehst du? Verstehst du? Es war Nuris letzter Wunsch. Ich hole Dschinan für sie raus, und vielleicht ist es sogar egal, ob Dschinan existiert …« Er merkte, dass er Kamals Hand abgeschüttelt hatte, dass er sich in Rage redete, dass seine Stimme heiser und seltsam war. »Ich hab nicht Hier! geschrien, als irgendwer entschieden hat, dass einer von uns beiden überlebt, Nuri oder ich. Ich wäre lieber mit ihr …«

»Unsinn«, zischte Kamal. »Pathetischer Unsinn. Sei still, ich lache sonst wieder, und das ist schlecht für die Nähte in der Schulter.«

Danach sank ein Schweigen über sie, das eine ganze Weile dauerte, feucht, klamm.

»Es ist kalt«, sagte Kamal schließlich. »Ich gehe wieder rein.«

Calvin nickte. Aber er blieb auf dem Kiesweg zwischen den Büschen stehen. Nach ein paar Schritten drehte Kamal sich um. Er hielt das Handy in der Hand. »Al-Bakri«, sagte er.

»Wie bitte?«

»Dschinan al-Bakri.«

Calvin ging zu ihm, und Kamal hielt ihm das Display des Handys hin. Es war nicht das relativ neue Handy, das er vorher im Patientenzimmer benutzt hatte. Dieses Ding war mitgenommen, zerkratzt, ein Sprung lief quer über das Display wie eine Narbe. Ein Smartphone, das schon, aber mehr die Vergangenheitsform eines Smartphones. Dennoch schien es zu funktionieren.

Und vom Display, wie durch eine Fensterscheibe, sah ein Gesicht Calvin an. Ein Kindergesicht, oder vielmehr ein Gesicht an der Schwelle zwischen Kind und Erwachsensein, ein ovales, fein geschnittenes Gesicht mit überraschend hellen Augen, grün oder braun, ein Gesicht umgeben von braunem, sehr staubigem Haar, halblang, unregelmäßig geschnitten. Auch das Haar schien überraschend hell. Es lag ein Glänzen über dem Bild, etwas Unfassbares. Gold, dachte Calvin. Obwohl nichts an dem Bild selbst eigentlich golden war. Vielleicht waren es eher die Büsche im Krankenhauspark, deren herbstliche Blätter jetzt goldener glänzten als zuvor. Nein. Unmöglich.

»Ich wusste nicht, dass du ein Bild von Dschinan hast«, sagte Calvin. »Ich wusste nicht, dass es Bilder von … damals gibt. Nuri hatte nur ein paar Papierbilder.«

»Nuri wusste auch nichts von den Bildern. Oder hiervon«, sagte Kamal leise, hielt das Handy hoch und steckte es dann ein. »Sie dachte, das alte Handy läge irgendwo unter dem Schutt begraben. Dieses Ding … ist ein Friedhof.«

»Aber Dschinan lebt?«

»Ich weiß es nicht«, sagte Kamal. Und dann: »Wir brauchen einen Wagen. Um zur Grenze zu kommen. Mit dem Auto ist es am einfachsten.«

 

Einen Wagen. Es klang wie: einen Fluchtwagen.

Die Nacht war nicht weniger kalt als die erste Nacht in der Stadt, und seit dem frühen Abend warf der Wind einen feinen, waagerechten Nieselregen gegen die Fensterscheiben. Der Regen schmeckte nach Meer, salzig und fern.

Calvin betrat das Viertel erst, als es schon dunkel war. Unter den Straßenlaternen lagen die schlafenden Herbstgärten, deren Farben man jetzt nur erahnen konnte: hellrote Weinreben, glutrotes Geißblatt, das Zäune umwand, Astern und Dahlien in Gelb und Violett, Kürbisse auf Feuerholzstapeln. Ein Postkartenviertel. Wie sehr er es früher gehasst hatte!

Auch Frau Silbermanns Haus schlief hinter dem niedrigen Gartentor, und Frau Silbermann schlief mit ihm, tief und fest, die Fenster waren allesamt dunkel. Sie musste schlafen, sie durfte auf keinen Fall aufwachen. Frau Silbermann wusste, dass er nicht tot war. Mehr wusste sie nicht, auch zu ihr hatte er den Kontakt abgebrochen.

Die alten, verholzten Ranken des Blauregens hielten sein Gewicht, und er kletterte am Haus empor wie damals, im Sommer, vor tausend Jahren. Vor wenigen Monaten. Auch jetzt stand die Balkontür des obersten Balkons offen, trotz der Herbstkälte. Und dort im Dachzimmer, unter den geknüpften Wandteppichen, hatte er mit Nuri und seiner Mutter Tee getrunken … Er begann, Schubladen aufzuziehen, behutsam, lautlos, durchsuchte das ganze Haus und fand die Wagenpapiere schließlich im Nähtisch zwischen silbernen Fingerhüten voller arabischer Schriftzeichen. Frau Silbermann, die Sammlerin, die ewig Reisende. Jetzt war sie zu alt dazu.

Er betrat ihr Schlafzimmer auf Socken, stand an ihrem Bett und betrachtete sie – das feine, beinahe weiße Haar auf dem Kissen, die tiefen Falten in ihrem Gesicht. Wie alt war sie genau? Achtzig? Neunzig? Sie regte sich leicht, und das Licht der Straßenlaternen fiel auf einen dünnen, altersfleckigen Unterarm. Er sah die eintätowierte Nummer, ehe er weggucken konnte.

Er verabschiedete sich wortlos.

Er hatte ein schlechtes Gewissen wegen des Umschlags, den er gefunden hatte, ohne ihn eigentlich zu suchen, in einer anderen Schublade. Es war unvernünftig, so viel Bargeld im Haus herumliegen zu lassen, drei Riesen, Himmel. Als hätte sie auf seinen Besuch gewartet.

Er hatte ihr einen Zettel hinterlassen. Dass er das Auto auslieh, stand dort, dass er noch eine letzte Sache für Nuri erledigen müsste, dass es ihm leidtat. Kein Auf Wiedersehen.

Er startete den alten, grauen Wagen, erschrak vor dem Heulen des Motors – doch nirgends ging ein Licht an, niemand war aufgewacht. Der Wagen stotterte und machte einen Satz. Calvin hatte ihn schon einmal entführt, zusammen mit Nuri.

»Diesmal wirst du weiterfahren«, flüsterte er. »Bis zur Grenze zwischen Syrien und der Türkei, hörst du?«

Die Ampel an der Abbiegung zur Hauptstraße war trotz der Nacht nicht ausgeschaltet, sie stand auf Rot. Ein bulliger Typ mit einem hässlichen Hund lehnte dort, leise schwankend, eine Bierflasche in der Hand. Der Hund erinnerte ihn an Kevins Hund, Rudolf Hess, den Nuri vielleicht getötet hatte.

Auch dieser Hund sah aus, als bräuchte man für ihn einen Waffenschein. Hunde waren Dekoration, waren Abzeichen wie Hakenkreuze, wie Adler, wie Thorshammer. Aber hey, all das ging ihn nichts mehr an. Deutschland ging ihn nichts mehr an. Er gab Gas, ehe die unsinnige Nachtampel auf Grün umschaltete, hörte, wie der Hund dem Auto nachbellte, und lenkte den Wagen in Richtung Klinik.

 

 

Weiß.

Weiß war die Farbe der Sonne gewesen, der Schwarzen Sonne auf seinem Pullover. Damals. Sie hatte darüber gelächelt, die Schwarze Sonne, in Weiß gedruckt …

Weiß war auch die Farbe auf dem zweiten Streifen der Flagge, weiß mit zwei roten Sternen. Rote Sterne wie Blut im Schnee. Die Flagge der Revolution. Oben war die Fahne grün, die Hoffnung, aber das Oben war lange vorbei.

Weiß war die Farbe, die sie sah, jetzt, mit geschlossenen Augen. Warum? Was bedeutete das Weiß? Vielleicht nur, dass der Winter kam.

Die U-Bahn war überheizt, aber draußen hetzte ein scharfer Wind durch die Berliner Straßenschluchten. Wen hetzte er, wen hoffte er zu fangen?

Sie öffnete die Augen, und auch die Türen der U-Bahn öffneten sich jetzt, spuckten Menschen aus, ließen Menschen herein. Sie quetschte sich zwischen den anderen hinaus. Das automatische Piepen schmerzte in den Ohren. Zurückbleiben bitte. Die Türen schlossen sich, die U-Bahn fuhr weiter.

Der Bahnsteig war eisig, beinahe schon wie ein Bahnsteig im Winter, als müsste es schneien.

Weiß.

Weiß war die Farbe des T-Shirts, das der Typ trug, der jetzt die Treppen hinunterging. Nur ein T-Shirt – fror er nicht? Er war schlaksig, vielleicht achtzehn oder neunzehn, Jeans, Turnschuhe, sehr kurzes, blondes Haar. Sie sah die Sommersprossen auf seinen Armen und in seinem Nacken, auch aus der Entfernung. Und jetzt rannte sie. Doch er hatte einen zu großen Vorsprung.

Sie hörte ihr eigenes Keuchen, nahm immer zwei Stufen auf einmal, stolperte beinahe, tauchte ins Dunkel der Unterführung … Irgendwo bellte ein Hund, kurz und scharf, unangenehm laut. Ein Hund, der sie an Kevins Hund erinnerte, Rudolf Hess. Sein Jaulen, als sie ihn verletzt hatte, weil sie es hatte tun müssen. Sie erreichte den Typen, streckte den Arm aus – riss ihn beinahe gewaltsam herum, um ihm ins Gesicht zu sehen. Und dann stand sie da und sah zu ihm auf, außer Atem.

Er war es nicht.

Natürlich war er es nicht.

Er hatte nur von hinten ausgesehen wie Calvin, die Sommersprossen, das kurze, blonde Haar, die Figur. Er sah auf sie herab, zuerst erstaunt, dann abfällig, im Gesicht ein schiefes Grinsen, das sich langsam ausbreitete wie eine Krankheit. Auf seinem Oberarm prangte ein gestochen scharfer, kleiner, hübscher Reichsadler.

»Fucking Assi-Bitch«, sagte er. »Pfoten weg, ja? Was stimmt nicht mit dir?«

»Ich … habe dich mit jemandem verwechselt«, sagte Nuri. Sie hatte ihn längst losgelassen, ihn nur für Sekunden berührt. »Vergiss es.«

»Was hast du gesagt?«, fragte er, obwohl sie sehr deutlich gesprochen hatte. »Ich versteh kein Kanakisch.«

Und auf einmal waren da noch drei von den Typen, sie hatte sie zuerst nicht bemerkt, weil sie hinter ihr gewesen waren, der Hund gehörte ihnen. Sie stellten sich neben den mit dem T-Shirt, amüsiert, die Arme verschränkt. Eine lebende Mauer.

Verdammt. Es war niemand anderer mehr hier.

»Hey, kleine Allahschlampe«, sagte einer der Typen, »wo hast’n deine Burka? Ist doch unzüchtig, oder, hier so ohne rumzulaufen. Und warum springst du fremde Männer an? Hast du’s so nötig?«

Nuri ballte die Hande zu Fäusten, ging zwei Schritte rückwärts, biss die Zähne zusammen.

Der Hund bellte wieder.

Und dann spuckte die nächste Bahn ihre Passagiere auf den Bahnsteig, Schritte hallten auf der Treppe, Menschen tropften in die Unterführung. Die vier Jungs zuckten die Schultern und ließen sie stehen, verschwanden mit ihrem Hund in der Dunkelheit, lachend. Nuri ließ sich vom Schwall der Hellersdorfer Pendler aus der neuen U-Bahn mitschwemmen. Sie würde irgendwie nach Hause kommen, sie kam immer irgendwie nach Hause und doch nie zu Hause an, denn natürlich war der Block in der Carola-Neher-Straße nicht zu Hause.

Zu Hause war vielleicht zuletzt ein Mensch gewesen.

Und so irrte sie stundenlang durch die Stadt und suchte nach ihm, und jeder Typ mit zu kurzen Haaren, jeder einigermaßen magere Neonazi war von weitem Calvin.

Calvin Lüttke, achtzehn Jahre alt.

Sie fand ihn nie. Sie konnte ihn nicht finden. Denn Calvin Lüttke war tot.

Er hatte zu lange im Rauch gelegen, er hatte es nicht geschafft. Sie hatten versucht, es Nuri vorsichtig beizubringen, als sie selbst wieder aufgewacht war. Die Zeitungen glaubten, sie wären beide tot, nur wenige Menschen wussten, dass Nuri Aljafari das Feuer überlebt hatte. Nicht einmal Frau Silbermann, Abi hatte gesagt, es wäre zu riskant, es ihr zu sagen.

Es würde dauern, bis die vor Gericht standen, die das Asylbewerberheim angezündet hatten. Und sie hatten nicht nur das getan. Nuri hatte niemandem von der Nacht erzählt, in der sie sie in den alten Speicher geschleppt hatten oder davon, was sie mit Calvin gemacht hatten, später, unten am Meer. Sie würde reden müssen, irgendwann, vor Gericht. Bis dahin war es gut, wenn die Leute glaubten, sie wäre tot. Auch Kamal hatte keine Ahnung, dass sie lebte. Bisher. Er war lange bewusstlos gewesen, sie hatten ihn in der Klinik behalten, vor Ort, während der Rest der Familie nach Berlin gebracht worden war. Am Telefon hatte Abi ihm nichts erzählen wollen.

Die alte Angst der Syrer davor, abgehört zu werden …

Der arme Kamal, er würde vermutlich einen Schock bekommen, wenn er in ein paar Tagen nach Berlin nachkam und Nuri sah. Sie lächelte. Sie freute sich auf sein Gesicht. Zugleich hatte sie Angst davor, mit ihm über Calvin zu sprechen.

Sie vermisste ihn so. Auch wenn niemand sie verstand. Sie taten natürlich verständnisvoll, sie schlichen auf Samtpfoten um sie herum … Sie sagte sich, dass es undankbar war, so zu denken, aber sie wünschte sich jeden Morgen, wenn sie aufwachte, sie hätte es nicht geschafft. Sie wünschte, sie wäre mit ihm zusammen auf die andere Seite geglitten in jener Nacht, was auch immer auf der anderen Seite war.

Vielleicht nur die Farbe Weiß.

Internetsuche:

Asylantendebatte Hellersdorf

EXIT-Deutschland

Thorshammer

Sommer unter schwarzen Flügeln

2.

Marzahn-Hellersdorf ist jung, dynamisch und gehört zu den grünsten Ecken Berlins, besitzt einen familienfreundlichen Kiez, eine schnelle Verkehrsanbindung in die City sowie vielfältige Service- und Shoppingmöglichkeiten.

(Website GSG-Berlin zu Marzahn-Hellersdorf)

Erst war es Kreuzberg, das überfremdet wurde, Wedding, Neukölln und die anderen westdeutschen Stadtteile. Und die Bürger haben langsam die Schnauze voll, dass jetzt hier Ost-Berlin auch frequentiert werden soll von Zigeunern, von Asyl-Schmarotzern und anderen ausländischen Sozialbetrügern. (…) Wir zeigen Solidarität mit den Anwohnern, die nicht möchten, (…) dass hier linke Gewalttäter mit Wohlstandsnegern im Einklang Gewalt des Nachts ausüben.

(Ronny Zasowk, NPD-Politiker, am 20.08.2013 bei der NPD-Kundgebung in Hellersdorf)

Er wartete auf einem Feldweg nahe der Mülldeponie, so war es verabredet.

Er schlief im Auto.

Als die Sonne über den Hügel vor der Deponie kroch, fing sie sich in der Kühlerhaube, ließ das unauffällig graue Auto auffällig glänzen, und Calvin stieg aus und sah nervös zur Straße hin.

Wenn jetzt ein Streifenwagen vorbeifuhr, würden sich die Bullen fragen, warum das Auto hier stand, und wenn sie zurückkamen, würden sie sich fragen, warum es immer noch hier stand. Vor allem, wenn sie das Kennzeichen prüften und merkten, dass das Auto am Morgen als gestohlen gemeldet worden war. Falls es das war.

»Kamal«, flüsterte er, »komm schon. Scheiße, es ist gleich neun!«

Wo steckte Kamal? Hatten sie es sich anders überlegt und ihn doch nicht aus der Klinik entlassen? Oder hatte Kamal es sich anders überlegt?

Calvin setzte sich wieder in den Wagen. Der Geruch von Frau Silbermann hüllte ihn ein, Alte-Damen-Parfum, Vergangenheit, getrocknete Rosen. Er schloss die Augen. Neben ihm saß Nuri, er konnte sie deutlich spüren … Dies hätte ihr Fluchtwagen sein sollen, seiner und Nuris, damals …

Jemand tippte Calvin auf die Schulter, und er fuhr herum, bereit, zuzuschlagen. Auf dem Beifahrersitz saß Kamal. Er grinste.

»Schlafmütze. Es ist nach zehn. Fahren wir?«

Calvin nickte. »Eine dumme Frage nur … Hast du einen Führerschein? Ich nicht.«

Kamal zog eine schwarze Brieftasche aus künstlichem Leder aus dem alten Rucksack zu seinen Füßen und öffnete den Reißverschluss. Dann hielt er Calvin ein Stück Papier hin, das erstaunlich neu aussah.

»Sogar einen deutschen«, sagte Kamal und lächelte. »Ich hab ihn umschreiben lassen. Als Syrer bist du gewohnt, tausend Papiere zu beantragen und auszufüllen und bei Ämtern anzustehen. Ist also alles legal. Ich fahre.«

Calvin stieg aus und auf der anderen Seite wieder ein.

»Alles legal«, murmelte er. »Bis auf das geklaute Auto und die drei Riesen, die Frau Silbermann gehören. Und Anders Dobrowski, der krankgeschrieben ist.«

Kamal zuckte die Schultern und ließ den Motor aufheulen. Kurz darauf zogen die Alleebäume an ihnen vorbei wie grüne Kinder, die sich zum Winken an die Straße gestellt hatten. Eine Stunde Alleen und Nervosität. Keine Kontrollen. Dann waren sie auf der A 20.

 

Sie sprachen lange nicht, starrten nur auf die Straße und ab und zu in den Rückspiegel. Niemand folgte ihnen. An einer Unfallstelle, wo sich der Stau gerade auflöste, standen zwei Wagen der Polizei. Calvin sah Kamal an, und Kamal zuckte die Schultern. Aber Calvin sah die Schweißtropfen auf seiner Stirn.

Frau Silbermanns Wagen trug sie sicher an den Uniformierten vorbei. An einer Tankstelle hielten sie an und füllten den Kofferraum mit Toastbrot, Schokolade und billigen Saftpackungen. Als sie auf den Berliner Ring kamen, griff Kamal hinter sich, zog etwas aus seinem Rucksack und ließ es in den Schlitz des CD-Players gleiten. »Was …?«

Kamal deutete wortlos auf die Hülle. Sie sah neu aus. »Deshalb bin ich später gekommen«, sagte er. »Kleiner Besuch in der Buchhandlung.«

»Du … hast mich mit einem geklauten Auto stundenlang warten lassen, um in eine Buchhandlung zu gehen?« Calvin schüttelte den Kopf.

Das Autoradio spuckte Sätze, die er nicht verstand. Einzelne Wörter kamen ihm bekannt vor. Und dann wiederholte jemand die Sätze auf Deutsch.

Guten Tag. Wie geht es Ihnen? Ich heiße.

ARABISCHFÜRANFÄNGER, stand auf der CD-Hülle. Calvin drückte auf Stopp.

»Was soll das?«

»Du hast schon mal versucht, es zu lernen. Hiermit ist es leichter.« Kamal nickte zum Radio hin.

»Schwachsinn. Du kannst mir sagen, was ich wissen muss.«

Kamal schüttelte den Kopf. »Ich fahre. Du hörst zu. Nachher können wir wechseln.«

»Ich fahre und du lernst Arabisch?«

»Nicht ganz«, sagte Kamal ohne einen Anflug von Ironie. »Wir wechseln die CD. Da ist auch eine mit Englisch in meinem Rucksack. Du willst nach Syrien, du willst dort jemanden finden. Also such deine grauen Zellen zusammen und lern was, während wir unterwegs sind.«

Er drückte wieder auf Play, und Calvin verschränkte die Arme und sank tiefer in seinen Sitz, nicht bereit, sich zu fügen. Kamal war nur zwei Jahre älter als er, er war kein Kind, das man herumkommandieren konnte. Für Nuri hatte er begonnen, Arabisch zu lernen, aus einem Buch damals, und eingesehen, wie unmöglich es war. Er würde nicht für Kamal wieder damit anfangen.

Während die Wörter mit den zu vielen ch aus dem Autoradio quollen, dachte er an ihre Mutter: Um Nabil, die ihm mit viel Geduld beigebracht hatte, wie man Auberginen schneidet und Hackfleisch knetet. Er würde die winzige Küche im Asylbewerberheim nie vergessen, seinen einzigen Zufluchtsort, als er damals untergetaucht war.

Sie fuhren noch immer auf dem Ring um die Hauptstadt herum, und irgendwo in dieser Hauptstadt stand Um Nabil vielleicht gerade jetzt vor einer elektrischen Kochplatte und rührte in einem Topf, zwischen zu vielen Menschen verschiedener Nationen und ihren Ängsten und Sorgen.

Und irgendwo saß ihr Mann auf einem Stuhl und begann zum hundertsten Mal das Buch, das er nie schrieb. Sie waren allein, diese beiden. Ihre Kinder waren fort. Zwei von ihnen tot, Nabil und Nura. Und Kamal saß in einem gestohlenen Wagen und fuhr zurück in das Land, aus dem sie gemeinsam geflohen waren.

»Warum tust du das?«, fragte Calvin und würgte die nervtötende WirfreuenunsalleArabischzulernen-Stimme ein weiteres Mal ab. »Warum fährst du mit?«

»Ich fahre nicht mit. Ich fahre«, antwortete Kamal. Er sah jetzt starr geradeaus, nicht rechts, nicht links, nicht mal mehr in den Rückspiegel. Als hätte er Angst, zu viel von der Stadt zu sehen, in der seine Eltern umsonst auf ihn warteten.

»Du wärst ohne mich nicht gefahren.«

»Wer weiß. Ich hatte darüber nachgedacht. Ich brauchte vielleicht einen letzten … Stoß. Was soll ich in diesem verdammten Land? Sie haben meine Schwester umgebracht. Ich hatte überlegt, hierzubleiben und … Du kennst das Prinzip der Blutrache.«

Calvin nickte. Er dachte an die Eisenstange.

»Aber es nützt nichts«, sagte Kamal. »Es nützt nichts, zu bleiben und Unsinn zu machen, während mein eigenes Land verreckt.« Er sah Calvin zum ersten Mal an, seit sie losgefahren waren. »Ich fahre nicht dahin, um dir zu helfen, Dschinan zu finden.«

»Sondern.«

»Ich werde dableiben. Keine Ahnung, was ich machen werde. Meine Eltern … Sie wollten mir immer irgendetwas sagen. Aber sie wollten es nicht am Telefon sagen. Wir haben alle zu viel Angst davor, abgehört zu werden, und so dumm ist das gar nicht, glaube ich. Sie haben mich besucht, zweimal sogar. Nur war ich blöderweise nicht wach. Seit ich bei Bewusstsein war, waren sie nicht mehr da. Haben irgendwelche Ausflüchte erfunden, kein Geld mehr da, Ärger mit der Polizei auf dem Bahnhof, was weiß ich. Ich glaube, sie hatten Angst davor, was sie finden, wenn sie mich besuchen. Ob ich vielleicht, keine Ahnung, nicht mehr ganz normal bin. Im Kopf. Aber jetzt freuen sie sich angeblich furchtbar, dass ich komme.« Er zuckte die Achseln. »Was sie mir sagen wollten … Es war irgendwas über Berlin. Vielleicht nur, dass es nicht das Paradies ist, das sie da finden wollten, aber das hätten sie am Telefon sagen können, oder? Ich meine, jeder kann Hellersdorf googeln. Noch so ein Viertel voll von deinen Freunden. Hübsche Aufmärsche vor dem Heim, gerade zur Eröffnung, ihr organisiert das gut, Hut ab. Ein paar von den Syrern sind gleich wieder abgehauen, und auf den Ämtern hat man ihnen gesagt, sie können ja zurück nach Hause gehen und sich totschießen lassen, wenn ein bisschen harmloses Parolen-Gebrülle und ein paar Drohungen sie so sehr stören. Nett, was? Aber ich kann meinen Eltern nicht helfen. Ihr seid überall, es wird nicht besser, wenn man umzieht.«

»Lass mich raus«, sagte Calvin leise.

»Bitte?«

»Du kannst irgendwo anhalten. Irgendwo kann man immer anhalten.«

»Nicht auf dem Berliner Ring«, sagte Kamal kalt.

»Wenn du denkst, dass die Leute in Hellersdorf meine Leute sind, dann lass mich raus. Jetzt.« Calvin sprach immer noch leise, doch er hatte die Hände zu Fäusten geballt. Einer der Schnitte hatte von der Spannung der Haut wieder angefangen, zu bluten.

»Spielst du jetzt Mädchen?«, fragte Kamal. »Bist du beleidigt?«

»Lass mich raus«, knurrte Calvin, mühsam beherrscht. »Ich komm alleine nach Syrien. Ich brauche deine verfickte Sprachlern-CD nicht und deine guten Ratschläge nicht und überhaupt gar nichts.« Er griff hinüber und versuchte, das Lenkrad zu fassen zu bekommen, den Wagen an den Straßenrand zu lenken. »Und ich bin sowieso tot, schon vergessen?«, flüsterte er. »Es ist mir egal, ob wir einen Unfall bauen.«

Kamal machte eine rasche Bewegung mit dem Ellenbogen und schaffte es, Calvin wegzustoßen, der Wagen schlingerte und fing sich wieder, kam schließlich zum Stehen, hinter ihnen kreischten Bremsen, wütendes Hupen füllte die Luft. Jemand schrie etwas aus einem geöffneten Autofenster. Kamal und Calvin sahen sich an, beide keuchend. Kamal hatte den Warnblinker angeschaltet.

»Natürlich hast du recht«, flüsterte Calvin. »Ich bin schuld. Ich bin schuld an ihrem Tod.«

Kamal sah sich um. »Wenn jetzt eine Polizeistreife kommt, herzlichen Glückwunsch. So fallen wir garantiert auf.«

»Sag, dass ich schuld bin. Damit du es einmal gesagt hast. Damit du es los bist.«

»Nein.«

Kamal startete den Wagen wieder und fuhr an. Erst nach ein paar Minuten sagte er: »Du bist nicht ausgestiegen.« Und dann, nach ein paar weiteren Minuten: »Wegen deiner Freunde … Ich weiß ja, dass sie es nicht mehr sind. Afwan.«

»Das bedeutet … Entschuldigung?«

»Du kannst ja doch Arabisch.«

Calvin drückte auf den Play-Knopf des Autoradios.

»As-salamu alaikum«, jubilierte die nervtötend fröhliche Stimme. »Friede sei mit dir.«

Er würde diese Stimme die nächsten vierzig Stunden lang irgendwie ertragen. Er würde sich zwingen, die Sätze in seinen Kopf zu hämmern. Denn natürlich hatte Kamal recht, er würde diese Sätze brauchen, um zu überleben.

»Wa-alaikum as-salam«, murmelte er. »Und Friede mit dir.«

 

Sie zitterten vor jeder Grenze.

Und wurden durchgewinkt, jedes Mal, zusammen mit anderen. Wenn überhaupt ein Winker dastand. Sie zahlten die Maut auf den Mautstrecken. Sie hielten an Rastplätzen, um zu rauchen. Sie verhielten sich unauffällig.

Ab Tschechien wechselten sie sich mit dem Fahren ab, damit einer immer schlafen konnte. Die Landschaft wurde trockener. In Österreich wurde sie wieder kitschiger und aufgeräumter.

Hitler war ein Österreicher gewesen. Calvin sagte das nicht.

Dann Ungarn.

Und diesmal gerieten sie wirklich in eine Kontrolle, keine Grenz-, sondern eine Straßenkontrolle. Kamal schlief auf dem Beifahrersitz. Calvin kramte die Wagenpapiere aus dem Handschuhfach, reichte sie hinaus, lächelte. Seine rechte Hand lag schon auf dem Schalthebel, und er war bereit, Gas zu geben, die Polizisten mit den Papieren in der Hand stehen zu lassen. Sie telefonierten. Überprüften Daten. Nickten dann. Wollten noch etwas haben. Und Calvin begriff, dass es sein Führerschein war.

Er gab ihnen Anders Dobrowskis Pass, um sie hinzuhalten, sie schüttelten die Köpfe, sagten immer wieder das gleiche Wort. Schließlich fischte er ein anderes Stück Papier aus dem Portemonnaie, ein Papier mit einem Foto von A. Dobrowski und einem Wappen. Sie drehten es, wendeten, nickten dann. Und winkten ihn wieder einmal durch.

In seinen Ohren rauschte es, als er weiterfuhr.

»Kamal? Mann, wach auf! Die wollten meinen Führerschein!«

»Und?«, fragte Kamal verschlafen.

»Ich habe was anderes gefunden, wo ein Foto drauf ist. Samt Wappen.« Er musste das Lachen gewaltsam unterdrücken. »Die Kantinenkarte der Berufsschule.«

»Du bist gar nicht so blöd, wie ich dachte«, murmelte Kamal und schlief wieder ein.

 

 

Nuri sah den Zettel an der Pinnwand, ehe er wirklich hing. Einen großen, neon-rosa Zettel.

Der Mann, der dabei war, ihn anzupinnen, schien nach einer weiteren Nadel zu suchen, ein untersetzter, bäriger, irgendwie hilfloser Mann, und sie ging hin, zog eine Nadel aus einem anderen Papier und steckte den rosa Zettel fest.

»Shukran«, sagte der Mann, ein ziemlich deutsch aussehender Mann.

Sie nickte nur, trat zurück, las.

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Und darunter noch einmal das Gleiche auf Arabisch.

»Wer sind wir?«, fragte Nuri. Auf Deutsch.

Der Mann lächelte. »Eine Sozialarbeiterin von Hellersdorf hilft, diesem Verein hier, und ich. Die Kinder gehen seit Ende August in die Schule. Wir dachten, es könnte nicht schaden, ihnen noch zusätzlich zu helfen. Sie wollen so gerne lernen, ich war in den Klassen, ich habe das gesehen, aber es ist eben schwierig, wenn niemand ins Arabische übersetzen kann …« Seine Stimme verlor sich, unsicher, sein Lächeln war auf merkwürdige Weise entschuldigend. Nuri musterte ihn, wie er so dastand, die Hände in den Taschen eines abgewetzten Cord-Jacketts, leise auf der Stelle hin und her schaukelnd, ein grünes Halstuch unter dem Bart, nicht elegant, sondern gegen die Oktoberkälte. Ziemlich starke Brille im Gesicht, schwarzes Kraushaar. Ende vierzig vielleicht.

Er schien sich nicht ganz wohlzufühlen im Flur des Asylbewerberheims, nickte einer Frau zu, die vorbeikam, lächelte wieder entschuldigend. Ein winziges, rotes Ahornblatt hatte sich in seinem Haar verfangen.

Draußen, jenseits des künstlich beleuchteten Flurs, fegte der Wind mehr Blätter durch Hellersdorf, an den burgenhaften, grauen Blocks vorbei, über die vergilbenden Rasenflächen, leere Bürgersteige entlang. Der Wind riss an den Gehwagen der alten Frauen, die ihre Einkaufsnetze spazieren führten, griff in die Kinderwagen junger Mütter mit dreifach gefärbten Haaren, jagte alte Ängste um die Ecken der ehemaligen Schule, die seit August ein Flüchtlingsheim war.

Der Wind fegte, dachte Nuri, vor allem durch eine große Leere – es war niemand da in den Straßen von Hellersdorf. Sie starrten sie leer an wie die Jungen, die alle nicht Calvin waren, wenn sie sich schließlich umdrehten. Leer wie Nuris Kopf und leer wie ihr Herz.

Sie merkte, dass sie eine ganze Weile neben dem bärigen Mann gestanden und geträumt hatte, und nun wandte er sich zum Gehen, doch sie hielt ihn zurück. »Warten Sie.«

Und unendlich behutsam, als könnte es zerbrechen, nahm sie das rote Ahornblatt aus seinen Haaren.

»Wenn Herbst ist, heißt das doch, dass der Winter kommt«, sagte sie. »Und nach dem Winter kommt irgendwann ein Frühling. Alles … geht weiter.« Sie holte tief Luft. »Brauchen Sie noch jemanden? In der Kindergruppe? Zum Helfen?«