Winterkrieg - Philip Teir - E-Book

Winterkrieg E-Book

Philip Teir

3,8
9,99 €

Beschreibung

Der große Gesellschaftsroman aus Finnland: ein zeitloses Bild derer, die alles haben und gerade deshalb nicht glücklich sein können

Max Paul ist Soziologe an der Universität von Helsinki und zugleich erfolgreicher Buchautor. Sein akademisches Steckenpferd sind Sexualität und Ehe – seine eigene Ehe jedoch funktioniert schon lange nicht mehr. Während Max und seine Ehefrau Katriina in eine immer tiefere Krise geraten, hadern auch ihre erwachsenen Töchter mit ihrem jeweiligen Lebensmodell: die Lehrerin und zweifache Mutter Helen genauso wie die Kunststudentin Eva, die mit knapp dreißig ihren Platz im Leben noch nicht gefunden hat. Als Eva eine Affäre mit ihrem Dozenten anfängt und Max eine mit einer jungen Journalistin, spitzt sich in einem kalten Winter in Helsinki die Situation der Familie Paul zu.

Ein brillant erzählter, psychologisch raffinierter Gesellschaftsroman über eine globale Mittelschicht auf der Suche nach dem Lebenssinn, hin- und hergerissen zwischen dem Streben nach Unabhängigkeit und der Sehnsucht nach Sicherheit.

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Seitenzahl: 444

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Das Buch

Max Paul ist Soziologe an der Universität von Helsinki und zugleich erfolgreicher Buchautor. Sein akademisches Steckenpferd ist Sexualität und Ehe – seine eigene Ehe jedoch funktioniert schon lange nicht mehr.

Während Max und seine Ehefrau Katriina in eine immer tiefere Krise geraten, hadern auch ihre erwachsenen Töchter mit ihrem jeweiligen Lebensmodell: Die Lehrerin und zweifache Mutter Helen, wie die Kunststudentin Eva, die mit knapp dreißig ihren Platz im Leben noch nicht gefunden hat. Als Eva eine Affäre mit ihrem Professor anfängt, und Max eine mit einer jungen Journalistin, spitzt sich in einem kalten Winter in Helsinki die Situation der Familie Paul zu.

Ein brillant erzählter, psychologisch raffinierter Gesellschaftsroman über eine globale Mittelschicht auf der Suche nach dem Lebenssinn, hin- und hergerissen zwischen dem Streben nach Unabhängigkeit und der Sehnsucht nach Sicherheit.

Der Autor

Der Finnlandschwede Philip Teir, geboren 1980, gilt als einer der wichtigsten Nachwuchsautoren Finnlands. Er hat bereits Gedichte und einen Band mit Kurzgeschichten veröffentlicht, und ist Herausgeber von Anthologien. »Winterkrieg« ist sein erster Roman. Philip Teir lebt als freier Journalist und Schriftsteller mit seiner Familie in Helsinki.

»Humorvoll und leichtfüßig, kulturkritisch und spannend.« – Dagens Nyheter

»Unterhaltsam, voller stilistischer Finessen und anregend für Herz und Verstand.« – Hufvudstadsbladet

PHILIP TEIR

WINTERKRIEG

Roman

Aus dem Finnlandschwedischen

von Thorsten Alms

Karl Blessing Verlag

Originaltitel: Vinterkriget

Originalverlag: Schildts & Söderströms

1. Auflage

Copyright © der Originalausgabe 2013 by Philip Teir

Copyright © 2014 by Karl Blessing Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Geviert, Christian Otto,

unter Verwendung einer Fotografie

von © gettyimages, Chris Stein

Satz: Leingärtner, Nabburg

ePub-ISBN: 978-3-641-14070-0

www.blessing-verlag.de

»Und gleichwohl sind diese Kleinigkeiten

nicht bedeutungslos im Leben,

denn das Leben besteht aus Kleinigkeiten.«

August Strindberg, Heiraten

NOVEMBER –DEZEMBER

1

Den Hamster der Enkelkinder einzufrieren war der erste Fehler gewesen, den Max und Katriina in diesem Winter begangen hatten – bis zu ihrer Trennung sollten noch viele folgen.

Es war ein Unfall. Max war auf den Hamster getreten. Er spürte, wie sich etwas Weiches unter seiner Fußsohle bewegte, und hörte ein eigenartiges, furchtbares Piepsen, aber da war es schon zu spät. Blixten war nur ein halbes Jahr alt geworden, und jetzt wurde er in eine Tüte gepackt und ganz weit hinten im Tiefkühlfach verstaut.

Für ihre älteste Tochter Helen war das Grund genug, um in den folgenden zwei Wochen nicht mehr mit ihnen zu reden, aber als Max später darüber nachdachte, fragte er sich, ob die Probleme im Grunde nicht schon im November angefangen hatten.

Es war ein milder Herbst. Die Töölöbucht seufzte unter dem feuchten Novembernebel, während Jogger an ihr entlangkeuchten. An einem Freitag am Ende des Monats waren Max und Katriina bei den Keskinens zum Abendessen eingeladen. Katriina mischte sich schnell unter die Gäste, während Max – wie er befürchtet hatte – neben der Chefin seiner Frau platziert wurde.

Wivan Winckelmann war eine kleine Frau von sechzig Jahren und besaß eine grässliche Stimme, allein dafür geschaffen, Max’ Nerven ausfindig zu machen und zu traktieren. Sie arbeitete in leitender Funktion für die HUS, die für die medizinische Versorgung in der gesamten Region Helsinki zuständig war, und besaß damit einen enormen Einfluss auf den ganzen öffentlichen Sektor. Verheiratet war sie mit einem glatzköpfigen Kaninchengesicht namens Pertti. Er schien sich stets etwa einen Meter hinter ihr zu verbergen, als hätte er in Wivan einen effektiven Schutzschild gegen eine bösartige und anspruchsvolle Welt gefunden.

Die Keskinens wohnten in einem der neueren Viertel von Vuosaari, in einer Wohnung, die aussah, als käme sie aus einem modernen finnischen Film: klinisch, weiß und steril. Eine Wohnung, in der sich, so stellte sich Max vor, ein Serienmörder wohlfühlen würde. Früher hatten sie in einem alten Jugendstilhaus an der Fredrikinkatu gewohnt. Die Keskinens hatten Max besser gefallen, als sie noch in der alten Wohnung gelebt hatten. Es war eine dieser Wohnungen, die man während der Wirtschaftskrise in den Neunzigerjahren günstig kaufen konnte. Risto war – genau wie Max – gut durch die Krise gekommen. Sie arbeiteten beide in Berufen, die von den schlechten Zeiten kaum in Mitleidenschaft gezogen worden waren. Ganz im Gegenteil: Als der ganze Rest von Finnland in wirtschaftlicher Depression und Massenarbeitslosigkeit versank, waren sowohl Max als auch Risto in ihrem jeweiligen Metier sehr erfolgreich. Die Krise schien die Nachfrage nach gesellschaftlichen Analysen, die Max’ Spezialgebiet innerhalb der Soziologie darstellten, zu fördern. Risto wiederum, der als Psychiater arbeitete, wurden im Kielwasser der Konjunkturschwäche etliche Patienten zugespült, die schwer an Scheidungen oder persönlichen Tragödien zu tragen hatten.

Max tauschte Wangenküsse mit Tuula Keskinen, die anschließend bei Katriina untergehakt und mit einem Gin Tonic in der Hand in der Wohnung verschwand.

Katriina und Max hatten während der ganzen Taxifahrt kein Wort gewechselt. Max hatte aus dem Autofenster geschaut und es genossen, in Bewegung zu sein, das sanfte Gleiten des Wagens über die Sturenkatu, während der Regen wie glänzendes Konfetti herabfiel. Es hatte die ganze Woche geregnet, ein milder und angenehmer Regen, der die Baumstämme tiefschwarz färbte und bewirkte, dass man an den Wangen ständig fror.

In diesem Jahr war die Dunkelheit ganz plötzlich gekommen. Max hatte den ganzen Herbst an einem Manuskript gearbeitet, mit einem Abgabetermin im März, der beunruhigend schnell näher rückte, und jedes Mal, wenn er nachmittags aus dem Fenster seines Arbeitszimmers schaute, wunderte er sich, dass die Tage so kurz geworden waren.

Ihre jüngste Tochter, Eva, war in diesem Herbst nach London gezogen, und Katriina versank in einer, wie sie selbst es nannte, »Depression«, was für Max eher die egozentrische Reaktion auf den Umstand war, dass Kinder irgendwann einmal erwachsen werden. Indem sie diese Entwicklung als Diagnose ihres persönlichen Zustandes interpretierte, konnte Katriina sie für ihre eigenen, dramatischen Zwecke nutzen.

Als sie Eva im August zum Flughafen gefahren hatten, erklärte Katriina in aller Breite – wie sie es immer tat –, was Eva nach ihrem Jahr in London alles tun sollte, wie sie ihren Lebenslauf zu planen hatte und wie viel Geld sie jeden Monat zurücklegen sollte, wenn sie erst einen Job ergattert hätte. Sie schlug gleichzeitig – als Alternative – vor, dass Eva ihr abgebrochenes Studium in Helsinki wieder aufnehmen und vielleicht sogar ihren Master machen könnte.

»Weißt du was, Mama, ich kann das alles echt nicht mehr hören. Nicht alle Menschen planen ihr Leben bis ins letzte Detail voraus«, sagte Eva vom Rücksitz aus, wo sie auf ihrem Telefon herumtippte. Sie hatte den ganzen Sommer bei ihnen gewohnt, weil sie ihre Wohnung gekündigt hatte, als sie von der Schule angenommen worden war. Alles nur, um Geld zu sparen, wie sie behauptete. Einen Ferienjob hatte sie sich allerdings nicht besorgt. Sie war neunundzwanzig Jahre alt und hatte den Sommer damit verbracht, auf dem Balkon in der Sonne zu liegen und Wein zu trinken.

»Nein, nein. Ich wollte damit nur sagen, dass es gut wäre, wenn du einen Plan hättest.«

»Ich habe doch einen Plan. Ich werde Kunst studieren. Ich werde mich hoffentlich mit unzähligen attraktiven Briten verabreden. Für mich ist das genug. Weißt du überhaupt, wie schwer es ist, in diesen Studiengang hineinzukommen?«

»Doch, doch, wir sind unheimlich stolz auf dich.«

Max hatte versucht, sich herauszuhalten. Er war tatsächlich unheimlich stolz auf Eva. Katriina und Eva stritten sich manchmal über Dinge, die Max nicht einmal ansatzweise nachvollziehen konnte, und er nahm an, dass es damit zu tun hatte, wie ähnlich die beiden einander waren. Sie schienen beide das Gefühl zu haben, dass ihnen die Welt gehörte. Dass Eva diese Einstellung von Katriina geerbt hatte, war offensichtlich, aber woher sie bei Katriina kam, konnte er sich nicht erklären. Sie war eines dieser Persönlichkeitsmerkmale, die man in der Theorie leicht bewundern konnte, die aber das Leben in der Praxis nicht einfacher machten. Seit er Katriina kannte, hatte sie nie gezögert, wenn sie etwas unbedingt haben wollte.

Heute Abend hatte er zu verstehen gegeben, dass Katriina Eva vielleicht nicht jede Woche anrufen, sondern sie ihr eigenes Leben in London leben lassen sollte. Das hatte dazu geführt, dass Katriina ihn anblaffte, weil er zwei Stunden vor dem Abendessen bei Risto und Tuula noch Tennis spielen wollte. Er entgegnete, dass sie nicht so viel Wein auf nüchternen Magen trinken solle, woraufhin sie konterte, dass er vielleicht mehr Zeit mit ihr verbringen könnte, dann bräuchte sie nicht zu trinken.

So ging es weiter, bis Max die Tür hinter sich zuschlug und in den Regen hinausging, um sich auf den Weg zur Tennishalle zu machen. Er spielte wie ein Holzklotz, grob und gereizt, und als er zu Hause in die Diele trat, war seine Laune noch schlechter als vorher. Am Ende hatten sie trotz allem ein Taxi zu den Keskinens genommen, ohne auf der Fahrt auch nur ein Wort miteinander zu wechseln.

Max besaß keinen Führerschein. Als sie sich vor dreißig Jahren kennengelernt hatten, war Katriina begeistert gewesen von seiner Verweigerungshaltung gegenüber dem Individualverkehr. Jetzt verachtete sie ihn aus demselben Grund. Sie behauptete, dass diese Haltung während all der Jahre eher mit Faulheit und Geiz zu tun gehabt habe als mit Umweltschutz.

Sie kamen zwanzig Minuten zu spät und wurden gleich aufgefordert, am Esstisch Platz zu nehmen. Max setzte sich und stellte fest, dass er die Mehrzahl der Gäste zumindest vom Sehen kannte: Wivan und Pertti, Tuula und Risto – Risto begrüßte ihn mit einem Nicken, während er um den Tisch ging und jedem einen Schnaps einschenkte –, einige Arbeitskollegen und -kolleginnen von Katriina in Begleitung ihrer Männer oder Frauen.

Am Tisch saß auch ein chinesisches Paar, das sie einige Male selbst schon zum Abendessen eingeladen hatten. Der Mann hieß John, und Max hatte ihn als schweigsamen, aber sympathischen Experten für internationales Handelsrecht in Erinnerung. Ganz hinten, am anderen Ende des Tisches, saßen Stefan und Gun-Maj, ein finnlandschwedisches Paar, das sein gesamtes Hab und Gut verkauft hatte, als es in Pension gegangen war. Inzwischen reisten sie durch Ostasien und organisierten teure Meditationskurse für Paare mittleren Alters, die aus den Mühlen des Alltags ausbrechen wollten. Stefan war stets gleichmäßig gebräunt und hatte sich neuerdings ein albernes Ziegenbärtchen wachsen lassen.

Max begrüßte seine Tischnachbarn. Wivan verwickelte ihn sofort in ein Gespräch.

»Ich habe das Interview mit dir in der letzten Nummer von Anna gesehen. Gestern habe ich noch zu Pertti gesagt: Guck mal, das ist doch Max! Stimmt doch?«

Pertti saß ein paar Stühle weiter und nickt; allem Anschein nach nicht, weil er seiner Frau zugehört hatte, sondern weil er darauf konditioniert war, ihr in jeder Situation beizupflichten. Wivan wandte sich erneut Max zu und reichte ihm ein Tablett mit Roter Bete. Ihr Armband klingelte gegen das Silbergeschirr.

»Du meinst bestimmt meinen Kollegen«, sagte Max.

»Nein, dort stand, dass es sich um einen Soziologen von der Universität Helsinki handelte. Bei euch arbeiten doch nicht mehrere Soziologen, die Max Paul heißen?«

Er reichte das Tablett weiter.

»Doch, lustigerweise gibt es tatsächlich zwei an unserem Institut, und wir werden oft miteinander verwechselt.«

Wivan verschlug es für ein paar Sekunden die Sprache, bevor sie nervös zu lachen begann. Max sah zu Katriina hinüber, aber sie schaute woandershin. Sie hatte offensichtlich beschlossen, ihn für den Rest des Abends zu ignorieren. Er schaute auf ihr Weinglas und bemerkte, dass es schon halb geleert war, obwohl Risto gerade erst eingeschenkt hatte.

»Nein, das ist mein voller Ernst. Das war ich nicht«, sagte er wieder an Wivan gewandt.

Wivan hörte auf zu lachen und betrachtete ihn verwirrt. In gewisser Weise meinte es Max tatsächlich so, wie er es gesagt hatte: Bei der Person, die von Anna interviewt worden war, handelte es sich um eine Art Medienpersönlichkeit, die er zu solchen Anlässen hervorholte, wenn beispielsweise eine Frauenzeitschrift anrief und einen oder zwei kurze Oneliner haben wollte. Meistens ging es um Familien oder um Sex, Themen, über die Max zwar auch gelegentlich geforscht hatte, die aber keineswegs seine Schwerpunkte darstellten. Aber je mehr dieser Interviews er führte, desto mehr Journalisten riefen an und wollten mit dem »Sexprofessor« reden.

Max hatte sich zwar geschworen, nie wieder auf diese Art von Fragen zu antworten, weil sich in Finnland langsam eine Vorstellung von der Soziologie als Sexwissenschaft breitzumachen begann, aber er war einfach zu faul und zu höflich, um Nein zu sagen; es fiel ihm leichter, eine kurze Antwort zu geben als gar keine. Dieses Mal war das Interview von einer jungen Frau um die fünfundzwanzig geführt worden, die ihn im Institut angerufen hatte, als er gerade vor dem Internetauftritt der Helsingin Sanomat saß und einen Beitrag für ein Diskussionsforum schrieb.

Zuerst stellte sie sich vor – Max bekam ihren Namen gar nicht richtig mit – und erklärte, dass sie im Auftrag der Zeitschrift Anna anrufe.

»Ich schreibe gerade einen Artikel über das Hausfrauenideal von heute. Könnten Sie sich vielleicht vorstellen, ein paar Fragen zu dem Thema zu beantworten?«

»Nur zu«, erwiderte Max, während er sich weiterhin auf sein Diskussionsforum konzentrierte. Damit hatte er sich zuletzt immer ausgiebiger beschäftigt. Es gab einige User, die häufig in denselben Diskussionen auftauchten wie Max. Mittlerweile diskutierten sie schon seit vielen Monaten heftig über alle möglichen Themen, angefangen vom Islam bis zum U-Bahn-Ausbau der Stadt Helsinki Richtung Westen. Max wusste, dass er sich auf solche Debatten im Internet gar nicht einlassen sollte. Die unmittelbare Befriedigung angesichts der Zerschlagung eines gegnerischen Arguments wurde sofort dadurch verdorben, dass der Streit doch niemals endete und es immer wieder neue Teilnehmer gab, die vom Thema ablenkten oder bewusst provozierten. Es war wie der Versuch, an einem Spielautomaten Geld zu gewinnen, man tat einen Schritt vorwärts und zwei wieder zurück. Und es machte genauso süchtig. Manchmal saß er nachts um zwei noch zu Hause und nahm an Diskussionen über die biologischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen teil, um eine wissenschaftliche Perspektive einzubringen, obwohl er ganz genau wusste, dass es sich bei den anderen Teilnehmern um pubertierende Jugendliche handeln konnte.

Die Frau am Telefon begann ihre Fragen zu stellen.

»Ja, zunächst einmal … von verschiedener Seite wird ja behauptet, dass wir gerade einen neokonservativen Trend erleben, dass Frauen, die in den Achtzigerjahren geboren wurden, sich die traditionellen Ideale der Fünfzigerjahre zu eigen machen. Fernsehserien wie Mad Men seien ein Beispiel dafür. Was sagen Sie dazu?«

Das Hausfrauenideal? Das war ein Kinderspiel. Max brauchte nicht lange zu überlegen.

»Das ist schwer zu sagen ohne statistische Grundlage. Wenn man sich die letzten zehn Jahre anschaut, sprechen die Zahlen eine andere Sprache. Die Leute heiraten später, und immer mehr Paare leben ohne Trauschein zusammen. Außerdem machen Frauen Karriere und sind nicht länger an den Herd gefesselt.«

»Und trotzdem ist da die Rede von diesem Trend …«

»Natürlich kann man behaupten, dass es einen Trend gibt, aber das bedeutet nicht, dass er sich auch in der Statistik abzeichnet.«

Er schloss seinen Browser.

»Ja, aber in meinem Artikel geht es nun einmal um das neue Hausfrauenideal. Könnten Sie darüber etwas sagen? Ich meine, wir erleben im Augenblick ja ein riesiges Interesse am Kochen. Nur zum Beispiel. Was glauben Sie, woran liegt das?«

»Die Leute müssen essen.«

Die Frau am Telefon lachte höflich.

»Klar, aber könnten Sie nicht etwas zu diesen Trends sagen? Ich meine, warum Frauen heutzutage mehr Zeit zu Hause verbringen und früher Kinder bekommen wollen?«

Diesen Trend hatte Max tatsächlich aus nächster Nähe beobachten können. Seine ältere Tochter Helen hatte früh geheiratet und Kinder bekommen – ihm war das fast wie eine Rebellion gegen die Generation ihrer Eltern vorgekommen. Aber Eva schien nicht den Plan zu verfolgen, in die Fußstapfen ihrer Schwester zu treten.

»Wollen sie das wirklich?«, fragte Max.

»Also … ich habe die Zahlen jetzt nicht vor mir liegen, aber zurzeit wird ja viel über dieses neue Hausfrauenideal geredet … immer mehr Medien berichten darüber, und dann gibt es diese vielen neuen Zeitschriften, die sich direkt an junge Mütter richten …«

Max war nicht dumm. Er wusste, wie solche Artikel zustande kamen: Man brauchte nur ein paar fantasieanregende Behauptungen und – das war das Allerwichtigste – einen sogenannten Case, einen Interviewpartner, der die These bekräftigen konnte, die der Verfasser verkaufen wollte. Im besten Fall brachte man noch einen mediengeilen Wissenschaftler wie Max dazu, die Hypothese zu bestätigen. Er dachte darüber nach, sie auflaufen zu lassen, aber dann beschloss er, ihr zu geben, was sie wollte. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sprach langsam, damit sie alles notieren konnte.

»Okay, wenn man die Ehe aus rein historischer Perspektive betrachtet, dann war sie schon immer konjunkturgebunden. Für lange Zeit war man davon ausgegangen, dass sich die Getreidepreise proportional zur Anzahl der Eheschließungen verhielten. Im achtzehnten Jahrhundert galt das beinahe als statistisches Axiom. Haben Sie das?«

»Mhm«, antwortete sie. Er konnte hören, wie sie auf der Computertastatur klapperte.

»Wenn die Kaufkraft niedrig ist, heiraten weniger Menschen. Bei uns im Westen haben wir heute einen extrem hohen Lebensstandard – man braucht mittlerweile also nicht mehr zu heiraten, um seine Versorgung zu sichern. Und diese Veränderung betrifft vor allem die Frauen. Die Ehe ist allerdings eine uralte Tradition, die Menschen haben schon immer in irgendeiner Form geheiratet, in allen Kulturen. Sie ist eine zählebige Institution. Heute heiraten die jungen Leute vielleicht, weil es ein Teil ihres Identitätsprojekts ist. Vielleicht geht es dabei nicht mehr um Sicherheit, sondern die Ehe wird zu einer Art Rollenspiel, zu einem Ritus des Erwachsenwerdens, den man in einer Zeit braucht, in der die Jugend zum absurden Dauerzustand geworden ist. Oder, wie Sie es ausdrücken, zu einem Trend. Als ich jung war, in den Siebzigerjahren, da wollten wir aus den Konventionen ausbrechen, für uns war die Ehe ein vorsintflutliches Relikt. Unsere Eltern repräsentierten die alten patriarchalen Muster, und wir wollten die Gleichberechtigung. Also, um Ihre Frage zu beantworten: Der starke Trend besteht wohl darin, dass die Ehe ihr Gewicht als gesellschaftliche Institution immer mehr verliert. Sich scheiden zu lassen war niemals leichter als heute. Vielleicht fällt es deshalb auch leichter zu heiraten.«

Wenn er erst einmal angefangen hatte zu sprechen, wusste Max nie so genau, wie er enden würde, aber diese aus dem Stegreif improvisierte Theorie fand er plausibel.

Als der Text veröffentlicht wurde, war seine Antwort auf zwei Sätze zusammengekürzt worden. Außerdem hatte ihm die Journalistin Worte in den Mund gelegt. Der Text lautete so:

Der Soziologe Max Paul, Experte für Sexualwissenschaft, findet ebenfalls, dass das frühe Heiraten gerade einen Boom erlebt:

»Die Ehe ist ein Teil unserer Natur, sie kommt in allen Kulturen vor. Mit einer Heirat setzen die jungen Leute ein Zeichen dafür, dass sie erwachsen sind, und noch nie war das Heiraten so einfach wie heute.«

Wivan Winckelmann wartete immer noch darauf, dass Max ihr die Namensverwirrungen an seinem Institut ausführlicher erklärte. Er wollte gerade dazu ansetzen, als er vom anderen Ende des Tisches ein Räuspern vernahm. Risto wollte ein Trinklied singen. Er war ein notorischer Schnapstrinker, groß und kräftig gebaut und mit einem grauen Haarkranz, und er konnte während eines einzigen Abendessens mehr als zehnmal anstoßen, ohne davon betrunken zu werden. Er schien den Klang seiner eigenen Stimme zu lieben. Max überlegte, ob dies nicht ein allgemeines Kennzeichen für Psychiater sei: Weil sie während der ganzen Woche gezwungen waren, stumm dazusitzen und zuzuhören, wurden sie am Wochenende geradezu zu Entertainern.

Die Stimmung begann allmählich zu steigen, und es wurde lauter in der Runde. Alle lachten über eine längere Geschichte, die Stefan am anderen Ende des Tisches zum Besten gab, aber weil an Max’ Ende nichts davon ankam, forderte Wivan ihren linken Tischnachbarn immer wieder dazu auf, Stefans Äußerungen zu wiederholen. Ganz offensichtlich überlebten die Pointen die wenigen Meter von Stefan bis Wivan nicht; sie sah immer verwirrter aus, je länger die Geschichte dauerte. Max schaute zu Katriina hinüber; sie hatte ihre Aufmerksamkeit auf Stefan gerichtet, aber er erkannte diesen Ausdruck in ihren Augen, den sie um diese Zeit des Abends häufig bekam und der bedeutete, dass sie eigentlich nicht zuhörte.

Als das Essen vorbei war, gingen Katriina und Tuula zum Rauchen auf den Balkon. Es regnete immer noch. Max stellte sich in eine Ecke des Wohnzimmers und schaute auf die Uhr. Sie würden bald nach Hause fahren, dachte er. Sobald Katriina hereinkam, würde er sie bitten, ihre Sachen zu holen.

Bis dahin konnte er nichts anderes machen, als in einer Ecke zu stehen und so zu tun, als fühlte er sich wohl. Die Leute hatten sich in der Wohnung verteilt, ein paar waren am Tisch sitzen geblieben, einige saßen auf dem Sofa.

Max blätterte in einem Buch, als plötzlich Stefan auftauchte. Er gehörte schon lange zu ihrem Bekanntenkreis, hatte Ende der Siebzigerjahre als Journalist gearbeitet und war viel in der Welt herumgekommen. Er war auf Antikernkraftkonferenzen in Japan und Genf gewesen, über die er für die Fredsposten oder Ny Tid geschrieben hatte – Artikel, die Max nie las –, und hatte sich Anfang der Achtzigerjahre gegen den NATO-Doppelbeschluss engagiert. Mittlerweile redete er am liebsten über die kleinen Inseln, die er in Südostasien besuchte. Sie trugen Namen wie Koh Phangan oder Pulau Pinang, und Max hatte noch nicht einmal die höfliche Frage nach seinem Befinden beantwortet, als Stefan schon tief in einem Monolog über Yoga versunken war.

»Das ist mehr als Yoga, verstehst du, es geht um die Art und Weise, wie man das Leben betrachtet. Ich meine, ich habe mich ja immer engagiert, wenn es um moralische Fragen ging, genau wie du, aber letzten Endes – sobald ich gelernt hatte, wie man richtig atmet, habe ich eingesehen, dass die Reise im eigenen Inneren beginnen muss. Oder?«

Max nickte.

»Absolut.«

»Sag Bescheid, wenn du uns besuchen und es selbst einmal ausprobieren möchtest. Ich kann dir einen kleinen Einführungskurs geben. Gratis, natürlich.«

Max versprach, über das Angebot nachzudenken, und Stefan sah zufrieden aus.

»Ich sage nur eins: Flexibilität. Du ahnst gar nicht, was der Körper leisten kann, wenn er nur ein bisschen Training bekommt. Selbst in unserem Alter.«

Max wurde ungern an sein Alter erinnert.

»Du meinst, dass man geschmeidiger wird?«

»Nicht nur das. Du lernst zu atmen, stärkst deinen Kreislauf, du lernst jeden Muskel deines Körpers kennen. Du wirst einfach sinnlicher.«

»Klingt fantastisch«, sagte Max.

»Worauf du einen lassen kannst«, sagte Stefan und nickte zu Gun-Maj hinüber, die ein paar Meter von ihnen entfernt stand. Sie winkte ihm auf eine Weise zu, die Max als übertrieben verführerisch empfand. Max fragte sich, wie oft die beiden Sex hatten. Vermutlich häufiger als er und –

Er unterbrach den Gedankengang, als er merkte, dass Katriina hereingekommen war.

Sie stand bei Wivan, und es sah aus, als würden sie sich über die Arbeit unterhalten, weil Katriina ununterbrochen nickte, als wollte sie das ganze Gespräch so schnell wie möglich hinter sich bringen. Max sah, dass Risto mit zwei neuen Weingläsern für die beiden auftauchte und nachschenkte.

Eine Stunde später saßen sie im Taxi und sprachen das erste Mal miteinander, seit sie sich zu Hause gestritten hatten.

»Kannst du mir erklären, warum wir uns mit diesen Leuten treffen?«, fragte Max.

Katriina schaute geradeaus. Heute Abend war sie betrunken, vielleicht mehr als sonst, und Max begann sich zu fragen, ob sie ihn überhaupt gehört hatte. Nach einer Weile sagte sie:

»Weil sich Menschen nun einmal treffen, Max. Das ist vollkommen normal.«

Ihre Stimme klang müde und resigniert. Max hätte nichts mehr erwidern sollen, aber er konnte es nicht lassen. Er hatte mit Stefan einen Whisky getrunken und fühlte sich munter.

»Ja, aber ich meine genau diese Leute. Wir haben doch nichts mit ihnen gemein. Okay, Risto und Tuula sind in Ordnung, aber die ganzen anderen … Stefan, zum Beispiel, ich schwöre dir, wenn er mir noch einmal mit irgendeiner verdammten Halbinsel vor Borneo kommt, dann erwürge ich ihn. Weißt du, was er heute Abend zu mir gesagt hat? Dass ich mit Yoga anfangen soll, damit ich besseren Sex habe.«

Katriina kicherte.

»Für einen Mann, der auf diesem Gebiet forscht, stehst du allem, was mit Sex zu tun hat, erstaunlich skeptisch gegenüber«, sagte sie und legte eine Hand auf seinen Schritt.

Max schaute zum Taxifahrer und fragte sich, ob er das vielleicht gesehen hatte. Der Fahrer war um die vierzig, ein Typ, der vermutlich lange genug durch Helsinki gefahren war, um das meiste gesehen zu haben, dachte Max und versuchte sich und Katriina aus der Perspektive des Fahrers zu betrachten: schon wieder ein unglückliches, verwöhntes, älteres Ehepaar, das einander hasste und sofort zu streiten begann, nachdem es auf der Rückbank Platz genommen hatte.

»Warum begreifen die Leute einfach nicht, dass ich nicht über Sex forsche? Es gab eine einzige Studie, und die ist schon zwanzig Jahre alt.«

»Eine Studie, auf der du deine ganze Karriere aufgebaut hast. Du solltest dankbarer sein«, sagte Katriina.

»Ich sage nur, dass dies das letzte Mal war, dass ich mitgekommen bin«, sagte er, doch seine Aussage hatte keinerlei Wirkung. Ihm war selbst bewusst, dass sie nicht stimmte. In ein paar Wochen würden sie vermutlich wieder auf der Fahrt von irgendeinem Fest bei irgendeinem ihrer Freunde nach Hause in einem Taxi sitzen.

Sie schwiegen eine Weile. Plötzlich fragte Katriina:

»Weißt du, ob Eva einen Freund hat?«

Max schaute aus dem Fenster.

»Woher soll ich das wissen?«

»Ich mache mir nur Sorgen ihretwegen.«

Max begann zu lachen.

»Worüber lachst du?«

»Weil sie genau dasselbe über dich gesagt hat.«

»Über mich?«

»Ja, dass sie sich deinetwegen Sorgen macht. ›Papa, Mama ist deprimiert.‹ Warum musst du dich bei ihr ausheulen? Sie muss sich doch deine Probleme nicht auch noch anhören.«

»Das mache ich doch gar nicht.«

»Sag mir, was hast du für einen Grund, deprimiert zu sein?«

»Dass man seine Kinder anruft, muss doch nicht gleich etwas Pathologisches sein. Wann hast du mit ihr gesprochen?«

»Keine Ahnung. Vorgestern?«

»Hat sie angerufen?«

»Ob sie angerufen hat? Ja, wahrscheinlich.«

Er wusste, dass sich Katriina darüber aufregen würde. Eva rief sie nie an. Aber das war auch nicht so ungewöhnlich, denn sie wusste ja, dass ihre Mutter sich früher oder später melden würde.

Den Rest der Fahrt schwiegen sie, aber als sie zu Hause waren und die Zähne putzten, kam Max auf Katriina zu und wollte ihr seinen Standpunkt noch einmal ausführlicher erläutern – er hasste es, wenn er seine Gedanken nicht zu Ende führen konnte, wenn sie einfach verstummte und sich im Badezimmer verkroch. Aber sie schob ihn weg.

»Ich will nichts mehr davon hören. Ich bin müde und möchte ins Bett gehen.«

Er saß eine Stunde auf dem Sofa im Wohnzimmer und schaute in den Regen hinaus. Er schenkte sich ein Glas Whisky ein und anschließend noch eins, und als er beide ausgetrunken hatte, stand er auf, holte seinen Computer aus dem Arbeitszimmer und setzte sich wieder aufs Sofa. Er ging ins Internetforum der Helsingin Sanomat und schaute sich die aktuellen Threads an. Max wurde von einer unbändigen Lust ergriffen, einen provozierenden Beitrag zu schreiben, die Grenzen des guten Geschmacks zu überschreiten. Zu dieser Nachtzeit gab es keine Moderatoren, die die Beiträge zensierten. Aber was sollte er schreiben?

Er eröffnete eine neue Debatte, probierte ein paar Ideen aus, schrieb ein paar Zeilen, löschte sie wieder. Er beschloss, auf einen Text zu verlinken, den er selbst geschrieben hatte – nicht zuletzt auch, um herauszufinden, was die Leute über ihn dachten. Er entdeckte eine Diskussion, bei der es um die Kürzungen in der häuslichen Pflege ging, und dachte, dass es hier funktionieren könnte. Er verwendete einen anderen Benutzernamen als normalerweise und schrieb: »Wenn Frauen früher anfangen würden zu arbeiten, würde das den Familien und der finnischen Wirtschaft guttun. Dieser neue ›Hausfrauentrend‹ ist eine Zeitbombe. Der Soziologe Max Paul hat hier einen Artikel zu dem Thema geschrieben.« Er verlinkte zu einem Artikel über den Demografiewandel und aktualisierte seinen Browser. Der Artikel legte dar, dass in einigen Jahren auf hundert erwerbsfähige Finnen ungefähr fünfundsechzig Kinder und Rentner kämen.

Vermutlich waren um diese Uhrzeit nicht besonders viele Leute wach. Er saß fünfzehn Minuten vor dem Rechner und wartete darauf, dass irgendjemand etwas schrieb, aber es passierte nichts. Er schaltete den Rechner ab, stellte das Whiskyglas in die Spüle und ging in Evas altem Zimmer zu Bett.

Aber er konnte nicht einschlafen. Etwas nagte an ihm, er hatte noch etwas zu sagen, aber es gab niemanden, der ihm zuhören konnte.

Nach einer halben Stunde stand er wieder auf, tastete sich durch die dunkle Wohnung bis zum Computer im Wohnzimmer und klappte ihn auf. Ein paar Kommentare waren eingegangen. Einige davon wirkten sachlich, aber Max’ Augen blieben sofort an einem bestimmten hängen:

»Hallo? Wen interessiert schon die Meinung dieses Sexprofessors?«

2

Um halb vier Uhr morgens wachte Katriina auf und konnte nicht wieder einschlafen. In den vergangenen Jahren waren ihre Schlafprobleme immer schlimmer geworden, und seit einer Weile schon wachte sie immer genau zu dieser Uhrzeit auf und lag im Bett und dachte an all das, was am folgenden Tag zu erledigen war und an dem Tag darauf und was im kommenden Halbjahr mit ihrem Leben passieren würde und in dem Leben ihrer Kinder und wie es sich zu dem verhielt, was im vergangenen Jahr passiert war, und häufig – weil die Morgenstunden unendlich erschienen – führten diese Assoziationsketten dazu, dass sie über ihr ganzes Leben nachzudenken begann, über ihre Eltern, ihre Kindheit und darüber, wie wenig sie sich an all das zu erinnern vermochte.

Katriina hatte bei Risto und Tuula einen angenehmen Abend verbracht, auch wenn sie etwas unzufrieden damit war, neben Risto platziert worden zu sein. Es war vermutlich seine Idee gewesen. Seit sie einander kannten, flirtete er mit ihr, und sie wunderte sich, dass es Tuula noch nie aufgefallen war. Er neigte dazu, jedes Mal ganz bewusst ihre Haare zu berühren, wenn er aufstand oder an ihr vorbeiging. Je später der Abend wurde, desto aufdringlicher verhielt er sich.

Aber Tuula war wie üblich vollauf damit beschäftigt, von ihren Kindern zu erzählen. An diesem Abend hatte sie sich darüber ereifert, dass sie im Rucksack ihres jüngsten Sohnes etwas gefunden hatte, was sie als »Haschpfeife« bezeichnete.

»… und weißt du, was das Schlimmste daran ist? Das Schlimmste ist, dass er gelogen hat. Dass er mir direkt ins Gesicht gelogen hat!«

Aus Tuulas Miene sprach dabei eine Mischung aus Sorge und Faszination, als hätte sie diese Replik vorher schon eingeübt, während sie das Abendessen zubereitete. Katriina hatte ihr zugehört und versucht, möglichst den einen oder anderen guten Rat einfließen zu lassen. Tuulas Sohn war fünfzehn, da war es vielleicht nicht die Riesenüberraschung, dass er mit Drogen oder Tabak experimentierte. Das machten wohl alle Teenager. Katriina erinnerte sich, wie sie Ende der Siebzigerjahre selbst den halben Kaivopuisto-Park vollgekotzt hatte.

»… und du weißt ja, wie Risto ist. Er kann so etwas einfach nicht ernst nehmen. Er findet, dass es nur eine Phase ist und wir ein Auge zudrücken sollten. Aber das geht doch nicht, ich meine, heute ist es eine Haschpfeife und morgen sind es Heroinspritzen. Oder diese Designerdrogen, die alle Jugendlichen jetzt nehmen. Ich habe einen Artikel darüber gelesen … Sie bestellen sie im Internet und werfen sie ein, wenn sie für eine Klassenarbeit lernen müssen.«

Katriina hatte nicht mehr die ganze Diskussion im Kopf, sie hatte sich auf ihr Weinglas konzentriert, aber sie meinte sich vage erinnern zu können, dass sie so was Ähnliches gesagt hätte wie, dass sie als Jugendliche auch keine Unschuldslämmer gewesen seien und dass ihre Töchter bestimmt auch das eine oder andere ausprobiert hätten, als sie noch Teenager waren.

»Du solltest dir mal seine Freunde angucken, Katriina! Du solltest sie wirklich mal sehen! Sie tragen Schuhe so groß wie Kähne, sie stinken nach Schweiß und Gott weiß was noch, und sie tun nichts anderes, als vor ihren Computern oder Telefonen zu hocken und diesen Geruch nach pubertärer Geilheit abzusondern und zu rülpsen oder zu furzen. Ich meine, verstehst du, womit ich da leben muss?«

Und Katriina hatte gesagt, dass sie verstehe. Als Elternteil war man immer auch als Handelsreisende in Sachen Kinderanekdoten unterwegs.

Sie hatte beschlossen, gleich ins Bett zu gehen, sobald sie zu Hause waren. Wenn sie irgendetwas verabscheute, dann waren es diese zähen, albtraumhaften Streitereien, die vor keiner Niederträchtigkeit haltmachten. Sie waren wie Sex – es war den ganzen Aufwand nicht wert.

Katriina betrachtete die Ehe als eine Form gegenseitiger Tyrannei, wie ein Leben in einem höchst effektiven, totalitären Staat. Man hatte selten eine Wahl, aber solange man sich um seine eigenen Sachen kümmerte und nichts infrage stellte, funktionierte es.

Mit Max verheiratet zu sein glich normalerweise einer ruhigen Fahrt auf einem Floß in einem angenehmen Klima. Manchmal trieb sie an Land, ohne dass sie eigentlich das Gefühl hatte, die Zivilisation vermisst zu haben. Wenn er in der passenden Stimmung war, konnte er ein wunderbarer und großzügiger Mann sein, aber in den letzten Jahren hatte sie auch die Einsamkeit zu schätzen gelernt, das Gefühl, nicht ständig sehnsüchtig nach einem Hafen Ausschau halten zu müssen, sondern einfach nur ohne Ziel herumtreiben zu dürfen.

Jetzt lag sie im Bett und hörte Max in Evas Zimmer schnarchen. Vermutlich lag er auf dem Rücken, den Mund ein wenig geöffnet und den Kopf leicht nach hinten geneigt, erschöpft, nachdem er wie immer noch lange vor dem Computer gesessen hatte. Er glaubte, sie wusste nichts davon, dass er nachts heimlich aus dem Bett schlich, aber sie wachte jedes Mal auf, wenn er ins Wohnzimmer ging.

Warum hatten sie eigentlich angefangen zu streiten?

Tja, sie war hungrig gewesen. Max war in die Küche gekommen, kaum zwei Stunden vor dem Abendessen, und er hatte seinen Trainingsanzug getragen. Katriina hatte auf die Uhr geschaut und gesehen, dass es halb sechs war. Dann hatte er sie gefragt, ob sie schon wieder Eva angerufen habe, als dürfte sie mit ihrer Tochter nicht telefonieren.

»Willst du jetzt etwa Tennis spielen gehen?«, hatte Katriina gesagt, um das Gespräch zu dem einzig relevanten Thema zurückzulenken: dass sie bald zu einem Fest aufbrechen würden.

Sie hatte sich auf die Einladung gefreut. Es war schon einige Wochen her, dass Max und sie gemeinsam etwas unternommen hatten. Sie hatte sich schon ausgemalt, wie Tuula ihr einen Gin Tonic reichen würde, sobald sie durch die Tür gekommen war, wie Tuula ihr wegen des neuen Kleids und der neuen Schuhe Komplimente machen würde, wie sie ins Wohnzimmer gehen und sich setzen würden. Katriina würde von ihren Plänen für die neue Küche erzählen, und Tuula würde verständnisvoll nicken und ihr vielleicht eine Einrichtungsfirma empfehlen können (Tuulas außergewöhnlicher Einrichtungsgeschmack hatte eine vierseitige Reportage über ihre Wohnung in der Lifestyle-Zeitschrift Avotakka bewirkt). Aber Max war vom Tennis nach Hause gekommen, wie immer verspätet, weil er offensichtlich dachte, wenn es um ihre Freunde ging, müsse er sich nicht besonders anstrengen.

Katriina lauschte. Es hatte aufgehört zu regnen. Sie stand auf und ging ins Wohnzimmer. Edvard lag auf dem Sofa und schlief, und Katriina ging in die Küche und öffnete den Kühlschrank.

Die Regale waren voll mit halb aufgebrauchten Butterpaketen, Konservendosen, Gläsern mit Roter Bete und eingelegten Gurken. Sie sah eine Porzellanschale mit Entenpastete (wann hatte sie die bloß zubereitet?), eine halb volle Flasche mit Mineralwasser, eine Schüssel mit Kartoffelbrei, kleine Flaschen mit Kalbs-, Hühner- und Pfifferlingsfond, mehrere Gläser mit sonnengetrockneten Tomaten, Pesto, grüner Marmelade, Dijonsenf, schwarzer Johannisbeermarmelade. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie den Kühlschrank das letzte Mal ausgemistet hatte.

Sie nahm die Entenpastete heraus, zog die Frischhaltefolie ab und schnüffelte daran. Sie roch jedenfalls nicht schlecht. Sie schnitt sich eine Scheibe Brot, bestrich sie mit der Pastete und aß. Edvard wachte auf und kam sofort zum Tisch gelaufen. Sie strich sich eine Messerspitze Pastete auf den Finger und ließ sie ihn abschlecken. Er schnupperte zunächst an dem rotbraunen Klumpen, bevor er ihn mit einem kurzen Schnappen verschluckte. Sie dachte darüber nach, was Wivan gesagt hatte – dass sie im Frühjahr mehrere Dienstreisen unternehmen müsse. In den vergangenen zehn Jahren war sie viel gereist, aber es war ihr immer lästiger geworden. Was sie früher als spannend empfunden hatte, betrachtete sie mittlerweile nur noch als logistische Belastung.

Die Küche war siebzehn Jahre alt und eine Spezialanfertigung für ihre Wohnung. Die Schreinerarbeiten waren von drei estnischen Brüdern ausgeführt worden, die gerade einen eigenen Familienbetrieb gegründet hatten – einer von Max’ Tennispartnern hatte sie empfohlen. Er hatte angerufen, sich ein vernünftiges Angebot machen lassen, und dann tauchten sie eines Tages auf und fingen an, die alte Küche herauszureißen, ohne dass Max oder Katriina die Gelegenheit gehabt hätten, sich von ihnen über konkrete Details unterrichten zu lassen. Sie brauchten nur wenige Stunden, um die vorhandene Küche zu demolieren, aber danach begann die Arbeit deutlich langsamer voranzugehen. Auf dem staubigen Zementboden wuchs ein Berg von Zigarettenkippen heran, bis Katriina schließlich auf den Haufen deutete und ihnen erklärte, dass sie im Haus nicht rauchen dürften. Die Brüder schienen die Botschaft zu verstehen, was dazu führte, dass sie sich stattdessen auf den Balkon stellten und rauchten, wodurch die Arbeit nicht einmal mehr halb so schnell vonstattenging.

Als sie die Küche nach zwei Monaten schließlich fertiggestellt hatten, war sie im Großen und Ganzen zufrieden. Sie war durchdacht geplant und nach Maß gefertigt. Das schöne, beinahe rote Eichenholz hatte einen zeitlosen Charakter; kurz gesagt, eine Küche, die beeindruckte, ohne protzig auszusehen.

»Man kann über die estnischen Handwerker ja sagen, was man will, aber bei unserer Küche haben sie außerordentlich sorgfältig gearbeitet«, pflegte Katriina zu sagen, wenn das Thema zur Sprache kam.

Aber jetzt, in der dichten Novemberfinsternis, konnte jeder sehen, dass die Küche ihr Haltbarkeitsdatum überschritten hatte. Die Holzoberfläche hatte an mehreren Stellen Ränder und Fettflecken. Wahrscheinlich hätten sie das Material schleifen und nachbehandeln müssen, aber keiner von ihnen hatte sich um so etwas gekümmert, seit sie in die Wohnung gezogen waren. Einige Schranktüren hingen lose an den Scharnieren oder schlossen nicht mehr richtig, und der Kühlschrank – der einst weiß und modern gewesen war, mit einem Flaschenregal und einem Eisspender in der Tür – war vergilbt und hatte begonnen, ein seltsames, hustendes Geräusch von sich zu geben. Der Eisspender wurde gar nicht mehr verwendet, nachdem er eines Nachts kaputtgegangen war und eine Überschwemmung verursachte, die sich bis zum Parkett in der Diele ausgedehnt hatte.

»Eigentlich gibt es an dieser Küche nichts zu beanstanden. Sie muss nur ein bisschen aufpoliert werden. Keine Küche hält länger als fünfzehn Jahre, nicht einmal eine Puustelli-Küche«, hatte Max gesagt, als sie noch einmal darauf zu sprechen gekommen war, und das war sein letztes Wort zu dem Thema gewesen.

Als Katriina sich mit ihren Kindern über die Küche unterhielt, waren sie einhellig der Meinung, dass sie eine neue bekommen sollte.

»Bestell eine neue, dann ist Mama glücklich«, sagte ihre älteste Tochter Helen, als sie an einem Wochenende zu Besuch war. Helen war die vernünftige Tochter, und in der Regel tat Max, was sie ihm vorschlug.

»Ja, vielleicht. Aber ich muss mich selbst darum kümmern. Wenn ich sie bestellen lasse, kann ich mir sicher sein, dass die Kosten explodieren. Bei diesen Firmen gibt man leicht den einen oder anderen Tausender zu viel aus.«

»Aber um wie viel Geld kann es dabei schon gehen? Zweitausend Euro hin oder her, das spielt doch wohl keine Rolle, wenn es um eine Küche geht, die fünfzehn oder zwanzig Jahre halten soll?«

Helen versuchte wirklich, ihren Vater auf den richtigen Kurs zu bringen. Katriina dachte, wie schön es war, wenigstens die eigenen Kinder auf ihrer Seite zu wissen.

Eva war derselben Ansicht. Sie hatte während des Sommers bei ihnen gewohnt und zu allem und jedem eine Meinung gehabt, was Katriinas Geduld fast täglich auf eine harte Probe stellte.

»Außerdem geht es ja nicht nur um die Küche, Papa, es geht auch um eure Ehe. Du kannst doch nicht zulassen, dass diese Küchengeschichte zu einem Argument wird, das sie gegen dich verwenden kann. Du musst dir überlegen, wofür es sich zu streiten lohnt, ein bisschen strategisch denken.«

Eva sagte immer frei heraus, was sie dachte, und Katriina hatte das Gefühl, dass sie mit ihrer Äußerung eher provozieren wollte, als dass sie in der Sachfrage Katriinas Position teilte. Eva war schlank und blond. Sie strahlte die Selbstsicherheit und die leichte Überheblichkeit einer Person aus, die ständig zu hören bekommen hatte, wie schön sie doch sei. Katriina würde das nie zu jemandem sagen (nicht einmal zu Tuula), aber manchmal hatte sie den Eindruck, dass Eva auf sie herabschaute, als ob sie nicht richtig akzeptieren konnte, dass Katriina ihre Mutter war. Für Teenager war so ein Benehmen vielleicht normal, aber für eine Neunundzwanzigjährige?

Katriina hatte ihren Töchtern zugehört und dabei eine eigene Idee entwickelt, wie die neue Küche aussehen sollte: sehr weiß, auf Hochglanz poliert, keine offenen Regale, fast übertrieben modern. Schubladen und Türen sollten rollen und gleiten, als gehörten sie zur Einrichtung eines Science-Fiction-Raumschiffes. Sie sah ihre neue Küche vor sich und sah gleichzeitig ein Leben, das einfach war, weiß, weiß, weiß. Ordnung und klare Linien. Ein Leben mit einem perfekten Grundriss.

Katriina spürte, dass sie vom Essen schläfrig geworden war. Sie kehrte ins Schlafzimmer zurück und stellte den Wecker auf acht Uhr. Helen und die Kinder würden am nächsten Tag zu Besuch kommen, und sie brauchte ein paar Stunden, ja, wenn schon keinen Schlaf, dann zumindest Ruhe.

3

Die Wohnung füllte sich mit dem Lärm der Enkelkinder und der Stimme Katriinas, die sich laut mit ihnen unterhielt (»Ach, wie schön!« »Hast du das selbst gemacht?« »Was für ein schönes Kleid du trägst!«). Die Stimmen kamen aus einem Leben, das irgendwo anders stattfand. Durch das Fenster konnte Max sehen, dass es schon nach neun Uhr war, vielleicht schon fast zehn. Das grelle Licht deutete an, dass der Regen im Laufe der Nacht in Schnee übergegangen war.

Er musste vergessen haben, dass Helen heute zu Besuch kommen wollte. Katriina hatte nichts davon erwähnt, allerdings hatte sie den ganzen Abend ohnehin kaum ein Wort mit ihm gewechselt.

Er blieb im Bett liegen und dachte über eine Theorie nach, die ihm im Schlaf gekommen war. Wovon Katriina nichts wusste, ja, wovon sie nicht einmal eine Ahnung hatte, war die Tatsache, dass Max sich im Laufe des vergangenen Jahres jede Menge Gedanken über die neue Küche gemacht hatte. Max hasste das Wort »integriert«, es war mittlerweile zu einer Art Mantra geworden, das überall gemurmelt wurde; integriert, drahtlos, alles musste versteckt werden, in der Zukunft gab es nur noch glatte Oberflächen, alles war ein potenzieller Touchscreen. Nach Max’ Verständnis verwandelte sich die ganze Welt gerade in eine einzige Galerie. Deshalb konnte er nur schwer akzeptieren, dass Katriina bei einer Einrichtungsfirma eine klinisch reine Küche bestellen wollte.

Ein Zuhause musste eingewohnt werden, es musste allmählich mit Dingen gefüllt werden, die man liebte, zu denen man eine Beziehung hatte. Max verabscheute die gesamte modernistische Bautradition, die darauf abzielte, alles Alte und Menschliche hinauszuwerfen und strenge, klare Linien einzuführen. Er fand, kurz gesagt, dass es sich bei einem Zuhause um einen Organismus handelte. Warum ging es beim zeitgenössischen Design so sehr darum, jedes Zeichen von Leben auszumerzen? Warum durften die Menschen nicht in angenehmen, schönen Umgebungen wohnen? Warum musste alles in dieselbe rechtwinklige Kastenform gepresst werden, in dieselbe industriell gefertigte Gewöhnlichkeit, in dieselbe – ja, eben – klinisch reine Laboratmosphäre? Es war seelenlos und grundlos. Heute konnte man nicht mehr erkennen, wo das Schaufenster aufhörte und der persönliche Wohnbereich begann. Alles musste wie ein Hotelfoyer aussehen oder wie Keskinens Serienmörderwohnung in Vuosaari.

Max hatte die Theorie, dass sich das ästhetische Ideal der meisten Menschen darauf zurückführen ließ, was sie in ihrer Kindheit erlebt hatten, und für ihn war klar, dass sein Schönheitsbegriff zum Teil von seiner Kindheit in Österbotten geprägt war – die gemütlichen Katenhäuschen, die rot gestrichenen Häuser mit den weißen Rahmen, Möbel, die von einem Onkel als Geschenk zur Hochzeit oder zu anderen Anlässen geschreinert worden waren. Möbel mit einer Geschichte, die vielleicht den Atlantik überquert hatten und vom Leben der Menschen und ihren Beschwernissen erzählten. Zu einem Ikea-Möbel konnte man keine Beziehung aufbauen, es konnte niemals mit einer bisher unentdeckten Gravur überraschen, es konnte keine Geschichte erzählen, außer vielleicht von den chinesischen Kindern, die von morgens bis abends schufteten, um seine Einzelteile herzustellen.

Max glaubte auch, dass das Schönheitsempfinden tief im evolutionär kodierten Unterbewusstsein der Menschen verankert war. In den Neunzigerjahren war durch eine Studie nachgewiesen worden, dass Menschen auf der ganzen Welt dazu tendierten, solche Landschaften als schön zu betrachten, die im Großen und Ganzen jener Savannenlandschaft glichen, in der sich der Mensch vor Millionen von Jahren entwickelt hatte.

Diese Gedankengänge unterbrach seine Enkeltochter Amanda, die plötzlich ins Zimmer gelaufen kam, auf das Bett hüpfte und ihn umarmte. Die Gereiztheit, die er vor wenigen Sekunden noch verspürt hatte, schoss aus dem Bauch nach oben und vermischte sich mit einem Gefühl der Dankbarkeit und – ja, vielleicht – des Glücks? Amanda war ein intelligentes neunjähriges Mädchen, das die Welt mit einer Art von leidenschaftlichem Ernst zu lieben schien. Sie kuschelte und küsste und flüsterte »Moffa, ich liebe dich« in sein Ohr, bis Max schließlich dahinschmolz und sich wie frisch verliebt fühlte. Was, wenn nicht das, dachte Max, konnte eine universelle Schönheit sein? Das Lächeln eines Enkelkindes?

»Moffa?«

»Ja?«

»Weißt du was?«

»Was denn, Liebes?«

Amandas Stimme war überdreht, sie schaute ihm direkt in die Augen.

»Mommo sagt, dass du versprochen hast, heute mit uns etwas zu unternehmen.«

»Habe ich das?«

»Ja! Du sollst mit uns schwimmen gehen.«

»Soll ich das?«

»Mommo sagt jedenfalls, dass du heute nichts Wichtigeres vorhast.«

»Das hat sie gesagt?«

»Sie sagt, du glaubst, du willst arbeiten, aber dass du mit uns viel mehr Spaß haben wirst.«

Max fand die Idee gar nicht so dumm. Er hatte ohnehin keine Lust, sich heute mit seinem Manuskript zu befassen.

»Moffa?«

»Ja?«

Amanda klang plötzlich besorgt.

»Müssen wir Lukas mitnehmen?«

»Darf er nicht mitkommen?«

»Nein. Er fängt nur an zu jammern, weil ihm kalt wird. Und ins tiefe Becken darf er auch nicht.«

»Ich finde, er sollte mitkommen.«

Amanda setzte sich aufrecht aufs Bett und schaute Max an.

»Moffa?«

»Ja?«

»Sei jetzt nicht traurig, aber du riechst aus dem Mund.«

Amanda hielt sich demonstrativ die Nase zu. Max schloss den Mund, war aber gleichzeitig gerührt von der Bemerkung »Sei jetzt nicht traurig«. Er bekam einen Kloß im Hals.

»Das liegt nur daran, dass ich mir die Zähne noch nicht geputzt habe. Jetzt lauf, damit ich das machen kann. Ich ziehe mich noch an, dann komme ich.«

Amanda lief in den Flur hinaus. Max stand auf und spürte sofort, dass sich sein ganzer Körper wie betäubt anfühlte. Manchmal konnte es eine ganze Stunde dauern, bis sein Motor warm gelaufen war. Er ging ins Badezimmer und putzte sich ordentlich und mehrere Minuten lang die Zähne, während er unter der Dusche stand, um das Gefühl loszuwerden, dass er stank wie ein alter Knacker. Er liebte die Anonymität, die ihm seine Enkelkinder schenkten – für sie war er einfach nur der Moffa. Solange sie nicht googeln konnten, jedenfalls. Als er ins Wohnzimmer kam, küsste er seine Tochter auf die Stirn und fragte:

»Ist Christian auch da?«

Helen senkte für einen kurzen Moment die Augen, als zögerte sie mit der Antwort.

»Ja, er sucht unten wohl noch nach einem Parkplatz. Du siehst ein bisschen blass aus.«

»Kein Grund zur Sorge. Ich habe nur nicht so gut geschlafen.«

Max dachte nicht daran zuzugeben, dass er wieder vor dem Computer gesessen hatte.

Er sah ein, dass der Streit mit Katriina – falls es denn ein Streit war – vergessen wäre, wenn er mit den Kindern in die Schwimmhalle ging. Katriinas Vorschlag, mit den Enkeln schwimmen zu gehen, deutete er nahezu als eine Versöhnungsgeste von ihrer Seite.

Katriina ging in die Küche, und er folgte ihr. Ihr blondes Haar war zu einem nachlässigen Pferdeschwanz gebunden. Unter normalen Umständen hätte er sie vielleicht von hinten umarmt, aber jetzt begnügte er sich damit, eine Hand auf ihre Schulter zu legen.

»Ich muss anscheinend schwimmen gehen«, sagte er.

Sie schwieg eine Weile. Dann sagte sie:

»Schön, schön. Kannst du zuerst noch mit dem Hund rausgehen?«

»Bist du immer noch sauer?«

»Sauer? Ich bin nicht sauer. Aber der Hund muss nach draußen. Ich bin mit ihm heute früh eine kurze Runde gegangen, aber jetzt sieht es so aus, als müsste er mal Pipi machen. Du kannst ja Amanda mitnehmen, dann hast du ein bisschen Gesellschaft.«

Als Max und Amanda vor die Tür traten, erschien ihm die ganze Welt verändert. Die Sonne schien, und es war unwirklich hell, so hell, dass ihm beinahe schwindelig wurde. Eine nüchterne finnische Landschaft, die direkt zu ihm zu sprechen schien, die Dinge sagte wie: Kopf hoch, reiß dich zusammen, heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens!

Sie gingen zur Töölöbucht hinunter, Edvard lief fröhlich vor ihnen her und strich an den Gebäuden entlang. Edvard war ein West-Highland-White-Terrier, benannt nach Edvard Westermarck, einem Soziologen des neunzehnten Jahrhunderts, mit dem sich Max’ Gedanken in den vergangenen Jahren sehr beschäftigt hatten. Das Buch, an dem er gerade arbeitete, sollte die erste seriöse Biografie des Wissenschaftlers werden.

Sie warteten an der Ampel am Mannerheimintie, während eine Straßenbahn vorüberfuhr. Amanda trug eine schwarze Winterjacke und eine Mütze, die wie der Kopf eines Koalas aussah, mit Ohren und allem.

Auf der anderen Seite der Töölöbucht konnte man den Säästopankinranta erkennen. Max’ Arbeitszimmer lag dahinter, in Kaisaniemi. Abgesehen von wenigen Auslandsaufenthalten, zuerst in Berkeley, Ende der Siebzigerjahre, für kurze Zeit in Oxford in den Achtzigern und schließlich wieder in Berkeley, als die Mädchen klein waren, hatte er seine ganze wissenschaftliche Karriere in diesen zwei Vierteln verbracht. In den Siebziger- und Achtzigerjahren war das Soziologische Institut im Franzeniagebäude in Kallio untergebracht, bis es später in die Unioninkatu umzog.

Max Paul war Professor für Soziologie an der Universität Helsinki. Er hatte diese Stelle seit fünfzehn Jahren inne, hatte Gastvorlesungen gehalten, Bücher und Artikel geschrieben, an Forschungsprojekten teilgenommen, in den Neunzigerjahren in einer Talkshow mitgewirkt (Brain Trust) und internationale Konferenzen besucht. Er würde noch fünf oder sechs Jahre auf dieser Position weiterarbeiten und dann in Pension gehen. In den Neunzigerjahren hatte er auch eine Studie zu den sexuellen Gewohnheiten der Finnen veröffentlicht (als ein Teil des größeren Forschungsprojekts FINSEX), und für ein paar Jahre lang tat er daraufhin nichts anderes, als durch das Land zu reisen und über statistische Erhebungen zu den Sexualpraktiken der Bevölkerung zu sprechen. Sowohl Helen als auch Eva waren damals Teenager, und besonders Helen musste damit fertigwerden, dass ihre Klassenkameraden dabei zusahen, wie Max im Fernsehen über die lockere Einstellung der Finnen zum Analsex plauderte. Eines Tages war sie weinend aus der Schule gekommen, nachdem eine ihrer Freundinnen eine Zeitung mitgebracht hatte, die Max als den »SEXDOKTOR« bezeichnete. Max musste ihr erklären, dass er sich mit seriöser Forschung befasste und dass solche Aufmacher niemals ein korrektes Bild der Soziologie als wissenschaftlicher Disziplin zeichneten.

In drei Wochen wurde Max sechzig.

Als er jünger war, hatte er sich nie Gedanken darüber gemacht, dass seine Zeit begrenzt war, sie schien ihm unendlich. Jetzt hatte er das Gefühl, dass die zehn Jahre seit seinem fünfzigsten Geburtstag wie ein Wimpernschlag vergangen waren. In der Forschung ist vielfach nachgewiesen worden, dass die Menschen den Verlauf der Zeit mit zunehmendem Alter als immer schneller empfinden, und Max hatte diesen Effekt vor allem in den letzten Jahren an sich wahrgenommen. Gelegentlich wurde auch behauptet, dass man diesem Gefühl entgegenwirken könne, indem man versuche, das Gehirn mit neuen Erlebnissen zu füttern – die Theorie dahinter besagte, dass das Gehirn auf neue Reize stärker reagiere als auf Wiederholungen, was auch erklären würde, warum man sich an den ersten Kuss besser erinnerte als an den tausendsten. Aber diese Theorie implizierte die unangenehme Frage: Was konnte man tun, um die ganze Zeit Neues zu erleben? Unternahmen Stefan und Gun-Maj deshalb ihre ständigen Yogareisen? Weil sie ihnen neue Erinnerungen verschafften und den Lauf der Zeit bremsten?

Max beschloss, dass Amanda und er die Töölöbucht umrunden und anschließend in das Villenviertel Linnunlaulu hinaufgehen würden. Von dort führte eine Brücke über die Eisenbahntrasse zum Tokoistrand hinüber. Amanda redete die ganze Zeit und sprang von einem Thema zum anderen (»Weißt du, welches Essen ich am ekligsten finde? Fisch mit Schleimsoße. Das kriegen wir STÄNDIG in der Schule.«, »Moffa, glaubst du, dass manche Menschen sich nie die Haare kämmen?«). Max bemerkte schnell, dass es reichte, hin und wieder ein kleines »Hmhm« zu äußern, um Amanda zufriedenzustellen. Sie schien in gleicher Weise von ihren eigenen Gedanken eingenommen wie er von den seinen.

Er hatte sich im Herbst 1970 an der Universität eingeschrieben, als die Soziologie sehr in Mode war. Die Menschen strömten in die Seminare. Marx war der unangefochtene Hausgott, und die Vorlesungen waren für jedermann geöffnet. Studentinnen stillten ihre Babys in den Seminaren und diskutierten über die Arbeitsbedingungen der finnischen Metallarbeiter.

Für Max war das eine spannende und umwälzende Zeit, er wurde von den linken Bewegungen mitgerissen – wer wurde das nicht? –, aber er fand schon damals die Partys unterhaltsamer als die Rhetorik. In seinem ersten Studienwinter, im Februar, wurde ein Vorlesungsstreik ausgerufen, der eine Woche dauerte und am Soziologischen Institut begann. Max beteiligte sich unter anderem als Streikwache, und er erinnerte sich, wie eindimensional ihm die Denkweise mancher seiner Kommilitonen erschien (»Wir dürfen niemals eine Soziologie akzeptieren, die über dem Klassenkampf steht!«) – sie schienen tatsächlich an eine Revolution zu glauben, und einige von ihnen hörten auf zu studieren, weil es für sie nur eine Frage der Zeit war, dass an der Universität der Marxismus das Ruder übernahm. Sie erinnerten an jene religiösen Fanatiker, denen die Welt gar nicht schnell genug untergehen kann.

Als österbottnischer Finnlandschwede, der seine Wurzeln in der ländlichen Gegend um Kristinestad hatte, fiel es ihm schwer, den Auslegungen seiner Helsinkier Kommilitonen zu Arbeitswerttheorie und sozialer Entfremdung zu folgen, zumal nicht wenige von ihnen in Wohnungen lebten, die ihnen gerade aufgrund der Strukturen, gegen die sie protestierten, als Erbe zugefallen waren.