Winterwind - Petra Durst-Benning - E-Book

Winterwind E-Book

Petra Durst-Benning

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Beschreibung

Aufbruch und Neubeginn – darum geht es in den sechs stimmungsvollen neuen Geschichten von Petra Durst-Benning. In der Winter- und Weihnachtszeit erfahren ihre beliebtesten Heldinnen und Helden, was es bedeutet, Altes hinter sich zu lassen und Neues zu wagen. Ob die Silhouettenschneiderin Margarete am Stuttgarter Hof oder die Erben der Glasbläserin in Thüringen: Sie alle erleben jetzt besondere Momente voller Spannung, Fröhlichkeit und starker Gefühle. Die kurzen Erzählungen öffnen eine Tür zur Welt von Petra Durst-Benning. In winterlichen Lesestunden laden sie zum Versinken ein.

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Über das Buch

Lassen Sie sich von Petra Durst-Benning zu gemütlichen Lesestunden einladen. In diesen sechs stimmungsvollen Geschichten leben die beliebtesten Figuren ihrer großen Bestseller weiter. Und sie alle stehen vor großen Herausforderungen und wichtigen Entscheidungen.

Ob die Silhouettenschneiderin Margarete am Stuttgarter Hof oder die Erben der Glasbläserin in Thüringen: Eine jede muss sich entscheiden, wie sie die Traditionen eines Handwerks oder eines Ortes mit Leben erfüllen kann. Wie sie den Hürden begegnet, die Alltag, Gewohnheit oder Herkommen mit sich bringen. Und wie sie dem Wunsch von Kindern, Geschwistern oder Eltern nach mehr gemeinsamer Zeit mit den Notwendigkeiten des Berufes vereinen kann. Vor allem erleben sie alle, was es bedeutet, Altes hinter sich zu lassen und Neues zu wagen.

Über die Autorin

Petra Durst-Benning ist eine der erfolgreichsten und profiliertesten deutschen Autorinnen. Ihre historischen Bestseller laden die Leserin ein, mit mutigen Frauenfiguren Abenteuer und große Gefühle zu erleben. Auch im Ausland und im TV feiern ihre Romane Erfolge. Petra Durst-Benning lebt mit ihrem Mann bei Stuttgart.

Mehr erfahren Sie auf Facebook und unter: www.durst-benning.de

Petra Durst-Benning

Winterwind

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ISBN 978-3-8437-0929-3

© 2014 by Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin

Umschlaggestaltung: Zero Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: © Ilina Simeonova/Trevillion Images; © Fine Pic®, München

Illustrationen: Constance Stifft

Alle Rechte vorbehalten.

Unbefugte Nutzung wie etwa Vervielfältigung,

Verbreitung, Speicherung oder Übertragung

können zivil- oder strafrechtlich

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E-Book: LVD GmbH, Berlin

Vorwort

Liebe Leserinnen und Leser,

für mich als Autorin ist es immer ein ganz besonderer Moment, wenn ich die vier berühmten Großbuch­sta­ben ENDE unter ein Manuskript setze. Monate-, ja jahrelang habe ich bis zu diesem Augenblick an einer Geschichte gearbeitet, habe mit ihren Figuren gelebt, geliebt und gelitten. Und dann, von einem Tag auf den anderen, ist alles vorbei. Natürlich bin ich stolz und glücklich, wenn ich eine Geschichte gut erzählt habe. Gleichzeitig fühle ich mich aber auch wie eine Verräterin an meinen Hauptfiguren. Nur weil ich es so entscheide, soll für sie nun alles aus und vorbei sein? Eine Geschichte fängt nicht auf der ersten Buchseite an und endet nicht auf der letzten, auch wenn Autoren so tun als ob. In Wahrheit erzähle ich nie eine Geschichte, sondern viele kleine Momentaufnahmen, die zusammen ein Bild ergeben. Manche Momente sind spannend, andere fröhlich und voller Aufbruchsstimmung. Wieder andere gehen einem besonders unter die Haut, sie lassen in uns Saiten erklingen, die wir schon lange nicht mehr vernommen haben.

In meinen Winterwind-Geschichten habe ich be­son­ders intensive Momentaufnahmen für Sie festgehalten. Momente voller Hoffnung und Zuversicht. Sie sind auch deshalb so intensiv, weil sie von Aufbruch erzählen, von Umbruch und von Wandel. Und davon, dass etwas passiert, was uns zu einem neuen Blickwinkel verhilft, vielleicht sogar zu einem neuen Leben …

Für mich haben solche Vorstellungen sehr viel mit dem Winter zu tun, denn wenn draußen alles still wird, kommen auch wir innerlich eher zur Ruhe. Der aufgeregte Frohsinn des Sommers ist verflogen, die letzte Grillparty längst gefeiert, und spätestens im November ist dann auch die Umtriebigkeit des Herbstes überwunden. Die letzten Früchte sind zu Marmelade oder Kompott gekocht, die Gartenarbeit ruht bis zum nächsten Frühjahr.

Viel öfter als im Sommer gönnen wir uns nun ruhige Abende zu Hause. Wir machen es uns in unseren vier Wänden gemütlich und genießen das schöne Gefühl: Es darf durchgeatmet werden.

Ein Jahr geht zu Ende – ist das nicht ein guter Zeitpunkt, um Bilanz zu ziehen? Die langen Winterabende bieten genügend Zeit für Gedankenspiele aller Art: Was war gut und was weniger gut im vergangenen Jahr? Fühle ich mich noch wohl in meiner Haut, in meinem Umfeld? Oder ist vielleicht der Zeitpunkt gekommen, noch einmal etwas ganz Neues anzufangen? Falls ja, werde ich den Mut haben, mich von altem Ballast zu trennen? Manches ist ja auch durchaus gut und darf bleiben, wie es ist. Sind radikale Lösungen vielleicht gar nicht nötig, wenn ich eine neue Ein­stellung zu den Dingen bekomme? So viele Möglichkeiten, und dazu die Frage, was ist richtig und was falsch …

Nichts bläst einem den Kopf so frei wie ein langer Spaziergang durchs Novembergrau. Der Winterwind fegt unsere alten Erinnerungen und festgefahrenen Gewohnheiten davon, er weckt in uns die Hoffnung, dass ein Neuanfang möglich ist, für jedermann und jederzeit. Plötzlich erscheint alles ganz einfach …

Davon erzählen meine Wintergeschichten.

Winterzeit ist auch Lesezeit. Am liebsten lese ich mit der Wärme des Kachelofens im Rücken. Wo lesen Sie am liebsten? Auf dem Sofa, in eine Decke gekuschelt, wenn draußen der Schnee die Landschaft mit einem weißen Mantel überzieht? Oder abends, im Bett, nach einem langen Arbeitstag?

Lesestunden sind immer kostbar. Gönnen Sie sich diese Zeit nur für sich allein. Machen Sie mit mir gemeinsam eine Winterreise der ganz besonderen Art.

Erleben Sie Abschiede und Aufbrüche, aufregende Neuanfänge und faszinierende Lebenswege. Und wer weiß, was dann geschieht? Alles ist möglich, auch in Ihrem Leben. Die Winterzeit ist eine magische Zeit …

Viel Spaß beim Lesen wünscht

Ihre

ie Silhouettenschneiderin

Am Stuttgarter Hof, 6. Dezember 1865

Hinter vorgehaltener Hand unterdrückte Franz Xaver Winterhalter ein Gähnen. Er blinzelte in die tranigen Ölfunzeln, die den Salon mehr schlecht als recht erhellten. Wenn er so weitermachte, war er auf dem besten Weg, sein Augenlicht vollends zu ruinieren. Ein Por­traitmaler, der schlecht sah! Um seinen Blick ein wenig zu klären, richtete er ihn aus dem Fenster hinaus in den verschneiten Stuttgarter Schlossgarten, der aussah wie eine Märchenlandschaft. Wie schön musste es da erst im Schwarzwald aussehen? In dem kleinen Ort Menzenschwand, wo er geboren worden war … Seltsam, je älter er wurde, desto öfter musste er an seine Heimat denken. Oder lag dies gar nicht am Alter, sondern daran, dass er ständig unterwegs war? Dass er zum rastlosen Wanderer geworden war, der sich nach nichts mehr sehnte als nach einem Ruhepol in seinem Leben? Seine Farben, Staffeln und Pinsel für eine Weile nicht anfassen müssen. Den Herrgott einen braven Mann sein lassen. Wie schön wäre das.

Aufseufzend widmete er sich wieder seiner Arbeit.

Erst vor ein paar Tagen war er aus Wien angereist, wo er die letzten Wochen damit verbracht hatte, ein Portrait der österreichischen Kaiserin in Hofgala anzufertigen. Ein großer und ehrenvoller Auftrag. Ein Auftrag, den man nicht absagte. Niemals und unter keinen Umständen.

Kaiserin Elisabeth hatte sich für ein weißes Kleid mit opulentem Faltenwurf entschieden, welches über und über mit Diamanten verziert war. Um die Schultern hatte sie einen Schleier getragen, so zart und durchscheinend wie der Flaum eines neugeborenen Kükens. Diamantene Sterne, sechzehn Stück an der Zahl, hatten ihr prachtvolles Haar geziert. So überirdisch schön ihr Anblick gewesen war – für ihn als Portraitmaler war er nicht weniger als ein Alptraum gewesen. Allein für das Kleid hatte er drei Wochen gebraucht, dazu weitere zwei für ihre aufwendige Frisur … Doch nachdem er sein Werk beendet hatte, hatte er sich selbst dafür loben müssen. Vielleicht war das Gemälde sogar sein bisher bestes.

»Sie lächeln so zufrieden, lieber Herr Winterhalter, weihen Sie mich in Ihr kleines Geheimnis ein?«

Franz Xaver, der gerade mehrere Blautöne auf ­sei­­ner Palette mischte, hielt inne, um sein Modell ­an­zuschauen. Die württembergische Königin Olga, Toch­ter des Zaren Nikolaus, war eine seiner liebsten Kun­dinnen. Nur ihr zuliebe war er nach Stuttgart ge­­reist und hatte diesen neuen Auftrag angenommen. Jede andere Anfrage hätte er abgelehnt zugunsten ­ei­nes dringend benötigten Erholungsurlaubs in seiner ­Heimat.

»Ich denke an Weihnachten und die himmlische Ruhe, die ich hoffentlich über die Feiertage genießen werde«, zwang er sich zu einer kleinen Notlüge. Er war nicht zum beliebtesten Portraitmaler ganz Europas geworden, weil er seinen Kunden von der Schönheit der vorherigen Modelle vorschwärmte.

Auch Königin Olga wollte in Hofgala gemalt werden. Das Kleid, für das sie sich entschieden hatte, wies täuschende Ähnlichkeiten mit dem der österreichischen Kaiserin auf, auch wenn es im Rücken eine blaue samtene Schleppe hatte. Dieselbe Schneiderwerkstatt? Oder nur die neueste Mode unter den gekrönten Häuptern Europas? Doch wenn die Opulenz bei »Sissi«, wie die Österreicherin im engen Fami­lien­kreis genannt wurde, lieblich und gefällig wirkte, hob sie bei der großgewachsenen Statur Olgas sämtliche Ecken und Kanten hervor. Ein zu schmales Gesicht, müde Augen, dazu die hängenden Schultern – die letzten zwanzig Jahre hatten es nicht gut gemeint mit Olga Nikolajewna Romanowa. Schön war sie noch immer, aber der Glanz der Jugend war bei ihr allzu früh verblasst.

»Himmlische Ruhe … was ist das?«, erwiderte die Königin und lächelte ironisch. »Seit meine Nichte Wera bei uns lebt, kenne ich diesen Zustand nicht mehr. Ständig wird getobt, geschrien, mit den Füßen gestampft. Auch wenn sich Wera etliche Zimmer entfernt oder gar in einem anderen Flügel des Schlosses aufhält – sie ist immer zu hören …« Olga seufzte. »Dass ein Kind so anstrengend sein kann, hätte ich nie gedacht.«

Winterhalter runzelte unmerklich die Stirn. Nun hatte sie schon wieder die Haltung ihres linken Arms verändert. Obwohl er sich in solchen Momenten nicht scheute, auch seine adligen Kundinnen streng zurechtzuweisen, beschloss er, nichts zu sagen. Solange er mit der blauen Samtschleppe beschäftigt war, konnte ihm Olgas Ellenbogen egal sein.

Zufrieden betrachtete er das angemischte Taubenblau auf der Palette. Perfekt! Er tauchte seinen Pinsel hinein und begann mit mutigen Strichen, Olgas Kleiderschleppe zu umreißen.

»Zwei Jahre weilt Ihre Nichte nun schon bei Ihnen in Stuttgart, nicht wahr, Königliche Hoheit?«, sagte er.

Olga nickte.

»Zwei wundervolle Jahre, die ich nicht missen möchte. Und doch gehören sie zu den anstrengendsten meines Lebens …«

Ohne von seiner Arbeit aufzuschauen, sagte Winterhalter: »Wie alt ist Wera inzwischen? Zehn, nein, elf? Und noch immer ein solcher Wildfang. Ihre Hofdamen haben gewiss alle Hände voll zu tun …«

Er spürte, wie beim Gedanken an eine ganz bestimmte Hofdame ein kleiner Stich durch sein Herz fuhr. Hunderte der schönsten Frauen der Welt hatte er gemalt, einige davon hatten mit ihm geturtelt, hatten ihre ganze Weiblichkeit eingesetzt in der Hoffnung, noch schöner, noch edler von ihm auf die Leinwand gebannt zu werden. Aber verliebt hatte er sich nur ein einziges Mal in seinem ganzen Leben. Hier, am Stuttgarter Hof. Doch es war leider nichts daraus geworden.

Olga schnaubte undamenhaft. »Manchmal glaube ich, das Mädchen wird von Jahr zu Jahr schlimmer.«

Schweigend hörte sich Winterhalter Olgas Litanei über Weras letzte Streiche an. In den langen Stunden des Portraitstehens kamen seine Modelle oft ins Plaudern, eine Antwort erwarteten sie von ihm jedoch nur selten. Dass er sich als Maler voll und ganz auf seine Arbeit konzentrieren musste, davon gingen die allermeisten Damen und Herren aus. Doch ganz so anspruchsvoll, wie seine Kundschaft annahm, war das Malen für ihn als Routinier längst nicht mehr, und so konnte er oft in Ruhe seinen Gedanken nachgehen.

Wera Konstantinowna Romanowa. Die Nichte des Zaren Alexander. Vor zwei Jahren hatte es am Hof in St. Petersburg irgendeinen Skandal gegeben, in den sie involviert gewesen war. Hatte die kleine Wera eine hochrangige Person brüskiert? Hatte sie womöglich in ihrer kindlichen Unbefangenheit einen Vertreter der russischen Kirche geschmäht? Eine Bemerkung über »alte Männer mit langen, hässlichen Bärten« würde er der kleinen Wera jederzeit zutrauen. Doch ausnahms­weise wusste Franz Xaver Winterhalter, enger Ver­trauter der allermeisten Angehörigen europäischer Adelshäuser, nichts Genaues. Er hatte lediglich mitbekommen, dass das Kind damals schleunigst aus St. Petersburg entfernt worden war. Was für ein Wunder, dass es nicht in irgendeiner Irrenanstalt weit vor den Toren St. Petersburgs gelandet war! Oder waren Stuttgart und eine solche Anstalt in den Augen des russischen Zaren etwa ein und dasselbe? Winterhalter schmunzelte in sich hinein, doch gleich darauf wurden seine Gedanken wieder ernster.

Welche Gründe hatten den Zaren dazu bewogen, ausgerechnet seiner kinderlosen Schwester Olga ein solch schwererziehbares und zudem äußerlich wenig ansprechendes Kind zu überlassen? War sie die Einzige, die nicht hatte nein sagen können? Die Königin von Hannover, auch eine Patentante der kleinen Wera, sowie diverse andere weitläufige Verwandte hatten keine solchen Skrupel gehabt, als die Anfrage vom Zarenhof, ob man das Kind aufnehmen wolle, gekommen war …

»Und ihr werter Gatte? Ich hoffe, König Karl ist bei bester Gesundheit?«, sagte Winterhalter, nachdem Olga verstummt war. Trübe Gedanken taten keiner Portraitsitzung gut, es war also besser, man wechselte das Thema. Doch Olga nickte nur schmallippig, und ihre Schultern sanken noch tiefer herab.

Eine wunderbare Art, die Königin aufzuheitern, rügte sich der Maler. Nur weil die Frage nach dem Wohlergehen des Gatten Standard war, hieß das noch lange nicht, dass man sie jeder Dame stellen musste.Er wusste doch, wie es um die Ehe der beiden bestellt war – beide gingen ihrer eigenen Wege, das wenige an Gefühlen, das einst vorhanden gewesen war, hatte sich längst aufgebraucht.

Du bist müde, Franz Xaver, stellte er fest. Ein müder alter Mann von sechzig Jahren.

»Heute ist der sechste Dezember – Nikolaustag!«, sagte Olga unvermittelt. Zum ersten Mal, seit sie die Sitzung begonnen hatten, strahlte ihr Gesicht mit seiner früheren Leuchtkraft.

»Der Namenstag Ihres geliebten Vaters. Und ein Freudentag für die Kinder, schließlich ist Nikolaus der Gabenbringer für sie«, sagte er lächelnd.

»Und ich habe mir für die Feier hier im Stuttgarter Schloss etwas ganz Besonderes ausgedacht!«, sagte Olga triumphierend. »Der Besuch des alten Krampus im letzten Jahr hat Wera und die anderen Kinder fürchterlich aufgeregt, Wera wollte danach tagelang Nikolaus spielen. Aus einem alten Besen hat sie sich sogar eine Rute gebastelt.« Die Königin schüttelte sich bei der Erinnerung, Winterhalter hingegen musste schmunzeln. Er traute dem widerspenstigen Mädchen durchaus zu, mit der Rute auch auszuteilen.

»Dieses Jahr habe ich eine Überraschung, die etwas anderer Natur ist«, sprach die Königin weiter. »Mein lieber Herr Winterhalter, Sie sind herzlich eingeladen, der Feier am heutigen Nachmittag beizuwohnen! Das Ganze wird auch Ihnen gefallen, glauben Sie mir.«

Der Maler seufzte stumm. Er hatte sich so auf einen einsamen Abend und seine Ruhe gefreut …

Stuttgart im Winter. Überall entlang der Königsstraße standen offene Pritschenwagen, auf die schnaubende Männer mit roten Wangen Schnee schaufelten. War ein Wagen voll, fuhr er aus der Innenstadt hinaus und lud Berge von Schnee vor den Toren Stuttgarts ab. Hauptsache, die Prachtboulevards der Stadt waren frei, falls die Angehörigen der Königsfamilie eine Ausfahrt machen wollten. In den Seitenstraßen hingegen mach­te man sich solche Mühe nicht, da schippten die Besitzer der kleinen und größeren Geschäfte einfach den Schnee vor ihren Eingängen weg und in die Mitte der Straße. Und so rutschten und schlitterten, stolperten und staks­ten die Stuttgarter Bürger mehr schlecht als recht durch die Stadt. »Unser Geld für Einkäufe sollen wir hierlassen, aber wie wir zu Fuß unterwegs sind, kümmert niemanden«, schimpfte eine Frau, die auf einer vereisten Stelle hingefallen war.

Margarete Schwanthaler half der Frau beim Aufstehen, dann bückte sie sich erneut, um die Kartoffeln und Rüben, die aus dem Einkaufskorb der Gestürzten auf die Straße gepurzelt waren, wieder einzusammeln.

»Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?«

Als die Frau mit schmerzverzerrter Miene verneinte, ging Margarete erleichtert weiter. Eine Verzögerung wäre das Letzte gewesen, was sie jetzt gebraucht hätte.

Normalerweise hätte auch sie sich über die Straßenverhältnisse aufgeregt. Aber Margarete bemerkte diesmal weder Schnee noch Eis. Sie schwebte vielmehr auf Wolken.

Eine Einladung ins Stuttgarter Schloss! Ihr bisher größter und wichtigster Auftrag.

Als Silhouettenschneiderin war sie zwar schon jetzt sehr gefragt, ja, man konnte sogar behaupten, dass sie eine der erfolgreichsten ihres Faches war. Immer mehr Menschen wollten ihr Konterfei als Scherenschnitt abgebildet sehen, vor allem wichtige Bürger der Stadt. In den letzten Wochen war sie bei einem Herrn Geheimrat eingeladen gewesen und hatte ihn und seine Gattin silhouettieren dürfen. Sehr verliebt hatten die beiden getan. Spontan hatte Margarete die Idee gehabt, die beiden wie Dornröschen mit seinem Prinzen im Märchen zu portraitieren. Das hatte das Paar so sehr entzückt, dass es über die lange, schmale Nase von Dornröschen hinwegschaute. Ein bekannter Stoffhändler war ebenso ihr Kunde wie der Besitzer des Hotels Krone oder viele Schauspieler des Königlichen Hofthea­ters. Aber Scherenschnitte waren nicht nur etwas für die reichen Leute. Auch die weniger gut Betuchten konnten sich solche Bildchen leisten. Manch einer legte sogar ein Album an und verbrachte so manche Stunde damit, die Schattenrisse zu bewundern oder auch zu kritisieren. Wobei es bei Margaretes Scherenschnitten deutlich mehr Lob gab als Schelte, denn sie war eine Meisterin ihres Fachs.

Besonders beliebt waren auch Portraitsilhouetten bekannter Persönlichkeiten. Die Dichter Ludwig Uhland und Eduard Mörike hatte sie schon so oft geschnitten, dass sie deren Umrisse auswendig kannte. Den Dichter Schubart hingegen wollte niemand haben, also hatte sie ihn irgendwann aus ihrem Repertoire genommen. Kunstfertigkeit allein reichte eben nicht aus, ein bisschen Geschäftssinn musste man auch haben.

Aber genau daran hapert es noch bei dir, ging es Margarete durch den Sinn. Weniger Gefühle, mehr Geschäftssinn – und sie wäre nicht in der misslichen Lage, in der sie sich momentan befand. Margaretes Seufzer stieg in der kalten Winterluft als weißes Wölkchen gen Himmel.

Eigentlich hatte sie vorgehabt, für heute all ihre Sorgen zu vergessen, doch es wollte ihr einfach nicht gelingen – zu groß war ihre Not! Seit Tagen hatte sie nicht mehr geschlafen, sie war fahrig und nervös. Bei jedem Klopfen an der Tür zuckte sie zusammen. Was, wenn es ihr Vermieter war? Oder gleich die Polizei, die kam, um sie und ihre drei Kinder aus dem Haus zu werfen? Drei Monatsmieten war sie im Verzug, aber erst vor einer Woche hatte sie davon erfahren. Monat für Monat hatte sie Sergej vertrauensvoll das Geld in die Hand gedrückt, damit er es dem Vermieter übergab. Keinen Moment hatte sie daran gezweifelt, dass ihr Geliebter etwas anderes damit anstellen würde. Doch was hatte ihr schöner Pole getan? Das Geld in irgendwelchen verrauchten Hinterzimmern einer Kneipe beim Kartenspiel auf den Kopf gehauen! Als ihr Vermieter letzten Montag vor Wut am ganzen Leib bebend vor ihr stand und die Zahlung verlangte, war sie vor Schreck fast in Ohnmacht gefallen.

Mit der Liebe war’s danach aus und vorbei gewesen. Hochkant hatte sie ihn rausgeworfen, ihren schönen Polen. Schön, aber ein Nichtsnutz. Von der Sorte gab es mehr als genug. Und sie war immer wieder so dumm, auf sie hereinzufallen. So tief sie bei ihrer Arbeit in die Menschen hineinschauen und ihr innerstes Wesen erkennen konnte, so blind war sie, wenn es um ihr Liebesleben ging.

»In zwei Wochen beginnt der Stuttgarter Weihnachtsmarkt. Dort werde ich meine Kunst anbieten und gewiss gutes Geld verdienen. Bitte, geben Sie mir noch ein bisschen Zeit, Sie bekommen Ihre Miete, ganz bestimmt!« Gefleht und gebettelt hatte sie. Von der ganzen Familie des Vermieters wollte sie außerdem umsonst Scherenschnitte anfertigen, die allerschönsten!

»Weihnachtsmarkt! Womöglich bist du mit deiner Brut bis dahin über alle Berge, und ich bleibe auf deinen Mietschulden hocken. Nichts da, bis zum zehnten Dezember will ich das Geld haben«, hatte er schließlich geknurrt und dabei so begehrlich über ihre Schulter in die Wohnung gelinst, als wollte er gleich eigenhändig ihre Möbel hinaustragen. »Sonst werfe ich dich und deine Brut auf die Straße, und die Wohnung wird noch im alten Jahr neu vermietet.«

Sie und ihre drei lieben Kinder auf der Straße? Der kleine Anton, der beim leisesten Windhauch Husten bekam. Seine zwei Jahre ältere Schwester Susanne, die immer peinlich genau darauf achtete, sich nicht schmutzig zu machen. Und Valentin, mit seinen zwölf Jahren der Älteste, der ihr schon jetzt mit Schere und Papier nacheiferte. Niemals würde sie ihnen zumuten, was sie selbst als Kind hatte erleiden müssen. Den Hun­ger, die Kälte und den Schmutz der Gosse. Eher würde sie alles tun, was nötig war. Wenn es sein musste, würde sie sogar sich selbst verkaufen!

Margarite schüttelte sich wie ein Hund, der in einen Regenguss geraten war. Sie hatte noch vier Tage Gnadenfrist, deshalb war nun Schluss mit den trüben Gedanken! Sie musste sich unbedingt auf die kommende Aufgabe konzentrieren.

Das Schloss kam in Sicht. Hell strahlte es im trüben Dezemberlicht. So oft war sie schon daran vorbeigelaufen! Hatte sich gefragt, wie die Menschen darin lebten, was sie aßen und tranken. Und nun würde sie alles mit eigenen Augen sehen.

Als vor zwei Tagen eine Hofdame der Königin bei ihr erschienen war, hatte sie ihr Glück nicht fassen können. Eine Feier zu Ehren des heiligen Nikolaus, und sie, Margarete, sollte die anwesenden Kinder, Hofdamen und weitere Gäste des Hofes silhouettieren. Eine größere Ehre konnte ihr nicht zuteilwerden, oder? Besondere Aufmerksamkeit sollte Margarete dabei dem Patenkind von Königin Olga widmen, einem kleinen Mädchen namens Wera. Margarete hatte verständig genickt. Kleine Mädchen waren besonders liebliche Modelle, sie würde für die Königin die schönste Kindersilhouette von allen schneiden!

Die Hofdame hatte die Runde auf zwanzig Personen geschätzt. Zwanzig Personen, die bei Hof ein und aus gingen. Margarete lächelte. Wenn sich herumsprach, dass man bei Hof von ihren Scherenschnitten angetan war, würde sie sich im neuen Jahr vor Aufträgen nicht mehr retten können.