Verlag: Goldmann Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Winterwundertage E-Book

Karen Swan  

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E-Book-Beschreibung Winterwundertage - Karen Swan

Alex Hyde, eine junge, höchst erfolgreiche Unternehmensberaterin aus London, nimmt wenige Wochen vor Heiligabend einen lukrativen Auftrag an: Sie soll »Kentallen«, einer familiengeführten Whisky-Destillerie, wieder zum Erfolg verhelfen. Kaum hat sie die abgelegene schottische Insel Islay betreten, begegnet sie Lochlan, Erbe der Dynastie. Attraktiv, charismatisch und unberechenbar – noch nie hat es Alex mit einem Auftraggeber wie ihm zu tun gehabt. Im Laufe der Zusammenarbeit kommen sie sich immer näher, die Grenzen zwischen Privatem und Beruflichem verschwimmen zusehends. Und Alex bemerkt zu spät, dass ihr, zum ersten Mal überhaupt, die Kontrolle entgleitet ...

Meinungen über das E-Book Winterwundertage - Karen Swan

E-Book-Leseprobe Winterwundertage - Karen Swan

Buch

Wenn es bei den erfolgsverwöhnten und mächtigen CEOs der Welt nicht mehr ganz so rundläuft, wenden sie sich hilfesuchend an Alex Hyde, Unternehmensberaterin und Life Coach par excellence, die Beste ihres Fachs. Je komplizierter der Fall, desto größer die Herausforderung. Einige Wochen vor Weihnachten bekommt sie einen höchst lukrativen Auftrag: Sie soll Lochlan Farquhar, CEO der familiengeführten Kentallen-Whisky-Destillerie, davon abbringen, das Unternehmen mit seiner eigensinnigen, destruktiven Art zu zerstören. Doch als Alex die abgelegene schottische Insel Islay betritt und der erste Schnee des Winters fällt, bemerkt sie, dass dieser Fall ein ungewöhnlicher ist. Denn Lochlan ist zwar unberechenbar, doch auch äußerst attraktiv und charismatisch. Im Laufe ihrer Coachings kommt sie ihm immer näher, die Grenzen verschwimmen zusehends. Doch als sie zufällig eine Entdeckung macht, die das ganze Unternehmen zu stürzen droht, steht Alex vor der schwierigsten Entscheidung ihres Lebens …

Weitere Informationen zu Karen Swan

sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin

finden Sie am Ende des Buches.

KAREN SWAN

Winterwundertage

Roman

Aus dem Englischen

von Gertrud Wittich

Die englische Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel

»The Christmas Secret« bei Pan Books,

an imprint of Pan Macmillan, London.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung Oktober 2018

Copyright © der Originalausgabe 2017 by Karen Swan

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2018

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: Frau: Aliaksei Lasevich/Alamy

Hotel: courtesy of Isle of Eriska Hotel, Spa & Island www.eriska-hotel.co.uk

Redaktion: Ann-Catherine Geuder

em · Herstellung: kw

Satz: omnisatz GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-22582-7V002

www.goldmann-verlag.de

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Für Sally, Mhairi und Muirne

Meine drei Grazien

Prolog

Kilnaughton Bay, Islay, schottische Westküste,

30. April 1932

Das Meer, dort draußen.

Dort war er dem Tod zum ersten Mal begegnet. In dieser tückischen Brandung, in diesem Gewässer, das sich bis zur Küste von Irland erstreckte. Von den Klippen aus sah die See heute glatt und blass aus, wie eine seidig schimmernde blaue Decke. Es gab keinerlei Hinweise auf die Dramen, die sich in jener längst vergangenen Nacht hier abgespielt haben mussten, als ein Sturm mit Windstärke zehn über die Oberfläche gefegt war und Geschützfeuer sie von unten aufgewühlt hatten.

Sie stand da und blickte zum Horizont. Der Wind fuhr ihr ins Gesicht, als wolle er ihr das Atmen abnehmen und ihr neues Leben einhauchen. Hier fühlte sie sich ihm irgendwie näher. Und wer weiß? Wenn sie nur inbrünstig genug betete, könnte sie vielleicht seine Spuren im Sand entdecken, seinen Geruch in der Luft – zumindest hatte sie dieses Gefühl. Ach, dass diese kleine Insel ihn eine Zeitlang in ihren Armen halten durfte! Von ihrer Herbergswirtin hatte sie erfahren, dass der Samen des dottergelben Ginsters, der hier überall auf den Mooren blühte, vierzig Jahre in der Erde überleben und selbst dann noch aufgehen konnte. Ob es nicht ein ähnliches Wunder für sie geben könnte? Ob nicht auch von ihm etwas überlebt hatte?

Aber darauf bestand keine Hoffnung, schon seit Jahren nicht mehr. Der Tod hatte ihn ein zweites Mal gejagt, hatte nach seinen Fersen geschnappt wie ein hungriger Wolf und ihn schließlich in seine Fänge bekommen und nicht mehr freigegeben. Er habe so tapfer um sein Leben gekämpft, hatten ihr die freundlichen Inselbewohner erzählt, in ihrem eigenartigen, vollmundigen Dialekt, mit den rollenden Vokalen, und mit ihren stillen, ausdrucksvollen Augen. Mehrmals hatten sie ihn schon aufgegeben gehabt, doch er habe sich jedes Mal wieder aus dem Würgegriff des Fiebers befreit und sei schließlich wiederauferstanden wie eine Gestalt, die sich aus einem dichten Nebel herausschält, hohläugig und keuchend vor Anstrengung.

Ganz schön zäh sei er gewesen, berichteten sie, ein sanftmütiges Lächeln habe er gehabt, flüsternde Augen und tanzende Hände. Man erinnerte sich gut an ihn, selbst jetzt noch. Man bewunderte ihn und hatte ihn nicht vergessen.

Sich vorzustellen, dass er einst ihr gehört hatte …

Sie schloss die Augen und ließ sich von den Windstößen packen. Was für ein unendlicher Trost doch die schlichte Tatsache war, dass er einst ihr gehört hatte. Das konnte ihr nicht einmal der Tod wegnehmen – auch wenn er beim dritten und letzten Versuch endgültig siegreich geblieben war.

Eine Stimme – ein Rufen? – drang an ihr Ohr, und sie blickte sich um. Eine Frau kam auf sie zugelaufen. Der Wind spielte mit ihrem Haar wie ein Kätzchen mit einem Wollfaden, aber ihre Bewegungen waren flink und leichtfüßig, eine schlanke, zierliche Schönheit aus gutem Hause, wie ihr schien. Die junge Frau besaß wache, kluge Augen, und so zart ihre Erscheinung auch war, wirkte sie keineswegs zerbrechlich, sondern stark und resolut.

»Sie sind die Amerikanerin?«, erkundigte sich die Frau aufmerksam.

»Ja, das bin ich.«

Die Frau seufzte erleichtert auf und nickte. »Man hat mir gesagt, dass ich Sie hier finden würde. Ich hatte schon Angst, ich hätte Sie verpasst.«

»Worum geht es?«

»… ich muss Ihnen etwas mitteilen, ehe Sie gehen.«

Sie ahnte bereits, worum es sich handeln musste, ihr Bauchgefühl verriet es.

Er hatte auch zu ihr gehört.

1. Kapitel

Mayfair, London, Freitag, 1. Dezember 2017

Hier das Büro von Alex Hyde.«

Die forsche, sachliche Stimme von Louise Kennedy durchdrang die von einem Strauß weißer Pfingstrosen geschwängerte Stille des mit einem dicken Teppich ausgelegten Büros.

»Nein, bedaure, sie ist nicht zu sprechen. Wenn Sie mir Ihren Namen nennen würden?«

Louises manikürte Fingernägel schwebten erwartungsvoll über der Tastatur, der Cursor saß bereits in der Namensspalte. Auf der Telefonanlage daneben blinkte ein rotes Lämpchen – da wartete schon der nächste Anrufer. Louise kam sich vor wie bei der Flugsicherung: eine Maschine nach der anderen musste auf die richtige Landebahn dirigiert, vorübergehend geparkt und dann weitergeleitet werden.

»Sie müssen mir schon Ihren Namen nennen, wenn Sie …« Doch der Anrufer bestand darauf, unbedingt persönlich mit Alex Hyde sprechen zu müssen, war es nicht gewöhnt, abgewiesen zu werden. Louise achtete darauf, nicht in die Sprechmuschel zu seufzen, was unprofessionell gewesen wäre. Ihre Finger zappelten ungeduldig, als würden sie mit einem Stift spielen, sie wollte weiter, hatte es eilig. Das rote Lämpchen blinkte noch. In spätestens sechzig Sekunden musste sie rangehen, es konnte ja wichtig sein. Auf dem Niveau, auf dem sie tätig waren, konnte es den Verlust vieler Arbeitsplätze und großer Vermögen bedeuten, ja sogar um Leben und Tod gehen.

»Bedaure, das ist nicht möglich.« Die Stimme des Anrufers wurde drängender, und Louise runzelte die sorgfältig gewachsten Augenbrauen. »Weil sie in New York ist.« Ihr Blick fiel erneut auf das Blinklicht. »Nein, das ist vertraulich«, entgegnete sie, ohne sich vom Befehlston des Anrufers einschüchtern zu lassen. Aufgeblasenheit und Arroganz bei der Kundschaft waren ihr täglich Brot, ja, es waren oftmals gerade diese Eigenschaften, die sie zu Alex’ Kunden werden ließen. »Ich kann sie bitten, Sie zurückzurufen, wenn Sie das möchten. Weiß sie denn, worum es sich handelt?« Ihre Finger zuckten ungeduldig.

Draußen fuhr mit blinkendem Blaulicht ein Krankenwagen vorbei, und durch die nerzgrauen Jalousien hindurch war ein schmutzig grauer Himmel erkennbar, an dem sich schwere Regenwolken zusammenballten. Menschen in dicken Wintermänteln liefen, das Handy am Ohr, mit gesenkten Köpfen vorüber. Die Gehsteige glänzten nass vom letzten Regenguss.

Louise spitzte missbilligend die Lippen. Na bitte, das hatte sie sich doch gleich gedacht. »Aha, verstehe, es handelt sich also um eine Erstanfrage.« Sein anmaßender Ton suggerierte eine enge persönliche Bekanntschaft, wahrscheinlich jedoch waren er und Alex einander höchstens einmal auf einer Cocktailparty über den Weg gelaufen oder Alex’ Name war auf einer Jubiläumsfeier ehrfürchtig von Mund zu Mund weitergetragen worden wie ein verstohlener Freimaurer-Händedruck.

»Tut mir leid, wir operieren mit einer Warteliste. Vor Mai nächsten Jahres hat Ms Hyde leider keine freien Termine mehr.« Ihr Blick fiel erneut auf das rote Lämpchen. Es blinkte noch, aber sicher nicht mehr lange. Sie würde ihm noch zehn Sekunden geben … »Soll ich Sie schon mal vormerken und Sie melden sich dann nächstes Jahr wieder?«

Nun wurde er ausfallend. Louises makellose Augenbrauen schossen in die Höhe. Dem war offenbar nicht klar, dass an ihr kein Weg vorbeiführte und dass sie nicht nur dafür bezahlt wurde, den Terminkalender zu verwalten, sondern auch dafür, mögliche Klienten vorab auszusortieren. »Nun, wie gesagt, Ms Hyde ist momentan außer Landes. Wann sie wieder da sein wird, kann ich Ihnen leider nicht sagen. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden, ich habe einen Klienten in der anderen Leitung. Sie können gern noch einmal anrufen, wenn Sie Ihre Meinung ändern sollten.« Sie wollte auflegen, den Blick auf das hartnäckig blinkende Lämpchen gerichtet.

Drei, zwei, ei …

Ihre Hand sackte kraftlos auf die Schreibtischplatte, das soeben Gehörte hallte in ihren Ohren nach wie Schüsse. Sie beugte sich geschockt vor und lauschte konzentriert, die Ellbogen auf den Schreibtisch gestützt, den Blick auf den blinkenden Cursor auf dem Bildschirm gerichtet. Das rote Lämpchen (das aufgehört hatte zu blinken) war vollkommen vergessen. Stille trat ein, dann:

»Könnten Sie das bitte wiederholen?« In Louises Stimme lag ein vollkommen untypisches Beben. »Ich fürchte, ich habe Sie falsch verstanden.«

Am gleichen Tag in New York

Alex Hyde starrte auf die Wallstreet hinab. Dort regierte das Ego, es pulste wie ein Muskel im dichten Verkehrsgewühl. Furchtlos, als ob sie unverwundbar wären, hetzten die Leute von einer Straßenseite zur anderen, ungeachtet der wütend hupenden gelben Taxis, deren aufblinkende rote Bremslichter sich in der Ferne verloren. Die Statuskennzeichen dieser Menschen würden von der Straße aus nur dezent bemerkbar sein (das rote Knopfloch an einem Maßanzug, beispielsweise) oder, im Gegenteil, offen und kaum übersehbar (eine Rolex Oyster oder eine karibische Gesichtsbräune). Von hier oben wirkten die Passanten dagegen wie Feldspäne auf einem Magnetbrett, sie wogten hierhin und dorthin, wie von unsichtbaren Strömungen gelenkt, zielgerichtet, allzeit in Eile, von Termin zu Termin hetzend. Wohin es sie trieb, konnte Alex sich denken. Sie wollten hier herauf, in den 98sten Stock dieses Wolkenkratzers, wollten es schaffen, so wie der Mann, der hier saß. Auch sie wollten Masters of the Universe werden, Dreh- und Angelpunkt von Macht und Geld.

Aber keiner von ihnen würde es so weit bringen, denn sie konnten sich nicht von ihrer Warte aus betrachten. Nicht mal aus zwei Schritten Distanz konnten sie sich wahrnehmen, geschweige denn aus zweihundert Metern Höhe. Nicht mal ihr eigenes Spiegelbild würde ihnen verraten, was Alex bereits wusste und was sie erst noch begreifen mussten: dass Ehrgeiz nicht reichte, dass Zielbewusstsein nicht genügte, dass Talent allein nicht die Antwort war. Wenn sie sich nicht einmal dessen bewusst waren, wie sollten sie es je bis in diese schwindelerregenden Höhen schaffen, in diese geheiligten Hallen der Macht?

Der Mann, dem sie den Rücken zukehrte, schien das zu begreifen, was sich auch darin äußerte, dass er die Voraussicht besaß, sie zu kontaktieren, als man ihm den Posten des neuen Präsidenten der Bank of America anbot. Sich einzugestehen, dass er überfordert war und Hilfe brauchte, war das Beste, was er für seine Karriere tun konnte. Alex wandte sich von der harten Dezembersonne, die einen vereinzelten Strahl in die Straßenschluchten warf, ab und blickte ihn an. Gelassen löste sie sich vom Fenster und ging an ihren Platz zurück, verfolgt vom besorgt-ängstlichen Gesichtsausdruck ihres Klienten.

»Howard, erinnern Sie sich, wie wir letztes Mal über Maximum-Performance sprachen?«

Er beobachtete sie, wie eine Antilope eine Löwin beobachtet, die sich durchs hohe Savannengras anschleicht. »Ja.«

Sie setzte sich wieder in ihren Sessel ihm gegenüber, schlank und elegant in einem schmal geschnittenen, elfenbeinweißen Crêpe-Kleid von Phillip Lim, das ihrer sehnigen, durchtrainierten Figur schmeichelte. Das halblange kastanienbraune Haar umhüllte frisch geföhnt ihre Schultern. Himmel, sie liebte die Blowout-Bars von Manhattan, die es hier an jeder Ecke gab und wo man sich schnell mal die Haare föhnen lassen konnte! Sie hatte nur eine Winzigkeit Make-up aufgelegt, da ihre sanft gebräunte Haut den samtigen Glanz von ihrem Aufenthalt in einem Besinnungs- und Entspannungs-Retreat in Costa Rica noch nicht verloren hatte.

»Was haben wir gesagt, wissen Sie es noch?« Sie betrachtete ihn mit einfühlsam geneigtem Kopf, die großen braunen Augen still und fragend auf ihn gerichtet.

»Sie sagten, der Mensch müsse voll und ganz im Reinen mit sich sein.«

Sie nickte. »Ganz recht. Es geht um Ausgewogenheit, um Balance. Ein Mensch kann nur dann Höchstleistungen erbringen, wenn alle Bereiche seines Lebens, der physische, der spirituelle, der mentale und der soziale, im Gleichgewicht sind.« Sie lächelte aufmunternd. »Und gerade weil das so selten vorkommt, sieht man die Dinge in so einem Zustand mit größerer Klarheit, kann weise Entscheidungen treffen und selbstbewusst und gelassen agieren. Aber wenn wir auch nur einen dieser Bereiche vernachlässigen«, warnte sie, »begeben wir uns auf gefährliches Territorium. Wie soll unser Verstand flexibel bleiben, wenn wir aufhören zu lernen, uns weiterzubilden, und uns mit dem zufriedengeben, was täglich auf unserem Schreibtisch landet? Wie sollen wir den Stress verarbeiten, den unsere Stellung mit sich bringt, wenn wir unser Fitnessprogramm vernachlässigen und den Personal Trainer mit Ausreden abspeisen? Wir dürfen den Körper nicht schwach werden lassen, den Verstand nicht mechanisch, die Emotionen abgestumpft oder das Gemüt unsensibel. Man kann nicht in einem Vakuum agieren. Nicht auf diesem Niveau jedenfalls, auf dem wir uns befinden. Die Luft ist dünn hier oben, Howard.«

Er ahnte, worauf das hinauslief, und seufzte. »Sie wollen sagen, dass ich sie aufgeben muss.«

»So etwas würde ich nie tun, Howard, das wissen Sie doch. Ich kann nur Ratschläge geben, entscheiden müssen Sie selbst.« Sie spürte das dezente Vibrieren ihres Handys an ihrer Seite. »Aber wenn die Beziehung längst tot ist, wenn da nichts mehr ist als … abgestandene Luft«, sagte sie schulterzuckend, »dann sollten Sie sich schon fragen, ob dies der Ausgewogenheit nicht abträglich ist.«

Howard umklammerte mit weiß hervortretenden Knöcheln die Armlehnen seines Sessels und stierte Alex mit weit aufgerissenen Augen an. »Sie reden doch nicht etwa von Yvonne?«

»Lassen Sie es uns doch mal ganz sachlich betrachten«, sagte Alex und breitete entwaffnend die Hände aus. »Ist es denn nicht Pflichtgefühl, das Sie noch in dieser Ehe festhält?«

»Pflichtgefühl?«, wiederholte er entsetzt. »Wir sind seit vierunddreißig Jahren verheiratet! Das ist eine verdammt lange Zeit.«

»Das stimmt. Vielleicht zu lange, was meinen Sie? Würden Sie rückblickend sagen, Sie hätten sich schon viel früher trennen sollen?«

Howard schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. »So einfach ist das nicht. Wir haben vier Kinder!«

»Vier erwachsene Kinder, die mittlerweile alle verheiratet sind und selbst Kinder haben«, sagte sie kühl nickend. »Mit Schuldgefühlen kann man keine Ehe führen, man kann damit die Vergangenheit nicht ändern. Und mit Angst und Sorge nicht die Zukunft beeinflussen. Das ist eine gewichtige Entscheidung. Vielleicht sind wir ihr schon viel zu lange aus dem Weg gegangen.«

Howard senkte den Blick, dann hob er ihn wieder und sah sie mit einem besorgten, unsicheren Ausdruck an. Seine angenehmen, patriarchalischen Züge prangten mindestens zweimal pro Woche im Wall Street Journal und waren auch während der letzten Bürgermeisterwahlen überall auf Plakaten in der Stadt abgebildet gewesen, als er noch der oberste Finanzberater des Gewinners gewesen war. »Aber letztes Mal sagten Sie doch, ich sollte Kayleigh verlassen.«

»Nein, das habe ich so nicht gesagt, Howard«, widersprach Alex energisch. Sie stützte das Kinn auf Daumen und Zeigefinger. »Ich hatte nur infrage gestellt, dass die Balance noch stimmt. Sie haben selbst gesagt, Kayleigh würde sich ›aufführen wie eine Verrückte‹, dass sie unmögliche Forderungen stelle und von Ihnen verlange, Yvonne zu verlassen. Sie hat gedroht, Sie in Ihrem Haus aufzusuchen, alles der Presse zu erzählen. Sie sagten, Sie könnten nicht mehr schlafen, sich nicht mehr auf Ihre Arbeit konzentrieren. Ihr Leben sei aus den Fugen geraten. Das ist ein Zustand, der sich auf Dauer nicht ertragen lässt – und darunter leidet Ihre Arbeit. Deshalb hatten wir überlegt, ob es nicht besser wäre, wenn Sie sich von ihr trennen würden.« Alex machte eine drehende Handbewegung und fuhr fort: »Andererseits erzählen Sie mir seit einer Dreiviertelstunde, wie sehr Sie an ihr hängen und dass Sie es nicht ertragen könnten, sie aufzugeben, die Finger von ihr zu lassen; dass Sie sich, trotz Kayleighs unmöglichem Verhalten, so viel lebendiger fühlen, wenn Sie mit ihr zusammen sind.« Alex zuckte mit den Schultern. »Also, wenn das stimmt, dann sollten Sie es nicht tun – trennen Sie sich nicht von ihr. Wenn Sie sich wirklich so gut mit ihr fühlen, sollten wir uns die Sache vielleicht mal von der anderen Seite ansehen. Vielleicht ist eine Veränderung nötig, um weiterhin Höchstleistungen zu erbringen; vielleicht ist Ihr altes Leben zu festgefahren. Nichts bleibt wie es ist, Howard, der Mensch verändert sich, seine Bedürfnisse ändern sich. Was vor vierunddreißig Jahren gut für Sie war, ist es jetzt möglicherweise nicht mehr. Dann muss man den Mumm aufbringen und sein Leben umkrempeln. Viel zu viele Menschen scheuen aus Bequemlichkeit und Trägheit vor einer notwendigen Veränderung zurück. Oder aus Angst davor, Konventionen zu durchbrechen. Aber so einer sind Sie nicht, Howard, so ein Kleingeist und Spießer sind Sie nicht. Sie müssen sich nicht an Konventionen halten, Sie können tun, was Sie wollen. Und wenn Sie Kayleigh wollen, wenn Sie sich bei ihr so lebendig fühlen wie sonst nie, dann sollten Sie mit ihr zusammen sein.«

»Aber … aber was ist mit ihrem Verhalten? All diese irren Geschichten, die sie anstellt? Ihre Drohungen?«

»Das tut sie doch nur, weil sie will, dass Sie Ihre Frau verlassen. Wenn Sie Yvonne verlassen haben, hat sie keinen Grund mehr für so ein Verhalten.«

Alex lehnte sich zurück, das Kinn auf die Brust gesenkt, und wippte leicht mit einem Bein. Eine Zeitlang war es still.

»Ich weiß nicht …«, sagte er schließlich zögernd.

Alex beugte sich vor, stützte die Ellbogen auf die Knie und legte die Handflächen aneinander. »Bei ihr fühlen Sie sich wieder jung, nicht?«, schob sie nach.

Er nickte.

»Unbesiegbar. Mächtig. Viril. So wie früher.«

Wieder nickte er.

»Mit ihr könnte es wieder so werden, wie es einmal war. Sie könnten wieder der Mann werden, der Sie einmal waren, Howard.«

Howard blinzelte. »Aber was … Menschenskind, sie ist in mein Haus eingebrochen! Mit der stimmt doch was nicht.«

»Hören Sie auf, nach Gründen zu suchen, warum es nicht klappen könnte. Alles, was Sie brauchen, ist ein guter Grund, warum es funktionieren würde. Sie sind verrückt nach ihr. Und sie nach Ihnen. Sie haben selbst gesagt, sie sei ein Hunger, der sich nicht stillen lässt. Was wollen Sie mehr!«

Abermals vibrierte das Handy, aber Alex hielt ihren Blick unverwandt auf Howard gerichtet. Sie sah den skeptischen, fast ängstlichen Ausdruck auf seinem Gesicht. Von etwas zu träumen war das eine. Die Realität etwas ganz anderes. »Genau darum geht es, Howard, darüber haben wir in unserer letzten Sitzung gesprochen: Man darf die Schneide nicht stumpf werden lassen. Und das geht nur, wenn man sich gelegentlich aus seiner Komfortzone herauswagt und sein Leben umkrempelt. Nur so wächst man, nur so bewirkt man etwas. Das wollten wir ursprünglich mit der Hilfsinitiative für Angola und dem K2-Versuch erreichen.« Sie richtete sich auf. »Aber wenn Kayleigh die Lösung ist, dann müssen wir das akzeptieren. Und dürfen nicht starr bleiben, Howard. Denken Sie daran: Was Ihnen guttut, davon profitiert auch die Bank. Wenn die Balance stimmt, bleibt die Schneide scharf.«

»Aber Yvonne …«

»Ist schließlich kein Kind mehr. Sie wird schon damit fertig. Und Sie werden sie ja nicht mit leeren Händen zurücklassen. Sie sind ein Gentleman, Sie werden sie großzügig abfinden, da bin ich sicher.«

Howard blinzelte verwirrt. »Ich weiß nicht, ob das das richtige …«

»Es geht hier um Sie, Howard. Um das, was Sie brauchen, um Ihr Gleichgewicht wiederzufinden.« Schmunzelnd fragte sie: »Kennen Sie die gängigste Lüge? Die Lüge, die Millionen von Menschen täglich auf den Lippen haben?«

Er schüttelte ratlos den Kopf.

»›Mir geht’s gut.‹ Das sagt jeder, und zwar andauernd. Selbst wenn’s nicht stimmt. Gerade wenn’s nicht stimmt. Wie geht es Ihnen, Howard? Geht es Ihnen gut? Geht es Ihnen besser, wenn Sie mit Yvonne zusammen sind? Oder mit Kayleigh? Welches Leben ist die Lüge? Denn eins davon ist es, da können Sie sicher sein. Wo sagen Sie am häufigsten ›mir geht’s gut‹, auch wenn es nicht stimmt? Dass Sie nicht beide haben können, Howard, ist wohl inzwischen klar, das bringt nur Chaos in Ihr Leben. Außerdem passt das nicht zu Ihnen. Sie sind zu anständig für ein Doppelleben, Sie sind ein Mann mit Grundsätzen, mit Prinzipien. Sie haben Ihren Stolz und Ihre Ehre.« Alex holte tief Luft. »Und das bedeutet, Sie stehen an einem Scheideweg. Sie müssen eine Entscheidung treffen. Wenn es die richtige ist, wird sich Ihre alte Schärfe wieder einstellen.«

Ihr Handy vibrierte zum dritten Mal: das Zeichen, dass es dringend war. Sie erhob sich lächelnd. »Ich sehe schon, das ist im Moment ein bisschen viel zum Verdauen. Veränderungen können mitunter beängstigend sein. Nehmen Sie sich ruhig ein paar Tage Zeit und überdenken Sie alles. Und dann können wir uns die beste Strategie überlegen, um die neuen Entschlüsse umzusetzen.«

Howard erhob sich und nickte. »Ja, wie Sie meinen.« Er wirkte vollkommen perplex, als habe er einen Schlag auf den Kopf erhalten.

Alex brachte ihn zur Tür. »Ich werde Louise bitten, sich mit Sara in Verbindung zu setzen und einen Termin zu vereinbaren. Vielleicht zum Lunch? Dann könnten wir auf die aufregenden Neuigkeiten anstoßen.«

Howard fummelte an seinen Mantelknöpfen herum, während Alex ihm die Tür aufhielt. »Lunch? Ich weiß nicht, ich bin im Moment ziemlich …«

»Ja, natürlich, vor Weihnachten wird es immer eng. Nun, überlassen wir die Einzelheiten unseren Mitarbeiterinnen.« Sie ergriff seine Hand und drückte sie kräftig. »Das war eine großartige Sitzung, Howard. Ich glaube, wir stehen kurz vor dem Durchbruch. Lassen Sie sich alles noch mal in aller Ruhe durch den Kopf gehen, und dann sehen wir weiter.«

Er tappte zum Lift, und Alex schloss die Tür hinter ihm. Dann griff sie zum Handy und wählte die einzige Nummer, von der sie auf diesem Gerät je angerufen wurde.

»Louise?« Sie trat ans Fenster und blickte abermals auf die Feldspäne hinab, die auf der Suche nach ihrem ganz speziellen Nordpol hin und her wogten. »Nein, keine Sorge, wir waren sowieso fast fertig.«

Sie schlüpfte aus ihren Schuhen und sank dankbar zwölf Zentimeter auf den Teppich hinab, reckte ihre Zehen.

»Ja, kann man wohl sagen«, seufzte sie. »Ich habe ihm gegeben, was er wollte – oder sich einbildet zu wollen –, und dadurch wohl seine Ehe gerettet. Ruf seine PA an und mach einen neuen Termin aus, möglichst in den nächsten vierzehn Tagen.«

Ein Schatten huschte am Fenster vorbei, Alex zuckte erschrocken zurück. Sekunden später erfassten ihre Augen, was es war: ein Wanderfalke, einer von Hunderten, die sich in Manhattan angesiedelt hatten und die Taubenbevölkerung in Schach hielten. Sie bauten ihre Nester an den Vorsprüngen der Wolkenkratzer und bedienten sich der warmen Aufwinde in den Straßenschluchten. Alex beobachtete den Raubvogel, der schwerelos am Fenster vorbeisegelte. »Also was gibt’s?«

Sie presste ihre Hand ans Glas und beobachtete gespannt, wie der Vogel in den Sturzflug ging und sich hinter einer ahnungslosen Taube hermachte. Seine Geschwindigkeit war atemberaubend – jemand hatte ihr erzählt, dass Falken bis zu dreihundertzwanzig Stundenkilometer schnell werden konnten. Die Wolkenkratzer waren ihre Berge, die Straßen ihre Schluchten. Mittlerweile lebten in Manhattan mehr Falken als irgendwo sonst auf der Welt, und offenbar gediehen sie hier besser als in der Wildnis. Sie keuchte bewundernd auf, als der Falke sich die Taube schnappte, die nicht wusste, wie ihr geschah. Sie war einem Jäger zum Opfer gefallen, der ihr in jeder Hinsicht überlegen war: nicht bloß an Größe und Geschwindigkeit, sondern auch in der Anpassungsfähigkeit. Diese Raubvögel waren das ideale Beispiel für das, was sie ihren Klienten beizubringen versuchte.

Aber was … Es dauerte ein paar Sekunden, ehe das soeben Gehörte ihren Verstand erreichte. Alex wandte sich vom Fenster ab und schaute blicklos ins Büro. »Wie bitte? Was will der von mir …?«

Edinburgh, zwei Tage später

Schneeregen trommelte sanft gegen die Fensterscheiben, wie Kätzchenpfoten, die Einlass in die warme Stube verlangten. Es war zugig im Zimmer, und der Wind sandte immer wieder heftige Stöße durch den Kamin, die das Feuer aufflackern ließen. Aber Alex, die in einem Ohrensessel aus orangerotem Samtstoff saß, fror nicht. Ihr war warm, seit sie vor zwei Tagen den Hörer aufgelegt, seit Louise ihr von dem unglaublichen Auftrag erzählt hatte, der sie in Schottland erwartete. Der Gedanke nistete in ihrem Herzen wie ein Stück glühender Kohle und wärmte ihr Innerstes.

Sholto Farquhar betrachtete sie gelassen und ohne Eile. Er war kein Mensch, der es nötig hatte, sich zu hetzen. »Das wäre es also, Ms Hyde. Die Karten liegen offen auf dem Tisch.« Er formte mit den Händen eine Pyramide und legte die Finger an die Lippen. Seine Wangen waren vom Wetter rot gegerbt. »Was sagen Sie dazu?«

»Nun, ich bin auch der Meinung, dass hier dringend Abhilfe nötig ist«, entgegnete sie und imitierte wie beiläufig seine Haltung. »Was ich bis jetzt gehört habe, ist schockierend. Ehrlich gesagt wundert es mich, wie Sie es geschafft haben, größere Schäden von der Firma fernzuhalten. Das allein ist schon eine Leistung.«

Sholto erhob sich und trat an einen runden Rosenholztisch, auf dem mehrere Kristall-Dekanter sowie einige bauchige Whiskygläser standen. Sie beobachtete, wie er die goldene Flüssigkeit zwei Finger breit in zwei Gläser füllte und dann fragte: »Eiswürfel?«

Sie verneinte.

Er nickte anerkennend und kehrte über den Schottenkaro-Teppichboden zu ihr zurück. »Unsere dreißig Jahre alte Reserve«, erklärte er und händigte ihr ein Glas aus.

»Meine Lieblingssorte.«

Er ließ sich in einem pflaumenblauen Samtsessel ihr gegenüber nieder. »Dafür, dass Sie einen so bemerkenswerten Ruf haben, sind Sie aber noch ziemlich jung.«

»Ich nehm’s als Kompliment, danke.«

»Es war verflucht schwer an Sie ranzukommen, wissen Sie. Gehört hab ich allerdings schon lange von Ihnen.«

»Ich ziehe es vor, Neukunden den Zugang zu mir nicht leicht zu machen. Gewöhnlich nehme ich pro Jahr nur eine Handvoll Klienten an, um die ich mich dann exklusiv kümmere. Ich habe festgestellt, dass jene, die mich wirklich brauchen, auch Mittel und Wege finden, mich zu erreichen.«

Sholto hob eine Augenbraue. »Na, an Ihrer PA ist tatsächlich so gut wie kein Vorbeikommen. Da wurde ich ja in der Telefonzentrale der russischen Botschaft schon warmherziger empfangen.«

Alex lachte. »Ohne sie wäre ich verloren.«

»Nun gut, ich bin jedenfalls froh, dass ich es geschafft habe, Sie zu einem Treffen zu überreden, noch dazu an einem Sonntag. Ihre Wochenenden sind Ihnen sicher heilig.«

»Meinen Klienten stehe ich jederzeit zur Verfügung.«

Sholto zog anerkennend eine Braue hoch und hob sein Glas. »Na, dann prost. Oder wie man hier sagt: sláinte! Auf Ihre Gesundheit.«

»Sláinte.«

Er sah zu, wie sie an der bernsteinfarbenen Flüssigkeit nippte, aber sie ließ sich nicht anmerken, wie der Whisky in ihrer Kehle brannte. Überrascht stellte sie fest, dass es ihr sogar gefiel.

»Ich gebe bereitwillig zu, wie leid es mir tut, dass es so weit kommen musste. Aber der Bursche ist eine tickende Zeitbombe«, kehrte er wieder zum Thema zurück.

»Das scheint mir auch so. Seine Frauengeschichten sind, gelinde gesagt, unklug und setzen die Firma der ernsten Gefahr von Belästigungsklagen aus. Aber bei einer Generalversammlung ein Vorstandsmitglied niederzuschlagen?« Alex machte ein schockiertes und angewidertes Gesicht. »Einen Computer aus dem Fenster zu werfen …?« Sie schüttelte mit einem missbilligenden Zungenschnalzen den Kopf. »Das habe ich ja noch nie gehört. Klingt, als sei er charakterlich und physiologisch unfähig für den Posten, dass er davon buchstäblich überfordert ist. Was man sich bei CEOs am meisten wünscht – wenn man sie aufschneiden und hineinschauen könnte –, sind hohe Testosteronwerte (das Machbarkeitshormon), aber niedrige Cortisolwerte (das Stresshormon). Er dagegen ist ein klassischer Fall von hohen Testosteron- und Cortisolwerten, was schlussendlich immer in einer Katastrophe endet. Meist handelt es sich dabei um Menschen, die unter Druck explodieren, und das macht sie zu einer ernsten Gefahr.«

Sholto seufzte bedauernd. »Es ist nicht unbedingt alles seine Schuld. Sein Vater war viel zu nachsichtig. Sie wissen ja, was man sagt: Wer mit der Rute geizt …«

Sie neigte mitfühlend den Kopf. »Haben Sie Kinder?«

»Ja, zwei Jungs, Torquil und Callum. Nun gut, Jungs sind sie schon lange nicht mehr«, lachte er, »sie sind über dreißig und waren mir schon mit fünfzehn über den Kopf gewachsen.«

»Haben die beiden auch Posten im Unternehmen, oder sind sie nur Anteilseigner?«

»Sie gehören beide zum Vorstand. Tor ist unser CFO, er ist für die Finanzen verantwortlich. Und Callum ist Chef der Vermögensverwaltung in unserer Filiale hier in Edinburgh.«

»Und wie stehen die beiden zu ihm?«

»Als Kinder waren sie eng befreundet – ganz besonders Callum und Lochie –, aber das hat sich mittlerweile geändert, jetzt wo sie erwachsen sind. Das Verhältnis ist eher distanziert.«

Alex dachte einen Moment nach. »Also, wie viele Familienmitglieder sitzen nun im Vorstand? Sie, Lochlan …«

»Torquil und Callum.«

»Und andere, Mitglieder von außen?«

»Ja, vier. Zwei von außen und dann ein ehemaliger Mitarbeiter und ein derzeitiger Mitarbeiter – unser Brennmeister. Wieso?«

»Ach, ich interessiere mich einfach nur für die Zusammensetzung des Vorstands, das ist alles. Es gibt Zahlen, die belegen, dass Firmen, die von Familien geführt werden, besser reüssieren als andere; aber das gilt nur, solange der Inhaberanteil der Familie unter fünfzig Prozent liegt. Wenn er diese Zahl übersteigt, häufen sich die Rivalitäten, es kommt leichter zu Übernahmekämpfen, Geschwister- und Identitätskrisen – wie Sie ja selbst erleben.«

»Nun, es lässt sich nicht bestreiten, dass eine enge Verwandtschaft zwischen uns besteht, genetisch gesehen zumindest. Lochie ist mein Cousin zweiten Grades, und meine Jungs und er sind Vettern dritten Grades. Weiß nicht, ob das in Ihre Überlegungen passt.«

Alex ließ sich das durch den Kopf gehen. »Doch, ich denke schon. Die Verwandtschaft ist eng genug, dass man sich nicht aus dem Weg gehen kann, aber nicht so eng, dass einem wirklich etwas an dem anderen liegt. Gibt es keine Frauen im Vorstand?«

»Doch, eine, Mhairi MacLeod. Sie ist Seniorpartner bei Brodies.«

Alex nickte. »Es wäre vielleicht keine schlechte Idee, wenigstens noch eine weitere Frau in den Vorstand aufzunehmen – vorausgesetzt, Ihre Statuten lassen das zu. Es ist mittlerweile erwiesen, dass ein gemischter Vorstand stabiler ist und weniger unter internen Kämpfen und Rücktritten leidet.«

»Ms Hyde, da haben Sie sicher recht, aber die einzigen internen Kämpfe, unter denen die Firma derzeit zu leiden hat, gehen von einer einzigen Person aus: Lochlan Farquhar. Er allein setzt sich ständig über Mehrheitsbeschlüsse hinweg, er allein stößt die Familienmitglieder regelmäßig vor den Kopf.« Seine Miene verdüsterte sich. »Meine Firma beschäftigt dreihunderteinundvierzig Personen, alles Einheimische von der Insel. Unsere Destille zieht jährlich über eine Million Besucher an, und wir verwenden ein Prozent unseres Gewinns für wohltätige Zwecke vor Ort – im letzten Jahr ganze fünfundsechzig Millionen Pfund. Der Vorstand ist nicht das einzige Gremium, das sich einen Untergang von Kentallen nicht leisten kann.«

»Verstehe.«

»Er darf einfach nicht so weitermachen wie bisher – die Firma hat seit dem Tod seines Vaters weiß Gott genug Rückschläge hinnehmen müssen. Es ist klar, dass er sehr darunter leidet, und wir alle haben, jeder auf seine Weise, versucht ihm zu helfen, ihn aufzumuntern, zu unterstützen. Aber er ist und bleibt ein Rebell, ein destruktiver Charakter. Ich fürchte, wenn das so weitergeht, wird er uns alle in den Abgrund stürzen, ob er das nun beabsichtigt oder nicht.« Er runzelte die Stirn. »Sein Verhalten in letzter Zeit ist untragbar, das weiß er selbst.«

»Ja, Sie sind wirklich ausgesprochen tolerant. Man hätte ihn längst hochkant rausgeworfen, wenn er nicht zur Familie gehören würde.«

Sholto beugte sich vor, die bernsteinfarbene Flüssigkeit in seinem bauchigen Glas schwappte. »Mir ist klar, dass wir etwas höchst Unorthodoxes von Ihnen verlangen, aber Sie begreifen sicher mein Dilemma. Die üblichen Lösungswege sind uns versperrt, außerdem wollen wir die Familienbeziehungen nicht noch mehr strapazieren.« Er räusperte sich. »Können Sie tun, was wir verlangen?«

»Ja.«

»Innerhalb des vorgegebenen Zeitrahmens?«

»Das hängt davon ab, wie hoch beziehungsweise gering seine Bereitschaft ist, mit mir zusammenzuarbeiten.«

»Gegen null, würde ich sagen. Eher sogar in den Minusgraden.«

»Na gut, in dem Fall haben wöchentliche Sitzungen und Fernkonferenzen natürlich keinen Sinn. Ich werde vor Ort mit ihm arbeiten müssen.« Sie schaute Sholto direkt an. »Aber ich glaube schon, dass ich es bis Weihnachten schaffen kann.«

Er hob eine buschige graue Augenbraue und bot ihr mit einem anerkennenden Schmunzeln die Hand. »Abgemacht?«

Alex musterte ihn einen Moment lang, auch sie ließ sich nie drängen. Dann gab sie ihm einen festen Händedruck. »Abgemacht.«

2. Kapitel

Thompson Falls, Montana, 23. Januar 1918

Der Schnee lag in hohen Verwehungen im Morgenlicht, weich und flauschig wie aufgeplusterte Marshmallows und noch unberührt von Fußspuren oder Tierfährten. Das Land erstreckte sich vor ihr, still und reglos, als wolle es sie darauf hinweisen, dass er fort war. Es war einundzwanzig Tage her seit seinem Aufbruch nach Washington und achtzehn Stunden seit dem nächtlichen Treck durch Schnee und Eis zum fünfeinhalb Meilen entfernten Zug, der sie an die Küste bringen würde. Inzwischen befand er sich bestimmt schon in New York.

New York: fremd, ein anderes Land fast, so erschien es ihr zumindest bis vor kurzem. Aber in wenigen Wochen würden seine Füße einen anderen Kontinent betreten, die blutgetränkten Schlachtfelder des Krieges. Dann würde er den Unterschied selbst merken.

Sie stand, in einen dünnen Wollschal gehüllt, der kaum Schutz vor der Winterkälte bot, auf der überdachten Veranda und starrte hinüber zu den kahlen Bäumen des Waldes. Gerade erschien ein Fuchs aus dem Gehölz und schlich, tiefe Spuren hinterlassend, aufs weite Feld hinaus, sein kastanienbraunes Fell wie eine verirrte Flamme im grenzenlosen Weiß.

Sie sah, wie er jäh stehen blieb, die Schnauze vorgestreckt, eine Vorderpfote angehoben, wie einer ihrer alten Jagdhunde. Hatte er etwas gewittert? Etwas gehört? Eine Hirschmaus vielleicht? Eine Kängururatte? Oder zumindest ein Streifenhörnchen? Mit viel Glück vielleicht sogar einen Feldhasen mit buschiger weißer Blume? Er sah dünn und ausgemergelt aus, dieser Fuchs, als würde er die Mahlzeit dringend benötigen. Sie hielt unwillkürlich den Atem an, wartete gespannt mit ihm. Dann sprang er jäh mit allen vieren in die Höhe und landete mit einem »Puff« im Schnee, wo er mit dem Bauch versank, die Schnauze suchend im Weiß vergraben.

Sekunden später tauchte er triumphierend wieder auf, eine leblose Feldmaus im Maul. Sie sah zu, wie er mit seiner Beute stolz im Unterholz verschwand.

Vielleicht war er das einzige lebende Wesen, das sie heute – oder den Rest der Woche über – zu Gesicht bekommen würde. Wie dumm, wie albern von ihr, einen blauen Stern ins Fenster zu hängen, wo ihn sowieso keiner sehen würde. Eine vergebliche Geste, das wusste sie. Aber ihr war es wichtig, denn es war ein sichtbares Symbol für das große Opfer, das sie für ihr Land brachte. Ein Stern ihm zu Ehren, er, der sich bereitgefunden hatte, in einem Krieg, der von anderen geführt wurde, zu kämpfen.

Sie blickte hinaus auf ihre kleine Welt und sandte ein inbrünstiges Gebet zum Himmel. Sie musste durchhalten, musste stark bleiben. Sie durfte den Mut nicht verlieren und musste das tun, was am allerschwersten war: abwarten.

Port Ellen, Islay, Mittwoch 6. Dezember 2017

Die Fähre, die offenbar aus den Fünfzigerjahren stammte, legte erstaunlich behutsam am Dock an, ihr rostfleckiger Rumpf stupste sanft gegen die großen Gummireifen, mit denen die Mole abgefedert war. Alex verfolgte hinter dicken Glasfenstern, wie Männer in Gummistiefeln und Gummi-Overalls dicke Taue um mächtige Poller wanden und das Schiff festmachten, das nun um einiges ruhiger in der aufgewühlten See lag, die die Überfahrt vom Festland erschwert hatte.

Da sie es kaum abwarten konnte, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, ging sie rasch von Bord. Sie war nicht sonderlich seetüchtig und wusste, ohne in den Spiegel sehen zu müssen, dass ihr Teint grünlich wirkte – dagegen half nicht mal ihre Chanel Les Beiges Foundation.

»Miss Hyde?«

Ein untersetzter Mann mit einem buschigen grauen Schnurrbart trat auf sie zu und nahm ihr die kleine Reisetasche ab. »Hamish Macpherson, von der Brennerei«, erklärte er und drückte ihr brüsk die Hand. »Herzlich willkommen auf Islay. Haben sich ja einen feinen Tag ausgesucht.«

Alex, die nicht sicher war, ob er das ernst meinte oder nicht, widerstand der Versuchung, zum Himmel zu schauen mit seinen sturmgrauen Wolken, die nur wenige Meter über ihren Köpfen zu hängen schienen, oder zur draußen vor der Bucht wogenden See. »Hallo. Danke, dass Sie mich abholen kommen.«

»Aye. Ist nicht leicht, die Abzweigung zur Brennerei zu finden. Mit ›an der Eberesche rechts‹ können die meisten offenbar nichts anfangen.«

Wieder Sarkasmus? Oder war er von Natur aus ein wenig ruppig? Sie musterte ihn unschlüssig. »Ach du liebes bisschen. Na, ich hoffe, dass sie den Weg am Ende noch gefunden haben.«

Hamish schüttelte den Kopf. »Nee. Die meisten tauchen nie wieder auf.« In seinen haselbraunen Augen stand ein belustigtes Funkeln.

Alex lachte laut auf und folgte ihm die Mole entlang. Es fiel ihr trotz der hohen Absätze nicht schwer, auf dem nassen Kopfsteinpflaster mit ihm Schritt zu halten – Louise behauptete immer, Alex könne in Choos sogar zu einem Marathon antreten. Aber der Wind stieß heftig in ihren Rücken und blies ihr das lange braune Haar ins Gesicht. Sie schlug bibbernd ihren Mantelkragen hoch. An der Hafenmauer türmten sich orangerote Fischernetze, dazwischen lagen große Hummerkäfige. Zwei Fischerboote dümpelten an der Mole, eins davon wurde gerade von zwei Fischern gereinigt. Sie gossen mit großen Eimern Wasser übers schmierige Deck. Vor ihr lag Port Ellen, der zweitgrößte Inselhafen, und er schien vor ihren Augen Haltung anzunehmen, als erwarte er ihre Inspektion. Weiß gekalkte Fischer-Cottages reihten sich in einer langen Kette aneinander, karg und schmucklos. Nirgends ein Blumentopf oder ein Türkranz, der die Fassade zierte. Dahinter erstreckte sich wie eine klumpige Matratze welliges Hügelland.

Hamish führte sie zu einem antiken beigen Landrover, der, nach seinem Aussehen zu schließen, schon im Ersten Weltkrieg Dienst getan haben musste. Er stand halb auf der Fahrbahn und blockierte den Verkehr. Hamish hatte sich nicht die Mühe gemacht, den Wagen ordentlich abzustellen, und war einfach hinausgesprungen. Ein blauer Traktor, der nicht am Jeep vorbeikam, stand mit tuckerndem Motor auf der Straße. Der Fahrer war ausgestiegen und lehnte gemütlich an der Wand des örtlichen Supermarkts und rauchte eine Zigarette. Dabei studierte er müßig den Aushang.

»Tag, Euan!«, sagte Hamish grinsend und winkte. Mit der anderen Hand warf er Alex’ Tasche auf den Rücksitz. Dann hievte er sich hinters Lenkrad. Der Rest von Alex’ Gepäck war von der treuen Louise vorsorglich mit dem Zug vorausgeschickt worden.

»Aye!«, rief der Traktorfahrer und winkte zurück. Dann nahm er noch einen Zug und trat seelenruhig die Zigarette aus, bevor er sich ebenfalls wieder auf den Weg zu seinem schnaufenden, ruckelnden Traktor machte.

Alex schmunzelte. Daheim in Mayfair wäre das sicher ganz anders verlaufen. Sie sah sich in dem Vehikel um. Ihr Blick fiel auf eine breite Vertiefung zwischen den Sitzen, auf der, unter einem Deckel, eine Thermoskanne hervorlugte. Das altersschwache Radio war offenbar mit Klebeband fixiert worden, damit es nicht herausfiel. Alex kam es vor, als wäre es im Innern das Wagens sogar noch kälter als draußen.

Sie fuhren los, vorbei an noch ein paar weiß gekalkten Fischerhäusern, dann befanden sie sich abrupt in der offenen Landschaft. Dicke Hecken säumten fruchtbare Wiesen und Äcker, und überall roch es nach Torf. »Was ist denn das da hinten für eine Destille?«, erkundigte sie sich und wies mit dem Finger auf einen rauchenden Schlot auf der anderen Seite der Bucht.

»Lagavulin«, antwortete Hamish, ohne hinzusehen.

»Aha. Der Feind.«

Hamish stieß ein Grunzen aus, das wohl Zustimmung bedeutete, dann bog er scharf rechts ab und folgte der Straße einen Hang hinauf, wo sie an der Ruine einer alten Kirche vorbeiführte. Dahinter lag Hügelland.

»Und was machen Sie bei Kentallen?«

»Ich hab mit der Destillation zu tun.«

Alex überlegte mit konzentriert verengten Augen. Dank Louises exzellenter Recherche und einem ganzen Stapel an Informationsmaterial hatte sie sich in den letzten Tagen und auch während der Fahrt mit der Kunst des Whiskybrauens vertraut gemacht, aber nicht nur mit dem Herstellungsprozess, sondern auch mit allem, was zu diesem Wirtschaftszweig dazugehörte. Sie wäre jetzt sogar in der Lage gewesen, selbst eine Brennerei zu eröffnen, wenn ihr der Sinn danach gestanden hätte (was nicht der Fall war).

»Mit der Destillation, sagen Sie? Dann arbeiten Sie wohl an den Brennblasen, wie?«

»Aye.«

»Die werden immer noch von Hand gefertigt, stimmt’s? Ihre Form ist ausschlaggebend für die Menge des Kondensats und damit für den Geschmack des Whiskys, nicht?«

»Sie haben Ihre Hausaufgaben gemacht, wie ich sehe.«

Alex schmunzelte. Allzeit perfekt vorbereitet, das war ihre Devise. »Ich hab gelesen, dass die kupfernen Brennblasen der wichtigste Bestandteil beim Brennvorgang sein sollen«, brüstete sie sich ein wenig mit ihren Kenntnissen.

»Aye, mag sein, aber sagen Sie das bloß nicht den Feinbrennern, oder die hängen Sie an Ihren Eingeweiden auf.«

»Hab’s notiert: ›Vermeide es an den Eingeweiden aufgehängt zu werden‹«, bemerkte Alex mit einem Schmunzeln.

Hamish verfiel in Schweigen, und Alex nutzte diesen Moment der Stille (soweit man in dem röhrenden Jeep von Stille reden konnte), um die vorbeiziehende Landschaft zu betrachten. Dies hier würde für die nächsten drei Wochen ihr Zuhause sein. Es war eine bescheidene, hügelige Landschaft, ohne windumtoste Moore oder hochaufragende Berge, wie sie es eigentlich erwartet hätte. Die Farbpalette, die von Metallgrau über Graugrün bis zu gedeckten Lilatönen reichte, war in einen dünnen weißen Dunstschleier gehüllt, der von den Wolken, die vom Atlantik herandrängten, verursacht wurde. Weiter hinten bei einem Dickicht sah sie eine Rotwildherde äsen. Der Leithirsch hob stolz das Haupt und hielt herrisch witternd nach Feinden Ausschau.

»Habt ihr dieses Jahr schon Schnee gehabt?«, erkundigte sie sich. Sie kamen um eine Biegung und gerieten mit dem linken Vorderreifen in ein tiefes Schlagloch. Beide wurden hin und her geworfen, ehe es weiterging.

»Ja, vor vierzehn Tagen, aber das war nicht der Rede wert.«

»Als ich New York verließ, fing es gerade zu schneien an. Ich hab gehört, dass es in jener Nacht über einen Meter Schnee gegeben haben soll. Bin wohl in letzter Sekunde noch rausgekommen.«

»Ist das nicht immer so?«

»Wie meinen Sie das?«

»Na, aus der Stadt rauskommen. Das ist doch immer wie ’ne geglückte Flucht.« Ein trockener Ausdruck lag über seinen Zügen, wie die tiefhängenden Wolken über dem Meer.

»Sie sind wohl kein Großstädter, wie?«, erkundigte sie sich amüsiert und suchte nach einem Fenstergriff, an dem sie sich festhalten konnte. Da es keinen gab, blieb ihr nichts anderes übrig, als sich mit einer Hand an der Seitenscheibe abzustützen und mit der anderen an die Sitzfläche zu krallen.

»Ich bin vier Meilen von hier zur Welt gekommen und hab die Insel nie länger verlassen als einmal für neun Tage. Das war 1982.«

»Ihre Hochzeitsreise?«

»Nee. Meine Mutter starb in einem Krankenhaus in Glasgow.«

»Mein herzliches Beileid.«

Hamish warf einen verächtlichen Blick auf sie. Ob es daran lag, weil das Ganze schon so lang zurücklag oder weil sie ja eindeutig nichts damit zu tun hatte – Alex hätte es nicht sagen können.

»Gibt’s denn auf der Insel kein Krankenhaus?«

»Doch, in Bowmore. Und wir haben hier auch einen Doc. Ihnen fehlt doch nichts?«

Das hörte sich fast an wie ein Befehl. Alex schüttelte gehorsam den Kopf. »Nein, nichts.«

»Umso besser. Mit ’ner schwachen Konstitution kann man sich hier nämlich gleich beerdigen lassen. Vor allem im Winter. Wir haben hier grausame Winter. Peely-wally darf man hier nicht sein.«

»Peely-wally«, wiederholte Alex leise für sich. Sie beherrschte zwar fließend Französisch, Deutsch, Spanisch, Italienisch und Mandarin, aber das Scots der Schotten war Neuland für sie.

»Aye«, bestätigte Hamish grimmig, den Blick stur geradeaus gerichtet. Ein Schaf streckte neugierig den Kopf über eine Trockensteinmauer. Alex zwinkerte ihm zu. »Postkartenwetter können Sie hier nicht erwarten.«

»Keine Sorge, ich bin nicht wegen des guten Klimas gekommen.«

»Ha!« Hamish warf ihr einen missbilligenden Blick zu. Ihr schicker roter Proenza-Schouler-Mantel schien ihn nicht gerade im Sturm zu erobern, ebenso wenig ihre hohen Absätze, alles ausgesprochen ungeeignet für einen »grausamen Winter«. »Hab gehört, Sie sollen die Belegschaft auf Trab bringen. Arbeitsmoral und so.«

Das hörte sich bei ihm an, als wolle sie versuchen, mit einem Hinkelstein Stöckchen zu spielen. »Ja, ganz richtig«, antwortete sie und schaute ihn lächelnd an, weil sie seine Reaktion einschätzen wollte. »Der Vorstand ist der Ansicht, dass die Belegschaft ein bisschen frischen Wind benötigt. Raus aus dem Trott, Sie wissen schon.« Sie zog die Nase kraus, als habe sie einen Misthaufen gewittert.

»Trott?«, entgegnete Hamish streitlüstern. Offenbar verstand er ihren Jargon ebenso wenig wie sie seinen schottischen Dialekt.

»Keine Sorge, ich hab nicht die Absicht, Sie zwecks Team-Bonding mit Gotcha-Waffen um die Whiskyfässer zu jagen. Man hat mich beauftragt, mich speziell dem Management zu widmen.«

Da warf Hamish zu ihrer Überraschung mit lautem Gelächter den Kopf zurück.

»Was ist so lustig daran?«, fragte sie grinsend.

»Na, ich hoffe um Ihretwillen, dass Sie damit nicht Lochie meinen.«

»Lochie?«

»Aye, den Boss. Den können Sie mit solchem Blödsinn nur verjagen.«

»Ach ja?«, sagte sie, keineswegs gekränkt. »Und wieso das?«

»Weil Lochie eben nicht …« Hamish stockte und warf ihr einen Blick zu. »Na, Sie werden’s ja selbst erleben.«

Enttäuscht von seiner Diskretion wandte Alex sich wieder nach vorne. »Hätten Sie wenigstens ein paar Tipps für mich, was den Umgang mit dem Boss betrifft?«

Hamish gluckste. »Und ob. Lügen Sie ihn nicht an, seien Sie auf der Hut und provozieren Sie ihn nicht.«

Alex runzelte die Stirn. »Und wieso nicht?«

»Weil er dann mit der Faust ein Loch in die Wand schlägt.«

»Aha, verstehe«, erwiderte Alex, während sie weiter über die holperige Straße und durch die offene, mit ein paar Schafen verzierte Landschaft fuhren. »Guter Tipp. Merk ich mir.«

3. Kapitel

Die Heimat des Kentallen-Whiskys lag zurückgesetzt in einer tief eingeschnittenen kleinen Bucht, unweit des Hafens. Draußen tobte grau der Atlantik, aber in der geschützten Bucht war das Wasser glasklar und spiegelglatt. Alex konnte sogar aus der Distanz an einigen Stellen unter der Oberfläche Seetang wogen sehen. Jenseits der Bucht, die die Ortschaft in ihre Arme schloss, erhob sich das Land in Terrassen, die den Sockel der naheliegenden, lilaschattigen Berge bildeten. Hinter mehreren Äckern ragte eine bescheidene kleine Steinkapelle auf, nicht weit davon ein Crofters Cottage, eins der typischen Bauernhäuschen. Die Gebäude der Whiskybrennerei bestanden aus weiß gekalkten, einstöckigen, bauchigen Häusern oder Scheunen mit Reetdächern. Nur eine Reihe von drei etwas moderneren Gebäuden, die zweistöckig waren, und ein hochaufragender Schornstein fielen ein wenig aus dem Rahmen. Kentallen stand in dicken schwarzen Lettern auf der gesamten Länge eines der weißen Gebäude. Auf dem Innenhof stapelten sich Hunderte von dunklen Holzfässern. Und in der Mitte ragte stolz eine stillgelegte bauchige Kupfer-Brennblase auf wie eine überdimensionale Zwiebel.

»Da wären wir.« Hamish stellte den Motor ab und hüpfte aus dem Jeep. Den Schlüssel ließ er stecken.

Alex folgte seinem Beispiel und schaute sich interessiert um. An der Wand eines Gebäudes lehnten zwei Fahrräder, und auf einem Stapel Fässer schlief eine getigerte Katze. Man hörte das Hämmern von Kupferblechen, Fässer wurden aufgestapelt, leere Fässer innen verkohlt, aus der Destillerie stieg Dampf auf. Vor einem der größeren Gebäude wurde soeben ein Laster mit riesigen Fässern beladen, die von kräftigen, untersetzten Männern die Rampe hinaufgeschoben wurden. Eine solche Leistung hatte Alex eigentlich nur bei den Kraftprotzen der Highland Games gesehen. Einige Fasssockel waren rot gestrichen, und alle besaßen die Aufschrift Kentallen, gegr. 1915.

»Wenn Sie den Boss sprechen wollen, sein Büro ist da drüben.« Hamish führte sie auf eine Gruppe niedriger Gebäude im Zentrum des Innenhofs zu. Darunter auch das, an dem die Fahrräder lehnten.

»Sollte ich nicht meine Reisetasche mitbringen?«, erkundigte sie sich und wies mit dem Daumen über ihre Schulter auf den Landrover.

»Nur wenn Sie unter seinem Schreibtisch übernachten wollen«, entgegnete Hamish.

Alex folgte dem Mann und wich in ihren zarten Schuhen den zahlreichen Pfützen aus. Hamish schien es nichts auszumachen, Schmutzwassertropfen an die Hosenbeine zu bekommen. Als er das Gebäude erreichte, kam ein hübscher blauschwarz-weißer Springerspaniel heraus und begrüßte ihn. Er tätschelte abwesend den Kopf des Hundes, während er bereits mit einer Pranke an die Tür klopfte. Ohne eine Antwort abzuwarten, trat er ein.

»Das ist Rona«, stellte er die Spanieldame vor und schaute sich dabei in dem leeren Büro um. »Hm. Wo steckt er denn nur wieder?«, brummelte er ungehalten. Als er ihre Ängstlichkeit der Hündin gegenüber bemerkte, fügte er hinzu: »Keine Angst, die beißt nicht. Die ist so friedlich, dass sie zu nichts zu gebrauchen ist. Aber vor Diabolo würde ich mich in Acht nehmen.«

»Wer ist das?«

»Der Kater.«

»Ach so.«

»Also, ich weiß nicht, wo der Boss steckt«, meinte Hamish schulterzuckend. »Ich hab ihm gesagt, dass ich Sie abhole.«

»Ach, das macht nichts. Er wird sicher bald auftauchen«, erwiderte Alex, die nun doch ihren Blick von der Hündin losriss und sich zum ersten Mal umsah. Es war ein finsteres kleines Büro, mit winzigen Fenstern und niedriger Balkendecke. Selbst der Fußboden war mit schwarzen Granitplatten ausgelegt, die schon so alt und abgelaufen waren, dass man sich in ihnen spiegeln konnte. Rechts neben dem Schreibtisch brannte in einem offenen Kamin knisternd ein kleines Feuer, was den Raum allerdings auch nicht sonderlich erhellte. Alex hätte am liebsten die Schreibtischlampe angeknipst. Der bewölkte graue Tag draußen wirkte geradezu strahlend hell, im Vergleich zu diesem düsteren Kabäuschen.

Wie kann man in so einer Umgebung bloß arbeiten?, fragte sie sich und dachte sehnsüchtig an ihr luxuriöses, sonnendurchflutetes Büro, mit Fußbodenheizung, einladenden Kalbsledersesseln und dem riesigen Aquarium, das in eine Wand eingelassen war, mit seinem Korallengarten und dem bläulichen Schimmer, der so beruhigend auf ihre gestressten Firmenchefs wirkte.

»Vielleicht ist er ja im Maischeschuppen«, sinnierte Hamish. »Ich geh mal nachsehen. Äh … machen Sie sich’s doch inzwischen gemütlich.« Er verschwand.

Alex und Rona starrten einander an, dann stieß die Hündin einen müden Seufzer aus und ließ sich wieder vor dem Kaminfeuer nieder. Daraufhin schaute Alex sich erst einmal gründlich um, um eine Vorstellung von dem Menschen zu bekommen, der hier regierte.

Die Unordnung auf dem Schreibtisch ließ darauf schließen, dass er … unordentlich war. Mit verächtlich hochgezogener Oberlippe musterte sie das ganze Durcheinander: wankende Papierstapel, Kaffeetassen – zwei, nein, sogar drei – und ein Teller, der wie ein Halbmond unter einem Haufen Papiere hervorschaute und auf dem noch die Reste des gestrigen Abendessens (Spaghetti Bolognese?) zu sehen waren. Alex wollte es gar nicht so genau wissen. Unter dem Schreibtisch lagen Joggingschuhe mit heruntergetretener Ferse, die nicht aufgeschnürt, sondern einfach nur abgestreift worden waren. Hinter dem Schreibtisch hing an einem Hirschgeweih ein Anzug in der Plastikfolie einer Schnellreinigung. Das Geweih war außerdem mit einer Rauschgoldgirlande behängt, und etwas Rotes schaute dazwischen hervor. Was war das? Alex trat näher und sah es sich genauer an. Ein Büstenhalter.

Auf dem breiten Fensterbrett stand eine grün-weiß gestreifte Vase, die dem Aussehen nach zu urteilen aus den Achtzigerjahren stammen musste. Darin dörrten ein paar Stängel vor sich hin, die wohl früher einmal Blumen gewesen waren (wahrscheinlich auch in den Achtzigern). Ein Boxsack hing von einem Dachbalken, und ein paar rote Boxhandschuhe waren darübergeworfen worden.

Sie richtete den Blick wieder auf das Papierchaos auf dem Schreibtisch. Es schien kein erkennbares Ablagesystem zu geben: Das, was oben lag, hatte nichts mit dem zu tun, was darunter war. Da war ein Bericht des schottischen Whiskyverbandes über die steigende Nachfrage in Indien und Südamerika; eine Vorrats-Inventurliste; ein paar Statistiken mit beeindruckenden Zahlenkurven; eine Ausgabe der Field, einer Sportzeitschrift; der Ausdruck eines Blogs für den Whisky-Connaisseur; ein Sotheby’s-Katalog von 2012 über eine Auktion feiner Weine und Spirituosen; eine Geburtstagskarte mit einem Furzwitz, unterzeichnet von »der ganzen KW-Bande«; eine vergilbte Ausgabe der Sun, aufgeschlagen auf der dritten Seite; und ein Rolldeckkalender von 2016, der allerdings auf dem Datum des sechsten Dezember aufgeschlagen war, des heutigen Tages – sie war sich nicht sicher, ob das besser oder schlechter war.

Alex trat zurück. Sie hatte genug gesehen. Sie überlegte, was dies alles bedeuten mochte. Offenbar hatte sie hier einen unordentlichen, adrenalingesteuerten, chaotischen Menschen vor sich, der sich Freiheiten mit dem Personal herausnahm und unorganisiert und zerstreut war. Kurz, sie konnte sich jetzt schon vorstellen, dass Sholto mit seiner Einschätzung, der Mann sei darüber hinaus auch noch inkompetent, vermutlich recht hatte. Dieser Mensch stand an der Spitze der größten unabhängigen Whiskybrauerei Schottlands – ergo der Welt –, aber in seinen Räumen sah es aus wie in einem Wettbüro.

Alex schlenderte zum Fenster und sah hinaus. Sie zog es vor, die Menschen unbeobachtet zu observieren, denn dann verhielten sie sich natürlich, und man konnte Aufschluss über ihren Charakter erhalten. Von hier aus konnte sie zu einem weitläufigen L-förmigen Gebäude hinübersehen – eine Lagerhalle? –, dessen große Tore weit offen standen. Darin liefen ein paar Leute in Gummistiefeln, schwarzen Latzhosen und roten Polohemden herum; einige fegten in einem der Abteile auf der linken Seite den Fußboden. Neben dem Tor stand ein Mann um die zwanzig und hielt sich das Handy ans Ohr. Hamish stand im Eingang und redete mit jemandem, der sich im Gebäude befand und den Alex nicht sehen konnte. Seine Körpersprache verriet ihr, worüber sie redeten: Er verdrehte die Augen und wies mit einer Kopfbewegung zu ihr und zum Büro hin.

Alex wartete ab. Hamish stemmte frustriert die Hände in die Hüften.

Ob er mit dem Boss redete? Wollte der sie nicht sehen? Sholto hatte sie davor gewarnt, dass es mit dem »Patienten« nicht einfach werden würde.

Sie vergewisserte sich mit einem kurzen Blick, dass die Hündin noch immer friedlich vor dem Kamin döste, und verließ kurz entschlossen das Büro, überquerte den Hof und ging auf das Gebäude zu, wo Hamish stand. Lärm schlug ihr entgegen. Hamishs Kopf zuckte überrascht herum, als sie so plötzlich auftauchte und sich mit zum Gruß vorgestreckter Hand dem unbekannten Mann, mit dem er sprach, näherte. Jetzt konnte sie sehen, dass der Mann Anfang, Mitte dreißig war, dichtes dunkelblondes, ungebärdiges Haar besaß und eine robuste rotwangige, sommersprossige Konstitution. Und das unverschämteste Grinsen, das ihr je untergekommen war. Er war teuflisch attraktiv, kein Zweifel, aber leider wusste er das nur zu gut.

Sie beglückwünschte sich innerlich für ihre korrekte Einschätzung. Wenn sie den Mann, der diesen Saustall in seinem Büro hinterließ, bei einer Gegenüberstellung hätte benennen müssen, sie hätte diesen hier herausgefischt: eingebildet, arrogant, mit dem silbernen Löffel im Mund geboren. Wozu hinter sich aufräumen, wenn das andere erledigen konnten? Diesem Mann war es immer leicht gemacht worden, das konnte man sehen, ihm war alles in den Schoß gefallen. Er und dieser Schreibtisch waren wie füreinander gemacht.

»Mr Farquhar, ich bin Alex Hyde«, verkündete sie lächelnd und gab ihm einen kräftigen Händedruck. Sie musste laut sprechen, um sich trotz des Lärms verständlich zu machen.

ENDE DER LESEPROBE