Winterzauber an der Alster - Esther Grace - E-Book
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Beschreibung

Als Ben eines Morgens in ihrer Bürotür steht, denkt Anna, es könnte nicht schlimmer kommen. Ausgerechnet der Mann, der ihre Unizeit zur Hölle machte, soll der Partner bei ihrer wichtigsten Werbekampagne werden? Nicht mit Anna. Sie beschließt: Es ist Zeit ihre verletzte Seele und ihr verwundetes Herz zu rächen. Da kommt es ihr gerade recht, dass Ben sich auf der Datingseite Norddate herumtreibt. Doch der Mann, den Anna mit einem falschen Profil hinters Licht führen möchte, zeigt sich von einer liebevollen, verletzlichen Seite. Kann Ben sich so geändert haben? Anna zweifelt und schlittert auf der gefrorenen Hamburger Alster einem romantischen Wintermärchen entgegen, das sie so manches Mal aufs Glatteis führt.

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EPUB

Seitenzahl:0


IMPRESSUM

books2read ist ein Imprint der HarperCollins Germany GmbH, Valentinskamp 24, 20354 Hamburg, info@books2read.de

Geschäftsleitung:Thomas BeckmannRedaktionsleitung:Claudia Wuttke

Copyright © 2017 by books2read in der HarperCollins Germany GmbH, Hamburg

Umschlagmotiv: "Tom Merton, jasam_io, xeipe/GettyImages" Umschlaggestaltung: Deborah Kuschel

Veröffentlicht im ePub Format im 11/2017

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733710927

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. books2read Publikationen dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

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1. KAPITEL

Oliver – Neuanfang

Oliver saß auf dem Wohnzimmerteppich, eingekeilt zwischen Kisten, Kartons und halbleeren Schränken. Der stürmische Herbstwind fegte unnachgiebig Regen gegen die Scheiben der Balkontür. Es war einer dieser Novembertage, die man am besten in der Nähe einer Heizung in Gesellschaft einer dampfenden Tasse Tee verbrachte.

Von gemütlichen Stunden auf dem Sofa konnte Oliver jedoch allenfalls träumen. Seit einer Woche grub er sich durch Berge aus Papieren, Kleidung, CDs und Zeitschriften, die sich in den letzten Jahrzehnten seines Lebens angesammelt hatten, und teilte alles in zwei Kategorien ein – nützlich und ab in den Müll. In einer alten Pappschachtel fand er Souvenirs an vergangene Urlaube und einen Stapel alter Fotos.

Er stellte die Schachtel vor sich auf den Boden und blätterte in den Aufnahmen, bis ein Bild seine Aufmerksamkeit erweckte. Es zeigte einen kleinen Jungen mit blondem Haar, der versuchte, die Kerzen auf einer zweistöckigen Torte auszublasen. Pauls zweiter Geburtstag. Oliver lachte leise, als er sich daran erinnerte, wie sehr sein Sohn der Ankunft der Gäste entgegengefiebert hatte. An dem Tag war es Oliver vorgekommen, als wäre eine Horde Affen in ihre Wohnung eingefallen – niedlich anzusehen, aber erschreckend laut und kaum zu bändigen. Bis sie am Nachmittag von ihren Eltern abgeholt worden waren, hatte die Bande alles darangesetzt, Olivers vier Wände in ein heilloses Chaos zu stürzen.

Er fischte weitere Fotos aus dem Karton. Aufnahmen von seinen Eltern, ein Schnappschuss vom Eiffel-Turm und ein Bild, das ihn und seinen Bruder im Teenageralter im Schwimmbad zeigte, braun gebrannt von der warmen Sommersonne.

Dann fiel der Lichtkegel der Wohnzimmerlampe auf das Foto, das am Boden der Pappschachtel lag. Oliver betrachtete die gleichmäßigen Züge der jungen Frau darauf, und sein Lächeln erlosch. Miriam trug ein hellblaues Kleid. Sie hatte ihr rötliches Haar zu einem Zopf gebunden und ihre Sonnenbrille in die Stirn geschoben. Ihre Zehen gruben sich in den Sand des Ostseestrands, an dem sie damals ihren Urlaub verbracht hatten.

Neben ihr stand Oliver in T-Shirt und Shorts und hatte locker einen Arm um ihre Taille gelegt. Hinter ihnen erhoben sich dunkelblaue, schäumende Ostseewellen. Beinahe konnte er das Salz schmecken und die Sonnenmilch auf Miriams Haut riechen. Sie schmiegte sich lächelnd an seine Brust.

Oliver holte aus, und das Bild segelte wie eine Frisbeescheibe auf den Haufen der Dinge, mit denen er sich in Zukunft nicht mehr belasten wollte. Der Müllsack, den er für diesen Berg brauchen würde, musste verdammt groß sein. Einen Neuanfang startete man jedoch am besten mit leichtem Gepäck.

Sein Magen meldete sich mit lautem Knurren. Ob Paul ebenfalls hungrig war? Oliver drehte sich zur Wohnzimmertür um. Hinter ihr befand sich die Essdiele, von der die Küche und der Flur abgingen. Das Zimmer seines Sohns lag am Ende des Flurs, neben der Wohnungstür.

Es war verdächtig ruhig. Oliver seufzte. Das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, war weiteres Chaos. Er stand auf und kämpfte sich zwischen Umzugskartons, Tüten und Taschen hindurch in den Nebenraum, in dem ein ähnliches Durcheinander herrschte. Der große Tisch, an dem er und Paul heute Morgen gefrühstückt hatten, war vollständig hinter einem Stapel aus Kartons verschwunden, der fast bis zur Decke reichte.

Oliver durchquerte den Flur. An den Wänden hingen gerahmte Bilder von Gebäuden, die er während seiner letzten Reisen fotografiert hatte. Pauls Tür war dagegen mit Zeichnungen und Basteleien aus dem Kindergarten tapeziert. Für sie mussten sie in der neuen Wohnung einen besonderen Platz finden.

Die Tür zu Pauls Zimmer war angelehnt. Oliver runzelte die Stirn. Vorhin hatte sie offen gestanden. Wollte Paul etwa mit ihm verstecken spielen?

Aus dem Inneren des Raumes erklang das Rascheln von Papier. Oliver schob die Tür auf und fand seinen Sohn bäuchlings auf dem Boden liegend. Mit konzentrierter Miene beugte der Kleine sich über einen Mal-Block und zeichnete mit langen Strichen. Oliver lehnte sich gegen den Türrahmen und sah seinem Sohn eine Weile zu, wie er selbstvergessen Farbe um Farbe auftrug. Die Lampe auf dem Nachttisch hüllte den Raum in warmes Licht. Ein friedlicher Moment im Auge des Sturms, der im Wohnzimmer und ihrem Leben zurzeit tobte. Es gab Tage, da wünschte Oliver sich, noch einmal Kind zu sein.

Er räusperte sich und Paul ließ seinen Stift sinken. „He, Papa, guck mal, ich habe einen Hund gemalt.“

Er hielt seinem Vater das Blatt entgegen.

Oliver kniff die Augen zusammen und bemühte sich angestrengt, aus den unregelmäßigen Kreisen und Strichen eine Figur zu erkennen. „Schön, aber wieso gerade einen Hund?“ Sie kannten niemanden, der einen besaß.

„Lilis Eltern haben einen gekauft. Der ist so süß. Kann ich auch einen haben, wenn wir umgezogen sind?“

Sein Sohn sah flehend zu ihm auf, und Olivers Magen zog sich zusammen. Der Ortswechsel war für Paul nicht leicht. Zuerst hatte seine Mutter ihn verlassen, und jetzt musste er sich auch noch von seinen Freunden verabschieden, aber ein Hund? Ein Haustier machte Arbeit und verschlang Zeit, Oliver bezweifelte, dass er dem Tier momentan gerecht werden könnte. „Vielleicht, wir werden sehen.“

Augenblicklich verdunkelte sich die Miene seines Sohnes. Da saß er, ein kleiner trübsinniger Fünfjähriger, der mit nach vorne geschobener Unterlippe vor sich hin schmollte. Der Anblick wirkte nicht besonders erbaulich. Oliver würde einen Trick anwenden müssen, um ihn wieder aufzuheitern. „Hast du Hunger Paul? Ich könnte Pfannkuchen machen.“

Paul liebte Pfannkuchen, und auch dieses Mal verfehlte das Angebot seine Wirkung nicht. Er warf seine Arme in die Luft, und ein lautes „Ja!“ schallte Oliver entgegen.

Zufrieden lächelte Oliver. „Gut, ich rufe dich, wenn sie fertig sind.“

Er ging in die Küche und bereitete das Essen zu. Danach kehrte er ins Wohnzimmer zurück. Er räumte Paul einen Platz auf der Couch frei und legte Teller und Besteck auf dem kleinen Wohnzimmertisch bereit.

Gerade als er den Teller voller Pfannkuchen hereinbrachte, klingelte sein Handy.

„Paul, die Pfannkuchen sind warm, fang schon mal ohne mich an“, rief Oliver Richtung Kinderzimmer und tauchte zwischen den Kartons ab, um nach dem Handy zu suchen. Es musste bei der Sortieraktion irgendwo liegengeblieben sein. Wo steckte das verdammte Ding?

Er folgte dem penetranten Klingelton zum Schreibtisch, auf dem neben seinem Notebook leere Plastikflaschen, Bücher und Papiere lagen. Endlich entdeckte Oliver das Telefon auf dem Bücherberg und streckte die Hand danach aus. Der Teller auf der Spitze des Bergs geriet ins Kippen, noch bevor Oliver das Handy greifen konnte, und das Telefon rauschte zusammen mit den gestapelten Papieren und Büchern in die Tiefe, um auf Olivers nackten Füßen zu landen.

„Scheiße!“ Er zog das Handy aus dem Chaos hervor, hielt es sich ans Ohr und fuhr zu Paul herum, der bereits am Tisch saß und eine vollbeladene Gabel zum Mund führte. „Das hast du nicht gehört.“

„Was habe ich nicht gehört?“ Bens Stimme quäkte Oliver aus dem Hörer entgegen, und er verdrehte die Augen. „Nicht du – Paul.“

Aus dem Augenwinkel beobachtete Oliver, wie sich sein Sohn tief über den Teller beugte und gierig noch mehr von dem Pfannkuchen auf die Gabel lud. Ein zufriedenes Grinsen umspielte Olivers Lippen.

Er wandte sich abermals Ben zu. „Was willst du? Hier ist gerade viel los.“

Das entsprach nur bedingt der Wahrheit, aber sein Bruder neigte zu endlosen Telefonaten, und ein Gespräch mit ihm konnte sich locker über Stunden hinziehen.

Auf der anderen Seite der Leitung atmete Ben tief ein, und Oliver wappnete sich für das Schlimmste. „Ich weiß du bist mit dem Umzug beschäftigt, aber es ist dringend großer Bruder, deshalb komme ich nicht umhin, deinen Rat einzuholen.“

„Rede nicht so geschwollen …“ Oliver sah zu Paul und flüsterte ihm zu: „Onkel Ben hat ein Problem, das Papa lösen soll. Ich denke, es wird ein wenig dauern. Wenn du fertig bist, lass den Teller stehen und geh spielen, Großer, okay?“

Zu Olivers Erleichterung nickte Paul, rutschte von der Couch und verließ das Zimmer ohne große Diskussionen.

„Grüß meinen Neffen von mir“, sagte Ben an Olivers Ohr.

„Ja, das werde ich“, murmelte Oliver. „Worum geht es denn?“ Er zog seinen Stuhl unter dem Schreibtisch hervor, setzte sich schwungvoll und stieß dabei mit dem Knie gegen die Tischkante. Der Ruck durchzog die alte Holzplatte, und auf dem vormals schwarzen Notebook-Bildschirm erschien die Abbildung einer Internetseite. Norddate – die Seite für Singles im Norden stand Blau auf Weiß in der rechten oberen Ecke. Neben dem Schriftzug prangte ein rotes Herz.

Oliver warf dem Bild einen flüchtigen Blick zu, drehte sich vom Tisch weg und legte ein Bein über das andere. Ben berichtete unterdessen von seinem Job in einer Hamburger Werbeagentur. In der Stadt, in die Oliver und Paul ihm bald folgen würden. Ben hatte die Stelle erst vor einem Monat angetreten und glaubte anfangs, angesichts der guten Bezahlung und des ausgezeichneten Rufs seines Arbeitgebers, das große Los gezogen zu haben. Schnell waren jedoch die ersten Wolken am Horizont aufgetaucht. Eine von ihnen wirkte besonders bedrohlich, und sie hörte auf den Namen …

„Anna!“ Ben stieß ihren Namen aus wie ein Schimpfwort. „Wer auch sonst?“

Oliver, der kurz weggedöst war, schreckte auf. Ben beglückte ihn in letzter Zeit so häufig mit Geschichten über seine ungeliebte Kollegin, dass es ihn wunderte, dass sie ihn noch nicht bis in seine Träume verfolgte. Dabei quälten ihn derzeit wirklich andere Sorgen.

Erschöpft rieb er sich das Gesicht. Wenn er seinen Bruder nicht bremste, würde er es später bereuen, aber wie sagte seine Ex immer? Er war zu nett für diese Welt. „Was hat sie jetzt wieder getan?“

Sein Bruder holte erneut tief Luft, und Oliver wusste, er hatte verloren. Sehnsüchtig schielte er in Richtung des Couchtischs, auf dem der Teller mit den restlichen Pfannkuchen stand. Er konnte sie riechen, den warmen Teig, durchsetzt mit einem Hauch geschmolzener Butter, und sein Magen knurrte wütend.

Ben kannte jedoch kein Erbarmen. „Ich hoffe, du sitzt, denn das ist eine längere Geschichte …“

2. KAPITEL

Anna – Glück und Ärgernisse

In einem Pulk aus Mitreisenden verließ Anna die U1 und stieg die Treppe zur zweiten Ebene der Bahnstation hinauf. Bäckereien und Zeitungsläden reihten sich in der unterirdischen Stationshalle aneinander. Anna folgte einem älteren Herrn auf die Rolltreppe zur Straße. Je höher sie stiegen, desto mehr gingen das Rattern der Fahrkartenautomaten und die Unterhaltungen der Menschen im Rauschen des Verkehrs unter.

Kalter Wind blies Anna entgegen, und Schneeregen trieb über den feucht glänzenden Asphalt des Jungfernstiegs. Die Tropfen fielen so dicht, dass sie den Turm des Rathauses hinter dem Schleier aus Nässe nur erahnen konnte.

Sie zog die Kapuze ihres Mantels tief ins Gesicht. Neben ihr spannte eine Frau ihren Schirm auf, ein roter Klecks im trüben Licht der Straßenlaternen, dann setzte sie ihren Weg in Richtung Gänsemarkt fort.

Anna lief parallel zur Alster. In ihrem Rücken befand sich die Europapassage, links von ihr die Alsterarkaden und ein Apple Store, rechter Hand dümpelten weiße Barkassen auf dem schwarzen Wasser. Sie passierte mehrere halb aufgebaute Holzbuden, über denen sich Konstruktionen aus Metall spannten. Die Szenerie entlockte Anna ein Stirnrunzeln. War es schon wieder so weit? Das Jahr war wie im Flug vergangen, die Weihnachtstage standen vor der Tür, und bald würde sich diese trostlose Baustelle in einen Weihnachtsmarkt verwandeln. Sie konnte es bereits vor sich sehen. Einheimische und Touristen, eingepackt in dicke Winterkleidung, die zwischen den Ständen flanierten, umweht von einer Duftmischung aus Schmalzkuchen und Glühwein. Aus den Boxen erklangen Weihnachtslieder, und das Riesenrad mit seinen blinkenden Lichtern schwang sich wie jedes Jahr in die Lüfte. Strahlende Kinderaugen, die Alster bedeckt mit einem Spiegel aus Eis und Schnee.

Anna blinzelte, und das romantische Bild verblasste. Kälte kroch unter ihren Mantel. Jetzt ein heißer Kakao. Zum Glück musste sie nicht mehr weit laufen. Ihr Ziel, der Alsterpavillon, ein halbkreisförmiges Gebäude mit Flachdach, befand sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Wasser. Sie lief die breite Treppe zum Eingang hinauf, richtete ihr Haar und betrat den Eingangsbereich des Restaurants durch eine Glastür. Ein Schwall Wärme umfing sie, und aus versteckten Lautsprechern schallte Popmusik. Die lange Bar, die Spiegelsäulen, rotbraunen Tische und Ledersessel versprühten einen gewissen Siebzigerjahre-Charme.

Das gemütliche Ambiente hob Annas Laune noch mehr, wobei dieser besondere Tag sowieso nur durch zwei Dinge hätte verdorben werden können: durch die Nachricht vom Ausbruch einer Zombieapokalypse oder durch sein plötzliches Auftauchen. Beides erschien ihr in etwa gleich unwahrscheinlich. Ein Laden wie dieser, in dem ein Glas Wasser unter zehn Euro kostete, befand sich gewiss unter seinem Niveau.

Anna stieg die Treppe zum oberen Restaurantbereich hinauf. Als sie auf die große Fensterfront zusteuerte, trat ihr ein junger Mann in weißem Hemd und schwarzer Hose in den Weg. „Kann ich Ihnen helfen?“

„Ich bin verabredet.“

„Hier sind wir!“ Hinter dem Kellner winkte eine zierliche Frau mit dunklen, schulterlangen Haaren. Sie trug ein geblümtes Kleid, das ihre schmale Figur unterstrich, ihre Pumps klackerten über das Parkett, während sie auf Anna zueilte. Der junge Mann entfernte sich mit einem Nicken.

„Franzi, hallo!“, sagte Anna.

Ihre Freundin breitete die Arme aus. „Hallo, schön, dass du da bist.“

Anna erwiderte die Umarmung. „Wo sitzt ihr?“

Franzi wies zu den hohen Fenstern auf der anderen Seite des Restaurants. „Dort hinten. Komm mit!“

An ihrem Tisch wartete bereits Lina, die Anna grinsend entgegensah.

„Hey, da bist du ja! Ich dachte schon, du verpasst deine eigene Party.“ Ihre Schwester prostete Anna mit ihrem Cocktailglas zu. Auf dessen Rand steckte eine halbe Ananasscheibe. Hinter Lina spiegelten sich die Lichter der Hotels, Kaufhäuser und Kirchen im tintenschwarzen Wasser der Binnenalster.

„Die Bahn hatte Verspätung.“ Anna ließ sich auf dem Stuhl neben Franzi nieder und winkte den Kellner heran. „Einen Kakao bitte.“

Nachdem der junge Mann gegangen war, rümpfte Lina ihre Nase. „Kakao? Ich dachte, wir wollen feiern!“

„Ich muss mich erst mal aufwärmen“, antwortete Anna, was ihrer Schwester ein Schulterzucken entlockte. Lina nahm einen Schluck aus ihrem Glas und fuhr sich anschließend durch ihr glattes blondes Haar, dessen Anblick Anna stets mit Neid erfüllte, genauso wie Linas schmale Taille. Sie hatten zwar dieselbe Mutter, aber ihre Väter hätten unterschiedlicher nicht sein können, was deutlich zutage trat, wenn man sie und Lina nebeneinanderstellte.

Der Mops und das Model, so hatten alle Anna und ihre jüngere Schwester in ihrer Schulzeit genannt. Eine Zeit, an die Anna ungern zurückdachte, was ihr Magen sogleich mit einem leisen Grummeln bestätigte. Um sich abzulenken, griff sie nach dem Kakao, den der Kellner gerade vor ihr abgestellt hatte. Das heiße Getränk spülte alle schlechten Gefühle fort, und sie schloss genießerisch die Augen.

„Es gibt also etwas zu feiern, hast du gesagt“, nahm Franzi das Gespräch wieder auf. „Rück endlich raus damit. Sonst platze ich gleich.“

Lina lachte, und auch Annas Mundwinkel hoben sich. „Du würdest uns fehlen. Also gut, ich mache es kurz, ich bin befördert worden.“

Die Erinnerung an diesen Moment ließ ihr Herz gleich schneller schlagen, und erneut hörte sie ihren Chef die magischen Worte sagen.

„Er hat gesagt, du darfst die nächste AtomicShoes – Kampagne leiten? Wirklich?“, fragte Lina.

„Darauf hast du so lange hingearbeitet“, ergänzte Franzi, und Anna nickte mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

Lina sprang auf, lief um den Tisch herum und flog in ihre Arme. Franzi rief erneut nach dem Kellner. Kurz darauf kehrte er mit einem Tablett und drei Gläsern Prosecco zurück.

Anna, Lina und Franzi stießen an. „Alles Gute für die neue Star-Werbefrau von Mayen Media.“

Obwohl ihr Linas Worte schmeichelten, winkte Anna ab. „Jetzt übertreib mal nicht …“

„Das hat mit Übertreibung nichts zu tun. Du bist großartig, lass dir nie etwas anderes einreden.“

„Da muss ich Lina zustimmen.“ Franzi nahm einen Schluck aus ihrem Glas. „Ich gratuliere dir.“

„Was sagt eigentlich der Idiot zu deiner Beförderung? Das muss ihn ja tierisch wurmen.“ Lina sah Anna erwartungsvoll an. Sie verschluckte sich an ihrem Getränk und rang keuchend nach Atem.

„Lass den aus dem Spiel. Anna hat bestimmt keine Lust, sich auch noch nach Feierabend mit ihm zu beschäftigen und schon gar nicht heute.“

Anna atmete langsam ein und aus. Ihr Brustkorb brannte, und in ihren Augen schwammen Tränen. „Franzi hat recht.“

„Der Idiot“ war ihr Kollege Ben. Vor genau einem Monat, drei Tagen und zehn Stunden war ihr Chef in ihr Büro marschiert, um ihr mitzuteilen, dass sie sich das Zimmer in Zukunft mit dieser Heimsuchung teilen musste.

Ben hatte sie angelächelt, und ihr war fast das Herz stehengeblieben, denn sie erkannte in ihm den Zwanzigjährigen, in den sie einst verliebt gewesen war. Statt ihre Gefühle zu erwidern, hatte er jedoch ihre Uni-Zeit zu einer Hölle auf Erden gemacht.

Damals hatte sie beinahe vierzig Kilo mehr auf die Waage gebracht, was Menschen wie ihn dazu animierte, ungehemmt ihren Spott über sie zu ergießen. Seitdem hatte sie nicht nur stark abgespeckt, sondern auch an ihrem Selbstbewusstsein gearbeitet. Dieser Umstand hielt sie jedoch nicht davon ab, in Bens Gegenwart zu einem nervösen Häufchen Elend zusammenzuschrumpfen.

Als Ben wieder vor ihr gestanden hatte, noch dazu in ihrem Büro, war ihr der Schweiß aus jeder Pore getreten, und sie hatte befürchtet, sich übergeben zu müssen. Dann hatte sie wie versteinert auf Bens Mund gestarrt, in der Annahme, erneut Gemeinheiten aus ihm zu hören. Doch weder das eine noch das andere war eingetreten.

Ben reichte ihr seine Hand, und sie suchte in seinen Augen nach einem Funken des Erkennens, fand aber nichts als Schwärze. „Hallo, Anna. Ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit.“

Das war alles. Sie erwiderte seinen Händedruck mechanisch. Auch in den folgenden Tagen hatte sich sein Verhalten ihr gegenüber nicht geändert. In ihr hingegen brodelte es.

„Anna?“, fragte Lina.

„Hm?“ Sie schüttelte die Erinnerung ab.

„Anna, tut mir leid. Ich will dir den Abend nicht verderben, trotzdem wünschte ich, du würdest mir sagen, was dich wirklich bedrückt. Hinter diesem Hass auf deinen Kollegen steckt doch mehr, als du uns sagen möchtest, und es ist nicht gut, alles in sich hineinzufressen.“

Anna drehte ihr Glas in den Händen. „Das bildest du dir ein. Der Kerl versucht an meinem Stuhl zu sägen, das ist alles.“

Lina hob ihre Augenbrauen. „Sicher?“

„Natürlich, wenn ich es so sage, ist es auch so.“

„Na gut, aber …“

Anna öffnete den Mund, um ihrer Schwester ins Wort zu fallen, aber Franzi kam ihr zuvor.

„Halt, aus, stopp, es reicht! Wir wollen uns doch nicht streiten, oder?“

Sie blickte in die Runde, bis Lina den Kopf schüttelte und Anna mit den Achseln zuckte.

„Gut.“ Franzi angelte nach der Speisekarte. „Also, Mädels, wer will etwas essen? Ich jedenfalls sterbe vor Hunger. Anna?“

Sie glaubte nicht, dass sich in ihrem Magen noch Platz für Essen fand, zwischen all der Wut, trotzdem nickte Anna, um ihren guten Willen zu zeigen. „Einen Nachtisch könnte ich wohl vertragen.“

„Gibt es hier eine Eis-Karte?“ Lina sah demonstrativ an Anna vorbei. Es war klar, dass in dieser Ben-Sache noch nicht das letzte Wort gesprochen war, aber für heute würden sie es gut sein lassen.

Kurz nach zweiundzwanzig Uhr verabschiedete sich Anna von Franzi und Lina und ging zurück zur U-Bahn. Der Regen war in Schnee übergegangen, und eine zarte weiße Schicht glitzerte im Schein der Nachtbeleuchtung auf Straßen und Gehwegen. Annas Atem dampfte. Sie beschleunigte ihren Schritt, während sie über Linas Worte nachdachte.

Sie musste ihrer Schwester zustimmen, sie durfte nicht immer alles in sich hineinfressen. Diesen Fehler hatte sie in Vergangenheit oft genug gemacht, und es hatte damit geendet, dass sie mit Mitte zwanzig kaum die Treppe zu ihrer Wohnung hochgekommen war, ohne anschließend ein Sauerstoffgerät zu benötigen. Gut, das war vielleicht etwas übertrieben. Aber sich derart unwohl im eigenen Körper zu fühlen, das wollte sie nie wieder erleben. Sollte sie Lina deswegen mit ihren Sorgen belästigen? Sie war schließlich schon erwachsen, und mit beinahe dreißig sollte sie langsam gelernt haben, sich ihren Dämonen zu stellen, ohne ihre Familie in die Sache hineinzuziehen. So schwer konnte das doch nicht sein.

Ein entschlossenes Lächeln huschte über Annas Gesicht, sie lief die Treppe zur Bahn hinunter und verschwand in der Station.

3. KAPITEL

Ben – Manchmal kommt es anders

Ben führte den Zeiger seiner Maus über den Bildschirm. Die Anzeige für die neue Restaurantkette Salad Corner nahm langsam Gestalt an. Er lehnte sich auf seinem Schreibtischstuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Be fit. Be healthy. Be green. Das Motto der Kampagne gefiel ihm, obwohl es von Anna stammte. Sie besaß Talent, das musste er ihr lassen. Wenn sie nur nicht so anstrengend wäre.

Sein Monitor und der seiner Kollegin standen Rücken an Rücken. Er musste sich nur strecken, um Annas Tastatur zu berühren. Doch das Bild täuschte. Sie mochten sich zwar räumlich nahestehen, was die Gefühlsebene anging, trennten sie Welten.

Er musterte den Papierstapel, den einzigen Schandfleck auf Annas klinisch ordentlicher Arbeitsfläche. Ihre Stifte lagen in Reih und Glied, was zu ihrer verkrampften Haltung passte, die sie stets an den Tag legte, sobald er durch die Tür kam. Diese übertriebene Ordnung gefiel ihm genauso wenig wie Annas schnippischer Ton. Wo blieb da die Kreativität? Er brauchte ein gewisses Maß an Chaos, um die Ideen sprudeln zu lassen, und gerade ihn musste das Schicksal mit einer Ordnungsfanatikerin zusammenführen.

Anna befand sich in einer Besprechung, er hatte also sturmfrei. Ob er es riskieren konnte, das Radio einzuschalten? Seine Kollegin mochte keine Musik bei der Arbeit – natürlich. Alles, was ihren kleinen Kosmos störte, musste unbedingt vermieden werden.

Ben stützte seufzend seinen Kopf auf die Hände. Mit zwei Schreibtischen, einem Regal und der Garderobe war ihr Büro zum Bersten gefüllt. Allenfalls die großen Fenster, hinter denen sich ein strahlend blauer Himmel abzeichnete, entschädigten die Insassen für die beengten Verhältnisse.

Ein Teil des Gebäudes auf der anderen Straßenseite lag im Schatten. Im zweiten Stock, genau gegenüber von Bens Fenster, gingen die Angestellten einer Steuerberaterfirma ihrer Arbeit nach. Sie teilten sein Schicksal, das ihn trotz des großartigen Wetters an den Schreibtisch fesselte. Draußen war es sonnig und klirrend kalt. Gab es etwas Schöneres?

Er sollte in der Mittagspause mit Anna eine Runde über den Weihnachtsmarkt drehen. Oliver hatte ihm ihretwegen ganz schön den Kopf gewaschen. Sie mussten reden, und unangenehme Dinge erledigte man am besten sofort.

Die Tür flog auf, Anna stürmte herein und ließ sich, ohne Ben eines Blickes zu würdigen, auf ihren Stuhl fallen. Sie verschränkte ihre Arme vor der Brust und stierte missmutig auf ihren Bildschirm.

Ben beobachtete sie mit gerunzelter Stirn über seinen Monitor hinweg. Anna wäre eigentlich ganz hübsch, wenn sie nicht immer so sparsam gucken würde. Die dunklen Locken standen ihr gut, sie besaß eine gute Figur und ihr Gesicht erinnerte ihn an Drew Barrymore.

„Thomas will dich sprechen“, presste Anna unvermittelt hervor.

„Und warum, wenn ich fragen darf?“

Seine Kollegin funkelte ihn böse an und ließ ihre Finger über die Tastatur fliegen. Er verharrte schweigend, doch Anna stand anscheinend nicht der Sinn danach, seine Neugier zu befriedigen.

Seufzend stieß er seinen Stuhl zurück und ging zur Tür. Im Türrahmen musste er kurz innehalten. Die Narbe an seinem linken Bein machte ihm in regelmäßigen Abständen zu schaffen, und seit heute Morgen schmerzte sie besonders stark. Dementsprechend kurz war seine Zündschnur. Er drehte sich noch einmal zu Anna um. „Danke für die Antwort. Das war überaus hilfreich.“

Das Klackern der Tastatur schien ihn zu verhöhnen. Mit Wut im Bauch trat Ben auf den Flur. Der lange Korridor war mit einem grauen Teppich auslegt, und moderne Kunst hing an den weißen Wänden.

Auf halbem Weg zum Büro seines Chefs befand sich eine Sitzecke mit einer grauen Ledercouch und zwei Sesseln, die als Begegnungsstätte innerhalb der Agentur dienen sollten. Die Mitarbeiter konnten hier ihre Pause verbringen oder die Couch für andere, sehr private, Dinge nutzen, wie Ben zu Ohren gekommen war, obwohl alle Beteiligten, Sven, seines Zeichens Texter, und Gina, die Kleine vom Empfang, dieses vehement bestritten.

Jemand hatte sich die Mühe gemacht, neben dem Wasserspender eine Bodenvase mit Tannenzweigen aufzustellen, an denen blaue und weiße Weihnachtskugeln hingen.

Ben lief an den übrigen Büros vorbei. Aus einem von ihnen erklang Gelächter, und er spürte einen Stich. Sobald er sein Zimmer verließ, schien er eine Parallelwelt zu betreten. Menschen, die mit ihren Kollegen redeten und sich dabei auch noch amüsierten – es war möglich, nur nicht mit Anna.

Ben schüttelte den Kopf. Er musste sich konzentrieren. Nicht, dass er sich vor Thomas fürchtete, aber ein guter Eindruck konnte in gewissen Momenten über Aufstieg oder Fall entscheiden.

Nicole, ihre junge blonde Volontärin, streckte ihren Kopf aus der Küche. Sie sah süß aus mit dem Pferdeschwanz und ihrem kurzen Kleidchen, und das Lächeln, das sie ihm schenkte, ließ ihn seinen Ärger kurzzeitig vergessen. „Viel Glück, Ben.“ Sie zwinkerte ihm zu. Wusste sie etwa mehr?

Am Ende des Flurs öffnete sich Thomas’ Tür. „Ah, Ben, da bist du ja. Komm rein, wir haben etwas zu besprechen.“

Nicole schenkte ihm ein weiteres Lächeln, dieses Mal zum Abschied, und wandte sich der Kaffeemaschine zu.

„Bis später“, raunte Ben ihr zu, bevor er die letzten Meter zurücklegte, die ihn und Thomas trennten.

Sein Chef reichte ihm die Hand. Ein fester, warmer Händedruck. Thomas war Mitte fünfzig, gut trainiert für sein Alter, und sein Teint leuchtete eine Spur zu dunkel für die Jahreszeit, woraus Ben schloss, dass sein Chef Stammkunde im Sonnenstudio war oder seinen Herbsturlaub auf warmen Sonneninseln verbrachte. Thomas’ weißes Hemd und seine grauen Haare erhöhten diesen Kontrast.

„Hallo Ben“, wiederholte Thomas, „setz dich.“ Er zeigte auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch, der Ben von seinem Vorstellungsgespräch noch in Erinnerung war. Seitdem hatte sein Chef keinen Anlass mehr gesehen, ihn unter vier Augen zu sprechen.

Ben ließ sich auf dem Stuhl nieder. Er spürte ein nervöses Prickeln, versuchte aber, es sich nicht anmerken zu lassen.

Thomas ging derweil zu dem Sideboard, das rechts von seinem Schreibtisch stand und auf dem sich ein Tablett mit einer Wasserkaraffe und drei Gläsern befand. „Möchtest du etwas trinken?“

„Nein, danke.“

„Es muss kein Wasser sein. Möchtest du einen Kaffee? Ich kann Britta Bescheid sagen …“

Ben schüttelte den Kopf. Thomas sollte endlich zum Punkt kommen.

„Nun gut.“ Sein Chef umrundete den Schreibtisch, setzte sich in den pompösen Ledersessel und faltete die Hände vor der Brust zu einem Dreieck. Die Jalousie in seinem Rücken war heruntergezogen, und auf dem Schreibtisch brannte eine kleine Lampe, deren Lichtkreis die Umrisse seines Notebooks einhüllte.

„Sicher hat dir Anna bereits erzählt …“

Ben hob seine Augenbrauen, und Thomas stutzte.

„Hat sie nicht?“

„Nein, sie wollte dir wohl nicht zuvorkommen.“

„Auch gut. Ich werde es kurzmachen. Ich habe gleich einen Termin. Du hast sicher mitbekommen, dass Anna die AtomicShoes – Kampagne leiten wird?“

Ben nickte. Zum ersten Mal seit Beginn ihrer Zusammenarbeit wirkte seine Kollegin wirklich glücklich. Dieser Auftrag musste ihr viel bedeuten.

Thomas räusperte sich. „Dabei bleibt es auch, allerdings gibt es eine kleine Änderung im Gesamtkonzept. Ich habe mich gestern Abend mit Dieter Markward getroffen, dem Besitzer von Markitan. Er ist einer unserer wichtigsten Kunden und seine Marke AtomicShoes ist derzeit der Renner. Damit es dabei bleibt, bat er für die neue Kampagne um die besten, die er kriegen kann. Ich schlug ihm Anna vor, sie ist seit drei Jahren bei uns, ihre Arbeit ist exzellent, und sie hat eine Chance verdient.“

Ben kratzte sich am Arm. Warum erzählte Thomas ihm das? War er wirklich hier, um sich einen Vortrag über Annas Vorzüge anzuhören?

Thomas erhob sich und marschierte durch den Raum. „Dieter gefiel meine Idee, es gab nur einen Haken: Sein Produkt ist unisex, also wünschte er sich, dass neben der weiblichen auch die männliche Komponente berücksichtigt wird, und da kommst du ins Spiel.“

Unvermittelt schlug Bens Herz schneller. „Du meinst, dass …“

„Genau, du bist noch neu im Boot, verfügst aber über ein beachtliches Portfolio. Das ist Dieter nicht entgangen, und er möchte dich ebenfalls dabeihaben. Du und Anna werdet euch darum die Leitung teilen.“

Ben musste sich beherrschen, nicht aufzuspringen und die Siegerfaust in die Höhe zu recken. Von einer derartigen Gelegenheit hätte er noch vor einem Jahr nicht zu träumen gewagt.

„Wann fange ich an?“

„Nächsten Donnerstag findet das erste Meeting statt. Ich kann auf dich zählen?“

Ben wollte „Ja!“ brüllen, da kam ihm Annas verstimmtes Gesicht in den Sinn, und seine gute Laune erhielt einen Dämpfer.

„Selbstverständlich, aber was ist mit Anna?“

Thomas fuhr beiläufig mit seinem Finger über den Schreibtisch. „Was soll mit ihr sein?“

„Nichts, ich habe mich bloß gefragt, ob sie damit einverstanden ist.“

„Natürlich, wieso fragst du? Hat sie etwas geäußert, das ich wissen sollte?“

„Nein, nein.“ Er lächelte. Jede Form der Klage hätte nur unprofessionell gewirkt, und alles andere mussten er und Anna unter vier Augen klären.

„Dann wäre das also geklärt. Du kannst stolz auf dich sein. Du bist ein Kämpfer. Und jetzt entschuldige mich bitte, ich habe vor dem nächsten Termin noch einige Anrufe zu erledigen.“

Ben erhob sich, und Thomas legte ihm vertraulich einen Arm um die Schultern und dirigierte ihn zur Tür hinaus.

Kurz darauf fand sich Ben alleine auf dem Flur wieder, umgeben von der gewohnten Geräuschkulisse aus leisen Stimmen und Tastaturgeklapper. Aus der Küche erklang das Klirren von Gläsern. Vielleicht war es Nicole, die auf seine Rückkehr wartete, aber er verspürte jetzt keine Lust auf ein Gespräch. Stattdessen schlug er den Weg zu den Toiletten ein. Er ging an den Waschbecken vorbei und verschwand in der hinteren der beiden Kabinen. Dort ließ er seinen Kopf gegen die Wand sinken. „Verdammt!“

Diese Kampagne war nicht nur die Gelegenheit, sich zu beweisen, sie konnte auch ein Sprungbrett für etwas noch Größeres sein. „Es könnte aber auch in einer kompletten Katastrophe enden“, flüsterte er in den leeren Raum.

Jetzt erkannte er den Auslöser für Annas schlechte Stimmung. Sie empfand den Gedanken an eine Zusammenarbeit mit ihm wahrscheinlich ähnlich erbauend wie die Aussicht auf eine Wurzelbehandlung. Dabei war es ihre Schuld. Er bemühte sich um eine harmonische Atmosphäre, und sie dankte es ihm, in dem sie die zickige Diva spielte.

„Blöde Weiber!“, zischte Ben und fischte sein Smartphone aus der Innentasche seines Jacketts. Der Empfang war nicht gut, aber er würde es auf einen Versuch ankommen lassen. Er brauchte jetzt einen Freund, der wusste, wie man vermeintliche Niederlagen in einen Erfolg verwandelte.

Mit zwei Eingaben stellte er die Verbindung her. „Hi, Patrick, hier ist Ben. Sag mal, hast du heute Abend schon etwas vor?“

4. KAPITEL

Anna – Neue Ideen

Anna stieß die Griffe ihres Crosstrainers energisch vor und zurück. Das Top klebte an ihrem Rücken, und die Luft roch nach erhitzten Körpern und Schweiß. Über ihrem Kopf flimmerte eine Reihe von Bildschirmen, die lautlose Fernsehbilder produzierten. Anna ignorierte sie die meiste Zeit und ließ stattdessen den Tag erneut Revue passieren.

Was, verflucht noch einmal, hatte sie Thomas getan, dass er ihr derart übel mitspielte? Machte sie nicht immer alles, worum er sie bat? Die tausendste Änderung, obwohl sie das Projekt nicht mehr sehen konnte? Aber gerne doch. Überstunden? Kein Problem. Arbeit am Wochenende? Klar, es gab nichts Schöneres. Und zum Dank musste sie fortan noch enger mit Ben zusammenarbeiten. Das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen. Ben war viel zu neu in der Agentur. Er musste diesem Markward in sämtliche Körperöffnungen gekrochen sein, um den Job zu erhalten. Es ekelte sie an.

Um sich zu besänftigen, betrachtete Anna ihre Umgebung. Viel war nicht los. Die meisten Geräte standen verlassen im Raum, nur in der Hantelecke arbeiteten die üblichen Verdächtigen exzessiv darauf hin, ihre Muskelberge ins Unendliche zu steigern.

Vorweihnachtszeit. Die Zeit, in der die meisten Leute panisch in die Geschäfte strömten, um rechtzeitig alle Geschenke für ihre Liebsten zu besorgen. Wie jedes Jahr kamen die Feiertage überraschend früh.

Hinter den beschlagenen Scheiben des Fitnessstudios rieselten Flocken vom Himmel. Im Hintergrund dudelte Driving home for Christmas von Chris Rea aus den Boxen. Eigentlich war es hier ganz gemütlich so im Warmen und Trocknen, und trotz ihrer schlechten Stimmung breitete sich ein wohliges Gefühl in Annas Magen aus.

Franzi näherte sich und nahm im Gehen einen tiefen Schluck aus ihrer Wasserflasche. Sie trug Shorts und ein weißes T-Shirt. Ihr Handtuch hing lässig um ihren Nacken. Sie blieb vor Anna stehen und musterte sie mit zusammengekniffenen Augenbrauen. „Du bist noch hier? Willst du heute keine Gewichte heben?“

„Doch, Moment!“ Anna drosselte ihre Geschwindigkeit, stellte das Fitnessgerät aus und fuhr sich mit ihrem Handtuch über Gesicht und Nacken. „Zuerst die Arme?“

„Klar, aber ist mit dir alles in Ordnung? Ich habe dich beobachtet, und du hast zwischenzeitlich ausgesehen, als hättest du vor, die Leute hier hinterrücks zu ermorden.“

„Ärger bei der Arbeit.“

„Ärger? Ich dachte, wir haben gerade auf deine Beförderung angestoßen?“

Anna stieg vom Crosstrainer. „Es geht um Ben.“

Franzis Augen weiteten sich. „Der schon wieder? Was hat er dieses Mal ausgefressen?“

Kurz fasste Anna die Geschehnisse in Thomas’ Büro zusammen. Nachdem sie Franzi alles erzählt hatte, schüttelte die nur den Kopf. „Ich kann verstehen, warum das bitter für dich ist, aber es hat auch eine positive Seite. Wenn ihr die Verantwortung teilt, musst du zumindest nicht alleine dafür geradestehen, wenn etwas schiefläuft. Butterfly-Maschine?“

Anna nickte beiläufig und folgte Franzi in den Bereich des Fitnessstudios, der der Optimierung des Oberkörpers diente.