Verlag: Zeilengold Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Winterzauber - Christin Thomas

Zwölf zauberhafte Kurzgeschichten bringen euch in winterliche Welten, die so vielfältig sind wie die Schneeflocken am Himmel. Findet euer ganz eigenes Winterwunder, trefft auf mythische Geschöpfe und erlebt magische Abenteuer. Schließt mit uns unwahrscheinliche Freundschaften und begegnet im Winter der Liebe eures Lebens. Trauert gemeinsam mit uns, wenn sie zerbricht. Das Schicksal und höhere Mächte warten nur darauf, euch zu verzaubern! Eine Anthologie voll märchenhafter und magischer Geschichten!

Meinungen über das E-Book Winterzauber - Christin Thomas

E-Book-Leseprobe Winterzauber - Christin Thomas

Winterzauber

Hrsg. Pia Euteneuer

 

Besuchen Sie uns im Internet:

www.zeilengold-verlag.de

 

 

 

 

 

 

Nadine Skonetzki

Blütenhang 19

78333 Stockach

info@zeilengold-verlag.de

 

 

1. Auflage

Copyright © Zeilengold Verlag, Stockach 2018

Buchcoverdesign: Christin Gießel, www.giessel-design.de

Satz & Illustration: saje design, www.saje-design.de

Lektorat: Pia Euteneuer, www.wortgewand13.de

Korrektorat: Lillith Korn, www.helfeelfe.de

Druck: bookpress, 1-408 Olstzyn (Polen)

 

ISBN Print: 978-3-946955-17-7

ISBN E-Book: 978-3-946955-79-5

Alle Rechte vorbehalten.

 

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.dnb.de abrufbar.

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Liebe Magiesuchende!

 

Es freut mich sehr, Euch die zweite Anthologie vom Zeilengold-Verlag präsentieren zu dürfen. Auch dieses Jahr haben unsere 12 Autorinnen ihr Bestes gegeben, um Euch für eine Weile in eine Welt voller Zauber und winterlicher Gefühle zu entführen.

Als ich im Hochsommer relativ spontan die Koordination für diese Anthologie übernahm, hätten meine Gedanken vom Winter nicht entfernter sein können. Genauso erging es vermutlich unseren Autorinnen, die dennoch jedes Gefühl von Hitze, Baden, Sonnenschein aus ihren Köpfen ausgesperrt haben und wundervolle Welten aus Kälte, Schnee und Eis erschaffen haben. Dieses Jahr werden die Zeilengoldler übrigens von einigen Kolleginnen aus der Märchenspinnerei unterstützt. Ihr könnt Euch also auf eine bunte Mischung freuen, denn wir haben für Euch tragische, humorvolle, düstere, aufbauende und märchenhafte Geschichten ausgewählt. Ich kann Euch versichern, dass jede dieser Kurzgeschichten auch einen Funken Magie enthält, der – wenn draußen die Stürme toben, es tagelang schneit und die Sonne nur eine entfernte Erinnerung ist – Eure Herzen hoffentlich wärmen wird!

Weil eine Anthologie niemals nur das Werk eines Einzelnen ist, möchte ich kurz Danke sagen. Vielen Dank an all die Schriftstellerinnen, die die Seiten mit ihrer Magie und ihrer Liebe gefüllt haben. Danke auch an die beiden Designerinnen und die Korrektorin. Ohne Euch wäre dieses Buch nie entstanden. Und selbstverständlich ein großes Dankeschön an meine zauberhafte Verlegerin Nadine, die mir die Leitung für diese Sammlung vertrauensvoll in die Hände gelegt hat. Ich hoffe, du bist mit dem Ergebnis ebenso glücklich, wie ich es bin!

Nun jedoch genug der Vorworte und Vorhang auf für unseren Winterzauber!

 

Viel Spaß und magische Lesestunden!

Pia

Ein stilles Winterwunder

CHRISTIN THOMAS

London, 1871

In den StraßenLondons lag Schnee. Er war zu einem schmutzigen Brei zertrampelt worden, nur auf den Dächern und Bäumen zeigte er sich weiß und prachtvoll. Polly warf einen Blick auf ihre nassen Schnürstiefel, durch deren Leder Kälte drang. Fröstelnd rieb sie sich die Arme und richtete den Kragen ihres Mantels auf. Weder ihr Hut noch ihr Schal boten allzu viel Schutz vor dem Wind.

Ihre Mutter hatte ihr geraten, eine Droschke zu nehmen, doch Polly hatte nicht auf sie gehört. Stattdessen hatte sie die Eisblumen bewundert, die sich an der Glasscheibe gebildet hatten, und sich im Anblick der von Frost geküssten Landschaft verloren. Während ihr Rücken vom Kaminfeuer gewärmt wurde, blieb ihr Gesicht kalt und ihr Atem beschlug das Fenster. Der Winter, für dessen Schönheit während einer Fahrt keinerlei Zeit blieb, besaß etwas äußerst Romantisches. Polly war der Auffassung, dass es das Beste wäre, die wenigen Straßen bis zu ihrem Bruder zu laufen und sich dieser zauberhaft winterlichen Atmosphäre hinzugeben.

Nun stand sie schlotternd auf dem spiegelglatten Gehweg und wurde sich bewusst, dass die Realität ganz anders aussah als ihre malerischen Vorstellungen. Sie ließ sich jedes Jahr aufs Neue von der herrlichen Aussicht täuschen, ehe die Kälte sie früher oder später an ihren Irrtum erinnerte. Ihre Gedanken klammerten sich an die zu erwartende Wärme im Hause ihres Bruders und die Tasse Tee, die er ihr ganz sicher anbieten würde. Der Weg war nicht mehr weit und sie war zu stolz, um ihre Meinung so kurz vor dem Ziel zu ändern. Sie würde Haltung bewahren und sich ihr Befinden nicht ansehen lassen.

Bibbernd bog sie in eine belebte Straße ab, in der sich einige Geschäfte aneinanderreihten. Ihre Aufmerksamkeit richtete sich auf die Backwaren, die im Schaufenster der Bäckerei auslagen. Ein paar Meter weiter gab es edle Stoffe und Kleider zu bewundern. Der Inhaber grüßte sie mit einem freundlichen Lächeln, als er ihr Vorbeigehen bemerkte. Mr Bradford war ein guter Bekannter von Polly. Schließlich gehörte die gesamte Familie Browne der privilegierten Oberschicht an und zählte zu seinen treusten Kunden. Polly lächelte wohlerzogen zurück und tat es immer noch, wobei sie bereits einige Schritte weitergegangen war.

Ihr Weg führte an einer Gasse entlang, aus der sie ein klagendes Geräusch vernahm. Aufmerksam horchte sie auf, blieb stehen und schaute in die Dunkelheit.

»Hallo?«, fragte sie. Polly hielt die Luft an, sah sich prüfend auf der Straße um und reckte ihren Kopf nach vorn. Sie hörte nach wie vor das Schluchzen, das irgendjemand im Schatten von sich gab. Für einen Moment dachte sie darüber nach, es gut sein zu lassen. Im Grunde ging es sie nichts an, wenn jemand weinte, und doch rührte sie sich nicht. Trotz ihres anerzogenen Anstands keimte Neugierde in ihr auf.

»Hallo?«, wiederholte sie. Das Geräusch erstarb und wurde stattdessen von raschelndem Stoff abgelöst. Sie schlich an einigen Holzkisten vorbei und entdeckte dahinter ein Mädchen, das mit angezogenen Beinen auf dem Boden kauerte. Es lehnte mit dem Rücken an der Mauer eines Hauses. Das Gesicht war blass, die Nase rot und die blaugefärbten Lippen öffneten sich erschrocken.

»Schon gut«, flüsterte Polly, nachdem das Mädchen abwehrend die Hände hob. »Ich tue dir nichts.«

An der verschlissenen Kleidung und dem verfilzten, dunklen Haar erkannte Polly, dass das Kind aus den Arbeitervierteln stammen musste. Es trug nur ein dünnes Kleid, das vom matschigen Schnee durchnässt war.

»Dir ist sicher kalt.« Polly zog sich ihren Schal aus und hielt ihn der Kleinen entgegen.

Aus großen dunkelbraunen Augen betrachtete das Kind das Kleidungsstück, als würde es einen Geist ansehen.

»Du brauchst dich nicht zu fürchten«, sagte Polly mit sanfter Stimme, um sie nicht zu verschrecken. »Ich helfe dir damit, in Ordnung?« Vorsichtig ging sie in die Knie, näherte sich dem Kind und legte ihm den Schal um den Hals. Mit zitternden Fingern berührte die Kleine den warmen Stoff und vergrub anschließend ihr Gesicht darin.

»Wie bist du nur hierhergekommen?«, wollte Polly wissen, doch das Kind sagte kein Wort. Auf der Straße eilten Männer und Frauen vorbei. Keiner von ihnen schenkte dem dunklen Gässchen Beachtung. Wer weiß, wie lange das Kind bereits mutterseelenallein in dieser Kälte saß. Polly biss sich auf die Unterlippe. »Hör zu, ich hole dir geschwind etwas zu essen und trockene Kleidung. Du musst bis dahin hierbleiben, einverstanden?«

Sie erwartete wenigstens eine bestätigende Geste, aber das Kind sah sie weiterhin nur stumm an.

»Na schön«, schnaubte Polly und erhob sich. Fürsorglich schälte sie sich aus ihrem Mantel und ließ diesen in den Schoß des Mädchens sinken.

»Zieh dir erst mal den Mantel über und lauf bloß nicht weg.« Sie deutete dem Kind mit ausgestreckten Fingern, an Ort und Stelle zu bleiben, ehe sie ihr Kleid anhob und zum Gehweg zurückkehrte.

Auf dem Weg zur Backstube überschlugen sich ihre Gedanken regelrecht. Der Bäckermeister würde sich bestimmt wundern, dass Polly etwas kaufte, obwohl die Einkäufe ihrer Familie stets in aller Früh erledigt wurden. Noch dazu ohne Schal und Mantel, was bei einem solchen Wetter vollkommen unangemessen war. Die strengen Benimmregeln ihrer Erziehung sahen eine ordentliche Garderobe vor. Ebenso anständige Manieren, Zurückhaltung und Ehrlichkeit. Also all das, was Polly im Begriff war aufzugeben. Nervös strich sie sich über die langen Ärmel und atmete durch, ehe sie die Bäckerei betrat.

Als das Glöckchen über ihrem Kopf erklang, trat der junge Mr Cox aus dem Lager und stellte sich hinter die Theke. Pollys Anspannung fiel von ihr ab. Der Sohn des Bäckermeisters war nur ein paar Jahre älter und obgleich er keineswegs ihrem Stand entsprach, hegte er allem Anschein nach dennoch Hoffnung. Wann immer sie einander begegneten, versuchte er, sich von seiner besten Seite zu zeigen.

Ein unscheinbares Lächeln spielte um seine Mundwinkel. »Guten Tag, Miss Browne.« Die Wangen des jungen Mannes erröteten und er fuhr sich durch sein strubbeliges Haar. Dabei fielen ihm einige dunkle Strähnen auf die Stirn, was seinem Aussehen etwas Ungezwungenes verlieh.

»Guten Tag, Mr Cox«, entgegnete ihm Polly und schritt näher an den Ladentisch. Ihr Blick wanderte über die gebackenen Köstlichkeiten. Der Duft von frischem Brot stieg ihr in die Nase und die wohltuende Temperatur des Ofens wärmte sie sogleich etwas auf.

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte der Bäckersohn, woraufhin sie ihm erneut ihre Aufmerksamkeit schenkte. Seine braunen Augen blinzelten sie interessiert an.

»Ich benötige lediglich einen halben Laib Weizenbrot.«

Sie glaubte, in seinem Gesicht einen Funken Verwunderung zu erkennen, jedoch währte dieser Eindruck nicht lang. Er nahm eines der Brote und schnitt es in zwei Hälften.

»Wie geht es Ihrer Familie?«

»Sehr gut, vielen Dank.«

»Das freut mich zu hören«, meinte er, legte eines der beiden Stücke zurück in die Auslage und begann, das andere einzupacken. »Es war schon lange nicht mehr so kalt wie heute. Hoffentlich erkälten Sie sich nicht.«

Polly dachte an das arme Kind, das weiterhin dem zornigen Winter ausgesetzt war und sicher darauf hoffte, dass sie zu ihm zurückkehrte. »Ja, das ist wahr, aber machen Sie sich meinetwegen keine Gedanken.«

»Das tue ich aber, Miss Browne. Mir liegt viel an Ihrem Wohlergehen.«

Polly fühlte sich geschmeichelt, obgleich sie wusste, dass ihre Mutter Mr Cox nicht für geeignet hielt. Dennoch war er ein ansehnlicher Mann. Sicherlich war ihm seine Wirkung auf Frauen bewusst und doch verstand er sich darin, niemals überheblich oder gar aufdringlich zu wirken.

»Das ist nett von Ihnen, allerdings sind Ihre Sorgen unbegründet.« Polly schaute auf das eingepackte Brot hinab.

»Eigentlich ist es nicht meine Art, Sie auf Ihre Garderobe anzusprechen, jedoch sah ich Sie erst vor wenigen Minuten, mit Mantel und Schal bekleidet, die Straße hinaufgehen. Also bitte entschuldigen Sie meine Neugier, aber ich finde es überaus wundersam, dass Sie bei diesem Wetter alles bis auf Ihren Hut ablegten.« Er sah Polly mit großen Augen an.

»Ich möchte doch bitten! Ihre Wissbegierde ist äußerst unangebracht.«

Der junge Mann hob die Hände. »Ich wollte Ihnen keinesfalls zu nahe treten.«

»Und ich wollte lediglich etwas Brot kaufen.«

Er nickte verlegen und schob ihr den halben Laib entgegen. »Soll ich es auf die Rechnung Ihrer Familie schreiben?«

»Nein, ich zahle gleich«, antwortete Polly und wollte sich in die Manteltasche greifen, wobei sie begriff, dass sie diesen ja gar nicht mehr anhatte. Mit offenem Mund schaute sie zu Mr Cox hinauf. Sie konnte das Brot unter keinen Umständen auf die Rechnung setzen lassen, denn das Hausmädchen würde ihre Mutter nach dem Einkauf fragen und diese würde sich damit an Polly wenden. Wie sollte sie das bloß erklären? Ihre Familie hielt stets Abstand zu den Armen und glaubte, sich auf diesem Wege vor Krankheiten zu schützen. Ihre Mutter wäre voller Sorge, wenn sie wüsste, dass gerade eines dieser Kinder den Mantel ihrer geliebten Tochter trug.

Während Polly um Worte rang, entglitt ihr die Aufmerksamkeit von Mr Cox. Zwischen seinen Augenbrauen bildete sich eine tiefe Falte und er streckte interessiert den Hals.

»Wäre es möglich, später zu zahlen?«, fragte Polly und ärgerte sich, dass er ihr offenbar nicht zugehört hatte. Verwundert drehte sie sich um und entdeckte vor dem Schaufenster den verfilzten Kopf des Mädchens, das alle Mühe hatte, sich im langen Mantel fortzubewegen.

»Ist das etwa …?« Mr Cox kam nicht dazu, seine Frage zu stellen, denn Polly hastete auf der Stelle aus der Backstube.

Die Leute sahen sich nach dem Kind um und tuschelten hinter vorgehaltener Hand. Vermutlich glaubten sie, die Kleine würde die Dreistigkeit besitzen, mit ihrem Diebesgut durch das Zentrum von London zu spazieren. Es war Polly furchtbar unangenehm, hinter ihr herzueilen und den Beobachtern erkennbar zu machen, dass dieses Mädchen ihren Mantel durch den dreckigen Schnee zog.

»Hey!«, ging es ihr deshalb viel zu laut über die Lippen, nachdem sie das Kind eingeholt und an der Schulter gepackt hatte. Erschrocken fuhr die Kleine zusammen, wobei ihr der Schal vom Hals glitt. Geschwind fing Polly den teuren Stoff auf, bevor dieser ebenfalls vollkommen ruiniert war. »Ich habe dir doch gesagt, dass du auf mich warten sollst.«

Auch diesmal bekam Polly keine Antwort, wodurch sich ihr Groll nur steigerte. »Was sollen denn die Leute denken?«, platzte es aus ihr heraus. Verärgert wickelte sie sich ihren Schal um den Hals. »Ich wollte dir einen Gefallen tun und habe nur von dir erwartet, dass du dich nicht von der Stelle rührst!«

Das Kind hörte ihr achtsam zu, während Polly sich in Rage zu reden drohte.

»Ist alles in Ordnung?« Hinter ihr erklang die Stimme von Mr Cox. Er schob seine Hände in die Hosentaschen und trat von einem Bein aufs andere. »Kann ich Ihnen irgendwie helfen?«

Polly widerstrebte es, ihn in diese Angelegenheit hineinzuziehen, aber zu dritt erweckten sie deutlich mehr Aufmerksamkeit. Mit hängenden Schultern nickte sie. »Vielleicht könnten Sie so freundlich sein und dem Kind die Möglichkeit geben, sich eine Weile an Ihrem Ofen zu wärmen?«

»Selbstverständlich.«

Noch während Polly die Tür der Bäckerei schloss, kam es ihr so vor, als wäre sie in Sicherheit. Endlich sah sie sich nicht länger den abschätzigen Blicken der Öffentlichkeit ausgeliefert. Nur Mr Cox wartete offensichtlich auf eine Erklärung.

Im übergroßen Mantel stand das Mädchen vor dem Ofen und streckte diesem die Hände entgegen.

»Ich wollte ihr nur helfen«, sagte Polly und glaubte, dass das absurd klang. Schließlich war ihr bewusst, dass sie das weder mit einer Mahlzeit noch mit ein paar neuen Kleidungsstücken erreichen konnte. Das Kind würde bereits am nächsten Tag wieder hungern und sofern es keinen Unterschlupf fand, auch in den besten Kleidern frieren. Trotzdem fühlte sich die Vorstellung, nichts zu tun, falsch an. Sich aus allem rauszuhalten würde das Kind nicht vom Sterben abhalten. Wenn sie ihm half, dann konnte es leben und sei es auch nur ein paar Tage länger.

Polly erwartete, dass Mr Cox ihr Verhalten tadelte oder sich deswegen amüsierte, zu ihrer Überraschung murmelte er jedoch: »Verstehe«, und griff nach dem eingepackten Brotlaib, den er in aller Seelenruhe aus dem Papier wickelte.

»Ich muss noch bezahlen«, fiel Polly ein.

»Schon gut«, meinte der Bäckersohn und lächelte.

Ehe Polly einen Einwand erheben konnte, wendete er sich dem kleinen Mädchen zu und tippte ihr auf die Schulter. Als sie sich umdrehte, hielt er ihr das Brot entgegen, das sie sich, ohne zu zögern, schnappte.

»Und was wollen Sie nun tun, Miss Browne?«, fragte Mr Cox, nachdem er sich hinter der Theke auf deren Oberfläche gestützt hatte.

Seine Frage brachte Polly in Verlegenheit, denn darüber hatte sie sich keinerlei Gedanken gemacht. »Nun, sie muss ja irgendwo herkommen.«

Der junge Mann schürzte die Lippen. »Sie spricht nicht sonderlich viel, oder?«

»Bisher hat sie kein einziges Wort gesagt.«

Mr Cox ließ den Blick zurück zu Polly schweifen und zuckte mit den Schultern. »Sie könnte schon seit Tagen durch die Stadt irren. Wer weiß, wie weit sie gelaufen ist.«

Diese Äußerung entmutigte Polly und innerlich rügte sie sich, nicht weitergegangen zu sein. Da vergaß sie einmal ihre guten Manieren, hörte auf ihre Neugier anstatt auf ihre Vernunft und steckte nun knietief im Schlamassel. Mit einem Mal fühlte sie sich für ein fremdes Kind verantwortlich, von dem sie weder wusste, wo es herkam, noch wie es hieß. Natürlich dachte Polly darüber nach, das Mädchen wieder auf die Straße zu setzen, allerdings meldete sich ihr Gewissen zu Wort.

»Was soll ich nur tun?« Niedergeschlagen zog sich Polly den Hut vom Kopf und klemmte sich einige Haarsträhnen hinters Ohr, die sich aufgrund ihrer Unachtsamkeit aus der Frisur gelöst hatten.

»Vielleicht kann sie ein paar Tage hierbleiben«, schlug Mr Cox vor.

Pollys Lippen öffneten sich überrascht und ihr Körper verkrampfte. »Das kann ich unmöglich verlangen.«

»Das tun Sie ja nicht, Miss Browne. Sofern mein Vater keinerlei Einwände hat, würde ich Ihnen liebend gern unsere Hilfe anbieten.«

Mr Cox wirkte fest entschlossen ihr zu helfen und Polly kannte keinen anderen Ausweg. Wenn das Kind eine Weile in der Backstube bleiben dürfte, hätte sie zumindest an Zeit gewonnen und könnte sich etwas einfallen lassen. Mit diesem Gedanken fühlte sie sich deutlich wohler, als das Kind zurück in die Kälte schicken zu müssen.

»Das ist äußerst freundlich von Ihnen«, sagte Polly und lächelte. Die Art, wie er sie ansah, ließ ihr Herz erweichen. Für einen Moment verlor sie sich in seinen Augen, ehe sie verlegen zur Straße hinausschaute.

Zum ersten Mal dachte sie an die Uhrzeit. Vor lauter Aufregung hatte sie die Verabredung mit ihrem Bruder vergessen. Sicherlich war er krank vor Sorge und schritt am Fenster auf und ab, so wie er es immer tat, wenn sie ihn warten ließ.

»Ach du meine Güte«, sagte sie erschrocken. »Es ist bestimmt furchtbar spät.«

»Erwartet Sie noch jemand?«, fragte Mr Cox.

Polly nickte. »Im Grunde war ich auf dem Weg zu meinem Bruder.«

Die Gesichtszüge des Bäckersohns entspannten sich. »Nun, gehen Sie ruhig, Miss Browne. Ich kümmere mich um das Kind.«

»Aber Ihr Vater könnte Ihre Bitte ablehnen.«

»Das Mädchen ist vermutlich nicht älter als fünf, ich kann mir kaum vorstellen, dass er sich nicht wenigstens dazu erweichen lässt, sie für eine Nacht aufzunehmen.«

Zögerlich setzte Polly sich ihren Hut auf.

»Machen Sie sich ihretwegen mal keine Sorgen.«

»Ich mache mir nicht nur des Kindes wegen Sorgen«, gab Polly zu und verstummte auf der Stelle. Eigentlich hatte sie Mr Cox erklären wollen, dass er sich ihretwegen keinen Ärger einhandeln solle, allerdings kam es ihr unangebracht vor, diese Bedenken auszusprechen.

Der junge Mann grinste zwar, besaß jedoch so viel Anstand, nicht nachzuhaken. Stattdessen wandte er sich an das Mädchen, dessen Gesicht deutlich an Farbe gewonnen hatte. »Miss Browne wird uns jetzt verlassen und benötigt ihren Mantel.«

Auch wenn das Kind keinen Ton sagte, legte es das restliche Brot in die Hände von Mr Cox und zog sich den schweren Wollmantel aus. Höflich packte der Bäckersohn das Backwerk beiseite und half der Kleinen, sich aus dem Kleidungsstück zu schälen.

Zerknirscht sah Polly an dem Mantel hinab. Es graute ihr, erst ihrem Bruder und danach ihrer Mutter erklären zu müssen, wie sie es geschafft hatte, sich derart zu beschmutzen.

»Vielen Dank«, entgegnete sie und nahm ihre Garderobe entgegen. Dabei berührten sie einander versehentlich. Pollys Herz schlug so laut gegen ihre Brust, dass sie glaubte, Mr Cox könnte es hören. Dieser flüchtige Augenblick besaß mehr Romantik, als Polly es sich vom Winter erträumt hatte. Es kam ihr so vor, als hätte die ganze Welt den Atem angehalten.

»Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?«, erkundigte sich Mr Cox und holte sie in die Gegenwart zurück.

Polly blinzelte ihn reizend an. »Dürfte ich vor dem Heimweg wiederkehren?«

»Selbstverständlich, Miss Browne.«

Anschließend half Mr Cox ihr in den Mantel und danach verharrten sie einen Moment voreinander. Ein Lächeln legte sich auf Pollys Lippen.

»Danke«, wiederholte sie und verabschiedete sich mit einem zuvorkommenden Nicken von den beiden.

Ihr Bruder Elliot ließ seinem Butler Mr Harrison nicht einmal Gelegenheit, ihr den Mantel abzunehmen, bevor er sie mit Fragen bombardierte. »Wo bist du so lange gewesen, Polly? Ich habe mich schrecklich gesorgt. Und wie siehst du eigentlich aus? Ist etwas passiert? Hast du dich verletzt?« Er betrachtete sie von oben bis unten. »Ach du meine Güte, wo warst du nur?«

»Draußen«, antwortete Polly ausdruckslos, nachdem sie endlich ihren schmutzigen Mantel ablegen konnte.

Ihr Bruder schüttelte den Kopf. »Bist du aufgrund der glatten Straßen gestürzt?«

»Nein«, erwiderte sie und strich sich ihr Kleid zurecht. »Ich wurde schlicht und ergreifend aufgehalten.«

Die blauen Augen ihres Bruders fixierten sie verwundert. »Wer hat derart viel Zeit beansprucht?«, wollte er wissen und deutete mit einer einladenden Handbewegung in den Salon.

»Ein Kind«, entgegnete sie und betrat den aufgeheizten Raum. Im Kamin knisterte ein Feuer und offensichtlich hatte sich in der Zwischenzeit die Wolkendecke gelöst, denn Sonnenstrahlen fielen durch das Fenster.

»Bitte setz dich«, bot Elliot an und Polly nahm erschöpft auf seinem Sofa Platz. Er bat seinen Butler, ihnen Tee zu servieren, und ließ sich im gegenüberstehenden Sessel nieder.

»Was hat das Kind von dir gewollt?«, fragte er.

Ihr ging ein leises Brummen über die Lippen und ihre Gedanken trieben davon, da ihr Mr Cox in den Sinn kam. Für einen auffallend langen Moment schwieg sie, ehe sie sich zur Vernunft rufen konnte. »Es hatte sich verlaufen.«

Elliot lächelte. »Verstehe. Das erklärt allerdings nicht, wieso du derart verschmutzt durch London spazierst.«

Polly wusste, dass sie ihre Mutter leichter anlügen könnte als ihren Bruder. Schließlich gab es keinen Grund, ihm irgendetwas zu verheimlichen. Er hatte stets all ihre Geheimnisse bewahrt und würde ihr nicht in den Rücken fallen.

»Schön«, gab Polly nach und hüllte sich auf der Stelle wieder in Schweigen, da Elliots Butler den Salon betrat, um ihnen den Tee zu servieren. Beide beobachteten Mr Harrison, während er seine Arbeit verrichtete, bedankten sich höflich und sahen einander vielsagend an, bis er sie allein ließ.

»Nun, erzähl mir schon die Wahrheit«, drängte Elliot und nahm einen Schluck Earl Grey.

»Ich gab ihr meinen Mantel, weil sie schrecklich fror«, begann Polly und vertraute ihm jede Einzelheit ihrer Geschichte an. Alles, bis auf die unangebrachten Gefühle, die der Sohn des Bäckermeisters in ihr hervorgerufen hatte.

»Warum hast du keine Droschke genommen?«, wunderte sich ihr Bruder und stellte seine Tasse auf dem Silbertablett ab.

»Es wirkte draußen so zauberhaft«, erklärte sie und erinnerte sich an den atemberaubenden Ausblick. Der glitzernde Schnee und der malerische Frost, dessen Eiskristalle Laternen und Fensterscheiben bedeckten. Der Winter war die einzige Jahreszeit, in der alles stillzustehen schien. Die Natur hielt die Luft an, genau wie sie, als sie flüchtig die Hand von Mr Cox berührt hatte.

Ihr Bruder kicherte und für einen Moment glaubte Polly, sich verraten zu haben. »Wusstest du, dass manche besonders kalte Wintertage als etwas Magisches erachten?«

Unwissend schüttelte Polly den Kopf.

»Es ist wahr. Hin und wieder geschehen sogenannte Winterwunder.«

Polly zog skeptisch die Augenbrauen zusammen. »Davon habe ich nie zuvor etwas gehört.«

»Vermutlich nur, weil du ungern zuhörst, wenn andere über solch alte Geschichten sprechen«, mutmaßte er mit einem neckischen Lächeln auf den Lippen. »Jedenfalls erzählt man sich, dass der Winter ab und an auch Wärme spendet, indem er Menschen auf wundersame Weise zueinander führt.«

Obwohl Polly zuvor gelächelt hatte, entglitt ihr dieser Ausdruck.

»Vielleicht hast du heute ja dein eigenes Winterwunder erlebt und warst dazu bestimmt, dieses Mädchen aufzufinden.«

Zunächst kam ihr das vollkommen abwegig vor, doch dann erinnerte sie sich an all die Zufälle. Daran, dass sie trotz des Wetters einen Spaziergang bevorzugt hatte, aus diesem Grund die Straße an den Geschäften entlanggelaufen und trotz ihrer guten Kinderstube kopflos in die Gasse getreten war. Nicht zu vergessen waren all die darauffolgenden Geschehnisse, die sie letztendlich in die Backstube führten und dazu, dass sie Mr Cox deutlich mehr Aufmerksamkeit zuteilwerden ließ, als sie es je zuvor getan hatte.

Mit einem Mal hielt Polly still und schaute ihrem Bruder ernst in die Augen. »Falls das so ist, könnte es genauso gut sein, dass nicht ich, sondern Mr Cox auf das Kind treffen sollte.«

Ihr Bruder presste die Lippen aufeinander und strich sich über den blonden Schnauzer. »Damit könntest du durchaus recht haben«, gab er zu, ehe er sich tiefer in den Sessel lehnte. »Oder aber, es geht weniger um das Kind und vielmehr um euch beide.«

Polly verschluckte sich beinahe an ihrem Tee und stellte nervös die Tasse beiseite. »Elliot!«, stieß sie empört aus, woraufhin ihr Bruder loslachte.

»Jetzt schau nicht so mürrisch. Mr Cox ist kein schlechter Mensch, nur weil er nicht der Oberschicht angehört.«

»Ich habe keine schlechte Meinung von Mr Cox«, wehrte sich Polly. Wenn es um das Thema Heirat ging, teilte sie weder die Ansichten ihrer Mutter noch des restlichen Adels. Ihr gefiel es nicht, sich mit Männern unterhalten zu müssen, nur weil sie als gute Partie galten.

»Mr Cox hat sich heute äußerst ehrenwert verhalten. Ehrenwerter als so manch anderer Gentleman, die man mir bislang vorstellte.« Beschämt richtete sie den Blick auf ihre Hände, die sie sittsam im Schoß zusammenfaltete.

Elliot hob die Augenbrauen und sein hämisches Grinsen verbreiterte sich. »Obgleich ich deine Meinung über sein löbliches Handeln teile, diente seine Hilfsbereitschaft gewiss auch dazu, dir zu imponieren.«

Pollys Gesicht erwärmte sich, sie traute sich kaum, zu ihrem Bruder aufzusehen.

»Und das hat es, nicht wahr?«, fragte er.

Schweigend schüttelte sie den Kopf, aus Angst, sie könnte etwas Unbedachtes sagen.

»Ich fasse es nicht«, stieß Elliot aus, als er sich verblüfft vorlehnte. »Du hast dich verliebt.«

Erschrocken sah Polly ihn mit weit aufgerissenen Augen an. »Das ist nicht wahr«, behauptete sie und spürte bereits beim Aussprechen dieser Worte, wie gespielt sich das anhörte.

Erneut hoben sich die Augenbrauen ihres Bruders. »Ich bin der Letzte, dem du irgendetwas vormachen musst, Polly.« Nun klang er deutlich ernster.

Für einen kurzen Moment glaubte sie, es wäre das Richtige, seine Vermutungen von sich zu weisen, doch bisher hatte sie nie mit irgendwem über ihre Gefühle gesprochen. Niemand wusste, dass sie den Bäckersohn schon seit geraumer Zeit mochte und nur seinetwegen den Umweg über die Ladenstraße nahm. Jedes Mal warf sie einen sehnsüchtigen Blick ins Schaufenster und war stets enttäuscht, sofern er zu beschäftigt war, um sie wahrzunehmen. Bei jeder Gelegenheit suchte sie das Gespräch mit ihm und blieb dennoch so zurückhaltend, wie man es ihres Standes wegen verlangte. Jetzt, wo Elliot sie derart direkt auf Mr Cox ansprach, ließ sich ihre heimliche Schwärmerei nicht länger leugnen. Polly wusste, dass sie ihrem Bruder mit hochrotem Kopf gegenübersaß und er nicht leichtgläubig war.

Leise räusperte sie sich und nickte verhalten. »Na schön, ich gebe zu, dass mich Mr Cox heute außerordentlich beeindruckt hat.«

Elliot schenkte ihr ein Lächeln und deutete ihr fortzufahren, woraufhin Polly tief durchatmete. Sie benötigte einen Moment, bevor sie den Mut fand, ihr Empfinden zu bekunden. »Und ja, es stimmt, ich bin ihm äußerst zugetan. Allerdings hege ich diese Gefühle schon seit einer ganzen Weile und nicht aufgrund seiner Hilfsbereitschaft.«

»Ich wusste es!«, triumphierte ihr Bruder, ehe er sich für sein schlechtes Benehmen entschuldigte. Daraufhin sah er Polly an. »Das Kind ist zwar eine gute Gelegenheit, um Zeit mit Mr Cox zu verbringen, aber es wird nicht ewig bei ihm bleiben können.«

»Ich weiß«, hauchte sie und nahm ihre Tasse Tee zur Hand. »Das Problem ist, dass sie kein einziges Wort sagt. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob sie überhaupt sprechen kann.«

»Da sie deinen Schilderungen nach aus dem East End kommt, wird sich die Polizei der Sache jedenfalls nicht annehmen. Ich bin mir sicher, sie würden sie lediglich in einem der Arbeiterviertel aussetzen und sie ihrem Schicksal überlassen.«

Diese Vorstellung betrübte Polly. Sie mochte sich nicht ausmalen, wie das Kind elendig erfror.

»In diesem Fall muss ich wohl selbst nach ihren Eltern suchen.«

»Ich würde es dir niemals erlauben, auch nur einen Fuß in eines dieser Viertel zu setzen«, protestierte Elliot.

»Aber irgendetwas muss ich tun«, stieß sie hervor und schämte sich im nächsten Moment dafür, derart laut geworden zu sein. »Es tut mir leid. Du hättest sehen sollen, wie die Leute sie angestarrt haben. Als wäre sie ein schmutziger Fleck auf einem Tischtuch. Ein Problem, über das sie sich ärgerten und das man schleunigst beseitigen musste. Niemand kam auf die Idee, ihr zu helfen.«

»Niemand außer dir«, fügte ihr Bruder hinzu und entlockte Polly ein sanftes Lächeln.

»Deswegen bleibt mir auch nichts anderes übrig, als sie auf irgendeine Weise nach Hause zu bringen.«

»Und dabei werde ich dir helfen«, versprach Elliot und zwinkerte ihr zu.

Am Nachmittag begab sich Polly auf den Heimweg. Der Stoff ihres Mantels war mittlerweile getrocknet und Mr Harrison hatte sein Möglichstes getan, um ihn von den hartnäckigen Flecken zu befreien. Nur selten sah sie sich deshalb mit abschätzigen Blicken konfrontiert und schaffte es, diese erhobenen Hauptes zu ignorieren. Die Sonne strahlte nach wie vor am Londoner Himmel und wurde nur gelegentlich von aufziehenden Wolken verdeckt. Dennoch herrschte weiterhin Eiseskälte, die Polly Tränen in die Augen trieb. Aus diesem Grund träumte sie sich schon vor den wärmenden Ofen, nachdem sie endlich das Schild der Bäckerei erspähte.

Polly wollte die Tür zur Backstube öffnen, als diese ihr entgegenschlug. Erschrocken wich sie einen Schritt zurück.

»Das ist mir egal!«, dröhnte es von drinnen und die breite Statur eines Mannes tauchte im Türrahmen auf. Beinahe wäre Polly von ihm umgerannt worden.

»Miss Browne«, ging es dem jungen Mr Cox überrascht über die Lippen. Hinter ihm fiel die Ladentür ins Schloss und nicht nur er, sondern auch das kleine Mädchen, das sich an seiner Hand festhielt, schauten Polly mit großen Augen an.

»Was ist denn hier los?«, fragte sie verwundert, obwohl sie befürchtete, dass es nur allzu offensichtlich war.

»Das erkläre ich Ihnen besser woanders.« Der Bäckersohn deutete mit einem Kopfnicken die Straße hinauf. Schweigend ging sie neben ihm her. Er hatte dem Kind einen grobgestrickten Pullover übergeworfen, der ihm bis zu den Knöcheln reichte und dessen herabhängende Ärmel fast den Boden streiften.

»Mein Vater will nicht, dass sie ihm das Geschäft verdirbt. Er meinte, dass keiner mehr ein Stück Brot kaufen würde, sobald daneben ein bettelarmes Kind stünde.«

Vor der Schneiderei von Mr Bradford hielt Mr Cox plötzlich an und warf einen Blick auf die Textilien. »Deshalb dachte ich, wenn man ihre Herkunft nicht erkennen könnte, würde sich niemand daran stören. Aus diesem Grund wollte ich ihr ein Kleid kaufen und sie anschließend zum Barbier am Ende der Straße bringen. Mein Vater weigert sich jedoch, mir meinen Lohn im Voraus zu geben. Also bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als es selbst zu schneidern.«

Polly wollte nicht darüber schmunzeln und doch tat sie es. Irgendwie fand sie die Vorstellung amüsant, wie dieser große junge Mann einen Faden in die Öse einer Nähnadel einfädelte, um sich am Schnittmuster eines Kleides zu versuchen.

»Lachen Sie mich etwa aus, Miss Browne?«, fragte er, wobei er sich von ihrem Lächeln anstecken ließ.

»Das würde ich mir niemals erlauben, Mr Cox«, erwiderte sie und versuchte sich an einem ernsten Gesichtsausdruck. »Ich habe mich lediglich gefragt, wie viele Kleider Sie bereits genäht haben, um der Überzeugung zu sein, dass Sie vor Einbruch der Dunkelheit damit fertig wären?«

Die Mundwinkel ihres Gegenübers verzogen sich. Es war Mr Cox merklich unangenehm, sich eingestehen zu müssen, dass er sich überschätzt hatte. »Nun ja, es wäre das erste Kleid und ganz sicher ein Meisterwerk.«

Polly kicherte gemäßigt, weil es sich für eine Dame nicht gehörte, in aller Öffentlichkeit laut loszulachen. Seinetwegen hätte sie beinahe ihre guten Manieren vergessen und wäre in schallendes Gelächter ausgebrochen. Dieser junge Mann besaß etwas, das den meisten Männern ihres Standes fehlte. Während diese sich permanent um Höflichkeit und Etikette bemühten, gab sich Mr Cox auch mal ungezwungen. Das machte seine Gesellschaft äußerst angenehm und vergnüglich, weshalb Polly jeden Augenblick mit ihm genoss.

»Ich hege keinen Zweifel an Ihren Nähkünsten, doch da so ein meisterhaftes Stück viel Zeit benötigt, würde ich gern die Kosten für die neue Garderobe und den Besuch beim Barbier übernehmen«, bot sie an und zwinkerte dem kleinen Mädchen zu.

Mr Cox schwieg einen Moment. Offenbar fiel es ihm schwer, ihr Angebot anzunehmen. Polly erkannte, wie sehr ihn diese Situation beschämte.

»Es ist ohnehin meine Aufgabe«, fügte sie hinzu. Ihre Finger legten sich auf den Scheitel des Kindes. »Ich hatte von Beginn an beabsichtigt, ihr etwas zu essen und wärmere Kleider zu kaufen.« Während sie die Hand von ihr nahm, lächelte die Kleine.

Mr Cox gab mit einem Schulterzucken nach. »Hier geht es nicht um meinen Stolz. Ich bin ehrlich froh darüber, dass Sie uns in dieser Angelegenheit behilflich sein wollen.« Er deutete auf die Tür der Schneiderei. »Nach Ihnen, Miss Browne.«

Polly knickste, ehe sie sich die Schuhe abtrat und in den Laden hineinspazierte. Mr Bradford steuerte mit einem breiten Lächeln auf sie zu. Nachdem er Mr Cox und das verlumpte Mädchen erblickte, änderten sich seine Gesichtszüge. Mit einem Mal wirkte er zutiefst verärgert.

»Miss Browne!«, rief er aufgeregt aus.

Es war nur eine weitere Kundin im Geschäft. Die betuchte Dame hielt sich vor lauter Schreck die Hand vor den Mund, als sie das Kind im Strickpullover sah, dessen verfilztes Haar in alle Richtungen abstand.

»Was um alles in der Welt soll denn das?«, fragte Mr Bradford, wobei sein Doppelkinn und sein aufgezwirbelter grauer Schnurrbart zitterten. Verärgert hakte er seine Daumen in die Westentaschen und baute sich wie eine Mauer vor ihnen auf. »Sie können nicht einfach dieses Straßenkind hier hereinlassen!« Auf den kahlen Stellen seines schütteren Haars konnte man bereits den Schweiß perlen sehen.

Polly hatte zeitlebens eine äußerst gute Meinung vom Schneider gehabt, nun allerdings erboste sie seine harsche Abweisung. »Ich will doch sehr bitten, Mr Bradford. Wie können Sie es wagen, derart respektlos mit Ihrer Kundin zu sprechen?«

»Meiner Kundin?« Seine Mundwinkel bogen sich nach unten und er starrte mit zusammengezogenen Augenbrauen auf das Kind hinab. »Für kein Geld der Welt würde ich diesen kleinen Schmutzfink einkleiden.«

Polly stemmte die Hände in die Hüften. »Nicht sie ist die Kundin, sondern ich«, verdeutlichte sie mit strenger Miene, woraufhin Mr Bradford schluckte. »Ich bin auf der Suche nach einem Kleid für meine Cousine. Sie kommt uns schon bald besuchen und ich plane, sie damit zu überraschen. Da wir also kein Maß nehmen können, dachte ich, es sei hilfreich, jemanden mitzubringen, der in etwa die gleiche Größe und Statur besitzt.«

»Ich habe sie in einem der Arbeiterviertel aufgegriffen und ihr im Namen von Miss Browne zwei Brotlaibe versprochen«, erklärte Mr Cox und erlöste den Schneider von der Aufgabe, ihn nach seiner Rolle bei diesem Unterfangen zu fragen.

»Na gut«, schnaubte Mr Bradford. »Das Kind verbleibt hinter dem Paravent und ich zeige Ihnen ein paar Kleider.« Im Handumdrehen benahm er sich wie gewohnt manierlich und nahm sich viel Zeit für Polly.

»Was ist mit diesem Mantel?«, fragte Polly, nachdem sie sich für zwei Kleider, Strümpfe und Schuhe entschieden hatte. Mr Bradford war gerade dabei, das zweite Kleid am Körper des Kindes abzustecken, und bat sie um etwas Geduld. Während er alle nötigen Änderungen vornahm, wartete sie im vorderen Bereich des Geschäfts.

»Es ist viel zu teuer«, hörte sie Mr Cox flüstern. Der Bäckersohn hatte sich unbemerkt angeschlichen und ihr einen ordentlichen Schreck eingejagt. Sein Gesicht war nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt und so erkannte sie erstmals, dass seine braunen Augen um die Pupillen dunkler waren. Sie erinnerten Polly an leuchtenden Bernstein und übten eine ungeheure Anziehung auf sie aus. Für einen Atemzug vergaß sie, weshalb er sie angesprochen hatte.

»Meinen Sie nicht auch?« Fragend suchten seine wunderschönen Augen nach einer Antwort.

Zum Glück kam sie zur Vernunft, bevor ihr Verhalten sie in Verlegenheit brachte. »Mein Bruder versicherte mir, sich an allen anfallenden Kosten zu beteiligen. Daher ist der Preis zweitrangig. Wichtig ist, dass das Kind nicht länger friert.«

In diesem Moment stieß Mr Bradford zu ihnen, der seine Hand auf das Kleidungsstück legte. »Das Material hält warm und ist von bester Qualität. Soll ich diesen Mantel ebenfalls anpassen?«

Polly nickte freundlich, woraufhin der Schneider wieder verschwand. Eine Zeit lang schwiegen sie, doch irgendwann hatte Polly das Gefühl, dass die Stille sie erdrücken würde.

»Ich habe beschlossen, nach ihren Eltern zu suchen«, informierte sie Mr Cox im Flüsterton.

»Wie wollen Sie das anstellen? Wir wissen nicht einmal, wo wir mit unserer Suche anfangen sollen.«

»Haben Sie schon mal etwas von Winterwundern gehört, Mr Cox?«

Der Bäckersohn warf ihr einen irritierten Blick zu. »Das habe ich, allerdings sind Wunder nicht sonderlich verlässlich.«

»Und dennoch mag jeder solche Geschichten.« Polly lächelte. »Vielleicht müssen wir nicht nach ihnen suchen. Vielleicht reicht es, wenn sie erfahren, dass wir es tun.«

Polly hatte keinen Zweifel daran, dass er diesen Gedanken mochte. Er wirkte äußerst zuversichtlich. Auf sein Gesicht hatte sich ein sanftes Lächeln gelegt und die bernsteinfarbenen Augen strahlten Hoffnung aus.

»Sie sind unglaublich, Miss Browne«, kam es leise aus seinem Mund und Polly hätte diesen Moment nur zu gern dafür genutzt, um sein Kompliment zu erwidern. Leider kam sie nicht mehr dazu. Mr Bradford hatte alle Kleidungsstücke angepasst und lud sie unaufgefordert auf den Armen von Mr Cox ab. Der beklagte sich nicht darüber, wie ein Packesel behandelt zu werden. Stattdessen lächelte er dem Schneider höflich zu. Hinter ihnen tauchte das Mädchen im übergroßen Strickpullover auf. Polly bezahlte Mr Bradford und bat darum, die Rechnung für den Mantel ihrem Bruder zuzustellen. Anschließend verabschiedete sie sich mit einem Knicks und trat hinaus in die Kälte.

Als die Sonne hinter den Häusern und Baumkronen verschwand, war auch der Barbier mit seiner Arbeit fertig. Der Mann hatte dem Kind die Haare bis zum Kinn gekürzt, um die verfilzten Strähnen zu beseitigen. Die Kleine sah wie eine echte Lady aus, als sie aus seinem Hinterzimmer trat, wo sie sich nach dem Waschen die neuen Strümpfe, Schuhe und eines der Kleider angezogen hatte. Polly standen Tränen in den Augen, so sehr rührte sie der Anblick und selbst Mr Cox schien es die Sprache verschlagen zu haben.

»Sie ist wunderschön«, sagte der Barbier mit vor der Brust gefalteten Händen, während er den Kopf zur Seite neigte, um sein Werk zu bewundern. Das Kind lächelte schüchtern und klemmte sich seine kurzen Haare hinters Ohr.

Die Abenddämmerung drang durchs Fenster und tauchte den Raum in eine angenehme Röte. Sicherlich drehten die Laternenanzünder bereits ihre Runden. Ihre Mutter würde sich sorgen, sofern Polly nicht vor Anbruch der Dunkelheit heimkehrte. Dankbar bezahlte sie den Barbier und kehrte gemeinsam mit dem Kind und Mr Cox zur Backstube zurück.

Das Schicksal des Kindes lag nun in den Händen seines Vaters. Obwohl Polly ihren Bruder darum gebeten hatte, die Kleine aufzunehmen, hatte er ihre Bitte ablehnen müssen. Elliots Frau wäre keinesfalls begeistert gewesen und Polly wollte nicht die Schuld an einem Streit tragen. Aus diesem Grund stand sie nun ihrer einzig verbliebenen Hoffnung gegenüber. Ihre Finger zitterten, als sie nach der Klinke griff, und verweilten auf dem kalten Metall, bevor sie den Mut fand, die Tür zu öffnen.

Über ihrem Kopf klingelte das Glöckchen und im Nu wandte sich der Bäckermeister von einem Sack Mehl ab.

»Miss Browne?« Er klang verwundert, denn es war nicht üblich, dass sie mit seinem Sohn verkehrte. Ihr Verhältnis war sonst rein geschäftlich und ging nie über die Backstube hinaus.

»Guten Abend, Mr Cox.« Polly machte dem Mädchen Platz, das sich sogleich an ihre Seite stellte.

Der Bäckermeister wusch sich die mehligen Finger an seiner Schürze ab und machte ein paar Schritte auf sie zu. Seine dunkelbraunen Augen musterten das Kind, ehe sich sein Blick auf seinen Sohn richtete.

»Sag mir jetzt bitte nicht, dass Miss Browne für all das aufgekommen ist.«

»Ich hätte es selbst bezahlt, wenn du nicht so stur gewesen wärst«, wehrte sich der junge Mr Cox, wurde aber prompt von seinem Vater zur Ruhe gerufen.

»Wage es nicht, in diesem Ton mit mir zu sprechen!«

Sein Sohn entschuldigte sich gesenkten Hauptes und für einen Moment herrschte eine peinliche Stille.

»Ich war diejenige, die das Mädchen fand und ihm helfen wollte«, ergriff Polly das Wort. »Ihr Sohn ist nur meinetwegen in diese Angelegenheit hineingeraten.«

»Ach, ist das so?« Er trug seine Brille weit vorn auf der breitgeformten Nase und betrachtete sie über den Rand der runden Gläser hinweg. Polly nickte stumm. Mit einer Hand griff sie nach der Schulter des kleinen Mädchens und zog es schützend an sich.

»Weiß Ihre Mutter, dass Sie und dieses Kind hier sind?«

»Nein, bis auf meinen Bruder weiß es niemand.«

Der Bäckermeister räusperte sich, kehrte hinter die Theke zurück und öffnete eine Schublade, die sich den Geräuschen nach nur widerwillig öffnen ließ. »Na schön, von mir aus«, brummte er und legte einen Schlüssel auf den Ladentisch. »Aber länger als eine Nacht kann sie nicht bleiben.«

Auf Pollys Lippen schlich sich ein Lächeln. »Mehr wird nicht nötig sein«, versprach sie, obwohl sie sich dessen nicht sicher war. Wichtig war nur, dass das Kind der Gefahr entkam, des Nachts zu erfrieren.

Der Bäckermeister schloss das Lager ab und richtete dem Mädchen einen Schlafplatz vor dem Ofen her. Sein Sohn half dabei, einige leere Mehlsäcke auf dem Boden auszubreiten, Holzscheite im Ofen nachzulegen und eine Decke auszuklopfen, die sonst zur Abdeckung von Waren diente. Polly sah aus dem Fenster. Es hatte zu schneien begonnen. Im Schein der Laternen fielen die dicken Flocken vom Himmel. Das flackernde Laternenlicht erhellte Teile der Straße, der Rest lag in einer grauen Finsternis. Sie trat auf den Schlafplatz des Mädchens zu, drückte ihr einen Kuss auf den Scheitel und versicherte, morgen wiederzukommen. Das Kind nickte lächelnd. Das Glück konnte Polly der Kleinen förmlich in den Augen ablesen.

»Nochmals vielen Dank«, sagte sie zum Bäckermeister und seinem Sohn.

Der junge Mr Cox zwinkerte ihr hinter dem Rücken seines Vaters zu, ehe er sich mit einem verlegenen Grinsen abwandte.

»Nichts zu danken«, erwiderte der Bäckermeister. »Gute Nacht, Miss Browne.«

»Gute Nacht«, verabschiedete sich Polly, setzte ihren Hut auf und trat in die glitzernde Winterlandschaft hinaus, deren Kälte zwar ihren Körper, nicht aber ihre Gedanken erreichte.

»Flugblätter«, schnaufte Polly, als sie am nächsten Morgen atemlos in die Bäckerei stürzte. Die ganze Nacht hatte sie wachgelegen und nach Möglichkeiten gesucht, wie sie die Eltern des Kindes ausfindig machen könnte. Der junge Mr Cox war genauso überrascht wie sein Vater. Polly verschwendete keinen Gedanken an Höflichkeiten. »Wir müssen sie in einer Druckerei anfertigen lassen und sie anschließend in London verteilen«, erklärte sie und zog sich dabei den Hut vom Kopf.

»Ihnen auch einen guten Morgen, Miss Browne«, entfuhr es dem Bäckermeister, und obwohl er sie zunächst ernst ansah, wich dieser Ausdruck einem milden Lächeln.

»Entschuldigen Sie«, ging es Polly über die Lippen. »Ich bin nur so aufgeregt.«

»Nun, dann werden Sie wohl gleich vollkommen überschnappen.« Der alte Mr Cox senkte den Blick auf das kleine Mädchen, das hinter der Theke hervortrat.

»Guten Morgen«, sagte es leise.

»Du … also … du kannst ja …«, stammelte Polly um Worte ringend und brachte das Kind zum Kichern.

»Sie fing heute Morgen aus heiterem Himmel damit an und ist seitdem kaum mehr zu bremsen«, erzählte der Bäckermeister. »Es wird daher nicht nötig sein, Ihre Flugblätter in ganz London zu verteilen. Ich glaube, dass sie aus Bethnal Green stammt. Neben ein paar groben Beschreibungen erwähnte sie immer wieder den Namen Allen. Vermutlich meint sie die Fabrik von Allen & Hanburys.«

»Das ist eine der größten Fabriken im East End«, fügte der junge Mr Cox hinzu. »Wir sollten demnach dort mit unserer Suche beginnen.«

»Das sind ja wunderbare Neuigkeiten.« Polly schritt auf das Mädchen zu und streichelte ihr freudestrahlend über den Kopf. »Hast du ihnen denn schon deinen Namen verraten?«

»Hazel«, antwortete die Kleine mit einem schiefen Grinsen auf den Lippen.

»Freut mich, ich bin Polly.« Polly knickste und das Kind ahmte sie sogleich nach.

»Nun, genug der Höflichkeiten«, sagte der alte Mr Cox im misslaunigen Tonfall. »Sie kann auf keinen Fall länger hierbleiben, also sollten wir uns an die Arbeit machen.«